Bürger

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Biografie

Seite 8

Die Entführung, oder Ritter Karl von
Eichenhorst und Fräulein Gertrude von
                      Hochburg.

» Knapp', satt'le mir mein Dänenroß,
Daß ich mir Ruh' erreite!
Es wird mir hier zu eng' im Schloß;
Ich will und muß ins Weite!«
So rief der Ritter Karl in Hast,
Voll Angst und Ahndung, sonder Rast.
Es schien ihn fast zu plagen,
Als hätt' er Wen erschlagen.

Er sprengte, daß es Funken stob,
Hinunter von dem Hofe;
Und als er kaum den Blick erhob,
Sieh da! Gertrudens Zofe!
Zusammenschrak der Rittersmann;
Es packt' ihn, wie mit Krallen an,
Und schüttelt' ihn, wie Fieber,
Hinüber und herüber.

»Gott grüß' Euch, edler junger Herr!
Gott geb' Euch Heil und Frieden!
Mein armes Fräulein hat mich her
Zum letztenmal beschieden.
Verloren ist Euch Trudchens Hand!
Dem Junker Plump von Pommerland
Hat sie, vor aller Ohren,
Ihr Vater zugeschworen.

›Mord! - flucht er laut, bei Schwert und Spieß,
Wo Karl dir noch gelüstet,
So sollst du tief ins Burgverließ,
Wo Molch und Unke nistet.
Nicht rasten will ich Tag und Nacht,
Bis daß ich nieder ihn gemacht,
Das Herz ihm ausgerissen,
Und das dir nachgeschmissen.‹

Jetzt in der Kammer zagt die Braut,
Und zuckt vor Herzenswehen,
Und ächzet tief, und weinet laut,
Und wünschet zu vergehen.
Ach! Gott der Herr muß ihrer Pein,
Bald muß und wird er gnädig sein.
Hört ihr zur Trauer läuten,
So wißt ihr's auszudeuten. -

›Geh, meld' ihm, daß ich sterben muß -
Rief sie mit tausend Zähren -
Geh, bring ihm ach! den letzten Gruß,
Den er von mir wird hören!
Geh, unter Gottes Schutz, und bring'
Von mir ihm diesen goldnen Ring
Und dieses Wehrgehenke,
Wobei er mein gedenke!‹« -

Zu Ohren braust' ihm, wie ein Meer,
Die Schreckenspost der Dirne.
Die Berge wankten um ihn her .
Es klirrt' ihm vor der Stirne.
Doch jach, wie Windeswirbel fährt,
Und rührig Laub und Staub empört,
Ward seiner Lebensgeister
Verzweiflungsmut nun Meister.

»Gottslohn! Gottslohn! du treue Magd,
Kann ich's dir nicht bezahlen.
Gottslohn! daß du mir's angesagt,
Zu hunderttausendmalen.
Biß wohlgemut und tummle dich!
Flugs tummle dich zurück und sprich:
Wär's auch aus tausend Ketten,
So wollt' ich sie erretten!

Biß Wohlgemut und tummle dich!
Flugs tummle dich von hinnen!
Ha! Riesen, gegen Hieb und Stich,
Wollt' ich sie abgewinnen.
Sprich: Mitternachts, bei Sternenschein,
Wollt' ich vor ihrem Fenster sein,
Mir geh' es, wie es gehe!
Wohl, oder ewig wehe!

Risch auf und fort!« - Wie Sporen trieb
Des Ritters Wort die Dirne.
Tief holt' er wieder Luft und rieb
Sich's klar vor Aug und Stirne.
Dann schwenkt' er hin und her sein Roß,
Daß ihm der Schweiß vom Buge floss,
Bis er sich Rat ersonnen
Und den Entschluß gewonnen.

D'rauf ließ er heim sein Silberhorn
Von Dach und Zinnen schallen.
Herangesprengt, durch Korn und Dorn,
Kam stracks ein Heer Vasallen.
D'raus zog er Mann bei Mann hervor,
Und raunt' ihm heimlich Ding ins Ohr: -
»Wohlauf! Wohlan! Seid fertig,
Und meines Horns gewärtig!« -

Als nun die Nacht Gebirg' und Thal
Vermummt in Rabenschatten,
Und Hochburgs Lampen überall
Schon ausgeflimmert hatten,
Und alles tief entschlafen war;
Doch nur das Fräulein immerdar,
Voll Fieberangst, noch wachte,
Und seinen Ritter dachte:

Da horch! Ein süßer Liebeston
Kam leis' empor geflogen.
»Ho, Trudchen, ho! Da bin ich schon!
Risch auf! Dich angezogen!
Ich, ich, dein Ritter, rufe dir;
Geschwind, geschwind herab zu mir!
Schon wartet dein die Leiter.
Mein Klepper bringt dich weiter.« -

»Ach nein, du Herzens-Karl, ach nein!
Still, daß ich nichts mehr höre!
Entränn' ich ach! mit dir allein,
Dann wehe meiner Ehre!
Nur noch ein letzter Liebeskuß
Sei, Liebster, dein und mein Genuß,
Eh ich im Totentkleide
Auf ewig von dir scheide.« -

»Ha Kind! Auf meine Rittertreu
Kannst du die Erde bauen.
Du kannst, beim Himmel! froh und frei
Mir Ehr' und Leib vertrauen.
Risch geht's nach meiner Mutter fort.
Das Sakrament vereint uns dort.
Komm, komm! Du bist geborgen.
Laß Gott und mich nur sorgen!« -

»Mein Vater! - - Ach! ein Reichsbaron! - - -
So stolz von Ehrenstamme! -  -
-Laß ab! Laß ab! Wie beb' ich schon,
Vor seines Zornes Flamme!
Nicht rasten wird er Tag und Nacht,
Bis daß er nieder dich gemacht,
Das Herz dir ausgerissen
Und das mir vorgeschmissen.« -

»Ha, Kind! Sei nur erst sattelfest,
So ist mir nicht mehr bange. -
Dann steht uns offen Ost und West. -
O zaudre nicht zu lange!
Horch, Liebchen, horch! - Was rührte sich? -
Um Gotteswillen! tummle dich!
Komm, komm! die Nacht hat Ohren;
Sonst sind wir ganz verloren.« -

Das Fräulein zagte - stand - und stand -
Es graust' ihr durch die Glieder. -
Da griff er nach der Schwanenhand,
Und zog sie flink hernieder.
Ach! Was ein Herzen, Mund und Brust,
Mit Rang und Drang, voll Angst und Lust,
Belauschten jetzt die Sterne,
Aus hoher Himmelsferne! -

Er nahm sein Lieb, mit einem Schwung,
Und schwang's auf den Polacken.
Hui! saß er selber auf und schlung
Sein Heerhorn um den Nacken.
Der Ritter hinten, Trubchen vorn.
Den Dänen trieb des Ritters Sporn;
Die Peitsche den Polacken;
Und Hochburg blieb im Nacken. -

Ach! leise hört die Mitternacht!
Kein Wörtchen ging verloren.
Im nächsten Bett' war aufgewacht
Ein Paar Verräterohren.
Des Fräuleins Sittenmeisterin,
Voll Gier nach schnödem Goldgewinn,
Sprang hurtig auf, die Thaten
Dem Alten zu verraten.

