Goethe

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Neugriechische Liebe-Skolien

               1

Diese Richtung ist gewiß,
Immer schreite, schreite!
Finsternis und Hindernis
Drängt mich nicht zur Seite.

Endlich leuchtest meinem Pfad,
Luna! klar und golden;
Immer fort und immer grad
Geht mein Weg zur Holden.

Nun der Fluß die Pfade bricht,
Ich zum Nachen schreite,
Leite, liebes Himmelslicht,
Mich zur andern Seite.

Seh ich doch das Lämpchen schon
Aus der Hütte schimmern,
Laß um deinen Wagenthron
Alle Sterne glimmern.

               2

Immerhin und immerfort,
Allzuschön erscheinend,
Folgt sie mir von Ort zu Ort,
Und so hab ich weinend

Überall umsonst gefragt,
Feld und Flor durchmessen,
Auch hat Fels und Berg gesagt:
"Kannst sie nicht vergessen."

Wiese sagte: "Geh nach Haus,
Laß dich dort bedauern;
Siehst mir gar zu traurig aus,
Möchte selber trauern

Endlich fasse dir ein Herz
Und begreif's geschwinder:
Lachen, Weinen, Lust und Schmerz
Sind Geschwisterkinder."




Inschriften, Denk- und Sendeblätter


                              1

Ihro kaiserlichen Hoheit der Frau Erbgroßherzogin
von Sachsen - Weimar und - Eisenach


Zu würdiger Umgebung deines Bildes,
Wie es mir immerfort im Geiste waltet,
Wählt ich in Tagen, wo der Frühling schaltet,
Des Gartens Blumen, Blumen des Gefildes.

Dann schien der Rand des Achilleischen Schildes,
So reich er war, nicht reich genug gestaltet;
Ja, würd ein Purpurteppich umgefaltet,
Darauf gesät der Sterne blendend Mildes.

Nun aber wird ein zierlich Heft geschmücket,
Ein treuer Diener widmet's deiner Hoheit,
Und du vergönnest mir die erste Weihe.

Wie sprech ich aus, wie sehr mich das beglücket.
Jetzt fühl ich erst in neubelebter Froheit:
Die schönsten Kränze winden Lieb und Treue.


                           2

           Zum 20. Februar 1824

Man ist gewohnt, daß an den höchsten Tagen
Zum Herrscherthron sich alle Völkerschaften
Nach eigner Weise zuversichtlich wagen,
Mag seltsam auch der Schmuck an ihnen haften.

Wie denn das Äußre sei von Pelz und Kragen,
Man sieht hindurch die innern Eigenschaften;
Hier bringt nun ein Korsar, zum Schein verwegen,
Einsiedlerischer Zelle stillen Segen.


                           3

Ihro kaiserlichen Hoheit Großfürstin Alexandra

Der Frühling grünte zeitig, blühte froh
Narziss' und Tulpe, dann die Rose so;
Auch Früchte reiften mit gedrängtem Segen
Der nah und nähern Sonnenglut entgegen;
Sie zierten wechselnd längst ersehnte Zeit
Und schmeichelten der tiefsten Einsamkeit.
Da stellte sich dem Hocherstaunten dar
Ein hehrer Fürst und Jugend Paar um Paar,
So gut als lieb, ehrwürdig und erfreulich;
Der innre Sinn bewahret sie getreulich,
In Frühlings-, Sommer-, Herbst- und Wintertagen
Die holden Bilder auf- und abzutragen;
So kann er dann, bei solcher Sterne Schein,
Auch wenn er wollte, niemals einsam sein.


                    4

            Weihnachten

Bäume leuchtend, Bäume blendend,
Überall das Süße spendend,
In dem Glanze sich bewegend,
Alt und junges Herz erregend -
Solch ein Fest ist uns bescheret,
Mancher Gaben Schmuck verehret;
Staunend schaun wir auf und nieder,
Hin und her und immer wieder.

Aber, Fürst, wenn dir's begegnet
Und ein Abend so dich segnet,
Daß als Lichter, daß als Flammen
Vor dir glänzten allzusammen
Alles, was du ausgerichtet,
Alle, die sich dir verpflichtet:
Mit erhöhten Geistesblicken
Fühltest herrliches Entzücken.


                         5

Ihro Hoheit der Prinzessin Maria
von Sachsen - Weimar und - Eisenach


Mit Raffaels Gärtnerin zum 3. Februar 1820

Sanftes Bild dem sanften Bilde
Unsrer Fürstin widmet sich;
Solche Ruhe, solche Milde
Immerfort umschwebe dich!

Denn ein äußerlich Zerstreuen,
Das sich in sich selbst zerschellt,
Fordert inneres Erneuen,
Das den Sinn zusammenhält.

