Arndt

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Biografie

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  Heimweh nach Rügen
               1842

O Land der dunkeln Haine,
O Glanz der blauen See,
O Eiland, das ich meine,
Wie thut's nach dir mir weh!
Nach Fluchten und nach Zügen
Weit über Land und Meer,
Mein trautes Ländchen Rügen,
Wie mahnst du mich so sehr!
O wie mit goldnen Säumen
Die Flügel rings umwebt,
Mit Märchen und mit Träumen
Erinn'rung zu mir schwebt!
Sie hebt von grauen Jahren
Den dunkeln Schleier auf,
Von Wiegen und von Bahren,
Und Thränen fallen drauf.
O Eiland grüner Küsten!
O bunter Himmelschein!
Wie schlief an deinen Brüsten
Der Knabe selig ein!
Die Wiegenlieder sangen
Die Wellen auf der See,
Und Engelharfen klangen
Hernieder aus der Höh'.
Und deine Heldenmäler
Mit moosgewobnem Kleid,
Was künden sie, Erzähler
Aus tapfrer Väter Zeit,
Von edler Tode Ehren
Auf flücht'gem Segelroß,
Von Schwertern und von Speeren
Und Schildes-Klang und -Stoß?
So locken deine Minnen
Mit längst verklungnem Glück
Den grauen Träumer hinnen
In alter Lust zurück.
O heißes Herzenssehnen!
O goldner Tage Schein
Von Liebe reich und Thränen!
Schon liegt mein Grab am Rhein.
Fern, fern vom Heimatlande
Liegt Haus und Grab am Rhein.
Nie werd' an deinem Strande
Ich wieder Pilger sein.
Drum grüß' ich aus der Ferne
Dich, Eiland lieb und grün:
Sollst unterm besten Sterne
Des Himmels ewig blühn!
 


  Hermann von Boyen in Walhall

Blast! Blaset hell von Walhalls Zinnen!
Tut weit die goldnen Pforten auf!
Weckt alle Ehren, alle Minnen!
Es steigt ein hoher Glanz herauf.

Weckt jede Harfe, jede Leier!
Erleuchtet jeder Wonne Schein!
Ein Held, ein Retter, ein Befreier,
Licht, Recht und Schwert tritt bei euch ein.

Licht, Recht und Schwert, das sind die Fahnen,
Worunter Hermann Boyen stritt,
Die lässt den Enkeln er als Ahnen
Für deutscher Zukunft Heldenschritt.

Wird wo gesungen, wo gelesen
Von einem hohen, edlen Mann,
Der rein und fleckenlos gewesen,
So bleibt der Boyen Vordermann.

Schon steht er da im Götterglanze
Auf Idas ewig grüner Au,
Schon grüßen aus dem Heldenkranze
Sein Scharnhorst ihn, sein Gneisenau.

Der Blücher grüßt, Bülow der Schnelle,
Sein Streitgenoss und Siegsgenoss,
Grollmann, der Freund, der Ernste Helle,
Des Auge Schlachtenblicke schoss.

Doch steigen von der hohen Stätte
Zur kleinen Erde wir hinab,
Und legen Hoffnung und Gebete
Auf unsers deutschen Hermanns  Grab.

Wir beten: Ewig lebe Treue
Für König, Gott und Vaterland,
Wie dieser stille Schlachtenleue
Sich ihre Ehrenkränze wand!

Wir beten: Nimmer möge fehlen
Die freie, fromme Heldensaat
Von solchen festen starken Seelen,
Gerüstet gleich für Wort und Tat!

Wir beten: Nimmer möge fehlen
Der Blitz, der durch die Herzen fährt,
Der rechte Blitz für deutsche Seelen,
Der Blitz von "Licht und Recht und Schwert!


      Herzenssaitenspiel
                1846

Was spielt so klingende Saiten
Auf dir, mein altes Herz,
Aus fernsten Tiefen und Weiten
Zugleich mit Schmerz und Scherz?
Es fließen die Stunden, die Räume
Zusammen in dem Gewirr
Und Schattenspiele der Träume
Im leichten Flügelgeschwirr.
Bald spielt es wie im Reigen
Hell auf zum lustigen Tanz,
Und Sonn' und Blüten neigen
Darüber Frühlingsglanz;
Bald bläst wie über Leichen
Die tiefe Flöte Weh,
Wie hohle Töne streichen
Fernher auf tiefer See.
Das ist's, die Tiefen, die Weiten,
Das ist's, das meint der Klang,
Das jauchzen, das klingen die Saiten.
Sei drum, mein Herz, nicht bang.
Die Sonnen und die Erden –
Wer misset Flug und Schritt? –
Müssen Flieger und Tänzer werden:
Du tanze lustig mit.
Und laß sie spielen, die Saiten
Auf dir, du altes Herz,
Und frage nicht Nähen noch Weiten,
Spielt alles doch himmelwärts.
So fliege mit tanzenden Himmeln
Und glaube, die Welt ist dein;
Wo Götter und Sonnen sich wimmeln,
Rolle mit in dem Klang und Schein.
 


            Ihr Könige, gebt acht!
                    3. Mai 1849

Was Ehr' im Leibe hat, ruft Einheit, Ehr' und Macht
Und Tilgung langer deutscher Schanden,
Es ruft und flucht aus allen Landen:
Ihr Könige, gebt acht!
Der deutsche Gott lebt noch und wacht.
Es lebt und wacht der Gott der Herrlichkeit und Macht,
Sein sind die Wonnen und die Schrecken,
Die aus dem Schlaf die Völker wecken.
Ihr Könige, gebt acht!
Gott ist's der Sturm und Heitre macht.
Erbebt! das Wetter ist des Herrn, der blitzt und kracht,
Er wird des deutschen Haders Drachen
Zu Staub zerblitzen und zerkrachen.
Ihr Könige, gebt acht!
Auf Gottes Acht und Aberacht!
Erbebt! denn alles Volk ruft Einheit, Ehr' und Macht,
Es schreit den Ruf in alle Winde,
Wo es den deutschen Kaiser finde.
Ihr Könige, gebt acht!
Schaut, horcht, woher es blitzt und kracht.
Erbebt! erkennt die Zeit, die Gott der Herr gemacht.
Wollt länger ihr im Stolz erblinden,
So haut euch Gott aus allen Winden –
Ihr Könige, gebt acht! –
Die deutsche Acht und Aberacht.
 


Karl Vollertsen, des Schleswigers, Grab
                        1857

Einen Biedermann deckt dieser Sand,
Der fiel fürs liebe Vaterland.
Als aus Osten die Kriegstrompete blies,
Da nahm er freudig Schwert und Spieß.
Es galt die Zwinger zu vertreiben:
Da konnt' er nicht zu Hause bleiben.
Da er seinem tapfern Sohn:
Komm', komm', uns sprechen die Dänen Hohn,
Das leiden wir nun und nimmermehr!
So haben beide gegriffen zur Wehr,
Doch nur der Sohn ist wiedergekommen,
Den Vater hat eine Kugel genommen.
Einen Biedermann deckt dieser Sand,
Der fiel fürs liebe Vaterland.
Steh', Anglerjüngling, steh' hier still,
Horch, was sein Geist dir sagen will.
Er ruft: Streuet Blumen, vergießt nicht Thränen,
Und auch: Vergesset nicht die Dänen!
Einen Biedermann deckt dieser Sand,
Karl Vollertsen ward er genannt.
Er war gegossen aus vollem Erz,
Aus vollem Männerstahl sein Herz.
Das ruft: Streut Blumen, vergießt nicht Thränen,
Doch auch: Vergesset nicht die Dänen!
Steh' fromm vor dieses Grabes Mal.
Solange die Sonne geht zu Berg und Thal,
Solange schlägt ein treues, deutsches Herz
Und Hoffnung blicket himmelwärts,
Ruft Vollertsen: Streut mir Blumen, nicht Thränen,
Doch auch: Vergesset nicht die Dänen!
 


