Hebbel

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Inhalt

Biografie

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     Die Schönheit der Welt

Weiß ich nicht, wie du entsprungen,
Weiß ich doch, was dich erhält,
Was den Streit in dir bezwungen,
Und mit ihm den Tod, o Welt!

Der Zerstörung wilde Triebe,
Die kein Selbstgenuß noch band,
Sind erloschen in der Liebe,
Seit du dich als schön erkannt!

Dem Adon, der sterben wollte,
Zeigt sein erstes Bild das Grab,
Das im Fluß ihn decken sollte,
Und er springt nicht mehr hinab.


                Das Hermelin

Der Jäger spürt dem reinsten Hermelin
Seit lange nach, doch welches Netz er stellt,
Das edle Tier weiß jedes klug zu flieh'n
Und hüpft nur um so froher durch das Feld.

Da aber ritzt es sich an einem Dorn
Und hält für einen Fleck sein eignes Blut:
Den wäscht es aus am nächsten klaren Born,
Und nun beschleicht's der Feind und kühlt den Muth.


     Morgen und Abend

O Morgenzeit, du frische Zeit!
Des Lebens reichste Quelle!
Du machst die enge Brust mir weit,
Das trübe Aug' mir helle!
Mir ist, als dürft' ich aufersteh'n
Aus einem dumpfen Grabe,
Wenn ich das erste Licht geseh'n,
Den Hauch getrunken habe.

Dem Teich Bethesda gleicht mein Herz
Mit seinen frischen Säften,
Die schwellen es zu Lust und Schmerz
Mit tausend neuen Kräften:
Ihr trunk'nes Durcheinanderspiel
Erfüllt mich mit Entzücken;
Ich weiß nicht was, doch will ich viel,
Und Alles muß mir glücken!

Allein, unendlich ist die Welt,
Und, wie die Brust sich dehne,
Sie fühlt's zuletzt, und brennend fällt
Die reinste Menschenthräne.
Dann sinkt des Abends heil'ge Ruh',
Als wär's auf eine Wunde,
Auf sie herab, und schließt sie zu,
Damit sie still gesunde.

Des Menschen Kraft reicht eben aus
Zum Kämpfen, nicht zum Siegen,
Wir sollen in dem ew'gen Strauß
Nicht steh'n und nicht erliegen;
Doch, wenn uns dieß das Herz beschwert,
Naht der ersehnte Schlummer,
Und, ward der letzte Wunsch gewährt:
Wem macht der erste Kummer?


     An ein weinendes Kind

Zur Erde, die dein Veilchen deckt,
Kind, blickst du weinend nieder,
Und deiner Thränen Thau erweckt
In ihr ein zweites wieder.


          Die Unschuld

Sie ist nicht, daß sie ewig lebe,
Sie soll nur einen Tod erwerben,
Der sie mit Glorie umgebe,
Drum muß sie an der Liebe sterben!


             An den Tod

Halb aus dem Schlummer erwacht,
Den ich traumlos getrunken,
Ach, wie war ich versunken
In die unendliche Nacht!

Tiefes Verdämmern des Seins,
Denkend Nichts, noch empfindend!
Richtig mir selber entschwindend,
Schatte mit Schatten zu Eins!

Da beschlich's mich so bang,
Ob auch, den Bruder verdrängend,
Geist mir und Sinne verengend,
Listig der Tod mich umschlag.

Schaudernd dacht' ich's, und fuhr
Auf, und schloß mich an's Leben,
Drängte in glüh'ndem Erheben
Kühn mich an Gott und Natur.

Siehe, da hab' ich gelebt:
Was sonst, zu Tropfen zerflossen,
Langsam und karg sich ergossen,
Hat mich auf einmal durchbebt.

Oft noch berühre du mich,
Tod, wenn ich in mir zerrinne,
Bis ich mich wieder gewinne
Durch den Gedanken an dich!


