Freiligrath

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Biografie

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                                   Von unten auf

Ein Dämpfer kam von Bieberich: - stolz war die Furche, die er zog!
Er qualmt' und räderte zu Tal, daß rechts und links die Brandung flog!
Von Wimpeln und von Flaggen voll, schoß er hinab keck und erfreut:
Den König, der in Preußen herrscht, nach seiner Rheinburg trug er heut!

Die Sonne schien wie lauter Gold! Auftauchte schimmernd Stadt um Stadt!
Der Rhein war wie ein Spiegel schier, und das Verdeck war blank und glatt!
Die Dielen blitzten frisch gebohnt, und auf den schmalen her und hin,
Vergnügten Auges wandelten der König und die Königin!

Nach allen Seiten schaut' umher und winkte das erhabne Paar;
Des Rheingaus Reben grüßten sie und auch dein Nußlaub, Sankt Goar!
Sie sahn zu Rhein, sie sahn zu Berg: - wie war das Schifflein doch so nett!
Es ging sich auf den Dielen fast als wie auf Sanssoucis Parkett!

Doch unter all der Nettigkeit und unter all der schwimenden Pracht,
Da frißt und flammt das Element, das sie von dannen schießen macht;
Da schafft in Ruß und Feuersglut, der dieses Glanzes Seele ist;
Da steht und schürt und ordnet er - der Proletariermaschinist!

Da draußen lacht und grünt die Welt, da draußen blitzt und rauscht der Rhein -
Er stiert den lieben langen Tag in seine Flammen nur hinein!
Im wollnen Hemde, halbernackt, vor seiner Esse muß er stehn!
Derweil ein König über ihm einschlürft der Berge freies Wehn!

Jetzt ist der ofen zugekeilt, und alles paßt;
So gönnt er auf Minuten denn sich eine kurze Sklavenkrast.
Mit halbem Leibe taucht er auf aus seinem lodernden Versteck;
In seiner Falltür steht er da, und überschaut sich das Verdeck.

Das glühnde Eisen in der Hand, Antlitz und Arme rot erhitzt,
Mit der gewölbten, haar'gen Brust auf das Geländer breit gestützt -
So läßt er schweifen seinen Blick, so murrt er leis dem Fürsten zu:
"Wie mahnt dies Boot mich an den Staat! Licht auf den Höhen wandelst du!

Tief unten aber, in der Nacht und in der Arbeit dunkelm Schoß,
Tief unten, von der Not gespornt, da schür' und schmied' ich mir mein Los!
Nicht meines nur, auch deines, Herr! Wer hält die Räder dir im Takt,
Wenn nicht mit schwielenharter Faust der Heizer seine Eisen packt?

Du bist viel weniger ein Zeus, als ich, o König, ein Titan!
Beherrsch' ich nicht, auf dem du gehst, den allzeit kochenden Vulkan?
Es liegt an mir: - ein Ruck von mir, ein Schlag von mir zu dieser Frist,
Und siehe, das gebäude stürzt, von welchem du die Spitze bist!

Der Boden birst, aufschlägt die Glut und sprengt dich krachend in die Luft!
Wir aber steigen feuerfest aufwärts ans Licht aus unsrer Gruft!
Wir sind die Kraft! Wir hämmern jung das alte morsche Ding, den Staat,
Die wir von Gottes Zorne sind bis jetzt das Proletariat!

Dann schreit' ich jauchzend durch die Welt! Auf meinen Schultern, stark und breit,
Ein neuer Sankt Christophorus, trag' ich den Christ der neuen Zeit!
Ich bin der Riese, der nicht wankt! Ich bin's, durch den zum Siegesfest
Über den tosenden Strom der Zeit der Heiland Geist sich tragen läßt!"

So hat in seinen krausen Bart der grollende Zyklop gemurrt;
Dann geht er wieder an sein Werk, nimmt sein Geschirr und stocht und purrt.
Die Hebel knirschen auf und ab, die Flamme strahlt ihm ins Gesicht,
Der Dampf rumort; - er aber sagt: "Heut, zornig Element, noch nicht!"

Der bunte Dämpfer unterdes legt vor Kapellen zischend an;
Sechsspännig fährt die Majestät den jungen Stolzenfels hinan.
Der Heizer blickt auch auf zur Burg; von seinen Flammen nur behorcht,
Lacht er: "Ei, wie man immer doch für künftige Ruinen sorgt!"


                                    Wie man's macht

So wird es kommen, eh' ihr denkt: - Das Volk hat nichts zu beißen mehr!
Durch seine Lumpen pfeift der Wind! Wo nimmt es Brot und Kleider her? -
Da tritt ein kecker Bursche vor; der spricht: "Die Kleider wüßt' ich schon!
Mir nach, wer Rock und Hosen will! Zeug für ein ganzes Bataillon!"