Aus dem bunten Weltbeginnen
Wende deinen holden Blick
So vertrauenvoll nach innen,
Wie aufs heilige Bild zurück.


                      5a

Ihro Hoheit der Prinzessin Auguste
von Sachsen - Weimar und - Eisenach


        Mit Elsheimers Morgen.
 Aurora, zum 30. September 1820

Alle Pappeln hoch in Lüften,
Jeder Strauch in seinen Dürften,
Alle sehn sich nach dir um:
Berge schauen dort herüber,
Leuchten schön und jauchzten lieber;
Doch der schöne Tag ist stumm.

Lustschalmeien will man hören,
Flöten, Hörner und von Chören
Alles, was nur Freude regt.
Selbst an seiner strengen Kette
Springt das Freundchen um die Wette,
Immer hin und her bewegt.

Und so täuschen wir die Ferne,
Segnen alle holden Sterne,
Die mit Gaben dich geschmückt.
Neue Freude, neue Lieder
Grüßen dich! Erscheine wieder,
Denn der neue Frühling blickt.


                    6

       Dem 30. Januar 18-

Von Osten will das holde Licht
Nun glänzend uns vereinen,
Und schönre Stunden fänd es nicht,
Als diesem Tag zu scheinen.


                         7

Vorüber führt ein herrliches Geschick
Erhabne Helden, hochverehrte Frauen;
Nun fesselt uns des heut'gen Tages Glück,
Als Bleibende dich unter uns zu schauen.


                         8

Soll auch das Wort sich hören lassen?
Der Tag ist schön, der Raum ist klein;
So mag die Inschrift kurz sich fassen:
Ein Herz wie alle, sie sind dein.


                               9

              Zum 16. Februar 1812

Wer Marmor hier und Erz und Elfenbein erblickt,
Und was noch sonst von Stoff die edle Kunst beschickt,
Der denkt: Wie möchten wir mit emsigem Fleiß
Und treuem Sinn das alles umgestalten,
In tausend Bildern ihren hohen Preis
Und unsre Liebe zu entfalten!


                   10

Die Blumen, in den Wintertagen,
Versammeln froh sich hier zuhauf,
Mit heitern Blicken uns zu sagen:
An ihrem Fest blüht alles auf.


                                 11

                           Eleonore

Wenn's jemand ziemt, zu sprechen mit Vertrauen,
So ziemt es mir: ich stelle heut den Chor
Gebildeter und liebevoller Frauen,
Der sich so gern um sie versammelt, vor.
Mir ist vergönnt, an ihr hinaufzuschauen,
Mich zu erquicken an dem frischen Flor,
Der jede Stunde neuen Wert betätig
Und Frauenwürde ewiglich bestätigt.


                        12

       An Herrn Abbate Bondi

Aus jenen Ländern echten Sonnenscheines
Beglückten oft mich Gaben der Gefilde:
Agrumen reizend, Feigen süß und milde,
Der Mandeln Milch, die Feuerkraft des Weines.

So manches Musenwerk erregte meines
Nordländ'schen Geistes innigste Gebilde,
Wie an Achilleus' lebensreichem Schilde
Erfreut ich mich des günstigsten Vereines.

Und daß ich mich daran begnügen könnte,
War mir sogar ein Kunstbesitz bereitet,
Erquickend mich durch Anmut wie durch Stärke.

Doch nichts erschien im größeren Momente,
Voll innern Werts, von so viel Glück begleitet
Als durch Luisen, Bondi, deine Werke.


                           13

            An Gräfin O'Donell

      Karlsbad, den 8.August 1818

Ich dachte dein, und Farben bunt erschienen
Im Sonnenglanz mir vorm Gesicht,
Von Blättern sah ich mancherlei ergrünen,
Da waren Rosen, auch Vergißmeinnicht!
Pfeile dazwischen, golden anzuschauen,
Durchscheinend alles, rings ein goldner Kranz;
Und angestimmt das hohe Lob der Frauen -
Nun, Becher, zu der Freundin! Bleibe klar und ganz.


                    14

           An dieselbe

 Karlsbad, den 1. Mai 1820

Hier, wo noch ihr Platz genannt wird,
Hier, wo noch ihr Becher steht,
Doch nur wenigen bekannt wird,
Was von ihrem Grabe weht,

Sag ich: Freundin! halte heilig,
Was dir von der Holden blieb,
Die so groß - ach, übereilig
Von den Allertreusten schied.

Uns, den Liebenden, den Treuen,
Sei nun weiter nichts begehrt;
Nur ist, wenn wir sie erneuen,
Unser Leben etwas wert.