»Hallo! hallo! Herr Reichsbaron! -
Hervor aus Bett' und Kammer! -
Eu'r Fräulein Trudchen ist entflohn,
Entflohn zu Schand' und Jammer!
Schon reitet Karl von Eichenhorst,
Und jagt mit ihr durch Feld und Forst.
Geschwind! Ihr dürft nicht weilen,
Wollt ihr sie noch ereilen.«

Hui auf der Freiherr, hui herauß,
Bewehrte sich zum Streite,
Und donnerte durch Hof und Haus
Und weckte seine Leute. -
»Heraus, mein Sohn von Pommerland!
Sitz' auf! Nimm Lanz' und Schwert zur Hand!
Die Braut ist dir gestohlen;
Fort, fort! sie einzuholen!« -

Rasch ritt das Paar im Zwielicht schon,
Da horch! - ein dumpfes Rufen -
Und horch! - erscholl ein Donnerton,
Von Hochburgs Pferdehufen;
Und wild kam Plump, den Zaum verhängt,
Weit weit voran, dahergesprengt,
Und ließ, zu Trudchens Grausen,
Vorbei die Lanze sausen. -

»Halt an! halt an! du Ehrendieb!
Mit deiner losen Beute.
Herbei vor meinen Klingenhieb!
Dann raube wieder Bräute!
Halt an, verlaufne Buhlerin,
Daß neben deinen Schurken hin
Dich meine Rache strecke,
Und Schimpf und Schand' euch decke!«

»Das leugst du, Plump von Pommerland,
Bei Gott und Ritterehre!
Herab! Herab! daß Schwert und Hand
Dich andre Sitte lehre. -
Halt, Trudchen, halt den Dänen an! -
Herunter, Junker Grobian,
Herunter von der Mähre,
Daß ich dich Sitte lehre!« -

Ach! Trudchen, wie voll Angst und Not!
Sah hoch die Säbel schwingen.
Hell funkelten im Morgenrot
Die Damascener klingen.
Von Kling und Klang, von Ach und Krach,
Ward rund umher das Echo wach.
Von ihrer Fersen Stampfen
Begann der Grund zu dampfen.

Wie Wetter schlug des Liebsten Schwert
Den Ungeschliffnen nieder.
Gertrudens Held blieb unversehrt,
Und Plump erstand nicht wieder.
Nun weh, o weh! Erbarm' es Gott!
Kam fürchterlich, Galopp und Trott,
Als Karl kaum ausgestritten,
Der Nachtrab angeritten. -

Trara! Trara! durch Flur und Wald
Ließ Karl sein Horn nun schallen.
Sieh da! Hervor vom Hinterhalt,
Hop hop! sein Heer Vasallen. -
»Nun halt, Baron, und hör' ein Wort!
Schau auf! Erblickst du Jene dort?
Die sind zum Schlagen fertig,
Und meines Winks gewärtig.

Halt an! Halt an! Und hör' ein Wort,
Damit dich nichts gereue!
Dein Kind gab längst mir Treu und Wort,
Und ich ihm Wort und Treue.
Willst du zerreißen Herz und Herz?
Soll dich ihr Blut, soll dich ihr Schmerz
Vor Gott und Welt verklagen?
Wohlan! so laß uns schlagen!

Noch halt! Bei Gott beschwör' ich dich!
Bevor's dein Herz gereuet.
In Ehr' und Züchten hab' ich mich
Dem Fräulein stets geweihet.
Gib, - - Vater! - - gib mir Trudchens Hand! -
Der Himmel gab mir Gold und Land.
Mein Ritterruhm und Adel,
Gottlob! trotzt jedem Tadel.« -

Ach! Trudchen, wie voll Angst und Not!
Verblüht' in Todesblässe.
Vor Zorn der Freiherr heiß und rot,
Glich einer Feueresse. -
Und Trudchen warf sich auf den Grund;
Sie rang die schönen Hände wund,
Und suchte baß, mit Thränen,
Den Eifrer zu versöhnen.

»O Vater, habt Barmherzigkeit,
Mit euerm armen Kinde!
Verzeih' euch, wie ihr uns verzeiht,
Der Himmel auch die Sünde!
Glaubt, bester Vater, diese Flucht,
Ich hätte nimmer sie versucht,
Wenn vor des Junkers Bette
Mich nicht geekelt hätte. -

Wie oft habt ihr, auf Knie und Hand
Gewiegt mich und getragen!
Wie oft: du Herzenskind! genannt!
Du Trost in alten Tagen!
O Vater, Vater! denkt zurück!
Ermordet nicht mein ganzes Glück!
Ihr tötet sonst daneben
Auch euers Kindes Leben.« -

Der Freiherr warf sein Haupt herum,
Und wies den krausen Nacken.
Der Freiherr rieb, wie taub und stumm,
Die dunkelrauhen Backen. -
Vor Wehmut brach ihm Herz und Blick;
Doch schlang er stolz den Strom zurück,
Um nicht durch Vaterthränen
Den Rittersinn zu höhnen. -

Bald sanken Zorn und Ungestüm.
Das Vaterherz wuchs über.
Von hellen Zähren strömten ihm
Die stolzen Augen über. -
Er hob sein Kind vom Boden auf,
Er ließ der Herzensflut den Lauf,
Und wollte schier vergehen,
Vor wundersüßen Wehen. -

»Nun wohl! Verzeih' mir Gott die Schuld,
So wie ich dir verzeihe!
Empfange meine Vaterhuld,
Empfange sie auf's neue!
In Gottes Namen, sei es d'rum! -
Hier wandt' er sich zum Ritter um, -
Da! Nimm sie meinetwegen,
Und meinen ganzen Segen!

Komm, nimm sie hin, und sei mein Sohn,
Wie ich dein Vater werde!
Vergeben und vergessen schon
Ist jegliche Beschwerde.
Dein Vater, einst mein Ehrenfeind,
Der's nimmer hold mit mir gemeint,
That vieles mir zu Hohne.
Ihn haßt' ich noch im Sohne.

Mach's wieder gut! Mach's gut, mein Sohn,
An mir und meinem Kinde!
Auf daß ich meiner Güte Lohn
In deiner Güte finde.
So segne dann, der auf uns sieht,
Euch segne Gott, von Glied zu Glied!
Auf! Wechselt Ring' und Hände!
Und hiermit Lied am Ende!« -

 

                      Frau Schnips.

Ein Märlein halb lustig, halb ernsthaft, sammt
              angehängter Apologie.

Frau Schnipsen hatte Korn im Stroh,
Und hielt sich weidlich lecker;
Sie lebt, in dulci Jubilo,
Und Keine war euch kecker.

Das Mäulchen, sammt dem Zünglein flink,
Saß ihr am rechten Flecken.
Sie schimpfte wie ein Rohrsperling,
Wenn man sie wollte necken.

Da kam Hans Mors, und zog den Strich
Durch ihr Schlaraffenleben.
Zwar belferte sie jämmerlich;
Doch mußte sie sich geben.

Sie klaffte fort, den Weg hinan,
Bis vor die Himmelspforte,
Gekränkt, daß sie nicht Zeit gewann,
Zur Letzten Mandeltorte.

Weil nun der letzte Ärger ihr
Noch spukt' im Tabernakel,
So trieb sie vor der Himmelsthür
Viel Unfug und Spektakel.