Und wie man eine Hand umdreht, stellt er in Rotten sie und Reihn,
Schreit: "Linksum kehrt!" und "Vorwärts marsch!" und führt zur Kreisstadt sie hinein.
Vor einem steinernen Gebäu haltmachen läßt er trutziglich:
"Seht da, mein Kleidermagazin - das Landwehrzeughaus nennt es sich!

Darinnen liegt, was ihr bedürft: Leinwand zu Hemden, derb und schwer!
Wattierte Jacken, frisch genäht - dazu von zweierlei Couleur!
Tuchmäntel für die Regennacht! Feldmützen auch und Handschuh' viel,
Und alles, was sich sonst gehört zu Heerschau und Paradespiel!

Ihr kennt den ganzen Rummel ja! Ob auch mit Hadern jetzt bedeckt,
Haben die meisten doch von euch in der Montierung schon gesteckt!
Wehrmänner seid ihr allzumahl! So lange jeder denn vom Pflock
Sich seinen eignen Hosensack und seinen eignen blauen Rock!

Ja, seinen Rock! Wer faselt noch vom Rock des Königs? - Liebe Zeit!
Gabt ihr die Wolle doch dazu: geschorne Schafem die ihr seid!
Du da - ist nicht die Leinwand hier der Flachs, den deine Mutter spann,
Indes vom kummervollen Aug' die Trän' ihr auf den Faden rann?

Nehmt denn! So recht! Da prunkt ihr ja, als ging's zu Fehde morgen früh,
Oder doch allerwenigstens nach Grimlinghausen zur Revue!
Nur die Muskete fehlt euch noch! Doch sieh, da steht von ungefähr
Der ganze Saal voll! Zum Versuch: - Gewehr in Arm! Schultert's Gewehr!

Ganz, wie sich's hört! Das nenn' ich Schick! Am Ende... Jungens, wißt ihr was?
Auch die Gewehre wandern mit! - Gewehr bei Fuß! - Das wird ein Spaß!
Und würd' es Ernst... Nun, möglich ist's! Sie machen immer groß Geschrei,
Und nennen diesen Kleiderwitz vielleicht noch gar Rebellerei!

Nennen ihn Einbruch noch und Raub! - In wenig Stunden, sollt ihr sehn,
Wird uns ein Linienregiment schlagfertig gegenüberstehn!
Da heißt es denn für seinen Rück die Zähne weisen! Dran und drauf!
Patronen her! Geladen, Kerls! Und pflanzt die Bajonette auf!

Stülpt auch den Tschako auf den Kopf, und hängt den Degen vor den Steiß: -
Daß ihr ihn 'Käsemesser' nennt, ein glückverheißend Omen sei's!
Kein Hirn, will's Gott, besudelt ihn! Kein Herzblut, hoff' ich, färbt ihn rot -
Für Weib und Kinder 'Käse' nur soll er zerhaun und nahrhaft Brot!

Und nun hinaus! Tambour voran, Querpfeifer und Hornistenpaar!
Soll auch die Adlerfahne noch vorflattern, Brüder, eurer Schar?
Den Teufel auch! Was kümmert uns vergangner Zeit Raubvögelpack!
Wollt ihr ein Banner: Eines nur schickt sich für euch - der Bettelsack!

Den pflanzt auf irgendein Gerüst: - da, hier ist ein Ulanenspeer! -
Und tragt ihn, wie die Geusen einst, it zorn'gem Stolze vor euch her!
Ihr könnt es füglicher als sie! Ihr tragt den Sack nicht bloß zum Staat,
Ihr seid nicht bloß dem Namen nach - nein, ihr seid Bettler in der Tat!

Marsch denn, ihr Geusen dieser Zeit! Marsh, Proletarierbataillon!"
Da naht zu Fuß und naht zu Roß die königliche Linie schon!
"Feuer!" befiehlt der General; "Chok!" heißt es bei der Reiterei. -
Doch, ha! Kein Renner hebt den Fuß, und keine Flinte schickt ihr Blei!

Ein Murren aber rollt durchs Heer: "Auch wir sind ein Volk! Was königlich!"
Und plötzlich vor dem Bettelsack senkt tief die Adlerfahne sich!
Dann Jubelschrei: "Wir sind mit euch! Denn wir sind ihr, und ihr seid wir!"
"Canaille!" ruft der Kommandeur - da reißt ein Leutnant ihn vom Tier!