                          15

     Herrn Staatsminister von Voigt

     zur Feier des 27.Septembers 1816

Von Berges Luft, dem Äther gleich zu achten,
Umweht, auf Gipfelfels hochwaldiger Schlünde,
Im engsten Stollen wie in tiefsten Schachten
Ein Licht zu suchen, das den Geist entzünde,
War ein gemeinsam köstliches Betrachten,
Ob nicht Natur zuletzt sich doch ergründe.
Und manches Jahr des stillsten Erdelebens
Ward so zum Zeugen edelsten Bestrebens.

Im Garten auch, wo Dichterblumen sprossen,
Den äußern Sinn, den innern Sinn erquicken,
Gefahrlos nicht vor luftigen Geschossen,
Wie sie Eroten hin und wider schicken,
Da haben wir der Stunden viel genossen
An frisch belebter Vorwelt heitern Blicken,
Gesellend uns den ewig teuren Geistern,
Den stets beredten, unerreichten Meistern.

Dahin bewegten wir von dornigen Pfaden
Verworrnen Lebens gern die müden Schritte,
Dort fanden sich, zu gleicher Lust geladen,
Der Männer Tiefsinn, Frauengeist und - sitte
Und Wissenschaft und Kunst und alle Gnaden
Des Musengottes reich in unsrer Mitte,
Bis endlich, längst umwölkt, der Himmel wettert,
Das Paradies und seinen Hain zerschmettert.

Nun aber Friede tröstend wiederkehret,
Kehrt unser Sinn sich treulich nach dem Alten,
Zu bauen auf, was Kampf und Zug zerstöret,
Zu sichern, wie's ein guter Geist erhalten. -
Verwirrend ist's, wenn man die Menge höret;
Denn jeder will nach eignem Willen schalten;
Beharren wir zusamt in gleichem Sinne,
Das rechn' ich uns zum köstlichsten Gewinne.


                  16

Dem Fürsten Hardenberg

 zum siebzigsten Geburtstag

Wer die Körner wollte zählen,
Die dem Stundenglas entrinnen,
Würde Zeit und Ziel verfehlen,
Solchem Strome nachzusinnen.

Auch vergehn uns die Gedanken,
Wenn wir in dein Leben schauen,
Freien Geist in Erdeschranken,
Festes Handeln und Vertrauen.

So entrinnen jeder Stunde
Fügsam glückliche Geschäfte.
Segen dir von Mund zu Munde!
Neuen Mut und frische Kräfte!


                                17

                     An Lord Byron

Ein freundlich Wort kommt eines nach dem andern
Von Süden her und bringt uns frohe Stunden;
Es ruft uns auf, zum Edelsten zu wandern,
Nicht ist der Geist, doch ist der Fuß gebunden.

Wie soll ich dem, den ich so lang begleitet,
Nun etwas Traulichs in die Ferne sagen?
Ihm, der sich selbst im Innersten bestreitet,
Stark angewohnt, das tiefste Weh zu tragen.

Wohl sei ihm doch, wenn er sich selbst empfindet!
Er wage selbst, sich hochbeglückt zu nennen,
Wenn Musenkraft die Schmerzen überwindet;
Und wie ich ihn erkannt, mög er sich kennen.


                 18

    Ottilien von Goethe

Ehe wir nun weiterschreiten,
Halte still und sieh dich um:
Denn geschwätzig sind die Zeiten,
Und sie sind auch wieder stumm.

Was du mir als Kind gewesen,
Was du mir als Mädchen warst,
Magst in deinem Innern lesen,
Wie du dir es offenbarst.

Deiner Treue sei's zum Lohne,
Wenn du diese Lieder singst,
Daß dem Vater in dem Sohne
Tüchtig-schöne Knaben bringst.


                     19

 An Geheimerat von Willemer

Reicher Blumen goldne Ranken
Sind des Liedes würd'ge Schranken,
Goldneres hab ich genossen,
Als ich euch ins Herz geschlossen.

Goldner glänzten stille Fluten
Von der Abendsonne Gluten,
Goldner blinkte Wein zum Schalle
Glockenähnlicher Kristalle.

Weisen Freundes goldne Worte
Lispelten am Schattenorte,
Edler Kinder treu Bekenntnis,
Elterliches Einverständnis.

Goldnes Netz, das euch umwunden!
Wer will dessen Wert erkunden?
Wie dem heil'gen Stein der Alten
Muß sich Golde Gold entfalten.

Und so bringt vom fernen Orte Dieses
Blatt euch goldne Worte,
Wenn die Lettern, schwarz gebildet,
Liebevoll der Blick vergüldet.


                         20

              An Grafen Paar

     Karlsbad, den 12. August 1818

Der Berge denke gern, auch des Gesteins,
Sie waren Zeugen freundlichsten Vereins,
Zutrauen, schnell gegeben, schnell gefunden,
Beschleunigte das Glück gezählter Stunden.
Behagen schaut nicht vorwärts, nicht zurück,
Und so verewigt sich der Augenblick!


