Goethe

Seite 11

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Biografie

Seite 13

Viele Lieb hab ich erlebet,
Wenn ich liebelos gestrebet;
Und Verdrießliches erworben,
Wenn ich fast für Lieb gestorben.
So du es zusammengezogen,
Bleibet Saldo dir gewogen.


Tut dir jemand was zulieb,
Nur geschwinde, gib nur, gib.
Wenige getrost erwarten
Dankesblume aus stillem Garten.


Doppelt gibt, wer gleich gibt,
Hundertfach, der gleich gibt,
Was man wünsche und liebt.


"Warum zauderst du so mit deinen Schritten?"
Nur ungern mag ich ruhn,
Will ich aber was Gutes tun,
Muß ich erst um Erlaubnis bitten.


Was willst du lange vigilieren,
Dich mit der Welt herumvexieren?
Nur Heiterkeit und grader Sinn
Verschafft dir endlichen Gewinn.


Wem wohl das Glück die schönste Palme beut?
Wer freudig tut, sich des Getanen freut.


Gleich ist alles versöhnt,
Wer redlich ficht, wird gekrönt.


Du wirkest nicht, alles bleibt so stumpf.
Sei guter Dinge!
Der Stein im Sumpf
Macht keine Ringe.


In des Weinstocks herrliche Gaben
Gießt ihr mir schlechtes Gewässer!
Ich soll immer unrecht haben
Und weiß es besser.


Was ich mir gefallen lasse?
Zuschlagen muß die Masse,
Dann ist sie respektabel,
Urteilen gelingt ihr miserabel.


Es ist sehr schwer oft zu ergründen,
Warum wir das angefangen;
Wir müssen oft Belohnung finden,
Daß es uns schlecht ergangen.


Seh ich an andern große Eigenschaften
Und wollen die an mir auch haften,
So werd ich sie in Liebe pflegen;
Geht's nicht, so tu ich was anders dagegen.


Ich, Egoist! - Wenn ich's nicht besser wüßte!
Der Neid, das ist der Egoiste;
Und was ich auch für Wege geloffen,
Auf 'm Neidpfad habt ihr mich nie betroffen.


Nicht über Zeit- noch Landgenossen
Mußt du dich beklagen;
Nachbarn werden ganz andere Possen,
Und auch Künftige, über dich sagen.


Im Vaterlande
Schreibe, was dir gefällt:
Da sind Liebesbande,
Da ist deine Welt.


Draußen zu wenig oder zu viel,
Zu Hause nur ist Maß und Ziel.


Warum werden die Dichter beneidet?
Weil Unart sie zuweilen kleidet,
Und in der Welt ist's große Pein,
Daß wir nicht dürfen unartig sein.


So kommt denn auch das Dichtergenie
Durch die Welt und weiß nicht wie.
Guten Vorteil bringt ein heitrer Sinn;
Andern zerstört Verlust den Gewinn.


"Immer denk ich: mein Wunsch ist erreicht,
Und gleich geht's wieder anders her!"
Zerstückle das Leben, du machst dir's leicht;
Vereinige es, und du machst dir's schwer.


"Bist du denn nicht auch zugrunde gerichtet?
Von deinen Hoffnungen trifft nichts ein!"
Die Hoffnung ist's, die sinnet und dichtet,
Und da kann ich noch immer lustig sein.


Nicht alles ist an eins gebunden,
Seid nur nicht mit euch selbst im Streit!


Mit Liebe endigt man, was man erfunden;
Was man gelernt, mit Sicherheit.


Wer uns am strengsten kritisiert?
Ein Dilettant, der sich resigniert.


Durch Vernünfteln wird Poesie vertrieben,
Aber sie mag das Vernünftige lieben.


"Wo ist der Lehrer, dem man glaubt?"
Tu, was dir dein kleines Gemüt erlaubt.


Glaubst dich zu kennen, wirst Gott nicht erkennen,
Auch wohl das Schlechte göttlich nennen.


Wer Gott ahnet, ist hochzuhalten,
Denn er wird nie im Schlechten walten.


Macht's einander nur nicht sauer,
Hier sind wir gleich, Baron und Bauer.


