Hebbel

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Inhalt

Biografie

                         Dichterloos

Laß dich tadeln für's Gute und laß dich loben für's Schlechte;
Fällt dir Eines zu schwer, schlage die Leier entzwei.


              Trost für Deutsche Autoren

Deutsche Autoren, man läßt euch freilich lebendig verhungern,
Aber tröstet euch nur, denn man begräbt euch in Speck.


                  Kunst und Afterkunst

(Bei Gelegenheit eines Gastspiels der Rachel.)

Mit der Mutter Natur, die leise vom Sommer zum Winter
Schreitet und wieder zurück, rechtet das russische Bad.
Matt sind Frühling und Herbst, so ruft es, ich werde dir zeigen,
Daß auch ein einziger Schritt führt von der Hitze zum Frost.
Jene erwiedert mit Lächeln: ich weiß es, doch frommt's nur dem Kranken,
Aber ich sorge für die, welche gesund sind, wie ich.


Auf die modernen Franzosen und ihre Deutschen Genossen

Eure Romane und Dramen sind Nichts, als leere Charaden,
Kennt man das Wort, das sie lös't, wirft man sie auch an die Wand.


                         Zur Beherzigung

Schlechte Tragödien sollten dem Billigen gelten, wie gute:
Held ist der Dichter darin, aber sein Schicksal der Stoff;
Mannhaft kämpft er mit diesem, und lange hofft er, zu siegen,
Endlich erliegt er; wer hält Furcht wohl und Mitleid zurück?


                             Die Form

Braune Augen und blaue, man sieht mit beiden, warum denn
Sind die Farben nicht gleich? Ahne das Wunder der Form!


                           An die Realisten

Wahrheit wollt ihr; ich auch! Doch mir genügt es, die Thräne
Aufzufangen, indeß Boz ihr den Schnupfen gesellt.
Läugnen läßt es sich nicht, er folgt ihr im Leben beständig,
Doch ein gebildeter Sinn schaudert vor solcher Natur.



IV. Geschichte

          Jetziger Standpunct der Geschichte

Was die Geschichte bis jetzt errang? Die ew'gen Ideen!
Sie zu verwirklichen, ist nun denn ihr großes Geschäft.


                    Politische Situation

Oben brennt es im Dach und unten rauchen die Minen,
Aber mitten im Haus schlägt man sich um den Besitz.


                      Den Staatsmännern

Kämpft mit jedem Gewitter, ihr habt die Waffen, nur nimmer
Mit der Electricität, denn sie ist eins mit der Luft.


            Unsere Zeit und die der Kreuzzüge

Alle katholischen Mächte verbürgen dem Türken das Seine!
Aber das heilige Grab liegt im Gebiet der Türkei.


                    Friedrich der Große

Friedrich suchte die Kunst, nicht einzuschlafen, vergebens;
And're haben die Kunst, nicht zu erwachen, entdeckt.


                     Ein Erfahrungssatz

Leicht ist ein Sumpf zu verhüten, doch ist er einmal entstanden,
So verhütet kein Gott Schlangen und Molche in ihm.


                        Verschiedener Casus

Deutsche zogen nach Rom, warum nicht Russen nach Deutschland?
Jene waren ein Volk, tapfer und markig und frisch,
Und als solches vom Himmel zu Erden der Römer berufen,
Ja, sie blieben's bis heut', diese sind nur noch Geschmeiß,
Und das schlechtere Volk ward nie noch der Henker des edlern,
Während der lauterste Mensch oft durch den niedrigsten fällt.
Wenn der Russe den Tasso verbessert, der Deutsche die Knute,
Will ich zittern für uns, aber ich warte es ab!


                            Zu erwägen

Haltet die Uhr nur an und denkt, nun werd' es nicht Abend;
Stand die Sonne schon still, weil es ein Küster gebot?


                 Der jüngste Tag und die Welt

Pausen hatte die Schöpfung, dieß lehrte uns Moses, und Pausen
Hat auch das jüngste Gericht, doch die verblendete Welt
Nützt sie selten und nennt den Tag der zerschmelzenden Sterne
Lieber ein Feuerwerk, welches erstickte im Schnee.


                    Moderne Staatsbildungen

Raubt dem Löwen die Klaue, dem Adler die mächtige Schwinge,
Aber dem Stiere das Haupt, glaubt ihr, es gebe ein Thier?
Nein, das wächs't nicht zusammen, das kann nur zusammen verwesen,
Denn das belebende Herz hat noch kein Nagel ersetzt.