                               21

                    An Denselben

    Karlsbad, am 16. August 1818. Nachts

Dem Scheidenden ist jede Gabe wert,
Ein dürres Blatt, ein Moos, ein Steinchen aus der Quelle,
Daß er des Freunds gedenke, jener Stelle,
Wohin er ewig hin und hin begehrt:
Ein Zeuge bleibt's, wie sinnig sie gewandelt.
So wird ein Nichts zum höchsten Schatz verwandelt.

Wenn aber solche Gabe tiefen Wert,
Gestaltet, mit sich führt, für sich allein
Dem Sinn des Künstlers wünschenswert begegnete,
Wie muß das nun ein Schatz der Schätze sein,
Wenn ihn der Freund im Scheiden treulich segnete!


                  22

Der Gräfin Titinne O'Donell,

die eine meiner Schreibfedern verlangte

Als der Knabe nach der Schule,
Das Pennal in Händen, ging
Und mit stumpfer Federspule
Lettern an zu kritzeln fing,
Hofft' er endlich schön zu schreiben
Als den herrlichsten Gewinn;
Doch daß das Geschriebne bleiben
Sollte, sich durch Länder treiben,
Gar ein Wert der Federspule,
Kam ihm in der engen Schule
Auf dem niedern Schemelstuhle
Wahrlich niemals in den Sinn.

                    23

Die abgestutzten, angetauchten,
Die ungeschickten, vielgebrauchten
Hast du, die Freundliche, gewollt.
Nun aber nimm ein frisch Gefieder,
Das niederschreiben süße Lieder
Allschönster Tage dir gesollt.


                      24

    An Gräfin Jaraczewska

Karlsbad, den 5. September 1818

Da sieht man, wie die Menschen sind:
Nur Leidenschaft und kein Gewissen!
Wie haben sie dem schönen Kind
Das Röckchen halb vom Leib gerissen!
Doch mir begegnete das Glück in später Zeit,
Ein frommer Jüngling wird mich neiden:
Dir, Freundin, dank ich die Gelegenheit,
Den holden Schatz von Kopf bis Fuß zu kleiden.


                       25

  An Fürst Biron von Kurland

Karlsbad, den 8. September 1818

Als Luthers Fest mit gläubiger Schar
Im vorigen Herbst gefeiert war,
Dacht ich, es brauche hundert Jahr',
Um es mit Würde zu erneuen;
Doch beim verliehnen Ehrenbild,
Wie ernst es ist und kräftig mild,
Beim Herkules und seinem Schild
Kann ich der Feier mich an jedem Tage freuen.


                   26

    Grafen Karl Harrach

Karlsbad, den 25. September 1819

Die sich herzlich oft begrüßten,
Die das Leben sich versüßten,
Führt ein guter Geist zur Stelle
Wieder an dieselbe Quelle!
Treues Wirken, reines Lieben
Ist das Beste stets geblieben.


                     27

Der Vollkommenen Stickerin

Marienbad, am 28. August 1821

Ich kam von einem Prälaten,
Dem die herrlichsten Stolen
Über die Schulter hingen,
Worauf unverhohlen
Wundertaten
Der Heiligen auf und nieder gingen.

Mir aber war ein andres beschert:
Lieblichste Blumengehänge,
Farbenglanz und - übergäng,
Wie Natur den Künstler belehrt.
Ein allerliebstes Frühlingsgelände,
Mit Nadeln zierlich schattiert und gebrochen,
Daß, wäre selbst das Herz durchstochen,
Man es gewiß gar wohl empfände;
Und werd es nur zu Feiertagen Süßer
Namen und lieber Geburten tragen.


                 28

Eine Schachtel Mirabellen
Kam von Süden, zog nach Norden;
Als die Frucht gespeist geworden,
Eilt sich wieder einzustellen
Das Gehäus, woher es kommen.
Bringet keine süßen Früchte,
Bringt vielmehr ein ernst Gesichte,
Das im Weiten und im Fernen
Nimmer will Entbehrung lernen.


                    29

      An Freund Mellish

Durch Vermittlung einer Teuren
Geht ein Täschchen bis zur Elbe,
Kommt, vom Freunde zu beteuren:
Immer bleibet er derselbe.

Immer wie in Dornburgs Gauen,
Wo beim allerbesten Weine
Waren hell im Sonnenscheine
Berg' und Täler anzuschauen.

Du nun an der reichen Elbe,
An dem spiegelbreiten Flusse,
Weit entfernt vom trauten Kusse
Bleib auch immerfort derselbe.