Klage um Auerswald und Lichnowsky
               1848

Hast du noch Lebensodem,
O Erde grün und schön,
Um die aus schwarzem Brodem
Nur finstre Nebel wehn,
Aus der blutwilde Horden
Brand, Mord und Zeter schrein
Und frech in Meuchelmorden
Der Freiheit Glanz entweihn?
Wie? sind dies deutsche Fahnen?
Die Farben roter Wut?
Will deutsche Kämpfe mahnen
Das Rot an Brust und Hut?
Wie? Rot der welschen Seine
Das mahnte deutschen Mut,
Für Wolf und für Hyäne,
Doch nicht für Deutsche gut?
Sind dies der Freiheit Gaben?
Ist dies der Freiheit Klang,
Von schwarzen Galgenraben
Der Mitternachtgesang?
Nein! nein! von Freiheitstötern
Des Blindschleichs Schlangenlist,
Wo unter grausen Zetern
Kein Laut der Freiheit ist.
Ist dies die deutsche Treue?
Trifft so das deutsche Schwert?
Springt so der deutsche Leue,
Der grad aufs Eisen fährt?
Mann steht den Mann, den Satan
Bestehen zwei und drei,
Doch sieht man solche That an,
So bricht das Herz inzwei.
Zwei Helden sind gefallen,
Nicht, wie der tapfre fällt
Bei hellen Trommelschallen
Aus blut'gem Schlachtenfeld;
Sie haben andre Rosen
Weiland gepflückt im Streit:
Was war den Waffenlosen
Hier für ein Kampf bereit?
Mein Deutschland, Land der Treue!
Mein Deutschland! Land des Muts!
Wann löschet lange Reue
Die Flecken solches Bluts?
Den Mord, womit der Feige
Den Unbewehrten trifft?
O deutschen Ruhmes Neige!
O deutscher Ehre Gift!
O wehe, dreimal wehe!
Weh dieser düstern That!
Nein, meine Seele, gehe
Nie mit in solchen Rat!
Der Ruhm, den Mörder haschen,
Der werde nie mein Ruhm!
Ach, nimmer wegzuwaschen
Vom deutschen Heldentum!
 


Klage um Wilibald
          1835

Eine Handvoll Erde,
Einen Rosenkranz,
Daß erfüllet werde
Treue Liebe ganz,
Werf' ich, süßer Knabe,
Unter schwerem Ach,
Letzte Liebesgabe,
Deinem Schatten nach.
Ach! der holde Schatten,
Ach! das liebe Bild,
Welches Engel hatten
Schön in Staub gehüllt,
Sollte nur als Schimmer
Mir vorüberfliehn,
Diese Knospe nimmer
Voll als Rose blühn.
O mein süßes Leben!
Alters Lust und Zier!
Könnt' ich mit dir schweben!
Wär' ich stets bei dir!
Von dem Staubgewimmel,
Von den Gräbern fern,
Stets in deinem Himmel,
Stets auf deinem Stern!
 


Klage um drei junge Helden
               1816

Ich mag wohl traurig klagen,
Gar mancher klagt mit mir:
Drei Helden sind erschlagen
In grüner Jugend Zier:
Es waren drei junge Reiter,
Sie zogen so fröhlich hinaus,
Sie zogen gar balde weiter
Zu Gott in das himmlische Haus.
In Mansfelds edlen Bergen
Weht edle Freiheitslust,
Da kriecht es nicht von Zwergen,
Da lügt kein Schelm und Schuft,
Da wächst das freie Eisen,
Da wächst der freudige Mut,
Und alle, die Männer heißen,
Sind reisig und tapfer und gut.
In Mansfeld war geboren1)
Das fromme, deutsche Kind,
Der Freund, den wir verloren,
Wie wenig Freunde sind,
Der Eckardt, der Vielgetreue,
Dem Gott und das Vaterland rief,
Nun schlummert der junge Leue
Im Grabe so still und so tief.
Auf Leipzigs grünen Felden –
O Leipzig, hoher Klang! –
Da traf's den jungen Helden,
Daß er vom Rosse sank.
Das war ja sein frommes Lieben
Bei Tage und bei Nacht,
Das hatt' ihn herausgetrieben
In den Tod, in die mordische Schlacht.
Wohl dir! du hast's errungen
Mit deines Blutes Born,
Die Schande ward bezwungen
Vom edlen Freiheitszorn;
Doch müssen wir andern weinen
Und klagen im bittern Schmerz:
So lange die Sterne scheinen,
Schlug nimmer ein treueres Herz.
Es thront am Elbestrande
Die stolze Magdeburg,
Ihr Ruhm klang durch die Lande,
Ihr Unglück auch hindurch,
Als Tilly dem wilden Feuer
Einst sie zu verzehren gebot;
Da trug sie den Witwenschleier,
Denn ach! ihre Schöne war tot.
Sie mag ihn wieder nehmen,
Ihr starb ihr bester Sohn,
Er ging, ein großer Schemen
Hinauf zu Gottes Thron,
Da hießen den Schönen, Frommen,
Der kam aus dem heiligen Streit,
Die Englein alle willkommen
Zur ewigen himmlischen Freud'.
Wohl viele sind gepriesen
Im großen deutschen Land,
Doch dich, mein frommer Friesen2)
Hat Gott allein gekannt;
Was blühend im reichen Herzen
Die Jugend so lieblich verschloß,
Ist jeglichem Laut der Schmerzen,
Ist jeglichem Lobe zu groß.
War je ein Ritter edel,
Du warst es tausendmal,
Vom Fuße bis zum Schädel
Ein lichter Schönheitsstrahl;
Mit kühnem und stolzem Sinne
Hast du nach der Freiheit geschaut,
Das Vaterland war deine Minne,
Es war dir Geliebte und Braut.
Du hast die Braut gewonnen
Im ritterlichen Streit,
Dein Herzblut ist verronnen
Für die viel edle Maid;
In Welschland von grimmen Bauern
Empfingst du den tödlichen Streich,
Drob müssen die Jungfraun trauern,
Die Blume der Schönheit ist bleich.
Hoch im Cheruskerlande
Da steht ein altes Schloß
Auf grüner Bergeshalde,
Wovon mein Stolberg sproß;
Es sandte herrliche Boten
Schon aus in grauester Zeit,
Die klagten bei hohen Toten,
Gefallen im Vaterlandsstreit.
Davon lebt auch noch heuer
Wohl mancher Name wert:
Der Vater schwingt die Leier,
Der Sohn, der schwingt das Schwert;3)
Wie jener es vorgesungen,
So machte ihm dieser es nach:
Was frühe dem Knaben geklungen,
Das bringt der Jüngling an Tag.
Es scholl die Kriegsdrommete
Des welschen Aufruhrs neu,
Sie klang wie Hochzeitsflöte
Dem Grafen stolz und frei,
Da ließ er sein Hengstlein zäumen,
Da hängt er den Säbel frisch ein
Und sprengte mit heldlichen Träumen
Gar lustig wohl über den Rhein.
Sein Traum ist nun erfüllet
Von deutscher Herrlichkeit,
Sein Durst ist nun gestillet
Nach edlem deutschen Streit;
Er ritt mit den tapfern Reitern
Zum Kampfe nach Brabant hinab,
Da schuf er den Blumen und Kräutern
Ein rotes blutiges Grab.
Was Lenz und Sonne schufen,
Im bunten Rosenmai,
Das stampften Rosseshufen
Im Junius inzwei;
Auch lag in der Jugend Schöne
Mancher Jüngling die Felder entlang,
Das Wehe der Klagetöne
Von Müttern und Bräuten erklang.
Auf Brabants grüner Aue,
Sie heißet Sankt Amand,
Da troff vom roten Taue
Das Eisen mancher Hand,
Mit Rotten aus Welschland trafen
Die preußischen Reisigen dort,
Da holte der Himmel den Grafen,
Da riß eine Kugel ihn fort.
Drum muß ich traurig klagen,
Wohl mancher klagt mit mir,
Drei Helden sind erschlagen
In grüner Jugend Zier,
Es waren drei holde Knaben,
Sie waren so schön und so gut,
Fürs liebe Vaterland haben
Sie fröhlich vergossen ihr Blut.
Schlaft still und fromm in Treue
Bis an den jüngsten Tag,
Wo sich ein Morgen neue
Euch wieder röten mag!
Es blühet um euren Frieden
Gedächtnis so golden schön:
Im Siege ward euch beschieden
Fürs Vaterland hinnen zu gehn.

