Hebbel

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Biografie

Seite 5

Auf ein erröthendes junges Mädchen, das ich im Louvre sah

Ich ließ mein Auge auf dem deinen ruh'n,
Da ward zur Purpurflamme dein Gesicht;
Du warst ein Kind, ein Mädchen bist du nun,
So weig're auch die Mädchenfrucht mir nicht.

Dein Mund ist reif jetzt für den ersten Kuß,
Er gleicht der Herzenskirsche, die zersprang
Vor aller Feuersäfte letztem Schuß,
Und nun verspritzt, was sie so heiß durchdrang.

Ich hab' ein Recht auf ihn, ich hab' in dir
Die Glut, die ihn gezeitigt hat, geweckt,
Drum raub' ich ihn mit kecker Lippe mir,
Wie Vögel Beeren, die kein Laub mehr deckt.

Vielleicht vollendet dieser Kuß mein Glück,
Du wirst durch ihn dir deiner ganz bewußt,
Und wie du Mädchen wardst vor meinem Blick,
So wirst du auch noch Weib an meiner Brust!


         Ich und Du

Wir träumten von einander
Und sind davon erwacht,
Wir leben, um uns zu lieben,
Und sinken zurück in die Nacht.

Du tratst aus meinem Traume,
Aus deinem trat ich hervor,
Wir sterben, wenn sich Eines
Im Andern ganz verlor.

Auf einer Lilie zittern
Zwei Tropfen, rein und rund,
Zerfließen in Eins und rollen
Hinab in des Kelches Grund.


          Letzter Gruß

Jungfraunbilder, früh' erblichen,
In dem Haar den Myrthenkranz,
Dämmernd-schwebende Gestalten,
Steigen auf bei Mondenglanz.

Wollt ihr mit den weißen Händen,
Die den Knaben nie gedrückt,
Halb verwelkte Rosen brechen,
Weil kein Fröhlicher sie pflückt?

Wollt ihr mit den kalten Lippen,
Die kein Jüngling warm geküßt,
Aus den Blütenkelchen trinken,
Die der Schmetterling vergißt?

Oder wollt ihr still erkunden,
Wenn ihr, wie im Traum, euch zeigt,
Ob euch aus dem treusten Herzen
Noch ein letzter Seufzer steigt?

Eine tritt zu mir an's Lager,
Ach, ich träumte nicht von ihr,
Aber, abendroth-umgossen,
Steht sie jetzt, wie einst, vor mir.

Immer lächelnd, immer freundlich,
Und erst in dem letzten Schmerz
Preßte sie, zusammen sinkend,
Ihre Hand auf's arme Herz!

Ach, ihr Herz war wie ein Siegel:
Erst als es gebrochen war,
Wurde mir sein schaurig-süßes,
Himmlisches Geheimniß klar!


Stanzen auf ein Sicilianisches Schwesterpaar

Mit deinem Auge, deinem seelenvollen,
Schaust du mich an, als wär's zum letzten Male;
Dann seh' ich eine dunkle Thräne rollen,
Kaum noch durchblitzt von seinem frommen Strale;
Mir ist, als bräch' es, und ich muß mir grollen,
Daß ich dir meine heil'ge Schuld nicht zahle;
Ich sehe deine Seele, wie ertrinken,
Ich schaud're d'rob, und lass' sie doch versinken!

O! fluch' mir nicht! Ich bin ja selbst gebunden,
Und weiß, daß ich an dir gefrevelt habe;
Von deiner stolzen Schwester trag' ich Wunden,
Und diese werd' ich tragen bis zum Grabe;
Und wenn mein Blick in den entfloh'nen Stunden
An deinem Blicke hing zu süßer Labe,
So war es nur, weil schon in deinem Wesen
Der Schattenriß des ihren steht zu lesen.

Mir war's ein eig'nes schauriges Vergnügen,
Mich halb noch frei von ihrem Bann zu fühlen,
Und doch an diesen mystisch-tiefen Zügen,
Die auch in dir schon dämmern, mich zu kühlen,
Dich aber mußte solch ein Blick betrügen,
Er mußte dir das weiche Herz zerwühlen,
Es that sich auf, mein Bild hinein zu lassen,
Und statt zu jauchzen, sahst du mich erblassen.

