Freiligrath

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Biografie

Seite 5

                     Hamlet

Deutschland ist Hamlet! Ernst und stumm
In seinen Toren jede Nacht
Geht die begrabne Freiheit um
Und winkt den Männern auf der Wacht.
Dasteht die Hohe, blank bewehrt,
Und sagt dem zaudrer, der noch zweifelt:
"Sei mir ein Rächer, zieh dein Schwert!
Man hat mir Gift ins Ohr geträufelt!"

Er horcht mit zitterndem Gebein,
Bis ihm die Wahrheit schrecklich tagt;
Von Stund' an will er Rächer sein -
Ob er es wirklich endlich wagt?
Er sinnt und träumt und weiß nicht Rat;
Kein Mittel, das die Brust ihm stähle!
Zu einer frischen, mut'gen Tat
Fehlt ihm die frische, mut'ge Seele!

Das macht, er hat zu viel gehockt;
Er lag und las zu viel im Bett.
Er wurde, weil das Blut ihm stockt,
Zu kurz von Atem und zu fett.
Er spann zu viel gelehrten Werg,
Sein bestes Tun ist eben Denken;
Er stak zu lang in Wittenberg,
Im Hörsaal oder in den Schenken.

Drum fehlt ihm die Entschlossenheit;
Kommt Zeit, kommt Rat - er stellt sich toll,
Hält Monologe lang und breit,
Und biringt in Verse Groll;
Stutzt ihn zur Pantomime zu,
Und fällt's ihm einmal ein zu fechten:
So muß Polonius-Kotzebue
Den Stich empfangen - statt des Rechten.

So trägt er träumerisch sein Weh,
Verhöhnt sich selber insgeheim,
Läßt sich verschicken über See,
Und kehrt mit Stichelreden heim;
Verschießt ein Arsenal von Spott,
Spricht von geflickten Lumpenkön'gen -
Doch eine Tat! Behüte Gott!
Nie hatt' er eine zu beschön'gen!

Bis endlich er die Klinge packt,
Ernst zu erfüllen seinen Schwur;
Doch ach - das ist im letzten Akt
Und streckt ihn selbst zu Boden nur!
Bei den Erschlagnen, die sein Haß
Preisgab der Schmach und dem Verderben,
Liegt er entseelt, und Fortinbras
Rückt klirrend ein, das Reich zu erben. -

Gottlob! noch sind wir nicht so weit!
Vier Akte sahn wir spielen erst!
Hab' acht, Held, daß die Ähnlichkeit
Nicht auch im fünften du bewährst!
Wir hoffen früh, wir hoffen spät:
O, raff' dich auf und komm zu Streiche,
Und hilf entschlossen, weil es geht,
Zu ihrem Recht der flehnden Leiche!

Mach' den Moment zunutze dir!
Noch ist es Zeit - drein mit dem Schwert,
Eh' mit französischem Rapier
Dich schnöd vergiftet ein Laert!
Eh' rasselnd naht ein nordisch Heer,
Daß es für sich die Erbschaft nehme!
O, sieh dich vor - ich zweifle sehr,
Ob diesmal es aus Norweg käme!

Nur ein Entschluß! Aufsteht die Bahn -
Tritt in die Schranken kühn und dreist!
Denk' an den Schwur, den du getan,
Und räche deines Vaters Geist!
Wozu dieses Grübeln für und für?
Doch - darf ich schelten, alter Träumer?
Bin ich ha selbst ein Stück von dir,
Du ew'ger Zauderer und Säumer!
                  St. Goar, April 1844.


             Zwei Flaggen

Ein Schiff der Mosel auf dem Rhein!
Es kam zu Berg - die Pferde keuchten!
Am Vordermast mit hellem Schein
Sah ich die Flagge leuchten!
Lang wallend flog sie übers Boot -
Stattliche Farben, frisch und munter!
So wahr ich lebe: Blau, Weiß, Rot!
Und grad' am Flaggenstock herunter!

Anhielt ich staunend meinen Fuß;
Da drang vom Schiff zu meinem Ohre
Stolzlustig ein Franzosengruß:
"Ja doch, schau' her - die Trikolore!"
Ei, dacht ich zornig, seid nur still!
Wird doch noch deutsch bei euch gesprochen!
Lothringisch Volk von Thionville
Sollt' also nicht auf Frankreich pochen!

Somit den Wimpel ließ ich ziehn;
Bald schon verbargen ihn die Zweige.
Ich bin ihm auf dem Rhein nicht grün,
Des ist der liebe Gott mein Zeuge!
Und wollt' er anders auf ihn wehn,
Als friedlich von beladnem Schiffe:
Ich würde mit ihm Treffen stehn,
Wenn zu den Schwertern Deutschland griffe!

