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Seite 8

                      Brot

         Nach Pierre Dupont

Wenn am Gestad' und in den Lüften
Sich keine Mühle mehr bewegt;
Wenn, müßig weidend auf den Triften,
Der Esel keinen Sack mehr trägt:
Dann, wie ein Volk am hellen Tage
Kühn tritt der Hunger in das Haus;
Ein Wetter rüstet sich zum Schlage,
Und durch die Luft geht ein Gebraus:
Ihr dämpft den Zornruf, o Despoten,
Des Volkes nicht, das hungernd droht!
Denn die Natur hat ihn geboten,
Den Schrei: Brot! Brot! Brot tut uns not!

Der Hunger kommt vom Dorf gegangen,
Einzieht er durch der Städte Tor;
So haltet ihm doch eure Stangen
Und eure Trommelstöcke vor!
Trotz Pulver und Kartätschenschauer
Rasch wie ein Vogel ist sein Lauf,
Und auf der allerhöchsten Mauer
Pflanzt er sein schwarzes Banner auf.
Ihr dämpft den Zornruf, o Despoten,
Des Volkes nicht, das hungernd droht!
Denn die Natur hat ihn geboten,
Den Schrei: Brot! Brot! Brot tut uns not!

Laßt eure Söldnerhaufen kommen
In gleichem Schritt, mit gleicher Wehr!
Der Scheuer und der Flur genommen,
Hat Waffen auch des Hungers Heer;
Es reißt die Schaufel aus der Scholle,
Die Sense reißt es aus dem Korn;
Sogar des Mädchens Brust, die volle,
Ihr dämpft den Zornruf, o Despoten,
Des Volkes nicht, das hungernd droht!
Denn die Natur hat ihn geboten,
Den Schrei: Brot! Brot! Brot tut uns not!

Packt, in des Volkes mut'gen Reihen,
Wer Sichel oder Flinte trägt!
Laßt immer das Gerüst uns dräuen,
Auf dem das Beil den Kopf abschlägt!
Hat es, in finstrer Schauer Mitten,
Hat es, die Luft durchzuckend scheu,
Der Opfer Leben nun zerschnitten,
Dann tut ihr Blut noch diesen Schrei:
Ihr dämpft den Zornruf, o Despoten,
Des Volkes nicht, das hungernd droht!
Denn die Natur hat ihn geboten,
Den Schrei: Brot! Brot! Brot tut uns not!

Brot tut uns not! Brot muß man haben!
Wie Luft und Wasser tut es not!
Wir sind des alten Herrgotts Raben:
Was er uns schuldet, ist das Brot!
Doch seht, die Schuld ist abgetragen:
Er gab uns Land zur Ährenzucht,
Und kann nicht noch zu allen Tagen
Die Sonne reifen unsre Frucht?
Ihr dämpft den Zornruf, o Despoten,
Des Volkes nicht, das hungernd droht!
Denn die Natur hat ihn geboten,
Den Schrei: Brot! Brot! Brot tut uns not!

Die Welt ist halb noch Wildnis eben -
Und sollte doch aus Korn und Mais
Ein blonder Gürtel sie umgeben
Vom Pol bis an den Wendekreis!
Laßt uns der Erde Schoß zerreißen!
Laßt uns - wir schlugen uns genug! -
Laßt uns des Krieges schneidend Eisen
Verwandeln in den stillen Pflug!
Ihr dämpft den Zornruf, o Despoten,
Des Volkes nicht, das hungernd droht!
Denn die Natur hat ihn geboten,
Den Schrei: Brot! Brot! Brot tut uns not!

Der Kabinette Tun und Lassen,
Was gilt es unserm Bienenschwarm?
Wozu noch für der Fürsten Hassen
Bewaffnen den Zyklopenarm?
Das Volk ein Meer! Vom nackten Herde
Braust es heran und schwillt und droht!
Erbebt - und gebt dem Pflug die Erde,
Und nimmer fehlen wird das Brot!
Ihr dämpft den Zornruf, o Despoten,
Des Volkes nicht, das hungernd droht!
Denn die Natur hat ihn geboten,
Den Schrei: Brot! Brot! Brot tut uns not!


