Bürger

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Biografie

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Der Ritter und sein Liebchen.

Ein Ritter ritt einst in den Krieg,
Und als er seinen Hengst bestieg,
Umfing ihn sein sein's Liebchen:
»Leb wohl, du Herzensbübchen!
Leb wohl! Viel Heil und Sieg!

Komm fein bald wieder heim ins Land,
Daß uns umschling' ein schön'res Band,
Als Band von Gold und Seide:
Ein Band aus Lust und Freude,
Gewirkt von Priesterhand!« -

»Ho, ho! Käm' ich auch wieder hier,
Du Närrchen du, was hülf' es dir?
Magst meinen Trieb zwar weiden;
Allein dein Band aus Freuden
Behagt mit nichten mir.« -

»O weh! so weid' ich deinen Trieb,
Und willst doch, falscher Herzensdieb,
Ins Ehband dich nicht fügen!
Warum mich denn betrügen,
Treuloser Unschuldsdieb?« -

»Ho, ho! du Närrchen, welch ein Wahn!
Was ich that hast du mitgethan.
Kein Schloß hab ich erbrochen,
Wann ich kam anzupochen,
So war schon aufgethan.« -

»O weh! So trugst du das im Sinn?
Was schmeichelst du mir um's Kinn?
Was mußtest du die Krone,
So zu Betrug und Hohne,
Mir aus den Locken ziehn?« -

»Ho ho! Jüngst flog in jenem Hain
Ein kirres Täubchen zu mir ein.
Hätt' ich es nicht gefangen,
So müßten mir entgangen
Verstand und Sinnen sein.« -

D'rauf ritt der Ritter hop sa sa!
Und strich sein Bärtchen trallala!
Sein Liebchen sah ihn reiten,
Und hörte noch vom weiten
Sein Lachen ha, ha, ha! --

Traut, Mädchen, leichten Rittern nicht!
Manch Ritter ist ein Bösewicht.
Sie löffeln wohl und wandern,
Von Einer zu der Andern,
Und freien Keine nicht.

 

                       Robert

Ein Gegenstück zu Claudius Romanze Phidile.

Ich war wohl recht ein Springinsfeld,
In meinen Jünglingstagen;
Und that nichts lieber auf der Welt,
Als reiten, fischen, jagen.

Einst zogen meine Streiferei'n -
Weiß nicht auf welche Weise?
Doch war es recht als sollt' es sein, -
Mich ab von meinem Gleise.

Da sah ich über'n grünen Zaun,
Im lichten Frühlingsgarten,
Ein Mädchen, rosicht anzuschaun,
Der Schwesterblumen warten.

Ein Mädchen so von Angesicht,
Von Stirn und Augenstrahlen,
Von Wuchs und Wesen, läßt sich nicht
Beschreiben und nicht malen.

Ich freundlich hin, sie freundlich her,
Wir mußten beid' uns grüßen,
Wir fragten nicht, wohin? woher?
Noch minder, wie wir hießen?

Sie schmückte grün und rot den Hut,
Brach Früchte mir vom Stengel;
Und war so lieblich, war so gut,
So himmlisch wie ein Engel!

Doch wußt' ich nicht was tief aus mir
So seufzte, so erlebte,
Und, unter Druck und Küssen, ihr
Was vorzuweinen strebte.

Ich konnte weder her noch hin,
Nicht weg, noch zu ihr kommen;
Auch lag's nicht anderes mir im Sinn,
Als wär mir was genommen.

Mich dünkt' ich hatt' ihr tausendviel,
Weiß Gott all' was? zu sagen:
Doch konnt' ich, welch ein Zauberspiel!
Nicht eine Sylbe wagen.

Sie fragt' in heller Unschuld: Was?
Was ich wohl von ihr wollte?
Ach Liebe! rief ich, als mir's naß
Von beiden Wangen rollte.

Sie aber schlug den dunkeln Blick
Zum schönen Busen nieder,
Und ich verschüchtert floh zurück,
Und fand sie noch nicht wieder! -

Wie konnte wohl dies Eine Wort,
Dies Wörtchen sie betrüben? -
O blöder Junge! wärst du dort,
Wärst du doch dort geblieben!

 

               Schön Suschen.

Schön Suschen kannt' ich lange Zeit:
Schön Suschen war wohl fein;
Voll Tugend war's und Sittsamkeit:
Das sah ich klärlich ein.
Ich kam und ging, ich ging und kam,
Wie Ebb' und Flut zur See.
Ganz wohl mir that es wann ich kam,
Doch, wann ich ging nicht weh.

Und es geschah, daß nach der Zeit,
Gar anderes ich vernahm;
Da that's, mir, wann ich schied, so leid,
So wohl mir, wann ich kam;
Da hatt' ich keinen Zeitvertreib,
Und kein Geschäft, als sie;
Da fühlt' ich ganz an Seel' und Leib,
Und fühlte nichts, als sie.

Da war ich dumm, und stumm, und taub;
Vernahm nichts, außer ihr;
Sah nirgens blühen Blum' und Laub;
Nur Suschen blühte mir.
Nicht Sonne, Mond und Sternenschein,
Mir glänzte nur mein Kind;
Ich sah, wie in die Sonn', hinein,
Und sah mein Auge blind.