Das Höchste bleiben Land und Herd!
Doch sonst - kein Wort von blindem Hasse!
Auch uns ist dieses Banner wert:
Es brach de Freiheit eine Gasse!
Noch ist es feucht von Juliblut -
Nennt eins, das edler und verwegner!
Drum: sind wir auch auf unsrer Hut,
Ist uns gerecht doch solch ein Gegner!

Und runzeln wir ihm auch die Braun,
Wir sagen doch: Ein wackrer Kämpfer! -
Denselben Tag im Abendgraun
Fuhr noch stromab ein Kölner Dämpfer.
Dem flog, vom Winde flott geschwellt,
Breit übern Bord der Aar von Preußen;
Daneben, schwarz im gelben Feld,
Der Doppeladler aller Reußen!

Derselbe schwarze, der zerfleischt
Den weißen jüngst als gute Beute;
Derselbe, der das Dach umkreischt
Wildfreier Bergbewohner heute;
Derselbe, der von seinem Pol
Rundspäht mit immer kühnerm Dräuen,
Und, als der Despotie Symbol,
Feind und verhaßt ist allen Freien!

Derselbe, der zu dieser Frist
Als Büttel haust auf unsern Grenzen;
Der gegendeutsch und undeutsch ist,
Und dem wir dennoch feig scherwenzen;
Der nur aus Schlauheit eng und fest
Den Adler diesseits sich verbündet
Und keck in jedem deutschen Nest
Ein Filial des eignen gründet!

Derselbe! - Drum auch dieses Tal
Durchstrich er heut und diese Reben!
Von einem deutschen Filial
Nahm er den Flug nach Holland eben!
Drum auch mit freudigem Geklapp
Schwirrt' unser Adler ihm entgegen!
Drum sausten beide auch stromab,
Als ob - nach einem Ziel sie flögen!

Hinblickt' ich knirschend übern Strand: -
O Deutschland, du im Dienst der Steppe,
Du mit Sibirien Hand in Hand,
Du tragend des Kalmücken Schleppe!
Du vor dem Polenmörder Zar
In Unterwürfigkeit zerfließend!
Du seinen Sohn und seine Aar
Mit Böllerschuß am Rhein begrüßend!

Ei, wie das girrt und kokettiert!
Ei, wie das um sich wirft mit Küssen!
Glück auf den Weg! Wohin er führt,
Wir warten's ab - Weh, daß wir müssen!
Glück zu! Doch das sagt euch der Rhein:
Ob die Monarchen Freundschaft treiben -
Die Völker werden Feinde sein,
Die Völker werden Feinde bleiben!

Geduld'ger Strom! du trägst und wiegst
Des Franken Banner und des Slawen!
Daß du ein deutsches endlich trügst
In jeder Bucht, in jedem Hafen!
Ein einig deutsches, das - bereit,
Wenn alzu frech der Hahne krähte! -
Stolz und beherzt zu gleicher Zeit
Des Russenadlers Gunst verschmähte!
                          St. Goar, April 1844.


                   Flottenträume

                              1.

Sprach irgendwo in Deutschland eine Tanne:
"O, könnt' ich hoch als deutscher Kriegsmast ragen!
O, könnt' ich stolz die junge Flagge tragen
Des ein'gen Deutschlands in der Nordsee Banne!

Dann wär' ich Fähnrich, ha! wo Mann an Manne
Blutrünst'ge Krieger deutsche Seeschlacht schlagen;
Wo deutsche Segler, grimm und ohne Zagen,
Den fremden Entrer hauen in die Pfanne!

Dann leuchtet wohl, die Brust vom Stahl gekerbt,
Ein Held an mir in des Gefechtes Gluten,
An meinem Stamme schweigend zu verbluten!

Indes mich jetzt das Blut des Wilddiebs färbt,
Des armen Wilddiebs, hinterrücks erschossen,
Der mir zu Füßen hinsinkt in die Sprossen!"

                                     2.

Schwarz, Rot und Gold! Frei weht ihr auf den Stangen
Und Masten jetzo, gürtend rings das Land!
In tausend Wimpeln, einst verpöntes Band,
Hat dich der Ozean selber umgehangen!

O, ständen jetzt, die Anno Neunzehn sangen,
Daß dich zerschnitten der Gewalt'gen Hand;
O, ständen jetzt, die man um dich verbannt,
Verrats beschuldigt, ach! und schnöd gefangen:

O, ständen alle jetzt auf diesen Höhen,
Frisch, wie am Tag, da man auf Wartburg zog,
Daß sie dich glühn in deinen ehren sähen!

Sie staunten wohl und riefen Hurra hoch!
Stoßt an, stoßt an! Wie sich die Dinge drehen.
Der alte Ozean auch noch Demagog!

                             3.