Und wie ein Sturm zur Hauptstadt geht's! Anschwillt ihr Zug lawinengleich!
Umstürzt der Thron, die Krone fällt, in seinen Angeln ächzt das Reich!
Aus Brand und Blut erhebt das Volk siegaft sein lang zertreten Haupt: -
Wehen hat jegliche Geburt! - So wird es kommen, eh' ihr glaubt.


                                      Freie Presse

Festen Tons zu seinen Leuten spricht der Herr der Druckerei:
"Morgen, wißt ihr, soll es losgehn, und zum Schießen braucht man Blei!
Wohl, wir haben unsre Schriften: - morgen in die Reihn getreten!
Heute Munition gegossen aus metallnen Alphabeten!

Hier die Formen, hier die Tiegel! auch die Kohlen fach' ich an!
Und die Pforten sind verrammelt, daß uns niemand stören kann!
An die Arbeit denn, ihr Herren! Alle, die ihr setzt und preßt!
Helft mir auf die Beine bringen dieses Freiheitsmanifest!"

Spricht's, und wirft die ersten Lettern in den Tiegel frischer Hand.
Von der Hitze bald geschmolzen brodeln Perl' und Diamant;
Brodeln Kolonel und Korpus; hier die Antiqua, dort Fraktur
Werfen radikale Blasen, dreist umgehend die Zensur.

Dampfend in die Kugelformen zischt die glühnde Masse dann: -
So die ganze lange Herbstnacht schaffen diese zwanzig Mann;
Atmen rüstig in die Kohlen; schüren, schmelzen unverdrossen,
Bis in runde, blanke Kugeln Schrift und Zeug sie ungegossen!

Wohlverpackt in grauen Beuteln liegt der Vorrat an der Erde,
Fertig, daß er mit der Frühe brühwarm ausgegeben werde!
Eine dreiste Morgensitzung! Wahrlich, gleich beherzt und kühn
Sah man keine noch entschwirren dieser alren Offizin!

Und der Meister sieht es düster, legt die Rechte auf sein Herz:
"Daß es also mußte kommen, mir und vielen macht es Schmerz!
Doch - welch Mittel noch ist übrig, und wie kann es anders sein? -
Nur als Kugel mag die Type dieser Tage sich befrein!

Wohl soll der Gedanke siegen - nicht des Stoffes rohe Kraft!
Doch man band ihn, man zertrat ihn, doch man warf ihn schnöd in Haft!
Sei es denn! In die Muskete mit dem Ladstock laßt euch rammen!
Auch in solchem Winkelhaken steht als Kämpfer treu beisammen!

Auch aus ihm bis an die Hofburg fliegt und schwingt euch, trotz'ge Schriften!
Jauchzt ein rauhes Lied der Freiheit, jauchzt und pfeift es hoch in Lüften!
Schlagt die Knechte, schlagt die Söldner, schlagt den allerhöchsten Toren,
Der sich diese freie Presse selber auf den Hals beschworen!

Für die rechte freie Presse kehrt ihr heim aus diesem Strauß:
Bald aus Leichen und aus Trümmern graben wir euch wieder aus!
Gießen euch aus stumpfen Kugeln wieder um in scharfe Lettern -
Horch! ein Pochen an der Haustür! und Trompeten hör' ich schmettern!

Jetzt ein Schuß! - Und wieder einer! - Die Signale sind's Gesellen!
Hallender Schritt erfüllt die Gassen, Hufe dröhnen, Hörner gellen!
Hier die Kugeln! hier die Büchsen! Rasch hinab! - Da sind wir schon!"
Und die erste Salve prasselt! - Das ist Revolution!


                  Springer

          Epilog des Dichters

Kein besser Schachbrett als die Welt:
Zur Limmat rück' ich von der Schelde!
Ihr sprengt mich wohl von Feld zu Feld,
Doch schlagt ihr mich nicht aus dem Felde!

So ist es eben in dem Schach
Der Freien wider die Despoten:
Zug über Zug und Schlag auf Schlag,
Und Ruh' wird keine nicht geboten!

Mir ist, als müßt' ich auch von hier
Den Stab noch in die Weite setzen;
Als würden auch aus Tells Revier
Die Launen dieses Spiels mich hetzen!

Ich bin bereit! Noch braust das Meer
Um Norwegs freie Bauernstätten;
Noch rasselt es von Frankreich her,
Wie Klirren von gebrochnen Ketten!

Kein flüchtig Haupt hat Engelland
Von seiner Schwelle noch gewiesen;
Noch winkt mir eine Freundeshand
Nach des Ohio lust'gen Wiesen!