Warum uns Gott so wohl gefällt?
Weil er sich uns nie in den Weg stellt.


Wie wollten die Fischer sich nähren und retten,
Wenn die Frösche sämtlich Zähne hätten?


Wie Kirschen und Beeren behagen,
Mußt du Kinder und Sperlinge fragen.


"Warum hat dich das schöne Kind verlassen?"
Ich kann sie darum doch nicht hassen:
Sie schien zu fürchten und zu fühlen,
Ich werde das Prävenire spielen.


Glaube mir gar und ganz,
Mädchen, laß deine Bein' in Ruh,
Es gehört mehr zum Tanz
Als rote Schuh'.


Was ich nicht weiß,
Macht mich nicht heiß.
Und was ich weiß,
Machte mich heiß,
Wenn ich nicht wüßte'
Wie's werden müßte.


Oft, wenn dir jeder Trost entflieht,
Mußt du im stillen dich bequemen.
Nur dann, wenn dir Gewalt geschieht,
Wird die Menge an dir Anteil nehmen;
Ums Unrecht, das dir widerfährt,
Kein Mensch den Blick zur Seite kehrt.


Was ärgerst du dich über fälschlich Erhobne!
Wo gäb es denn nicht Eingeschobne?


Worauf alles ankommt? Das ist sehr simpel!
Vater, verfüge, eh's dein Gesind spürt!
Dahin oder dorthin flattert ein Wimpel,
Steuermann weiß, wohin euch der Wind führt.


Eigenheiten, die werden schon haften;
Kultiviere deine Eigenschaften.


Viel Gewohnheiten darfst du haben,
Aber keine Gewohnheit!
Dies Wort unter des Dichters Gaben
Halte nicht für Torheit.


Das Rechte, das ich viel getan,
Das ficht mich nun nicht weiter an,
Aber das Falsche, das mir entschlüpfte,
Wie ein Gespenst mir vor Augen hüpfte.


Gebt mir zu tun,
Das sind reiche Gaben!
Das Herz kann nicht ruhn,
Will zu schaffen haben.


Ihrer viele wissen viel,
Von der Weisheit sind sie weit entfernt.
Andre Leute sind euch ein Spiel;
Sich selbst hat niemand ausgelernt.


"Man hat ein Schimpflied auf dich gemacht;
Es hat's ein böser Feind erdacht."


Laß sie's nur immer singen,
Denn es wird bald verklingen.


Dauert nicht so lang in den Landen
Als das: Christ ist erstanden.


Das dauert schon achtzehnhundert Jahr'
Und ein paar drüber, das ist wohl wahr!


Wer ist denn der souveräne Mann?
Das ist bald gesagt:
Der, den man nicht hindern kann,
Ob er nach Gutem oder Bösem jagt.


Entzwei' und gebiete! Tüchtig Wort;
Verein' und leite! Beßrer Hort.


Magst du einmal mich hintergehen,
Merk ich's, so laß ich's wohl geschehen;
Gestehst du mir's aber ins Gesicht,
In meinem Leben verzeih ich's nicht.


Nicht größern Vorteil wüßt ich zu nennen,
Als des Feindes Verdienst erkennen.


"Hat man das Gute dir erwidert?"
Mein Pfeil flog ab, sehr schön befiedert,
Der ganze Himmel stand ihm offen,
Er hat wohl irgendwo getroffen.


"Was schnitt dein Freund für ein Gesicht?"
Guter Geselle, das versteh ich nicht.
Ihm ist wohl sein Süß Gesicht verleidet,
Daß er heut saure Gesichter schneidet.


Ihr sucht die Menschen zu benennen
Und glaubt am Namen sie zu kennen.
Wer tiefer sieht, gesteht sich frei,
Es ist was Anonymes dabei.


"Mancherlei hast du versäumet:
Statt zu handeln, hast geträumet,
Statt zu danken, hast geschwiegen,
Solltest wandern, bliebest liegen."


Nein, ich habe nichts versäumet!
Wißt ihr denn, was ich geträumet?
Nun will ich zum Danke fliegen,
Nur mein Bündel bleibe liegen.


Heute geh ich. Komm ich wieder,
Singen wir ganz andre Lieder.
Wo so viel sich hoffen läßt,
Ist der Abschied ja ein Fest.


