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Biografie

       Der 6. November 1632

Schwedische Heide, Novembertag,
der Nebel grau am Boden lag,
hin über das Steinfeld von Dalarn
holpert, stolpert ein Räderkarr'n.

    Ein Räderkarr'n, beladen mit Korn;
Lorns Atterdag zieht an der Deichsel vorn,
Niels Rudbeck schiebt. Sie zwingen's nicht,
das Gestrüpp wird dichter, Niels aber spricht:

    »Busch-Ginster wächst hier über den Steg,
wir geh'n in die Irr', wir missen den Weg,
wir haben links und rechts vertauscht, -
hörst du, wie der Dal-Elf rauscht?«

    »Das ist nicht der Dal-Elf, der Dal-Elf ist weit,
es rauscht nicht vor uns und nicht zur Seit',
es lärmt in Lüften, es klingt wie Trab,
wie Reiter wogt es auf und ab.

    Es ist wie Schlacht, die herwärts dringt,
wie Kirchenlied es dazwischen klingt,
ich hör' in der Rosse wieherndem Trott:
Eine feste Burg ist unser Gott!«

    Und kaum gesprochen, da Lärmen und Schrein,
in tiefen Geschwadern bricht es herein,
es brausen und dröhnen Luft und Erd',
vorauf ein Reiter auf weißem Pferd.

    Signale, Schüsse, Rossegestampf,
der Nebel wird schwarz wie Pulverdampf,
wie wilde Jagd so fliegt es vorbei; -
zitternd ducken sich die zwei.

    Nun ist es vorüber ... da wieder mit Macht
rückwärts wogt die Reiterschlacht,
und wieder dröhnt und donnert die Erd',
und wieder vorauf das weiße Pferd.

    Wie ein Lichtstreif durch den Nebel es blitzt,
kein Reiter mehr im Sattel sitzt,
das fliehende Tier, es dampft und raucht,
sein Weiß ist tief in Rot getaucht.

    Der Sattel blutig, blutig die Mähn',
ganz Schweden hat das Roß gesehn; -
auf dem Felde von Lützen am selben Tag
Gustav Adolf in seinem Blute lag.


      Verse zum Advent

Noch ist Herbst nicht ganz entflohn,
Aber als Knecht Ruprecht schon
Kommt der Winter hergeschritten,
Und alsbald aus Schnees Mitten
Klingt des Schlittenglöckleins Ton.

Und was jüngst noch, fern und nah,
Bunt auf uns herniedersah,
Weiß sind Türme, Dächer, Zweige,
Und das Jahr geht auf die Neige,
Und das schönste Fest ist da.

Tag du der Geburt des Herrn,
Heute bist du uns noch fern,
Aber Tannen, Engel, Fahnen
Lassen uns den Tag schon ahnen,
Und wir sehen schon den Stern.


           Alles still!

Alles still! es tanzt den Reigen
Mondenstrahl in Wald und Flur,
Und darüber thront das Schweigen
Und der Winterhimmel nur.

Alles still! vergeblich lauschet
Man der Krähe heisrem Schrei.
Keiner Fichte Wipfel rauschet,
Und kein Bächlein summt vorbei.

Alles still! die Dorfeshütten
Sind wie Gräber anzusehn,
Die, von Schnee bedeckt, inmitten
Eines weiten Friedhofs stehn.

Alles still! nichts hör ich klopfen
Als mein Herze durch die Nacht -
Heiße Tränen niedertropfen
Auf die kalte Winterpracht.


    Die Balinesenfrauen auf Lombok

Unerhört,
Auf Lombok hat man sich empört,
Auf der Insel Lombok die Balinesen
Sind mit Mynheer unzufrieden gewesen.

Und die Mynheers faßt ein Zürnen und Schaudern:
»Aus mit dem Brand, ohne Zögern und Zaudern!«
Und allerlei Volk, verkracht, verdorben,
Wird von Mynheer angeworben,
Allerlei Leute mit Mausergewehren
Sollen die Balinesen bekehren.
Vorwärts, ohne Sinn und Plan;
Aber auch planlos wird es getan:
Hinterlader arbeitete gut,
Und die Männer liegen in ihrem Blut.

