Hebbel

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Biografie

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              Adams Opfer

Die schönsten Früchte, frisch gepflückt,
Trägt er zum grünen Festaltar,
Und bringt, mit Blumen reich geschmückt,
Sie fromm als Morgenopfer dar.

Erst blickt er froh, dann wird er still:
O Herr, wie arm erschein' ich mir!
Wenn ich den Dank dir bringen will,
So borge ich selbst den von dir!


    Der Baum in der Wüste

Es steht ein Baum im Wüstensand,
Der einzige, der dort gedieh;
Die Sonne hat ihn fast verbrannt,
Der Regen tränkt den durst'gen nie.

In seiner falben Krone hängt
Gewürzig eine Frucht voll Saft,
Er hat sein Mark hinein gedrängt,
Sein Leben, seine höchste Kraft.

Die Stunde, wo sie, überschwer,
Zu Boden fallen muß, ist nah',
Es zieht kein Wanderer daher,
Und für ihn selbst ist sie nicht da.


             Erquickung

Der Vater geht hinaus auf's Land,
Sein munt'res Knäblein an der Hand;
Getragen ist des Tages Last,
Nun geht er bei der Nacht zu Gast.

Solch frisches Menschenangesicht,
D'raus Heiterkeit und Friede spricht,
Das ist mir, wie ein Bibelbuch,
Ich schau' hinein, und hab' genug.

Bin längst nicht mehr der Thor, der fragt:
Was hast du selber dir erjagt?
Das aber giebt mir ein Gefühl,
Als gäb's für And're doch ein Ziel.


     In das Album meiner Frau

In deiner Seele unbeflecktem Adel,
In ihrer Unschuld, wurzeln deine Schwächen,
Und was die Meisten vor gemeinem Tadel
Bewahrt, das ist ihr innerstes Gebrechen.

Es könnte Einer dir das Leben rauben,
Und wäre dir schon halb dein Blut entquollen,
So würdest du ihm noch im Sterben glauben,
Er hätt' dir bloß die Ader öffnen wollen.

Will die Natur die Schönheit rein entfalten,
So darf sie Nichts von ihrem Feind ihr sagen,
Sie kann nur dann das Herrlichste gestalten,
Doch muß sie seinen Untergang auch wagen.

Oft wünscht' ich dir zu deinem vollen Frieden,
Du mögtest in der Brust des Feindes lesen,
Doch weiß ich wohl, es wird dir nicht beschieden,
Denn dieser Mangel trägt dein ganzes Wesen!


               Großmutter

Mit Ehrfurcht stand ich einst vor dir,
In einer ernsten Stunde,
Den Segen, fromm, erbat ich mir
Von deinem heil'gen Munde.
Du sahst nicht mehr, du hörtest kaum,
Kalt waren deine Hände,
Und, sprachst du, war's, als ob im Traum
Ein Todter Worte fände.

Du strichst die Locken mir zurück,
Dann frugst du manche Sachen
Und batest mich, dein letztes Glück
Im Alter noch zu machen.
"Sie sagten mir, du wärest todt!"
Dumpf riefst du's aus und weintest;
Da ward mir klar in deiner Noth,
Daß du den Vater meintest.

Von seinem Leben sprachst du nun,
Als wär's mein eig'nes Leben;
Ich sah ihn in der Wiege ruh'n,
Mit Wonne dich darneben;
Ich gab durch manches schöne Jahr
Gerührt ihm das Geleite;
Ich sah ihn endlich am Altar,
An meiner Mutter Seite.

Manch schlichtes Glück erfreute ihn,
Ich wurde ihm geboren;
Mein Bruder dann; jetzt aber schien
Der Faden dir verloren.
Du stocktest plötzlich, brachest ab
Und frugst, was nun gekommen,
Ich dachte an sein frühes Grab,
Doch schwieg ich, tief beklommen.

Du schluchztest, aufgethaut und weich,
Als hätt'st du Nichts vergessen,
Und doch begannest du zugleich,
Von einer Frucht zu essen.
Den Stuhl zum Ofen schobst du dann,
Dich wieder einsam wähnend,
Und fingest laut zu beten an,
Dein Haupt vorüber lehnend.