Was soll ich viel lieben, was soll ich viel hassen;
Man lebt nur vom Lebenlassen.


Nichts leichter, als dem Dürftigen schmeicheln:
Wer mag aber ohne Vorteil heucheln.


"Wie konnte der denn das erlangen?"
Er ist auf Fingerchen gegangen.


Sprichwort bezeichnet Nationen;
Mußt aber erst unter ihnen wohnen.


Erkenne dicht - Was soll das heißen?
Es heißt: Sei nur! und sei auch nicht!
Es ist eben ein Spruch der lieben Weisen,
Der sich in der Kürze widerspricht.


Erkenne dich! - Was hab ich da für Lohn?
Erkenn ich mich, so muß ich gleich davon.


Als wenn ich auf den Maskenball käme
Und gleich die Larve vom Angesicht nähme.


Andre zu kennen, das mußt du probieren,
Ihnen zu schmeicheln oder sie zu vexieren.


"Warum magst du gewisse Schriften nicht lesen?"
Das ist auch sonst meine Speise gewesen;
Eilt aber die Raupe, sich einzuspinnen,
Nicht kann sie mehr Blättern Geschmack abgewinnen.


Was dem Enkel so wie dem Ahn frommt,
Darüber hat man viel geträumet;
Aber worauf eben alles ankommt,
Das wird vom Lehrer gewöhnlich versäumet.


Verweile nicht, und sei dir selbst ein Traum,
Und wie du reisest, danke jedem Raum,
Bequeme dich dem Heißen wie dem Kalten;
Dir wird die Welt, du wirst ihr nie veralten.


Ohne Umschweife
Begreife,
Was dich mit der Welt entzweit;
Nicht will sie Gemüt, will Höflichkeit.


Gemüt muß verschleifen,
Höflichkeit läßt sich mit Händen greifen.


Was eben wahr ist allerorten,
Das sag ich mit ungescheuten Worten.


Nichts taugt Ungeduld,
Noch weniger Reue;
Jene vermehrt die Schuld,
Diese schafft neue.


Daß von diesem wilden Sehnen,
Dieser reichen Saat von Tränen
Götterlust zu hoffen sei,
Mache deine Seele frei!


Der entschließt sich doch gleich,
Den heiß ich brav und kühn!
Er springt in den Teich,
Dem Regen zu entfliehn.


Daß Glück ihm günstig sei,
Was hilft's dem Stöffel?
Denn regnet's Brei,
Fehlt ihm der Löffel.


Dichter gleichen Bären,
Die immer an eignen Pfoten zehren.


Die Welt ist nicht aus Brei und Mus geschaffen,
Deswegen haltet euch nicht wie Schlaraffen;
Harte Bissen gibt es zu kauen:
Wir müssen erwürgen oder sie verdauen.


Ein kluges Volk wohnt nah dabei,
Das immerfort sein Bestes wollte;
Es gab dem niedrigen Kirchturm Brei,
Damit er größer werden sollte.


Sechsundzwanzig Groschen gilt mein Taler!
Was heißt ihr mich denn einen Prahler?
Habt ihr doch andre nicht gescholten,
Deren Groschen einen Taler gegolten.


Niederträchtigers wird nichts gereicht,
Als wenn der Tag den Tag erzeugt.


Was hat dir das arme Glas getan?
Sieh deinen Spiegel nicht so häßlich an.


Liebesbücher und Jahrgedichte
Machen bleich und hager;
Frösche plagten, sagt die Geschichte,
Pharaonem auf seinem Lager.


So schließen wir, daß in die Läng
Euch nicht die Ohren gellen,
Vernunft ist hoch, Verstand ist streng,
Wir rasseln drein mit Schellen.


Diese Worte sind nicht alle in Sachsen
Noch auf meinem eignen Mist gewachsen,
Doch was für Samen die Fremde bringt,
Erzog ich im Lande gut gedüngt.


Und selbst den Leuten du bon ton
Ist dieses Büchlein lustig erschienen:
Es ist kein Globe de compression,
Sind lauter Flatterminen.