Und wieder kam gar andre Zeit,
Gar anderes ward es mir:
Doch alle Tugend, Sittsamkeit,
Und Schönheit blieb an ihr.
Ich kam und ging, ich ging und kam,
Wie Ebb' und Flut zur See.
Ganz wohl mir that es, wann ich kam,
Doch, wann ich ging, nicht weh. -

Ihr Weisen, hoch und tief gelahrt,
Die ihr's ersinnt, und wißt,
Wie, wo und wann sich alles paart?
Warum sich's liebt und küßt?
Ihr hohen Weisen, sagt mir's an!
Ergrübelt, was mir da,
Ergrübelt mir, wo, wie und wann,
Warum mir so geschah? -

Ich selber sann oft Nacht und Tag,
Und wieder Tag und Nacht,
So wundersamen Dingen nach;
Doch hab' ich nichts erdacht. -
D'rum, Lieb' ist wohl, wie Wind im Meer:
Sein Sausen ihr wohl hört,
Allein ihr wisset nicht, woher?
Wißt nicht wohin er fährt?

 

            Lenardo und Blandine.

Blandine sah her, Lenardo sah hin,
Mit Augen, erleuchtet vom zärtlichsten Sinn:
Blandine, die schönste Prinzessin der Welt,
Lenardo, der Schönsten zum Diener bestellt.

Zu Land und zu Wasser, von nah und von fern,
Erscheinen viel Fürsten und Grafen und Herrn,
Mit Perlen, Gold, Ringen und Edelgestein,
Die schönste der schönen Prinzessen zu frei'n.

Allein die Prinzessin war Perlen und Gold,
War Ringen mit blanken Gestein nicht so hold,
Als oft sie ein würziges Blümlein entzückt,
Vom Finger des schönsten der Diener gepflückt.

Der schönste der Diener trug hohes Gemüt,
Obschon nicht entsprossen aus hohem Geblüt.
Gott schuf ja aus Erden den Ritter und Knecht.
Ein hoher Sinn adelt auch niedres Geschlecht.

Und als sie 'mal draußen in fröhlicher Schar,
Von Schranzen umlagert, am Apfelbaum war,
Und alle genossen der lieblichen Frucht,
Die ämsig der flinke Lenardo gesucht:

Da bot die Prinzessin ein Äpfelchen rar
Aus ihrem hellsilbernen Körbchen ihm dar,
Ein Äpfelchen, rosicht und gülden und rund,
Dazu sprach ihr Holdseliger Mund:

»Nimm hin für die Mühe! der Apfel sei dein!
Das Leckere wuchs nicht für Prinzen allein.
Er ist ja so Lieblich von außen zu sehn;
Will wünschen, was d'rin ist, sei zehnmal so schön.«

Und als sich der Liebling gestohlen nach Haus,
Da zog er, o Wunder! ein Blättchen heraus.
Das Blättchen im Apfel saß heimlich und tief;
D'rauf stand gar traulich geschrieben ein Brief:

»Du Schönster der Schönsten, von nah und von fern,
Du Schönster, vor Fürsten und Grafen und Herrn,
Der du trägst süchtiger höher Gemüt,
Als Fürsten und Grafen aus hohem Geblüt!

Dich hab' ich vor allen zum Liebsten erwählt;
Dich trag' ich im Herzen, das sehnend sich quält.
Mich labet nicht Ruhe, mich labet nicht Rast,
Bevor du gestillet dies Sehnen mir hast.

Zur Mitternachtstunde laß Schlummer und Traum,
Laß Bette, laß Kummer und suche den Baum,
Den Baum, der den Apfel der Liebe dir trug!
Dein harret was Liebes; nun weißt du genug.« -

Das däuchte dem Diener so wohl und so bang'!
So bang' und so wohl! Er zweifelte lang';
Viel zweifelt' er her, viel zweifelt' er hin;
Von Hoffen und Ahnden war trunken sein Sinn.

Doch als es nun tief um Mitternacht war,
Und still herab blinkte der Sternlein Schar;
Da sprang er vom Lager, ließ Schlummer und Traum
Und eilt in den Garten und suchte den Baum

Und, als er stillharrend am Liebesbaum saß,
Da säuselt' im Laube, da schlich es durch's Gras,
Und eh' er sich wandte, umschlang ihn ein Arm,
Da weht' ihn ein Odem an, lieblich und warm.

Und, als er die Lippen eröffnet zum Gruß,
Beschlang ihm die Rebe manch durstiger Kuß,
Und eh' es ihm zugeflüstert ein Wort,
Da zog es mit sammtenem Händchen ihn fort.

Es führt ihn allmählich mit heimlichem Tritt:
»Komm süßer, komm lieblicher Junge, komm mit!
Kalt wehen die Lüftchen; kein Dach und kein Fach
Beschirmet uns; komm in mein stilles Gemach!«

Und führt' ihn, durch Dornen und Kessel und Stein
In einen zertrümmerten Keller hinein.
Hier flimmert' ein Lämpchen; es zog ihn entlang,
beim Schimmer des Lämpchens, den heimlichen Gang. -

In Schlummer gehüllet war jedes Gesicht;
Doch ach! das Verräteraug' schlummerte nicht.
Lenardo! Lenardo! wie wird dir's ergehn,
Doch ehe die Hähne das Morgenlied krähn?