Ich aber sah von fern die Zeit
Auch mein schon dunkel harren,
Wo mir die Welt Nichts weiter beut,
Als Gräber aufzuscharren,
Und, weil dem schlotternden Gebein
Sich noch versagt das Bette,
Ich, selbst verglüht, in Gottes Sein
Mich still hinüber rette.


          Ein Spatziergang in Paris

Es war ein sommerschöner Frühlingstag,
Und frühe schon verließ ich mein Gemach,
Mit Wonne trank ich die durchglühte Luft
Und eines Veilchenstraußes lauen Duft,
Den auf dem Boulevard mir, jung und roth,
Als ich vorüberstrich, ein Mädchen bot.

Und als ich weiter ging, und fern und nah'
Das frische Leben sich entbinden sah,
Im Lied der Vögel, in der Sonne Licht,
Und in der Menschen frohem Angesicht,
Das Alles spiegelt, was zu Leid und Lust
Sich still-geheim gebiert in tiefster Brust:

Da ward in mir das Innerste gelös't,
Des Wesens Kern und Wurzel, wie entblößt,
Und was in mir nicht leuchtet und nicht klingt,
Weil es in and'rer Form zum Dasein dringt,
Das leuchtete und klang, es rann in Eins
Mit Stral und Ton zur Fülle neuen Seins.

Ich lebte ganz: der ew'gen Kräfte Strom
Zog hin durch mich, durch's Engste, durch's Atom,
Ich wurde aus dem Ring, der mich umengt,
In's Unermeßliche hinausgedrängt,
Ich fühlte, was ich sein kann, was ich bin,
Und gab, wie gern, für Jenes Dieß dahin.

Das trieb aus mir den Tod auf ewig aus,
Es ist ein Tausch, wie machte der mir Graus!
Wer je geahnt, was Alles in ihm starb,
Als er die letzte spröde Form erwarb,
Der schaudert nicht, wenn sie zerspringt, er weiß:
Nun tritt die Kraft nur in ein neues Reis.

Der Mittag kam, und weil es Longchamp war,
So schloß ich mich an die geputzte Schaar,
Die sich ergießt durch's Elysä'sche Feld
An diesem Ostertag der schönen Welt,
Wo zwar noch Christus nicht, doch, heiß erfleht,
Schon die Pariser Mode aufersteht.

Ein putz'ger Anblick! Hier der Obelisk,
Der einst, umrauscht von Palm' und Tamarisk,
Sesostris grüßte; voll granit'nen Hohns
Der Siegesbogen dort Napoleons,
Und in der Mitte hin und her, im Staat,
Was sich ein neues Kleid erobert hat!

Wie glücklich ist ein distinguirter Mann!
In Frankreich auch erkennt's der Haufe an.
Wie wird ein Shawl, ein seid'nes Flor-Gespinnst,
Ein Perlenschmuck bewundert und begrinzt!
Weit mehr, als Sonn' und Mond, denn deren Glanz
Flicht keine Dame in den Lockenkranz.

Mir war, als säh' ich in der Komödie
Mein Innerstes in heit'rer Travestie
Mir vorgeführt; wie ich um seine Kraft
Den Proteus, der sich rastlos umerschafft,
So neidete mich selbst des Bettlers Wuth
Vielleicht um Wunder, die der Schneider thut.

O Cäsar, hast du je daran gedacht,
Daß selbst im Tod dir noch dein Glück gelacht?
Zwar - drei und zwanzig Wunden sind genug
Für den, der Rom nur halb in Bande schlug,
Doch finden konntest du das gleiche Ziel,
Weil deine Toga einem Dieb gefiel!

Es dämmerte, die schöne Welt verlor
Sich mit dem Tag, nun ras'te um mein Ohr
Von zwanzig Volkstheatern die Musik,
Dazwischen viel Gesang, Gejauchz, Gequiek.
Vor jedem wurden Lampen angesteckt,
Weil das die Lust in Volk und Kindern weckt.

An Hoftheatern komm' ich leicht vorbei,
Doch eine Bude bleibt mir ewig neu.
Wo wär' auch, den das "Bild der Welt" nicht reizt,
Wenn sich darin Natur und Kunst verkreuzt,
Wenn jede zeigt, was sie nicht zeigen will,
Und eine um die and're keift: sei still!