             Am Birkenbaum

                  1829.-50.

                        1.

Der junge Jäger am Waldrand saß,
Am Waldrand auf der Haar.
Wie Blut schon die Blätter, gebleicht das Gras,
Doch der Himmel sonnig und klar.
Er sprach: die Bracken ziehn sich zur Möhne!
Vergebens mich auf den Fuchs gefreut!
Fern, immer ferner des Hornes Töne -
Kein Schuß mehr fällt aus dem Brandholz heut!

Ob ich nach nur schlendre? Den Teufel auch!
Ich lob' mir im Sonnenschein
Das Eckchen hier am Wachholderstrauch
Und den grauen, moosigen Stein!
Drauf streck' ich mich aus, den nehm' ich zum Polster,
An die Buche lehn' ich mein Doppelgewehr!
Und nun aus dem Dichterwinkel der Holster,
Mein Jagdgenosse, mein Byron, komm her! -

Und er nimmt seinen Weidsack und langt sie herfür,
Die ihn öfters begleitete schon,
Die höchst unwürd'ge auf Löschpapier,
Der Zwickauer Edition.
Den "Mazeppa" hat er sich aufgeschlagen:
Muß sehn, ob ich's deutsch nur reimen kann!
Mögen immer die andern lachen und sagen:
Ha ha, der lateinische Jägersmann!

Er liest - er sinnt - nun schreibt er sich's auf;
Nun scheint er so recht im Fluß -
Da nimmt er vor Freuden den Doppellauf
Und tut in die Luft einen Schuß.
So hat er es lange Stunden getrieben,
Ein närrischer kauz, ein Stück Poet,
Bis ihm mit Bleistift flott geschrieben,
Ein saubrer Anfang im Taschenbuch steht.

Er reibt sich die Hände: - Und nun nach Haus!
Zwei Stunden noch hab' ich zu gehn;
Nur ein einzig Mal noch hinab und hinaus
In die Ebene will ich spähn;
Will mir Schimmer und Duft in die Seele saugen,
Daß sie Freude noch und zu zehren hat,
Wenn mir wieder die fernedurstigen Augen
Auf Wochen einengt die graue Stadt.

Da liegt sie finster mit Türmen und Wall,
Die mich lehren soll den Erwerb,
Dem ich grämlich sperrt in der Prosa Stall,
Und Dichten heißt Zeitverderb!
Wenn ich manchmal nicht auf den Rappen müßte,
Hätt' ichmanchmal nicht einen Jagdtag frei,
Einen Tag, wie heut - Schwerenot, ich wüßte
Keinen Rat meiner heimlichen Reimerei!

Da liegt sie - herbstlicher Duft ihr Kleid -
In der Abendsonne Brand!
Und hinter ihr, endlos, meilenweit,
Das leuchtende Münsterland!
Ein Blitz, wie Silber - das ist die Lippe!
Links hier des Hellwegs goldene Au!
Und dort zur Rechten, überm Gestrüppe,
Das ist meines Osnings dämmerndes Blau!

Ein Fläche das! So, denk ich mir, war
Die Flur, die Mazeppa durchsprengt!
Oder jene, drauf der russische Zar
Den schwedischen Karl gedrängt!
Zwar - milder und üppiger ist die Börde,
Doch wir haben Heidegrund und Moor
Und wildem Busch auf der roten Erde -
Ob auch hier schon wer eine Schlacht verlor?

- So denkt er und hat es laut wohl gesagt;
Da tritt ein Mann auf ihn zu:
Ein Bauer - und wenn ihr mehr noch fragt:
Der Hüter einer Kuh.
Die langen Glieder umhüllt ein schlichter
Leinrock, das bläuliche Auge sticht,
Die Lippe zuckt - so tritt er zum Dichter,
So lächelt er seltsamlich und spricht:

                               2.