Von Dorf zu Dorf, von Stadt zu Stadt,
Von Land zu Land - mich schiert es wenig.
Kein Zug des Schicksals setzt mich matt: -
Matt werden kann ja nur der König!



C. Neuere politische und soziale Gedichte

Erstes Heft

Meiner Frau zum Geburtstage

          Mit einer Erika

Die Heide, die bei uns zuland'
Allwärts ihr Grün vergeudet;
Die Berg und Schlucht und Felsenwand
Mit starren Büscheln kleidet;
Die hoch und tief sich blicken läßt,
Die bring' ich dir zu deinem Fest
In schlichter irdner Scherbe.

Wo du und ich geboren sind,
Da rauscht sie allerorten;
Sie schüttelt sich im Morgenwind
Vor deiner Wartburg Pforten;
Sie spiegelt sich in Ilm und Saal'
Und in der Unstrut goldnes Tal
Herschaut sie vom Kyffhäuser.

Und auch bei mir mit hellem Schein
Schmückt sie die Bergeshalde;
Sie wallt um meinen Externstein
Und rings im Lipp'schen Walde;
Da summen Bienen um sie her,
Und durch ihr rotes Blütenmeer
Ausschlagend jagt der Senner.

Der alte Rhein, der Traubenkoch,
Könnt' ihrer wohl entbehren;
Doch ward auch ihm die Heide noch
Zu seinen andern Ehren.
Wie oft an Forst- und Gründelbach
Unter der Birke wehndem Dach
Winkt' und ihr schwellend Kissen!

Da bebt sie spät, da bebt sie früh,
Da flammt sie durchs Gehölze;
Da krönt die siebte Mühle sie
Und auch die Silberschmelze;
Da krönt sie Brunn und Felsenschlucht -
O, möge dieser Scherbenhucht
An alles das dich mahnen!

Und dann - nicht wahr, seit alter Zeit
Ist es der Brauch gewesen,
Daß man aus Pfiemenkraut und Heid'
Gebunden hat den Besen?
Den Besen, der die Gassen kehrt,
Der wie ein Wetter niederfährt,
Wo Staub und Wust sich brüsten!

So sei dir denn auch noch vertraut,
Was junge Sagen künden:
Bald wird aus niederm Heidekraut
Sich selbst ein Besen binden,
Ein ries'ger, der der Niedertracht
Und Sklaverei ein Ende macht
In Deutschland und auf Erden!

Dann wird auch uns zur Wiederkehr
Der Freiheit Glocke läuten;
Dann wird uns keine Scherbe mehr
Heimat und Herd bedeuten;
Dann - doch mir schlägt das Herz wie toll!
Rasch, gieß mir einen Tummler voll,
Daß ich dich leben lasse!
                   Brüssel, Dezember 1844.


                 Leipzigs Toten!

"Tue! tue!"

Karl IX. in der Bartholomäusnacht.
"Laßt Ader! laßt Ader! Die Ärzte sagen, das Aderlassen sei im August so heilsam als im Mai."
Tavannes in derselben

Sie kam heran im wehnden Trauerflor,
Über den See nach ihrem Brauche;
Um Huttens Insel beugte sie das Rohr
Mit ihres Odems feuchtem Hauche.
Ich sah sie nahn, ich sah in sie hinaus;
Dann wieder setzt' ich mich zu schreiben -
Da trat sie plötzlich finster vor mein Haus,
Und hauchte leis an meine Scheiben:
"Ich bin die Nacht, die Bartholomäusnacht;
Mein Fuß ist blutig und mein Haupt verschleiert.
Es hat in Deutschland eine Fürstenmacht
Zwölf Tage heuer mich zu früh gefeiert!

O fünfzehnhundertzweiundsiebenzig!
Ha, wie da Pulverdampf die Giebel bräunte!
Ha, wie da schießend aus dem Fenster sich
Hervorbug jener Karl der Neunte!
Auch er ein Allerchristlichster, o Schmach!
Aufschrie und hetzt' er seine Söldnerrotten,
Bis wehrlos hingewürgt am Boden lag
Die beste Kraft der Hugenotten!
"Ich bin die Nacht, die Bartholomäusnacht;
Mein Fuß ist blutig und mein Haupt verschleiert.
Es hat in Deutschland eine Fürstenmacht
Zwölf Tage heuer mich zu früh gefeiert!

Nicht ganz so blutig wohl, wie dazumal!
Doch das ist gleich - hinpfiff die Kugel sausend!
Die Opfer stürzten - was liegt an der Zahl?
Gleichviel, ob dreizehn oder dreißigtausend!
Die Hähne knackten - auf ein Prinzenwort!
Ein Wehruf zog durch meine Finsternisse!
Livreebedienter, sprühte dreist der Mord
Die vielbeliebten, sichern Rückenschüsse!
"Ich bin die Nacht, die Bartholomäusnacht;
Mein Fuß ist blutig und mein Haupt verschleiert.
Es hat in Deutschland eine Fürstenmacht
Zwölf Tage heuer mich zu früh gefeiert!