Wen läßt das veni vidi vici kalt,
Wenn's stolz und breit aus Bettlers Mund erschallt?
Wer hört nicht das: Nichts ist unmöglich! gern,
Wenn unten gleich der Stiefel seinem Herrn
Das Gegentheil beweis't, an dessen Riß
Man sieht, der Schuster trotzt dem Mann gewiß.

Hinein denn! Aber wo? Die Wahl ist schwer,
Der zeigt uns zwanzig Wunder; dreizig der.
Dort la Gloire de France! Wer schwankte noch!
Das ist der Ort! Denn sehen muß ich doch,
Wer für den Mann des Schicksals unverzagt,
Wenn's nöthig ist, das Wort zu nehmen wagt.

Ein alter Tambour! Schau'n wir denn auf ihn!
So wär' er eingezogen in Berlin!
So hätte er bei Austerlitz gebrüllt!
So in den Mantel sich bei Ulm gehüllt! -
Sah dich dein Kaiser als Komödiant,
Er hätt' aus Angst zum Marschall dich ernannt.

Und doch, so wie du ihn, hat er den Geist
Der Welt, der abermals umsonst gekreis't,
Vielleicht gespielt, und dieser rächt durch dich
Für seine eig'ne Parodirung sich,
So wie er schon vorher durch Walter Scott
Zum wackern Mann herabgesetzt den Gott.

Ade, o Kaiser! Der zu Tod dich stach,
Der Wurm umkriecht jetzt deinen Sarkophag,
Und ach, der Schwindel dieses Wurm-Gehirns
Beschreibt den Kreislauf deines Ruhm-Gestirns!
Denn, hast du mehr von deiner Majestät,
Als daß sich dieß noch tausend Jahre dreht?

Die Nacht brach ein, die Nacht, die, wie vom Kleid
Den Leib, so auch vom Leib den Geist befreit,
Die, daß die Lebensposse ganz zerstiebt,
Uns im Voraus den Tod zu kosten giebt,
Und auch schon Flocken aus dem Faden züpft,
Der uns mit allem Sein der Welt verknüpft.

Ich ging zurück, nicht matt, doch übersatt.
Jetzt ein Glas Wein noch und ein Zeitungsblatt!
Ein Wink, und Beides stand mir zu Gebot.
Ein Blick, und keinen mehr: Thorwaldsen todt!
Ein langes Schweigen, wie am heil'gen Ort!
Kein Lebewohl! Doch endlich dieses Wort:

So war ihm jeder Genius geneigt!
Das hat ihm auch der letzte nun gezeigt!
Er stirbt nicht! Lebt! Ist todt! So fällt ein Stern!
Das Fallen selbst ist schön! Man sieht's noch gern!
Das war der Tod, den die Natur gewollt!
So stirbt, was ganz gelebt, wie es gesollt!

Er selbst war ein Geschenk. Ein zweites war
Sein Leben bin in's siebenzigste Jahr.
So packt mich jetzt denn auch kein grimmer Schmerz,
Doch jener Schauder greift mir stark an's Herz,
Der uns erfaßt, wenn scheidet solch ein Mann,
Den ein Jahrtausend erst ersetzen kann!

Denn Künstler-Größen lösen sich nicht ab,
Wie Schildwacht Schildwacht an des Kaisers Grab.
In immer längern Pausen kehren sie;
Denn immer schwerer wird die Harmonie,
Bis endlich alle weicht; und der Planet -
Wie jetzt der Mensch, sein Sohn, vielleicht vergeht!

Nun stehen alle Kaiserstühle leer!
Seit Raphael erstand kein Maler mehr,
Der sich durch Geistesfülle und Talent
Mehr aufgerichtet, als ein Monument.
Zwar, groß sind Vernet und Cornelius,
Doch wie? Als erster oder - letzter Gruß!

Beethoven schied. Und während er verschnauft,
Herrscht Meyerbeer, der hundert Orgeln kauft,
Damit der Componist, der mit ihm ringt,
Nicht eine vor ihm auf die Bühne bringt.
Beethoven hätt' der Orgel selbst vertraut,
Was dieser auf die erste Orgel baut.

