Ernst

Inhalt

Biografie

              Abend
(nach einem alten Holzschnitt)

Lehnst an meine Schulter du
Sanft dein Haupt mit Schweigen,
Spiel ich dir ein altes Lied
Auf der alten Geigen.
Und die Seele, mild gerührt
Ob dem süßen Klingen,
Fliegt zum hellen Abendrot
Auf der Hoffnung Schwingen.
Und im Auge dir und mir
Glänzt die stille Frage:
Bleiben Lieb’ und Seligkeit
Bei uns alle Tage?
Wenn die Rosen sind verblüht,
Wenn die Saiten sprangen,
Wird ob unserm Haupte dann
So der Himmel prangen? –
Stumm noch lauschst du meinem Lied,
Ob ich schon geendet;
In die Weite traumeshell
Ist dein Blick gewendet.
 


                    Ausflug

Heut saß ich wieder an meinem Klavier;
sein blankes Holz war Spiegel mir;
drin sah ich mich und mein stilles Zimmer,
den Garten, die Gasse - und fern einen Schimmer
des lichten Himmels.
Und meine Hand
erging sich spielend im fernsten Land. -
Und hört, - o hört -: Da kam ein Klang,
den sah ich, als er durchs Zimmer sich schwang,
als er dahin übern Garten zog,
leise die flimmernden Wipfel bog,
und weiter, weiter die Straße entlang
schwebte, strebte der heilige Klang.
Rührt' eines Kindes Scheitel an,
daß gleich sein Haar zu leuchten begann -
strich über eines Baumes Dach,
darunter hervor ein süßes Ach
aus eines Vögleins Herzen quoll
und jäh zu hellem Jauchzen schwoll.
Leis über einen Schmetterling,
der am erglühten Kelche hing,
kam hergeweht das süße Klingen,
da dehnt der Falter die stummen Schwingen,
daß ihre scheu verhohlene Pracht
wie eines Auges Glut erwacht.
Und hoch durch eines Waldes Hallen
ging hin der Klang. Das mochte schallen
wie fern erklungener, sehnender Gruß -
der stumme Wandrer hemmt den Fuß
und staunt hinauf, durchschauert ganz,
im großen Auge geheimen Glanz.
Und weiter hinaus über Wiesen und Feld,
in eines Tales versunkene Welt
hinschwebte der Hauch und streichelte mild
mit klingendem Flüstern das Ährengefild -
da glänzt es wie Gold!
Und rührte die Glocken
des ganzen Tals, daß mit Frohlocken
sich jede dem Himmel entgegenschwang
und friedliche Vesper vom Felsen klang.
Und wallte, hallte hinaus übers Meer,
der klingende Hauch. Wie staunte so sehr
der junge Schiffer im treibenden Boot,
wie spannt sich die Brust ihm in seligster Not -!
Von schimmernden Brüsten blinkte die Flut,
von winkenden Augen voll schillernder Glut!
Und seufzend blickt er empor und hinaus:
Die Sonne ging heim in ihr goldenes Haus.
Zu ihr entschwebte das klingende Wehen -
zu ihr strebt alles in Kraft und Vergehen!
Und hinter leuchtenden Schleiern verlor
den letzten Ton - mein dürstendes Ohr.
Und da sah ich mich um - da fand ich mich hier -
an meinem schweigenden Klavier. - - -
Tränende Augen, was habt ihr gesehn?
Zitternde Seele, was ist dir geschehn?
Du flogst mit einem seligen Klang
die weite Sommerwelt entlang...!
 


         Der Erbe

Ich hebe meine Geige
ganz heimlich unters Kinn
und zieh mit leisem Bogen
ganz heimlich drüber hin.
Da hebt mein blondes Dirnlein
den Fuß zum Tanzeschritt;
der Braunen lichtes Stimmlein
singt schon die Weise mit.
Die Jüngste wiegt ihr Püppchen:
»Marie Maruschka-ka« -
mit großen dunklen Augen
sitzt stumm mein Bube da.
Er kennt vor unserm Fenster
den alten Weidenbaum.
Wiegt auf dem höchsten Wipfel
im Winde sich ein Traum?
Mein Sohn, in meinen Tönen
hörst du der Winde Tanz?
Mein Sohn, in meinen Tönen
fliehst du der Wolke Glanz?
Mein Sohn, ich bin ein König,
willst du mein Erbe sein?
Du wirst im Sonnenpurpur
ein Fürst der Ferne sein.
Ich hab' ein Schloß voll Schimmer
an einem fernen Meer -
heb' ich ans Kinn die Geige,
kommt Gruß und Glück daher.
 