Epigrammatisch

Sei das Werte solcher Sendung
Tiefen Sinnes heitre Wendung.


                Das Sonett

Sich in erneutem Kunstgebrauch zu üben
Ist heil'ge Pflicht, die wir dir auferlegen:
Du kannst dich auch, wie wir, bestimmt bewegen
Nach Tritt und Schritt, wie es dir vorgeschrieben.

Denn eben die Beschränkung läßt sich lieben,
Wenn sich die Geister gar gewaltig regen;
Und wie sie sich denn auch gebärden mögen,
Das Werk zuletzt ist doch vollendet blieben.

So möcht ich selbst in künstlichen Sonetten,
In sprachgewandter Maße kühnem Stolze,
Das Beste, was Gefühl mir gäbe, reimen;

Nur weiß ich hier mich nicht bequem zu betten,
Ich schneide sonst so gern aus ganzem Holze
Und müßte nun doch auch mitunter leimen.


                    Sprache

Was reich und arm! Was stark und schwach!
Ist reich vergrabner Urne Bauch?
Ist stark das Schwert im Arsenal?
Greif milde drein, und freundlich Glück
Fließt, Gottheit, von dir aus!
Faß an zum Siege, Macht, das Schwert,
Und über Nachbarn Ruhm!


          Vorschlag zur Güte

Er
Du gefällst mir so wohl, mein liebes Kind,
Und wie wir hier beieinander sind,
So möcht ich nimmer scheiden;
Da wär es wohl uns beiden.

Sie
Gefall ich dir, so gefällst du mir;
Du sagst es frei, ich sag es dir.
Eh nun! heiraten wir eben!
Das übrige wird sich geben.

Er
Heiraten, Engel, ist wunderlich Wort;
Ich meint, da müßt ich gleich wieder fort.

Sie
Was ist's denn so großes Leiden?
Geht's nicht, so lassen wir uns scheiden.


                Vertrauen

A
Was krähst du mir und tust so groß:
"Hab ich doch ein köstlich Liebchen!"
So weis mir sie doch! Wer ist sie denn?
Die kennt wohl manches Bübchen!

B
Kennst du sie denn, du Lumpenhund?

A
Das will ich grad nicht sagen;
Doch hat sie wohl auch zu guter Stund
Dem und jenem nichts abgeschlagen.

B
Wer ist denn der Der und der Jener denn?
Das sollst du mir bekennen!
Ich schlage dir gleich den Schädel ein,
Wenn du sie mir nicht kannst nennen!

A
Und schlügst du mir auch den Schädel ein,
Da könnt ich ja nimmer reden;
Und wenn du denkst: Mein Schätzel ist gut!
Ist weiter ja nichts vonnöten.


                 Stoßseufzer

Ach, man sparte viel,
Seltner wäre verruckt das Ziel,
Wär weniger Dumpfheit, vergebenes Sehnen,
Ich könnte viel glücklicher sein -
Gäb's nur keinen Wein
Und keine Weibertränen!


         Perfektibilität

Möcht ich doch wohl besser sein,
Als ich bin! Was wär es!
Soll ich aber besser sein,
Als du bist, so lehr es!

Möcht ich auch wohl besser sein
Als so mancher andre!
"Willst du besser sein als wir,
Lieber Freund, so wandre."


      Schneidercourage

"Es ist ein Schuß gefallen!
Mein! sagt, wer schoß da drauß?"
Es ist der junge Jäger,
Der schießt im Hinterhaus.

Die Spatzen in dem Garten,
Die machen viel Verdruß.
Zwei Spatzen und ein Schneider,
fielen von dem Schuß;

Die Spatzen von den Schroten,
Der Schneider von dem Schreck;
Die Spatzen in die Schoten,
Der Schneider in den -.


               Katechisation

Lehrer
Bedenk, o Kind! woher sind diese Gaben?
Du kannst nichts von dir selber haben.

Kind
Ei! alles hab ich vom Papa.

Lehrer
Und der, woher hat's der?

Kind
Vom Großpapa.

Lehrer
Nicht doch! Woher hat's denn der Großpapa bekommen?

Kind
Der hat's genommen.


