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Biografie

Seite 2

A. Ein Glaubensbekenntnis

                         I.

Ich habe stets das Rechte nur gewollt;
Und währt'es lange, ging ich suchend um,
Bis ich's erfaßte - eines bleibt mein Trost:
Niemals dem Unrecht lieh' ich meine Stimme.
                                               Anonymus.


               Aus Spanien

Exoriare aliquis nostris ex ossibus ultor.

Der Platz ist leer, das Volk hat sich verlaufen,
Der Dampf verflog, die Schüsse sind verhallt;
Nur hier und dort steht einsam noch ein Haufen,
Im Auge Zorn, die Hände starr geballt;
Husaren ziehn; - ein Tag der Schmach war euer!
Ihr goßt das Blei, das seine Brust zerriß!
Ihr schoßt es ab! Euch galt sein Wort: "Gebt Feuer!
. . . . Exoriare aliquis!"

"Gebt Feuer!" - ja, das hat er oft gesprochen,
Wenn er zu Roß durch eure Reihen flog;
Wenn zu der Hufe ungeduld'gem Pochen
Er nun sein Schwert, das makellose, zog!
Für Spaniens Heil, für eurer Waffen Ehre,
Wie hat er stets zu führen euch gewußt!
Heut lenkt' er wieder Feuerröhre,
- O Gott, auf seine eigne Brust!

Und wer verdammt ihn? - Er, der jetzt das Ruder
Des morschen Staats in ehrnen Händen hält!
Der Waffenbruder seinen Waffenbruder!
Nicht wahr - sie schliefen in demselben Zelt?
Ihr saht sie rasten oft in einer Scheuer?
Aus einem Becher tranken sie? - Gewiß!
Ihr saht es oft! - O Gott, und heute? - "Feuer!
. . . . Exoriare aliquis!"

So war sein Wunsch: "Laßt mich zu Pferde sitzen!
Ja, laßt mich steigen auf mein liebstes Pferd!
Noch einmal gern säh' ich mein Schwert erblitzen,
So wie es Reitern aus der Scheide fährt!
Den ich im Kampf erblickt auf tausend Seiten,
Dem ich seit Jahren dreist die Stirne bot,
Auch jetzt dem Tod möcht' ich entgegenreiten -
Gern stürb' ich einen Reiterstod!"

Er starb ihn nicht - er ward hinausgefahren!
Gesenkten Halses blieb daheim sein Roß;
Dicht lag der Staub auf seinen Mähnenhaaren,
Indes man draußen seinen Herrn erschoß!
Einförm'gen Hufschlags trat es sein Gemäuer -
Ha, lieber wahrlich knirscht' es ins Gebiß
Und stampfte wiehernd in den Zuruf: - "Feuer!
.... Exoriare aliquis!"

Schlank, hoch und herrlich trat er aus dem Wagen;
Dann küßt' er brünstig ein Marienblid.
"In allen Schlachten hab' ich dich getragen:
Was du vermochtest, hast du treu erfüllt!
Die dich mir gab, mein Weib hat dich gesegnet;
Geh zu ihr heim - getan ist deine Pflicht!
Du lenkst die Kugeln, so die Walstatt regnet,
Der Richtstatt Kugeln lenkst du nicht!" -

Dann, daß kein Blei an ihm vorüberpfeife,
Gab er den Schützen selber ihren Stand,
Und wies sich auf sein blitzend Kriegsgewand;
Gab Ring und Kreuz dem Freunde drauf: - "Du Treuer!
Dies dem Regenten - meinem Weibe dies!
Zerbrich mein Schwert! Was zaudert ihr? Gebt Feuer!
.... Exoriare aliquis!"

Die Salve fiel: - was wollt ihr weiter wissen?
Die Salve fiel: - sein Auge zuckte nicht!
"Legt an, gebt Feur!" - Zerschmettert und zerrissen
Sank in den Staub sein edel Angesicht! -
So war sein Tod! Ich heiß' ihn einen schönen!
Es war ein mut'ger, ritterlicher Fall,
Und er verdient es, daß ihm Verse dröhnen,
Dumpf, wie gedämpfter Trommeln Schall.

Die ihr gehört - frei hab' ich sie verkündigt!
Ob jedem recht: - schiert ein Poet sich drum?
Seit Priams Tagen, weiß er, wird gesündigt
In Ilium und außer Ilium!
Er beugt sein Knie dem Helden Bonaparte
Und hört mit Zürnen d'Enghiens Todesschrei:
Der Dichter steht auf einer höhern Warte,
Als auf den Zinnen der Partei.

Drum auch: Soll ja, was jener ernst gesprochen,
Jetzt oder später in Erfüllung gehn,
Soll aus der Opfer blutbespritzten Knochen
Ein Held, ein Rächer flammend auferstehn: -
Nicht sei's für sie! Was einzelnen Altäre!
Dir nur, o Spaniens kriegszerrißne Mark,
Dir nur, du Land altritterlicher Ehre,
Zwei Arme wünsch' ich, fest und stark.