Goethe ging heim. Das Diadem zersprang,
Das achtzig Jahre seine Stirn umschlang.
Nun zeigt zwar Mancher ein Juwel daraus,
Doch, wer verflicht sie abermals zum Strauß?
Wer ist es, der den Geist und die Natur,
Wie er, ergreift auf ungetrennter Spur?

Thorwaldsen folgt, der Letzte wohl im Zug,
Der aus dem Marmor griech'sches Feuer schlug,
Der das, was werden sollte und nicht ward,
Weil es im Werden selbst schon halb erstarrt,
Das ungeschaff'ne Urbild alles Seins,
Erlös'te aus dem spröden Schooß des Steins.

Fahr wohl! Noch nicht! So lang' ich dieses Wort
Nicht sprach, so lange kannst du noch nicht fort!
Das ist, die Liebe hat es wohl erkannt,
Der letzte Zauber, der die Schatten bannt,
Sie kehren um, wenn's nicht ertönt, man sieht
Das Liebste noch einmal, bevor es flieht.

So trittst auch du vor meinen innern Sinn,
Damit ich Abschied von dir nehme, hin;
Wie ich dich einst bei Oehlenschläger sah,
So stehst du herrlich wieder vor mir da,
Schon ungenannt erkannt, und anzuschau'n,
Als hätt'st du selbst dich aus dem Fels gehau'n.

Du riefst mir freundlich ein Willkommen zu,
Ich rufe jetzt in deine ew'ge Ruh
Aus tiefster Brust ein Fahrewohl dir nach,
Und diesen Kranz, bunt, wie ihn mir der Tag
Aus wilden Blumen mit und ohne Duft
Geflochten, lege ich auf deine Gruft!


Ein Geburtstag auf der Reise

Wie wird mir so beklommen,
Obgleich ich ruhig schlief!
Wär' heut' der Tag gekommen,
Der mich in's Leben rief?
Ja, sagt mir der Kalender,
Ein Strauß des Freundes auch,
Den der zu milde Spender
Mir flocht am Lorbeerstrauch.

Ach, was sind das für Boten!
Wo bleiben Weib und Kind,
Die sonst, zum Liebesknoten
Verschränkt, die Ersten sind!
Heran, heran, wie immer,
Du theures, theures Paar,
Sonst wage ich mich nimmer
Hinein in's neue Jahr.

Daß ich noch Athem hole,
Verdank' ich euch allein,
Denn ihr seid meine Pole
Und werdet's ewig sein!
Wie sollt' ich wohl noch ringen,
Wär's nicht des Vaters Pflicht?
Und könnt' es mir gelingen,
Stärkte dies Weib mich nicht?

Drum schnell, ich muß euch schauen!
Christine, an mein Herz,
Du innigste der Frauen,
Eh' es erstarrt vor Schmerz.
Und daß ich zwiefach nippe,
Reich' auch dein Kind zum Kuß,
Das meiner bärt'gen Lippe
Nur naht, wenn's eben muß.

Sie zögern noch! Ermannung!
Sie sind dir heut' zu fern!
Du lebst in der Verbannung,
Doch nicht von Stern zu Stern!
Du ward'st auf eine Weile
Dem Paradies entrückt,
Damit es, dir zum Heile,
Bald doppelt dich beglückt.

Nun wohl, ich will es tragen,
Bin ich auch Duldens satt;
Ich ward zurück verschlagen
In eine finst're Stadt,
Wo ich, der Welt verborgen,
Bestand den ersten Streit,
Drum werde dieser Morgen
Der Pilgerschaft geweiht.

Es ist die rechte Stunde,
Ein Schlachtfeld zu beschau'n,
Ich mache flugs die Runde
Und thu' es ohne Grau'n,
Als wären's schon Aeonen,
Wo ich hier, stumm, doch bang,
Mit jedem der Dämonen
Auf Tod und Leben rang.

Drum erst zum kleinen Hause,
Das mich beherbergt hat!
In dieser dunklen Klause
Reift' ich zur Dichterthat,
Viel litt ich da im Stillen,
Viel hat's in mir geschafft:
Von Gott den reinen Willen,
Vom Teufel jede Kraft.