Guten Abend, Herr! Ob man Schlachten schlug
In der Ebene dort - fürwahr,
Ich hab's nicht erfahren! Lest nach im Buch!
Mich kümmert wenig, was wars!
Ich schaue nur aus nach den künftigen Tagen -
So spricht vom Haarstrang der alte Hirt:
Eine Schlacht wohl sah ich dort unten schlagen,
Doch eine, die man erst schlagen wird!

Ich habe sie dreimal mit angesehn!
O, öd ist die Haar bei Nacht!
Ich aber muß auf vom Bette stehn -
Dann hat es mich hergebracht!
Just, Herr, wo ihr steht - just hier auf den Felsen,
Da hat es mich Sträubenden hingestellt!
Und hätt' ich gewand mich mit hundert Hälsen,
Doch hätt' ich hinabschaun müssen ins Feld!

Und ich sah hinab und ich sah genau -
Da schwammen die Äcker in Blut,
Da hing's an den Ähren, wie roter Tau,
Und der Himmel war eine Glut!
Um die Höfe sah ich die Flamme wehen,
Und die Dörfer brannten wie dürres Gras:
Es war als hätt' ich die Welt gesehen
Durch Höhrauch oder durch farbig Glas!

Und zwei Heere, zahllos wie Blätter im Busch,
Hieben wild auf einander ein;
Das eine, mit hellem Trompetentusch,
Zog heran in der Richtung vom Rhein.
Das waren die Völker des Westens, die Freien!
Bis zum Haarweg scholl ihrer Pferde Gewiehr,
Und voraus flog ihren unendlichen Reihen
Im Rauche des Pulvers ein rot Panier!

Rot, Rot, Rot! das einige Rot!
Kein prunkendes Wappen drauf!
Das trieb sie hinein in den jachzenden Tod,
Das band sie, das hielt sie zuhauf!
Das warf sie entgegen den Sklaven aus Osten,
Die, das Banner bestickt mit wildem Getier,
UNabsehbar über die Fläche tosten
Auf das dröhnende, zitternde Kampfrevier.

Und ich wußte - doch hat es mir keiner gesagt! -
Das ist die letzte Schlacht,
Die der Osten gegen den Westen wagt
Um den Sieg und um die Macht!
Das ist der Knechtschaft letztes Verenden!
Das ist, wie nie noch ein Wprfel fiel,
Aus der Könige kalten, bebenden Händen
Der letzte Wurf in dem alten Spiel!

Denn dies ist die Schlacht um den Birkenbaum! -
Und ich sah seinen weißen Stamm,
Und er stand und regte die Blätter kaum,
Denn sie waren schwer und klamm!
Waren klamm vom Blut, das der blutige Reigen
An die zitternden wild in die Höhe gespritzt;
Und so stand er mit traurig hangenden Zweigen,
Von Kartätschen und springenden Bomben umblitzt.

Auf einmal hub er zu säuseln an,
Und ein Licht flog über die Haar -
Und den Osten sah ich geworfen dann
Von des Westens drängender Schar.
Die Zäume verhängt und die Fahnen zertreten
Und die Führer zermalmt von der Hufe Wucht
Und im Nacken der Freiheit Gerichtstrompeten -
So von dannen jagte die rasende Flucht.

Da! zu uns auch herauf! - da - seht ihr sie nicht?
Durch den Hphlweg und über den Stein!
Da! - zum viertenmal nun das gleiche Gesicht
Und der gleiche lodernde Schein! -
Da! - tretet beiseit', daß kein fliegender Zügel,
Daß kein sausender Dolman den Arm euch streift!
Noch des Mannes Haupt, den, hangend im Bügel,
Eben jetzt sein Pferd durch den Ginster schleift!

Da! - es stürzt! - das edelste dieser Schlacht -
Der Geschleifte liegt tot im Farn!
Und über ihn weg nun die wilde Jagd,
Die Lafetten, die Pulverkarrn! -
Wer denkt noch an den? Wer unter den Wagen
Risse den noch hervor? Was Bahre, was Sarg!
Hört, Herr - doch dürft ihr es keinem sagen! -
So stirbt in Europa der letzte Monarch!