Unselig Land, dich wollt' ich, daß sie rächten!
Du liegst und stöhnst - kein Helfer tritt heran.
Du gleichst dem Stier in deinen Stiergefechten,
Der blutend zuckt und doch nicht sterben kann.
Die Völker sehn's, sie stehn geschart im Kreise!
Daß er dich rette, tritt kein einz'ger vor?
Ein Matador! - Wen lüstet nach dem Preise? -
"Ein Reich für einen Matador!"

Nicht, daß er vollends dich zum Tod verwunde -
Nein, daß er heile deine Wunden dir!
Noch ist es Zeit! - Noch hast du Kraft! - Gesunde!
Wirf deine Quäler, Andalusias Stier!
Noch wehn in Büscheln deines Hauptes Haare,
Dein Auge glüht, scharf noch ist dein Gebiß!
Ein Matador! - Wer wagt's? - - Exoriare!
Exoriare aliquis!
                               Darmstadt, November 1841.


                                  Zu Immermanns Gedächtnis

Hieher soll man junge Leute führen, damit sie den Eindruck eines soliden, redlich verwandten Daseins gewinnen; hier soll man sie drei Gelübde ablegen lassen, das des Fleißes, der Wahrhaftigkeit, der Konsequenz.

Wir sind weit mehr in andern vorhanden, als in dem, was wir unser Selbst nennen. Die ganze Bedeutung des höheren Lebens ist eben, aus uns heraus zu gelangen und in anderen eine verklärte Persönlichkeit zu gewinnen. Denkt man dies recht durch, so verliert der Tod den größten Teil seiner Schaurigkeit, selbst wenn man die Hoffnung persönlicher Fortdauer auf sich beruhen läßt. Ich glaube an letztere und halte es für wahrscheinlich, daß die Hand, in welcher jedes Stäubchen aufbehalten bleibt, auch das kleine Fünkchen, welches Ich heißt, vor dem Erlöschen in der großen Nacht zu bewahren wissen wird. Nur verliert sich alle ängstliche und ausmalende Betrachtung dieses Punktes an den Särgen so hoher Menschen, wo man mit einem Blicke ihre verstäubende Asche und ihr ewiges, wesenhaftes Fortleben auf der Oberwelt umfaßt. Dann erscheint ein unvergängliches Leben schon hienieden verbürgt, dem dereinst die Auferstehung folgen möge, wenn sich die Zeiten erfüllt haben werden.

Immermann,
Tagebuchblätter über Goethes
Haus und Goethes Grab

So lehnt' er fromm dort seinen Wanderstab,
Ein Heros selbst, an der Heroen Grab;
Gesenkt das Haupt, ein ernster Pilgersmann,
Trat an die Särge dienend er heran,
Und ließ voll Mut Unsterblichkeitsgedanken
Als Totenkranz um ihren Staub sich ranken.

Ein Opfer, wie er's bringen mußte! - Keins,
Das würd'ger wäre! - Tief ergreift nur eins!
Daß er, der Hohe selbst, der es gebracht,
Sobald schon einging in die "große Nacht";
Daß er es brachte nur, um uns zu lehren,
Wie wir ihn selbst im Tode würdig ehren!

Gescheh' es denn! - Wir fassen uns ein Herz!
Verwunden jetzt der erste jähe Schmerz!
Wir wissen es, ein Gott hat ihn gefällt,
Am Boden reglos liegt der starke Held;
Doch eisenadrig trotzt er der Vernichtung,
Ein edler Fels im Walde deutscher Dichtung.

Drin wird er ragen - jetzt und immerdar!
Für viele noch ein schroffes Rätsel zwar;
Ein Runenstein, mit Moose rauh bedeckt,
Der den Verzagten und den Blöden schreckt;
Doch stets des Volkes Edelsten und Größten
Ein ernster Freund, zu wecken und zu trösten!

Als solcher dastehn wird er allezeit!
Wie um ihn her auch toben mag der Streit,
Wie unterm Beil der Jahre Baum an Baum
Zusammenrasselt - er vernimmt es kaum!
Der Aar des Ruhmes zieht in treuen Kreisen
Um seine Stirn: - laßt uns ihn glücklich preisen!

Und doppelt glücklich, weil mit ehrnem Tritt,
Recht als ein Sieger, er von dannen schritt;
Weil, eh' er ihn verließ, auf seinem Pfad
Sieg noch auf Sieg, Tat folgte noch auf Tat,
Und weil, die spät noch in sein Leben glänzte,
Weinend die Liebe seinen Tod bekränzte!

So wurden die Heroen einst entrückt!
So die Propheten! - Nachsah tief gebückt
Des Volks, der Nächsten kummervolle Schar!
Bald aber senkte Tröstung wunderbar
In ihre Brust sich! Sie erhuben Steine
Und legten Kränze drauf! - Wo steht der seine?