Weit her , von Hispaniens reichster Provinz,
War kommen ein hochstolzierender Prinz,
Mit Perlen, Gold, Ringen und Edelgestein,
Die schönste der schönen Prinsessen zu frei'n.

Ihm brannte der Busen, ihm lechte der Mund;
Doch hofft' er, doch harrt' er umsonst in Burgund;
Er warb wohl, und warb doch vergebens manch Jahr
Und wollte nicht weichen noch wanken von dar.

D'rob hatte der hochstolzierende Gast,
Bei Nacht und bei Tage nicht Ruhe noch Rast;
Und hatte zur selbigen Stunde der Nacht,
Sich auf und hinaus in den Garten gemacht;

Und hatt es vernommen, und hat' es gesehn,
Was jetzt kaum drei Schritte weit von ihm geschehn.
Er knirrschte die Zähne, biß blutig den Mund:
»Zur Stunde soll's wissen der Fürst von Burgund!«

Und eilte zur selbigen Stunde der Nacht;
Ihm wehrte vergebens die fürstliche Macht:
»Jetzt will ich, jetzt muß ich zum König hinein!
Weil Hochverrat ihn und Aufruhr bedräu'n.« -

»Hallo! Wach auf! du Fürst von Burgund!
Dein Königsgeschneide besudelt ein Hund;
Blandinen, dein gleißendes Töchterlein, schwächt,
Zur Stunde jetzt schwächt sie ein schändlicher Knecht.«

Das krachte dem Alten ins dumpfe Gehör:
Er liebte die einzige Tochter so sehr;
Er schätzte sie höher, als Zepter und Kron',
Und höher als seinen hellstrahlenden Thron.

Wild raffte der Fürst von Burgund sich empor:
»Das leugst du, Verräter, das leugst du mir vor
Dein Blut mir's entgelte! das trinke Burgund!
Mosern mich belogen dein giftiger Mund.« -

»Hier stell' ich, o Alter, zum Pfande mich dar.
Auf! eile! so findet's dein Auge noch wahr.
Mein Blut dir's entgelte! das trinke Burgund!
Mosern dich belogen mein redlicher Mund.«

Da rannte der Alte mit blinkendem Dolch.
Ihm nach kroch der verrätliche Molch,
Und wies ihn, durch Dornen und Kessel und Stein,
Stracks in den zertrümmerten Keller hinein.

Hier prangte vor Zeiten ein lustiges Schloß,
Daß längst schon in Schutt und in Trümmer zerschoß.
Noch wölbten sich Keller und Halle. Von vorn
Berbargen die Nessel und Distel und Dorn.

Die Halle war wenigen Augen bekannt;
Doch wer der Halle war kundig, der fand
Den Weg, durch eine verborgene Thür,
Wohl in der Prinzessin ihr Sommerlosier. -

Noch sendete durch den heimlichen Gang
Das Lämpchen der Liebe den Schimmer entlang.
Sie atmeten leise, sie schlichen gemach
Dem Schimmer des Lämpchens der Liebe sich nach;

Und kamen bald vor die verborgene Thür,
Und standen und harrten und lauschten allhier:
»Horch König! da flüstert's - horch! König! da spricht's
Da! glaubest du noch nicht, so glaubest du nichts.«

Und als sich der Alte zum Horchen geneigt,
Erkannt' er der Liebenden Stimme gar leicht.
Sie trieben, bei Küssen und tändelndem Spiel,
Des süßen Geschwätzes der Liebe gar viel.

»O Lieber! mein Lieber! was zaget dein Sinn,
Vor mir, die ich ewig dein eigen nun bin?
Prinzessin am Tage nur; aber bei Nacht
Magst du mir gebieten als eigener Magd!« -

»O schönste Prinzessin! o wärest du nur
Das dürftigste Mädchen auf dürftiger Flur!
Wie wollt' ich dann schmecken der Freuden so viel!
Nun setzet dein Lieben mir Kummer ans Ziel.« -

» O Lieber! mein Lieber! laß fahren den Wahn!
Bin keine Prinzessin! D'rauf sieh mich nur an!
Statt Vaters Gewalt, Reich, Zepter und Kron',
Erkies' ich den Schoß mir der Liebe zum Thron.« -

»O Schönste der Schönsten! dies zärtliche Wort,
Das kannst du, das wirst du nicht halten hinfort.
Durch werben, und werben, von nah und von fern.
Erwirbt dich noch einer der stattlichen Herrn.

Wohl schwellen die Wasser, wohl hebet sich Wind;
Doch Winde verwehen, doch Wasser verrinnt.
Wie Wind und wie Wasser ist weiblicher Sinn:
So wehet, so rinnet dein Lieben dahin.« -

»Laß werben und werben, von nah und von fern!
Erwirbt mich doch keiner der stattlichen Herrn.
O Süßer! o Lieber! mein zärtliches Wort
Das kann ich, das werd' ich dir halten hinfort.

Wie Wasser und Wind ist mein liebender Sinn:
Wohl wehen die Winde, wohl Wasser rinnt hin;
Doch alle verwehn und verrinnen ja nicht:
So ewig mein quellendes Lieben auch nicht.« -

»O: süße Prinzessin, noch zag' ich so sehr!
Mir ahndet's im Herzen, mir ahndet's, wie schwer!
Die Bande zerreißen; der Treuring zerbricht,
Worüber der Himmel den Segen nicht spricht.