Mir ist, als ob erblichne Huldgestalten,
Die schon zum Theil nicht mehr auf Erden weilen,
Mich still umschweben, und die Hände falten,
Und mich beschwören, dein Gefühl zu theilen,
Als könnt' ich ihnen dann noch Treue halten,
Wenn ich versuchte, deine Brust zu heilen:
Als Schwester bist du ihnen wohl erschienen;
Denn ihnen gleichst du an Gestalt und Mienen.

Umsonst! Es sei mit Allem jetzt gebrochen,
Was ich geliebt, und ewig lieben müßte,
Und mag darob auch mancher Busen pochen,
Es schmerzt mich, daß ich je ein Mädchen küßte.
Denn, wäre diese mir nicht zugesprochen,
So glaub' ich nicht, daß ich mir Süß'res wüßte,
Als jeglichem Ersatz zu widerstreben;
Drum hat das Schicksal ihn voraus gegeben.

Es kann mir jetzt den höchsten Wunsch versagen,
Und dieses wird, ich weiß es schon, geschehen;
Ich ward in einen fremden Kreis verschlagen,
Wie sollte ich in ihm nicht untergehen;
Die Welt des Mährchens, die aus alten Tagen
Zu uns herüber klingt, will neu erstehen;
Einst liebt' ich, was ich längst im Traum umfaßte,
Jetzt, däucht mir, muß ich lieben, was ich haßte.

Was sind sie, ihre dunklen, schwarzen Augen,
Was sonst, als Nacht, die in den Brand gerathen?
Und keine Ahnung sagt mir, ob sie taugen
Zu andern noch, als mörderischen Thaten;
Sie können Seelen aus dem Busen saugen,
Die zwar auch keinen süßren Tod erbaten,
Doch zweifl' ich, ob sie milde blicken können.
Und mehr noch, ob sie mir ihr Mildes gönnen.

Gleichviel! Und soll ich Nichts von ihr erwerben,
Und ist sie in des Todesengels Händen
Ein Dolch, der, um mich sichrer zu verderben,
Mit Gold und Perlen muß mein Auge blenden,
So schmück' ich sie doch köstlich noch im Sterben
Und will den ganzen Dichterschatz verschwenden,
Ihr für die That, dem Tode mich zu weihen,
Den höchsten Glanz im Leben zu verleihen!


    Das Opfer des Frühlings

Sah ich je ein Blau, wie droben
Klar und voll den Himmel schmückt?
Nicht in Augen, sanft gehoben,
Nicht in Veilchen, still gebückt!
Leiser scheint der Fluß zu wallen
Unter seinem Widerschein,
Vögel schweigen, und vor Allen
Dämmert meine Seele ein.

Doch, es gilt auch eine Feier!
Schaut den Lenz im Morgenglanz!
Hinter grauer Nebel Schleier
Flocht der Jüngling sich den Kranz.
Wenn sein Hauch, die Nebel theilend,
Ihn zu früh' schon halb verrieth,
Wich er scheu zurück, enteilend
In ein dunkleres Gebiet.

Dennoch steh'n, ihn zu empfangen,
Seine Kinder schon bereit:
Rose mit den heißen Wangen,
Mandelbaum im weißen Kleid!
Veilchen, die des Sommers Brüten
Bald erstickt, sie harren auch,
Keusche Lorbeern selbst erglühten;
Denn sie Alle traf sein Hauch.

Nun, mit fast verschämtem Lächeln,
Zieht er ein in's schöne Reich;
Ihm die glüh'nde Stirn zu fächeln,
Nah'n die Morgenwinde gleich.
Doch, ihn selber kühlend, stehlen
Sie so viel der holden Glut,
Als, die Blumen, die noch fehlen,
Zu erwecken, nöthig thut.

Flugs nun auf den leichten Schwingen
Eilen sie durch Hain und Thal,
Und vor ihren Küssen springen
Spröde Knospen ohne Zahl.
Jeder Busch, wie sie ihn streifen,
Wird zum bunten Blütenstrauß,
Und die Wurzeln, die noch steifen,
Treiben erstes Grün heraus.

Doch nun lös't sich, alle Farben
Zu erhöh'n und allen Duft,
Das verschluckte Licht in Garben
Reinen Goldes aus der Luft.
Sind das Stralen? Sind das Sterne,
Die der Tag in Flammen schmolz?
Alles funkelt, nah' und ferne,
Berg und Wald, ja Stein und Holz!