Die Männer. Aber groß anzuschaun
Sind da noch sechzig stolze Fraun,
All eingeschlossen zu Wehr und Trutz
In eines Buddhatempels Schutz.
Reichgekleidet, goldgeschmückt,
Ihr jüngstes Kind an die Brust gedrückt,
Hochaufgericht't eine jede stand,
Den Feind im Auge, den Dolch in der Hand.

Die Kugeln durchschlagen Trepp und Dach -
»Wozu hier noch warten, feig und schwach?«
Und die Türen auf und hinab ins Tal,
Hoch ihr Kind und hoch der Stahl
(Am Griffe funkelt der Edelstein),
So stürzen sie sich in des Feindes Reihn.
Die Hälfte fällt tot, die Hälfte fällt wund,
Aber jede will sterben zu dieser Stund,
Und die Letzten, in stolzer Todeslust,
Stoßen den Dolch sich in die Brust.

Mynheer derweilen in seinem Kontor,
Malt sich christlich Kulturelles vor.


  Wo Bismarck liegen soll

Nicht in Dom oder Fürstengruft,
er ruh' in Gottes freier Luft
draußen auf Berg und Halde,
noch besser tief, tief im Walde;
Widukind lädt ihn zu sich ein:
»Ein Sachse war er, drum ist er mein,
im Sachsenwald soll er begraben sein.«

Der Leib zerfällt, der Stein zerfällt,
aber der Sachsenwald, der hält,
und kommen nach dreitausend Jahren
Fremde hier des Weges gefahren
und sehen, geborgen vorm Licht der Sonnen,
den Waldrand in Efeu tief eingesponnen
und staunen der Schönheit und jauchzen froh,
so gebietet einer: »Lärmt nicht so! -
Hier unten liegt Bismarck irgendwo


           Überlaß es der Zeit

Erscheint dir etwas unerhört,
Bist du tiefsten Herzens empört,
Bäume nicht auf, versuchs nicht mit Streit,
Berühr es nicht, überlaß es der Zeit.
Am ersten Tage wirst du feige dich schelten,
Am zweiten läßt du dein Schweigen schon gelten,
Am dritten hast du's überwunden;
Alles ist wichtig nur auf Stunden,
Ärger ist Zehrer und Lebensvergifter,
Zeit ist Balsam und Friedensstifter.


          Die Frage bleibt

Halte dich still, halte dich stumm,
Nur nicht fragen, warum? warum?

Nur nicht bittere Fragen tauschen,
Antwort ist doch nur wie Meeresrauschen.

Wies dich auch aufzuhorchen treibt,
Das Dunkel, das Rätsel, die Frage bleibt.


       Archibald Douglas

»Ich hab' es getragen sieben Jahr,
und ich kann es nicht tragen mehr,
wo immer die Welt am schönsten war,
da war sie öd' und leer.

Ich will hintreten vor sein Gesicht
in dieser Knechtsgestalt,
er kann meine Bitte versagen nicht,
ich bin ja worden alt,

Und trüg' er noch den alten Groll,
frisch wie am ersten Tag,
so komme, was da kommen soll,
und komme, was da mag.«

Graf Douglas sprichts. Am Weg ein Stein
lud ihn zu harter Ruh',
er sah in Wald und Feld hinein,
die Augen fielen ihm zu.

Er trug einen Harnisch, rostig und schwer,
darüber ein Pilgerkleid, -
da horch, vom Waldrand scholl es her
wie von Hörnern und Jagdgeleit.

Und Kies und Staub aufwirbelte dicht,
herjagte Meut' und Mann,
und ehe der Graf sich aufgericht't,
waren Roß und Reiter heran.

König Jakob saß auf hohem Roß,
Graf Douglas grüßte tief,
dem König das Blut in die Wangen schoß,
der Douglas aber rief:

»König Jakob, schaue mich gnädig an
und höre mich in Geduld,
was meine Brüder dir angetan,
es war nicht meine Schuld.

Denk nicht an den alten Douglas-Neid,
der trotzig dich bekriegt,
denk lieber an deine Kinderzeit,
wo ich dich auf den Knieen gewiegt.