Vorüber doch, vorüber!
Mir wird in meinem Sinn
Auf einmal trüb und trüber,
Nun ich zur Stelle bin.
Mir däucht, durch dieses Fenster
Grinzt noch der ganze Chor
Der Larven und Gespenster,
Die mich gequält, hervor.

Dafür zum Königsgarten
Mit raschem Schritt hinab!
Er war's, der dem Erstarrten
Stets wieder Leben gab,
Der, wenn mich eine Mahnung
Des Todes tief geschreckt,
Mich gleich durch eine Ahnung
Der Zukunft neu geweckt.

O Park, sei mir gesegnet!
Bleib ewig frisch und grün,
Und wenn's nur einmal regnet,
So sollst du zweimal blüh'n!
In jeden deiner Gänge
Verlier' ich mich mit Lust,
Denn jeder hat Gesänge
Gehaucht in meine Brust.

Hier zeigte, wie im Traume,
Sich mir die Judith schon!
Dort, unter'm Tannenbaume
Sah ich den Tischlersohn,
Da drüben winkte leise
Mir Genovevas Hand,
Und in des Weihers Kreise
Fand ich den Diamant.

Dann wollt' es mich bedünken,
Ich sei unendlich reich!
Mein Busen war dem Blinken
Des Sternenhimmels gleich:
Schon viel sind aufgegangen
In wandelloser Pracht,
Mehr glaubt man noch umfangen
Vom stillen Schooß der Nacht.

Zwar blieben's damals Schemen,
Mir nur zum Trost geschickt,
Sie mußten Abschied nehmen,
So wie ich sie erblickt.
Das fügte tausend Schmerzen
Den schwersten noch hinzu,
Doch kam zuletzt dem Herzen
Durch sie allein die Ruh.

Denn als sie Blut getrunken,
Wie des Odysseus Schaar
Im Hades, deren Funken
Längst still verglommen war:
Da wandelten die Schatten
Sich in Gestalten schnell,
Und nun sie Leben hatten,
Ward's rings um mich auch hell.

So will's ja der Berather
Der Welt, daß in der Kunst
Das Kind den eig'nen Vater
Erlös't vom ird'schen Dunst,
Und für die heil'ge Schüssel
Voll Bluts, die er vergießt,
Ihm dankt mit einem Schlüssel,
Der ihm das All erschließt.


              Auf dem Meer

(Bei einer Ueberfahrt nach Copenhagen im Feuerjahr 1842.)

Allheilig Meer! Es donnern deine Klänge
Mir so gewaltig in's erschreckte Ohr,
Als brächen die verhalt'nen Fluchgesänge
Begrabener Titanen draus hervor.

Sie stürzten sich hinab in deine Wogen,
Sie wollten sterben; aber um den Tod
Hat deine falsche Tiefe sie betrogen,
Sie tragen noch des Lebens öde Noth.

Sie wissen's jetzt: man kann nicht einzeln sterben;
So lange noch ein Zwerg auf Erden lebt,
Wird sich kein Gott den ganzen Tod erwerben,
Ob er im Meer, im Aetna sich begräbt.

Sie sehen jetzt die blöden Menschen kauern
Um ihres großen Daseins Aschenrest;
Da grollen sie: soll das denn ewig dauern?
Wie lange hält der Wurm die Wärme fest!

Uns kreis'te doch das Ganze in den Adern,
Das jetzt zu Tropfen tausendfach zerrann;
Wir mußten dennoch mit den Göttern hadern,
Jetzt haben Legionen g'nug daran!

So grollen sie im Aetna und im Grunde
Des Meers, und nicken langsam wieder ein;
Doch nach Jahrhunderten ruft eine Stunde
Sie abermals zurück in's öde Sein.

Dann wähnen sie: nun ist die Welt am Ende,
Und dies Erwachen ist das letzte Weh!
Dann wirft der Eine seine Feuerbrände,
Dann ras't der And're in dem Schooß der See.

Ich ahnt' es längst! Die grollenden Titanen
Sind aus dem Schlummer wieder aufgestört,
Und haben, an die alte Nacht zu mahnen,
Jedwedes Element der Welt empört.

War's Empedokles, der die Stadt der Elbe
Mit seiner Aetnafackel angesteckt?
Und ist's ein And'rer, oder ist's derselbe,
Der zürnend jetzt den alten Meergeist weckt?