»Wer da, rief Adam unmutsvoll,
Stört so die Ruh der Frommen?«
»Ich bins! Frau Schnips! Ich wünschte wohl
Bei Euch mit anzukommen.« -

»Du? - Nicht also, Frau Sünderin!
Frau Liederlich! Frau Lecker!«
»Ich weiß wohl selber, was ich bin,
Du alter Sündenhecker!

Ei, zupfte sich Herr Erdenkloß
Doch nur an eigner Nase!
Denn was man ist, das ist man bloß,
Von seinem Apfelfraße.

So gut wie Er, denk' ich zur Ruh
Noch Platz hier zu gewinnen.« -
Der Vater hielt die Ohren zu
Und trollte sich von hinnen.

D'rauf machte Jakob sich ans Thor:
»Marsch! Packe dich zum Teufel!« -
»Was? schrie Frau Schnips ihm laut ins Ohr,
Fickfacker! Ich zum Teufel?

Du bist mir wohl der rechte Held,
Und bist wohl hier für's Prellen?
Hast Bruder und Papa geprellt,
Mit deinen Ziegenfellen.«

Stockmäuschenstill trieb ihr Geschrei
Hinweg den Patriarchen.
Hierauf sprang Ehren-Loth herbei,
Mit Brausen und mit Schnarchen.

»Du auch, du alter Saufaus hast,
Groß Recht hier zum Geprahle!
Bist wahrlich nicht der feinste Gast
In diesem Himmelssaale!

Bezecht sich erst beim Abendbrot,
Den Kindern zum Gelächter,
Und dann beschläft Er - pfui, Herr Loth! -
Gar seine eignen Töchter!«

Ha puh! Wie stank der alte Mist!
Loth mußte sich bequemen,
Als hätt' er in das Bett' gepißt,
Voll Scham Reißaus zu nehmen.

»Na! - lief Relikte Judith hin,
Welch Lärm hier und Gebrause!« -
»Bonsdies! Frau Gurgelschneiderin!
Sie ist hier auch zu Hause?« -

Vor großer Scham bald bleich bald rot,
Stand Judith bei dem Gruße.
Der König David sah die Not,
Und folgt' ihr auf dem Fuße.

»Was für Hallo, du Teufelsweib?
Potz hunderttausend Velten!« -
»Ei, Herr, wär' ich Uria's Weib,
Ihr würdet so nicht schelten.

Es war, mein Seel! wohl mehr Hallo,
Mit Bathseba zu liebeln,
Und ihren armen Hahnrei so
Zur Welt hinaus zu bübeln.« -

»Das Weib ist toll, rief Salomo,
Hat zu viel Schnaps genommen!
Was? Seiner Majestät also - - -
So - -  hundsföttsch anzukommen?« -

»O Herr, nicht halb so toll, als Er!
Hätt' er sein Maul gehalten!
Wir wissen's noch recht gut, wie Er
Auf Erden Haus gehalten.

Sieb'n hundert Weiber auf der Streu,
Und extra noch darneben
Drei hundert  - - Andre! Meiner Treu!
Das war ein züchtig Leben!

Und Sein Verstand war klimperklein,
Als Er von Gott sich wandte,
Und Götzen pur von Holz und Stein,
Sein thöricht Opfer brannte.« -

»Fürwahr, empörte Jonas sich,
Das Weib speit, wie ein Drache!« -
»Halt's Maul, Ausreißer! Kümmre dich
Um Deine faule Sache!« -

Auch Thom's gab seinen Senf dazu:
»Ein Sprichwort, das ich glaube,
Sagt: Weiberzung' hat nimmer Ruh;
Sie ist von Espenlaube.« -

»Glaub' immer was ein Narr erdacht,
Mit allen dummen Teufeln!
Doch konnt' an seines Heilands Macht
Der schwache Pinsel zweifeln.«

Maria Magdalena kam. -
Nu ja! Die wird's erst kriegen! -
»Still, gute Frau, fein still und zahm!
Ihr müßt Euch anders fügen.

Denn, gute Frau, erinnert Euch
In Eu'r verruchtes Leben!
So Einer wird im Himmelreich
Kein Plätzchen eingegeben.« -

»So Einer? schrie Frau Schnips, ei schaut!
Was bin ich denn für Eine?
Sie war mir auch das rechte Kraut!
Nun brennt Sie gar sich reine?

Ach! Um die Tugend ihrer Zeit
Ist Sie nicht hergekommen.
Des Heilands Allbarmherzigkeit
Hat Sie hier aufgenommen.

Durch diese Allbarmherzigkeit,
Sie wird's nicht übel deuten,
Hoff' ich, trotz meiner Sündlichkeit
Auch noch hineinzuschreiten.« -

Jetzt sprang Apostel Paul empor:
»Mit deinen alten Sünden,
Bleib, wirst du durch das Himmelsthor
Den Eingang nimmer finden!« -

»Die lass' ich draußen! Denke, Paul,
Wie dir's vor Zeiten glückte;
Dir, der doch so mit Mord als Saul,
Die Kirche Gottes drückte!« -

Sanct Peter kam nun auch zum Spiel:
»Die Thür nicht eingeschlagen!
Madam, Sie lärmt auch allzuviel;
Wer kann das hier vertragen?«

»Geduld, Herr Pförtner! sagte sie;
Noch bin ich unverloren!
Hab' ich doch meinen Heiland nie,
Wie zu einst, abgeschworen.« - -

Und unser lieber Herr vernahm
Der Seele letzte Worte.
Umringt von tausend Engeln kam
Er herrlich an die Pforte.

»Erbarmen! Ach, Erbarmen!« schrie
Die arme bange Seele. -
»O Seele, du gehorchtest nie
Dem Göttlichen Befehle.

Ich lockte dich an meine Brust:
Zur Sünde gingst du über.
Die Welt mit ihrer eiteln Lust
War, Thörin, dir viel lieber.« -

»O! Ich bekenn' es, Herr, ich schwamm
Im Lustpfuhl dieser Erde;
Doch bringe du dein irrend Lamm
Zurück zu deiner Herde!

Ich will, o lieber Hirt, hinfort
Mein Irrsal stets bereuen.
Half doch sein letztes armes Wort
Dem Schächer zum Gedeihen.« -

»Du wußtest, Weib, was ich gethan;
Du kanntest meinen Willen:
Allein, was hast du je gethan,
Ihn dankbar zu erfüllen?« -

»Ach nichts! Doch, lieber Menschensohn,
Heiß mich darum nicht fliehen!
Es hat ja dem verlornen Sohn
Sein Vater auch verziehen.« -

»Nun wohl, Verirrte, tritt herzu!
Will dich mit Gnade zeichnen.
Auch du bist mein! Geh ein zur Ruh!
Ich will dich nicht verleugnen.«

 

            Apologie.

Ihr Herrn Zeloten dieser Zeit,
Wie steht's um euern Willen?
Sind Liebesmäntel wohl so weit,
Dies Lied mit d'rein zu hüllen?

O seid doch, höchlich bitt' ich d'rum,
Seid diesmal nur nicht kurrig!
Denn seht! Es wär doch schade d'rum:
Das Ding ist ja so schnurrig.

Auch ist ja die Historia
Aus Wahrheit nicht gesponnen.
Doch webt' ich d'rein Moralia;
Die hab' ich nicht ersonnen.