                               Nur weiter

Vormund setzt ihr nach Vormund, wer sollt' es nicht loben und preisen?
Geht nur weiter, ihr seid noch nicht am Ziele der Bahn.
Setzt, wie jeglichem Dorf, so jeglichem Menschen den seinen,
Dann wird wieder, wie einst, Jeder sein eigener sein.


                      Tiberius' Antwort

"Großer Cäsar, du hast den Jesus Christus gekreuzigt,
Aber die Lehre, sie lebt, ja, sie verbreitet sich stark!"
Bloße Schuld des Pilatus, denn hätt' er die Zwölf, die Apostel,
Mit ihm gekreuzigt, so wär' Alles auf ewig vorbei.


               Die Freiheit der Presse

Wäre der Presse Freiheit ein Gut nur der einzelnen Völker,
So verschmerzt' ich's wohl noch, würde sie einem verkürzt.
Aber sie eignet der Welt, Gedanken, noch schädlich im Norden,
Nützen dem Süden vielleicht, während sie jener erzeugt!


Der Ungar und seine Ansprüche an Deutschland

Eine Bürgerkrone! Ich rettete einen der Bürger!
Rief der römische Narr, als er der Tiber entsprang.
Einen Kranz, Europa! Ich habe den Türken bestanden!
Ruft der Ungar, und doch lebt er nur, weil er es that!



V. Ethisches

                                 Unfehlbar

Stelle dich, wie du auch willst, nicht wirst du die Feinde vermeiden,
Aber, wie Thetis den Sohn, kannst du dich fei'n für den Streit:
Mache so ganz dich zum Träger des Guten, des Wahren und Schönen,
Daß man die Götter verletzt, wenn man dich selber bekämpft!


            Selbstvernichtung in der Selbsterhaltung

Du verläugnest dich selbst? Warum denn? Ich will mich behaupten,
Und man duldet mich nicht, zeig' ich mein wahres Gesicht!
Aber, behauptest du dich, indem du dich heuchelnd vernichtest?
Lebst du noch selber? Es spukt dann ja ein Schatten für dich!


                         Auf einen Menschenfeind

Wie? Die Menschheit willst du, der Wichte wegen, verachten?
Bist du denn selbst auch ein Wicht? Oder nicht selbst auch ein Mensch?


                   Der schlimmste Egoist

Egoisten sind Alle. Der schlimmste aber ist Jener,
Welcher nicht glaubt, es zu sein, weil es am Maaß ihm gebricht.


                      Ethischer Imperativ

Deine Tugenden halte für allgemeine des Menschen,
Deine Fehler jedoch für dein besonderes Theil!


             Höchstes Kriterium der Bildung

Mancher ist ehrlich genug, mit Ernst und Eifer zu prüfen,
Was er ist in dem Kreis, dem die Natur ihn bestimmt;
Wenige haben den Muth, den Kreis zu prüfen und redlich
Zu ermitteln, wie viel dieser im größeren gilt.


                                  Pietät

Etwas Mitleid den Künstlern und Dichtern, welche das Höchste
Nicht erreichen, es sagt's ihnen kein Joseph voraus,
Und sie müssen das Leben erst opfern, um zu erfahren,
Daß es vergebens geschieht, darum verschont sie mit Spott.


                     Devise für Kunst und Leben

Hast du begriffen, warum die Wanzen und Flöhe entstehen,
Fluchst du nicht mehr der Natur, daß sie sie schafft, wie dich selbst,
Dann bekämpfe sie einzeln und warte nicht, bis sie dich stechen:
Duldung gebührt dem Geschlecht, schärfste Verfolgung dem Glied.


                            Gesetz und Pflicht

Das Gesetz erfüllst du und glaubst schon der Pflicht zu genügen?
Was der Galgen beherrscht, wär' das Gebiet der Moral?
Freund, der himmlische Richter wird nimmer schon darum dich krönen,
Weil dich der ird'sche nicht hing! Also erweit're den Kreis!


                           Das Gesetz

Was ich will vom Gesetz? Es soll das Höchste verlangen,
Was der Beste vermag, wenn er die Kraft nur gebraucht.
So beschützt es die Welt vor'm Bösen und steht auch dem Guten
Gegen sich selber bei, wenn ihn die Stunde versucht.


                      Lüge und Wahrheit

Was du theurer bezahlst, die Lüge oder die Wahrheit?
Jene kostet dein Ich, diese doch höchstens dein Glück!