                             3.

Dem jungen Jäger schwirrt' es im Kopf,
Und er tat einen langen Satz,
Und er fluchte: Vermaledeiter Tropf
Und vermaledeiter Platz!
Doch der Alte, kühl wie ein Seher eben,
Sah ihm ruhig nach von des Holzes Saum:
Ja, flucht nur, Herr Junge! Könnt's doch noch erleben!
Seid ja siebenzehn oder achtzehn kaum!

Dann pfiff er und zog übers Stoppelfeld -
Noch hat sich das Wort nicht erfüllt!
Doch der Birkenbaum steht ungefällt,
Und zwei Lager zerklüften die Welt,
Und ein Hüben und Drüben gilt!
Schon gab es Geplänkel: doch dauernd schlichten
Wird ein Schlag nur, wie jener, den wachsenden Strauß -
Und dem Jäger komen die alten Geschichten,
Und er denkt: Schlüge dennoch das Volk in Gesichten
Seines nahenden Welttags Siege voraus?


              Nach England

                      1846

Als ich her von Frankreich fuhr,
Sprach das Meer: "Treib sie zu Paaren!
Gleiche dem Erobrer nur,
Den ich trug vor tausend Jahren!
In derselben Furch' einher
Schwimmst du, die sein Kiel geschnitten:
Kühnen Sprunges drum, wie er,
Wirf dich wider diese Briten!

Spring ans Land und fall ans Land!
Nur auch decke mit der Hand es!
Rufe: Mein dies Engelland!
Mein! Denn meine Hand umspannt es!
Dann empor und in den Streit!
Vorgeeilt auf rüst'gen Füßen!
Und es wird zu rechter Zeit
Hastings dich als Sieger grüßen!

Hastingsfeld ist allerwärts,
Hastingsschlacht ist allerwegen,
Wo ein mutig Männerherz
Kühn sich stell des Lebens Schlägen!
Wer da keinen Thron begehrt,
Hat um ander Gut zu rechten:
Du willst Brot und einen Herd -
Und auch die mußt du erfechten!

Wider dich, weil froh du sangst,
Das Gebell von tausend Hunden!
Wider dich die blöde Angst
Vor dem Dichter-Vagabunden!
Wider dich und deinen Trutz
Alle Waffen des Gemeinen:
Kälte, Dünkel, Eigennutz -
Alles wider dich, den einen!

Doch du bist dir selbst ein Heer!
Dir voraus mit hellem Taillefer,
Mut und Freude dir zu bringen!
Dann der Wille, dann der Fleiß,
Dann, die alles kann, die Liebe -
Keine Schlacht so grimm und heiß,
Daß die Schar nicht Meister bliebe!

Wärst du einzeln, ernster Mann,
Sagt' ich dir: Bleib auf der Welle!
Meide Liliput fortan,
Sei des Elements Geselle!
Eintagsunruh', Eintagsstreit,
Woll' auf meinen Grund sie tauchen!
Odem der Unendlichkeit,
Laß mich in die Brust dir hauchen!

Aber nicht bei Mast und Tau,
Nicht auf Planken, sturmdurchnäßten -
Zarte Kinder, müde Frau
Wollen wandeln auf dem Festen!
Darum, wo die Ernte wallt,
Willst du sä'n und willst du pflanzen;
Wo der Lärm der Städte schallt,
Mit im Gliede willst du schanzen:

Auch ein Mann, der Steine bricht:
Auch ein Mann in Eisenhütten! -
Lasse nur den Alltag nicht
Deine Dichtung dir verschütten!
Sei, der zwiefach reisig steht
Auf der frisch erkämpften Grenze:
Tagelöhner und Poet,
Eine beider Würden Kränze!