Und wenn es der König, oh! wenn er's erfährt,
So triefet mein Leben am blutigen Schwert;
So mußt du dein Leben, verriegelt allein,
Tief unter dem Turm im Gewölbe verschrei'n.« -

»Ach Lieber! der Himmel zerreißet ja nicht,
Die Knoten, so treue, so Liebe sich flicht.
Der seligen Wonne, bei nächtlicher Ruh,
Der höret, der sieht kein Verräter ja zu.

Komm her , o komm her nun, mein trauter Gemahl
Und küss' mir den Kuß der Verlobung einmal!« - - -
Da kam er und küßt' ihr den rosichten Mund,
D'rob alle sein Zagen im Herzen verschwund.

Sie trieben, bei Küssen und tändelndem Spiel,
Des süßen Geschwätzes der Liebe noch viel.
Da knirrschte der König, da wollt' er hinein:
Doch ließen ihn Schlösser und Riegel nicht ein.

Nun harrt' er und harrte mit schäumendem Mund',
Wie vor der Höhle des Wilden ein Hund.
Den Liebenden d'rin, nach gepflogener Luft,
Ward enger und bänger von Ahndung die Brust. -

»Wach auf, Prinzessin! Der Hahn hat gekräht!
Nun laß mich, bevor sich der Morgen erhöht!« -
»Ach, Lieber, ach bleib noch! Es kündet der Hahn
Die erste der nächtlichen Wachen nur an.« -

»Schau auf, Prinzessin! Der Morgen schon graut!
Nun laß mich, bevor uns der Morgen erschaut!« -
»Ach, Trauter, ach bleib noch! der Sternlein Licht,
Verrät ja die Gänge der Liebenden nicht.« -

»Horch auf, Prinzessin! Da wirbelt ein Ton,
Da wirbelt die Schwalbe das Morgenlied schon'« -
»Ach Süßer! Ach bleib noch! Es ist ja der Schall
Der liebeflötenden Nachtigall.« - - -

»Nein! Laß mich! Der Hahn hat zum Morgen gekräht;
Schon leuchtet der Morgen; die Morgenluft weht;
Schon wirbelt die Schwalbe den Morgengesang,
Oh! Laß mich! Wie wird mir um's Herze so bang'!« -  -

»Ach Süßer! Leb wohl dann! Nein bleib noch Ade! -  -
O weh mir! Wie thut's mir im Busen so weh! - -
Weis her mir dein Herzchen! Ach! pocht ja so sehr!
Hab' lieb mich, du Herzchen! Auf morgen nacht mehr!« -

»Schlaf süß! Schlaf wohl!« Da schlüpft' er hinaus;
Ihm fuhren durch's Leben Entsetzen und Graus;
Es roch ihm wie Leichen; er stolpert' entlang,
Beim Schimmer des traurigen Lämpchens den Gang.

Hui! sprangen die Beiden vom Winkel herbei,
Und bohrten ihn nieder mit dumpfem Geschrei:
»Da! Hast du gefrei't um den Thron von Burgund,
Da hast du die Mitgift! da hast du sie, Hund!« -

»O: Jesu Maria! Erbarme dich mein!« -
D'rauf hüllte sein brechendes Auge sich ein.
Ohne Beicht', ohne Nachtmahl, ohn' Absolution,
Flog seine verzagende Seele davon.

Der Prinz von Hispania, schäumend vor Wut,
Zerhieb ihm den Busen mit knirrschendem Mut:
»Weis her mir dein Herzchen! Ach! pocht ja so sehr! -
Hast lieb gehabt, Herzchen? Hab's morgen nacht mehr!« -

Und riß ihm vom Busen das zuckende Herz,
Und fühlte sein Mütchen mit gräßlichem Scherz:
»Da bab' ich dich, Herzchen! Ach pochst ja so sehr!
Hab' lieb nun du Herzchen! Hab's morgen nacht mehr!« -

Indes die Prinzessin ach! zagte so sehr!
Zerwarf sich im Schlummer und träumte, wie schwer!
Von blutigen Perlen in blutigem Kranz',
Von blutigem Gastmahl und höllischem Tanz.

Sie warf sich im Bette, so müde, so krank!
Den kommenden Morgen und Tag entlang:
»O wenn's doch erst wieder tief mitternacht wär'!
Komm, Mitternacht, führe mein Labsal mir her !«

Und als es nun wieder tief mitternacht war,
Und still herab blinkte der Sternlein Schar:
»O weh mir! Mein Busen! was ahndet wohl dir?«
Horch! horch! da knarrte die heimliche Thür.

Ein Junker, in Flor und in Trauergewand
Trug Fackel und Leichengedeck in der Hand,
Trug einen zerbrochenen blutigen Ring,
Und legt' es danieder stillschweigend und ging.

Ihm folgt' ein Junker in Purpurgewand,
Der trug ein goldnes Geschirr in der Hand,
Versehen mit Henkel und Deckel und Knauf,
Und oben ein königlich Siegel Darauf

Ihm folgt' ein Junker in Silbergewand,
Mit einem versiegelten Brief' in der Hand,
Er gab der erstarrten Prinzessin den Brief,
Und ging und neigte sich schweigend und tief.