           Das alte Haus

Der Maurer schreitet frisch heraus,
Er soll dich niederbrechen;
Da ist es mir, du altes Haus,
Als hörte ich dich sprechen:
"Wie magst du mich, das lange Jahr'
Der Lieb' und Eintracht Tempel war,
Wie magst du mich zerstören?

Dein Ahnherr hat mich einst erbaut
Und unter frommem Beten
Mit seiner schönen, stillen Braut
Mich dann zuerst betreten.
Ich weiß um Alles wohl Bescheid,
Um jede Luft, um jedes Leid,
Was ihnen widerfahren.

Dein Vater ward geboren hier,
In der gebräunten Stube,
Die ersten Blicke gab er mir,
Der munt're, kräft'ge Bube.
Er schaute auf die Engelein,
Die gaukeln in der Fenster Schein,
Dann erst auf seine Mutter.

Und als er traurig schlich am Stab
Nach manchen schönen Jahren,
Da hat er schon, wie still ein Grab,
In meinem Schooß erfahren;
In jener Ecke saß er da,
Und stumm und händefaltend sah
Er sehnlich auf zum Himmel.

Du selbst - doch nein, das sag' ich nicht,
Ich will von dir nicht sprechen,
Hat dieses Alles kein Gewicht,
So laß nur immer brechen.
Das Glück zog mit dem Ahnherrn ein,
Zerstöre du den Tempel sein,
Damit es endlich weiche.

Noch lange Jahre kann ich steh'n,
Bin fest genug gegründet,
Und ob sich mit der Stürme Weh'n
Ein Wolkenbruch verbündet;
Kühn rag' ich, wie ein Fels, empor,
Und was ich auch an Schmuck verlor,
Gewann ich's nicht an Würde?

Und hab' ich denn nicht manchen Saal
Und manch geräumig Zimmer?
Und glänzt nicht festlich mein Portal
In alter Pracht noch immer?
Noch Jedem hat's in mir behagt,
Kein Glücklicher hat sich beklagt,
Ich sei zu klein gewesen.

Und, wenn es einst zum Letzten geht,
Und wenn das warme Leben
In deinen Adern stille steht,
Wird dieß dich nicht erheben,
Dort, wo dein Vater sterbend lag,
Wo deiner Mutter Auge brach,
Den letzten Kampf zu streiten?"

Nun schweigt es still, das alte Haus,
Mir aber ist's, als schritten
Die todten Väter all' heraus,
Um für ihr Haus zu bitten,
Und auch in meiner eig'nen Brust,
Wie ruft so manche Kinder-Lust:
Laß steh'n das Haus, laß stehen!

Indessen ist der Mauermann
Schon in's Gebälk gestiegen,
Er fängt mit Macht zu brechen an,
Und Stein' und Ziegel fliegen.
Still, lieber Meister, geh von hier,
Gern zahle ich den Taglohn dir,
Allein das Haus bleibt stehen.


      Memento vivere

Ich ritt einmal im Dunkeln
Spät durch ein enges Thal;
Die Nacht war still und traurig,
Ich still und traurig zumal.

Ich dachte der wenigen Freunde,
Die ich auf Erden fand,
Ich dachte derer vor Allen,
Die schon bedeckt der Sand.

Da scholl's, wie Geisterstimme,
Vom düstern Berg herab:
Mensch, freu' dich heut' des Lebens,
Denn morgen geht's in's Grab.

War es ein Hirtenknabe,
Der jene Worte sang -
Ich weiß es nicht, sie gingen
Mir durch die Seele bang.

Einst hatt' ich sie vernommen
Aus eines Bruders Mund,
Da trank er meine Gesundheit,
Jetzt lag er im kühlen Grund.


    Das Haus am Meer

Hart an des Meeres Strande
Baut man ein festes Haus;
Als sollt' es ewig dauern,
So heben die trotz'gen Mauern
Sich in das Land hinaus.

Mächtige Hammerschläge
Erdröhnen schwer und voll;
Die Sägen knarren und zischen,
Verworren hört man dazwischen
Der Wogen dumpf Geroll.