Wie unsre mut'gen Orlogsmänner heißen?
Komm mit aufs Meer, ich will es dir verkünden!
Da drüben der mit sechzig Feuerschlünden,
Das ist "der Arndt!" Du siehst die Goldschrift gleißen!

Hier die Fregatte, bauschig rings von weißen,
Halbvollen Segeln, kämpfend mit den Winden -
O Gott, ihr Name mahnt an alte Sünden! -
"Die Sieben" heißt sie! Mag kein Strick ihr reißen!

Dort die Korvette, segelnd wie der Blitz,
Es ist "die Hansa!" Doch am Ufer diese,
Stolz wie ein Schwan, "die Königin Luise!"

Der Dreimast drüben ist "der Alte Fritz!"
Und hier voll Zorns der schlagbereite Kutter,
Du ahnst es schon, das ist "der Doktor Luther!"

                               4.

Und andre noch will ich dir rühmend zeigen;
Sie kreuzten wohl und kehren jetzt vom Zuge;
Sie wehn heran mit majestät'schem Fluge:
"Der Alexander Humboldt" führt den Reigen!

Ha, sieh den "Goethe" tief sein Bugspreit neigen!
Ihm nach "der Schiller", auch mit tiefem Buge!
"Die freie Presse" läßt mit gutem Fuge
Leuchtende Kuglen in die Lüfte steigen!

Die fernsten drüben kann ich nicht erraten!
Laß ungenannt sie vor dem Winde laufen!
Eins ist gewiß: sie haben tücht'ge Paten!

Wir brauchen Namen wahrlich nicht zu kaufen!
Wir haben Männer, haben Tage, Taten: -
Mehr Schiffe nur! Wir wollen sie schon taufen!

                               5.

So seh' im Geist ein trutzig Kriegsgeschwader
Ich Wacht sie halten, festiglich und stete,
Wo weiland nur des Ewers Wimpel wehte,
Ein Buxtehuder etwa oder Stader;

Da naht der Feind, und mit ihm naht der Hader!
Aufzischt gen Himmel die Signalrakete,
Die Trommel wütet, und an die Lafette
Schlachtatmend tritt das rüst'ge Volk der Lader!

Das Sprachrohr heischt: da birst mit tausend Schüssen
Ihr Flammengruß aus den metallnen Läufen;
Umsinkt der Mast, das Tauwerk zuckt zerrissen!

Grau ballt der Rauch sich, wirre, zorn'ge Streifen!
Ein Ruck, und Schiff hat sich in Schiff verbissen: -
O ernste Schule, drinnen Männer reifen!

                               6.

Doch - wenn zuerst in Meer- und Pulvernebel
Wir also schwimmend Volk an Volk gerungen;
Wenn eine Seeschlacht Lorbeern uns geschlungen
Um unsre Lunten und um unsre Säbel:

Dann seid gedenk! An Schiffen sitzen Schnäbel!
Drauf, ihr Matrosen und Kajütenjungen!
Den wucht'gen Hammer und das Beil geschwungen!
Die Schnäbel ab! und bringt sie heim als Hebel!

Als Hebel? - Ja! - Ihr, die mit heiterm Spähen
Am Strand ihr jauchztet unsrer frischen Kühne
Und lächelnd ansaht unser salzig Rennen:

Ihr Bannerherrn, wohin mit den Trophäen? -
Sorgt für ein Forum, schafft die Rednerbühne,
Daß wir, wie Rom, das Beste schmücken können!
St. Goar, Juli 1843.


            Noch zwei Sonette

                          1.

Von Nassaus Burg der edle Herr vom Steine
Und noch ein Wackrer, derb und turnerfahren,
Ein Bürgerkind mit langen Buschenhaaren -
Die fuhren einst zusammen auf dem Rheine.

Wie war er grün von Walnußlaub und Weine!
Wie grau von Trümmern, die sonst Festen waren!
Anschaut' in seinem Spiegel sich, dem klaren,
Raubnest um Raubnest, schroff, in rost'ger Bräune!

Dem Stein, wie billig, schwill die Freiherrnader:
"O Glück, ein Kind sich des Geschlechts zu wissen,
Das also trotzig Quader hob auf Quader!"

Der andre drauf: "Meins hat sie abgerissen!
Und das ist mein Stolz - doch darum kein Hader!" -
Der Freiherr hat die Lippe sich gebissen.

                             2.

O, drückt' auch uns nur landlos ein Johann!
Kein größer Heil, bei Gott, als solche Johne!
Ihr wißt, wie Kühnheit zorniger Barone
Die Freiheit Englands jenem abgewann!

Ein schlaffer König und ein feiger Mann,
Schachvoll vom Papste hielt er Land und Krone;
Trieb sich umher auf blut'gem Wanderthrone,
Zu gleicher Zeit ein Schwächling und Tyrann!