Sucht ihn nicht auf in einer Fürstengruft!
Er hat ein Grab in frischer Rheinesluft;
Das Land der Berge sendet Waldeshauch
Dem jungen Gras, dem jungen Rosenstrauch,
Die es umwehn; frei netzt es Tau und Wolke -
Bei Fürsten nicht, er ruht bei seinem Volke.

Sei es ein Zeichen! - Wie wir ruhn ihn sehn
Bei allem Volke, wird er auferstehn
Im Herzen auch des Volks: - er selbst, verklärt
In uns, in andern! Ew'gen Lebens Herd
Dies stumme Grab, auf das wir sinnend blicken,
Und es nach Kräften würdig möchten schmücken!

Sein bester Schmuck, was er uns selbst vermacht!
Was er im Herzen frisch uns angefacht:
Erinnerung, Gedanke, Bild und Wort,
Weih' es in Andacht jeder diesem Ort!
Kehr' es ihm wieder, rein und ohne Fehle -
Mir klingt es also recht in tiefer Seele:

O, schweift' ich wieder, wo ein Bursch' ich war,
Auf meiner Heimat waldbewachsner Haar,
O, ständ' ich wieder, wenn die Drossel schlägt,
Dort, wo der Hofschulz Femgericht gehegt,
Auf Lisbeths, Oswalds, meinem eignen Boden -
Da bräch' ich still des Holzes grünste Loden!

Und flöchte sie zum schattenreichen Kranz;
Den sollt' er haben, frisch und voll und ganz;
Den legt' ich fromm auf seinen schlichten Stein!
Westfälisch Laub! Es müßt' ihn doch erfreun!
Gewiß, er nähm' ihn - aus der Blätterfülle
Des Eichkamps seiner prächtigen Idylle!

Und zu des Kranzes Rauschen spräch' ich dann:
Das soll ein Dank sein, du gewalt'ger Mann!
Du Mann der Liebe, wie der schroffen Kraft,
Wahr, fest, beharrlich, eisern-eichenhaft,
Fast wie dein Hofschulz! einen stillen Segen
Und diesen Kranz laß auf dein Grab mich legen!

Du weißt es nicht, was ich dir schuldig bin!
Auf dich, als Leuchtturm, blick' ich täglich hin!
In Kunst und Leben irrt' ich, ach, schon viel:
Dein hohes Bild gab Richtung mir und Ziel!
Aus deinem Grabe noch vor wenig Wochen
Hast du erschütternd mir ins Herz gesprochen!

In Goethes Räumen jenes ernste Wort!
Wie eine Glocke hör' ich's fort und fort!
Es stürmt mich auf, und ruft beständig mir:
Tu das Gelübde! - Wohl! doch tu' ich's hier!
Bei dir, dem Festen, den man hieß den Starren,
Gelob' ich Fleiß, Wahrhaftigkeit, Beharren!

Zu deinem Ziele führen nur die drei!
Laß mich, mir selbst und meinem Pfunde treu,
Nach seinem Maße fürder tun mit Lust,
Was meines Amtes - ruhig und bewußt
Mich oben haltend in der Zeitflut Ringen!
Hilf mir, du Starker! hilf und laß gelingen!

So würd' ich reden! - Und ich rede so!
Bald auch der Eiche Blätter hol' ich froh
Von meiner Heimat Oberhöfen dir:
Heut sei der Rheinstrom treuer Bote mir!
Dieselbe Flut, die jetzt zu meinen Füßen
Ans Ufer schlägt, wird morgen dich begrüßen!

Sie mag dies Lied dir tragen niederwärts! -
Ich weiß es nicht, mir ist so kühn ums Herz;
Hell durch die Brust mir bebt ein mut'ger Klang:
Für dich kein Lied, wie ich es Grabbe sang!
Das Haupt gehoben! Dein der Sieg, der Friede!
Weh' beider Odem auch in diesem Liede! -

Den Toten Ehre, sei ihr Schlummer lind,
Die Rat und Stab noch den Lebend'gen sind;
Die ew'gen Lichtes vorglühn unsrer Bahn;
An deren Gruft, wenn wir ihr zitternd nahn,
Um leise weinend ein Gebet zu stammeln,
Wir frischen Mut und neue Tatkraft sammeln!
                                     St. Goar, Juni 1842.


             Ein Flecken am Rheine

Gruß dir, Romantik! - Welch ein prächtig Nest!
Mit seines schlanken Mauerturmes Zinnen,
Mit seiner Tore moosbewachsnem Rest,
Mit seiner Burg, so schartig und so fest,
Wie reißt er sieghaft meinen Geist von hinnen!
Gruß dir, Romantik! Träumend zieh' ich ein
In deinen schönsten Zufluchtsort am Rhein!

Drin weilst du noch! Im schlichten Nonnenkleid
Blickst du mich an durch die bemalten Scheiben.
Es hat geächtet dich die Nüchternheit,
Ach, und die Klugheit dieser hast'gen Zeit;
Sie möchten gern dich ganz und gar vertreiben.
In kleinen Uferfesten, morsch und grau,
Birgst du dich zitternd, wunderbare Frau!