Und als die erstarrte Prinzessin den Brief
Erbrach, und mit rollenden Augen durchlief,
Umflirrt' es ihr Antlitz, wie Nebel und Duft;
Sie stürzte zusammen und schnappte noch Luft. -

Und als sie, mit zuckender strebender Kraft,
Sich wieder ermannt und dem Boden entrafft:
»Juchheisa! da sprang sie, juchheisa! Tralla!
Auf lustig, ihr Fiedler, mein Brauttag ist da!

Juchheisa! Ihr Fiedler, zum lustigen Tanz!
Mir schweben die Füße, mir flattert der Kranz!
Nun tanzet ihr Prinzen, von nah und von fern!
Auf lustig, ihr Damen! Auf lustig, ihr Herrn!

Ha! seht ihr nicht meinen Herzliebsten sich drehn?
Im Silbergewande, wie herrlich, wie schön!
Ihn zieret am Busen ein purpurner Stern.
Juchheisa, ihr Damen! Juchheisa, ihr Herrn!

Auf! lustig zum Tanze! Was steht ihr so fern?
Was rümpft ihr die Nasen, ihr Damen und Herrn?
Mein Bräutigam ist er! Ich heiße die Braut!
Uns haben die Engel im Himmel getraut.

Zu Tanze, zu Tanze! Was grinzet ihr fern?
Das rümpft ihr die Nasen, ihr Damen und Herrn? -
Weg, Edelgesindel! Pfui! stinkest mir an!
Du stinkest nach stinkender Hoffart mir an.

Wer schuf wohl aus Erden den Ritter und Knecht?
Ein hoher Sinn adelt auch niedres Geschlecht.
Mein Schönster trägt hohen und züchtigen Mut,
Und speiet in euer hochadliges Blut.

Juchheisa! Ihr Fiedler, zum lustigen Tanz!
Mir schweben die Füße, mir flattert der Kranz!
Juchheisa! Trallala! Juchheisa! Tralla!
Auf lustig, ihr Fiedler, mein Brauttag ist da!«

So sang sie zum Sprunge, so sprang sie zum Sang',
Biß aus der Stirn ihr der Todestau drang.
Der Todestau troff ihr die Wangen herab;
Sie taumelt' und keuchte zu Boden hinab.

Und als sich ihr Leben zum letzten ermannt,
Da streckte sie nach dem Gefäße die Hand,
Und schlang's in die Arme und hielt es im Schoß,
Und deckte, was d'rinnen verborgen war, bloß.

Da rauchte, da pocht' ihr entgegen sein Herz,
Als fühlt' es noch Leben, als Fühlt' es noch Schmerz
Jetzt that sich ihr blutiger Thränenquell auf,
Und strömte, wie Regen vom Dache, darauf.

»O Jammer! Nun gleichest du Wasser und Wind:
Wohl Winde verwehen, wohl Wasser verrinnt:
Doch alle verwehn und verrinnen ja nie! -
So du, o blutiger Jammer, auch nie!«

D'rauf sank sie, mit hohlem gebrochenen Blick,
In dumpfen Todestaumel zurück,
Und drückte noch fest, mit zermalmendem Schmerz,
Das Blutgefäß an ihr liebendes Herz.

»Dir lebt' ich, o Herzchen, dir sterb' ich mit Lust! -
O weh mir! O weh! - Du zerdrückst mir die Brust! -
Herab! - Herab! - Den zerquetschenden Stein! -
Oh! - Jesu Maria! Erbarme dich mein!« -

D'rauf schloß sie die Augen, d'rauf schloß sie den Mund.
Nun rannten die Boten; dem König ward's kund;
Laut scholl durch die Säle das Zetergeschrei:
»Prinzessin ist hin! Auf König, herbei!«

Das krachte dem Alten ins dumpfe Gehör.
Er liebte die einzige Tochter so sehr.
Er schätzte sie höher, als Zepter und Kron',
Und höher, als seinen hellstrahlenden Thron. -

Und als auch herbei der Verräter mit sprang,
Ergrimmte der Alte: »Das hab' ich dir Dank! -
Dein Blut mir's entgelte! das trinke Burgund!
Weil das mir geraten dein giftiger Mund.

Ihr Herzblut verklagt dich vor Gottes Gericht,
Das dir dein blutiges Urtel schon spricht.«
Rasch zuckte der Alte den blinkenden Dolch,
Und bohrte danieder den spanischen Molch.

»Lenardo, du Armer! Blandine, mein Kind! -
O heiliger Himmel! Verzeih' mir die Sünd'!
Verklaget nicht mich auch vor Gottes Gericht!
Ich bin ja - bin Vater! - Verklaget mich nicht!« -

So weinte der König, so reut' ihn zu spat,
Schwer reut' ihn die himmelanschreiende That.
D'rauf wurde bereitet ein silberner Sarg,
Worein er die Leichen der Liebenden barg.

 

       Das Lied vom braven Manne.

Hoch klingt das Lied vom braven Mann,
Wie Orgelton und Glockenklang.
Wer hohes Muts sich rühmen kann,
Den lohnt nicht Gold, den lohnt Gesang.
Gottlob! daß ich singen und preisen kann:
Zu singen und preisen den braven Mann.