 

Klage um klein Scherzelein
               1816

Als ich jung war und waidlich,
Da hatt' ich ein Kind,
Unschuldig und maidlich
Und herzig gesinnt,
Klein Scherzelein hieß es,
Das liebliche Kind,
Die Sorgen zerblies es,
Wie Wolken der Wind.
Um den Kopf blonde Löckchen,
Die Äuglein so hell,
So rosig die Bäckchen,
Die Schritte so schnell,
Oft trug es auch Flügel
Und flatterte hin
Über Thäler und Hügel
Mit fröhlichem Sinn.
War der Maimond erschienen
In blumiger Zier,
Dann tanzt' es im Grünen
Den Reigen mit mir,
Dann lockte sein Kehlchen
Die Vöglein herbei,
Die liebenden Seelchen
Im liebenden Mai.
War der Winter gekommen
Mit Eis und mit Schnee,
Das Herz schlug beklommen
Und that mir so weh –
Mit lustigen Spielen
Vertrieb's mir die Zeit,
Ich konnte nicht fühlen
Wie's stürmet und schneit.
Ach! wo bist du geblieben,
Du freundliches Kind?
Dein Sehnen, dein Lieben
Wo schlürft es der Wind?
Wohin weit entflogen,
Mir wehe zu thun?
Welche Wälder und Wogen
Umrauschen dich nun?
Komm, klein Scherzelein, wieder
Nur einmal noch komm!
Und mache mich wieder
So selig und fromm,
Wie in glücklichen Tagen,
Komm spiele mit mir!
Ich muß schier verzagen
So ferne von dir.
Komm klein Scherzelein wieder,
Du holdigstes Kind!
Bringe Blumen und Lieder
Und Lust, welche minnt –
Komm mit Spielen und Küssen
Und Träumen der Nacht,
Die mancherlei wissen,
Was der Tag nicht gedacht.
 


                        Klinglieder
                            1810
                                1.
Den tiefen Ernst des Lebens zu verkünden
Winkt, weist und spielt die Allmacht aus Geschichten.
Die Vorwelt einzig darf die Nachwelt richten,
Die Gegenwart tappt taumelnd fort mit Blinden.
Nie mag den Weg zum Sternenlande finden,
Wer nicht, wann Wolken sich für Donner dichten,
Auf Blitzen wagt dahin den Flug zu richten,
Wo Tod und Leben ineinander schwinden.
Drum strebe, Mut, zum alten Götterhügel,
Dem strahlenden der Sonnen, welche gingen,
Dem dämmernden der Sonnen, welche kommen.
Dort steht mein Bild im ungetrübten Spiegel,
Dort tragen mich der Muse Ätherschwingen
Empor ins Land der Tapfern und der Frommen.
 
                                2.
Ein Rätsel tritt das Heilige ins Leben,
Ein Rätsel wohnt es in des Busens Gründen;
Es wandelt, wo die Blitze Wolken zünden,
Geahndet kaum dahin im leisen Schweben.
Daß wir die Herzen und die Händ' erheben
Und Unsichtbares brünstiglich verkünden,
Muß alles, was wir irdisch sehn, verschwinden:
Im frei'sten Tode blühet frei'stes Leben.
So fahre hin, du Nichts, du dünner Schemen,
Der Leben heißt, und laß die hohen Bilder
Der ew'gen Liebe auf mit Göttern steigen!
Dich, Braut der Engel, will ich mit mir nehmen
Im Himmelsfluge, denn du leuchtest milder
An Ruh' und Glanz als alle Stern' im Reigen.
 
                               3.
Woher, du süßes Bild aus Licht gewoben,
Um das die Schönheit fließet, wie die Sterne
Umfließen jene Burg der blauen Ferne,
Wo Gott die Myriaden Geister loben?
Hast du hieher, mein Engel, dich erhoben,
Daß ich den Himmel schon auf Erden lerne,
Demütig lieb' und hoff' und dulde gerne,
Das heiße Herz sehnsüchtig stets nach oben?
Du winkest mild, wie Himmelsliebe winket,
Und weisest auf die ewig hellen Kerzen
Dort oben, auf die bunten Blumen unten;
Und wie du, Süße, lächelst, sinkt und sinket,
Wie Sterne zu dem Meer, ein Licht zum Herzen,
Und in Entzückung ist das Leid verschwunden.
 


                 Laß klingen!
                       1809

Ich singe ein Liedel, Juchheissa! Juchhei!
Es säuseln die Lüfte, es locket der Mai,
Die Quellen sie rieseln mit lustigem Klang,
Die Bäche sie spielen und flöten Gesang.
O liebliche Rosen, o Lilien weiß!
O dürfte ich singen die Lust, die ich weiß!
O dürfte ich klingen, was süß und was weh
Im Busen sich regt, das ich selbst nicht versteh'?
Vergebliche Sorge, du schelmisches Kind:
Du haschest das Lüftchen, du fesselst den Wind,
Du zählest die Blätter im Frühlingsgebüsch,
Du trägest in Netzen die Weine zu Tisch.
Laß klingen, was klinget, laß wehen, was weht,
Du weißt nicht, von wannen, wohin's mit dir geht.
Der Vogel muß singen, das Lüftchen muß wehn,
Doch frage nicht, ob sie die Klänge verstehn.
 