Durch das Gebälke klettert
Ein rüst'ger Zimmermann;
Der Wind, der sich erhoben,
Zerreißt mit seinem Toben
Das Lied, das er begann.

Ich bin hinein getreten;
Daß solch ein Werk gedeiht,
Das ist an Gott gelegen,
Zu beten um seinen Segen,
Nehm' ich mir gern die Zeit.

Die Fenster gehen alle
Hinaus auf die wilde See;
Noch sind sie nicht verschlossen,
Eine Möwe kommt geschossen
Durch das, an dem ich steh'.

Hier will der Bewohner schlafen;
Schon wird in dem luft'gen Raum
Die Bettstatt aufgeschlagen;
Da ahn' ich mit stillem Behagen
Voraus gar manchen Traum.

Doch, wende ich mein Auge,
Fällt's auf gar manches Riff,
Ich sehe des Meeres Tosen,
Drüben im Gränzenlosen
Durchbricht den Nebel ein Schiff.

Wer ist's denn, der am Strande,
Am öden, sein Haus sich baut?
"Ein Schiffer; seit vielen Jahren
Hat er das Meer befahren,
Nun ist's ihm lieb und vertraut.

Dieß ist die letzte Reise,
Ich fühl' mich alt und müd',
Daß ich mein Nest dann finde,
Hobelt und hämmert geschwinde!
So sprach er, als er schied.

Jetzt kann er stündlich kehren,
Er ist schon lange fort,
Drum müssen wir Alle eilen!"
Des schwellenden Sturmwinds Heulen
Verschlingt des Zimm'rers Wort.

Die Wolken ballen sich dräuend,
Riesige Wogen ersteh'n,
Aufgerüttelt von Stürmen,
Schrecklich, wenn sie sich thürmen,
Schrecklicher, wenn sie zergeh'n.

Das Schiff dort, kraftlos ringend,
Ihr Spiel jetzt, bald ihr Raub,
Muß gegen die Felsen prallen,
Schon hör' ich den Nothschuß fallen,
Was hilft es? Gott ist taub.

Ich fürchte, das ist der Schiffer,
Dem man dies Bett bestellt,
Der Zimm'rer mit dem Hammer
Befestigt die letzte Klammer,
Während das Schiff zerschellt.


            Unter'm Baum

Unter'm Baum im Sonnenstrale
Liegt ein rothes, träges Kind,
Schläft so lange, bis zum Mahle
Früchte abgefallen sind.

Einer hängt der schweren Aeste
Fast herab auf sein Gesicht,
Beut ihm still der Früchte beste,
Doch sie pflücken mag es nicht.

Flink vom fernen Bergesgipfel
Eilt der Mittagswind daher,
Schüttelt leise, und vom Wipfel
Fällt es, gelb, wie Gold, und schwer.

Daß das Bübchen, nun die Spende
Aus dem Grase winkt, erwacht,
Setzt auf eine seiner Hände
Sich die kleinste Mücke sacht.


           Versöhnung

"Ist nicht heute Aller-Seelen?
Ja, ich will zur Kirche geh'n,
Und was Menschen mir versagen,
Von dem Himmel mir erfleh'n.

Meine Mutter kann nur weinen,
Hat nicht Trost für meinen Schmerz;
Krank geworden ist der Vater,
Das zerreißt mir ganz das Herz!"

Und sie stellt des Vaters Suppe
Sorgsam zu des Heerdes Glut,
Sagt der Mutter guten Morgen,
Geht dann fort in trübem Muth.

Vor der Nachbarinnen Augen
Bebt das ihre scheu zurück,
Aber frei hinauf zum Himmel
Wendet sie den reinen Blick.

In ein Haus der Anverwandten
Tritt sie nur mit Angst und Pein,
Aber in des Ew'gen Tempel
Geht sie ohne Zagen ein.

Am Altar der Mutter Gottes
Knie't sie still und glühend hin,
Doch um was sie bitten dürfe,
Kommt ihr nimmer in den Sinn.