              Totalität

Ein Kavalier von Kopf und Herz
Ist überall willkommen;
Er hat mit feinem Witz und Scherz
Manch Weibchen eingenommen:
Doch wenn's ihm fehlt an Faust und Kraft,
Wer mag ihn dann beschützen?
Und wenn er keinen Hintern hat,
Wie mag der Edle sitzen?


                 Physiognomische Reisen

Die Physiognomisten
Sollt es wahr sein, was uns der rohe Wandrer verkündet,
Daß die Menschengestalt von allen sichtlichen Dingen
Ganz allein uns lüge, daß wir, was edel und albern,
Was beschränkt und groß, im Angesichte zu suchen,
Eitele Toren sind, betrogne, betrügende Toren?
Ach, wir sind auf den dunkelen Pfad des verworrenen Lebens
Wieder zurückgescheucht, der Schimmer zu Nächten verfinstert.

Der Dichter
Hebet eure zweifelnden Stirnen empor, ihr Geliebten!
Und verdient nicht den Irrtum, hört nicht bald diesen, bald jenen.
Habet ihr eurer Meister vergessen? Auf! kehret zum Pindus,
Fraget dorten die Neune, der Grazien nächste Verwandte!
Ihnen allein ist gegeben, der edlen, stillen Betrachtung
Vorzustehn. Ergebet euch gern der heiligen Lehre,
Merket bescheiden leise Worte. Ich darf euch versprechen:
Anders sagen die Musen, und anders sagt es Musäus.


       Das garstige Gesicht

Wenn einen würdigen Biedermann,
Pastorn oder Ratsherrn lobesan,
Die Wittib läßt in Kupfer stechen
Und drunter ein Verslein radebrechen,
Da heißt's: "Seht hier mit Kopf und Ohren
Den Herrn, Ehrwürdig, Wohlgeboren!
Seht seine Augen und seine Stirn;
Aber sein verständig Gehirn,
So manch Verdienst ums gemeine Wesen
Könnt ihr ihm nicht an der Nase lesen."

So, liebe Lotte! heißt's auch hier:
Ich schicke da mein Bildnis dir.
Magst wohl die ernste Stirne sehen,
Der Augen Glut, der Locken Wehen;
's ist ungefähr das garst'ge Gesicht:
Aber meine Liebe siehst du nicht.


Diner zu Koblenz im Sommer 1774

Zwischen Lavater und Basedow
Saß ich bei Tisch des Lebens froh.
Herr Helfer, der war gar nicht faul,
Setzt' sich auf einen schwarzen Gaul,
Nahm einen Pfarrer hinter sich
Und auf die Offenbarung strich,
Die uns Johannes, der Prophet,
Mit Rätseln wohl versiegeln tät;
Eröffnet' die Siegel kurz und gut,
Wie man Theriaksbüchsen öffnen tut,
Und maß mit einem heiligen Rohr
Die Kubusstadt und das Perlentor
Dem hocherstaunten Jünger vor.
Ich war indes nicht weit gereist,
Hatte ein Stück Salmen aufgespeist.

Vater Basedow, unter dieser Zeit,
Packt' einen Tanzmeister an seiner Seit
Und zeigt' ihm, was die Taufe klar
Bei Christ und seinen Jüngern war
Und daß sich's gar nicht ziemet jetzt,
Daß man den Kindern die Köpfe netzt.
Drob ärgert' sich der andre sehr
Und wollte gar nichts hören mehr
Und sagt': es wüßte ein jedes Kind,
Daß es in der Bibel anders stünd.
Und ich behaglich unterdessen
Hätt einen Hahnen aufgefressen.

Und, wie nach Emmaus, weiter ging's
Mit Geist- und Feuerschritten,
Prophete rechts, Prophete links,
Das Weltkind in der Mitten.