Wohlauf! Zurückgeschlagen sind die Flammen!
Schwellt denn in Eins, ihr Meere, fern und nah',
Knüpft Wogentanz und Sternentanz zusammen,
Wie Aeschylos es im Prometheus sah.


                     Proteus

Was oben und unten in Fülle und Kraft
Die ewige Mutter erschuf und erschafft,
Sie hat es in Formen, in steife, gehüllt,
In starrende Normen das Leben gefüllt.

Und wie's in den Formen auch brauset und zischt,
So bleibt es doch immer mit Erde gemischt,
Nie kann sich's entreißen der dumpfen Gewalt,
Da wird es so trübe, da wird es so kalt.

Doch mich hat sie nimmer gebannt in den Ring,
Mit welchem sie grausam die Wesen umfing,
Ich steige hinunter, ich steige empor
Nach eig'nem Behagen im wirbelnden Chor.

Ich schlürfe begierig aus jeglichem Sein
Mit tiefem Entzücken den Honig hinein,
An keines gebunden, muß jedes mir schnell
Die Pforten entriegeln zum innersten Quell.

Ich bin's, der die Welle des Lebens bewegt,
Der ihre gewaltigste Strömung erregt,
Und dann, was sie innerlich eigen besitzt,
Enteilend, in's dürstende Weltall verspritzt.

Ha! oben in Wolken in bläulichem Glanz
Mit brausenden Stürmen der schwindelnde Tanz!
Als Blitz, dies Verflammen im nächtlichen Blau!
Als Regen, dies Tränken der durstigen Au!

Im Kelche der Blume, im farbigen, nun
Das stille Verschließen, das liebliche Ruh'n!
Und wenn ich entsteige der thauigen Gruft,
Umströmt mich, entbunden, der glühendste Duft!

O seliges Wohnen in Nachtigallbrust!
O süßes Zerrinnen in heimlichster Lust!
Ich hauch' ihr die Liebe in's klopfende Herz,
Dann scheid' ich, da singt sie in ewigem Schmerz.

In Seelen der Menschen hinein und hinaus!
Sie mögten mich fesseln, o neckischer Strauß!
Die fromme des Dichters nur ist's, die mich hält,
Ihr geb' ich ein volles Empfinden der Welt.


             Zwei Wandrer

Ein Stummer zieht durch die Lande,
Gott hat ihm ein Wort vertraut,
Das kann er nicht ergründen,
Nur Einem darf er's verkünden,
Den er noch nie geschaut.

Ein Tauber zieht durch die Lande,
Gott selber hieß ihn geh'n,
Dem hat er das Ohr verriegelt,
Und Jenem die Lippe versiegelt,
Bis sie einander seh'n.

Dann wird der Stumme reden,
Der Taube vernimmt das Wort,
Er wird sie gleich entziffern,
Die dunkeln göttlichen Chiffern,
Dann zieh'n sie gen Morgen fort.

Daß sich die Beiden finden,
Ihr Menschen, betet viel.
Wenn, die jetzt einsam wandern,
Treffen, Einer den Andern,
Ist alle Welt am Ziel.


            Erleuchtung

In unermeßlich tiefen Stunden
Hast du, in ahnungsvollem Schmerz,
Den Geist des Weltalls nie empfunden,
Der niederflammte in dein Herz?

Jedwedes Dasein zu ergänzen
Durch ein Gefühl, das ihn umfaßt,
Schließt er sich in die engen Gränzen
Der Sterblichkeit als reichster Gast.

Da thust du in die dunkeln Risse
Des Unerforschten einen Blick
Und nimmst in deine Finsternisse
Ein leuchtend Bild der Welt zurück;

Du trinkst das allgemeinste Leben,
Nicht mehr den Tropfen, der dir floß,
Und in's Unendliche verschweben
Kann leicht, wer es im Ich genoß.


      Geburtsnacht-Traum

Ich durfte über Nacht im Traum
Ein seltsam Fest begehen,
Ich habe meine Väter all'
Um mich vereint gesehen.

Mein Vater führte stumm den Zug,
Er lächelte hinüber,
Dann aber wandte er sich ab,
Ihm ward das Auge trüber.