Denk lieber zurück an Stirling-Schloß,
wo ich Spielzeug dir geschnitzt,
dich gehoben auf deines Vaters Roß
und Pfeile die zugespitzt.

Denk lieber zurück an Linlithgow,
an den See und den Vogelherd,
wo ich dich fischen und jagen froh
und schwimmen und springen gelehrt.

O denk an alles, was einsten war,
und sänftige deinen Sinn,
ich hab' es gebüßet sieben Jahr,
daß ich ein Douglas bin.«

»Ich seh' dich nicht, Graf Archibald,
ich hör' deine Stimme nicht,
mir ist, als ob ein Rauschen im Wald
von alten Zeiten spricht.

Mir klingt das Rauschen süß und traut,
ich lausch' ihm immer noch,
dazwischen aber klingt es laut:
Er ist ein Douglas doch.

Ich seh dich nicht, ich höre dich nicht,
das ist alles, was ich kann,
ein Douglas vor meinem Angesicht
wär' ein verlorener Mann.«

König Jakob gab seinem Roß den Sporn,
bergan ging jetzt sein Ritt,
Graf Douglas faßte den Zügel vorn
und hielt mit dem König Schritt.

Der Weg war steil, und die Sonne stach,
und sein Panzerhemd war schwer;
doch ob er schier zusammenbrach,
er lief doch nebenher.

»König Jakob, ich war dein Seneschall,
ich will es nicht fürder sein,
ich will nur warten dein Roß im Stall
und ihm schütten die Körner ein.

Ich will ihm selber machen die Streu
und es tränken mit eigner Hand,
nur laß mich atmen wieder aufs neu
die Luft im Vaterland.

Und willst du nicht, so hab' einen Mut,
und ich will es danken dir,
und zieh dein Schwert und triff mich gut
und laß mich sterben hier.«

König Jakob sprang herab vom Pferd,
hell leuchtete sein Gesicht,
aus der Scheide zog er sein breites Schwert,
aber fallen ließ er es nicht.

»Nimm's hin, nimm's hin und trag es neu,
und bewache mir meine Ruh',
der ist in tiefster Seele treu,
der die Heimat liebt wie du.

Zu Roß, wir reiten nach Linlithgow,
und du reitest an meiner Seit',
da wollen wir fischen und jagen froh
als wie in alter Zeit.«


  Kaiser Friedrich III. letzte Fahrt

    »Ich sähe wohl gern (er sprach es stumm)
noch einmal die Plätze hier herum,
am liebsten auf Alt-Geltow zu, -
und ihr kommt mit, die Kinder und du.«

    Das Dorf, es lag im Sonnenschein,
in die stille Kirche tritt er ein,
die Wände weiß, die Fenster blank,
zu beiden Seiten nur Bank an Bank,
und auf der letzten - er blickt empor
auf Orgel und auf Orgelchor
und wendet sich und spricht: »Wie gern,
vernähm' ich noch einmal ›Lobe den Herrn‹;
den Lehrer im Feld, ich mag ihn nicht stören,
Vicky, laß du das Lied mich hören.«

    Und durch die Kirche, klein und kahl,
als sprächen die Himmel, erbraust der Choral,
und wie die Töne sein Herz bewegen,
eine Lichtgestalt tritt ihm entgegen,
eine Lichtgestalt, an den Händen beiden
erkennt er die Male: »Dein Los war leiden.
Du lerntest dulden und entsagen,
drum sollst du die Krone des Lebens tragen.
Du siegtest, nichts soll dich fürder beschweren:
Lobe den mächtigen König der Ehren . .«

    Die Hände gefaltet, den Kopf tief geneigt,
so lauscht er der Stimme.
                                          Die Orgel schweigt.


            Frühling

    Nun ist er endlich kommen doch
in grünem Knospenschuh.
»Er kam, er kam ja immer noch«,
die Bäume nicken sich's zu.

    Sie konnten ihn all erwarten kaum,
nun treiben sie Schuß auf Schuß;
im Garten der alte Apfelbaum
er sträubt sich, aber er muß.