Dort - ach, in Kirchen, die des Schmuckes bar,
Dort ist die Statt, wo deine Seele jammert!
In öden Kirchen, mit zerwehtem Haar,
In öden Kirchen kniest du am Altar,
Und hältst mit Weinen brünstig ihn umklammert.
In seines Schattens ewigheil'ger Ruh'
Suchst eine Freistatt deinem Schmerze du.

Und bist dieselbe doch, die einst mit Lob
Und trunkner Scheu des Volkes Beste nannten;
Die Ludwig Tieck einst auf den Zelter hob,
Die keck den Forst der Poesie durchstob,
Arnim, Brentano deines Zugs Trabanten.
Die Waldung glühte, silbern sprang der Born,
Und wie ein Märchen scholl das Wunderhorn.

Das war vordem! - Jüngst ging ich am Gestad';
Grün floß der Strom: nicht Volker sah ihn reiner.
Ein Dampfboot zog vorüber seinen Pfad,
Tief in die Wellen griff es mit dem Rad,
Und auf dem Deck stand deiner Priester einer:
Der jüngste wohl - und doch schon grauen Haars
Um die gewölbten Schläfen: Uhland war's!

Wir kannten uns - wir grüßten uns. Vorbei
Mein einsam Städtchen schwamm er zu den Dänen.
Auf uns hernieder sah die Lorelei,
Im Hals erstickt' ich einen Freudenschrei,
Doch in den Augen hatt' ich helle Tränen.
Trüb klang ein Lied in meiner Seele Schrein:
Das hieß: "Drei Bursche zogen übern Rhein!"

Ja, dies der Rhein! Die Woge mit dem Hort,
In dessen Strahl sich Uhlands Wimper sonnte!
Und dort er selbst! die Sängerlippe dort,
Romantik, ach, die mit gefeitem Wort
All deinen Zauber noch verkünden konnte!
Das Auge dort, das tief im Elfenbusch
In deiner Bronnen Spiegel klar sich wusch!

Du wußtest es, daß er vorüberzog!
Aus Burg und Felsriß durch des Morgens Nässe
Sahst du hernieder, und ein Lächeln flog,
Ein sonnig Lächeln, als das Schiff sich bog,
Durch deiner Züge kummervolle Blässe.
Mit trüber Freude sahst du auf den Knien
Auf deinem Strome deinen Dichter ziehn.

Da flog er hin, der letzte Rauch verschwamm!
Da flog er hin, dein jüngster, reinster Kämpfer!
Dein Lächeln floh, trüb stand der Berge Kamm,
In meinem Herzen pocht' es wundersam:
Dein letzter Ritter - ach, und auf dem Dämpfer!
Dahingerissen von der neuen Zeit
Des Mittelalters fromme Trunkenheit!

Ein Gleichnis nur! - Doch kam es über mich,
Und nicht vermocht' ich's trotzig abzuweisen;
Daher die Trauer, die mich überschlich.
Du Stille, Bleiche, ja verhülle dich!
Die Zeit, o Herrin, ist für dich von Eisen!
Kalt unterwühlt sie dein vermorscht Asyl -
Ach, nicht allein mit ihrer Dämpfer Kiel!

Dein Reich ist aus! - Ja, ich verhehl' es nicht:
Ein andrer Geist regiert die Welt als deiner.
Wir fühlen's alle, wie er Bahn sich bricht;
Er pulst im Leben, lodert im Gedicht,
Er strebt, er ringt - so strebte vor ihm keiner!
Ich dien' ihm auch und wünsch' ihm frohen Sieg -
Doch warum dir, Verbannte, deshalb Krieg?

Dir, deren prächtig Banner ohnehin
Einsam nur weht noch auf zerfallner Mauer!
Dir, der Entthronten! - Mit bewegtem Sinn
Zu deinen Füßen werf' ich still mich hin,
Ein ernster Zeuge deiner Witwentrauer!
Ein Kind der Neuzeit, fiebernd und erregt,
Das um die alte fromm doch Leide trägt!

Nicht wie ein Knabe! - Diese Stunde nur
Zu deinen Füßen klagend will ich sitzen!
Der frische Geist, der diese Zeit durchfuhr,
Er hat mein Wort, ich gab ihm meinen Schwur,
Noch muß mein Schwert in jungen Schlachten blitzen.
Nur eine Stunde! Aber die auch ganz
An deiner Brust, in deiner Glorie Glanz.

Da, nimm mich hin! Nimm mich und halt mich fest!
Ha, diese Scharten, diese Mauerzinnen!
Ha, dieser Tore moosbewachsner Rest,
Ha, diese Burg, dies alte Falkennest -
Sieghaft, erobernd reißt es mich von hinnen!
Stromauf die Pfalz im Abendsonnenbrand -
Die Wolken Schlösser - ja, das ist dein Land!