                      Leben
                       1805

Ich war ein Kind,
Wie Frühlingssäusel flogen
Die Lebenssorgen spielend um meine Locken;
Das Gras gab weich die Blumendecke,
Der Himmel das ungemessene Aug' –
Leben und Traum noch Eins:
Mich wiegte in beiden
Die Wiege der Liebe.

Ein Knabe ward ich.
Oft in den Hain der Eichen
Nahm mich mein Vater unter die heiligen Lauben;
Legte hinter die Garben des Feldes
Oft des Müden Ohr an des Meeres Sausen.
Ich bebte unter den regen Eichenwipfeln,
Weinte ob des Meeres Sausen.
Drückte vor dem Donner des Himmels
Mit der Lerche, dem Reh mich hinter die Büsche.
Doch blühten mir Blumen,
Mir sangen die Lüfte, die Vögel,
Warm schien die Sonne, der Fruchtbaum golden,
Sanft trug das Meer oft des Schaukelnden Kahn.

Ich ward ein Jüngling.
Götter des Himmels all!
Ihr kamt herab mit eurem seligen Traum.
Schwellend stand ich am Meer wie Wogen,
Wollte fließen fort mit den Wassern,
Stand lebendig unter dem Eichbaum,
Fühlte mich wie Lüfte gefiedert.
Adler des Himmels, ihr trugt mich oft
Glänzend in eure Donnerwolken,
In eurer Sonnen brünstige Glut;
Blumen der Erde, heiliger Mond,
Freundliche Nacht, wie liebt' ich euch,
Meine erste Liebe, geheim!
Schimmernd floß mir des Lebens Wolke
Um die schuldlosen Locken noch;
Mit prophetischer Raben Silberklang
Aus einsamer Luft
Umklangen mich Töne der Zukunft.
Ich lebt' und war glücklich.

Ich ward ein Mann.
Die himmlischen Götter all,
Die spielenden all, in ernster Gestalt
Stehen sie da: Ägide
Schüttelt Minerva, zum höllischen Webstuhl
Sah ich hinab ins Dunkel der Parzen:
Sie saßen und webten
Thränen und Freuden im schrecklichen Schweigen.
Und des Blutes geflügelte
Rächerinnen, die Eumeniden,
Standen umher, die grinsende Ate
Flocht verworrene Knoten der Schuld,
Und meinem Donner droben,
Fehlte der Klang, doch fraß
Mir sein Blitzstrahl die Hütte.
Flehend sah ich zum Himmel,
Wollte weinen und konnt' es nicht. –
Da nahm die Liebe den Mann
Freundlich an die milde Brust,
Füllt' ihm das Herz mit Jugend, das Aug' mit Thränen,
Gab dem Himmel den Glanz
Wieder, den Blumen den Duft –
Und die Sünde ging unter in Liebe,
Und die Eumenis wandelte abwärts,
Blüten kränzten das schuldige Haupt.
 


                Lebenslied
                    1800

Steh' und falle mit eignem Kopfe,
Thu' das Deine und thu' es frisch!
Besser stolz an dem irdnen Topfe,
Als demütig am goldnen Tisch:
Höhe hat Tiefe,
Weltmeer hat Riffe,
Gold hat Kummer und Schlangengezisch.
Bau dein Nest, weil der Frühling währet.
Lustig bau's in die Welt hinein;
Hell der Himmel sich oben kläret,
Drunten duften die Blümelein:
Wagen gewinnet,
Schwäche zerrinnet,
Wage! dulde! die Welt ist dein.
Steh' nicht horchend, was Narren sprechen.
Jedem blüht aus der Brust sein Stern;
Schicksal webet an stygischen Bächen,
Feigen webet es schrecklich fern.
Steige hinnieder!
Fasse die Hyder!
Starken folget das starke gern.
Wechselnd geht unter Leid und Freuden
Nicht mitfühlend der schnelle Tag.
Jeder suche zum Kranze bescheiden,
Was von Blumen er finden mag.
Jugend verblühet,
Freude entfliehet:
Lebe! halte! doch lauf' nicht nach.
 


           Lerchengesang
                    1836

Hast du noch einen Ton, du altes Herz,
So spann' ihn auf und laß es klingen,
Laß deine Liebe, deinen Schmerz
Ihr volles Leid den Sternen singen.
Was hoch empor schlug, hallet tief zurück,
Es hallt in deinem Busen wieder,
Es weiß kein Lied vom Erdenglück,
Von Engelwonnen singt es Lieder.
Empor du Lerche zur gestirnten Höh'!
Was flatterst du im Erdgewimmel?
Dort klingt ein Echo für dein Weh:
Du bist vom Himmel, suche Himmel.
 


    Liebesnähe
          1808

Lieb' sei ferne,
Ist doch immer da,
Gleich dem Licht der Sterne
Ewig fern und nah.
Schließt Gedanken
Wohl ein Kerker ein?
Glück und Stunden wanken,
Das Gefühl ist mein.
Leuchte, Sonne!
Wandle, frommer Mond!
Meines Busens Wonne
Hoch mit Göttern thront.
Frühling, scheine!
Winter, stürme kalt!
In der Brust dies Eine
Nimmer wird es alt.
Holde Treue,
Weiß und engelrein!
Wie des Himmels Bläue
Bleibt dein lichter Schein.
Sei denn ferne
Liebe, sei sie nah,
Gleich dem Licht der Sterne
Immer ist sie da.
 


        Lied der Rache
                 1811

Auf zur Rache! auf zur Rache!
Erwache, edles Volk, erwache!
Erhebe lautes Kriegsgeschrei!
Laß in Thälern, laß auf Höhen
Der Freiheit stolze Fahnen wehen!
Die Schandeketten brich inzwei!
Denn der Satan ist gekommen,
Er hat sich Fleisch und Bein genommen
Und will der Herr der Erde sein,
Und die Weisheit tappt geblendet,
Und Mut und Ehre kriecht geschändet
Und will nicht in den Tod hinein;
Und die Wahrheit traur't verstummet,
Die brandgemalte Lüge summet
Frech jede große Tugend an,
Kühn durch Schwert und Henkerbeile
Meint sie, daß seine Donnerkeile
Der Himmel nicht mehr schwingen kann.
Drum zur Rache auf! zur Rache!
Erwache, edles Volk, erwache!
Und tilge weg des Teufels Spott!
Ist er stark durch Lügenkünste,
Du reiße höllische Gespinste
Inzwei durch deinen stärkern Gott:
Durch Gott, vor dem die Teufel zittern,
Wann wild in Schlachtenungewittern
Der Donner durch die Reihen fährt,
Wann die Freien fröhlich sterben,
Tyrannenschädel gleich den Scherben
Zersplittern durch der Tapfern Schwert.
Auf! es gilt die höchsten Fehden,
Die stummen Stöcke möchten reden,
Der stumme Stein Posaune sein,
Faule Berge sich bewegen,
Und ihr nur griffet nicht zum Degen?
Ihr wolltet faul zum Kampfe sein?
Auf! die Stunde hat geschlagen –
Mit Gott dem Herrn wir wollens wagen:
Frisch in den heil'gen Kampf hinein!
Laßt in Thälern, laßt auf Höhen
Die Fahnen hoch gen Himmel wehen!
Die Freiheit soll die Losung sein!
 