Es war der Letzte, welcher starb,
Noch hatt' er all' die Milde;
Der Himmel hatte Nichts verschönt
An seinem theuren Bilde.

Großvater nahte nun heran,
Der mich zu wiegen pflegte,
Eh', wie er mich, ihn selbst der Tod
In's stille Bette legte.

Ich habe ihn sogleich erkannt,
Als hätte, wie die Nische
Den Heiligen, mein Herz sein Bild
Bewahrt in voller Frische.

Sein Auge weilte, wie erstaunt,
Auf mir und schien zu fragen:
Bist du dasselbe kleine Kind,
Das einst mein Arm getragen?

Großmutter auch, sie nahte sich,
Die mildeste der Frauen;
Auf meinen Vater schien sie bald
Und bald auf mich zu schauen.

Und als sie fand, daß ich ihm glich,
Ging in den bleichen Zügen,
Als wär's ein neues Leben, auf
Das innigste Vergnügen.

Nun trat ein ernster Mann herzu,
Den ich nicht mehr erkannte,
Doch sah ich, daß er freundlich sich
Zu meinem Vater wandte.

Und immer größer ward die Schaar
Von Männern, welche kamen,
Und stets durchzuckte mir's die Brust:
Du bist von ihrem Samen!

Auch zarter Frauen nahten viel
In Trachten, fremd und eigen;
Ein schlummerndes Jahrhundert schien
Mit jeder aufzusteigen.

Die sanften Augen waren all'
So süß auf mich geheftet,
Doch war der lächelnd holde Mund,
Zur Rede zu entkräftet.

Vom Thurme schlug es, dumpf und bang,
Sie schieden mit Getümmel;
Die Männer deuteten auf's Grab,
Die Frauen auf den Himmel.

Das war die Stund', die mich gebar;
Nun frag' ich mich mit Beben:
Ob sich das Leben und der Tod
Im Grabe noch verweben?

Ob, die sich regt in meiner Brust,
Die ungestüme Flamme,
Die Todten noch im Schlummer stört,
Aus deren Blut ich stamme?

Ob sie mir blaß zur Seite geh'n,
Unmächtig, zu erscheinen,
Und lächeln, wenn ich glücklich bin,
Und wenn ich's nicht bin, weinen?

Und ob ich selbst dereinst mein Kind,
Statt ruhig auszuschlafen,
Durch Nacht und Sturm begleiten muß
Bis an den letzten Hafen?


      Dämmer-Empfindung

Was treibt mich hier von hinnen?
Was lockt mich dort geheimnißvoll?
Was ist's, das ich gewinnen,
Und was, womit ich's kaufen soll?

Trat unsichtbar mein Erbe,
Ein Geist, ein lust'ger, schon heran,
Und drängt mich, daß ich sterbe,
Weil er nicht eher leben kann?

Und winkt mir aus der Ferne
Die Traube schon, die mir gereift
Auf einem andern Sterne,
Und will, daß meine Hand sie streift?


            Reminiscenz

Millionen öde Jahre
Lag ich schon in dumpfem Schlaf,
Als aus einem Augenpaare
Mich der Stralen erster traf.

Da begann ich, mich zu regen,
Ich empfand des Werdens Schmerz,
Und mit ungewissen Schlägen
Setzte sich in mir ein Herz.

In die allerfernste Ferne
Wich das Augenpaar zurück,
Doch als zwei vereinte Sterne
Flimmt es noch in meinen Blick.

Nehmt, o nehmt den Funken wieder,
Der zu euch zurück begehrt!
Fühl' ich's doch, o neigt euch nieder,
Daß ihr selbst ihn still entbehrt.

Dieses Dämmersein auf Erden,
Wähnt ihr, es erlischt zu bald?
Ach, der Wunsch, verzehrt zu werden,
Ist sein einziger Gehalt!


           Rose und Lilie

Die Rose liebt die Lilie,
Sie steht zu ihren Füßen;
Bald lös't die Glut ihr schönstes Blatt,
Es fällt, um sie zu grüßen.

Die Lilie bemerkt es wohl,
Sie hätt' das Blättlein gerne;
Der Wind verweht's, und Blatt nach Blatt,
Jagt er in alle Ferne.