VI. Persönliches

             Auch einmal dem Wicht eine Antwort

Ein erbärmlicher Wicht, der meinen Angelo gestern
Hoch bis zum Himmel erhob, heute mit Füßen ihn tritt,
Tadelt mich, daß ich nicht schläfrig im Zimmer sitze und brüte,
Sondern die freie Natur suche, wie Kinder die Brust.
Freund, das find' ich doch graß! Die Schuld zwar kann ich nicht läugnen:
Ja, ich schweife herum, ganz, wie der alte Homer,
Mein ist das erste der Veilchen und mein die letzte der Astern,
Regen sogar und Sturm halten mich selten zu Haus!
Aber, wo hörtest du denn, daß Mauern und Wände den Dichtern
Je als Musen gedient, oder der Druckergesell?
Niemals saßen sie noch gebückt vor hungrigen Bogen,
Aufgekrempelt den Arm, wie es dem Weber gebührt!
Nein, sie lauschten den Wellen, sie horchten dem Brausen des Windes,
Und ein Lilienblatt reichte als Täfelchen aus.


                           Mein Lorbeer

Glaubt ihr, es ist mir verhaßt, wenn alle Winde ihn zausen?
Nein, mir gebührt nur das Blatt, was sie ihm lassen, mit Recht.


               Selbstkritik meiner Dramen

Zu moralisch sind sie! Für ihre sittliche Strenge
Steh'n wir dem Paradies leider schon lange zu fern,
Und dem jüngsten Gericht mit seinen verzehrenden Flammen
Noch nicht nahe genug. Reuig bekenn' ich euch dieß.


                             Ablehnung

Nur mein Bestes verlangst du? Das pflückt man vom Baum zwar als Apfel,
Aber man schlägt es vom Rumpf nimmer herunter als Kopf.


                          Prophezeihung

"Deine Freunde sind jung, es wird dir mit ihnen ergehen,
Wie mit den Früchten dem Baum: reifen sie, fallen sie ab!"


                     Dem Propheten zur Antwort

Weißt du, wie ich mich schütze? Ich habe selber vom Himmel
Reichlich empfangen und ganz ohne mein eig'nes Verdienst,
Darum gebe ich nie in meinem Namen, ich gebe
Immer im Namen des Herrn, wie es dem Menschen gebührt,
Aber, wer selbst nur giebt, um Gott die Schuld zu bezahlen,
Fragt nicht, ob man ihm dankt oder ihn schmählich betrügt!


                          Letzter Wunsch

Mancherlei Wünsche hatt' ich und mancherlei hab' ich für's Leben,
Einen einzigen nur spar' ich mir auf für den Tod:
Daß sich in Flammen mein Geist entbinden möge, noch glühend
Von dem letzten Gedicht, daß sich in Flammen mein Leib
Wandeln dürfe in Asche, bevor noch völlig das Antlitz
Sich zur Larve verstellt, das der Geliebten gefiel!
Jenes geb' ich den Göttern anheim und dieses den Freunden,
Die es wissen, wie sehr stets vor Gewürm ich gebebt;
Mögen sie still mir den Holzstoß errichten und rasch ihn entzünden,
Ein gefälliger Wind bläset wohl freundlich hinein!


                        Meine neuen Gedichte

Blumen will ich nicht mehr! So rief ich und hätte die Keime
Mit dem erquetschenden Stein gerne für immer erstickt.
Aber sie spannen die Wurzeln gelassen weiter und schlingen
Um ihn selbst nun als Kranz farbig und frisch sich herum.


                          Zu hoher Preis

Ob ich den Wirkungskreis mir wünsche? Könnt ihr noch fragen,
Wenn es im Spott nicht geschieht? Stellt nur den Preis nicht zu hoch.
Eh' ich das Leben mit dem erkaufe, was ihm den Werth giebt,
Lass' ich's fahren, und das wird ja fast immer verlangt!


                                   An die Götter

Fromm verlangt ihr mich, Götter? So macht mich glücklich! Ich werd' euch
Niemals fürchten, ihr wißt's, aber ich liebte euch gern!


                      Conditio sine qua non

Götter ich ford're nicht viel! Ich will die Muschel bewohnen,
Aber ich kann es nur dann, wenn sie der Ocean rollt.


                    Zwölf Jahre später

Götter, öffnet die Hände nicht mehr, ich würde erschrecken,
Denn ihr gabt mir genug: hebt sie nur schirmend empor!