Lieder aus dem Katechismus für den deutschen Wehrmann
                    1813
                    1.
               Trostlied

Gott, du bist meine Zuversicht,
Mein Schirm und meine Waffen,
Du hast den heil'gen Trieb nach Licht
Und Recht in mir geschaffen;
Du großer Gott,
In Not und Tod
Ich will an dir mich halten,
Du wirst es wohl verwalten.
Und wenn die schwarze Hölle sich
Mit ihrem Gift ergösse
Und trotziglich und mörderlich
Durch alle Länder stösse,
Gott bleibt mein Mut,
Gott macht es gut
Im Tode und im Leben:
Mein Recht wird oben schweben.
Und wenn die Welt in Finsternis
Und Unheil sich versenkte,
Mir steht das feste Wort gewiß,
Das Ewigkeiten lenkte,
Das alte Wort
Bleibt doch mein Hort:
Wie viel auch Teufel trügen,
Die Guten sollen siegen.
O großes Wort, o fester Stahl!
O Harnisch sondergleichen!
Was Gott versprach, was Gott befahl,
Das läßt mich nicht erbleichen:
Die stolze Pflicht
Erzittert nicht,
Mag Land und Meer vergehen,
Sie wird mit Gott bestehen.
Drum walt' es Gott, der alles kann,
Der Vater in den Höhen!
Er ist der rechte Held und Mann
Und wird es wohl verstehen.
Wer Gott vertraut,
Hat wohl gebaut
Im Tode und im Leben:
Sein Recht wird oben schweben.

                    2.
            Ein zweites.

Wann beginnt das Heil zu tagen?
Es braust mit Rossen und mit Wagen
Wild durch die weite Welt der Krieg,
Brandgemalte Teufel scherzen
Mit Menschenrechten, Menschenherzen,
Die schwarze Hölle hat den Sieg.
Sie rufen trotzig aus
In alle Welt hinaus:
Jauchzet! jauchzet! das Heil ist da,
Die Freiheit da,
Der Menschheit ew'ger Friede da.
Doch die Wahrheit steht und schweiget,
Die stolze Freiheit traur't und zeuget
Des Satans glatten Worten nicht,
Die Ehre fliehet vor der Schande,
Die Treue räumet flugs die Lande,
Sie wohnet nur mit Recht und Pflicht.
Die hohen Zeugen all'
Erklingen lauten Schall:
Nimmer, nimmer war Gottes Reich
Der Hölle gleich,
Ihr Bund heißt Elend, Trug ihr Steig.
Seid gegrüßt, ihr edle Zeugen!
Der höchste Richter wird nicht schweigen,
Der waltend hoch auf Sternen geht,
Der die lichten Himmelskerzen
Entzündet und die Menschenherzen
Mit seines Odems Kraft durchweht.
Er ist der rechte Mann,
Der einzig helfen kann:
Preis dem Mächtigen! Preis dem Hort!
Es steht sein Wort:
Das Gute sieget hier und dort.
Tobe, Satan! sei verwegen!
Vor dieser Macht zersplittern Degen,
Zerspringet diamantner Stahl;
Gott will Recht und Ehre schützen
Und Trug und Bosheit niederblitzen
Mit seiner Rache Donnerstrahl:
Der starke Siegesheld,
Der Erd' und Himmel hält,
Schmettert Schande hinab ins Nichts,
Der Gott des Lichts
Ist nicht ein Gott des Bösewichts.
Darum himmelauf, Gedanken!
Mit Gott, dem Helfer, in die Schranken
Mit Freiheit, Recht und Vaterland!
So ihr's meint mit rechten Treuen
Bläst Gott euch an mit Mut der Leuen
Und stärkt mit Kraft die schwächste Hand!
Der gute fromme Gott,
Er bleibt in Not und Tod.
Fallet nieder und betet an!
Der helfen kann,
Er ficht als Streiter euch voran.

                    3.
         Vor der Schlacht

Auf! die Schwerter hell heraus!
Und die Herzen froh gehoben!
Noch steht Gottes Himmelshaus,
Noch schwebt Gottes Rechte oben,
Noch hält Gott das Weltgericht.
Gott ist unsre Zuversicht.
Laßt die Fahnen lustig wehn!
Laßt die Trommeln mutig klingen!
Gott der Herr wird mit uns stehn
Und den Blitz der Rache schwingen,
Gott verläßt die Guten nicht,
Gott ist unsre Zuversicht.
Tobe nur, du Höllenheer!
Wütet, mordet nur, Tyrannen!
Gott verweht wie Sand am Meer
Lug und Trug und Schande dannen.
Gott bestraft den Bösewicht.
Gott ist unsre Zuversicht.
Auf! mit Gott zum Heldenstreit!
Auf für Freiheit, Recht und Ehre!
Daß sich deutsche Redlichkeit,
Daß sich deutsche Treue mehre!
Gott der Tyrannei zerbricht,
Gott ist unsre Zuversicht
Klingt denn, Trommeln! Fahnen weht!
Herzen weht in lichten Flammen!
Für der Freiheit Majestät,
Für das Vaterland zusammen!
Frisch hinein! und zaget nicht!
Gott ist unsre Zuversicht.

                    4
           Ein anderes

Frischauf, ihr deutschen Scharen!
Frischauf zum heil'gen Krieg!
Gott wird sich offenbaren
Im Tode und im Sieg:
Mit Gott, dem Frommen, Starken,
Seid fröhlich und geschwind,
Kämpft für des Landes Marken,
Für Eltern, Weib und Kind.
Frischauf! Ihr tragt das Zeichen
Des Heils an eurem Hut.
Dem muß die Hölle weichen
Und Satans Frevelmut,
Wenn ihr mit treuem Herzen
Und rechtem Glauben denkt,
Für wie viel bittre Schmerzen
Sich Gottes Sohn geschenkt.
Drum auf für deutsche Ehre,
Du tapfres Teutsgeschlecht!
Der beste Schild der Heere
Heißt Vaterland und Recht,
Als schönste Losung klinget
Die Freiheit in das Feld,
Wo sie die Fahne schwinget,
Wird jedes Kind ein Held.
Drum auf, ihr deutschen Scharen!
Frischauf zum heil'gen Krieg!
Gott wird sich offenbaren
Im Tode und im Sieg;
Und wenn die ganze Hölle
Sich gösse über euch,
Ihr spült sie, wie die Welle
Das Sandkorn, weg von euch.

                    5.
             Ein drittes

Frischauf, ihr deutschen Brüder!
Frischauf zum heil'gen Streit!
Der Satan drückt uns nieder
Und wütet weit und breit.
Er will die Erdenflur
Zur Schlangenwüste machen,
Mit Tigern und mit Drachen
Verheeren die Natur.
Er will die Freiheit morden
Und brechen jedes Recht,
Der Trug ist Herr geworden,
Es dient der Mut als Knecht,
Die Wahrheit fliehet fern
Vom blutigen Getümmel
Hoch in den lichten Himmel,
Sie klagt es Gott dem Herrn.
Drum auf, ihr deutschen Brüder!
Es hat's der Herr gehört –
Auf! schlagt die Schande nieder,
Die Recht und Licht zerstört!
Auf! waffnet Herz und Hand
Mit alter deutscher Treue!
Daß Redlichkeit sich freue,
Daß zittre Trug und Tand.
Auf mit dem Herrn der Scharen!
Wohlauf in Not und Tod!
Es wird euch wohl bewahren
Der alte, treue Gott;
Von ihm kommt alles her,
Zu ihm geht alles wieder:
Drum zagt nicht, deutsche Brüder!
Gott steht mit euch im Heer.
Gott steht mit euch im Leben,
Gott steht mit euch im Tod;
Will Gott den Arm erheben,
Wo bleibet, was euch droht?
Mit Gott das Schwert zur Hand!
Mit Gott hineingefallen!
Und laßt die Losung schallen:
Gott! Freiheit! Vaterland!