Und schlimm ist wahrlich nichts gemeint:
D'rum nehmt doch ja nichts übel!
Moralia sind, wie es scheint,
Die Besten aus der Bibel.

Ihr, die ihr, aus erlogner Pflicht,
Begnadigt und verdammet,
Die Liebe sagt: Verdammet nicht,
Daß man nicht Euch verdammet !

 

                Der wilde Jäger.

Der Wild- und Rheingraf stieß ins Horn:
»Hallo, hallo zu Fuß und Roß!«
Sein Hengst erhob sich wiehernd vorn;
Laut rasselnd stürzt' ihm nach der Troß;
Laut klifft' und klafft' es, frei von Koppel:,
Durch Korn und Dorn, durch Heid' und Stoppel.

Vom Strahl der Sonntagsfrühe war
Des hohen Domes Kuppel blank.
Zum Hochamt rufte dumpf und klar
Der Glocken ernster Feierklang.
Fern tönten lieblich die Gesänge
Der andachtsvollen Christenmenge.

Rischrasch quer übern Kreuzweg ging's,
Mit Horrido und Hussasa.
Sieh da! Sieh da, kam rechts und links
Ein Reiter hier, ein Reiter da!
Des Rechten Roß war Silbersblinken,
Ein Feuerfarbner trug den Linken.

Wer waren Reiter links und rechts?
Ich ahnd' es wohl, doch weiß ichs nicht.
Lichthehr erschien der Reiter rechts,
Mit wildem Frühlingsangesicht.
Groß, dunkelgelb der linke Ritter
Schoß Blitz von Aug', wie Ungewitter.

»Willkommen hier, zu rechter Frist,
Willkommen zu der edlen Jagd!
Auf Erden und im Himmel ist
Kein Spiel, das lieblicher behagt.«
Er rief's, schlug laut sich an die Hüfte,
Und schwang den Hut doch in die Lüfte.

»Schlecht stimmet deines Hornes Klang,
Sprach der zur Rechten, sanftes Muts,
Zu Feierglock' und Chorgesang.
Kehr um! Erjagst dir heut nichts Guts.
Laß dich den guten Engel warnen,
Und nicht vom Bösen dich umgarnen!« -

»Jagt zu, jagt zu, mein edler Herr!
Fiel rasch der linke Ritter d'rein.
Was Glockenklang? Was Chorgeplärr?
Die Jagdlust mag euch baß erfreun!
Laßt mich, was fürstlich ist, euch lehren
Und euch von Jenem nicht bethören!« -

»Ja! Wohlgesprochen, linker Mann!
Du bist ein Held nach meinem Sinn.
Wer nicht des Weidwerks pflegen kann,
Der scher' ans Paternoster hin!
Mag's, frommer Narr, dich baß verdrießen,
So will ich meine Lust doch büßen!« -

Und hurre hurre vorwärts ging's,
Feld ein und aus, Berg ab und an.
Stets ritten Reiter rechts und links
Zu beiden Seiten neben an.
Auf sprang ein weißer Hirsch von ferne,
Mit sechzehnzackigem Gehörne.

Und lauter stieß der Graf ins Horn;
Und rascher flog's zu Fuß und Roß;
Und sieh! bald hinten und bald vorn
Stürzt' Einer tot dahin von Troß.
»Laß stürzen! Laß zur Hölle stürzen!
Das darf nicht Fürstenlust verwürzen.«

Das Wild duckt sich ins Ehrenfeld
Und hofft da sichern Aufenthalt.
Sieh da! Ein armer Landmann stellt
Sich dar in kläglicher Gestalt.
»Erbarmen, lieber Herr, Erbarmen!
Verschont den sauern Schweiß des Armen!«

Der rechte Ritter sprengt heran,
Und warnt den Grafen sanft und gut.
Doch baß hetzt ihn der linke Mann
Zu schadenfrohem Frevelmut.
Der Graf verschmäht des Rechten Warnen
Und läßt vom Linken sich umgarnen.

»Hinweg, du Hund! schnaubt fürchterlich
Der Graf den armen Pflügen an.
Sonst hetz' ich selbst, beim Teufel! dich.
Hallo, Gesellen, drauf und dran!
Zum Zeichen, daß ich wahr geschworen,
Knallt ihm die Peitschen um die Ohren!«

Gesagt, gethan! Der Wildgraf schwang
Sich übern Hagen rasch voran,
Und hinterher, bei Knall und Klang,
Der Troß mit Hund und Roß und Mann;
Und Hund und Mann und Roß zerstampfte
Die Halmen, daß der Acker dampfte.

Vom nahen Lärm emporgescheucht,
Feld ein und aus, Berg ab und an
Gesprengt, verfolgt, doch unerreicht,
Ereilt das Wild des Angers Plan;
Und mischt sich, da verschont zu werden,
Schlau mitten zwischen zahme Herden.

Doch hin und her, durch Flur und Wald
Und her und hin, durch Wald und Flur,
Verfolgen und erwittern bald
Die raschen Hunde seine Spur.
Der Hirt, voll Angst für seine Herde,
Wirft vor dem Grafen sich zur Erde.

»Erbarmen, Herr, Erbarmen! Laßt
Mein armes stilles Vieh in Ruh!
Bedenket, lieber Herr, hier gras't
So mancher armen Witwe Ruh.
Ihr Eins und Alles spart der Armen!
Erbarmen, lieber Herr, Erbarmen!«

Der rechte Ritter sprengt heran,
Und warnt den Grafen sanft und gut.
Doch baß hetzt ihn der linke Mann
Zu schadenfrohem Frevelmut.
Der Graf verschmäht des Rechten Warnen
Und läßt vom Linken sich umgarnen.

»Verwegner Hund, der du mir wehrst!
Ha, daß du deiner besten Kuh
Selbst um und angewachsen wärst,
Und jede Bettel noch dazu!
So sollt' es baß mein Herz ergötzen,
Euch stracks ins Himmelreich zu hetzen.

Hallo, Gesellen, drauf und dran!
Io! Doho! Hussasa!« -
Und jeder Hund fiel wütend an,
Was er zunächst vor sich ersah.
Bluttriefend sank der Hirt zur Erde,
Bluttriefend Stück für Stück die Herde.

Dem Mordgewühl entrafft sich kaum
Das Wild mit immer schwächerm Lauf.
Mit Blut besprengt, bedeckt mit Schaum
Nimmt jetzt des Waldes Nacht es auf.
Tief birgt sich's in des Waldes Mitte,
In eines Kläusners Gotteshütte.

Risch ohne Rast mit Peitschenknall,
Mit Horrido und Hussasa,
Und Kliff und Klaff und Hörnerschall,
Verfolgt's der wilde Schwarm auch da.
Entgegen tritt mit sanfter Bitte
Der fromme Kläusner vor die Hütte.

»Laß ab, laß ab von dieser Spur!
Entweihe Gottes Freistatt nicht!
Zum Himmel ächzt die Kreatur
Und heischt von Gott dein Strafgericht.
Zum letzten male laß dich warnen,
Sonst wird Verderben dich umgarnen!«

Der Rechte sprengt besorgt heran
Und warnt den Grafen sanft und gut.
Doch baß hetzt ihn der linke Mann
Zu schadenfrohem Frevelmut.
Und wehe! trotz des Rechten Warnen,
Läßt er vom Linken sich umgarnen!