So schafft' er sich und seinem Volke Not,
Bis jach ein Heer von seinem Zelte scharrte,
Bis ihm sein England wild die Stirne bot.

O, wie beredt war dessen Kriegsstandarte!
Geht mir mit "guten Fürsten!" - ein Despot
Gab Englands Männern ihre große Charte!
                             St. Goar, August 1843.


      Der Schüler Ancillons

Im Jahre Vierzig stellt' ich auf den Satz;
Jetzt geb' ich euch den Gegensatz!
Und dabei bleibt's, trotz Murren und trotz Rütteln: -
Sucht die Extreme zu vermitteln!
                       Asmannshausen, Mai 1844.


 Der Adler auf dem Mäuseturm

Auf weißer Flagge weht ein Aar
Hoch auf dem Mäuseturm bei Bingen;
Er zeigt ein tüchtig Klauenpaar,
Trägt eine Kron' und reckt die Schwingen.
Vom Sonnebrand und Schnee und Sturm
Sind ihm die Federn glatt geschlichtet -
Was Teufel, in den Mäuseturm,
O Adler, hast du dich geflüchtet?

Hast du aus deiner Fülle Horn
Etwa gleich Hatto, jenem Alten,
Zu Mehl und Brot das teure Korn
Dem Mund des Volkes vorenthalten?
Will dir ein rächend Mäuseheer,
Wie jenem Bischof einst, ans Leben?
Gereicht auch dir zu Schutz und Wehr
Hattos zerfallne Trümmer eben?

Nicht doch! du geizest nicht mit Brot!
Jüngst noch, bei ew'gem Sommerregen,
Hast du geöffnet unsrer Not
All deiner Vorrathshäuser Segen!
Du ließest Hunsrück, Eifel, Ahr
Brotkorn, soviel sie brauchten, fassen;
Du hast auch sonst manch schlechtes Jahr
Vom Most die Steuer uns erlassen!

Drum nicht als Wucherer am Rhein
Flohst du auf jene Mauerkronen!
Doch: - Brot aus Korne nicht allein
Begehren heut die Nationen!
Sie wollen mehr, als was man kaut;
Sie heben dreist den kräft'gen Nacken;
Sie sehn sich um und rufen laut:
"Wo wird der Freiheit Brot gebacken?"

Das Brot nun freilich, guter Aar,
Hältst du mit allzu festen Krallen;
Wohl ließest du auch - wahr bleibt wahr! -
Von Freiheit jüngst ein Wörtchen fallen!
Es schien des Volkes Hungerschrei
Recht in der Seele zu kränken;
Du schienst an eine Bäckerei
Von Freiheitsbrot im Ernst zu denken!

Du schienst - ja doch, es war nur Schein!
O Aar, du bist ein karger Reicher!
Wie schnell die Segel zogst du ein,
Wie schnell verschlossest du die Speicher!
Du gabst - doch gleich auch nahmst du - schier,
Um unsern Hunger noch zu schärfen;
Um doppeltheiße Qual und Gier
In unser lechzend Herz zu werfen!

O, flieg nicht fort auf solcher Bahn!
Brot für den Geist! o, woll' es brechen!
Gib. gib! Es könnte Mäusezahn
Auch diese Brotverweigrung rächen!
O, nimm die Sache nicht zu leicht!
Und hättest du die Macht von Greifen -
Es wagte dennoch sich vielleicht
An deinen Horst ein strafend Pfeifen!

Drum sei gedenk und auf der Hut!
Mag Hatto warnen dich und führen!
Der sagte auch: "An meinen Hut
Lass' keines Menschen Hand ich rühren!"
Ja doch, was half ihm sein Gepoch'?
Wozu war ihm sein Hochmut nütze?
Es fraßen ihn die Mäuse doch -
Ihn selbst zusamt der Bischofsmütze!
            Asmannshausen, Mai 1844.


                              Das Fensterkreuz

Zu Neuhaus in dem Schlosse war's: - der Kurfürst hielt ein Jägermahl;
Die Gäste saßen dichtgereiht, und Hörner schmetterten im Saal.
Der Mundschenk goß die Gläser voll, die Diener drängten sich zuhauf -
Es war ein schwüler Sommertag, die Fenster alle standen auf.

Und durch die offnen Fenster rings sah man den kühlen, grünen Wald;
Der Wald, das war zu dieser Zeit des Fürsten liebster Aufenthalt!
In dem vergaß er, hell umtönt von Hirschgeschrei und Rosseshuf,
Den Ärger, den zu Königsberg der böse Landtag dreist ihm schuf.

Ei, dieses starre Königsberg! Ei, dies verwegne Preußenland!
Ei, wie beharrlich und beherzt auf seinen Rechten es bestand!
Und nicht sein Adel bloß! O nein, auch seine Städte sprachen mit!
Wer war's, der die Leibeigenschaft des armen Bauernvolks bestritt?