                    6.
              Danklied

Auf, danket Gott und betet an
Den Helden aller Helden,
Von dem die Erden ab und an
Und alle Himmel melden;
Auf! werdet heute Ein Gesang!
Auf! klinget heute Einen Klang!
Gott sei allein die Ehre!
Denn trotzig gleich der Meeresflut,
Wann wilde Stürme brausen,
Ergoß sich grimmer Feinde Wut
Mit Schrecken, Angst und Grausen;
Voran zog Hunger, Pest und Tod,
Und durch die Länder ward gedroht:
Wer wagt mit uns zu streiten?
Da ließ der Herr vom Himmelssaal
Die Donnerglocken schallen;
Sie schlug nicht unser Arm und Stahl,
Sie sind durch Gott gefallen:
Der Held der Helden hat's gethan,
In Staub zerschmettert liegt ihr Wahn,
Ihr Trotz ist stummes Schweigen.
Drum danket Gott und betet an
Den Helden aller Helden,
Und lasset Weib und Kind und Mann
Die hohen Wunder melden,
Drum singet frohen Lobgesang,
Drum klinget lauten Freudenklang:
Gebt unserm Gott die Ehre!

                    7.
      Der Fahnenschwur
 
Hebt das Herz! hebt die Hand!
Schwöret für die große Sache,
Schwört den heil'gen Schwur der Rache!
Schwöret auf das Vaterland!
Schwöret auf den Ruhm der Ahnen,
Auf die deutsche Redlichkeit,
Auf die Freiheit der Germanen,
Auf das Höchste schwöret heut!
Hebt das Herz! hebt die Hand!
Erd' und Himmel soll ihn hören
Unsern hohen Schwur der Ehren,
Unsern Schwur fürs Vaterland.
Glorreich schwebe, stolzes Zeichen,
Das voran im Streite weht!
Keiner soll von hinnen weichen,
Wo sich dies Panier erhöht!
Hebt das Herz! hebt die Hand!
Wehe mutig, edle Fahne!
Daß sich jede Brust ermahne
Für das heil'ge Vaterland!
Mache, stolzes Ehrenzeichen,
Alle Männer ehrenfest,
Daß sie tausendmal erbleichen,
Eh' nur Einer dich verläßt!
Hebt das Herz! hebt die Hand!
Heil uns dieser Ehrenweihe!
Ewig lebe deutsche Treue!
Ewig blühe deutsches Land!
Freiheit, deutsche Freiheit, schwebe
Um die Hütten, um den Thron!
Trug und Lug und Schande bebe!
Und zur Hölle fahre Hohn!
Hebt das Herz! hebt die Hand!
Hebt sie zu der Welten Meister!
Hebt sie zu dem Geist der Geister!
Hebt sie hoch vom Erdentand!
Daß wir's treu und heilig halten
In Gedanken Wort und That.
Gott muß doch zuletzt verwalten,
Was der Mensch beschlossen hat.

                    8.
Gebet bei der Wehrhaftmachung eines deutschen Jünglings

Betet, Männer! – denn ein Jüngling kniet –
Daß sein Herz, sein Eisen heilig werde!
Küsse, Knabe, fröhlich diese Erde,
Denn sie ist der Freiheit heil'ges Land.
Willst du seinen Namen hören?
Glühe bei dem Klang der Ehren!
Deutschland heißt dein Vaterland.
Betet, Männer! – denn ein Jüngling kniet –
Macht den Klang unsterblich seinen Ohren!
Deutscher Jüngling, frei bist du geboren,
Freiheit sei dein Glanz, dein höchstes Gut!
Ihr sollst du dein ganzes Leben,
Ihr den letzten Atem geben,
Ihr dein bestes Herzensblut!
Betet, Männer! – denn ein Jüngling kniet –
Und er hat den höchsten Schwur geschworen.
Hier und dort sei ihm das Heil verloren,
Wenn er diese Worte jemals schwächt!
Erd' und Himmel sollen zeugen!
Dienen müßt' er dann dem Feigen
Und erzittern vor dem Knecht!
Betet, Männer! – denn ein Jüngling kniet –
Schönes Eisen, du, der Freien Freude,
Schmuck der Tapfern, köstlichstes Geschmeide,
Das der Hammer aus Metallen schlug!
Werde, ritterlicher Degen,
Deutschem Lande Ruhm und Segen!
Werde Deutschlands Feinden Fluch!
Betet Männer! – denn ein Jüngling kniet –
Eisen, könnte Untreu diesen schänden,
Dann empöre dich in seinen Händen,
Stoß in seine Brust geschwindsten Tod!
Dulde nimmer, Schwert der Ehren,
Daß Verräter bei dir schwören;
Dulde nimmer Sklavennot!
Betet, Männer! – denn ein Jüngling kniet –
Steh nun auf, umgürtet mit dem Stahle!
Steh nun auf! Es schaun vom Himmelssaale
Deine Ahnen fröhlich auf dein Fest,
Segnen deine Waffenweihe,
Machen dich für Pflicht und Treue
Ehrenfest und eisenfest.
Betet, Männer, heiligstes Gebet!
Gott im höchsten Himmel gebe Segen
Diesem freien Mann und seinem Degen,
Daß er Blitz in deutschen Schlachten sei!
Gott behüte unsre Lande,
Unsre Seelen vor der Schande!
Gott erhalte Deutschland frei!
 


       Lob des Eisens
               1806

Gold schreit die feige Welt,
Und Gold macht feige Knechte,
Des Tapfern Herz verstellt
Und schwächt des Starken Rechte;
Für Gold mag keiner sterben,
Der nicht mehr leben darf,
Und edlen Ruhm zu werben
Macht's nie den Degen scharf.
Drum preis' ich das Metall,
Das schwarze braune Eisen,
Denn ohne Glanz und Schall
Es thut sich herrlich weisen,
Heilt mächtig alle Wunden,
Die jenes blanke macht;
Wär' Eisen nicht gefunden,
Noch tappten wir in Nacht.
Es stellt den Pflug ins Land,
Die Erde zu bezwingen,
Es läßt das Schiff vom Strand
Auf schnellen Windesschwingen,
Baut Menschen feste Sitze
Und führt die Kunst ins Haus,
Und löscht des Donnrers Blitze
Mit einer Stange aus.
Und wann die Sitte flieht
Und Männerarm' erschlaffen,
Wann Trug für Ehre blüht
Und Gold gebeut für Waffen,
Wann Despotismusjammer
Die Welt mit Schmach bedroht,
Dann schlägt aus ihm der Hammer
Sieg und Tyrannentod.
Dann wird es schöne Wehr,
Des Mannes Heil und Freude,
Als Schwert, als Schild, als Speer,
Als festes Brustgeschmeide
Macht es den Tritt der Braven
Den Knechten fürchterlich,
Wir wären alle Sklaven
Ohn' Eisen ewiglich.
Und sieget Tyrannei
Und sinkt des Glückes Wage,
So macht es blutig frei
Mit einem tapfern Schlage,
Zerhaut die Schlangenknoten,
Die Trug und Feigheit flicht,
Und schickt die tapfern Toten
Empor zu Recht und Licht.
Bleib, Eisen, Männern hold,
Laß Knechte Gold begehren.
Wer deine Kraft gewollt,
Der wollte hohe Ehren,
Der wollte herrlich leben
Und herrlich untergehn.
Drum sei dir Preis gegeben,
O Eisen schwarz und schön!
 