Horcht! Vor diesem Glanze fahren
Auch die Vögel aus dem Traum,
D'rin sie still versunken waren,
Wieder auf im blauen Raum;
Aber dick und rauchend steigen
Wolken heißen Dufts empor,
Und nun fällt in's dumpfe Schweigen
Neu betäubt zurück ihr Chor.

Fürder, immer fürder schreitend,
Kommt der Jüngling an den Fluß,
Der, sich rings in's Land verbreitend,
Alles tränkt, was trinken muß.
Aber heute möge dürsten,
Was da will, er hält sich an
Und versucht, ob er den Fürsten
Durch sein Bild nicht fesseln kann.

Denn, wenn dieser, süß betroffen,
Hier sich selbst im Spiegel schaut,
Krönt sein Blick das leise Hoffen,
Dem die Welle still vertraut;
Sei er noch so schnell und flüchtig,
Jene Lilje wird geweckt,
Die, wie keine, keusch und züchtig,
Sich in ihren Schooß versteckt.

Und wie sollte er nicht säumen?
Sieht er denn sich selber nur?
Nicht zugleich, die seinen Träumen
Leben gab, die blüh'nde Flur?
Wenn's ihn auch vorüber triebe
An der eig'nen Huldgestalt,
Fesselte ihn doch die Liebe
An die Braut mit Allgewalt.

Ach, er zögert wonnetrunken!
Aber lange bleibt er nicht
In den süßen Rausch versunken,
Nein, er wendet das Gesicht!
Denn ihm sagt ein inn'res Stocken,
Daß die Götter neidisch sind,
Und ihm däucht, mit seinen Locken
Spiele schon ein and'rer Wind.

Da beschleicht ihn dumpfe Trauer,
Ihm erlischt der Wange Roth,
Und ihn mahnt ein kalter Schauer
An den Tod, den frühen Tod;
Doch, von dem durchzuckt, entzittert,
Wie von selbst, sein Kranz dem Haar,
Der die Ew'gen ihm erbittert,
Und sein Fuß zertritt ihn gar.

Plötzlich Stille jetzt! Die Winde
Ruh'n, wie auf ein Zauberwort,
Doch in jedem Frühlingskinde
Bebt der Todesschauer fort,
Und ein hast'ger Blüten-Regen
Macht das duft'ge Opfer voll,
Das verhalt'nen Fluch in Segen,
Haß in Liebe wandeln soll.

Aber nun den stolzen Wipfel
Jeder Baum zur Erde neigt,
Nun auf hohem Berges-Gipfel
Selbst der Kühnste Demuth zeigt,
Nun erhebt der Jüngling wieder
Sanft das Haupt, das er gesenkt,
Und ein Oelblatt säuselt nieder,
Das versöhnt der Neid ihm schenkt.


Waldbilder

1. Das Haus im Walde

Ich bin im Walde gegangen,
Da traf ich ein kleines Haus,
Dort gingen die Engel Gottes
Sichtbarlich ein und aus.

Das Gärtchen, umher gezogen,
Bot Aepfel und Birnen genug,
Ein Weinstock spann sich durch's Fenster,
Der duftige Trauben trug.

Die Mutter säugte den Knaben,
Sie neigte sich über ihn,
Daß ihre rosige Wange
Ein Abglanz der seinigen schien.

Nun pflückt sie die schwerste der Trauben,
Die selbst die Schulter ihr tickt,
Die Rebe will sie erquicken,
Wie sie ihr Kind erquickt.

Und vor ihr, auf dem Tische,
Steht eine Flasche Wein,
Ein Becher dabei, die werden
Wohl für den Gatten sein!

Geräusch! - "Dein Vater, Knabe!"
Sie schenkt den Becher voll.
Noch nicht! Die Birne fiel nur,
Die sie ihm reichen soll.

Ich mögte vor sie treten,
Es ist noch eben Zeit,
Und sprechen: laß mich trinken,
Ich habe noch so weit!

Sie würde den Trunk mir reichen,
Der ihm beschieden war,
Mir würde sein, als böt' ihn
Der Friede selbst mir dar.

Doch nein, ich will mich wenden,
Der Wald ist dick und wild,
Ich will in den Wald mich verlieren,
Wer tritt hinein in ein Bild!