Sieh, da liegt die Küste schon!" -
Ja, da lag sie! Nah zum Greifen,
Trotzig hob sich Albion
Aus der Flut, ein weißer Streifen.
Alles still und morgengrau!
Felsenripp' um Felsenrippe
Flog vorbei zu flücht'ger Schau:
Dover-Schloß und Shakespeares Klippe!

Hier und da ein Fischerboot!
Auf und ab geschwenkte Baken!
Kap Nord-Vorland! Brennendrot
Jetzt das Nore-Schiff! - Segellaken,
Dämpfersäulen - hui das ging!
Alle keuchten, alle flogen,
Wie von jenem Fabelding,
Dem Magnetberg, angezogen!

Ein Magnet auch sie zog an:
London! - Und in hellen Haufen
Mit der Flut sind wir sodann
In die Themse eingelaufen!
Näher trat des Landes Kern,
Herz und Adern fühlt' ich schlagen -
Östlich stand der Morgenstern,
Westlich senkte sich der Wagen.


Ein Weihnachtslied für meine Kinder

       Vor der Ausweisung, 1850

Zum sechstenmal der Kerzen Strahl
Anfach' ich auf der Fichte;
Das ist ein Schein! Herein, herein,
Und freut euch an dem Lichte!
Genug geharrt, genug gescharrt
Im Gang und an der Türe!
Die Schelle klingt, der Riegel springt:
Herein, mein Kleeblatt-Viere!

Herein, ihr Froh'n! Ach, wo nicht schon,
Ihr zarten jungen Leben,
Kamt ihr, wie heut, auf mein Geläut' -
Wir sind Nomaden eben!
Heil eurer Lust! Mir füllt die Brust
Ein schmerzlich-süßes Träumen!
Anheb' ich weich ein Lied für euch
Von euren Weihnachtsbäumen!

Der erste stund auf Schweizergrund
In rauher Felsen Schatten;
Er sah den See, er sah den Schnee,
Den ew'gen, ob den Matten;
Sah Herdenziehn und Alpenglühn,
Den Gletscher und die Wiese;
Bot mit Gestöhn die Brust dem Föhn -
Dem Föhn und auch der Bise.

Die zweite dann und dritte Tann'
Aufwuchsen an der Themse;
Ihr Grün entlang zu Berge sprang
Kein Steinbock, keine Gemse;
Doch stattlich schwamm den niedern Stamm
Vorüber Bark' um Barke;
Und herbes Wehn, der Nordsee Wehn,
Gab Kraft dem jungen Marke.

Das nächste war ein heimisch Paar,
Ein Tannenpaar vpm Rheine,
Das Wurzeln schlug und Nadeln trug
Auf hohem Ufersteine.
Dem Riß der Ley entragt' es frei,
Landein die Eifel blaute,
Und Weingerank umflog den Hang,
Von dem es niederschaute.

Und der euch heut sein Astwerk beut,
Das zackige, das breite,
Der schaute dreist, blank übereist
Vom Grafenberg ins Weite.
Stromniedrung hier, dort Bergrevier -
Ein letzter Klippensprenger,
Nachrauscht' er hohl ein Lebewohl
Dem Rhein, dem Hollandsgänger.

Ade, ade! Das alte Weh!
Wer weiß an was für Wellen
Wir übers Jahr, Rauhfrost im Haar,
Die Weihnachtstanne fällen!
Vielleicht aufs neu umfängt sie treu
Alt-Englands werter Boden -
Doch sichrer ist, sie steht zur Frist
Am Hudson in den Loden.

Sieht ernst sich an im Michigan,
Strahlt wieder aus der Bläue
Der Erieflut - eine Rothaut ruht
Auf ihrer Nadelstreue.
Zur Hand im Schnee starr liegt ein Reh,
Bölutrünstig, frisch geschossen;
Ein Feuerlein wirft hellen Schein
Auf zu den dunklen Sprossen.

Die aber sprühn ihr Harz ins Glühn
Des Reisigs und der Kohlen. -
Das ist die Tann' - und horch, beian,
Was summt im Baum, dem hohlen?
Im Eichenstamm, wie wundersam!
Was tönen da für Stimmen?
Den Roten fragt - ich weiß, er sagt:
Das sind des Westens Immen!