      Lust des freien Geistes
                    1842

Horch! der Himmel klingt von Geigen,
Und du fragst: wer führt den Reigen?
Antwort tönt: der freie Geist,
Er, der Einzighochgeborne,
Er, der Leuchtendgotterkorne,
Der die Sonnen tanzen heißt.
Ha, wie schlingen sich die Pfade!
Ha, wie brausen die Gestade
In dem Weltenocean!
Dieser wirbelnde Mäander,
Dieses wilde Durcheinander
Seinen Saiten unterthan!
Auf denn, Herz, zu seiner Wonne!
Tanze du, auch eine Sonne,
Mutig mit den Sternentanz!
Millionen sind die Flieger,
Nur der Schnellste bleibt der Sieger,
Nur der Kühnste greift den Kranz.
 


                        Marsch!
                           1812

Frischauf, ihr Kameraden! Wir ziehen in das Feld,
Wir haben unser Herz auf Franzosen gestellt,
Die Wehr und der Mut sind geschliffen und blank,
Drum her mit Franzosen! die Zeit wird uns lang.
Hurra, ihr Kamraden! Hurra, ihr Soldaten!
Hurra! ist Franzosen ein tödlicher Klang.
Heraus alle, welchen die Freiheit gefällt!
Gott schuf für die Freiheit, die Tugend die Welt.
Die Freiheit sie lebe, das köstliche Gut!
Für Freiheit, ihr Brüder, da schonet kein Blut!
Hurra, ihr Kamraden! Hurra, ihr Soldaten!
Hurra! und vertilget die teuflische Brut!
Heraus auch für Deutschland, das heilige Land!
Vertilget den welschen, den teuflischen Tand!
Auf tapferer Väter vermorschtem Gebein
Da soll kein Franzose sein Kiwi! mehr schrein!
Hurra, ihr Kamraden! Hurra ihr Soldaten!
Dem Werda? der Deutschen ist Kiwi! zu fein.
Heraus für die Eltern, für Weib und für Kind,
Für Jungfraun und Bräute zur Rache geschwind!
Das stärket die Arme, das stählet den Mut,
Drob streitet man fröhlich, drob streitet man gut.
Hurra, ihr Kamraden! Hurra, ihr Soldaten!
Das locket das Eisen zum feindlichen Blut!
Heraus alle; rufet am lautesten Gott!
Und machet die schnöden Tyrannen zu Spott!
Mit Schwertern und Lanzen in blutiger Jagd
So jaget die Räuber bei Tag und bei Nacht;
Hurra, ihr Kamraden! Hurra, ihr Soldaten!
Hasasa! Trarara! die lustige Jagd!
Auf! spielet, Kanonen, zum lustigen Tanz!
Auf! blitzet, ihr Säbel, den blinkenden Glanz!
Auf! wirbelt, ihr Trommeln, im Saus und im Braus!
Auf! wehet, ihr Fahnen, zum Himmel hinaus!
Hurra, ihr Kamraden! Hurra ihr Soldaten!
Wir ziehen zum Sieg oder Tod heut hinaus.
 


               Mein Blumenkönig
                          1839

Von Blumen trug er beide Händchen voll,
Drum nannten wir ihn scherzend Blumenkönig,
Dann goß er vor uns aus den bunten Zoll
Und meint', er trüge immer noch zu wenig –
Ach! unsern Liebling, unsern schönsten Knaben,
Wir mußten ihn im Blütenlenz begraben.
Glückselig er! er hat der schlimmen Welt
Nur Spiel und Scherz und Blumen abgewonnen,
Nie hat sich ihm des Lebens Nichts erhellt,
Nie ist ein Zauber ihm in Trug zerronnen:
Reich flog er weg mit allen Blütenscheinen,
Wir schauten arm ihm nach und mußten weinen.
O Rosenkönig! süßes Sternenkind!
Wann neu die Nacht die goldnen Lampen zündet,
Wann Lust und Leid voll Sehnsucht still und lind
Lauscht, was die ob're Welt geheim verkündet,
Dann scheinst auch du mit Millionen Lichtern
Und funkelst mit den Engelangesichtern.
O Rosenkönig, süßes Sternenkind!
Dann streust du bunte Himmelsblumen nieder,
Und wie an Tagen, die vergangen sind,
Erfreut uns jene Blumenwonne wieder:
Dann spielt es rings mit längst verschwundnen Scheinen
Wir spielen mit, wir träumen mit und weinen.
 


        Mein Lichtlein
                 1818

Der Alte, der die Sterne hält
In gleichen festen Bahnen
Und jedes Tröpflein senkt und schwellt
In tiefsten Ozeanen,
Der alte Meister droben hat
Ein Lichtlein mir gegeben,
Das nur erhellt den dunklen Pfad
Im irrwischvollen Leben
Ihr fraget, wie das Lichtlein heißt,
Das süße Kind der Sterne,
Das stets die rechten Pfade weist
Auch in die fernste Ferne?
Ich weiß es nicht, ich kann es nicht
Mit Menschensprache künden,
Auch halt' ich's nicht und seh' es nicht
Und kann den Weg doch finden.
Es haben's viele wohlgenannt
In Liedern und mit Zungen,
Doch unerklärt und unbekannt
Wird's immer noch geklungen.
Drum selig wer es still bewahrt
In tiefsten Busens Höhlen!
Des Lichtleins Art ist stille Art
Und liebt die stillen Seelen.
Doch bitt' ich den, der's Lichtlein gab,
Den Alten in den Höhen,
Er wolle vor mir bis ans Grab
Sein Flämmchen lassen wehen,
Daß mutiglich und ritterlich
Ich durch das Dunkel strebe,
Bis daß ich von der Erde mich
Zum Licht der Lichter hebe.
 


                 Meine Grablegung
                              1839

Wann ich gestorben, schlagt den schwarzen Mantel
Um meinen morschen Leib, wie er verschlissen.
Ihr wißt, warum: die Sünde, die Tarantel,
Hat mich in grüner Jugend scharf gebissen.
Drum mußt' ich taumelnd in dem tollen Tanze,
Der Leben heißt, durch böse Irren schweifen,
Am Becher wilder Lust, am bunten Kranze
Der Thorheit wie an Blumen mich vergreifen.
Wie sollt' ich anders denn vor Gott erscheinen
Am jüngsten Tag als trauernd und zerrissen?
Ach! mein Gefolg, mein Engel, der wird weinen
Und mein Vertrauter zagen, mein Gewissen.
So sprach ich. Und mein Töchterlein das feine
Wischt' aus den Augen sich die hellen Zähren:
»Vater, diese Farben sind nicht deine;
Wie kommst du auf die alten Heidenmären?
Ich weiß es besser, wie wir dann dich kleiden:
Dein Leichentuch muß grün sein, und ein rotes
Herz auf dein Herz genäht: denn diese beiden,
Das Grün und Rot verkünden nichts Gedrohtes.
Die frohen Christenfarben sollst du nehmen
Mit grünem Christenglauben in die Erde.
Was spielst du so mit wüsten Heidenschemen,
Verzerrt durch Grauen der düstern Nachtgebärde?«
So winkte mich das Kind zur Himmelspforte
Zurück, zurück zum Grün, zum grünen Hoffen,
Zurück zum Rot, zu dem, des Wunden offen
Geblutet an dem Kreuz, zum Liebeshorte.
Drum, wann ich sterbe, sollt ihr grün mich kleiden,
Ein rotes Herz mir näh'n auf Herzensstelle:
Grün ist das Wort vom Christ und rot die Welle,
Die eine schwarze Welt gesühnt durch Leiden.
 