          Ein Freudentag
 
»Jaja, ich hab' mir 'ne Pfeife gekauft,
eine Tabakspfeife von Ton!
Ja, Weibchen, ja: der »Ökonomie«
und aller Vernunft zum Hohn!
Haha, ich hab' mir 'ne Pfeife gekauft,
eine stattliche Pfeife von Ton,
wie sie Mynheer van Holland raucht,
der reiche Zuckerbaron!
Ja lache nur, Weib, du hast ganz recht:
Ich rauch' überhaupt keine Pfeif';
doch weil ich so überglücklich war,
so mußt' ich sie kaufen: begreif'!
Daß unser Junge nun wieder gesund,
das machte mich wunderfroh.
Und bin ich vergnügt, so kauf' ich was,
ganz einerlei, was und wo.
Und bin ich vergnügt, so verschwend' ich was,
leichtsinnig, wie ich nun bin.
So bin ich geboren, so sterb' ich einst,
so leb' ich inzwischen dahin.
Und siehst du: so hab' ich die Pfeife gekauft;
ist sie nicht schön und lang?
Und gab, bei Gott! eine Mark dafür,
ein Markstück rund und blank.
Die Pfeif' in der Hand, so schlendert' ich hin
und sang und summte beglückt.
Die Spießer glotzten und stießen sich an
und grinsten: »Der ist verrückt.«
Und wenn du, mein Liebchen, dasselbe meinst,
ich stell' es dir gänzlich frei.
Ich hab' meine Pfeife von feinstem Ton;
da, Junge, schmeiß sie entzwei!
 


   Erwartung der Weihnacht

Noch eine Nacht – und aus den Lüften
Herniederströmt das goldne Licht
Der wundersamen Weihnachtsfreude,
Verklärend jedes Ungesicht.
Und wieder klingt die alte Sage:
Wie einst die Lieb’ geboren ward,
Die unbegrenzte Menschenliebe
In einem Kindlein hold und zart.
Nun zieht ein süß erschauernd Ahnen
Durch Höhn und Tiefen, Flur und Feld.
Nun deckt geheimnisvoll ein Schleier
Des trauten Heimes kleine Welt.
Dahinter strahlt’s und lacht’s und flimmert’s
Und ist der süßen Rätsel voll,
Durch alle Räume weht ein Odem
Der Freunde, die da kommen soll.
Und draußen nicken Bäum’ und Büsche
So leis’ winterklarer Luft:
Die Kunde kommt, dass neues Leben
Sich wieder regt in tiefer Gruft.
Es knarrt die Eiche vor dem Fenster,
Sie träumt von langer Zeiten Lauf;
Da steigt wohl auch ein froh’ Erinnern
In ihre Krone still hinauf.
O weilt, ihr jugendschönen Stunden,
Verweile du, der Hoffnung Glück!
Vermöcht’ ich’s nur: mit allen Kräften
Der Seele hielt’ ich dich zurück.
Ihr süßen Träume es Erwartens,
Der Wunder und Gedicht voll,
Ihr seid noch schöner als der Jubel,
die Freude, die da kommen soll.
 


                 Genügen

Wie trüg' ich wohl ein Fernverlangen,
da hier der Tag in Rosen blüht,
die Sonne mich erweckt mit Prangen
und mir am Abend sanft verglüht?
Vom Garten schon in früher Stunde
herüberträgt der Morgenwind
ein Lied aus froher Kinder Munde -
wie singt so hell mein eignes Kind!
Der Mittagsruf klingt durch die Saaten.
Wie Arbeit Stirn und Hände bräunt!
Es winkt, vom Werk sich zu beraten,
zum Heimweg mir ein ernster Freund.
Wie trüg' ich wohl ein Fernverlangen,
da du mein Rebenhaus bewohnst
und mir mit liebendem Umfangen
am Abend jede Mühe lohnst.
Beseligt von des Tags Geschenken,
genieß' ich sein in später Ruh'.
Ein letztes, leises Überdenken -
und träumend fällt die Wimper zu.
 