O frischer, freier Bürgertrotz! O Erbteil, das der Ostsee blieb!
Du sprudelst aus der Flut hervor, mehr als den Brandenburgern lieb!
Wie heute noch der Krone Schein bei deinem Brausen zag erblaßt,
So warst du auch dem kurhut schon in deiner Freudigkeit verhaßt! -

Der Kurfürst saß beim Jägermahl! Schweinsköpfe dampften Rheinwein floß!
"Was kümmern mich die Stände heut zu Neuhaus hier auf meinem Schloß?"
Da stapfte klirrend in den Sall ein Reiter mit entblößtem Haupt;
Ein Bote war's von Königsberg, Blut an den Sporen und bestaubt.

Briefschaften knöpft' er aus dem Wams: - Ei, wiederum ein Ostseestreich? -
Der hohe Jäger riß sie auf; er flog sie durch; er wurde bleich.
Auf seiner Stirne zuckt' empor gehemmter arger Groll:
"Das war dein letzter Widerspruch! Hochnasig Volk, dein Maß ist voll!

So wahr ich jetzt den Apfel hier" - Und siehe da, vom vollen Tisch
Rafft'er mit ungestümer Hans sich einen Apfel rot und frisch! -
"So wahr ich den durchs fenster jetzt fortschleudre weit ins Freie hin,
So wahr noch brech' ich Preußens Trotz, brech' ich der Ostsee Eigensinn!

So wahr noch soll als Oberherrn mich diese Bersteinküste sehn!
So wahr noch unterwerf' ich mir dies übermüt'ge Polenlehn!
So wahr noch -" Und er sprang empor! Ausholt' er wild zum Wurfe dann!
Wer mit am Tisch saß, duckte sich und hielt gespannt den Atem an.

Der Apfel flog - fort in den Wald? - Nicht doch, fehl warf die hohe Kur!
Hinflog er sausend durchs Gemach und - traf das Kreuz des Fensters nur!
Traf's, prallte machtlos dann zurück! - So recht! Nur festen Widerstand!
Laß dir dies Kreuz ein Vorbild sein und einen Trost, mein Vaterland!
                                                                 Asmannshausen, Mai 1844.


               Wisperwind

Der Wisperwind, der Wisperwind,
Den kennt bis Östrich jedes Kind;
Des Morgens früh von vier bis zehn,
Da spürt man allermeist sein Wehn!
Stromauf aus Wald und Wiesengrund
Haucht ihn der Wisper kühler Mund!

Ja, immer, immer nur stromauf
Fährt er mit Pfeifen und Geschnauf':
Von unten jetzt und allezeit
Braust er nach oben, kampfbereit;
Nie mit der Welle geht sein Strich,
Nur ihr entgegen stemmt er sich!

Er macht sich auf, wo Hütten stehn;
Wo Hütten stehn und Mühlen gehn.
Des Bauern Strohdach ohne Ruh'
Schickt ihn der Burg des Fürsten zu;
Anfährt er trotzig, sagt mein Ferg',
Schloß Rheinstein und Johannisberg.

Er saust und wütet um sie her,
Frisch und gradaus wie keiner mehr;
Er schiert den Teufel sich um Gunst,
Er pfeift was auf den blauen Dunst,
Der trüb um ihre Zinnen hangt -
Er pfeift, bis klar der Himmel prangt.

Ja, heiter wird auf ihn der Tag;
Drum braus' er, was er brausen mag!
Er selbst und noch ein Wisperwind: -
Ein neuer Tag der Welt beginnt!
Die Hähne krähn, der Wald erwacht,
Ein Wispern hat sich aufgemacht!

Von unten keck nach oben auch
Zieht dieser andern Wisper Hauch;
Auf aus den Tiefen zu den Höhn
Erhebt sich frisch auch dieses Wehn;
Strohdach und Werkstatt ohne Ruh'
Schicken der Fürstenburg es zu!

Da hangen trüb die Nebel noch;
Geduld nur, es verjagt sie doch!
Wie zornig sie auch dräun, wie wirr,
Es läßt nicht ab, es wird nicht irr!
Mit kräft'gem Blasen, Ruck auf Ruck,
Macht es zunichte Dunst und Druck!

Hab' Dank, du frisch und freudig Wehn!
Hab' Dank, hab' Dank - o, wär' es zehn!
Ja, zehn und rings der Himmel rein!
Jetzt, mein' ich, wird es sechse sein! -
Der Wisperwind, der Wisperwind,
Den kennt bis Östrich jedes Kind!
          Asmannshausen, Mai 1844.