          2. Böser Ort

Ich habe mich ganz verloren,
Wie ist hier Alles stumm!
Es drängen die schwarzen Bäume
Sich tückisch um mich herum.

Sie wollen mich nicht mehr lassen,
Mich aber treibt es fort,
Man spricht von bösen Orten,
Dieß ist ein böser Ort!

Hier ist schon Böses geschehen,
Und hier muß mehr gescheh'n,
Wird's nicht an ihm begangen,
So muß es der Mensch begeh'n.

Die Blumen, so hoch sie wachsen,
Sind blaß hier, wie der Tod,
Nur Eine in der Mitte
Steht da in dunklem Roth.

Die hat es nicht von der Sonne,
Nie traf sie deren Glut,
Sie hat es von der Erde,
Und die trank Menschenblut!

Du sollst dich nicht länger brüsten
Auf meines Bruders Grab
In deinem gestohl'nen Purpur,
Ich räch' ihn und breche dich ab!

Dort liegt sie zu meinen Füßen!
Da schwingt ein Vogel sich,
Setzt sich mir gegenüber
Und pfeift und verspottet mich.

"Jetzt läßt der Ort dich weiter,
Da ihm sein Recht geschah,
Du hast die Blume getödtet,
Es war nichts Anders da."


         3. Dicker Wald

Seid ihr's wieder, finstre Wälder,
Voll von Mord und Tod und Gift,
Wo man keine Gränzen-Wächter,
Doch zuweilen Räuber trifft?

Belladonna bietet gastlich
Ihre Kirschen, roth und rund,
Und der Schlange grünes Auge
Blinzt mich an vom schwarzen Grund.

Eine Natter als Geschmeide
Um den Hals, in dumpfem Sinn,
Kauert dort ein gelbes Mädchen,
Sie ist Schlangen-Königin.

Hei, wie fühlt man hier sein Leben,
Und wie hängt man sich daran,
Wo aus nächstem Busch des Räubers
Erster Schuß es nehmen kann!

Zwar ist Nichts bei mir zu holen,
Doch so wird die Hand geübt,
Und ich selbst bin ja der Priester,
Der ihm im Voraus vergiebt.


           4. Situation.

In die kühle Felsengrotte
Tritt der junge Jäger ein.
Heiß ist's draußen, um zu schlummern,
Legt er still sich auf's Gestein.

Und der Schlaf, der ewig milde,
Schließt ihm bald die Augen dicht;
Süßer Träume lichte Schatten
Fliegen über sein Gesicht.

In die kühle Felsengrotte
Tritt ein Mädchen, hoch und schlank,
Sieht den Schläfer, hold erschreckend,
Naht sich hastig seiner Bank.

Will ihn wecken, höret Schritte,
Ruft mit Angst: es ist zu spät!
Macht des Kreuzes schirmend Zeichen
Ueber ihn, wie im Gebet.

In die Grotte tritt der Wildschütz,
Sieht den jungen Jägersmann,
Greift erblassend nach der Büchse,
Spannt den Hahn, legt auf ihn an.

Vor den Bruder tritt das Mädchen,
Doch er drängt sie stumm zurück;
Der hat einst auf mich geschossen!
Sagt ihr ernst und streng sein Blick.

"Sieh ihn schlafen - spricht sie leise -
Er ist jetzt in Gottes Schutz,
Ihm zur Seite steht ein Engel,
Fühlst du's nicht in deinem Trutz?"

Als er auflacht, fleht sie innig:
"Sieh, er schläft so ruhig fort!
Laß, bis er erwacht, ihn leben!" -
Er gelobt's mit kurzem Wort.

Still am Flintensteine schraubend,
Blickt er auf den Feind so wild;
Lautlos auf die Kniee sinkend,
Liegt sie bleich, ein Marmorbild.

"Glaubst du nicht an seinen Engel,
Oder bist du's selbst zumeist?"
Ach, ich bete - seufzt sie weinend -
Daß du nie ein Mörder seist!

Pulver auf die Pfanne schüttend,
Spricht er finster, ungeirrt:
"Wenn ich auch ein Mörder werde,
Ist es nur, daß Der's nicht wird!"

Ringsum Stille, durch das Summen
Eines Käfers kaum gestört,
Tief genug, daß man des Schläfers
Leise Athemzüge hört.


     Abendgefühl

Friedlich bekämpfen
Nacht sich und Tag.
Wie das zu dämpfen,
Wie das zu lösen vermag!