Milde Mutter, Gnadenmutter,
Neige dich und sprich sie los;
Ihr Versöhner und ihr Mittler
Ist das Kind in ihrem Schooß.

Wird es doch gekreuzigt werden
Von der Wiege bis an's Grab,
Und so zahlt es überreichlich
Alle ihre Schulden ab.


   Auf ein schlummerndes Kind

Wenn ich, o Kindlein, vor dir stehe,
Wenn ich im Traum dich lächeln sehe,
Wenn du erglühst so wunderbar,
Da ahne ich mit süßem Grauen:
Dürft' ich in deine Träume schauen,
So wär' mir Alles, Alles klar!

Dir ist die Erde noch verschlossen,
Du hast noch keine Lust genossen,
Noch ist kein Glück, was du empfingst;
Wie könntest du so süß denn träumen,
Wenn du nicht noch in jenen Räumen,
Woher du kamest, dich erging'st?


    Alte Widmung dieser Gedichte

Dem Andenken meines früh geschiedenen
Freundes Emil Rousseau aus Ansbach

Du starbst; mir war in meinem Grauen,
Nun hätt' ich hier Nichts mehr zu thun,
Als dir ein Denkmal noch zu bauen,
Damit du süßer mögtest ruh'n;
Der Welt durch meinen Schmerz zu zeigen,
Was du so jung gewesen bist,
Dann selbst in's Grab hinab zu steigen,
Das deine ew'ge Wohnung ist.

Nun schaut' ich still und unverdrossen
In meines Herzens Nacht hinab,
Allein mein Schmerz war stumm, verschlossen,
Unfruchtbar war er, wie dein Grab.
Und wenn das Leben, das erstickte,
Zuweilen eine Blüte trieb,
So war sie farbig, und ich knickte
Im Keim die meisten, dir zu lieb.

Bald aber ward, ich fühlt' es schaudernd,
Dem stolzen Geist, der dich zu Gott
Hinauf verfolgt, das Herz, zaudernd
Noch bei der Asche weilt, ein Spott.
Er ist nur stumm für mich geworden -
So sprach er - ich nur blind für ihn,
Doch steh'n wir noch im gleichen Orden,
Und können gleiche Bahnen zieh'n.

Nun regten denn sich unaufhaltsam
Die Kräfte wieder, wie zuvor,
Nun rangen stürmisch und gewaltsam
Sich neue Schöpfungen empor.
Und Friede ward's auch im Gemüthe,
Das all dies Leben erst bedrängt,
Ich seh' ja, daß an jeder Blüte
Der Thränenthau des Schmerzes hängt.

Dir weih' ich Alles. Mag's vergehen,
Mag's dauern, wie die Zeit erkennt!
Mir gilt es gleich. Kann es bestehen,
So gönn' ich's deinem Monument.
Und wenn's zerstäubt - in deinem Lenze
Sah ich dich selbst hinabgesandt,
Mich kann's nicht schmerzen, wenn die Kränze
Dir folgen, die dein Freund dir wand.


           Winterreise

Wie durch so manchen Ort
Bin ich nun schon gekommen,
Und hab' aus keinem fort
Ein freundlich Bild genommen.

Man prüft am fremden Gast
Den Mantel und den Kragen,
Mit Blicken, welche fast
Die Liebe untersagen.

Der Gruß trägt so die Spur
Gleichgültig-off'ner Kälte,
Daß ich ihn ungern nur
Mit meinem Dank vergelte.

Und weil sie in der Brust
Mir nicht die Flamme nähren,
So muß sie ohne Lust
Sich in sich selbst verzehren.

Da ruf' ich aus mit Schmerz,
Indem ich fürbaß wand're:
Man hat nur dann ein Herz,
Wenn man es hat für And're.