Man hat gesagt: Sie haben es verdient!
Wer hat sie rebellieren denn geheißen?
Was haben die Verwegnen sich erkühnt,
Kronleuchter, allerhöchste, zu zerschmeißen?
Man war erstaunt, man war mit Recht empört!
Denkt: auf den Boden klirrte Scheib' um Scheibe! -
Wohl!... Aber niemals hab' ich noch gehört,
Daß man mit Blut zerbrochne Fenster klebe!
"Ich bin die Nacht, die Bartholomäusnacht;
Mein Fuß ist blutig und mein Haupt verschleiert.
Es hat in Deutschland eine Fürstenmacht
Zwölf Tage heuer mich zu früh gefeiert!

Und dann sie flohn! Der Blitz des Rohres fuhr
In abgewandte, schon geworfne Reihen!
Ja, Fliehnde nur, schuldlose Wandler nur,
Hat man erlegt mit königlichen Bleien!
Ein Weib, ein Kind - o herzzerreißend Weh!
Da lagen sie, am Pflaster die Gesichter!
- Was ballst du nur an deinem Schweizersee
Die zorn'gen Fäuste, heimatloser Dichter?
"Ich bin die Nacht, die Bartholomäusnacht;
Mein Fuß ist blutig und mein Haupt verschleiert.
Es hat in Deutschland eine Fürstenmacht
Zwölf Tage heuer mich zu früh gefeiert!

Soll ich noch melden von dem Leichenzug?
Der Marsch ertönte, Trauerweisen schallten;
Aus diesem Haus und dann aus jenem trug
Man einen Sarg, und ernste Fahnen wallten!
Nachschoß des Volkes endlos lange Flut -
Ein Tränenstrom, so weit das Auge schaute!
Ach, nie doch wäscht er dies unschuld'ge Blut
Von Leipzigs Kiesweg und von Sachsens Raute!
"Ich bin die Nacht, die Bartholomäusnacht;
Mein Fuß ist blutig und mein Haupt verschleiert.
Es hat in Deutschland eine Fürstenmacht
Zwölf Tage heuer mich zu früh gefeiert!

Man hat ein Wort: Die Mitternacht ist stumm!
Doch schrei' ich laut: Wer soll dies Blut euch stillen?
Das allererste floß es wiederum
Durch einen Fürsten um des Glaubens willen!
O deutsches Land, was trugen dir schon ein
Wie deine Fürsten, so dein Glauben! -
Allein du liebst es, stets ein Kind zu sein!
Nicht eine Kette lässest du dir rauben!
"Ich bin die Nacht, die Bartholomäusnacht;
Mein Fuß ist blutig und mein Haupt verschleiert.
Es hat in Deutschland eine Fürstenmacht
Zwölf Tage heuer mich zu früh gefeiert!

Doch heut ein Grollen! An der Gruft kein Spott!
Tu, was du mußt! Folg' deinem Wahrheitsdürsten!
Hau', wie dich's drängt, dir deinen Weh zu Gott!
Nur - suchst du Gott, was fragst du deine Fürsten?
Erwache, Deutschland, denk' an jenen Herrn,
Der aus dem Louvre schoß mit blindem Wüten!
- Fahr wohl, Poet! Ich muß noch nach Luzern!
Zu meinen Vätern noch, den Jesuiten!
"Ich bin die Nacht, die Bartholomäusnacht;
Mein Fuß ist blutig und mein Haupt verschleiert.
Es hat in Deutschland eine Fürstenmacht
Zwölf Tage heuer mich zu früh gefeiert!
   Meyenberg am Zürcher See, 24. August 1845.


                 Requiescat!

Wer den wucht'gen Hammer schwingt;
Wer im Felde mäht die Ähren;
Wer ins Mark der Erde dringt,
Weib und Kinder zu ernähren;
Wer stroman den Nachen zieht;
Wer bei Woll' und Werg der Flachse
Hinterm Webestuhl sich müht,
Daß sein blonder Junge wachse: -

Jedem Ehre, jedem Preis!
Ehre jeder Handvoll Schwielen!
Ehre jedem Tropfen Schweiß,
Der in Hütten fällt und Mühlen!
Ehre jeder nassen Stirn
Hinterm Pfluge! - Doch auch dessen,
Der mit Schädel und mit Hirn
Hungernd pflügt, sei nicht vergessen!