    Wohl zögert auch das alte Herz
und atmet noch nicht frei,
es bangt und sorgt: »Es ist erst März,
und März ist noch nicht Mai.«

    O schüttle ab den schweren Traum
und die lange Winterruh',
es wagt es der alte Apfelbaum,
Herze, wag's auch du!


            Goodwin-Sand

    Das sind die Bänke von Goodwin-Sand,
sie sind nicht Meer, sie sind nicht Land,
sie schieben sich, langsam, satt und schwer,
wie eine Schlange hin und her.

    Und die Schiffe, die mit dem Sturm gerungen
und die schäumende Wut der Wellen bezwungen,
und die gefahren über die Welt,
unzertrümmert, unzerschellt,
sie sehen die Heimat, sie sehen das Ziel,
da schiebt sich die Schlange unter den Kiel
und ringelt Schiff und Mannschaft hinab,
zugleich ihr Tod, zugleich ihr Grab.

    Die See ist still, die Ebb' ist nah,
Mastspitzen ragen hier und da,
und wo sie ragen in die Luft,
da sind es Kreuze über der Gruft;
ein Kirchhof ist's, halb Meer, halb Land, -
das sind die Bänke von Goodwin-Sand.


              Gorm Grymme

    König Gorm herrscht über Dänemark,
er herrscht die dreißig Jahr,
sein Sinn ist fest, seine Hand ist stark,
weiß worden ist nur sein Haar,
weiß worden sind nur seine buschigen Brau'n,
die machten manchen stumm,
im Grimme liebt er drein zu schau'n, -
Gorm Grymme heißt er drum.

    Und die Jarls kamen zum Fest des Jul,
Gorm Grymme sitzt im Saal,
und neben ihm sitzt, auf beinernem Stuhl,
Thyra Danebod, sein Gemahl;
sie reichen einander still die Hand
und blicken sich an zugleich,
ein Lächeln in beider Augen stand, -
Gorm Grymme, was macht dich so weich?

    Den Saal hinunter, in offner Hall',
da fliegt es wie Locken im Wind,
Jung-Harald spielt mit dem Federball,
Jung-Harald, ihr einziges Kind,
sein Wuchs ist schlank, blond ist sein Haar,
blau-golden ist sein Kleid,
Jung-Harald ist heut fünfzehn Jahr,
und sie lieben ihn allbeid'.

    Sie lieben ihn beid'; eine Ahnung bang
kommt über die Königin;
Gorm Grymme aber den Saal entlang
auf Jung-Harald deutet er hin,
und er hebt sich zum Sprechen, - sein Mantel rot
gleitet nieder auf den Grund:
»Wer je mir spräche, 'er ist tot',
der müßte sterben zur Stund'.«

    Und Monde gehn. Es schmolz der Schnee,
der Sommer kam zu Gast,
dreihundert Schiffe fahren in See,
Jung-Harald steht am Mast,
er steht am Mast, er singt ein Lied,
bis sich's im Winde brach,
das letzte Segel, es schwand, es schied, -
Gorm Grymme schaut ihm nach.

    Und wieder Monde. Grau-Herbstestag
liegt über Sund und Meer,
drei Schiffe mit mattem Ruderschlag
rudern heimwärts drüber her;
schwarz hängen die Wimpel; auf Brömsebro-Moor
Jung-Harald liegt im Blut, -
wer bringt die Kunde vor Königs Ohr?
Keiner hat den Mut.

    Thyra Danebod schreitet hinab an den Strand,
sie hatte die Segel gesehn;
sie spricht: »Und bangt sich euer Mund,
ich meld' ihm, was geschehn«;
ablegt sie ihr rotes Korallengeschmeid'
und die Gemme von Opal,
sie kleidet sich in ein schwarzes Kleid
und tritt in Hall' und Saal.

    In Hall' und Saal. An Pfeiler und Wand
Goldteppiche ziehen sich hin,
schwarze Teppiche nun mit eigener Hand
hängt drüber die Königin,
und sie zündet zwölf Kerzen; ihr flackernd Licht,
es gab einen trüben Schein,
und sie legt ein Gewebe, schwarz und dicht,
auf den Stuhl von Elfenbein.