Jahrmarkt zu Hünfeld den 26. Juli 1814

Ich ging, mit stolzem Geistsvertrauen,
Auf dem Jahrmarkt mich umzuschauen,
Die Käufer zu sehn an der Händler Gerüste,
Zu prüfen, ob ich noch etwas wüßte,
Wie mir's Lavater, vor alter Zeit,
Traulich überliefert - das ging sehr weit!
Da sah ich denn zuerst Soldaten,
Denen wär's eben zum besten geraten:
Die Tat und Qual, sie war geschehn,
Wollten sich nicht gleich einer neuen versehn;
Der Rock war schon der Dirne genug,
Daß sie ihm derb in die Hände schlug.
Bauer und Bürger, die schienen stumm,
Die guten Knaben beinahe dumm.
Beutel und Scheune war gefegt,
Und hatten keine Ehre eingelegt.
Erwart'ten alle, was da käme,
Wahrscheinlich auch nicht sehr bequeme.
Frauen und Mägdlein, in guter Ruh,
Probierten an die hölzernen Schuh';
Man sah an Mienen und Gebärden:
Sie ist guter Hoffnung oder will es werden.


   Versus Memoriales

Invocavit wir rufen laut,
Reminiscere o wär ich Braut!
Die Oculi gehn hin und her;
Laetare drüber nicht so sehr.
O Judica uns nicht so streng!
Palmarum streuen wir die Meng.
Auf Ostereier freun sich hie
Viel Quasi modo geniti.
Misericordias brauchen wir all,
Jubilate ist ein seltner Fall.
Cantate freut der Menschen Sinn,
Rogate bringt nicht viel Gewinn.
Exaudi uns zu dieser Frist,
Spiritus, der du der letzte bist.


         Neue Heilige

Alle schöne Sünderinnen,
Die zu Heiligen sich geweint,
Sind, um Herzen zu gewinnen,
All in eine nun vereint.
Seht die Mutterlieb, die Tränen,
Ihre Reu und ihre Pein!
Statt Marien Magdalenen
Soll nun Sankt Oliva sein.


                   Warnung

So wie Titania im Feen- und Zauberland
Klaus Zetteln in dem Arme fand,
So wirst du bald zur Strafe deiner Sünden
Titanien in deinen Armen finden.


          Frech und froh

Liebesqual verschmäht mein Herz,
Sanften Jammer, süßen Schmerz;
Nur vom Tücht'gen will ich wissen,
Heißem Äuglen, derben Küssen.
Sei ein armer Hund erfrischt
Von der Lust, mit Pein gemischt!
Mädchen, gib der frischen Brust
Nichts von Pein und alle Lust.


        Soldatentrost

Nein! hier hat es keine Not:
Schwarze Mädchen, weißes Brot!
Morgen in ein ander Städtchen!
Schwarzes Brot und weiße Mädchen.


               Problem

Warum ist alles so rätselhaft?
Hier ist das Wollen, hier ist die Kraft;
Das Wollen will, die Kraft ist bereit,
Und daneben die schöne lange Zeit.
So seht doch hin, wo die gute Welt
Zusammenhält!
Seht hin, wo sie auseinanderfällt!


       Genialisch treiben

So wälz ich ohne Unterlaß
Wie Sankt Diogenes mein Faß.
Bald ist es Ernst, bald ist es Spaß;
Bald ist es Lieb, bald ist es Haß;
Bald ist es dies, bald ist es das;
Es ist ein Nichts und ist ein Was.
So wälz ich ohne Unterlaß
Wie Sankt Diogenes mein Faß.


               Hypochonder

Der Teufel hol das Menschengeschlecht!
Man möchte rasend werden!
Da nehm ich mir so eifrig vor:
Will niemand weiter sehen,
Will all das Volk Gott und sich selbst
Und dem Teufel überlassen!
Und kaum seh ich ein Menschengesicht,
So hab ich's wieder lieb.


                  Gesellschaft

Aus einer großen Gesellschaft heraus
Ging einst ein stiller Gelehrter zu Haus.
Man fragte: "Wie seid Ihr zufrieden gewesen?"
"Wären's Bücher", sagt' er, "ich würd sie nicht lesen."


            Probatum est

A
Man sagt: Sie sind ein Misanthrop!

B
Die Menschen haß ich nicht, gottlob!
Doch Menschenhaß, er blies mich an,
Da hab ich gleich dazu getan.

A
Wie hat sich's denn so bald gegeben?

B
Als Einsiedler beschloß ich zu leben.


             Ursprüngliches

A
Was widert dir der Trank so schal?

B
Ich trinke gern aus dem frischen Quall.