An Hoffmann von Fallersleben

Jetzo, wo die Nachtigall
Schlägt mit mächt'gen Schlägen;
Wo der Rhein mit vollerm Schall
Braust auf seinen Wegen;
Wo die Dämpfer wieder ziehn;
Wo die grünen Reben,
Wo die Blumen wieder blühn: -
Jetzt auf einmal eben

Denk' ich wieder, wie im Traum,
Jener Nacht im Riesen,
Wo wir den Champagnerschaum
Von den Gläsern bliesen;
Wo wir leerten Glas auf Glas,
Bis ich alles wußte,
Bis ich deinen ganzen Haß
Schweigend ehren mußte.

Düster mit verkohltem Docht
Flackerten die Kerzen;
Düster und von Zorn durchpocht,
Brannten unsre Herzen;
Dennoch oft, gleichwie ein Blitz,
Finstrer Wolk' entquollen,
Brach ein Lachen, brach ein Witz
Hell durch unser Grollen.

Also ward es rasch zwei Uhr!
Trocken die Pokale,
Und der jüngste Kellner nur
Harrte noch im Saale!
Schnarchend lag der kleine Mann
In des Sessels Hafen,
Und wir sagten: "Der Géant,
Wahrlich, ist entschlafen!"

Endlich stand der Junge wach,
Nahm das Licht verdrossen;
Wirr aus seinem Schlafgemach
Kam ein Lord geschossen;
Du doch stiegst die Trepp' hinauf,
Derb und nagelschuhig;
Schriebst noch in mein Stammbuch drauf:
"Kobelenz ist ruhig!" -

Wieder hat seit jener Nacht
Herbes dich bestroffen!
Strom und Frühling sind erwacht -
Hoffmann, wolle hoffen! -
Hoff' und laß der Marken Sand!
Mach' dich auf die Beine!
Deutscher Männer deutsche Hand
Wartet drein am Rheine!

Was, ob die gelehrte Spree
Feig sich von dir wandte:
In die Rheinflut senk' dein Weh -
Sie nicht bannt Verbannte!
Neue Freunde warten dein
An der rebumwallten -
Auf drum, und vergiß am Rhein
Schnödigkeit der alten!

Drum, wo mit der Rede Stahl
Badens Männer streiten;
Drum auch, wo im Wiesental
Lieder dich umläuten;
Wo die Düssel flutet hell,
Und in Dresels Keller
Schlag ein Schnippchen dem Gebell
Deiner Widerbeller!

Ich auch, der ich jene Nacht
Finster mit dir zechte,
Ich auch, eben vor der Schacht,
Biete dir die Rechte!
Ja, auch ich steh' kampfbereit,
Gleich sind unsre Zeichen: -
Mit Bewußtsein wag' ich's heut,
Dir die Hand zu reichen!

Herz'ger noch als dazumal
Wag ich's, einzuschlagen:
Schiefer Stellung volle Qual
Mußt' ich damals tragen!
Noch nicht recht aus ganzem Holz
Schien auch dir mein Leben -
Drum auch war ich noch zu stolz,
Mich dir ganz zu geben!

Alles das ist nun vorbei!
Frei ward Lipp' und Zunge,
Frei das Auge mir, und frei
Dehnt sich Herz und Lunge!
Vom Gedanken bis zur Tat
Schlug ich dreist die Brücke;
Hüben steh' ich, und kein Pfad
Führt mich je zurücke!

Vorwärts denn - bis übers Grab!
Vorwärts - ohne Wanken!
Jede Rücksicht werf' ich ab,
Satt hinfort der Schranken.
Nur das Kühnste bind' ich an
Meinen Simsonsfüchsen -
Mit Kanonen mit Schlüsselbüchsen!

Sieh, so biet' ich dir die Hand,
Einer auch von denen,
Die sich an des Rheines Strand
Die entgegensehnen!
Die ins dornige Exil
Gern dir Rosen flöchten,
Gern ein friedlich Rheinasyl
Dir bereiten möchten!

Komm darum und glaub' an mich -
Aber komm in Eile!
Komm, solang ich festiglich
Noch am Rheinstrom weile!
Eh' ich selber meinen Herd
Seh' zum Teufel stieben;
Eh' der eignen Lieder Schwert
Westwärts mich getrieben!

Horch, o horch! die Nachtigall
Schlägt mit mächt'gen Schlägen,
Und der Rhein mit vollerm Schall
Braust auf seinen Wegen!
Alles keimt und alles gärt,
Alles windet Kränze: -
Auch den herbsten Kelch geleert
Auf der Zukunft Lenze!
      Asmannshausen, Mai 1844.


Ihr kennt die Sitte wohl der Schotten

Ihr kennt die Sitte wohl der Schotten: -
Galt es ein rasch Zusammenrotten,
Aufglühte dann der Feuerbrand.
Gelöscht in Blut an beiden Enden,
Krieg heischend, ließ er sich entsenden
Von Haus zu Haus, von Hand zu Hand. -

Und als der Sandwirt wollte schlagen;
Als er bereit nun stand, zu wagen
Den Adlerflug, den Gemsensprung:
Da trat sein Hausweib hin zu Passer,
und warf in das empörte Wasser
Die Späne der Verkündigung.