    Eintritt Gorm Grymme. Es zittert sein Gang,
er schreitet wie im Traum,
er starrt die schwarze Hall' entlang,
die Lichter, er sieht sie kaum,
er spricht: »Es weht wie Schwüle hier,
ich will an Meer und Strand,
reich' meinen rotgoldenen Mantel mir
und reiche mir deine Hand.«

    Sie gab ihm einen Mantel dicht,
der war nicht golden, nicht rot,
Gorm Grymme sprach: »Was niemand spricht,
ich spreche es: er ist tot.«
Er setzte sich nieder, wo er stand,
ein Windstoß fuhr durchs Haus,
die Königin hielt des Königs Hand,
die Lichter loschen aus.


               Meine Gräber

Kein Erbbegräbnis mich stolz erfreut;
meine Gräber liegen zu weit zerstreut,
weit zerstreut über Stadt und Land,
aber all in märkischem Sand.

Verfallene Hügel, die Schwalben ziehn,
vorüber schlängelt sich der Rhin,
über weiße Steine, zerbröckelt all',
blickt der alte Ruppiner Wall,
die Buchen stehn, die Eichen rauschen,
die Gräberbüsche Zwiesprach tauschen,
und Haferfelder weit auf und ab, -
da ist meiner Mutter Grab.

Und ein andrer Platz, dem verbunden ich bin:
Berglehnen, die Oder fließt dran hin,
zieht vorüber in trägem Lauf,
gelbe Mummeln schwimmen darauf.
Am Ufer Werft und Schilf und Rohr,
und am Abhange schimmern Kreuze hervor,
auf eines fällt heller Sonnenschein, -
da hat mein Vater seinen Stein.

Der Dritte, seines Todes froh,
liegt auf dem weiten Teltow-Plateau,
Dächer von Ziegel, Dächer von Schiefer,
dann und wann eine Krüppelkiefer,
ein stiller Graben die Wasserscheide,
Birken hier und da eine Weide,
zuletzt eine Pappel am Horizont, -
im Abendstrahle sie sich sonnt.
Auf den Gräbern Blumen und Aschenkrüge,
vorüber in Ferne rasseln die Züge,
still bleibt das Grab und der Schläfer drin, -
der Wind, der Wind geht drüber hin


         Immer enger...

Immer enger, leise, leise
Ziehen sich die Lebenskreise,
Schwindet hin, was prahlt und prunkt,
Schwindet hoffen, hassen, lieben,
Und ist nichts in Sicht geblieben
Als der letzte dunkle Punkt.


                     Jan Bart

    Jan Bart geht über den Vlissinger Damm.
»Hür, Katrin, wir trecken tosamm;
en Huus, en Boot, 'ne Zieg' un 'ne Kuh',
wat mienst, Katrin? sy miene Fru.«

    Katrin an ihrem Friesrock zog,
»Ne, Jan, bist mi nich Mynherr 'noog.«
Der nickt und lacht: »Na, denn adje.«
Und nach Frankreich geht er und sticht in See.

    Matrose, Maat, so fängt er an,
auf der zweiten Reise: Steuermann,
auf der dritten: Leutnant unter Du Quesne,
auf der vierten: Flottenkapitän.

    Und als es mit England kommt zum Krieg,
wo Jan Bart erscheint, erscheint der Sieg,
wie stolz das britische Banner auch weh',
Jan Bart ist Herr und fegt die See.

    Heut aber tritt er vor seinen Herrn,
vor Louis quatorze. Der sieht ihn gern.
»Willkommen, Jan Bart, in diesem Saal,
ich ernenn' Euch zu meinem Groß-Admiral.«

    Jan Bart verneigt sich: »Majestät,
was klug und recht ist, kommt nie zu spät.«
Alles starrt auf den König, der aber lacht, -
Jan Bart hat sich wieder heim gemacht.

    Und am Vlissinger Damm, an alter Stell',
sitzt wieder Katrin auf ihrer Schwell',
ihren Ältesten hält sie bei der Hand,
der Jüngste liegt und spielt im Sand.