»Verderben hin, Verderben her!
Das ruft er, macht mir wenig Graus.
Und wenn's im dritten Himmel wär,
So acht' ichs keine Fledermaus.
Mag's Gott und dich, du Narr, verdrießen;
So will ich meine Lust doch büßen!«

Er schwingt die Peitsche, stößt ins Horn
»Hallo, Gesellen, drauf und dran!«
Hui, schwinden Mann und Hütte vorn,
Und hinten schwinden Roß und Mann;
Und Knall und Schall und Jagdgebrülle
Verschlingt auf einmal Totenstille.

Erschrocken blickt der Graf umher;
Er stößt ins Horn, es tönet nicht;
Er ruft und hört sich selbst nicht mehr;
Der Schwung der Peitsche sauset nicht;
Er spornt sein Roß in beide Seiten
Und kann nicht vor nicht rückwärts reiten.

D'rauf wird es düster um ihn her,
Und immer düstrer, wie ein Grab.
Dumpf rauscht es, wie ein fernes Meer.
Hoch über seinem Haupt herab
Ruft furchtbar, mit Gewittergrimme,
Dies Urtel eine Donnerstimme:

»Du Wütrich, teuflischer Natur,
Frech gegen Gott und Mensch und Tier!
Das Ach und Weh der Kreatur,
Und deine Missethat an ihr
Hat laut dich vor Gericht gefodert,
Wo hoch der Rache Fackel lodert.

Fleuch, Unhold, fleuch, und werde jetzt,
Von nun an bis in Ewigkeit,
Von Höll' und Teufel selbst gehetzt!
Zum Schreck der Fürsten jeder Zeit,
Die, um verruchter Lust zu fronen,
Nicht Schöpfer noch Geschöpf verschonen!« -

Ein schwefelgelber Wetterschein
Umzieht hierauf des Waldes Laub.
Angst rieselt ihm durch Mark und Bein;
Ihm wird so schwül, so dumpf und taub!
Entgegen weht' ihm kaltes Grausen,
Dem Nacken folgt Gewittersausen.

Das Grausen weht, das Wetter saust,
Und aus der Erd' empor huhu!
Fährt eine schwarze Riesenfaust;
Sie spannt sich auf, sie krallt sich zu;
Hui! will sie ihn beim Wirbel packen;
Hui! steht sein Angesicht im Nacken.

Es flimmt und flammt rund um ihn her ,
Mit grüner, blauer, roter Glut;
Es Wallt um ihn ein Feuermeer;
Darinnen wimmelt Höllenbrut.
Iach fahren tausend Höllenhunde,
Laut angehetzt, empor vom Schlunde.

Er rafft sich auf durch Wald und Feld,
Und flieht lautheulend Weh und Ach;
Doch durch die ganze weite Welt
Rauscht bellend ihm die Hölle nach,
Bei Tag tief durch der Erde Klüfte,
Um Mitternacht hoch durch die Lüfte.

Im Nacken bleibt sein Antlitz stehn,
So rasch die Flucht ihn vorwärts reißt.
Er muß die Ungeheuer sehn,
Laut angehetzt vom bösen Geist,
Muß sehn das Knirrschen und das Iappen
Der Rachen, welche nach ihm schnappen. -

Das ist des wilden Heeres Jagd,
Die bis zum jüngsten Tage währt,
Und oft dem Wüstling noch bei Nacht
Zu Schreck und Graus vorüberfährt.
Das könnte, müßt' er sonst nicht schweigen,
Wohl manches Jägers Mund bezeugen.

 

                   Untreue über alles.

Ich lauschte mit Molly tief zwischen dem Korn,
Umduftet von blühenden Hagebutt-Dorn.
Wir hatten's so heimlich, so still und bequem,
Und koseten traulich von Diesem und Dem.

Wir hatten's so heimlich, so still und bequem;
Kein Seelchen vernahm was von Diesem und Dem;
Kein Lüftchen belauscht' uns von hinten und vorn;
Die spielten mit Kornblum' und Klappros' im Korn.

Wir herzten, wir drückten, wie innig, wie warm!
Und wiegten uns eia popeia! im Arm.
Wie Beeren zu Beeren an Trauben des Weins,
So reihten wir Küsse zu Küssen in eins.

Und zwischen die Trauben von Küssen hin schlang
Sich, ähnlich den Reben, Gespräch und Gesang.
Kein Weinstock auf Erden verdienet den Ruf
Von diesem, den Liebe beim Hagedorn schuf.

»O Molly, so sprach ich, so sang ich zu ihr,
Lieb Liebchen, was küssest, was liebst du an mir?
Sprich, ist es nur Leibes- und Liebesgestalt?
Sprich! Oder das Herz, das im Busen mir wallt?«

»O Lieber, so sprach sie, so sang sie zu mir,
O Teurer, was sollt' ich nicht lieben an dir?
Bist süß mir an Leibes und Liebesgestalt,
Doch teurer durchs Herz, das im Busen dir wallt.«

»Lieb Liebchen, was thätest du, hätte dir Not
Das Eine fürs Andre zu missen gedroht?
Sprich! Bliebe mein liebendes Herz dein Gewinn,
Sprich! Gäbst du für Treue das Übrige hin?« -

»Ein goldener Becher gibt lieblichen Schein;
Doch süßeres Labsal gewehret der Wein.
Ach, bliebe der labende Wein mein Gewinn,
So gäb' ich den goldenen Becher wohl hin.« -

»O Molly, lieb Liebchen, wie wär' es bestellt,
Durchstrichen noch üppige Feen die Welt,
Die Schönste der schönsten entbrennte zu mir,
Und legte mir Schlingen, und raubte mich dir;

Und führte mich auf ihr bezaubertes Schloß,
Und ließe nicht eher mich ledig und los,
Als bis ich in Liebe mich zu ihr gesellt;
Wie wär' es um deine Verzeihung bestellt?« -

»Ach! Fragtest du vor der so schmählichen That
Dein ängstlich bekümmertes Mädchen um Rat,
So riet' ich! Bedenke mein Kleinod, mein Glück!
Komm nimmer mir, oder mit Treue zurück!« -

»Wie, wenn sie nun spräche: Komm, buhle mit mir!
Sonst kostet's dir Jugend und Schönheit dafür.
Zum häßlichsten Zwerge verschafft dich mein Wort;
Dann schickt mit dem Korb' auch dein Mädchen dich fort.« -

»O Lieber, das glaube der Trügerin nicht
Entstelle sie dich und dein holdes Gesicht!
Erfülle sie alles, was Böses sie droht!
So hat es ja doch mit dem Korbe nicht not.« -

»Wie, wenn sie nun spräche: Komm, buhle mit mir!
Sonst werde zur Schlange dein Mädchen dafür!
O Molly, lieb Liebchen, was rietest du nun?
Was sollt' ich wohl wählen, was sollt' ich wohl thun?« -

»O Lieber, du stellst mich zu ängstlicher Wahl!
Leicht wäre mir zwar der Bezauberung Qual:
Doch jetzt bin ich süß dir, wie Honig und Wein:
Dann würd' ich ein Scheuel und Greuel dir sein.«

»Doch setze: Du würdest kein Greuel darum;
Ich trüge dich sorglich im Busen herum
Da hörtest du immer, bei Nacht und bei Tag,
Für dich nur des Herzens entzückenden Schlag;

Und immer noch bliebe dein zärtlicher Kuß
Dem durstigen Munde des Himmels Genuß:
O Molly, lieb Liebchen, was rietest du nun?
Was sollt' ich wohl wählen, was sollt' ich wohl thun?«

»O Lieber, o Süßer, dann weißt du die Wahl.
Was hätt' ich für Sorge, was hätt' ich für Qual?
Dann hülle mich lieber die Schlangenhaut ein,
Als daß mir mein Trauter soll ungetreu sein!«

»Doch, wenn sie nun spräche: Komm, buhle mit mir!
Sonst werde zur Rache des Todes dafür!
O Molly, lieb Liebchen, was rietest du nun?
Was sollt' ich wohl wählen, was sollt' ich wohl thun?«

»Geliebter, du stellst mich zur schrecklichsten Wahl:
Zur Rechten ist Jammer, zur Linken ist Qual.
Bewahre mich Gott vor so ängstlicher Not!
Denn was ich auch wähle, so wähl' ich mir Tod.