           Hartnäckige Liebe

Jan Reimers hatte vor gar nichts Furcht.
Er rettete damals die beiden Dänen,
Ihr wißt wohl – es wollte keiner dran
Er riß sie dem blanken Hans aus den Zähnen.
Nun war da die Antje Nissen – ei ja,
Die mochte dem starken Jan wohl taugen!
Schmuck war sie, alles was recht ist – man bloß:
Ihr guckte der Deubel aus beiden Augen.
Aber Jan, wie gesagt, war bange vor nichts.
Und so freit' er um Antje. Sie ziert' sich nicht lange
Und sagte Ja und ward seine Braut.
Aber als sie's war, da ward ihm doch bange.
Schon vor der Hochzeit alle Tag Krieg!
Verdammt, denkt Jan, nur noch drei Wochen,
Dann ist die Hochzeit. Sie läßt mich nicht los.
Aber sie ist ein Stachelrochen.
Da – denkt euch – da kommt ihm Hilf' in der Not!
Bei Südsüdost wird Jan Reimers verschlagen –
Er rennt auf die Klippen – das Schiff zerkracht –
Eine Planke hat ihn nach England getragen.
Sein erster Gedanke war: »Jung, wat'n Glück,
Nu bin ick verschollen! Das 's Gottes Wille!«
Er stopft sich die Pfeife mit nassem Shag
Und steckt sie in Brand bedachtsam und stille.
Sein Ewer freilich war Grus und Mus.
»Na ja«, denkt Jan, »wat is dor Slimm's bi!
Ick hev hier Fisch un hev hier Tobak.«
Und er lebte drei Jahre vergnügt in Grimsby.
Aber die Welt ist ein Rattenloch.
Ein Landsmann muß ihn gesehen haben. –
Jan bummelt am Hafen, die Fäust' in der Tasch',
Sich recht an Freiheit und Sonne zu laben –
Da hört er plötzlich – ihm schießt's in die Knie –
Seinen Namen rufen von weiblicher Stimme:
»Jan Reimers! Jan Reimers!« Ihm war's, als rief'
Des jüngsten Tages Posaun' ihn mit Grimme!
Aber Jan hat Courage: er stellt sich taub!
Da ruft Antje Nissen: »Du solltest dich schämen!
Nun tu' doch nicht so, als wenn du nicht hörst,
Du Feigling, du!«
Da mußt' er sie nehmen.


                Lütt Jan
Jan Boje wünscht sich lange schon
ein Schiff - ach Gott, wie lange schon!
Ein Schiff so groß - ein Schiff - hurra:
von hier bis nach Amerika.
Die höchsten Tannen sind zu klein,
die Masten müßten Türme sein,
die stießen - hei, was ist dabei? -
klingling das Himmelsdach entzwei.
Die Wolken wären Segel gut,
die knallen wild im Wind vor Wut;
Jan Boje hängt am Klüverbaum
und strampelt nackt im Wellenschaum.
Jan baumelt an der Reling, Jan!
und schaukelt, was er schaukeln kann.
Wenn's an die Planken plitscht und platscht,
der blanke Steert ins Wasser klatscht.
Wie greift er da die Fische flink:
Ein Butt bei jedem Wellenblink!
Die dörrt auf Deck der Sonnenschein,
und Jantje beißt vergnügt hinein.
Jan Boje segelt immerfort,
spuckt über Back- und Steuerbord
und kommt zurück trotz Schabernack,
das ganze Schiff voll Kautabak.
Wer aber ist Jan Boje, he?
Der Teufelsmaat und Held zur See?
Jan Boje ist ein Fischerjung',
ein Knirps, ein Kerl, ein frischer Jung'.
Grad liegt er auf dem Bauch im Sand
und lenkt ein schwimmend Brett am Band,
und ob die Woge kommt und geht,
ob sich sein Brett im Wirbel dreht -:
Sein starrer Blick ins Ferne steht.
Da schwillt's heran im Sonnengleiß
von tausend Segeln breit und weiß;
da hebt sich manch ein Riesenbug
wie düstrer Spuk und Augentrug...
Das wandert ewig übers Meer.
Wann kommt Jan Bojes Schiff daher?
 


              Nach dem Gewitter

Grell entfuhr der Blitz den umwölkten Höhen,
Und der Donner Wut übertönte, lange
Dumpf verhallend noch, den in schwarzen Strömen
Rauschenden Regen.
Nun ist alles stumm. – Nur wenn hin und wieder
Über Blum’ und Blatt ein geheimer Schauer
Huscht, fällt erdenwärts, wie in Träumen leise
Tropfen auf Tropfen. –
Unheil traf dein Herz, und am heitern Tage
Trat das Unglück wild in dein junges Leben.
Schlag traf schnell auf Schlag, und des Lebens Traum ist
Eilig zerstoben.
Ode ruht dein Herz. – Durch den müden Leib nur
Hin und wieder fliegt ein erinnernd Beben,
Und vom Auge rinnt, dem geschlossnen, leise
Tropfen auf Tropfen.
 