    Er grüßt sie lachend und noch einmal:
»Katrin, ich bin nu Groß-Admiral,
Katrin, w'rüm biste nicht mit mi goahn?«
»Joa, wenn ick't wußt hätt, hätt ick't doahn.«


           John Maynard

           John Maynard!
 
    »Wer ist John Maynard?«
 
»John Maynard war unser Steuermann,
Aus hielt er, bis er das Ufer gewann,
Er hat uns gerettet, er trägt die Kron,
Er starb für uns, unsre Liebe sein Lohn.
                                John Maynard.«

                      *   *   *

    Die »Schwalbe« fliegt über den Erisee,
Gischt schäumt um den Bug wie Flocken von Schnee;
Von Detroit fliegt sie nach Buffalo -
Die Herzen aber sind frei und froh,
    Und die Passagiere mit Kindern und Fraun
    Im Dämmerlicht schon das Ufer schaun,
Und plaudernd an John Maynard heran
    Tritt alles: »Wie weit noch, Steuermann?«
Der schaut nach vorn und schaut in die Rund:
    »Noch dreißig Minuten ... Halbe Stund.«

    Alle Herzen sind froh, alle Herzen sind frei -
Da klingt's aus dem Schiffsraum her wie Schrei,
    »Feuer!« war es, was da klang,
Ein Qualm aus Kajüt und Luke drang,
Ein Qualm, dann Flammen lichterloh,
Und noch zwanzig Minuten bis Buffalo.

    Und die Passagiere, bunt gemengt,
Am Bugspriet stehn sie zusammengedrängt,
Am Bugspriet vorn ist noch Luft und Licht,
Am Steuer aber lagert sich´s dicht,
Und ein Jammern wird laut: »Wo sind wir? wo?«
Und noch fünfzehn Minuten bis Buffalo. -

    Der Zugwind wächst, doch die Qualmwolke steht,
Der Kapitän nach dem Steuer späht,
Er sieht nicht mehr seinen Steuermann,
Aber durchs Sprachrohr fragt er an:
»Noch da, John Maynard?«
                    »Ja,Herr. Ich bin.«
    »Auf den Strand! In die Brandung!«
                    »Ich halte drauf hin.«
Und das Schiffsvolk jubelt: »Halt aus! Hallo!«
Und noch zehn Minuten bis Buffalo. -

    »Noch da, John Maynard?« Und Antwort schallt's
Mit ersterbender Stimme: »Ja, Herr, ich halt's!«
    Und in die Brandung, was Klippe, was Stein,
Jagt er die »Schwalbe« mitten hinein.
Soll Rettung kommen, so kommt sie nur so.
Rettung: der Strand von Buffalo!

                         *   *   *

    Das Schiff geborsten. Das Feuer verschwelt.
Gerettet alle. Nur einer fehlt!

                         *   *   *

    Alle Glocken gehn; ihre Töne schwell'n
Himmelan aus Kirchen und Kapell'n,
Ein Klingen und Läuten, sonst schweigt die Stadt,
Ein Dienst nur, den sie heute hat:
    Zehntausend folgen oder mehr,
Und kein Aug im Zuge, das tränenleer.

    Sie lassen den Sarg in Blumen hinab,
Mit Blumen schließen sie das Grab,
Und mit goldner Schrift in den Marmorstein
Schreibt die Stadt ihren Dankspruch ein:
    »Hier ruht John Maynard! In Qualm und Brand
    Hielt er das Steuer fest in der Hand,
    Er hat uns gerettet, er trägt die Kron,
    Er starb für uns, unsre Liebe sein Lohn.
                                John Maynard.«


              Mein Leben

Mein Leben, ein Leben ist es kaum,
Ich gehe dahin als wie im Traum.

Wie Schatten huschen die Mensch hin,
Ein Schatten dazwischen ich selber bin.

Und im Herzen tiefe Müdigkeit -
Alles sagt mir: Es ist Zeit ...


                  Mittag

    Am Waldessaume träumt die Föhre,
am Himmel weiße Wölkchen nur;
es ist so still, daß ich sie höre,
die tiefe Stille der Natur.