Ein wilder Schwarm! Die Luft war warm,
Die Prärie blumig wallte,
Von Kelchen bunt war jeder Grund
Und jede Felsenspalte -
Da flogen sie, da sogen sie!
Nun surrt es in den Zellen,
Die künftig Jahr, hold Doppelpaar,
Den Christbaum dir erhellen!

So sorgt Natur auf ferner Flur!
Schon heut für euch, ihr Lieben!
Und Menschen auch, lebend'gen Hauch
Und Odem, trefft ihr drüben!
Manch rauhe Hand durchs rauhe Land
Treibt euch den Pflug entgegen,
Die segnend sich, waldnachbarlich,
Auf eure Stirn wird legen!

Manch rauhe Hand im rauhen Land
Wird Beeren für euch brechen;
Manch treuer Mund aus Herzensgrund
Euch küssen, zu euch sprechen;
Manch lieb Gesicht, aus Locken dicht,
Am Blockhaus euch zu begrüßen;
Manch kleiner Fuß, taunassen Schuhs,
Voreilen euren Füßen!

Drum muß es sein, und stößt der Rhein
Euch aus, ihr Vagabunden:
Der neue Herd, der feste Herd,
Er wird euch doch gefunden!
Dran wurzelt ihr und lacht, das hier
Und hudelt, des Gelichters: -
Die Heimat bloß macht heimatlos
Die Kinder ihres Dichters!

Da, Glockenton! Halb achte schon!
Git' Nacht nun eurem Baume!
Nicht, wild Quartett, du gehst zu Bett,
Du siehst ihn fort im Traume?
Schon blaßt sein Licht! Vergeßt ihn nicht,
Ihr früh um mich Gehetzten -
Im Vaterland, das uns verbannt,
Im Vaterland den letzten!



D. Nachlese

                  Moostee

Sechzehn Jahr' - und wie ein greiser
Alter sitz' ich, matt und krank;
Sieh, da senden mir der Geiser
Und der Hekla diesen Trank.

Auf der Insel, die von Schlacken
Harter Lava und von Eise
Starrt, und den beschneiten Nacken
Zeigt des arkt'schen Poles Kreise;

Über unterird'schen Feuern,
In nordlichterhellten Nächten,
Bei den Glut- und Wasserspeiern
Wuchsen diese bittern Flechten.

Aus den dampfumrollten Kegeln,
Aus der Berge schwarzem Tiegel,
Gleich blutroten Sagenvögeln -
Flammenzungen ihre Flügel -

Sahn sie feurig auf zum schwarzen
Himmel mächt'ge Steine sprühen,
Und ein Meer von heißen Harzen
Durch das Schneegefilde ziehen.

Von den Jökuln zu den Fiorden
Durch das dän'sche Inselland,
Breit, ein ries'ger Dan'brogorden,
Schlängelt sich das Flammenband.

Wolken, Rauch und Asche wallen,
Und am Strand die Robben winseln,
Und die roten Steine fallen
Nieder auf entfernten Inseln;

Die zerrißnen Berge zittern,
Und das Eismeer schäumt und braut -
Dorten wuchsen diese bittern
Flechten, wuchs dies herbe Kraut. -

Daß die kranke Brust gesunde,
Und sich freue neuer Kraft,
Biet' ich träumerisch dem Munde
Ihren dunkelgrünen Saft.

Feuer zuckt durch meine Nerven,
Vor mir liegt das wüste Land;
Die weitoffnen Krater werfen
Himmelan den flüss'gen Brand.

Kühner fühl' ich mich und stärker
Bei dem Lodern dieser Glut,
Und die Wildheit der Berserker
Tobt durch mein genesend Blut.

Lavaschein und Nordlicht röten
Mein Gesicht; die Pulse schlagen
Schneller; Edda, laß mich treten
Vor die Helden deiner Sagen!