Doch - wenn er zur Rechten und Linken mir droht,
So wähl' ich doch lieber den süßeren Tod.
O Teurer, so stirb dann, und bleibe nur mein!
Bald folget dir Molly und holet dich ein.

Dann ist es geschehen, dann sind wir entflohn;
Dann krönet die Treue unsterblicher Lohn.
So stirb dann, o Süßer, und bleibe nur mein!
Bald holet dein Mädchen im Himmel dich ein.« -

Wir schwiegen und drückten, wie innig wie warm!
Und wiegten uns, eia popeia! im Arm.
Wie Beeren zu Beeren an Trauben des Weins,
So reihten wir Küsse zu Küssen in eins.

Wir schwankten, berauscht von der Liebe Gefühl,
Und küßten der herrlichen Trauben noch viel.
Dann schwuren wir herzlich, bei Ja und bei Nein,
Im Leben und Tode getreu uns zu sein.

 

Des Pfarrers Tochter von Taubenhain.

Im Garten des Pfarrers von Taubenhain
Geht's irre bei Nacht in der Laube.
Da flüstert und stöhnt's so änstiglich;
Da rasselt, da flattert und sträubet es sich,
Wie gegen den Falken die Taube.

Es schleicht ein Flämmchen am Unkenteich,
Das flimmert und flammert so traurig.
Da ist ein Plätzchen, da wächst kein Gras;
Das wird vom Tau und vom Regen nicht naß;
Da wehen die Lüftchen so schaurig. -

Des Pfarrers Tochter von Taubenhain
War schuldlos, wie ein Täubchen.
Das Mädel war jung, war lieblich und fein,
Viel ritten der Freier nach Taubenhain,
Und wünschten Rosetten zum Weibchen. -

Von drüben herüber, von drüben herab,
Dort jenseits des Baches von Hügel,
Blinkt stattlich ein Schloß auf das Dörfchen im Thal,
Die Mauern wie Silber, die Dächer wie Stahl,
Die Fenster wie brennende Spiegel.

Da trieb es der Junker von Falkenstein,
In Hüll' und in Füll' und in Freude.
Dem Jüngferchen lacht' in die Augen das Schloß,
Ihm lacht' in daß Herzchen der Junker zu Roß,
Im funkelnden Jägergeschneide.

Er schrieb ihr ein Briefchen auf Seidenpapier,
Umrändelt mit goldenen Kanten.
Er schickt' ihr sein Bildnis, so lachend und hold,
Versteckt in ein  Herzchen von Perlen und Gold;
Dabei war ein Ring mit Demanten. -

»Laß du sie nur reiten, und fahren und gehn!
Laß du sie sich werben zu Schanden!
Rosettchen, dir ist wohl was Bessers beschert.
Ich achte des stattlichsten Ritters dich wert,
Beliehen mit Leuten und Landen.

Ich hab' ein gut Wörtchen zu kosen mit dir;
Daß muß ich dir heimlich vertrauen.
D'rauf hätt' ich gern heimlich erwünschten Bescheid.
Lieb Mädel, um Mitternacht bin ich nicht weit;
Sei wacker und laß dir nicht grauen!

Heut mitternacht horch auf den Wachtelgesang,
Im Weizenfeld' hinter dem Garten.
Ein Nachtigallmännchen wird locken die Braut,
Mit lieblichem tief aufflötenden Laut;
Sei wacker und laß mich nicht warten!«

Er kam in Mantel und Kappe vermummt,
Er kam um die Mitternachtstunde.
Er schlich, umgürtet mit Waffen und Wehr,
So leise so lose, wie Nebel, einher,
Und stillte mit Brocken die Hunde.

Er schlug der Wachtel hellgellenden Schlag,
Im Weizenfeld' hinter dem Garten.
Dann lockte das Nachtigallmänchen die Braut,
Mit lieblichem tief aufflötenden Laut;
Und Rösche, ach! ließ ihn nicht warten.

Er wußte sein Wörtchen so traulich und süß
In Ohr und Herz ihr zu girren!
Ach, Liebender Glauben ist willig und zahm!
Er sparte kein Locken, die schüchterne Scham
Zu seinem Gelüste zu kirren.

Er schwur sich bei allem, was heilig und hehr,
Auf ewig zu ihrem Getreuen.
Und als sie sich sträubte, und als er sie zog,
Vermaß er sich teuer, vermaß er sich hoch:
»Lieb Mädel, es soll dich nicht reuen!«

Er zog sie zur Laube, so düster und still,
Von blühenden Bohnen umdüftet.
Da pocht' ihr das Herzchen; da schwoll ihr die Brust;
Da wurde von glühenden Hauche der Luft
Die Unschuld zu Tode vergiftet. - - -

Bald, als auf duftendem Bohnenbeet
Die rötlichen Blumen verblühten,
Da wurde dem Mädel so übel und weh;
Da bleichten die rosichten Wangen zu Schnee;
Die funkelnden Augen verglühten.

Und als die Schote nun allgemach
Sich dehnt' in die Breit' und Länge;
Als Erdbeer' und Kirsche sich rötet' und schwoll;
Da wurde dem Mädel das Brüstchen zu voll,
Das seidene Röckchen zu enge.

Und als die Sichel zu Felde ging,
Hub's an sich zu regen und strecken.
Und als der Herbstwind über die Flur,
Und über die Stoppel des Habers fuhr,
Da konnte sie's nicht mehr verstecken.

Der Vater, ein harter und zorniger Mann,
Schalt laut die arme Rosette:
»Hast du dir erbuhlt für die Wiege das Kind,
So hebe dich mir aus den Augen geschwind
Und schaff' auch den Mann dir ins Bette!«

Er schlang ihr fliegendes Haar um die Faust;
Er hieb sie mit knotigen Riemen.
Er hieb, das schallte so schrecklich und laut!
Er hieb ihr die sammtene Lilienhaut
Voll schnellender blutiger Striemen.