Der Tauwind kam vom Mittagsmeer,
Und schnob durch Welschland trüb' und feucht.
Die Wolken flogen vor ihm her ,
Wie wann der Wolf die Herde scheucht.
Er fegte die Felder; zerbrach den Forst;
Auf Seen und Strömen das Grundeis borst.

Am Hochgebirge schmolz der Schnee,
Der Sturz von tausend Wassern scholl;
Das Wiesenthal begrub ein See;
Des Landes Heerstrom wuchs und schwoll;
Hoch rollten die Wogen, entlang ihr Gleis,
Und rollten gewaltige Felsen Eis.

Auf Pfeilern und auf Bogen schwer,
Aus Quaderstein von unten auf,
Lag eine Brücke d'rüber her;
Und mitten stand ein Häschen d'rauf.
Hier wohnte der Zöllner, mit Weib und Kind. -
»O Zöllner! o Zöllner! Entfleuch geschwind!«

Es dröhnt' und dröhnte dumpf heran,
Laut heulten Sturm und Wog' um's Haus.
Der Zöllner sprang zum Dach hinan,
Und blickt' in den Tumult hinaus.
»Barmherziger Himmel! Erbarme dich!
Verloren! Verloren! Wer rettet mich?«

Die Schollen rollten, Schuß auf Schuß,
Von beiden Ufern, hier und dort,
Von beiden Ufern riß der Fluß
Die Pfeiler sammt den Bogen fort.
Der bebende Zöllner, mit Weib und Kind, -
Er heulte noch lauter, als Strom und Wind.

Die Schollen rollen, Stoß auf Stoß,
An beiden Enden, hier und dort,
Zerborsten und zertrümmert, schoß,
Ein Pfeiler nach dem andern fort.
Bald nahte der Mitte der Umsturz sich. -
»Barmherziger Himmel! Erbarme dich!« -

Hoch auf dem fernen Ufer stand
Ein Schwarm von Gaffern, groß und klein;
Und Jeder schrie und rang die Hand,
Doch mochte Niemand Retter sein.
Der bebende Zöllner, mit Weib und Kind
Durchheulte nach Rettung den Strom und Wind. -

Wann klingst du, Lied vom braven Mann,
Wie Orgelton und Glockenklang?
Wohlan! So nenn' ihn, nenn' ihn dann!
Wann nennst du ihn, mein schönster Sang?
Bald nahet der Mitte der Umsturz sich.
O braver Mann! braver Mann! zeige dich!

Rasch galoppiert' ein Graf hervor,
Auf hohem Roß ein edler Graf.
Was hielt des Grafen Hand empor?
Ein Beutel war es, voll und straff. -
»Zweihundert Pistolen sind zugesagt
Dem, welcher die Rettung der Armen wagt.«

Wer ist der Brave? Ist's der Graf?
Sag an, mein braver Sang, sag an! -
Der Graf, beim höchsten Gott! war brav!
Doch weiß ich einen bravern Mann. -
O braver Mann! braver Mann! Zeige dich!
Schon naht das Verderben sich fürchterlich. -

Und immer höher schwoll die Flut;
Und immer lauter schnob der Wind;
Und immer tiefer sank der Mut.
O Retter! Retter! Komm geschwind!
Stets Pfeiler bei Pfeiler zerborst und brach.
Laut krachten und stürzten die Bogen nach.

»Hallo! Hallo! Frisch auf gewagt!«
Hoch hielt der Graf den Preis empor.
Ein Jeder hört's doch Jeder zagt,
Aus Tausenden tritt Keiner vor.
Vergebens durchheulte, mit Weib und Kind,
Der Zöllner nach Rettung den Strom und Wind.

Sieh, schlecht und recht, ein Bauersmann
Am Wanderstabe schritt daher,
Mit grobem Kittel angethan,
An Wuchs und Antlitz hoch und hehr
Er hörte den Grafen; vernahm sein Wort;
Und schaute das nahe Verderben dort.

Und kühn in Gottes Namen, sprang
Er in den nächsten Fischerkahn;
Trotz Wirbel, Sturm, und Wogendrang,
Kam der Erretter glücklich an:
Doch wehe! der Nachen war allzuklein,
Der Retter von Allen zugleich zu sein.

Und dreimal zwang er seinen Kahn,
Trotz Wirbel, Sturm, und Wogendrang;
Und dreimal kam er glücklich an,
Bis ihm die Rettung ganz gelang.
Kaum kamen die Letzten in sichern Port;
So rollte das letzte Getrümmer fort. -

Wer ist, wer ist der brave Mann?
Sag an, sag an, mein braver Sang!
Der Bauer wagt' ein Leben dran:
Doch that er's wohl um Goldesklang?
Denn spendete nimmer der Graf sein Gut;
So wagte der Bauer vielleicht kein Blut. -

»Hier, rief der Graf, mein wackrer Freund!
Hier ist dein Preis! Komm her ! Nimm hin!« -
Sag an, war das nicht brav gemeint? -
Bei Gott! der Graf trug hohen Sinn. -
Doch höher und himmlischer, wahrlich! schlug
Das Herz, das der Bauer im Kittel trug.