VII. Buntes

            Das Urtheil der Freunde

Unpartheiisch ist ein Freund wohl noch nie gewesen,
Aber ungerecht wird er nicht selten aus Furcht.


                  Den Verstand in Ehren

Selbst die Musik beruht zuletzt auf Zahl und Verhältniß,
Und du schiltst den Verstand, wenn er im Drama sich zeigt?
Jegliche Frage gestatt' ihm, doch keine einzige Antwort,
Und du erkältest dein Bild nimmer, du läuterst es nur,
Denn die Phantasie wird wieder und wieder sich regen,
Wenn er die schlummernde weckt, bis sie ihm völlig genügt.


                                     Napoleon

Nennt doch den Korsen nicht groß! Er wußte die Menschen zu brauchen,
Wies Jedwedem den Platz, welcher ihm eignete, an,
Knüpfte, was rings geschah, mit klugem Geiste zusammen,
Nützte es listig und hieb endlich darein mit dem Schwert.
Freilich, was rühmt man den Shakespeare! Er reihte Buchstab' an Buchstab',
Setzte am richtigen Ort Komma und Kolon und Punct,
Mischte das Alphabet, wie And're, nur etwas geschickter,
Bis ein Macbeth, ein Lear oder ein Hamlet entstand.


                      Alchimist und Papst

Endlich hat er's entdeckt, das rings ersehnte Geheimniß,
Gold zu machen, dem Papst bringt er das krause Recept.
Doch der bedächtige Greis lös't lächelnd den Säckel vom Gürtel,
Leert ihn und reicht ihn und spricht: nimm dir denn, was dir noch fehlt!


                                Dareios

Daß Dareios das Meer von seinen sclavischen Horden
Peitschen lassen, erfährt jeder Pennal und belacht's;
Daß er den blühendsten Baum mit einer goldenen Kette
Schmückte, entzückt, wie ein Kind, weiß die Geschichte allein.


                          Groß und Klein

Iffland kam nach Berlin, und über alle Erwartung
Fand er die Bühne, ihm schien selbst der Souffleur ein Genie,
Nur ein Einziger blieb, so sagte er, völlig darunter,
Aber der Eine war Fleck! Also erzählte mir Tieck.


                             Der Genius

Nimmer in tausend Köpfen, der Genius wohnt nur in Einem,
Und die unendliche Welt wurzelt zuletzt doch im Punct.
Nicht durch Stimmenmehrheit sind Himmel und Erde entstanden,
Nie auch ein großes Gedicht oder ein ewiges Bild.


                     Verschiedene Consequenzen

Tugend, du bist nur ein Name! spricht Brutus und tödtet sich selber;
Cajus merkt sich's, bricht ein, raubt und betrinkt sich für's Geld.


                                    Das Feuer

Freilich ist es gefräßig, das Feuer, doch sollst du's nicht schelten,
Denn es ist übel gestellt: tödtet's nicht selber, so stirbt's!


                              Frommer Spruch

Wie von den einzelnen Mühen und Lasten des Lebens im Schlummer,
Ruht man vom Leben selbst endlich im Tode sich aus.


                       Ein Eid und seine Auslegung

Glaubst du, weil er dir's schwur, er werde dich nun nicht betrügen?
Nein, er gelobte dir nur, Gott zu betrügen, wie dich.


                      Fatale Consequenz

Freunde hast du so viele, wie Tage im Jahre, doch leider
Schließt der Plural hier meistens den Singular aus.


                               Der Practiker spricht

Willst du menschlich mit Menschen in Städten der Menschen verkehren,
Stelle die Uhr nach dem Thurm, nicht nach der Sonne, mein Freund!


                           Das Gelübde

Niemals Wein zu trinken, als aus krystall'nem Pocale,
Nie zu küssen ein Weib, das dir nicht göttlich erscheint:
Dieß beschwöre mir, Jüngling, so will ich das Kirchengelübde
Gern dir erlassen, du bleibst dennoch ein Mensch, wie du sollst.


                         Das Vaterunser

Wollt ihr beten, so betet, wie Jesus die Jünger es lehrte!
Manches Gebet zwar giebt's, welches zur Läuterung führt:
Dieses setzt sie voraus; will's Einer, ohne zu heucheln,
Beten, so muß er sich erst völlig vollenden als Mensch.


                                Ein Garten

Eiserne Gitter und Thore, und blühende Rosen dahinter;
Arme Blumen, wofür seid ihr gefangen gesetzt?