Ob in enger Bücherei
Dunst und Moder ihn umstäube;
Ob er Sklav der Messe sei,
Lieder oder Dramen schreibe;
Ob er um verruchten Lohn
Fremden Ungeschmack vertiere;
Ob er in gelehrter Fron
Griechisch und Latein doziere: -

Er ist auch ein Proletar!
Ihm auch heißt es: "Darbe! borge!"
Ihm auch bleicht das dunkle Haar,
Ihn auch hetzt ins Grab die Sorge!
Mit dem Zwange, mit der Not
Wie die andern muß er ringen,
Und der Kinder Schrei nach Brot
Lähmt auch ihm die freien Schwingen!

Manchen hab' ich so gekannt!
Nach den Wolken flog sein Streben: -
Tief im Staube von der Hand
In den Mund doch mußt' er leben!
Eingepfercht und eingedornt,
Ächzt' er zwischen Tür und Angel;
Der Bedarf hat ihn gespornt,
Und gepeitscht hat ihn der Mangel.

Also schrieb er Blatt auf Blatt,
Bleich und mit verhärmten Wangen,
Während draußen Blum' und Blatt
Sich im Morgenwinde schwangen,
Nachtigall und Drossel schlug,
Lerche sang und Habicht kreiste: -
Er hing über sein Buch,
Tagelöhner mit dem Geiste!

Dennoch ob sein Herz auch schrie,
Blieb tapfer, blieb ergeben:
"Dieses auch ist Poesie,
Denn es ist das Menschenleben!"
Und wenn gar der Mut ihm sank,
Hielt er fest sich an dem einen:
"Meine Ehre wahrt' ich blank!
Was ich tu', ist für die Meinen!"

Endlich ließ ihn doch die Kraft!
Aus sein Ringen, aus sein Schaffen!
Nur zuweilen, fieberhaft,
Konnt' er noch empor sich raffen!
Nachts oft von der Muse Kuß
Fühlt' er seine SChläfen pochen;
Frei dann flog der Genius,
Den des Tages Drang gebrochen!

Lang jetzt ruht er unterm Rain,
Drauf im Gras die Winde wühlen;
Ohne Kreuz und ohne Stein
SChläft er aus auf seinen Pfühlen.
Rotgeweinten Angesichts
Irrt sein Weib und irrt sein Samen -
Bettlerkinder erben nichts
Als des Vaters reinen Namen!

Ruhm und Ehre jedem Fleiß!
Ehre jeder Handvoll Schwielen!
Ehre jedem Tropfen Schweiß,
Der in Hütten fällt und Mühlen!
Ehre jeder nassen Stirn
Hinterm Pfluge! - Doch auch dessen,
Der mit Schädel und mit Hirn
Hungernd pflügt, sei nicht vergessen.
                       Zürich, Februar 1846.


                  Irland

An rost'ger Kette liegt das Boot;
Das Segel träumt, das Ruder lungert.
Das macht, der Fischerbub' ist tot;
Das macht, der Fischer ist verhungert!
Denn Irlands Fisch ist Herrenfisch;
Der Strandherr praßt vom reichen Fange,
Leer aber bleibt des Fängers Tisch -
So starb der Fischer, so sein Range.

Die Herde blökt, die Herde brüllt;
Welch ein Gedräng' von Küh'n und Schafen!
Der Hirt, von Lumpen schlecht verhüllt,
Treibt sie ans Meer zum nächsten Hafen.
Denn Irlands Vieh ist Herrenvieh:
Das gerne Paddys Knochen stärkte
Und seiner Kinder brechen Knie -
Der Grundherr schickt's auf fremde Märkte.

Drum ist sein Viehstall ihm ein Born
Der Üppigkeit und des Genusses,
Und jeglich Kuh- und Bullenhorn
Wird ihm ein Horn des Überflusses.
Er läßt zu London und Paris
Den Spieltisch unterm Gold sich biegen; -
Sein Volk, das er zu Hause ließ,
Fällt unterdes wie Winterfliegen.

Hallo, Hallo! Grün-Erins Jagd!
Paddy, lang' zu! das nenn' ich Ziemer!
Umsonst auch das wird fortgebracht,
Meerüber mit dem ersten Steamer!
Denn Irlands Wild ist Herrenwild:
Es füllt des Grundherrn Bauch und Taschen -
Der bleiche Knecht, des Elends Bild,
Hilf Gott! ist selbst zu matt zum Paschen!