»Mein Leben ist für Gold nicht feil.
Arm bin ich zwar, doch ess' ich satt.
Dem Zöllner werd' eur Gold zu teil,
Der Hab' und Gut verloren hat!«
So rief er, mit herzlichem Biederton,
Und wandte den Rücken und ging davon. -

Hoch klingst du, Lieb vom braven Mann,
Wie Orgelton und Glockenklang!
Wer solches Muts sich rühmen kann,
Den lohnt kein Gold, den lohnt Gesang.
Gottlob! daß ich singen und preisen kann,
Unsterblich zu preisen den braven Mann.

 

               Sanct Stephan.

Sanct Stephan war ein Gottesmann,
Von Gottes Geist beraten,
Der durch den Glauben Kraft gewann,
Zu hohen Wunderthaten.
Doch seines Glaubens Wunderkraft,
Und seine Himmelswissenschaft
Verdroß die Schulgelehrten,
Die Erdenweisheit ehrten.

Und die Gelehrten stritten scharf
Und waren ihm zuwider;
Allein die Himmelsweisheit warf
Die irdische darnieder.
Und ihr beschämter Hochmut sann
Auf Rache an den Gottesmann.
Ihn zu verleumden, dungen
Sie falscher Zeugen Zungen.

Und gegen ihn in Aufruhr trat
Die jüdische Gemeinde.
Bald riß ihn vor den hohen Rat
Die Rachgier seiner Feinde.
Die falschen Zeugen stiegen auf
Und logen: »Dieser hört nicht auf,
Zu sträflichem Exempel,
Zu lästern Gott und Tempel.

Sein Jesus schmäht er, würde nun
Des Tempels Dienst zerstören;
Hinweg die Satzung Mosis thun,
Und andre Sitte lehren.«
Starr sah der ganze Rat ihn an;
Doch Er, mit Unschuld angethan,
Trotz dem, was sie bezeugten,
Schien Engeln gleich zu leuchten.

»Nun sprich! Ist dem also?« begann
Der Hohepriester endlich.
Da hub er frei zu reden an,
Und deutete verständlich
Der heiligen Propheten Sinn,
Und was der Herr vom Anbeginn,
Zu Juda's Heil und Frommen,
Gered't und unternommen.

»Doch, Unbeschritt'ne, fuhr er fort,
In Herzen und an Ohren!
In Euch war Gottes That und Wort
Von je und je verloren.
Eu'r Stolz, der sich der Zucht entreißt,
Stets widerstrebt er Gottes Geist.
Ihr, so wie eure Väter,
Seid Mörder und Verräter!

Nennt mir Propheten, die sie nicht
Verfolgt und hingerichtet,
Wann sie aus göttlichem Gesicht
Des Heilands Kunst Berichtet;
Des Heilands, welchen eu'r Verrat
Zu Tobe jetzt gekreuzigt hat.
Ihr wißt zwar Gottes Willen;
Doch wollt ihn nie erfüllen.«

Und horch! ein dumpfer Lärm erscholl.
Es knirrschte das Getümmel.
Er aber ward des Geistes voll,
Und blickt' empor gen Himmel,
Und sah eröffnet, weit und breit,
Des ganzen Himmels Herrlichkeit,
Und Jesum in den Höhen
Zur Rechten Gottes stehen.

Nun rief er hoch im Jubelton:
»Ich seh' im offnen Himmel,
Zu Gottes Rechten, Gottes Sohn !«
Da stürmte das Getümmel,
Und brauste, wie ein wildes Meer,
Und übertäubte das Gehör,
Und wie von Sturm und Wogen,
Ward er hinweg gezogen.

Hinaus zum nächsten Thore brach
Der Strom der tollen Menge,
Und schleifte den Mann Gottes nach,
Zerstoßen im Gedränge;
Und tausend Mörderstimmen schrie'n,
Und Steine hagelten auf ihn,
Aus tausend Mörderhänden,
Die Rache zu vollenden.

Als er den letzten Odem zog,
Zerschellt von ihrem Grimme,
Da faltet' er die Hände hoch,
Und bat mit lauter Stimme:
»Behalt, o Herr, für dein Gericht,
Dem Volke diese Sünde nicht! -
Nimm meinen Geist von hinnen! -«
Hier schwanden ihm die Sinnen.

 

Der Bruder Graurock und die Pilgerin.

Ein Pilgermädel, jung und schön,
Wollt' auf ein Kloster zu.
Sie zog das Glöcklein an dem Thor;
Ein Bruder Graurock trat hervor,
Halbbarfuß ohne Schuh.

Sie sprach: »Gelobt sei Jesus Christ!«
»In Ewigkeit!« sprach er.
Gar wunderseltsam ihm geschah;
Und als er ihr ins Auge sah,
Da schlug sein Herz noch mehr.

Die Pilgerin mit leisem Ton,
Voll holder Schüchternheit:
»Ehrwürdiger, o meldet mir,
Weilt nicht mein Herzgeliebter hier
In Klostereinsamkeit?« -

»Kind Gottes, wie soll kenntlich mir
Dein Herzgeliebter sein?«
»Ach! An dem gröbsten härnen Rock,
An Geißel, Gurt, und Weidenstock,
Die seinen Leib kastei'n.