Ein Kirchentor! - Wie träumend tret' ich ein;
Die Fenster lodern, dunkelbunt geschildert;
Die stolzen Rosen werfen prächt'gen Schein,
Und durch des Kreuzgangs düstre Bogenreihn
Herschaut ein Gärtlein, rankig und verwildert;
Still mit des Chores ewigernstem Grau
Sein Laubgrün mischt es und sein Himmelblau.

Und leise zitternd überfliegt die Wand
Der wolk'ge Schatten seiner wehnden Büsche;
Dort ist der Ritter und der Burgfraun Stand;
Aus Stein gehauen, flehend ihre Hand
Zur Brust gehoben, stehn sie in der Nische;
Mild und ergeben strahlt ihr bleich Gesicht -
Friede des Todes überströmt es licht.

Lautlos die Stätte! Markt und Strom wie weit!
Romantik, ha, mein Trauern ist gebrochen!
Den Gottesfrieden, die Gotttrunkenheit,
Die du nur kennst - nicht, ach, die neue Zeit! -
Hier fühl' ich rein sie meine Brust durchpochen.
Die Erde weicht, in sel'gen Armen hält
Der Himmel mich - verschollen ist die Welt!

Genug, genug! Nicht lange solch ein Port!
Zurück ins Leben! Mächtig ruft das Neue!
Doch was ins Herz mir senkte dieser Ort,
Für immer flamm' es! Poch' es fort und fort
In meinen Adern! Geb' es mir die Weihe!
Geb' es mir Mut und Freudigkeit und Halt,
Wenn laut und fordernd mich der Tag umschallt!

So wird mein Dienst der Zeit ein reiner sein. -
Verbanntes Weib, ich wollte mit dir klagen,
Mit Tränen netzen wollt' ich deinen Schrein -
Ich kam, und sieh, du hauchtest Ruh' mir ein!
Ich gehe fort, von neuer Kraft getragen!
Von deinem Licht umflossen, geh' ich hin:
Du bist verbannt - doch stets noch Königin!

Leb' wohl für heut! - Des Abends letztes Gold
Strömt durch die Scheiben; über mir Geläute!
Die Kirchenfahnen flattern, halb entrollt! -
Ihr allzeit Klugen, die ihr wissen wollt,
Was alles Ding, auch was dies Lied bedeute:
Der Lettner glüht, die ew'ge Lampe flammt -
Nennt für Brentano es ein Totenamt!
                         St. Goar, September 1842.


          Ein Brief

Das war ein lustig Ziehen
Und Reisen durch die Welt!
Das war ein Fackelsprühen
Von Zürich bis zum Belt!
Aus Herzen und aus Küchen
Stieg Weihrauch dir empor;
Pelotons von Tafelsprüchen
Schlugen knatternd an dein Ohr!

Ein neuer Held Sankt Jürgen
Durch Deutschland zogst du frei,
Im Fluge zu erwürgen
Den Molch der Tyrannei!
Wie kommt es, daß der Grause
Noch züngelt ungescheut?
Verpaßtest du beim Schmause
Vielleicht die rechte Zeit?

Du trotziger Diktator,
Wie bald zerbrach dein Stab!
Dahin der Agitator,
Und übrig nur - der Schwab'!
Verwelkt schon deine Blume!
Dein Kranz, o Freund, hängt schief!
Du schriebst dem eignen Ruhme,
Ach, den Uriasbrief!

Nun können sie dich bänd'gen,
Philister und Zelot:
"Da habt ihr den Lebend'gen!
Er schlug sich selber tot!"
Wen Ruhmeskleider zieren,
Der hüte sie, wie Schnee!
Wahr ist es: Renommieren
Verdirbt die Renommee!

Wer sagt, er stände Wache
Fürs Recht, der halte Stich,
Und gebe statt der Sache
Nicht immer nur sein Ich!
Der schwinge, wo fürs Ganze
Man ernste Speere bricht,
Ruhmredig nicht die Lanze,
Mit der die Hoffart ficht!

Wer so mit Wein der Ehren
Empfangen ward, wie du,
Wie mocht' er den betören,
Trank auch ein Volk ihm zu?
O Schmach, im Rausch zu fallen,
In Händen noch den Krug!
Berauscht sich zu erlallen
Des Lächerlichen Fluch!

Das ist's - Wohl wird geschlagen
Ein Held im Kriegsgewühl;
In alt und neuen Tagen
Schritt mancher ins Exil;
Doch rings im Volksgetümmel
Kein Höhnen und kein Groll:
Sein Stern erlosch am Himmel -
Doch rein und würdevoll!

Die Freiheit rang die Hände,
Da seine band der Strick!
Wie tote Fackelbrände
Der Freunde düstrer Blick!
Ringsum Gewitterstirnen,
Rings Murmeln durchs Visier,
Ringsum verhaltnes Zürnen -
O, ständ' es so mit dir!