    Rings Sonnenschein auf Wies' und Wegen,
die Wipfel stumm, kein Lüftchen wach,
und doch, es klingt, als ström' ein Regen
leis tönend auf das Blätterdach.


Ein neues Buch, ein neues Jahr

Ein neues Buch, ein neues Jahr
Was werden die Tage bringen?!
Wird's werden, wie es immer war,
Halb scheitern, halb gelingen?

Ich möchte leben, bis all dies Glühn
Rücklässt einen leuchtenden Funken.
Und nicht vergeht, wie die Flamm' im Kamin,
Die eben zu Asche gesunken.


  »Und alles ohne Liebe«

Die Mutter spricht: »Lieb Else mein,
Wozu dies Grämen und Härmen?
Man lebt sich ineinander ein,
Auch ohne viel zu schwärmen;
Wie manche nahm schon ihren Mann,
Daß sie nicht sitzen bliebe,
Und dünkte sich im Himmel dann
Und – alles ohne Liebe.«

Jung-Else hört's. Sie schloß das Band,
Das ewge, am Altare,
Und lächelnd nahm des Gatten Hand
Den Kranz aus ihrem Haare;
Ihr war's, als ob ein glühend Rot
Sich auf die Stirn ihr schriebe,
Sie gab ihr Alles, nach Gebot,
Und – alles ohne Liebe.

Der Mann ist schlecht: er liebt das Spiel
Und guten Trunk nicht minder,
Sein Weib zu Hause weint zu viel,
Und ewig schrein die Kinder;
Spät kommt er heim, er kost, er schlägt,
Nachgiebig jedem Triebe;
Sie trägt's, wie nur die Liebe trägt,
Und – alles ohne Liebe.

Sie wünscht sich oft, es wär vorbei,
Wenn nicht die Kinder wären,
So aber sucht sie stets aufs neu
Zum Guten es zu kehren;
Sie schmeichelt ihm, und ob er dann
Auch kalt beiseit sie schiebe,
Sie nennt ihn »ihren liebsten Mann«
Und – alles ohne Liebe.


Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland

Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland,
Ein Birnbaum in seinem Garten stand,
Und kam die goldene Herbsteszeit
Und die Birnen leuchteten weit und breit,
Da stopfte, wenn's Mittag vom Turme scholl,
Der von Ribbeck sich beide Taschen voll,
Und kam in Pantinen ein Junge daher,
So rief er: »Junge, wiste 'ne Beer?«
Und kam ein Mädel, so rief er: »Lütt Dirn,
Kumm man röwer, ick hebb 'ne Birn.«

So ging es viel Jahre, bis lobesam
Der von Ribbeck auf Ribbeck zu sterben kam.
Er fühlte sein Ende. 's war Herbsteszeit,
Wieder lachten die Birnen weit und breit;
Da sagte von Ribbeck: »Ich scheide nun ab.
Legt mir eine Birne mit ins Grab.«
Und drei Tage drauf, aus dem Doppeldachhaus,
Trugen von Ribbeck sie hinaus,
Alle Bauern und Büdner mit Feiergesicht
Sangen »Jesus meine Zuversicht«,
Und die Kinder klagten, das Herze schwer:
»He is dod nu. Wer giwt uns nu 'ne Beer?«

So klagten die Kinder. Das war nicht recht -
Ach, sie kannten den alten Ribbeck schlecht;
Der neue freilich, der knausert und spart,
Hält Park und Birnbaum strenge verwahrt.
Aber der alte, vorahnend schon
Und voll Mißtraun gegen den eigenen Sohn,
Der wußte genau, was damals er tat,
Als um eine Birn' ins Grab er bat,
Und im dritten Jahr aus dem stillen Haus
Ein Birnbaumsprößling sproßt heraus.

Und die Jahre gingen wohl auf und ab,
Längst wölbt sich ein Birnbaum über dem Grab,
Und in der goldenen Herbsteszeit
Leuchtet's wieder weit und breit.
Und kommt ein Jung' übern Kirchhof her,
So flüstert's im Baume: »Wiste 'ne Beer?«
Und kommt ein Mädel, so flüstert's: »Lütt Dirn,
Kumm man röwer, ick gew' di 'ne Birn.«

So spendet Segen noch immer die Hand
Des von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland.