          Neujahrsgruß

Ans Tor des Türmers hab' ich heut
gepocht mit lautem Rufen:
»Komm, führe mich vor Mitternacht
zum Turm hinauf die Stufen!
Denn ein Gelüsten treibt mich heut,
mit mächtig hallendem Geläut
die Welt zu meinen Füßen
zu grüßen.«
Und an des Alten Seite stumm
bin ich emporgestiegen.
Tief lag die Erde schneeverhüllt,
geruhig und verschwiegen.
Die weite Stadt - ein Lichtermeer!
Das blinkte hold von unten her
wie goldnes Sterngewimmel
vom Himmel.
Und oben hab' ich tiefen Zugs
den Hauch der Nacht getrunken;
berauscht von tausend Bildern, ist
mein Geist in sich versunken -:
Jed' Licht dort unten scheint ihm da
ein Auge, das ins Ferne sah,
an Tagen, die vergangen,
zu hangen.
Und jeder Blick erspähte bald
aus grauem Nebeldampfe
ein eignes und besondres Bild
vom ewigen Erdenkampfe.
Wie manche leise Träne rann...
Wie manches feste Herz begann
in still erneuten Fluten
zu bluten!...
Hob sich aus fernem Dunkel nicht
hier - dort - ein Totenhügel?
Flog nicht ein freundlich Antlitz her
auf traumbewegtem Flügel?
O ja, in stiller Neujahrsnacht
der Toten wird zuerst gedacht,
der Lieben, die im Hafen
nun schlafen.
Doch mehr als Tod ist Lebensnot -
horch, horch - in mancher Kammer
gellt jäh durch die Erinnerung
ein lauter, wilder Jammer!
Ein nie verglommnes Weh entfacht
so manchem diese stille Nacht,
dem alles, was er träumte,
zerschäumte.
Und ewig Kampf und ewig Streit
mit Leiden und Gefahren,
mit Elend, Krankheit, Lug und Trug
seit tausend, tausend Jahren!
Und war's ein Jahr des Glücks vielleicht,
so hat's uns doch das Haar gebleicht,
so ist es doch verronnen -
zerronnen -
Wir kämpfen mit der Nagerin,
der Zeit, der nimmermüden -
still! War mir's doch, als ob zur Lust
von fern Gesänge lüden -
fürwahr: ein leises Kling und Klang...
Zum Mund mit Jubel und Gesang
den Trank voll Glut und Leben
sie heben!...
Ja! Eine Freudensonne glüht
inmitten wilden Krieges:
In allen edlen Herzen ist's
die Zuversicht des Sieges!
Doch wo das Schwert, das ihn erwirbt,
das jeden Höllengeist verdirbt?
Wo glänzt die blanke Wehre,
die hehre?
Nun Mitternacht! - Da ließ ich weit
die Glocke donnernd schwingen,
und meine Seele schrie hinein
mit Beben und mit Klingen:
Sie soll uns Schwert des Lichtes sein,
die reine Siegerin allein
in Nacht- und Sturmgetriebe:
Die Liebe.
 


                 Nis Randers

Krachen und Heulen und berstende Nacht,
Dunkel und Flammen in rasender Jagd –
Ein Schrei durch die Brandung!
Und brennt der Himmel, so sieht man's gut:
Ein Wrack auf der Sandbank! Noch wiegt es die Flut;
Gleich holt sich's der Abgrund.
Nis Randers lugt – und ohne Hast
Spricht er: »Da hängt noch ein Mann im Mast;
Wir müssen ihn holen.«
Da faßt ihn die Mutter: »Du steigst mir nicht ein:
Dich will ich behalten, du bliebst mir allein,
Ich will's, deine Mutter!
Dein Vater ging unter und Momme, mein Sohn;
Drei Jahre verschollen ist Uwe schon,
Mein Uwe, mein Uwe!«
Nis tritt auf die Brücke. Die Mutter ihm nach!
Er weist nach dem Wrack und spricht gemach:
»Und seine Mutter?«
Nun springt er ins Boot, und mit ihm noch sechs:
Hohes, hartes Friesengewächs;
Schon sausen die Ruder.
Boot oben, Boot unten, ein Höllentanz!
Nun muß es zerschmettern...! Nein: es blieb ganz!...
Wie lange? Wie lange?
Mit feurigen Geißeln peitscht das Meer
Die menschenfressenden Rosse daher;
Sie schnauben und schäumen.
Wie hechelnde Hast sie zusammenzwingt!
Eins auf den Nacken des andern springt
Mit stampfenden Hufen!
Drei Wetter zusammen! Nun brennt die Welt!
Was da? – Ein Boot, das landwärts hält –
Sie sind es! Sie kommen! – –
Und Auge und Ohr ins Dunkel gespannt...
Still – ruft da nicht einer? – Er schreit's durch die Hand:
»Sagt Mutter, 's ist Uwe!«
 