Ha! wenn dieser Insel Pflanzen
Mir den Lebensbecher reichen,
Mög' ich dann in meinem ganzen
Leben dieser Insel gleichen!

Feuer lodre, Feuer zucke
Durch mich hin mit wildem Kochen;
Selbst der Schnee, in dessen Schmucke
Einst mein Haupt prangt, sei durchbrochen

Von der Flamme, die von innen
Mich verzehrt: wie rot und heiß
Hekla Steine von den Zinnen
Wirft nach der Faaröer Eis:

So aus meinem Haupt, ihr Kerzen
Wilder Lieder, sprühn und wallen
Sollt ihr, und in fernen Herzen
Siedend, zischend niederfallen!


               Die Auswanderer

Ich kann den Blick nicht von euch wenden;
Ich muß euch anschaun immerdar:
Wie reicht ihr mit geschäft'gen Händen
Dem Schiffer eure Habe dar!

Ihr Männer, die ihr von dem Nacken
Die Körbe langt, mit Brot beschwert,
Das ihr aus deutschem Korn gebacken,
Geröstet habt auf deutschem Herd;

Und ihr, im Schmuck der langen Zöpfe,
Ihr Schwarzwaldmädchen, braun und schlank,
Wie sorgsam stellt ihr Krüg' und Töpfe
Auf der Schaluppe grüne Bank!

Das sind dieselben Töpf' und Krüge,
Oft an der Heimat Born gefüllt!
Wenn am Missouri alles schwiege,
Sie malten euch der Heimat Bild:

Des Dorfes steingefaßte Quelle,
Zu der ihr schöpfend euch gebückt,
Des Herdes traute Feuerstelle,
Das Wandgesims, das sie geschmückt.

Bald zieren sie im fernen Westen
Des leichten Bretterhauses Wand;
Bald reicht sie müden braunen Gästen,
Voll frischen Trunkes, eure Hand.

Es trinkt daraus der Tscherokese,
Ermattet, von der Jagd bestaubt;
Nicht mehr von deutscher Rebenlese
Tragt ihr sie heim, mit Grün belaubt.

O sprecht! warum zogt ihr von dannen?
Das Neckartal hat Wein und Korn;
Der Schwarzwald steht voll finstrer Tannen,
Im Spessart klingt des Älplers Horn.

Wie wird es in den fremden Wäldern
Euch nach der Heimatberge Grün,
Nach Deutschlands gelben Weizenfeldern,
Nach seinen Rebenhügeln ziehn!

Wie wird das Bild der alten Tage
Durch eure Träume glänzend wehn!
Gleich einer stillen, frommen Sage
Wird es euch vor der Seele stehn.

Der Bootsmann winkt! - Zieht hin in Frieden:
Gott schütz' euch, Mann und Weib und Greis!
Sei Freude eurer Brust beschieden,
Und euren Feldern Reis und Mais!


"Wär' ich im Bann von Mekkas Toren"

Wär' ich im Bann von Mekkas Toren,
Wär' ich auf Yemens glühndem Sand,
Wär' ich am Sinai geboren,
Dann führt' ein Schwert wohl diese Hand;

Dann zög' ich wohl mit flücht'gen Pferden
Durch Jethros flammendes Gebiet!
Dann hielt' ich wohl mit meinen Herden
Rast bei dem Busche, der geglüht;

Dann abends wohl vor meinem Stamme,
In eines Zeltes luft'gem Haus,
Strömt' ich der Dichtung innre Flamme
In lodernden Gesängen aus;

Dann wohl an meinen Lippen hinge
Ein ganzes Volk, ein ganzes Land;
Gleichwie mit Salomonis Ringe
Herrscht' ich, ein Zauberer, im Sand.