Dir folgt, wie plumpen Schnittern,
Ein Rauschen, hörbar kaum;
Das ist der Triebe Zittern
Am jungen Freiheitsbaum!
Der Knospen und der Triebe,
Die freudig ihn geschmückt!
Die, ach, mit einem Hiebe
Du alle fast geknickt!

So ziehst du! - Was ich sagte,
Wohl klingt es schonungslos!
Doch wer uns Arndt verklagte,
Zog selber sich das Los!
Du nanntest den alten Riesen
Zu alt zu dieser Frist?
Du hast uns nur bewiesen,
Daß du zu jung noch bist!

Zieh hin, - doch um zu kehren!
Die Freiheit kann verzeihn!
Bring' ein die alten Ehren,
Mit Liedern bring' sie ein!
Der Dichtung Goldstandarte,
Laß wehn sie, doppeltreich: -
Poet, wetz' aus die Scharte,
Wetz' aus den Schwabenstreich!
              St. Goar, Januar 1843.


Mit raschen Pferden jagt die Zeit

Mit raschen Pferden jagt die Zeit,
Ein heißes Weib, nach Freiheit lechzend;
Die halbbewußte Menge schreit,
Gedankenlos als Vorspann ächzend.
Das tappt und tastet, wie man's lenkt;
Sie läßt den blinden Troß gewähren
Und hält die Zügel straff und denkt:
"Weh mir, wenn das die einz'gen wären!"

Ein Gottweib! Ernst verehr' ich sie,
Und geh' ihr nach mit Schwert und Schilde,
Und jauchz' ihr zu; - doch nun und nie
Entweih' ich sie zum Götzenbilde!
Ich denk' an das zu Dschagernat,
Vor dem das Volk in langer Gasse
Dickstirnig hinkniet, daß vom Rad
Es jubelnd sich zermalmen lasse!
                   St. Goar, Januar 1843.


                      Die Winde

Nach dem Amerikaner William Cullen Bryant

Ihr ungesehnen Ströme durch die Luft,
Wie triebt ihr eben froh noch euer Spiel;
Ihr trugt die Biene, trugt der Blume Duft,
Und wehtet heiße Mädchenwangen kühl;
Ihr jagtet Wölkchen durch der Feste Blau;
Von welken Blumen klopftet ihr den Tau;
Wie Schneegestöber - o der prächt'gen Schau! -
Katalpablüten risset ihr vom Stiel.

Jetzt aber brüllt ihr wie der Katarakt,
Rast wie die Brandung, die ans Ufer prallt;
Die Berge zittern, wie von Furcht gepackt,
Und euch zu Füßen krachend stürzt der Wald.
Vor euch, wie Adler, jagt der Wolken Flucht;
Auf Haus und Hütte wirft sich eure Wucht;
Wie trocknes Herbstlaub in der öden Schlucht
Hebt und zerbricht sie eures Zorns Gewalt.

Die Vögel flattern, ängstlich und verwirrt;
Umsonst! zu Tode schmeißt sie eure Wut.
Der Regen rasselt, und ein Strombett wird
Ringsum das Feld, soweit die Ernte ruht.
Gießbäche taumeln von der Hügel Höh',
Das Dorf ertrinkt, die Ebne wird zum See,
Und banger Stimmen herzzerreißend Weh
Erhebt sich jammernd aus der wüsten Flut.

Ihr saust aufs Meer; - da werden Männer bleich;
Wohin ihr donnert, Angstruf und Gebet.
Ihr schlagt die Wasser, einem Vogel gleich,
Der lustig badend in der Quelle steht.
Ihr reißt entzwei den Mast und seine Fahn';
Bis auf den Grund peitscht ihr den Ozean;
Berghohe Wellen sprüht ihr himmelan,
Und Trümmer sind's, was ihr zur Küste weht!

Wozu dies Toben? - Für die Freiheit nicht
Zu ringen braucht ihr, daß ihr also tollt;
Ihr braucht kein Erz zu rütteln, bis es bricht;
Ihr regt die Schwingen, wie und wo ihr wollt.
Ja, freigeboren weht ihr überall;
Frei wühlt ihr auf der Tiefe Wogenschwall;
Wälder und Wüsten füllt ihr an mit Schall,
Dazu die Inseln, die das Meer umrollt!

Wohl seid ihr stark! - Doch in Europa liegt,
Weh ihr, in Ketten eine stärkere Kraft;
Auf Thronen sitzt, was ihren Nacken biegt,
Und überwacht mit Zittern ihre Haft.
Und Krieger stehn in Waffen um sie her;
Wenn sie empor will, ziehn sie mitleidsleer
Die Bande fester, heben hoch den Speer -
Tod ihre Strafe, wenn sie auf sich rafft!

O, wenn einst sie, wenn der gekränkte Geist
Der Menschheit einst auch drüben sich befreit;
Wenn seine Ketten jubelnd er zerreißt
Und seiner Hügel als ihr Herr sich freut -
O, nicht wie ihr zerstörend ras' er dann;
Mit Jammer nicht die Erde füll' er an;
Mit Blut nicht, das in Menschenadern rann,
Befleck' er wild der Erde Lieblichkeit!