Noch mehr an Wuchs und Angesicht,
Wie Morgenrot im Mai,
Am goldnen Ringellockenhaar,
Am himmelblauen Augenpaar,
So freundlich, lieb und treu!«

»Kind Gottes, o wie längst dahin!
Längst tot und tief verscharrt!
Das Gräschen säuselt d'rüber her ;
Ein Stein von Marmel drückt ihn schwer
Längst tot und tief verscharrt!

Siehst dort, in Immergrün verhüllt,
Das Zellenfenster nicht?
Da wohnt' und weint' er, und verkam,
Durch seines Mädels Schuld, vor Gram,
Verlöschend, wie ein Licht.

Sechs Junggesellchen, schlank und fein,
Bei Trauersang und Klang,
Sie trugen seine Bahr' ans Grab;
Und manche Zähre rann hinab,
Indem sein Sarg versank.«

»O weh! O weh! So bist du hin?
Bist tot und tief verscharrt?
Nun brich, o Herz, die Schuld war dein!
Und wärst du, wie sein Marmelstein,
Wärst dennoch nicht zu hart.« -

»Geduld, Kind Gottes, weine nicht!
Nun bete desto mehr!
Vergebner Gram zerspellt das Herz;
Das Augenlicht verlischt von Schmerz;
D'rum weine nicht so sehr!«

»O nein, Ehrwürdiger, o nein!
Verdamme nicht mein Leid!
Denn meines Herzens Lust war Er;
So lebt und liebt kein Jüngling mehr,
Auf Erden weit und breit.

D'rum laß mich weinen immerdar,
Und seufzen Tag und Nacht,
Bis mein verweintes Auge bricht,
Und lechzend meine Zunge spricht:
Gottlob! Nun ist's vollbracht!« -

»Geduld, Kind Gottes, weine nicht!
O seufze nicht so sehr!
Kein Tau, kein Regentrank erquickt
Ein Veilchen, das du abgepflückt.
Es welkt und blüht nicht mehr.

Huscht doch die Freud' auf Flügeln, schnell
Wie Schwalben, vor uns hin.
Was halten wir das Leid so fest,
Das, schwer wie Blei, das Herz zerpreßt?
Laß fahren! Hin ist hin!« -

»O nein, Ehrwürdiger, o nein!
Gibt meinem Gram kein Ziel!
Und litt ich um den lieben Mann,
Was nur ein Mädchen leiden kann,
Nie litt' ich doch zu viel. -

So seh' ich ihn nun nimmermehr?
O weh! Nun nimmermehr? -
Nein! Nein! Ihn birgt ein düstres Grab;
Es regnet d'rauf und schnei't herab;
Und Gras weht d'rüber her. -

Wo seid ihr Augen, blau und klar?
Ihr Wangen, rosenrot?
Ihr Lippen, süß wie Nelkenduft?
Ach! Alles modert in der Gruft;
Und mich verzehrt die Not.« -

»Kind Gottes, härme so dich nicht !
Und denk' wie Männer sind!
Den Meisten webt's aus Einer Brust,
Bald heiß, bald kalt; sie sind zur Lust
Und Unlust gleich geschwind.

Wer weiß, trotz deiner Treu' und Huld,
Hätt' ihn sein Loos gereut.
Dein Liebster war ein junges Blut,
Und junges Blut hegt Wankelmut,
Wie die Aprillenzeit.« -

»Ach nein, Ehrwürdiger, ach nein!
Sprich dieses Wort nicht mehr!
Mein Trauter war so lieb und hold,
War lauter, ächt, und treu, wie Gold,
Und aller Falschheit leer.

Ach! ist es wahr, daß ihn das Grab
Im dunkeln Rachen hält?
So sag' ich meiner Heimat ab,
Und setze meinen Pilgerstab
Fort durch die weite Welt.

Erst aber will ich hin zur Gruft;
Da will ich niederknie'n;
Da soll von Seuferhauch und Kuß,
Und meinem Tausendthränenguß,
Das Gräschen frischer blüh'n.« -

»Kind Gottes, kehr' allhier erst ein,
Daß Ruh und Kost dich pflegt!
Horch! wie der Sturm die Fahnen trillt,
Und kalter Schloßenregen wild
An Dach und Fenster schlägt!« -

»O nein, Ehrwürdiger, o nein!
O halte mich nicht ab!
Mag's sein, daß Regen mich befällt!
Wäscht Regen aus der ganzen Welt
Doch meine Schuld nicht ab.«

»Heida! Fein's Liebchen, nun kehr' um!
Bleib hier und tröste dich! -
Fein's Liebchen, schau mir ins Gesicht! -
Kennst du den Bruder Graurock nicht?
Dein Liebster, ach! - bin ich.

Aus hoffnungslosem Liebesschmerz
Erkor ich dies Gewand.
Bald hätt' in Klostereinsamkeit
Mein Leben und mein Herzeleid
Ein hoher Schwur verbannt.

Doch, Gott sei Dank! mein Probejahr
Ist noch nicht ganz herum.
Fein's Liebchen, hast du wahr bekannt?
Und gäbst du mir wohl gern die Hand;
So kehrt' ich wieder um.« -

»Gottlob! Gottlob! nun fahre hin
Auf ewig Gram und Not!
Willkommen! o willkommen, Lust!
Komm Herzensjung an meine Brust!
Nun scheid' uns nichts, als Tod!«