        Sommerreise

      An ein Mädchen

Dein Haus, im Waldgehege,
Stand auf dem Hügel frei;
Ich, auf gewund'nem Stege,
Zog hart daran vorbei.
Du gabst mit treuer Miene
Mir meinen Gruß zurück,
Die wallende Gardine
Entzog dich dann dem Blick.

Nun hat das reiche Leben,
Das ringsum sich ergießt,
In deinem stillen Weben
Den Punct, in dem es schließt:
Du wirst die Beere pflücken,
Die dort zur Reife drängt,
Dich wird die Rose schmücken,
Die hier im Grünen hängt.

Und danke ich der Quelle,
Die mir den Trunk gebracht,
Dank' ich so mancher Stelle
Voll kühler Waldesnacht,
Dank' ich der Sonne willig
Ihr herzerfreuend Licht,
So dank' ich dir auch billig
Dein süßes Angesicht.


      Die Rosen im Süden

       (In Neapel gedichtet.)

Aus den Knospen, die euch deckten,
Süße Rosen, mein Entzücken,
Lockte euch der heiße Süd;

Doch die Gluten, die euch weckten,
Drohen jetzt, euch zu ersticken,
Ach, ihr seid schon halb verglüht!

Und dem Freunde, dem erschreckten,
Däucht, er muß euch eilig pflücken,
Daß ihr nicht zu schnell verblüht!


          Die Kirmeß

Das ist ein Geigen und Flöten
Bis über das Dorf hinaus:
Sie feiern die Kirmeß heute
Mit Tanz und Spiel und Schmaus.

Wenn ich ein Mädchen wäre,
So schaut' ich die Burschen an,
Doch jetzt betracht' ich die Mädchen,
Ein Mann sucht keinen Mann!

Die Blonde hat mir gefallen,
So lang' ich die Braune nicht sah,
Jetzt ist mir, als hätt' ich gesündigt;
Ei, war sie denn schon da?

Es darf sie nur Einer küssen,
Doch Jeder tanzt mit ihr,
Und auch den plattsten Gesellen
Vergoldet ihr Auge mir.

Und schlägt sie's erglühend nieder,
Weil sie des Sponsen sich schämt,
Erhebt es dafür das seine,
Man sieht, daß ihn's nicht grämt.

Und dies gefällt mir eben,
Er fühlt die Ehre doch,
Und denkt er daran im Alter,
So steift sich sein Rücken noch.

Im Alter, ach, im Alter!
Ja, ja, wir werden alt!
Er, ich, du selbst, wir Alle,
Wir werden alt und kalt!

Die Kinder stecken des Abends
Zuweilen Papier in Brand
Und legen's auf den Ofen
Und kauern sich um den Rand.

Sie freu'n sich der hüpfenden Funken
Mit Grau und Schwarz vermischt,
Und wetten, wer von Allen
Am letzten wohl erlischt.

Wir hüpfen, wie diese Funken,
Ueber der Erde Rund
Und leuchten vielleicht am hellsten
In dieser frohen Stund'.

Wer weiß, wer von uns Allen
Zuletzt erlöschen mag?
Der weiß auch, wer am längsten
Erzählt von diesem Tag!

Du schönstes Kind, ich ahne,
Das wirst du selber sein,
Ich sehe dich, wie doppelt,
Maifrisch, und alt, wie Stein.

Jetzt drehst du dich im Reigen,
So reizend und geschwind,
Wie dort das Rosenblättchen
Im Sommerabendwind.

Jetzt hockst du blind im Lehnstuhl,
Die Enkel um dich her,
Du sprichst von diesem Tage,
Sie glauben, von einer Mähr'.

Du streichelst mit knöchernem Finger
Die Enkelin, die dir gleicht,
Du sagst: ich war dir ähnlich,
So jung, so schön, so leicht!

Sie aber kann's nicht glauben,
Und das verdenk' ich ihr nicht,
Sie müßte sich sagen: ich selber
Bekomm' einst ein solches Gesicht!