Die Rose doch läßt nimmer ab,
Läßt immer neue fallen;
Sie grüßt, und grüßt sich fast zu Tod,
Doch keines trifft von allen.

Das letzte fängt die Lilie
Und thut sich dicht zusammen.
Nun glüht das Blatt in ihrem Kelch,
Als wär's ein Herz voll Flammen.


           Blume und Duft

In Frühlings Heiligthume,
Wenn dir ein Duft an's Tiefste rührt,
Da suche nicht die Blume,
Der ihn ein Hauch entführt.

Der Duft läßt Ew'ges ahnen,
Von unbegränztem Leben voll;
Die Blume kann nur mahnen,
Wie schnell sie welken soll.


              Der Sonnen-Jüngling

Der Sonnen-Jüngling blickt zum ersten Mal
Hernieder auf die Erde mit Verlangen,
Er kehrt sich glühend ab in süßem Bangen,
Doch blüh'n schon Veilchen auf vor seinem Stral.

Er blickt noch einmal, und zu seiner Qual
Ist schnell die erste Lilje aufgegangen;
Bei'm dritten Mal sieht er die Rose prangen,
Nun muß er rastlos blicken, ohne Wahl.

Und ach, je länger er sie nun betrachtet,
Je größer wird in seiner Brust das Sehnen,
Weil sie sich immer lieblicher gestaltet.

Er aber, der sich neben ihr verachtet,
Ahnt nicht in seinem Weh und seinen Thränen,
Daß all' die Schönheit nur sein Blick entfaltet.


       Horn und Flöte

Tief in des Berges Grunde,
Da ruhte das Metall,
In ödem Steingeklüfte,
Taub, ohne Glanz und Schall.
Oft um des Berges Gipfel
Hat dumpf der Sturm gerauscht,
Man hat in seinen Tiefen
Gewässersturz erlauscht.

Fern an des Ganges Ufer,
Da stand der Sandelbaum;
Die Sonne einsam drüber
Im weiten Himmelsraum.
Goß die auf ihn hernieder
Der Stralen heiße Glut,
So kühlte ihn der Lotos
Durch seiner Düfte Flut.

Man wagte sich hinunter
Bis zu des Berges Herz
Und stahl mit keckem Finger
Sein treu bewahrtes Erz.
Durch Feuer und durch Wasser
Hat das den Weg gemacht,
Draus haben Menschen-Hände
Ein Horn hervorgebracht.

Es haben gift'ge Winde
Den edlen Baum entstellt,
Dann hat ein fleiß'ger Schiffer
Ihn ganz und gar gefällt.
Ihn über's Meer zu führen,
Hielt er ihn nicht zu schlecht,
Zur Flöte fand ein Meister
Drauf einen Zweig gerecht.

Nun bläsest du die Flöte
Und du das Horn zur Stund',
Und Horn und Flöte machen
Mir manch Geheimniß kund.
Bald in des Berges Schooße
Vermeine ich zu sein,
Und bald, mich zu ergehen
In Indiens Sonnenschein.


           Der Kranke

Der Kranke in seinem Bette,
Wie schlief er so schwer und bang,
Als hin zu der schwülen Stätte
Der erste Lenzhauch drang.

Ein Fenster war aufgegangen,
Durch das er hinein sich stahl,
Nun kühlt er die heißen Wangen,
Die glühende Stirn zumal.

Und all dies linde Kosen,
Das Blüten gelockt aus dem Baum,
Es giebt dem Hoffnungslosen
Genesung in süßem Traum.

Doch ach, der holde Gedanke
Erschüttert zu sehr sein Herz,
Vor Freuden erwacht der Kranke
Und fühlt den alten Schmerz.


            Das Grab

Mir war, als müßt' ich graben
Und grub gar tief hinab;
Grub in die Läng' und Breite,
Am Ende ward's ein Grab.

War, weiß nicht wie, gezwungen,
Hab's nimmer gern gethan,
Doch sollt' ich, was ich wünschte,
Zuletzt als Lohn empfah'n.

Das Grab war aufgeworfen,
Matt sank mir Arm und Bein,
Ich hatte Nichts mehr zu wünschen
Und legte mich selbst hinein.