                         30

   An Fräulein Kasimira Wolowska

Dein Testament verteilt die holden Gaben,
Womit Natur dich mütterlich vollendet,
Vermächtnis nach Vermächtnis ausgespendet,
Zufrieden jeder, seinen Teil zu haben.
Doch wenn du Glückliche zu machen trachtest,
So wär es der, dem du dich ganz vermachtest.


                         31

    Gesendet von Marienbad einer
 Gesellschaft versammelter Freunde


            zum 28. August 1823

In Hygieas Form beliebt's Armiden,
Im Waldgebirg sich Schlösser aufzubauen,
Verspricht dem Kranken Heil, dem Lebensmüden
Erwacht auf einmal hoffendes Vertrauen;
Dem halb Genesnen schnell zu heiterm Frieden
Entfaltet sich ein Kreis erlesner Frauen;
Dann weiß sie uns nach aller Art zu kirren,
Durch Spiel und Tanz und Neigung zu verwirren.

So wird von Tag zu Tag ein Traum gedichtet,
Dem Wachen gleich, ein labyrinthisch Wesen;
Doch zu der Ferne bleibt mein Blick gerichtet,
Wo meinem Herzen sich ein Kreis erlesen,
Wo er sich mir und ich mich ihm verpflichtet,
Dort fühl ich mich vollkommener genesen.
So trägt es mich zum ehrenvollen Feste,
Schon bin ich da. - Gesegnet alle Gäste!


                     32

Du hattest längst mir's angetan,
Doch jetzt gewahr ich neues Leben:
Ein süßer Mund blickt uns gar freundlich an,
Wenn er uns einen Kuß gegeben.


                    33

Tadelt man, daß wir uns lieben,
Dürfen wir uns nicht betrüben,
Tadel ist von keiner Kraft.
Andern Dingen mag das gelten;
Kein Mißbilligen, kein Schelten
Macht die Liebe tadelhaft.


                    34

Du Schüler Howards, wunderlich
Siehst morgens um und über dich,
Ob Nebel fallen, ob sie steigen,
Und was sich für Gewölke zeigen.

Auf Berges Ferne ballt sich auf
Ein Alpenheer, beeist zuhauf,
Und oben drüber flüchtig schweifen
Gefiedert weiße, luftige Streifen;
Doch unten senkt sich grau und grauer
Aus Wolkenschicht ein Regenschauer.

Und wenn bei stillem Dämmerlicht
Ein allerliebstes Treugesicht
Auf holder Schwelle dir begegnet,
Weißt du, ob's heitert? ob es regnet?


                    35

Wenn sich lebendig Silber neigt,
So gibt es Schnee und Regen,
Und wie es wieder aufwärts steigt,
Ist blaues Zelt zugegen.
Auch sinke viel, es steige kaum
Der Freude Wink, des Schmerzens,
Man fühlt ihn gleich im engen Raum
Des lieb-lebend'gen Herzens.


                            36

Du gingst vorüber? Wie! ich sah dich nicht;
Du kamst zurück, dich hab ich nicht gesehen -
Verlorner, unglücksel'ger Augenblick!
Bin ich denn blind? Wie soll mir das geschehen?

Doch tröst ich mich, und du verzeihst mir gern,
Entschuldigung wirst du mit Freude finden;
Ich sehe dich, bist du auch noch so fern!
Und in der Nähe kannst du mir verschwinden.


                          37

Am heißen Quell verbringst du deine Tage,
Das regt mich auf zu innerm Zwist;
Denn wie ich dich so ganz im Herzen trage,
Begreif ich nicht, wie du woanders bist.


                             38

  An Madame Marie Szymanowska

Die Leidenschaft bringt Leiden! - Wer beschwichtigt,
Beklommnes Herz, dich, das zu viel verloren?
Wo sind die Stunden, überschnell verflüchtigt?
Vergebens war das Schönste dir erkoren!
Trüb ist der Geist, verworren das Beginnen;
Die hehre Welt, wie schwindet sie den Sinnen!

Da schwebt hervor Musik mit Engelsschwingen,
Verflicht zu Millionen Tön um Töne,
Des Menschen Wesen durch und durch zu dringen,
Zu überfüllen ihn mit ew'ger Schöne:
Das Auge netzt sich, fühlt im höhern Sehnen
Den Götterwert der Töne wie der Tränen.

Und so das Herz erleichtert merkt behende,
Daß es noch lebt und schlägt und möchte schlagen,
Zum reinsten Dank der überreichen Spende
Sich selbst erwidernd willig darzutragen.
Da fühlte sich - o daß es ewig bliebe! -
Das Doppelglück der Töne wie der Liebe.