      Ein Napoleonischer Senator im Pantheon

Nachwelt, kröne den Heros! Der Kaiser hat es geboten!
Unvergänglichen Ruhm sichert dem Mann ein Decret.


      Eine römische Courtisane und die Polizei

Näna, ich finde dich tragisch gestellt in der heiligen Roma:
Alle sollen dich seh'n, die nur, die Alles seh'n, nicht.


                   Auf eine Belladonna

Belladonna, du stehst hier mitten zwischen den Dornen,
Darum zertret' ich dich nicht, grüne und blühe nur fort!
Jene halten ja Wache und wehren dem lüsternen Kinde,
Wie es die Dolde auch lockt, wie es die Beere auch reizt.


                 Eine Antwort sonder Gleichen

Finden Sie selber sie gut? So frug ich in Hamburg den Jüngling,
Der mir den schwellenden Band seiner Gedichte gebracht.
Freilich! versetzt' er mit Ruhe, denn fänd' ich sie anders, so hätt' ich
Sie ja besser gemacht! Ist es nicht einzig, dies Wort?


                 Das römische Pantheon

Endlich am Ziele der Bahn, jedoch in gemessenen Schranken,
Ruht die erhabenste Kunst hier in sich selber sich aus;
Schaudernd blickt sie zurück und schwindelnd vorwärts, sie zweifelt,
Ob ihr das Gleiche gelingt, wenn sie sich weiter getraut.


               An einen Winzer bei Pompeji

Laß sie sitzen, die Traube, sie ist noch herbe, dir reiften
Tausend and're, nur sie wünscht sich des Feuers noch mehr.
Dir verdirbt sie den Wein, den herbstlichen Wand'rer erquickt sie,
Und er segnet die Hand, die sie zu brechen vergaß.


                            Traum und Poesie

Träume und Dichtergebilde sind eng mit einander verschwistert,
Beide lösen sich ab oder ergänzen sich still,
Aber sie wurzeln nicht bloß im tiefsten Bedürfniß der Seele,
Nein, sie wurzeln zugleich in dem unendlichen All.
In die wirkliche Welt sind viele mögliche and're
Eingesponnen, der Schlaf wickelt sie wieder heraus,
Sei es der dunkle der Nacht, der alle Menschen bewältigt,
Sei es der helle des Tags, der nur den Dichter befällt,
Und so treten auch sie, damit das All sich erschöpfe,
Durch den menschlichen Geist in ein verflatterndes Sein.


                                   Ausrede

Ein sich verbeugender Schranze behauptet, gemäßigt zu stoßen;
Darnach wäre sein Kuß auch ein verhaltener Biß.


                    Cäsar und sein Schneider

Cäsar wurde ermordet, da schrie sein Schneider nach Waffen:
Wer ist noch sicher in Rom, rief er, wenn der es nicht war!


                    Unter mein Bild von Rahl

Bild, jetzt bin ich zwar mehr, wie du, doch magst du dich trösten,
Denn in der kürzesten Frist wirst du schon mehr sein, wie ich.


                                 Die Höhle

Welche Fackel da hinten? So rief ich, die Höhle betretend,
Gottes Sonne jedoch war es, sie stralte hindurch.


                         Ahnenstolz der Völker

Thörigter Stolz auf Ahnen! Du bist mir verhaßt an Geschlechtern,
Aber an Völkern noch mehr. Drückend empfand ich's in Rom.


                       Christine auf dem Ball

Knospen trugst du im Haar und führtest den Reigen, doch leise
Gingen sie auf, und nun hauchen dir Blüten den Duft.


                     An einen Jüngling

Großmuth mögtest du üben, du mögtest verschwenden, doch leider
Hat dir, klagst du, das Glück neidisch die Mittel versagt.
Wirb um Kenntniß und Weisheit, so kannst du Alle, die darben,
Reicher machen und wirst selber nicht ärmer dadurch.


                     Vergeblicher Wunsch

Eines find' ich abscheulich: daß sich das Leben nicht steigert,
Daß dem höchsten Moment meist ein geringerer folgt!
Einige sterben vor Freude, warum nicht Alle? Du fändest
Keine schönere Glut, uns zu verjüngen, Natur.


                                     Originalität

Wären die Menschen im Innern, wie in den Gesichtern, verschieden:
In das reizendste Spiel lös'te das Leben sich auf.
Aber, da malt sich die Welt auf gleiche Weise in Allen,
Und der Wahnsinn kaum macht sie noch originell.