Rasch in die Tale mit den Wellen
Bis vor des Talvolks rauhe Schwellen
Bachabwärts rollte Span auf Span.
Daß alles fertig auf den Firnen,
Und daß zum Losbruch reif ihr Zürnen -
Blut, Mehl und Späne sagten's an!

So meine Lieder möcht' ich säen! -
Wie die Ladurner mächt' ich stehen
An dem bewegten Strom der Zeit!
Wahrzeichen, frisch und rauh wie jene,
Möcht' ich sie werfen, blut'ge Späne,
Aus in der Tageswogen Streit!

Und, gleich Hochschotlands Feuerbränden,
Heiß durch mein Volk mächt' ich sie senden
In jede Mark, an jeden Herd:
Daß alles zu den Waffen führe,
Und rasselnd riefe: "Schüre, schüre!
Wo ist der Kampf? Wir stehn bewehrt!"

Noch harr' ich, in mich selbst versunken!
Nur dann und wann blitzt auf ein Funken
Der Glut, die meine Brände brennt!
Nur dann und wann mit frischem Munde
Geb' einen Blutspan ich der Stunde
Von denen, so die Passer kennt!

Was hülfen mehr? Schleicht doch in Dämmen
Ihr Wasser heut! - Doch überschwemmen
Wird einst das Land sie, kühn zu schaun!
Dann tret' ich vor mit Blut und Mehle -
Frei weht die Eiche meiner Seele:
Ich glaub', ich werde Späne haun!
                  St. Goar, Dezember 1843.


       Vorläufig zum Schluß

Zu Asmannshausen in der Kron',
Wo mancher Durst'ge schon gezecht,
Da macht' ich gegen eine Kron'
Dies Büchlein für den Druck zurecht!
Ich schrieb es ab bei Rebenschein,
Weinlaub ums Haus und saft'ge Reifer
Drum, wollt ihr rechte Täufer sein,
Tauft's: Vierundvierz'ger Asmannshäuser!
                   Asmannshausen, Mai 1844.



B. Ça ira!

         Vor der Fahrt

  Melodie der Marseillaise

Jenseits der grauen Wasserwüste
Wie liegt die Zukunft winkend da!
Eine grüne, lachende Küste,
Ein geahndet Amerika!
Ein geahndet Amerika!
Und ob auch hoch die Wasser springen,
Ob auch Sandbank uns droht und Riff:
Ein erprobt und verwegen Schiff
Wird die Mut'gen hinüberbringen!

Frisch auf denn, springt hinein! Frisch auf, das Deck bemannt!
Stoßt ab! Stoßt ab! Kühn durch den Sturm! Sucht Land und findet Land!

O tapfer Fahrzeug! Ohne Schwanken
Befährt es dreist die zorn'ge Flut!
Schwarz die Masten und schwarz die Planken,
Und die Wimpel sind rot wie Blut!
Und die Wimpel sind rot wie Blut!
Die Segel braun von Dampf und Feuer;
Vom Verdeck herab ihren Blitz
Sprühn Gewehre, sprüht das Geschütz,
Und das blanke Schwert ist sein Steuer!

Frisch auf denn, springt hinein! Frisch auf, das Deck bemannt!
Stoßt ab! Stoßt ab! Kühn durch den Sturm! Sucht Land und findet Land!

So fährt es aus zu seinen Reisen,
So trägt es Männer in den Streit: -
Mit den Helden haben die Weisen
Seine dunkeln Borde geweiht!
Seine dunkeln Borde geweiht!
Ha, wie Kosciusko dreist es führte!
Ha, wie Washington es gelenkt!
Lafayettes und Franklins denkt,
Und wer sonst seine Flammen schürte!

Frisch auf denn, springt hinein! Frisch auf, das Deck bemannt!
Stoßt ab! Stoßt ab! Kühn durch den Sturm! Sucht Land und findet Land!

Ihr fragt erstaunt: Wie mag es heißen?
Die Antwort ist mit festem Ton:
Wie in Österreich so in Preußen
Heißt das Schiff: "Revolution!"
Heißt das Schiff: "Revolution!"
Es ist die einz'ge richt'ge Fähre -
Drum in See, und kapre den Staat,
Die verfaulte schnöde Galeere!

Frisch auf denn, springt hinein! Frisch auf, das Deck bemannt!
Stoßt ab! Stoßt ab! Kühn durch den Sturm! Sucht Land und findet Land!