                       39

       In das Stammbuch der Frau
         Hofmarschall von Spiegel


                    Januar 1821

Der Dichtung Faden läßt sich heut nicht fassen;
Ich bitte, mir die Blätter weiß zu lassen!

          Am 25.Februar 1824

Seit jenen Zeilen bis zum heutigen Tage
Sind fast zweihundert Wochen fortgeschritten,
Und immer ist es noch die alte Klage,
Als lasse sich die Muse nicht erbitten;

Doch wenn ich sie im stillen ernstlich frage,
Versetzt sie mich mit Adlerflug inmitten
Von jener Feier einzigen Augenblicken,
Wie es erscholl im freudigsten Entzücken:

"Nun geht es auf, das Licht der Morgenländer,
Die Tochter von Byzanz. Ihr seht sie hier!
Als Kaiserskind trägt sie die Goldgewänder,
Und doch ist sie des Schmuckes höchste Zier.
Die goldnen Schuhe, jene teuren Pfänder,
Die Liebesboten zwischen ihm und ihr,
Sie bringt der Zwerg, die frohste Morgengabe:
Ein Liebespfand ist mehr als Gut und Habe."

Da sprach das Lied so heiter als bedächtig
Von König Rothers unbezwungner Kraft,
Dem, wie er schon in Waffen groß und mächtig,
Auch Liebe nun das höchste Glück verschafft.
"Als Pilger klug, als Gast freigebig, prächtig,
Hat er als Held zuletzt sie weggerafft
Zum schönsten Glück, zum höchsten Mutterlose:
Von ihnen stammt Pippin und Karl der Große."

Wie denn das Gute, Schöne nimmer schwindet
Und, immer wirkend, immer sich erhält,
Sich ungesäumt zum höchsten Wahren findet,
Als lebend zu Lebendigem gesellt;
Und glücklich ist, wer ihnen sich verbindet.
Beständig bleibt ihm die bewegte Welt;
So war's auch mir im Augenblick, dem süßen,
Nach langer Zeit die Freundin zu begrüßen.


                         40

         Der zierlichsten Undine

Gib acht! es wird dir allerlei begegnen,
Bist du im Trocknen, wird es regnen,
Zum Schwimmen wird die Welle sich versagen,
Wen aber hast du deshalb anzuklagen?
Merkst du nicht eifersücht'gen Zorn?
Ein Lächeln wird er wohl verdienen;
Und du verzeihst dem Onkel Kühleborn,
Man sagt ihm nach, er liebe selbst Undinen.


               41

 Reichtum und Blüte

Blumen und Gold zugleich
Machen reich.
Goldnen Rahmen siehst du erfüllt
Mit deinem Bild.
Sieh nur, wie köstlich es ist,
Was du hast und bist.


                         42

Myrt und Lorbeer hatten sich verbunden;
Mögen sie vielleicht getrennt erscheinen,
Wollen sie, gedenkend sel'ger Stunden,
Hoffnungsvoll sich abermals vereinen.


                         43

Das holde Tal hat schon die Sonne wieder
Mit Frühlingsblüt' und - blumen angefüllt,
Die Nachtigall singt immer neue Lieder
Dem Hochgefühl, das ihr entgegenquillt.
Erfreue dich der gottverliehnen Gaben!
Froh, wie er dich erschuf, will er dich haben.


                    44

  Julien Gräfin Egloffstein

Freundlich werden neue Stunden
Zu vergangnen sich gesellen;
Blüten, Blumen, wohl empfunden,
Bleiben ewig Immortellen.


                  45

           Derselben

           Reisesegen

Sei die Zierde des Geschlechts! -
Blicke weder links noch rechts;
Schaue von den Gegenständen
In dein Innerstes zurück;
Sicher traue deinen Händen,
Eignes fördre, Freundes Glück.


                   46

             An Julien

     Zur Dresdner Reise

Ein guter Geist ist schon genug,
Du gehst zu hundert Geistern;
Vorüber wandelt dir ein Zug
Von großen, größern Meistern.
Sie grüßen alle dich fortan
Als feinen Jung-Gesellen
Und winken freundlich dich heran,
Dich in den Kreis zu stellen.
Du stehst und schweigst am heil'gen Ort
Und möchtest gerne fragen;
Am Ende ist's ein einzig Wort,
Was sie dir alle sagen.


                 47

           An Julien

Von so zarten Miniaturen,
Wie der schönen Hand sie glücken,
Schreitest du auf breitre Spuren,
Wichtiger umherzublicken.

Heil den ernsteren Geschäften!
Seligen Erfolg zu schauen,
Einigest zu Mannes Kräften
Liebenswürdiges der Frauen.


                 48

         Derselben

Abgeschlossen sei das Buch,
Es enthält fürwahr genug;
Was davon dich kann erfreuen,
Wird sich immerfort erneuen.
Und was mag dem Scheiden frommen
Als ein baldig Wiederkommen?