Der mich bedrückte,
Schläfst du schon, Schmerz?
Was mich beglückte,
Sage, was war's doch, mein Herz?

Freude, wie Kummer,
Fühl' ich, zerrann,
Aber den Schlummer
Führten sie leise heran.

Und im Entschweben,
Immer empor,
Kommt mir das Leben
Ganz, wie ein Schlummerlied vor.


             Nachtgefühl

Wenn ich mich Abends entkleide,
Gemachsam, Stück für Stück,
So tragen die müden Gedanken
Mich vorwärts oder zurück.

Ich denke der alten Tage,
Da zog die Mutter mich aus;
Sie legte mich still in die Wiege,
Die Winde braus'ten um's Haus.

Ich denke der letzten Stunde,
Da werden's die Nachbarn thun;
Sie senken mich still in die Erde,
Dann werd' ich lange ruh'n.

Schließt nun der Schlaf mein Auge,
Wie träum' ich so oftmals das:
Es wäre Eins von Beidem,
Nur wüßt' ich selber nicht, was.


    Nächtlicher Gruß

    An meine Freunde

In dieser dunklen Stunde
Der rings ergoßnen Nacht
Hab' ich bei Euch die Runde
Zu Gruß und Kuß gemacht.
In eines Jeden Hause
Sprach ich getreulich vor,
Bis in des Letzten Klause
Mein Geist sich ganz verlor.

Nun seid ihr längst versunken
In Schlaf und tiefen Traum,
Und schwingt Euch ahnungstrunken
Hoch über Zeit und Raum.
Leicht glaubt Ihr zu erstreben,
Was nie die Erde bot,
Und habt so doppelt Leben.
Für einen halben Tod.

Ich aber habe leise
Der Pforte mich genaht,
Die in die ew'gen Kreise
Euch aufgethan den Pfad,
Und all' die stumme Trauer,
Die mir das Herz noch schwellt,
Umschwebt als letzter Schauer
Euch kalt aus dieser Welt.


        Vorfrühling

Wie die Knospe hütend,
Daß sie nicht Blume werde,
Liegt's so dumpf und brütend
Ueber der drängenden Erde.

Wolkenmassen ballten
Sich der Sonne entgegen,
Doch durch tausend Spalten
Dringt der befruchtende Segen.

Glüh'nde Düfte ringeln
In die Höhe sich munter.
Flüchtig grüßend, züngeln
Streifende Lichter herunter.

Daß nun, still erfrischend,
Eins zum Andern sich finde,
Rühren, Alles mischend,
Sich lebendige Winde.


           Die Rosen

Als du frühmorgens gingst
Und an der Sonne hingst,
Pflücktest du dir,
Die, von ihr angeglüht,
Still vor ihr aufgeblüht,
Und nun den Duft versprüht,
Rosen zur Zier.

Hältst sie noch Abends fest?
Schmeichelte dir der West
Längst sie nicht ab?
Siehst ja, ihr Leben schwand!
Wo ist der Farbenbrand?
Doch nur in deiner Hand
Sind sie im Grab.

Gieb sie den Winden preis,
Daß sie mit ihnen leis
Düngen den Strauch.
Fühlt's nicht sogleich der Zweig,
Fühlt's doch die Wurzel gleich,
Und ist nur diese reich,
Wird der es auch!


                Sommerbild

Ich sah des Sommers letzte Rose steh'n,
Sie war, als ob sie bluten könne, roth;
Da sprach ich schauernd im Vorübergeh'n:
So weit im Leben, ist zu nah' am Tod!

Es regte sich kein Hauch am heißen Tag,
Nur leise strich ein weißer Schmetterling;
Doch, ob auch kaum die Luft sein Flügelschlag
Bewegte, sie empfand es und verging.


         Ein Bild aus Reichenau

Auf einer Blume, roth und brennend, saß
Ein Schmetterling, der ihren Honig sog,
Und sich in seiner Wollust so vergaß,
Daß er vor mir nicht einmal weiter flog.

Ich wollte seh'n, wie süß die Blume war,
Und brach sie ab: er blieb an seinem Ort;
Ich flocht sie der Geliebten in das Haar:
Er sog, wie aufgelös't in Wonne, fort!