So sorgt der Herr, daß Hirsch und Ochs,
Das heißt: daß ihn sein Bauer mäste;
Statt auszutrocknen seine Bogs -
Ihr kennt sie ja: Irlands Moräste!
Er läßt den Boden nutzlos ruhn,
Drauf Halm an Halm sich wiegen könnte;
Er läßt ihn schnöd' dem Wasserhuhn,
Dem Kiebitz und der wilden Ente!

Ja doch, bei Gottes Fluche: - Sumpf
Und Wildnis vier Millionen Äcker!
Ihr aber seid blasiert und stumpf,
Faul und verfault - euch weckt kein Wecker!
O, irisch Land ist Herrenland:
Drum stehn die Mütter an den Wegen,
Den toten Säugling im Gewand,
Und flehn euch, ihn ins Grab zu legen.

- So schallt die Klage Tag und Nacht,
So grollt es Connaught durch und Leinster.
Der West hat mir den Schrei gebracht -
Er trug ihn schrill bis vor mein Fenster.
Matt, wie ein angeschoßner Weih,
Herschwebt' er über Höhn und Sunde -
Der Schrei der Not, der Hungerschrei,
Der Sterbeschrei aus Erins Munde!

Erin - da liegt sie auf den Knien,
Bleich und entstellt, mit wehndem Haare,
Und streut des Shamrocks welkend Grün
Zitternd auf ihrer Kinder Bahre.
Sie kniet auf ihrer Berge Kronen -
Mehr noch, als Harold-Byrons Rom,
"Die Niobe der Nationen!"
              London, Februar 1847.


  Das Lied vom Hemde

    Nach Thomas Hood

Mit Fingern mager und müd,
Mit Augen schwer und rot,
In schlechten Hadern saß ein Weib
Nähend fürs liebe Brot.
Stich! Stich! Stich!
Aufsah sie wirr und fremde;
In Hunger und Armut flehentlich
Sang sie das "Lied vom Hemde".

"Schaffen! Schaffen! Schaffen!
Sobald der Haushahn wach!
Und Schaffen - Schaffen - Schaffen,
Bis die Sterne glühn durchs Dach!
O, lieber Sklavin Sein
Bei Türken und bei Heiden,
Wo das Weib keine Seele zu retten hat,
Als so bei Christen leiden!

Schaffen - Schaffen - Schaffen,
Bis das Hirn beginnt zu rollen!
Schaffen - Schaffen - Schaffen,
Bis die Augen springen wollen!
Saum und Zwickel und Band,
Band und Zwickel und Saum -
Dann über deb Knöpfen schlaf' ich ein,
Und nähe sie fort im Traum.

O Männer, denen Gott
Weib, Mutter, Schwestern gegeben:
Nicht Linnen ist's, was ihr verschleißt -
Nein, warmes Menschenleben!
Stich! Stich! Stich!
Das ist der Armut Fluch:
Mit doppeltem Faden näh' ich Hemd,
Ja, Hemd und Leichentuch!

Doch was red' ich nur vom Tod,
Dem Knochenmanne! - Ha!
Kaum fürcht' ich seine Schreckgestalt,
Sie gleicht meiner eignen ja!
Sie gleicht mir, weil ich faste,
Weil ich lange nicht geruht.
O Gott, daß Brot so teuer ist,
Und so wohlfeil Fleisch und Blut!

Schaffen - Schaffen - Schaffen!
Und der Lohn? Ein Wasserhumpen,
Eine Kruste Brot, ein Bett von Stroh,
Dort das morsche Dach - und Lumpen!
Ein alter Tisch, ein zerbrochner Stuhl,
Sonst nichts auf Gottes Welt!
Eine Wand so bar - 's ist ein Trost sogar,
Wenn mein Schatten nur drauf fält!

Schaffen - Schaffen - Schaffen -
Vom Früh- zum Nachtgeläut!
Schaffen - Schaffen - Schaffen,
Wie zur Straf' gefangne Leut'!
Band und Zwickel und Saum,
Saum und Zwickel und Band,
Bis vom ewigen Bücken mir schwindig wird,
Bis das Hirn mir starrt und die Hand!

Schaffen - Schaffen - Schaffen,
Bei Dezembernebeln fahl!
Schaffen - Schaffen - Schaffen,
In des Lenzes sonnigem Strahl!
Wenn zwitschernd sich ans Dach
Die erste Schwalbe klammert,
Sich sonnt und Frühlingslieder singt,
Daß das Herz mir zuckt und jammert.

O, draußen nur zu sein,
Wi Viol' und Primel sprießen -
Den Himmel über mir,
Und das Gras zu meinen Füßen!
Zu fühlen wie vordem,
Ach, eine Stunde nur,
Eh' noch es hieß: Ein Mittagsmahl
Für ein Wandern auf der Flut!