A
Daraus kam aber das Bächlein her!

B
Der Unterschied ist bedeutend sehr:
's wird immer mehr fremden Schmack gewinnen;
Es mag nur immer weiter rinnen.


                Den Originalen

Ein Quidam sagt: "Ich bin von keiner Schule!
Kein Meister lebt, mit dem ich buhle;
Auch bin ich weit davon entfernt,
Daß ich von Toten was gelernt."
Das heißt, wenn ich ihn recht verstand:
Ich bin ein Narr auf eigne Hand.


                Den Zudringlichen

Was nicht zusammengeht, das soll sich meiden!
Ich hindr' euch nicht, wo's euch beliebt, zu weiden:
Denn ihr seid neu und ich bin alt geboren.
Macht, was ihr wollt; nur laßt mich ungeschoren!


           Den Guten

Laßt euch einen Gott begeisten,
Euch beschränket nur mein Sagen.
Was ihr könnt, ihr werdet's leisten,
Aber müßt mich nur nicht fragen.


              Den Besten

Die Abgeschiednen betracht ich gern,
Stünd ihr Verdienst auch noch so fern;
Doch mit den edlen lebendigen Neuen
Mag ich wetteifernd mich lieber freuen.


               Lähmung

Was Gutes zu denken wäre gut,
Fänd sich nur immer das gleiche Blut;
Dein Gutgedachtes in fremden Adern
Wird sogleich mit dir selber hadern.

Ich wär noch gern ein tätig Mann,
Will aber ruhn:
Denn ich soll ja noch immer tun,
Was immer ungern ich getan.

Trüge gern noch länger des Lehrers Bürden,
Wenn Schüler nur nicht gleich Lehrer würden.


             Spruch, Widerspruch

Ihr müßt mich nicht durch Widerspruch verwirren!
Sobald man spricht, beginnt man schon zu irren.


               Demut

Seh ich die Werke der Meister an,
So seh ich das, was sie getan;
Betracht ich meine Siebensachen,
Seh ich, was ich hätt sollen machen.


              Keins von allen

Wenn du dich selber machst zum Knecht,
Bedauert dich niemand, geht's dir schlecht;
Machst du dich aber selbst zum Herrn,

Die Leute sehn es auch nicht gern;
Und bleibst du endlich, wie du bist,
So sagen sie, daß nichts an dir ist.


               Lebensart

Über Wetter- und Herrenlaunen
Runzle niemals die Augenbraunen;
Und bei den Grillen der hübschen Frauen
Mußt du immer vergnüglich schauen.


       Vergebliche Müh

Willst du der getreue Eckart sein
Und jedermann vor Schaden warnen,
's ist auch eine Rolle, sie trägt nichts ein:
Sie laufen dennoch nach den Garnen.


              Bedingung

Ihr laßt nicht nach, ihr bleibt dabei,
Begehret Rat, ich kann ihn geben;
Allein, damit ich ruhig sei,
Versprecht mir, ihm nicht nachzuleben.


                 Das Beste

Wenn dir's in Kopf und Herzen schwirrt,
Was willst du Beßres haben!
Wer nicht mehr liebt und nicht mehr irrt,
Der lasse sich begraben!


               Meine Wahl

Ich liebe mir den heitern Mann
Am meisten unter meinen Gästen:
Wer sich nicht selbst zum besten haben kann,
Der ist gewiß nicht von den Besten.


                Memento

Kannst dem Schicksal widerstehen,
Aber manchmal gibt es Schläge;
Will's nicht aus dem Wege gehen,
Ei! so geh du aus dem Wege!


               Ein andres

Mußt nicht widerstehn dem Schicksal,
Aber mußt es auch nicht fliehen!
Wirst du ihm entgegengehen,
Wird's dich freundlich nach sich ziehen.


         Breit wie lang

Wer bescheiden ist, muß dulden,
Und wer frech ist, der muß leiden;
Also wirst du gleich verschulden,
Ob du frech seist, ob bescheiden.


               Lebensregel

Willst du dir ein hübsch Leben zimmern,
Mußt dich ums Vergangne nicht bekümmern;
Das Wenigste muß dich verdrießen;

Mußt stets die Gegenwart genießen,
Besonders keinen Menschen hassen
Und die Zukunft Gott überlassen.