                   Der Deutsche Mime

Freilich hat der Mime in Deutschland selten Gedächtniß,
Aber er braucht es ja nicht: hat doch sein Publicum keins!


                             Schauspielerkritik

Spielen nur hieß' es, wenn Menschen die Schatten der Dichter beseelen?
Leben heißt es, nur schnell! Richter, erwägt's, wenn ihr sprecht.


                             Die Veilchen

Veilchen hab' ich gepflückt, nun will ich zum Strauße sie reihen,
Da entfallen sie mir, und es zerstreut sie der Wind.
Leichter pflücke ich neue und frische, als daß ich sie sammle,
Denn die Wiese ist reich, aber ich sammle sie doch.


                Im Großen, wie im Kleinen

Trittst du in ein Gemach, worin die bescheid'ne Reseda
Freundlich gepflegt wird, wie süß strömt dir entgegen der Duft!
Wenn du aber darin ein Paar Minuten verweiltest,
Spürst du ihn nicht mehr: warum geht's uns doch so mit der Welt?


                           Ich und der Blinde

Einem Blinden wollt' ich die Gabe reichen, doch ließ ich's,
Denn es braus'te der Sturm gar zu gewaltig daher;
Vorwärts eilt' ich, da jagte mir dieser ein Stäubchen in's Auge,
So an die Blindheit gemahnt, kehrt' ich zurück nun und gab.


              Die Sonne und mein Kind

Ewige Sonne, empfingst du je ein reineres Opfer?
Ich, der Wandelnde, sah dir, der Versinkenden, nach,
Auf dem Arme mein Kind; ich nickte dir grüßend, doch dieses
Hauchte den brünstigsten Kuß in die vergoldete Luft.


                    Text und Commentar

Nicht verbinde das Maul dem Ochsen, wenn er dir drischet!
Also sagte der Herr, da er auf Sinai stand.
Aber, mißbraucht er die Freiheit, erfrecht er sich, Aehren zu fressen,
Gieb ihm einen darauf! Also erläutert's der Mensch.


                           Im Frühling

Welch ein reizendes Bild! Der Baum, von ferne gesehen,
Zeigt uns nicht Zweige und Laub, zeigt uns die Blüten allein,
Die, zur Wolke geballt, ihn krönen, da scheint denn sein Wipfel
Uns ein magischer Kreis, leicht in den Aether gehaucht.


                               Warnung

Reizt den Dichter nicht! Er kann sich fürchterlich rächen,
Und es entzieht ihm den Feind Keiner, nicht einmal der Tod!
Denn, so wie sein Kuß dem Freund unsterbliche Ehre
Sichert, so sichert sein Tritt diesem unsterbliche Schmach.
Denkt an Gözze! Er stach nach Lessing und wollte ihn tödten,
Lessing rächt sich, er läßt ewig ihn leben, den Wicht!
Ja, und hätte er selbst den leuchtenden Kerker des Nathan,
Der ihm den Pfaffen verwahrt, später gerührt und versöhnt,
Oeffnen wollen, er hätte den Schlüssel nimmer gefunden,
Denn wir sperren nur ein, aber wir lassen nicht aus!


                               Das Urgeheimniß

Wie der Schmerz entsteht? Nicht anders, mein Freund, als das Leben:
Thut der Finger dir weh, schied er vom Leibe sich ab,
Und die Säfte beginnen, im Gliede gesondert zu kreisen;
Aber so ist auch der Mensch, fürcht' ich, ein Schmerz nur in Gott.


                      Shakespeares Testament

Titus Andronikus war sein Anfang und Timon sein Ende,
Und ein dunkleres Wort spricht die Geschichte nicht aus.
In der Mitte zwar prangt die schönste der Welten, doch ringelt
Sich die Schlange der Nacht um sie herum, als ihr Band.


                Raupe und Schmetterling

Wie, die Raupe vertilgst du - so fragt' ich zornig den Gärtner -
Welche den Schmetterling zeugt? Doch er versetzte darauf:
Dieser flöge davon, er würde bei mir nicht verweilen,
Jene aber entlaubt mir den Ernährer, den Baum!


                           Die Nachtigall

Eine Nachtigall schlug. Sie schlug entzückend und rührte
Jedes empfängliche Herz, aber sie riß sich zu schnell
Mit zu ängstlichem Schnabel ihr Blatt herunter vom Lorbeer:
Hält sie's im Wind auch fest, ist sie dafür doch verstummt!