Ach ja, nur eine Frist,
Wie kurz auch - nicht zur Freude!
Nein, auszuweinen mich einmal
So recht in meinem Leide!
Doch zurück, ihr meine Tränen!
Zurück tief ins Gehirn!
Ühr kämt mir schön! netztet beim Nähn
Mir Nadel nur und Zwirn!"

Mit Fingern mager und müd,
Mit Augen schwer und rot,
In schlechten Hadern saß ein Weib,
Nähend fürs liebe Brot.
Stich! Stich! Stich!
Aufsah sie wirr und fremde;
In Hunger und Armut flehentlich -
O, schwäng' es laut zu den Reichen sich! -
Sang sie dies "Lied vom Hemde".
             London, Sommer 1847.


 Die Seufzerbrücke

 Nach Thomas Hood

"Ertrunken, ertrunken!"
Hamlet

Wieder, zu atmen müd,
Müd ihrer Not,
Eine, die flüchtend schied
Jach in den Tod!
Hebt sie vom Uferkies,
Aufhebt sie leis!
O, welch ein zart und süß
Abgeknickt Reis!

Sehet, wie straff ihr Zeug!
Sehet, wie wachstuchgleich!
Kalt rinnt das Wasser ihr
Ab vom Gewande;
Hebt sie mir, tragt sie mir
Liebend vom Strande!

Nimmer mit Hohn und Groll -
Trauernd, erbarmungsvoll
Anrührt ihr Leibliches!
Nicht ihrer Flecken denkt: -
Was ihr von ihr versenkt,
Ist nun rein Weibliches!

Fragt nicht: Aus was für Saat
Aufging die rasche Tat,
Keimt' ihr Empören?
Abwusch die Schmach von ihr,
Nichts ließ der Tod an ihr, -
Nichts als der Schönheit Zier
Und Leichenehren!

Keiner verdamme sie!
Hört sie zur Sippe doch
Evas! - O, wisch ihr die klamme, die
Arme sickernde Lippe doch!

Lüpft ihre Locken!
Streicht sie ihr trocken,
Preßt sie ihr aus!
Ihre Locken, die braunen! -
Die Leut' indes staunen:
Wo stand ihr Haus?

Wer war ihr Vater?
Wer ihre Mutter?
Hatt' eine Schwester sie?
Warnte kein Bruder sie

Treu vor dem Falle?
Lebt' ihr kein Lieb'rer noch,
Lebt' ihr kein Näh'rer noch,
Ach, als sie alle?
Himmel, der Seltenheit
Christlicher Mildigkeit! -
's war zum Entsetzen;
In einer Stadt, wie die,
Herbstatt nicht hatte sie,
Dran sich zu setzen!

Schwesterlich, brüderlich,
Väterlich, mütterlich
Fühlen versehrt!
Was wie auf Fels ihr stand,
Liebe schwand, Treue schwand!
Selbst Gottes Vaterhand
Schien abgekehrt!

Wo der Lampen Helle
Zurückstrahlt die Welle
Wo ihr Schimmer lacht
Aus Saal und Gemache
Vom Keller zum Dache,
Stand sie, die Schwache,
Hauslos bei Nacht!

Wind und Regenguß
Machten sie beben;
Nicht der schwarze Fluß,
Nicht die finstern Streben!
Abgehetzt, wundgehetzt,
Kam sie zu sterben jetzt:
"Fort mich geschnellt -
Üb'rall hin, üb'rall hin,
Nur aus der Welt!"

Hinabsprang sie bald auch,
Wie finster, wie kalt auch
Die Themse rann.
Übers Geländer hier -
Mal' es dir, denk' es dir,
Schwelgender Mann!
Wasche sich, trink' aus ihr
Fürder, wer kann!
Hebt sie vom Uferkies,
Aufhebt sie leis!
O, welch ein zart und süß
Abgeknickt Reis!

Eh' noch zu steif und hart
Jegliches Glied ihr starrt,
Sittsam und linde
Streckt sie zur letzten Ruh'!
Drückt ihr die Augen zu,
Starrend so blinde;

Starrend durchs Regnen
Der Lockenträuflung,
Wie dem Dort zu begegnen
Mit dem letzten verwegnen
Blick der Verzweiflung.

Also verachtet,
Wahnsinnumnachtet,
Hat die Entehrte,
Reueverzehrte
Sterben gemußt! -
Als ob sie flehte
Still im Gebete,
Kreuzt ihr die Hände
Über der Brust!

Kreuzt sie - nicht hehlend
Das Irren der Armen,
Und sanft es befehlend
Ihres Heilands Erbarmen!
    London, Sommer 1847.