Nein, wie der Frühling mög' er leis erstehn,
Der, was ihn fesselt, bricht mit sanfter Macht;
Wie Odem Gottes naht sein schaffend Wehn: -
Da springt das Eis, der Born entquillt dem Schacht!
Aus dunklem Kerker schießt die Blum' in Hast;
Der Wald erklingt nach langer, dumpfer Rast;
Morgen und Abend, sich begegnend fast,
Erdrücken zwischen sich die alte Nacht.
                               St. Goar, Januar 1843.


                           II.

's ist ein Bestreben, herb und mühevoll,
Das brennende Wort zu halten in den Schranken,
Und in der Seele dunkler Urne Groll
Und Zorn zu häufen - selber den Gedanken
Zu einem Schatze machend, der nur dann
Mit kühnem Spruch gehoben werden kann,
Wenn Nacht und Schlaf und Schatten niedersanken.
Ich trug es nicht! -
Felicia Hemans,
Das Waldheiligtum


              Guten Morgen!

Stand ich droben auf der Eifel Kämmen,
Als der Vollmond durch die Wolken brach;
Breit und blendend sah ich überschwemmen
Seine Lichter See und Kloster Laach.

Leiser Windhauch wehte durch die Tale,
Laub und Rohr umflüsterten den Strand,
Und der Flut entreckte sich die schmale,
Jene schmale, weiße Nonnenhand.

Anzuschaun wie eine Blum' von ferne,
Mit den Wellen flog sie auf und ab;
Rings gespiegelt schwamm das Heer der Sterne: -
Raffte sie's vom Himmel herab?

Winkt' und winkte mir sodann die reine!
Wie sich schüttelnd rauscht' empor der See;
Durch die Waldung huschten eigne Scheine;
Übern Kreuzweg sprang entsetzt das Reh.

War's die Hinde, die in ihren Tränen
Genoveven weiland sich gesellt?
Ach, mich faßte schmerzlichsüßes Sehnen
Nach der sel'gen alten Märchenwelt!

Und beinahe jenem bleichen Finger
Wär' gefolgt ich durch ihr offnes Tor;
Doch erwachend, mit mir selbst ein Ringer,
Rafft' ich stark und mutig mich empor!

See und Kloster, Türm' und Felsenspitzen,
Wald und Schlucht, wo Genoveva litt -
Einmal noch im Mondschein sah ich's blitzen,
Und dann wandt' ich herzhaft meinen Schritt!

Eilte fort auf waldbewachsnen Wegen,
Drauf verwirrend noch der Mondschein lag;
Ging dem Morgen und dem Rhein entgegen,
Ging entgegen aus der Nacht dem Tag!

Ließ die Schatten dämmernder Gesichte
Jubelnd fahren für die Wirklichkeit! -
Sieh, und vor mir hell im Sonnenlichte
Zog der Rheinstrom, tief und grün und breit!

Zog der Rhein und rührte sich das Leben -
Ja, ins Leben riß mich dieser Strand!
Nicht erhob er, mir den Gruß zu geben,
Bleich und zitternd eine Totenhand!

Doch den Handschlag bot er mir, den treuen,
Eines Volkes frank und unverstellt,
Das - in Ehrfurcht, aber ohne Scheuen! -
Für sein Recht den Fuß beim Male hält!

O, der bannte, was von Spuk und Sorgen
Nächtlich noch auf meinem Herzen lag!
Meinem Volke sagt' ich: "Guten Morgen!" -
Einst, so Gott will, sag' ich: "Guten Tag!"

Guten Morgen denn! - Frei werd' ich stehen
Für das Volk und mit ihm in der Zeit!
Mit dem Volke soll der Dichter gehen -
Also les' ich meinen Schiller heut!
                             St. Goar, Januar 1844.


    Prinz Ludwig von Preußen

Weise: "Prinz Eugenius, der edle Ritter"

Wie er's in der Schlacht getrieben,
Wie bei Saalfeld er geblieben,
Solches wißt ihr allesamt!
Doch kein Teufel weiß jetzunder
Wie sein Säbel, Gottes Wunder!
In die Zöpfe einst geflammt!

Auf und laßt die Fahnen wehen!
Anno fünf ist es geschehen,
Anno fünf zu Altenburg!
Prinz Ludwig bei Spiel und Mahle
Saß allda bei Vogt im Saale,
Zechte flott die Herbstnacht durch.

Tat's mit hundert Offizieren;
Trugen allzumal noch ihren
Wohlfrisierten Puderschopf;
Seitenlöcklein, wohlgebacken
Und gekleistert, und im Nacken
Steif und starr den alten Zopf.

Gläser klirrten, Lieder schallten,
Die Champagnerpfropfen knallten -
Dreimal hoch das Hauptquartier!
Tafelmusik rauschte munter,
Meister Dussek mitten drunter
Dirigierte am Klavier.