             Summa Summarum!

Eine kleine Stellung, ein kleiner Orden
[Fast wär ich auch mal Hofrat geworden],
Ein bißchen Namen, ein bißchen Ehre,
eine Tochter "geprüft", ein Sohn im Heere,
Mit siebzig 'ne Jubiläumsfeier,
Artikel im Brockhaus und im Meyer ...
Altpreußischer Durchschnitt, Summa Summarum,
Es drehte sich immer um Lirum Larum
Um Lirum Larum Löffelstiel.
Alles in allem - es war nicht viel.


             Die Brück' am Tay

                           When shall we three meet again
                                                                    Macbeth

»Wann treffen wir drei wieder zusamm'?«
  »Um die siebente Stund', am Brückendamm.«
        »Am Mittelpfeiler.«
                                     »Ich lösche die Flamm'.«
»Ich mit.«
               »Ich komme vom Norden her.«
»Und ich von Süden.«
                                 »Und ich vom Meer.«
»Hei, das gibt ein Ringelreihn,
Und die Brücke muß in den Grund hinein.«
»Und der Zug, der in die Brücke tritt
Um die siebente Stund'?«
                                      »Ei der muß mit.«
»Muß mit.«
                 »Tand, Tand,
Ist das Gebilde von Menschenhand.«

Auf der Norderseite, das Brückenhaus -
Alle Fenster sehen nach Süden aus,
Und die Brücknersleut', ohne Rast und Ruh
Und in Bangen sehen nach Süden zu,
Sehen und warten, ob nicht ein Licht
Übers Wasser hin »ich komme« spricht,
»Ich komme, trotz Nacht und Sturmesflug,
Ich, der Edinburger Zug.«

Und der Brückner jetzt: »Ich seh einen Schein
Am anderen Ufer. Das muß er sein.
Nun Mutter, weg mit dem bangen Traum,
Unser Johnie kommt und will seinen Baum,
Und was noch am Baume von Lichtern ist,
Zünd' alles an wie zum heiligen Christ,
Der will heuer zweimal mit uns sein, -
Und in elf Minuten ist er herein.«

Und es war der Zug. Am Süderturm
Keucht er vorbei jetzt gegen den Sturm,
Und Johnie spricht: »Die Brücke noch!
Aber was tut es, wir zwingen es doch.
Ein fester Kessel, ein doppelter Dampf,
Die bleiben Sieger in solchem Kampf,
Und wie's auch rast und ringt und rennt,
Wir kriegen es unter: das Element.«

»Und unser Stolz ist unsre Brück';
Ich lache, denk ich an früher zurück,
An all den Jammer und all die Not
Mit dem elend alten Schifferboot;
Wie manche liebe Christfestnacht
Hab ich im Fährhaus zugebracht,
Und sah unsrer Fenster lichten Schein,
Und zählte, und konnte nicht drüben sein.«

Auf der Norderseite, das Brückenhaus -
Alle Fenster sehen nach Süden aus,
Und die Brücknersleut' ohne Rast und Ruh
Und in Bangen sehen nach Süden zu;
Denn wütender wurde der Winde Spiel,
Und jetzt, als ob Feuer vom Himmel fiel',
Erglüht es in niederschießender Pracht
Überm Wasser unten ... Und wieder ist Nacht.

»Wann treffen wir drei wieder zusamm'?«
  »Um Mitternacht, am Bergeskamm.«
    »Auf dem hohen Moor, am Erlenstamm.«

»Ich komme.«
                     »Ich mit.«
                                   »Ich nenn euch die Zahl.«
»Und ich die Namen.«
                                  »Und ich die Qual.«
»Hei!
Wie Splitter brach das Gebälk entzwei.«
                   »Tand, Tand,
Ist das Gebilde von Menschenhand.«


            Zuspruch

Such nicht immer, was dir fehle,
Demut fülle deine Seele,
Dank erfülle dein Gemüt.
Alle Blumen, alle Blümchen,
Und darunter selbst ein Rühmchen,
Haben auch für dich geblüht!