                            49

        Herrn Kanzler von Müller

        Weimar, den 13. April 1822

Will sich's wohl ziemen, dir zum zweiten Male
Dieselbe Gabe festlich darzubringen?
Den Dichtertrank in deiner eignen Schale,
Und nur dazu das alte Lied zu singen?
So sei es denn! - es bleiben alte Lieder
Den Christgemeinden wie gewohnt erbaulich;
Und hört er Freundes Wunsch und Segen wieder,
Er findet sie wie immer lieb und traulich.


                    50

       Zu Thaers Jubelfest,

         dem 14. Mai 1824

Wer müht sich wohl im Garten dort
Und mustert jedes Beet?
Er pflanzt und gießt und spricht kein
Wort, So schön auch alles steht.
Das er gepfropft und okuliert
Mit sichrer, kluger Hand,
Das Bäumchen zart ist anspaliert
Nach Ordnung und Verstand.

Doch sagt mir, was es heißen soll?
Warum ist er so still?
Man sieht, ihm ist der Kopf so voll,
Daß er was andres will.
Genug, ihm wird nicht wohl dahier,
Ich fürcht, er will davon;
Er schreitet nach der Gartentür,
Und draußen ist er schon.

Im Felde gibt's genug zu tun,
Wo der Befreite schweift;
Er schaut, studiert und kann nicht ruhn,
Bis es im Kopfe reift.
Auf einmal hat's der Biedre los,
Wie er das Beste kann:
Nicht ruhen soll der Erdenkloß,
Am wenigsten der Mann!

Der Boden rührt sich ungesäumt
Im Wechsel jedes Jahr,
Ein Feld so nach dem andern keimt
Und reift und fruchtet bar;
So fruchtet's auch von Geist zu Geist
Und nutzt von Ort zu Ort.
Gewiß, ihr fragt nicht, wie er heißt,
Sein Name lebe fort!


                    51

Die Feier des achtundzwanzigsten
Augusts dankbar zu erwidern


Sah gemalt, in Gold und Rahmen,
Grauen Barts, den Ritter reiten,
Und zu Pferd an seinen Seiten
An die vierundzwanzig kamen;
Sie zum Thron des Kaisers ritten,
Wohlempfangen, wohlgelitten,
Derb und kräftig, hold und schicklich.
Und man pries den Vater glücklich.

Sieht der Dichter nah und ferne
Söhn und Töchter, lichte Sterne,
Sieht sie alle wohlgeraten,
Tüchtig, von geprüften Taten,
Freigesinnt, sich selbst beschränkend,
Immerfort das Nächste denkend;
Tätig treu in jedem Kreise,
Still beharrlich jeder Weise;
Nicht vom Weg, dem graden, weichend
Und zuletzt das Ziel erreichend.

Bring er Tochter nun und Söhne,
Sittenreich, in holder Schöne,
Vor den Vater alles Guten,
In die reinen Himmelsgluten.
Mitgenossen ew'ger Freuden! -
Das erwarten wir bescheiden.


                    52

Der Frau von Ziegesar geb. von Stein

         zum Geburtstage

Zwar die vierundzwanzig Ritter
Ehren wir in allen Fällen;
Doch auch Fräulein sind nicht bitter,
Wenn sie sich dazwischenstellen.

Heute lasset mich beachten
Solche lieblichsten Vereine,
Wenn sie bunte Reihe machten,
Ziegesar und die Steine.

Kämen sämtlich angezogen
Dieser Stämme frohe Lichter,
Wurden Könige gewogen
Und begrüßten sie die Dichter.

Und besonders aber eine,
Welche wir zu segnen kamen;
Freunde nennen sie die Kleine,
Sie verdient gar viele Namen.


                  53

Meinem Freunde von Knebel

    zum 30. November 1817

Lustrum ist ein fremdes Wort!
Aber wenn wir sagen:
Lustra haben wir am Ort
Acht bis neun ertragen
Und genossen und gelebt
Und geliebt bisweilen,
Wird, wer nach dem Gleichen strebt,
Heute mit uns teilen,
Wenn wir sagen: Das ist viel!
Denn das Leben streuet
Blum und Dorne! - Ziel ist Ziel!
Das uns heute freuet.


                   54

  An Bernhard von Knebel

Weimar, den 30. November 1820

Den November, den dreißigsten,
Feire stets als heiligen Tag
Mit Opfern, wie's nur dem fleißigsten,
Dem besten Sohne gelingen mag:
Denn der Vater ist heut geboren,
Der dich liebt, wie's billig ist.
Kindlein, sei ihm zugeschworen!
Freude nur bringt, was willig ist.