Ist der Prinz emporgesprungen,
Hat er hoch sein Schwert geschwungen,
Zugelacht dem Freunde dann:
"Hackbrettschläger, jetzt ans Hacken!
Hack' den Zopf mir aus dem Nacken!
Heute solln die Zöpfe dran!"

Meister Dussek nahm den Degen,
Tät den Zopf aufs Tischtuch legen,
Auf den Knien lag der Prinz:
Dussek hieb mit scharfem Streiche,
Auf der Tafel lag die Leiche -
Achtunddreißig Jahre sind's!

Tusch! Das fuhr durch alle Köpfe!
Laut scholl's: "Pereant die Zöpfe!"
Das war eine Wirtschaft heut!
Oberst, Kapitän und Junker
Hieb sich ab den garst'gen Klunker -
Jeder Zopf ließ Haare heut!

Dieses in dem Preußenheere
Warn die ersten Zöpf', auf Ehre!
Die da abgeschnitten sein!
Zopflos in den lieben Himmel
Rückt'aus Saalfelds Schlachtgetümmel
Ludwig Ferdinandus ein!

Noch im Dreispitz mit der Krempe,
In der Hand die blut'ge Plempe,
Kam er - doch der Zopf war ab!
Drob der Alte Fritz erstaunte,
Und ihm eine gutgelaunte
Oheimliche Nase gab! -

Der Armeezopf liegt erstochen,
Jenas Zopf auch ist gerochen,
Doch manch andrer macht sich breit!
Wann zersetzt uns die ein Retter?
Ludwig, schick' ein Donnerwetter
In die Zöpfe dieser Zeit!
                St. Goar, Oktober 1843.


               Und noch einmal der Zopf

Und noch einmal der Zopf! - Jenseits sogar der Meere
Hat er gewütet einst im Indo-Britenheere,
Hat baumelnd er geführt sein haarig Regiment.
Was dort ein Rotrock war, trug auch den krummen, straffen;
Geschmeichelt sahen es am Gangesstrand die Affen -
Sie nahmen's für ein Kopliment.

O, welch ein Staat das war an Sonn- und Feiertagen!
Da ward er feierlich und endlos erst getragen!
Da schmückt' er vollends erst der Krieger Scharlachkleid!
Im Sattel saßen sie, gradleibig wie die Puppen;
Er unterdessen lag ausruhend auf den Croupen
In sinniger Betrachtsamkeit.

Und war zu Ende nur die schimmernde Parade,
Dann sprengten Offizier und Fähnrich ans Gestade,
Dann gab's ein Rennen noch um eine Flasche Port!
Dann band sich männiglich die angehängte Bürde
Des Zopfes ehrbar ab, hielt ihn mit Schick und Würde
Fest in der Hand und schnalzte: "Fort!"

Und fort nach Willkühr ging's - der Zopf ja ward zur Gerte!
Der Zopf behielt den Sieg, wie sich das Roß auch sperrte!
Ein indo-britisch Spiel: - Weh, daß man es verdeutscht!
Daß man auch unter uns vom rückwärts schaunden Kopfe
Den starren Unhold langt - bei uns auch mit dem Zopfe
Ein edel Roß, das Volk, zerpeitscht!
                                                    St. Goar, Oktober 1843.


    Der Königsstuhl bei Rhense

Weise: "In des Waldes düstern Gründen."

Neu gebaut beim alten Rhense
Steht der Wahlstuhl wiederum,
Aber Enten, ach! und Gänse
Weiden schnatternd drum herum.

Wo einst Wahlen hielt das Wahlreich,
Und der Reichsaar trotzig schrie,
Dorten, feierlich und zahlreich,
Grast nun zahmes Federvieh.

Ach! und aus den Weidenbüschen
Eilt kein Kurfürst mut'gen Schritts;
In den sieben hohen Nischen
Leer und öde jeder Sitz!

Dennoch freut es, ihn zu schauen,
Stattlich, wie er vormals stand,
Als aus nah und fernen Gauen
Deutschland Boten ihm gesandt;

Als man Kampf beriet und Schlachten
Hier im offnen Steingemach
Und geschickt mit selbstgemachten
Kön'gen spielte hohes Schach;

Als ins Banner schwarzrotgolden
Frisch und frei der Rheinwind blies;
Als man einen Trunkenbolden
Nach Verdienst vom Throne stieß.

Fauler Wenzel! nimmer sehnen
Wir uns heut nach dir zurück!
Auch am Königsstuhl zu lehnen,
Deucht uns kein besonder Glück!

Unterdessen, da bei Rhense
Er zu schaun ist wiederum,
Nehmen willig, trotz der Gänse,
Wir ihn als Augurium;

Als ein Zeichen, uns zum Frommen
Aufgericht't am Rheinesstrand:
Daß du wirst zu Stuhle kommen
Sonsten auch, o deutsches Land!
                    St. Goar, Oktober 1843.