     Frisches Ei, gutes Ei

Enthusiasmus vergleich ich gern
Der Auster, meine lieben Herrn,
Die, wenn ihr sie nicht frisch genoßt,
Wahrhaftig ist eine schlechte Kost.
Begeistrung ist keine Heringsware,
Die man einpökelt auf einige Jahre.


           Selbstgefühl

Jeder ist doch auch ein Mensch!! -
Wenn er sich gewahret,
Sieht er, daß Natur an ihm
Wahrlich nicht gesparet,
Daß er manche Lust und Pein
Trägt als Er und eigen.
Sollt er nicht auch hinterdrein
Wohlgemut sich zeigen?


                 Rätsel

Ein Bruder ist's von vielen Brüdern,
In allem ihnen völlig gleich,
Ein nötig Glied von vielen Gliedern
In eines großen Vaters Reich;
Jedoch erblickt man ihn nur selten,
Fast wie ein eingeschobnes Kind:
Die andern lassen ihn nur gelten
Da, wo sie unvermögend sind.


                Die Jahre

   Die Jahre sind allerliebste Leut:

Sie brachten gestern, sie bringen heut,
Und so verbringen wir Jüngern eben
Das allerliebste Schlaraffenleben.
Und dann fällt's den Jahren auf einmal ein,
Nicht mehr wie sonst bequem zu sein,
Wollen nicht mehr schenken, wollen nicht mehr borgen
Sie nehmen heute, sie nehmen morgen.


              Das Alter

Das Alter ist ein höflich' Mann:
Einmal übers andre klopft er an;
Aber nun sagt niemand: Herein!
Und vor der Türe will er nicht sein.
Da klinkt er auf, tritt ein so schnell,
Und nun heißt's, er sei ein grober Gesell.


              Grabschrift

Als Knabe verschlossen und trutzig,
Als Jüngling anmaßlich und stutzig,
Als Mann zu Taten willig,
Als Greis leichtsinnig und grillig! -
Auf deinem Grabstein wird man lesen:
Das ist fürwahr ein Mensch gewesen!


                Beispiel

Wenn ich mal ungeduldig werde,
Denk ich an die Geduld der Erde,
Die, wie man sagt, sich täglich dreht

Und jährlich so wie jährlich geht.
Bin ich denn für was andres da? -
Ich folge der lieben Frau Mama.


              Umgekehrt

Sind die im Unglück, die wir lieben,
Das wird uns wahrlich baß betrüben;
Sind aber glücklich, die wir hassen,
Das will sich gar nicht begreifen lassen;
Umgekehrt ist's ein Jubilo,
Da sind wir lieb- und schadenfroh.


                   Fürstenregel

Sollen die Menschen nicht denken und dichten,
Müßt ihr ihnen ein lustig Leben errichten;
Wollt ihr ihnen aber wahrhaft nützen,
So müßt ihr sie scheren und sie beschützen.


       Lug oder Trug?

Darf man das Volk betriegen?
Ich sage: nein!
Doch willst du sie belügen,
So mach es nur nicht fein.


                  Égalité

Das Größte will man nicht erreichen,
Man beneidet nur seinesgleichen;
Der schlimmste Neidhart ist in der Welt,
Der jeden für seinesgleichen hält.


      Wie du mir, so ich dir

Mann mit zugeknöpften Taschen,
Dir tut niemand was zulieb:
Hand wird nur von Hand gewaschen;
Wenn du nehmen willst, so gibt


            Zeit und Zeitung

A
Sag mir, warum dich keine Zeitung freut?

B
Ich liebe sie nicht, sie dienen der Zeit.


         Zeichen der Zeit

Hör auf die Worte harum horum:
Ex tenui spes seculorum.
Willst du die harum horum kennen,
Jetzt werden sie dir sich selber nennen.


       Kommt Zeit, kommt Rat

Wer will denn alles gleich ergründen!
Sobald der Schnee schmilzt, wird sich's finden.

Hier hilft nun weiter kein Bemühn!
Sind's Rosen, nun, sie werden blühn.