    Nächtliche Wanderung

Ich schreite einsam durch den Wald,
Die Nacht webt schwarz um düstre Tannen;
Vor meinem Geist steht Weh und Luft
Der langen Jahre, die verrannen.
Hat mehr des Leibes, mehr der Luft
Mich angefaßt im Weltgetriebe? –
Ob allem, was verweht, vergeht,
Stand ewig leuchtend deine Liebe!
Auch heute, da durch Nacht und Graun
Mein müder Fuß zum Ziele schreitet,
Fühl ich o tief, wie mich dein Geist
In dieser Einsamkeit begleitet.
 


         Vision
(Das Mädchen spricht:)

Die Glut im Ofen
Zerfällt mit Knistern –
Ich bin bei den Eltern,
Unter Geschwistern;
An jedem Abend
In engem Zimmer
Sind wie versammelt
Beim Lampenschimmer.
Sie alle grollend
Und finster schweigend –
Ich in Gedanken
Zu dir mich neigend.
Du bist geächtet
In diesen Räumen –
Du steter Gast mir
In stummen Träumen.
Ich bin gefangen
In dumpfer Klause;
Ich bin verlassen
Im Elternhause!
Und oft doch will mir’s
Die Brust zersprengen,
Ans Herz der Eltern
Mich hinzudrängen –
Ich bin verlassen
Unter den Meinen;
Ich bin gefangen
Und darf nicht weinen.
Da – welch ein Klingen
Durchflog den Raum?
Es fiel wie Amen
In meinen Traum!
Ein helles Jauchzen
Und leises Klagen,
Ein wehmutbanges
Und süßes Fragen!
Von ferne hört’ ich’s
Herüberwehen,
Wo durch das Dunkel die winde gehen.
Kaum, dass ich vernommen
den Hauch der Töne –
Da standst du vor mir
In aller Schöne,
Mit hellen Augen,
Mit blühenden Wangen,
Als könnt’ ich mit Armen
Dich liebend umfangen…
Du wolltest mich grüßen
Aus dunkler Weite
Und gabst dem Verlangen
Ein Lied zum Geleite.
Es hat mich gefunden,
Da ich getrauert,
Es hat mir selig
Das Herz durchschauert!
Du hast mich wieder
Mich Licht umgeben;
In meinem Kerker
Blüht neues Leben!
 


                 Vorfrühling

Welch goldnes Leuchten fließt so ungeahnt
Wie lichter Zauber um die starren Bäume?
Was zittert wie geheimer Feierton
Mit leisem Klingen durch des Himmels Räume?
Die Flut des Lichts rinnt mit froher Hast
Vom Felsenhaupt bis in des Abgrunds Klüfte,
Und horch! – schon ruft ein Fink mit leisem Schlag
Zaghaften Jubel in die stillen Lüfte.
Es hat der Lenz in stummer Ungeduld
Der Erde schon gestanden seine Liebe,
Die Lider ihr mit lindem Strahl geküßt,
Daß sie nicht mehr im Schlaf befangen bliebe.
Er hat der tief entschlafenen zugeraunt
Der Sehnsucht erste, seligbange Frage
Und ihr versprochen, was die Liebe schenkt:
Verklärte Nächte, sonnenschöne Tage! –
Und sieh! Von ihrem Antlitz hebt sie leis
Den duftgewobnen, zarten Nebelschleier
Und schaut mit Augen, die der Traum noch bannt,
Wie zweifelnd auf den leuchtenden Befreier.
Noch fast sie nicht die ganze süße Luft,
Noch hängt an ihrer Wimper schweres Trauern;
Doch mehr und mehr erkennt sie schon den freund,
Und leis erbebt ihr Leib in Wonneschauern.
 


                       Waldidyll

Voll Haß und Unrast lief ich in den Wald:
Mein Herz war heiß; die Welt war tot und kalt.
Du Bächlein bist so wild und kraus wie ich;
Komm, schäumender Gesell, und lehre mich: -
Du gleitest singend über Blum' und Moos -
was ist im großen Weltenspiel dein Los?
Und sprühend, perlend klang es aus dem Schaum,
ein Lied, die Welle sang es wie im Traum:
»Im Schoß der Berge kurze Stunden träumen,
ein froher Sprung vom steilen Hange her -
an starren Felsenklippen sich zerschäumen -
und seinem Selbst entsagen fern im Meer.« -
Noch lange horcht' ich. Klang's vom Himmel her?
»Und seinem Selbst entsagen fern im Meer.«