                            Die Krankheit

Krankheit, dich auch preis' ich. Zur reinen Freude am Dasein,
Welche nicht wünscht, noch bedarf, bist du der einzige Weg.


                        Das griechische Feuer

Wie? Das griechische Feuer, das fortbrennt mitten im Wasser,
Wäre erloschen? Es sprüht, denk' ich, aus jeglichem Blick.


                          Auf einen Bettler

Bettler, dich rufe ich um und gebe dir doppelt, du hast mir,
Eh' du das Geld noch beseh'n, das du empfingst, schon gedankt.


                           Meine Sängerin

Manche Sängerin hört' ich, doch hat mir nur Eine von Allen,
Wann sie mein Ohr auch vernahm, immer das Herz noch gerührt:
An der Wiege die Mutter, durch schlichte Weisen den Liebling
Einzusingen bemüht in den erquickenden Schlaf.


                 Als ich einen todten Vogel fand

Vöglein, todtes, du darfst nicht hier am Wege verwesen!
Immer das reizendste Bild hast du dem Wand'rer geweckt,
Wenn er dich hörte und sah, und solltest die Schrecken der Schrecken
Jetzt ihm enthüllen? O nein! Eilig begrabe ich dich!


                  Adam und der Fruchtkern

Adam hatte die Frucht mit großem Behagen genossen,
Doch an dem steinernen Kern biß er die Zähne sich aus.
Grimmig warf er ihn von sich und stampfte in wüthendem Schmerze
Mit dem erhobenen Fuß tief in die Erde ihn ein.
Aber nun trieb der Kern den Schößling, er sah es verwundert,
Und so hatt' ihn der Zorn Bäume zu pflanzen gelehrt.


                            Ausgleichung

Einem warf ich im Schiffbruch ein Brett zu. Vom Tode gerettet,
Sprach er: Was kostet das Brett? Dankbar bezahl' ich das Holz!


                  Der verborgene Kaiser

Ihre Könige kennen die Völker der Erde: sie rollen
Stolz in Carossen daher, Trommeln und Fahnen voran;
Aber sie haben zugleich auch einen verborgenen Kaiser,
Welcher am Brunnen vielleicht selber das Wasser sich schöpft,
Und, sei dieser ein Künstler, ein Denker oder ein Weiser,
Eh' das Jahrhundert vergeht, trägt er die Krone allein.



VIII. Gereimte

                Parabel

Jüngst traf ich einen alten Mann
Und hub ihm vorzusingen an,
Doch an den Mienen des Gesichts
Bemerkt' ich bald, er höre Nichts.
Da dachte ich: der Greis ist taub,
Drum wird dein Lied des Windes Raub,
So thu ihm denn, nicht durch den Mund,
Durch Zeichen Dieß und Jenes kund.
Ich that's, doch ward mir leider klar,
Daß er auch schon erblindet war,
Denn, wie der Frosch aus seinem Sumpf,
Hervor glotzt, sah er dumpf und stumpf,
Und ungestört in seiner Ruh',
Der Sprache meiner Finger zu.
Ich rief: mit dem steht's schlimm genug,
Doch mögt' ich ihm den letzten Zug
Noch gönnen aus dem Lebensquell!
Da reicht' ich ihm die Rose schnell,
Die ich für meine Braut gepflückt,
Allein auch das ist schlecht geglückt,
Ihm schien der Duft nicht mehr zu sein,
Wie einem Gartengott von Stein.
Nunmehr verlor ich die Geduld,
Ich dacht' an meines Mädchens Huld,
Die mir so schmählig jetzt entging,
Da sie die Rose nicht empfing,
Und jagte ihm im ersten Zorn
In's dicke Fell den scharfen Dorn;
Doch bracht' auch dieß ihm wenig Noth,
Er zuckte nicht, er - war wohl todt!


            Die tragische Kunst

Wohl soll die Kunst euch stets erfreu'n,
Selbst durch das blut'ge Trauerspiel,
Nur müßt ihr nicht das Mittel scheu'n,
Durch das sie's hier erreicht, dies Ziel.
Die Sonne lacht euch ohne sie,
Euch ohne sie das Morgenroth,
Allein der Schmerz erquickt euch nie,
Und nie der Tod, der bitt're Tod.
Sie nöthigt Beide, es zu thun,
Sie führt sie nah' genug heran,
Daß keine Kraft in euch mehr ruh'n,
Daß jede sich nur steigern kann;
Sie hält sie dennoch fern genug,
Daß euch ihr Stachel nicht verletzt,
Und daß nur, wer schon selbst dem Fluch
Verfallen ist, sich noch entsetzt.
Verkehrt sie denn mit Tod und Schmerz,
So thut sie's, stiller Hoffnung voll,
Daß eben dadurch euer Herz,
Wie nie, von Leben schwellen soll,
Und das ein einziger Genuß,
Wie keine Lust ihn euch gewährt,
Euch Seel' und Sinn erfrischen muß,
Wenn sie das Grauen selbst verklärt.