                       55

  An Gräfin Marie von Einsiedel,

geboren Jena, den 18. Oktober 1819.

Zum Tauftage, den 30. Oktober 1819,
t         reuliches Eingebinde

Töchterchen! nach trüben Stunden
Zu der Eltern Lust erschienen,
Hast so jung das Glück gefunden,
Den Geliebtesten zu dienen.
Mögest du den frohsten Stunden
Ihres Lebens blühend grünen.


                         56

Wiegenlied dem jungen Mineralogen
         Wolfgang von Goethe


            Den 21. April 1818

Singen sie Blumen der kindlichen Ruh,
Käfer und Vögel und Tierchen dazu;
Aber du wachest, wir treten herein,
Bringen was Ruhiges, bringen den Stein.

Steinchen, die bunten, ein lustiges Spiel!
Was man auch würfe und wie es auch fiel'.
Kindischen Händchen entschnickt sich so fein
Knöchlein und Bohnen und Edelgestein.

Knabe, du siehest nun Steine behaun,
Ordnend sich fügen, zu Häusern sich baun.
Wohl! du verwunderst dich, stimmest mit ein:
Das ist wahrhaftig ein nützlich her Stein!

Spielst du mit Schussern, das Kügelchen rollt,
Dreht sich zur Grube, so wie du gewollt,
Läufest begierig auch hinter ihm drein,
Das ist fürwahr wohl ein lustiger Stein.

Steinchen um Steinchen verzettelt die Welt,
Wissende haben's zusammengestellt;
Trittst du begierig zu Sälen herein,
Siehst du zuerst nicht den Stein vor dem Stein.

Doch unterscheidest und merkest genau:
Dieser ist rot, und ein andrer ist blau,
Einer, der klärste, von Farben so rein,
Farbig erblitzet der edelste Stein.

Aber die Säulchen, wer schliff sie so glatt,
Spitzte sie, schärfte sie glänzend und matt?
Schau in die Klüfte des Berges hinein,
Ruhig entwickelt sich Stein aus Gestein.

Ewig natürlich bewegende Kraft
Göttlich gesetzlich entbindet und schafft;
Trennendes Leben, im Leben Verein,
Oben die Geister und unten der Stein.

Nun, wie es Vater und Ahn dir erprobt,
Gott und Natur und das All ist gelobt!
Komme! der Stiftende führet dich ein,
Unserem Ringe willkommener Stein!


                        57

            Zum Geburtstag

    mit meinen kleinen Gedichten

Wenn Kranz auf Kranz den Tag umwindet,
Sei dieser auch ihr zugewandt,
Und wenn sie hier Bekannte findet,
So hat sie sich vielleicht erkannt.


                  58

Wen ein guter Geist besessen,
Hält sich das Gedächtnis rein;
Alles Übel sei vergessen,
Eingedenk der Lust zu sein!
Bleib ein fröhliches Vermächtnis
Jed Ergetzen, jede Ruh;
So belebe dein Gedächtnis,
Und dann denke mich dazu!


                59

Zur Erinnerung trüber Tage
Voll Bemühen, voller Plage,
Zum Erinnern schöner Stunden,
Wo das Rechte war gefunden.


                59a

Viel Geduldetes, Genoßnes,
Halbverschwiegnes, laut Ergoßnes
Ward in ferner Welt vertan;
Aber jene guten Zeiten,
Tiefurts Tal, ätherische Weiten,
Gehen dich besonders an.


                    60

Lieblich ist's, im Frühlingsgarten
Mancher holden Blume warten;
Aber lieblicher, im Segen
Seiner Freunde Namen pflegen:
Denn der Anblick solcher Züge
Tut so Seel als Geist Genüge,
Ja, zu Lieb und Treu bekennt
Sich der Freund, wie er sich nennt.


                 61

Hörst du reine Lieder singen,
Ohr ist eins mit deiner Brust;
Siehst du Farben um dich klingen,
Wirst du deines Augs bewußt.
In das Innere zu dringen,
Gibt das Äußre Glück und Lust.


                      62

Zuerst im stillsten Raum entsprungen,
Das Lied erklingt von Ort zu Ort;
Wie es in Geist und Seel erklungen,
So hallt's nach allen Seiten fort.


                   63

In ein Stammbuch zum Bildchen:
Ruine Pless bei Göttingen

Auf diesen Trümmern hab ich auch gesessen,
Vergnügt getrunken und gegessen
Und in die Welt hinausgeschaut:
War aber wenig nur davon erbaut.
Kein liebes Kind gedachte meiner,
Und ich fürwahr gehörte keiner;
So war die ganze Welt umgraut.
Ihr wißt ja selbst, was sie erheitert,
Die Horizonte stufenklar erweitert.