Er stieß sie hinaus in der finstersten Nacht
Bei eiligem Regen und Winden.
Sie klimmt' am dornigen Felsen empor,
Und tappte sich fort, bis an Falkensteins Thor,
Dem Liebsten ihr Leid zu verkünden. -

»O weh mir daß du mich zur Mutter gemacht,
Bevor du mich machtest zum Weibe!
Sieh her ! Sieh her! Mit Jammer und Hohn
Trag' ich dafür nun den schmerzlichen Lohn,
An meinem zerschlagenen Leibe!«

Sie warf sich ihm bitterlich schluchzend ans Herz;
Sie bat, sie beschwur ihn mit Zähren:
»O mach' es nun gut, was du übel gemacht!
Bist du es, der so mich in Schande gebracht,
So bring' auch mich wieder zu Ehren!« -

»Arm Närrchen, versetzt' er, daß thut mir ja leid!
Wir wollens am Alten schon rächen.
Erst gib dich zufrieden und harre bei mir,
Ich will dich schon hegen und pflegen allhier.
Dann wollen wir's ferner besprechen.«

»Ach, hier ist kein Säumen, kein Pflegen, noch Ruh'n
Das bringt mich nicht wieder zu Ehren.
Hast du einst treulich geschworen der Braut,
So laß auch an Gottes Altare nun laut
Vor Priester und Zeugen es hören!«

»Ha, Närrchen, so hab' ich es nimmer gemeint
Wie kann ich zum Weibe dich nehmen?
Ich bin ja entsprossen aus adligem Blut.
Nur Gleiches zu gleichem gesellet sich gut;
Sonst müßte mein Stamm sich ja schämen.

Lieb Närrchen, ich halte dir's, wie ich's gemeint:
Mein Liebchen sollst immerdar bleiben.
Und wenn dir mein wackerer Jäger gefällt,
So lass' ich's mir kosten ein gutes Stück Geld.
Dann können wir's ferner noch treiben.«

»Daß Gott dich! du schändlicher, bübischer Mann!
Daß Gott dich zur Hölle verdamme!
Entehr' ich als Gattin dein adliges Blut,
Warum denn, o Bösewicht, war ich einst gut,
Für deine unehrliche Flamme? -

So geh dann und nimm dir ein adliges Weib! -
Das Blättchen soll schrecklich sich wenden!
Gott siehet und höret und richtet uns recht.
So müsse dereinst dein niedrigster Knecht
Das adlige Bette dir schänden! -

Dann fühle, Verräter, dann fühle wie's thut,
An Ehr' und an Glück zu verzweifeln!
Dann stoß' an die Mauer die schändliche Stirn,
Und jag' eine Kugel dir fluchend durch's Hirn!
Dann, Teufel, dann fahre zu Teufeln!« -

Sie riß sich zusammen, sie raffte sich auf,
Sie rannte verzweifelnd von hinnen,
Mit blutigen Füßen, durch Distel und Dorn,
Durch Moor und Geröhricht, vor Jammer und Zorn
Verräter an allen fünf Sinnen.

»Wohin nun, wohin, o barmherziger Gott,
Wohin nun auf Erden mich wenden?«
Sie rannte, verzweifelnd an Ehr' und an Glück,
Und kam in den Garten der Heimat zurück,
Ihr klagliches Leben zu enden.

Sie taumelt', an Händen und Füßen verklomt,
Sie kroch zur unseligen Laube;
Und jach durchzuckte sie Weh auf Weh
Auf ärmlichem Lager, bestreuet mit Schnee,
Von Reisicht und rasselnden' Laube.

Es wand ihr ein Knäbchen sich weinend vom Schoß,
Bei wildem unsäglichen Schmerze.
Und als das Knäbchen geboren war,
Da riß sie die silberne Nadel vom Haar,
Und stieß sie dem Knaben ins Herze.

Erst, als sie vollendet die blutige That,
Mußt' ach! ihr Wahnsinn sich enden.
Kalt wehten Entsetzen und Grausen sie an. -
»O Jesu, mein Heiland was hab' ich gethan?«
Sie wand sich das Bast von den Händen.

Sie kratzte mit blutigen Nägeln ein Grab,
Am schilfigen Unkengestade.
»Da ruh du, mein Armes, da ruh nun in Gott,
Geborgen auf immer vor Elend und Spott! -
Mich hacken die Raben vom Rade!« - -

Das ist das Flämmchen am Unkenteich;
Das flimmert und flammert so traurig.
Nach ist das Plätzchen, da wächst kein Gras;
Das wird von Tau und von Regen nicht naß;
Da wehen die Lüftchen so schaurig!

Hoch hinter dem Garten von Rabenstein,
Hoch über dem Steine vom Rade
Blickt, hohl und düster, ein Schädel herab,
Daß ist ihr Schädel, der blicket aufs Grab,
Drei Spannen lang an dem Gestade.

Allnächtlich herunter vom Rabenstein,
Allnächtlich der herunter von Rade
Huscht bleich und molkicht ein Schattengesicht,
Will löschen das Flämmchen, und kann es doch nicht,
Und wimmert am Unkengestade.

 

                 Der Kaiser und der Abt.

Ich will euch erzählen ein Märchen, gar schnurrig:
Es war 'mal ein Kaiser; der Kaiser war knurrig;
Auch war 'mal ein Abt, ein gar stattlicher Herr;
Nur schade! sein Schäfer war klüger, als Er.

Dem Kaiser ward's sauer in Hitz' und in Kälte:
Oft schlief er bepanzert im Kriegesgezelte;
Oft hatt' er kaum Wasser zu Schwarzbrot und Wurst;
Und öfter noch litt' er gar Hunger und Durst.

Das Pfäfflein, das wußte sich besser zu hegen,
Und weidlich am Tisch und im Bette zu pflegen.
Wie Vollmond glänzte sein feines Gesicht.
Drei Männer umspannten den Schmerbauch ihm nicht.

D'rob suchte der Kaiser am Pfäfflein oft Hader.
Einst ritt er, mit reisigem Kriegesgeschwader,
In brennender Hitze des Sommers vorbei.
Das Pfäfflein spazierte vor seiner Abtei.

»Ha, dachte der Kaiser, zur glücklichen Stunde!«
Und grüßte das Pfäfflein mit höhnischem Munde:
»Knecht Gottes, wie geht's dir? Mir däucht wohl ganz recht,
Das Beten und Fasten bekomme nicht schlecht.

Doch däucht mir daneben, euch plage viel Weile.
Ihr dankt mir's wohl, wenn ich euch Arbeit erteile,
Man rühmet, ihr wäret der pfiffigste Mann,
Ihr hörtet das Gräschen fast wachsen, sagt man.

So geb' ich denn euren zwei tüchtigen Backen
Zur Kurzweil drei artige Nüsse zu knacken.
Drei Monden von nun an bestimm' ich zur Zeit.
Dann will ich auf diese drei Fragen Bescheid.

Zum ersten: Wann hoch ich, im fürstlichen Rate,
Zu Throne mich zeige im Kaiserornate,
Dann sollt ihr mir sagen, ein treuer Wardein,
Wie viel ich wohl wert, bis zum Heller mag sein?

Zum zweiten sollt ihr mir berechnen und sagen:
Wie bald ich zu Rosse die Welt mag umjagen?
Um keine Minute zu wenig und viel!
Ich weiß der Bescheid darauf ist euch nur Spiel.

Zum dritten noch sollst du, o Preiß der Prälaten,
Aufs Härchen mir meine Gedanken erraten.
Die will ich dann treulich bekennen: allein
Es soll auch dein Titelchen Wahres d'ran sein.