             Herbstgefühl

Grünen, Blühen, Duften, Glänzen,
Reichstes Leben ohne Gränzen,
Alles steigernd, nirgends stockend,
Selbst die kühnsten Wünsche lockend:

Ja, da kann ich wohl zerfließen,
Aber nimmermehr genießen;
Solche Flügel tragen weiter,
Als zur nächsten Kirschbaum-Leiter.

Doch, wenn roth die Blätter fallen,
Kühl die Nebelhauche wallen,
Leis durchschauernd, nicht erfrischend,
In den warmen Wind sich mischend:

Dann vom Endlos-Ungeheuren
Flücht' ich gern zum Menschlich-Theuren,
Und in einer ersten Traube
Sieht die Frucht der Welt mein Glaube.


Spatziergang am Herbstabend

Wenn ich Abends einsam gehe
Und die Blätter fallen sehe,
Finsternisse nieder wallen,
Ferne, fromme Glocken hallen:

Ach, wie viele sanfte Bilder,
Immer inniger und milder,
Schatten längst vergangner Zeiten,
Seh' ich dann vorüber gleiten.

Was ich in den fernsten Stunden,
Oft nur halb bewußt, empfunden,
Dämmert auf in Seel' und Sinnen,
Mich noch einmal zu umspinnen.

Und im inneren Zerfließen
Mein' ich's wieder zu genießen,
Was mich vormals glücklich machte,
Oder mir Vergessen brachte.

Doch, dann frag' ich mich mit Beben:
Ist so ganz verarmt dein Leben?
Was du jetzt ersehnst mit Schmerzen,
Sprich, was war es einst dem Herzen?

Völlig dunkel ist's geworden,
Schärfer bläs't der Wind aus Norden,
Und dies Blatt, dies kalt benetzte,
Ist vielleicht vom Baum das letzte.


                     Herbstbild

Dieß ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah!
Die Luft ist still, als athmete man kaum,
Und dennoch fallen raschelnd, fern und nah',
Die schönsten Früchte ab von jedem Baum.

O stört sie nicht, die Feier der Natur!
Dieß ist die Lese, die sie selber hält,
Denn heute lös't sich von den Zweigen nur,
Was vor dem milden Stral der Sonne fällt.


Das Mädchen im Kampf mit sich selbst

                           1.

Schweigend sinkt die Nacht hernieder,
Und in tiefster Dunkelheit
Lös't das Mädchen ihre Glieder
Aus dem engen Sonntagskleid.
Aber ihre Hände irren
Bei den Locken dann und wann,
Und um diese zu entwirren,
Zündet sie ihr Lämpchen an.

Schüchtern nun bei seinem Strale
Schaut sie in des Spiegels Rund,
Und ihr thut zum ersten Male
Ihrer Schönheit Macht sich kund.
Tief erröthend, dennoch zaudernd,
Blickt sie fort und fort hinein;
Dann, wie vor sich selbst erschaudernd,
Löscht sie schnell der Lampe Schein.

Leise in sich selbst versinkend
Und aus eig'nen Zaubers Glanz
Inniges Genügen trinkend,
Ist sie still und selig ganz.
Doch sie will die Lust bezwingen,
Weil sie aus ihr selber quillt,
Da verklärt dies holde Ringen
Mailich süß ihr frommes Bild.

Und sie sieht's mit halbem Bangen,
Daß, je mehr sie sich verdammt,
Ihr's von Stirn und Mund und Wangen
Immer sternenhafter flammt.
Gottes eig'ner Finger leuchtet
Golden durch ihr Angesicht,
Und so wie ihr Blick sich feuchtet,
Löscht ihr Hauch zugleich das Licht.

                       2.

Doch zu nie erschöpftem Segen
Wird dies heilige Empfinden
Auch ihr Innerstes erregen
Und im Maaß der Schönheit binden;

Aug' in Aug' mit sich im Spiegel,
Feite sie sich selbst auf immer;
Unzerbrechlich ist das Siegel,
Wie auch lockt der Erde Schimmer.

Diese wunderbaren Formen,
Die des Leibes Bau ihr schmücken,
Werden die verwandten Normen
Auch in ihre Seele drücken;

Und so wird ihr inn'res Leben
All die Harmonie erwiedern,
Die sie mit geheimem Beben
Angeschaut in Leib und Gliedern.


          An einen Freund

Was dir Schlimmes oder Gutes
Auch das Leben bringen kann,
Nimmst du stets gelaßnen Muthes
Und zufried'nen Sinnes an.