     Mimerung unter deutschen Eichen
                            1846

Träumend in Mimerung wandelte jüngst im Schatten
Deutschesten Hains ich sturmbewegter Eichen,
Und wie sie rauschten, rauschten mir Gedanken
Wild durch die Seele,
Dunkle Gedanken. – Wie der Blitz, auf schwarzen
Wolken sich wälzend, schaurig durch die Luft schießt,
Schoß es mit Blitzesleuchtung mir mit scharfem
Weh durch die Seele.
Hundert und tausend, wie des Blitzes Funken
Fliegen, so flogen Vögel heißer Schwingen
Mir um den Busen, hiehin, dahin flatternd,
Mächtige Wühler.
Wühler, aufreißend tiefsten Grund des Herzens,
Reißend der glücklich dicht verhüllten Zukunft
Dunkles Gewölk auf, wo es wie gespenstisch
Mitternachtspiel spielt.
Mitternachtspiel; denn gleich entbundenen Geistern,
Nicht wie aus Windeln in der Zukunft Wiege,
Nein, wie aus Gräbern, tanzten vor mir grausig
Säkeln den Tanz ab.
Weh mir der Zeichen! rief ich, du gewaltiges
Wehen des Geistes! schone deiner Blitze!
Schone des Donners! denn er donnert Schrecken,
Geistesverwirrung.
Weh mir der Zeichen! weh der Sehnsuchtsfragen
Ahnender Sehnsucht, ob von diesen Eichen
Freie Germanen Siegeskränze flechten?
Enkel noch flechten?
Ob, wann Gefahr, wann Kriegsgetümmel andrängt,
Blut nur der Fremden deutsche Klingen rötet?
Vielheit der Fürsten wie ein Mann dann vorficht?
Einheit in Treue?
Ob, wann aus Welschland ein Orkan, aus Rußland
Brausend ein zweiter Deutschlands Mitte fasset,
Fern kein Arminius sein wird und kein zweiter
Gneisenau-Blücher?
Da hat's gelispelt: Hoffe! Wahrlich beide
Augen du könntest sie am Born der Weisheit
Mimern verpfänden, vollen Trunk der Seele
Schlürftest du doch nicht.
Laß drum das Mimern, wolle nicht ergrübeln,
Was von den künftigen Tagen Gott verhüllte:
Tropfen nur schenkt er; wer des vollen Borns will,
Will die Verwirrung.
 


      Mut des Verderbens

Und hätt' ich zehntausend Köpfe
Und trüge keinen zu Haus,
Die feigen Schurken und Tröpfe,
Sie machen mir's zu kraus.

Und trüg' ich zehntausend Kronen,
Ich würfe sie alle fort,
Vor allen Höhen und Thronen
Steht höchst das hohe Wort:

Das heilige Lutherzeichen,
Das schuf und trägt die Welt,
Den Listen und Griffen der Bleichen
Und Feigen zu hoch gestellt.

Ja presset mit eurer Presse,
Setzt, presset, drucket allein -
Ich kenn' eine feurige Esse,
Die schmiedet und gießt auch fein.

Da sitzt der Meister der Meister,
Da schmiedet er fort und fort,
Und seine Gesellen, die Geister,
Die blasen und schaffen am Wort.

Die schmieden und gießen die Lettern
Und streun sie lustig umher
Und sammeln zu Donnerwettern
Ihr leichtgeflügeltes Heer.

Doch weit über Hören und Sehen
Glänzt Narren die blitzende Schrift;
Drum donnert, ihr Mächte der Höhen,
Und schleudert Blitz, welcher trifft!

Und sammelt ihr auch die Lettern
Zu einem Vernichtungsspruch,
Und muss ich mit in den Wettern,
Ich lebte und liebte genug.


            Rausche durch den Wald

                           1853

Rausche durch den Wald, rausche durch das Herz,
Thränenzorn, du frischer Lebenswind!
Schweige nicht das Wort, schweige nicht den Schmerz,
Rausche, du des Muts erstgebornes Kind!
Rausche, brause frisch! klinge, schalle kühn!
Kühner, weil der Feigheit Pestilenz,
Deutsche Pest, uns lei'rt Welken und Verblühn,
Winterfrost und Tod vor dem deutschen Lenz.
»Wo ist Babel heut? wo das alte Rom?
Welche Fahnen wehn heut vom Kapitol?
Wie kein Tropfen fließet je hinauf den Strom,
Find't erloschner Stern nimmer neuen Pol.«
Leiertest du so mit, verschneiter Greis?
Tod und Nacht, die deutsche Greisennacht,
Weil kein Kaiser kommt, welcher weist und weiß,
Was den deutschen Mut stark und fröhlich macht?
Feiger Memmen Klang, töntest du so nach,
Weiberhoffen, Weiberzagen nach,
Weil noch immer kein Adlerflügelschlag
Klingt den langen Schlaf Barbarossas wach?
Nicht also mit dir! Nimm dir deutschen Schwung,
Deutscher! nimm einmal dir den deutschen Stolz
Für dein großes Volk, unter Greisen jung,
Grün wie seines Walds grünstes Eichenholz.
Nicht also mit dir! Rausche durch den Wald!
Rausche, brause, Zorn, durch Stein und Bein!
Brause, deutscher Mut, Gottes Zorngewalt!
Greif die Adler dir, laß die Krähen schrein.
 


    Rechtes Geistesmaß
                 1847

Denke Gott und aller Welt
Millionen Sonnenstraßen,
Miß, was diese Erde hält,
Miß es dir mit Sonnenmaßen,
Tritt den Staub dir ganz zu Staub,
Tritt ihn mit Prometheus Sohlen;
So nur kannst du Himmelsraub
Mit Prometheus Mut dir holen.
Hoch und Niedrig, Groß und Klein –
Dieser Stolz, dies Maß muß schwinden,
Dann nur kannst du Flieger sein
Mit dem Adler über Winden:
Seine Federn schweben still
Schaukelnd über Sonnenscheiben,
Wo kein Sehnen weiter will,
Da nur ist ein selig Bleiben.
Hehrer Ausblick! Höchstes Ziel!
Maße schwinden und Gewichte,
Und der Geist im zarten Spiel
Schwelgt und jauchzt im heitern Lichte:
Denn um keine Majestät,
Um kein Glück wird mehr gestritten,
Jeder Punkt, auf dem er steht,
Ist ein Punkt der Weltenmitten.