Und könnt ihr mir diese drei Fragen nicht lösen,
So seid ihr die längste Zeit Abt hier gewesen;
So lass' ich euch führen zu Esel durchs Land,
Verkehrt, statt des Zaumes, den Schwanz in der Hand.« -

D'rauf trabte der Kaiser mit Lachen von hinnen.
Das Pfäfflein zerriß und zerspliß sich mit Sinnen.
Kein armer Verbrecher fühlt mehr Schwulität,
Der vor hochnotpeinlichem Halsgericht steht.

Er schickte nach ein, zwei, drei, vier Un'vers'täten,
Er fragte bei ein, zwei, drei, vier Fakultäten,
Er zahlte Gebühren und Sportuln vollauf:
Doch löste kein Doktor die Fragen ihm auf.

Schnell wuchsen, bei herzlichem Zagen und Pochen,
Die Stunden zu Tagen, die Tage zu Wochen,
Die Wochen zu Monden; schon kam der Termin!
Ihm ward's vor den Augen bald gelb und bald grün.

Nun sucht' er, ein bleicher hohlwangiger Werther,
In Wäldern und Feldern die einsamsten Örter.
Da traf ihn, auf selten betretener Bahn,
Hans Bendix, sein Schäfer, am Felsenhang an.

»Herr Abt, sprach Hans Bendix, was mögt ihr euch grämen?
Ihr schwindet ja wahrlich dahin, wie ein Schemen.
Maria und Joseph! Wie hotzelt ihr ein!
Mein Sixchen! Es muß euch was angethan sein« -

»Ach, guter Hans Bendix, so muß sich's wohl schicken.
Der Kaiser will gern mir am Zeuge was flicken,
Und hat mir drei Nüss' auf die Zähne gepackt,
Die schwerlich Beelzebub selber wohl knackt.

Zum ersten: Wann hoch Er, im fürstlichen Rate,
Zu Throne sich zeiget, im Kaiserornate,
Dann soll ich ihm sagen, ein treuer Wardein,
Wie viel er wohl wert, bis zum Heller mag sein?

Zum zweiten soll ich ihm berechnen und sagen:
Wie bald er zu Rosse die Welt mag umjagen?
Um keine Minute zu wenig und viel!
Er meint, der Bescheid darauf wäre nur Spiel.

Zum dritten, ich ärmster von allen Prälaten,
Soll ich ihm gar seine Gedanken erraten;
Die will er mir treulich bekennen: allein
Es soll auch kein Titelchen Wahres d'ran sein.

Und kann ich ihm diese drei Fragen nicht lösen,
So bin ich die längste Zeit Abt hier gewesen;
So läßt er mich führen zu Esel durch's Land,
Verkehrt, statt des Saumes, den Schwanz in der Hand.« -

»Nichts weiter? erwidert Hans Bendix mit Lachen,
Herr, gebt euch zufrieden! das will ich schon machen.
Nur borgt mir eu'r Käppchen, eu'r Kreuzchen und Kleid;
So will ich schon geben den rechten Bescheid.

Versteh' ich gleich nichts von lateinischen Brocken,
So weiß ich den Hund doch vom Ofen zu locken.
Was ihr euch, Gelehrte, für Geld nicht erwerbt,
Das ha' ich von meiner Frau Mutter geerbt.«

Da sprang, wie ein Böcklein, der Abt vor Behagen.
Mit Käppchen und Kreuzchen, mit Mantel und Kragen,
Ward stattlich Hans Bendix zum Abte geschmückt,
Und hurtig zum Kaiser nach Hofe geschickt.

Hier thronte der Kaiser im fürstlichen Rate,
Hoch prangt' er, mit Zeter und Kron' im Ornate:
»Nun sagt mir, Herr Abt, als ein treuer Wardein,
Wie viel ich itzt wert, bis zum Heller, mag sein?« -

»Für dreißig Reichsgulden ward Christus verschachert;
D'rum gäb' ich, so sehr ihr auch pochet und prachert,
Für euch keinen Deut mehr, als zwanzig und neun,
Denn Einen müßt ihr doch wohl minder wert sein.« -

»Hum, sagte der Kaiser, der Grund läßt sich hören,
Und mag den durchlauchtigen Stolz wohl bekehren.
Nie hätt' ich, bei meiner hochfürstlichen Ehr'!
Geglaubet, daß so spottwohlfeil ich wär«

»Nun aber sollst du mir berechnen und sagen:
Wie bald ich zu Rosse die Welt mag umjagen?
Um keine Minute zu wenig und viel!
Ist dir der Bescheid darauf auch nur ein Spiel?« -

»Herr, wenn mit der Sonn' ihr früh sattelt und reitet,
Und stets sie in einerlei Tempo begleitet,
So setz' ich mein Kreuz und mein Käppchen daran,
In zweimal zwölf Stunden in alles gethan.« -

»Ha, lachte der Kaiser, vortrefflicher Haber!
Ihr futtert die Pferde mit Wenn und mit Aber .
Der Mann, der das Wenn und das Aber erdacht,
Hat sicher aus Häckerling Gold schon gemacht.

Nun aber zum dritten, nun nimm dich zusammen!
Sonst muß ich dich dennoch zum Esel verdammen.
Was denk' ich, das falsch ist? das bringe heraus!
Nur bleib mir mit Wenn und mit Aber zu Haus!« -

»Ihr denket, ich sei der Herr Abt von St. Gallen.« -
»Ganz recht! Und das kann von der Wahrheit nicht fallen.« -
»Sein Diener, Herr Kaiser! Euch trüget eu'r Sinn:
Denn wißt, daß ich Bendix, sein Schäfer, nur bin!« -

»Was Henker! Du bist nicht der Abt von St. Gallen?«
Rief hurtig, als wär' er vorm Himmel gefallen,
Der Kaiser mit frohem Erstaunen darein;
»Wohlan denn, so sollst du von nun an es sein!

Ich will dich belehnen mit Ring und mit Stabe.
Dein Vorfahr besteige den Esel und trabe!
Und lerne fortan erst quid iuris verstehn!
Denn wenn man will ernten, so muß man auch sä'n.« -

»Mit Gunsten, Herr Kaiser! Das laßt nur hübsch bleiben!
Ich kann ja nicht lesen, noch rechnen und schreiben;
Auch weiß ich kein sterbendes Wörtchen Latein.
Was! Hänschen versäumet holt Hans nicht mehr ein.«

»Ach, guter Hans Bendix, das ist ja recht schade!
Erbitte demnach dir ein' andere Gnade!
Sehr hat mich ergötzet dein lustiger Schwank:
D'rum soll dich auch wieder ergötzen mein Dank.« -

»Herr Kaiser, groß hab' ich so eben nichts nötig:
Doch seid ihr im Ernst mir zu Gnaden erbötig,
So will ich mir bitten zum ehrlichen Lohn,
Für meinen hochwürdigen Herren Pardon.« -

»Ha bravo! Du trägst, wie ich merke, Geselle,
Das Herz, wie den Kopf, auf der richtigen Stelle.
D'rum sei der Pardon ihm in Gnaden gewährt,
Und obenein dir ein Panisbrief beschert:

Wir lassen dem Abt von St. Gallen entbieten:
Hans Bendix' soll ihm nicht die Schafe mehr hüten.
Der Abt soll sein pflegen, nach unserm Gebot,
Umsonst, bis an seinen sanftseligen Tod.«