Nomaden sind ja meine Hörer,
Zu deren Geist die Wildnis spricht;
Die vor dem Samum, dem Zerstörer,
Sich werfen auf das Angesicht;

Die allzeit auf den Rossen hängen,
Absitzend nur am Wüstenbronn;
Die mit verhängten Zügeln sprengen
Von Aden bis zum Libanon;

Die nachts, als nimmermüde Späher,
Bei ihrem Vieh ruhn auf der Trift,
Und, wie vorzeiten die Chaldäer,
Anschaun des Himmels goldne Schrift;

Die oft ein Murmeln noch vernehmen
Von Sinas glutgeborstnen Höhn,
Die oft des Wüstengeistes Schemen
In Säulen Rauches wandeln sehn;

Die durch den Riß oft des Gesteines
Erschaun das Flammen seiner Stirn -
Ha, Männer, denen glühnd wie meines
In heißen Schädeln brennt das Hirn.

O Land der Zelte, der Geschosse!
O Volk der Wüste, kühn und schlicht!
Beduin, du selbst auf deinem Rosse
Bist ein phantastisches Gedicht! -

Ich irr' auf mitternächt'ger Küste;
Der Norden, ach, ist kalt und klug.
Ich wollt', ich säng' im Sand der Wüste,
Gelehnt an eines Hengstes Bug.


         Leben des Negers

Ein hölzern Bein, zwei Krücken,
Du armer, schwarzer Mann,
Von Hanfgarn Netze stricken,
Und feil sie bieten dann:

Das ist dein Los! - im Sande
Führt deine Heimat Gold,
Und ach! im fremden Lande
Erflehst du Kupfersold.

Beim Himmel! von dem Knaben,
Der keck auf Straußen ritt,
Zum Greise, der, daß Gaben
Er fordre, vor mich tritt;

Vom Netz, durch welches Flossen
Des Nigers der erblickt,
Zum Netze, das, zerschossen,
Der Invalide strickt: -

Beim Himmel! mitteninne
Reich mag das Leben sein!
Du Krauskopf, nicht entrinne!
Sei Gast mir, tritt herein!

Dein Garn mir und dein Reden!
Mein Wein hier ist für dich!
Von Sand- und Wasseröden,
Von See- und Landschlacht sprich!

Da! - Palmenwälder dunkeln;
Hyän' und Löwe dräun;
Auf Königshäuptern funkeln
Gold, Perl' und Edelstein!

Aus unerforschten Quellen
Rauscht stolz der Niger her;
Mit hunderttausend Wellen
Braust auf das heil'ge Meer.

Die Peitsche tönt, die Fessel:
Noch einmal schau' zurück!
O brodemvoller Kessel!
O Raum der Sklavenbrigg!

Rohrfelder! Hütt' an Hütte!
Gedräng' am Mühlentor!
Es fällt mit kräft'gem Schnitte
Der Mohr das Zuckerrohr!

Wer den Plantagenhauer
Mit Macht zu führen weiß,
Der ist auch wohl kein Schauer
In rüst'ger Fechter Kreis!

An Bord! Die Wimpel fliegen!
Vom Mars herniederspäh'!
Jetzt gilt es, zu bekriegen
Den Feind auf offner See!

Hui, wie das Segel reffen,
Hui, wie das entern kann!
O grausenvolles Treffen!
O Ringen Mann an Mann!

Zuschaut mit offnem Rachen
Der Hai, der ihre Gruft!
Ein Blitzen und ein Krachen!
Sie fliegen in die Luft! -

O Tor, auf blut'ger Tonne
Zu schwimmen ins Spital!
Nun hinkt, daß er sich sonne,
Der Greis ums Arsenal:

Von allem losgerissen,
Wofür sein Herze schlug!
Verkümmern so zu müssen,
Es ist ein harter Fluch!

Da steht er, alte Wunder
Im Haupt! - Daß Gott erbarm;
Mit seinem Alltagsplunder
Umschnattert dich der Schwarm;

Geht kühl an dir vorüber!
Was Nil und Niger hier?
Und innen brennt's, wie Fieber,
Und zuckt's, wie Wahnsinn, dir!

Die Hand gib, alter Krieger!
Was gilt's, wir dulden gleich.
Stoß an! Kap Verd! der Niger!
Und - mein Gedankenreich!