Doch erst, bei schmetternden Drommeten,
Noch eine zweite wilde Schlacht!
Schwarzer Brander, schleudre Raketen
In der Kirche scheinheil'ge Jacht!
In der Kirche scheinheil'ge Jacht!
Auf des Besitzes Silberflotten
Richte kühn der Kanonen Schlund!
Auf des Meeres rottigem Grund
Laßt der Habsucht Schätze verrotten!

Frisch auf denn, springt hinein! Frisch auf, das Deck bemannt!
Stoßt ab! Stoßt ab! Kühn durch den Sturm! Sucht Land und findet Land!

O stolzer Tag, wenn solche Siege
Das Schiff des Volkes sich erstritt!
Wenn, zu Boden segelnd die Lüge,
Zum ersehnten Gestad' es glitt!
Zum ersehnten Gestad' es glitt!
Zum grünen Strand der neuen Erde,
Wo die Freiheit herrscht und das Recht,
Wo kein Armer stöhnt und kein Knecht,
Wo sich selber Hirt ist die Herde!

Frisch auf denn, springt hinein! Frisch auf, das Deck bemannt!
Stoßt ab! Stoßt ab! Kühn durch den Sturm! Sucht Land und findet Land!

Wo nur der Eintracht Fahnen wehen,
Wo uns kein Hader mehr zerstückt!
Wo der Mensch von der Menschheit Höhen
Unenterbt durch die S0chöpfung blickt!
Unenterbt durch die Schöpfung blickt!
O neue Welt, nach Sturm und Fehde
Wie erquickt uns bald deine Ruh'!
Alle Herzen pochen dir zu - -
Und der Brander liegt auf der Reede!

Frisch auf denn, springt hinein! Frisch auf, das Deck bemannt!
Stoßt ab! Stoßt ab! Kühn durch den Sturm! Sucht Land und findet Land!


                                  Eispalast

                                         1.

Ihr alle, mein' ich, habt gehört von jenem seltnen Eispalast!
Auf der gefrornen Newaflut aufstarrte der gefrorne Glast!
Dem Willen einer Kaiserin, der Laune dienend einer Frau,
Scholl' über Scholle stand er da, gediegen Eis der ganze Bau!

Um seine blanken Fensterreihn, um seine Giebel pfiff es kalt:
Doch inne hat ihn Frühlingswehn und hat ihn Blumenhauch durchwallt!
Allüberall, wohin man schritt, Musik und Girandolenglanz,
Und durch der Säle bunte Flucht bewegte wirbelnd sich der Tanz!

Also, bis in den März hinein, war seine Herrlichkeit zu schaun;
Doch - auch in Rußland kommt der Lenz, und auch der Newa Blöcke taun!
Hui, wie beim ersten Sturm aus Süd der ganze schimmernde Koloß
Hohl in sich selbst zusammensank und häuptlings in die Fluten schoß!

Die Fluten aber jauchzten auf! Ja, die der Frost in Bande schlug,
Die gestern eine Hofburg noch und eines Hofes Unsinn trug,
Die es noch gestern schweigend litt, daß man ihn auflud pomp und Staat,
Daß eine üpp'ge Kaiserin hoffärtig siem it Füßen trat: -

Dieselbe Newa jauchzt' empor! Abwärts mit brausendem Erguß,
Abwörts durch Schnee und Schollenwerk schob sich und drängte sich der Fluß!
Die letzten Spuren seiner Schmach malmt' er und knirscht' er kurz und klein -
Und strömte groß und ruhig dann ins ewig freie Meer hinein!

                                     2.

Die ihr Völker heil'ge abdämmet von der Freiheit Meer: -
Ausmündend bald, der Newa gleich, braust sie und jubelt sie einher!
Der Winterfrost der Tyrannei stolz vom Genicke schüttelt soe
Und schlingt hinab, den lang sie trug, den Eispalast der Despotie!

Noch schwelgt ihr in dem Blitzenden, und tut in eurem Dünkel, traun!
Als käme nun und nie der Lenz, als würd' er nun und nimmer taun!
Doch mählich steigt die Sonne schon, und weich erhebt sich schon ein Wehn;
Die Decke tropft, der Boden schwimmt - o, schlüpfrig und gefährlich Gehn!

Ihr aber wollt verschlungen sein! Dasteht ihr und kapituliert
Lang erst mit jeder Scholle noch, ob sie - von neuem nicht gefriert!
Umsonst, ihr Herrn! Kein Halten mehr! Ihr sprecht den Lenz zum Winter nicht,
Und hat das Eis einmal gekracht, so glaubt mir, daß es bald auch bricht!

Dann aber heißt es wiederum: - Abwärts mit brausendem Erguß,
Abwärts durch Schnee und Schollenwerk drängt sich und macht sich Bahn der Fluß!
Die letzten Spuren seiner Schmach malmt er und knirscht er kurz und klein -
Und flutet groß und ruhig dann ins ewig freie Meer hinein!