Nur das Ganze macht dir Sorgen,
Nur, was nie ein Mensch ermißt,
Ob ein Räthsel d'rin verborgen,
Und ob dieß zu lösen ist.

Kann der Buchstab' denn ergründen,
Was das Wort bedeuten soll?
Wenn sich Alle treu verbünden,
Wird es ja von selber voll.

Nimm die Traube, wie die Beere,
Nimm das Leben, wie den Tag!
Was es auch zuletzt bescheere,
Immer bleibt's ein Lustgelag!


               Eine Pflicht

Schönheit, wo ich dich erblicke,
Huldige ich deinem Licht,
Und wie ich mich selbst erquicke,
So erfüll' ich eine Pflicht.

Hast du je dich selbst genossen,
Wenn man dich nicht erst genießt?
Bleibst du nicht in dich verschlossen,
Wenn man sich vor dir verschließt?

Ja, durchschauert es nicht leise
Auch die lieblichste Gestalt,
Wenn in einem blöden Kreise
Ihr versagt die Allgewalt?

Aber wenn sie, Lust erweckend,
Dieser Lust sich selbst erfreut,
Und, des Zaubers Macht entdeckend,
Den sie übt, ihn still erneut:

Hebt sich da ihr Blick nicht freier,
Weil er fremdes Feuer trinkt?
Fällt die Angst nicht, wie ein Schleier,
Erst bemerkt, indem er sinkt?

Drum ein ungetrübter Spiegel,
Schönheit, werd' ich stets dir sein;
Der Vollendung Sternensiegel
Kommt dir durch dein Bild allein!


            Höchstes Gebot

Hab' Achtung vor dem Menschenbild,
Und denke, daß, wie auch verborgen,
Darin für irgend einen Morgen
Der Keim zu allem Höchsten schwillt!

Hab' Achtung vor dem Menschenbild,
Und denke, daß, wie tief er stecke,
Ein Hauch des Lebens, der ihn wecke,
Vielleicht aus deiner Seele quillt!

Hab' Achtung vor dem Menschenbild!
Die Ewigkeit hat eine Stunde,
Wo jegliches dir eine Wunde
Und, wenn nicht die, ein Sehnen stillt!


                 Mahnung

Schilt nimmermehr die Stunde hart,
Die fort von dir was Theures reißt;
Sie schreitet durch die Gegenwart
Als ferner Zukunft dunkler Geist;
Sie will dich vorbereiten, ernst,
Auf das, was unabwendbar droht,
Damit du heut' entbehren lernst,
Was morgen sicher raubt der Tod.


         An die Jünglinge

Trinkt des Weines dunkle Kraft,
Die euch durch die Seele fließt
Und zu heil'ger Rechenschaft
Sie im Innersten erschließt!
Blickt hinab nun in den Grund,
Dem das Leben still entsteigt,
Forscht mit Ernst, ob es gesund
Jedem Höchsten sich verzweigt.

Geht an einen schaur'gen Ort,
Denkt an aller Ehren Strauß,
Sprecht dann laut das Schöpfungswort,
Sprecht das Wort: es werde! aus.
Ja, es werde! spricht auch Gott,
Und sein Segen senkt sich still,
Denn, den macht er nicht zum Spott,
Der sich selbst vollenden will.

Betet dann, doch betet nur
Zu euch selbst, und ihr beschwört
Aus der eigenen Natur
Einen Geist, der euch erhört.
Leben heißt, tief einsam sein;
In die spröde Knospe drängt
Sich kein Tropfe Thaus hinein,
Eh' sie inn're Glut zersprengt.

Gott dem Herrn ist's ein Triumph,
Wenn ihr nicht vor ihm vergeht,
Wenn ihr, statt im Staube dumpf
Hinzuknieen, herrlich steht,
Wenn ihr stolz, dem Baume gleich,
Euch nicht unter Blüten bückt,
Wenn die Last des Segens euch
Erst hinab zur Erde drückt.

Fort den Wein! Wer noch nicht flammt,
Ist nicht seines Kusses werth,
Und wer selbst vom Feuer stammt,
Steht schon lange glutverklärt.
Euch geziemt nur Eine Lust,
Nur ein Gang durch Sturm und Nacht,
Der aus eurer dunklen Brust
Einen Sternenhimmel macht.