       Die poetische Licenz

Es tanzt ein Mann auf einem Seil
Mit der Lizenz, den Hals zu brechen,
Doch der Poet an seinem Theil
Muß mir nicht von Lizenzen sprechen;
Je schwerer, was er vor sich sieht,
Je leichter muß er es vollbringen,
Ein schlechter Reim passirt im Lied,
Doch das Sonett muß rein erklingen:
Es könnt' ihn ja ein Schüler dort
Vermeiden, warum mit ihm rechten?
Allein den Meister braucht's, das Wort
Vierfach und dreifach zu verflechten.
Nicht, daß ihm dieß und das gelang,
Wird der Gebildete ihm danken,
Nur, daß sein Geist zur Höhe drang,
Wo man nicht kämpft, nur spielt mit Schranken;
Nur, daß er ihm die ganze Kunst,
Und wär's im kleinsten Bilde, zeigte.
Der Musen wunderbare Gunst,
Der auch das Sprödeste sich neigte.
Drum geb' ich denn mit Goethe nicht
Für den Gedanken alle Reime,
Ich ford're Beides vom Gedicht,
Denn Beides wächs't aus Einem Keime.


Ein Reiseabentheuer in Deutschland

Es flog in X. mein Hut mir ab,
Natürlich über die Gränze,
Und als ich, ihn wieder zu holen, lief,
Da gab's vertrackte Tänze.

Ich durfte den Deutschen Nachbarstaat
Nicht ohne Paß betreten,
Und da ich bloß spatzieren ging,
So hatt' ich mir keinen erbeten.

Das that ich nun, auch wurde ich
In Gnaden damit versehen,
Doch war's um meinen armen Hut
Trotz alledem geschehen.

Der war schon längst im dritten Staat
Und blieb auch dort nicht liegen,
Ihm ließ der schadenfrohe Wind
Ein Dutzend noch durchfliegen.

Was half mir nun der gute Paß,
Den ich in X. genommen?
Zehn neue braucht' ich in Einem Tag,
Da war nicht nachzukommen.

Ich kaufte mir einen andern Hut,
Der Meister aber erwählte
Den Wiener Congreß zum Schutzpatron,
Als ich mein Schicksal erzählte.


          Auf eine Sängerin

Die Lerche, die den Lenz begrüßt,
Die holde Nachtigall,
Die seinen Abschied uns versüßt
Durch ihrer Stimme Schall:

Die Beiden scheinen Schwestern gleich,
Die rasch und unverweilt
Schon bei der Schöpfung sich in's Reich
Der Harmonie getheilt.

Doch fühl' ich, seit ich dich vernahm,
Daß noch ein Vogel fehlt,
Der einst sich zwischen Lust und Gram
Den Echo-Sitz erwählt.


                  Sprüche

                       1.

Der Mensch soll treten in die Welt,
Als wäre sie sein Haus;
Man geht nicht in die Schlacht als Held,
Man kommt als Held heraus.

                              2.

"Warum ficht mich so manches Uebel an?"
Weil Gott dich vor dir selbst nicht schützen kann!

                               3.

Die Mutter an die Tochter

Fehlt dir auch nur ein Laub an deinem Myrthenkranz,
So ist dein Zauber hin, du bindest Keinen ganz.

                               4.

Hüben und Drüben

Wer langes Leben wünscht im irdischen Gewimmel,
Der weiß nicht, was er thut: er kürzt sich ja den Himmel.


                               An -

Ich seh' dein Haupt mit Lorbeer'n reich bekränzt,
Doch auch vom Schnee des Alters weiß umglänzt.
O, kauftest du, der Welt, wie dir, zum Glück,
Jetzt für den Kranz die Locken dir zurück!
Du würdest durch den Ruhm, der dich verklärt,
Des Lebens, das er kostet, doppelt werth:
Warum versagt dir die Natur den Preis?
Welch einen Jüngling gäbe solch ein Greis!