               Gebet

Die du über die Sterne weg
Mit der geleerten Schaale
Aufschwebst, um sie am ew'gen Born
Eilig wieder zu füllen:
Einmal schwenke sie noch, o Glück,
Einmal, lächelnde Göttin!
Sieh, ein einziger Tropfen hängt
Noch verloren am Rande,
Und der einzige Tropfen genügt,
Eine himmlische Seele,
Die hier unten in Schmerz erstarrt,
Wieder in Wonne zu lösen.
Ach! sie weint dir süßeren Dank,
Als die Anderen alle,
Die du glücklich und reich gemacht;
Laß ihn fallen, den Tropfen!


Das Mädchen Nachts vor'm Spiegel


Vor'm Spiegel steht sie, die schöne Maid,
Bei nächtlicher Zeit,
Und spricht in magdlichem Scherze,

Indem sie den eigenen Reiz beschaut:
Wann werd' ich Braut? -
Auf einmal erlischt da die Kerze.

Und als nun die Nacht ihr Bild verschluckt,
Da wird sie durchzuckt
Von einem ahnenden Schmerze,

Ihr ist, als ob ihr der finstre Tod
Den Arm jetzt bot
Und Gott befiehlt sich ihr Herze.


Thorwaldsens Ganymed und der Adler

Knabe, süßer, wunderbarer,
Unter'm Kuß des Zeus gereift,
Blüte, die in leuchtend-klarer
Schönheit nie der Wind gestreift:

Sorgsam tränkst du und aesthetisch,
Wenn auch halb gelangeweilt,
Hier den Aar, der gravitätisch
Schmaus't und wenig sich beeilt.

Mancher würde ungeduldig,
Und er hätte Grund genug,
Doch du denkst: ich bin's ihm schuldig,
Weil er zum Olymp mich trug;

Weil er schnell, mich fester fassend,
In die Wolken mich entrückt,
Als ich, schwindelnd und erblassend,
Unter mich hinabgeblickt;

Ja, weil er sogar die Klauen
Unter'm Fittig-Paar verhüllt,
Die mich fast mit größerm Grauen,
Als der Abgrund selbst, erfüllt.

Solltest doch in's Ohr ihm raunen:
Spute dich zu deinem Heil;
Denn schon wölkte Zeus die Braunen,
Und - da fällt der Donnerkeil!

Auf, mein Vogel, dienstbeflissen!
Wie du auch das Auge rollst!
Du, o Knabe, wirst schon wissen
Wo du dich erholen sollst!


          Meeresleuchten

Aus des Meeres dunklen Tiefen
Stieg die Venus still empor,
Als die Nachtigallen riefen
In dem Hain, den sie erkor.

Und zum Spiegel, voll Verlangen,
Glätteten die Wogen sich,
Um ihr Bild noch aufzufangen,
Da sie selbst auf ewig wich.

Lächelnd gönnte sie dem feuchten
Element den letzten Blick,
Davon blieb dem Meer sein Leuchten
Bis auf diesen Tag zurück.


    Auf die Deutsche Künstlerin

Ich will das rohe Feuer nicht,
Das, durch kein Maaß zurückgehalten,
Hervor, wie aus der Hölle, bricht,
Um gleich dem Element zu walten:
Ich will den Funken aus den Höh'n,
Der sanft der Seele sich verbündet
Und langsam wachsend, immer schön,
Zuletzt zur Flamme sich entzündet:
Zur Flamme, die den Leib durchstralt,
Ihn nicht verzehrt in blindem Toben,
Und uns im reinsten Purpur malt,
Wie sich Natur und Geist verwoben,
Als wär' zum ersten Mal ein Stern
In menschlicher Gestalt erschienen,
Verschmolzen bis zum tiefsten Kern
Mit Menschenblick und Menschenmienen!
Mit dieser Flamme kröntest du
Stets deine schöpf'rischen Gebilde,
Drum sprech' ich dir den Lorbeer zu;
Megären reiche ihn der Wilde.


         Auf die Sixtinische Madonna

Das hätt' ein Mensch gemacht? Wir sind betrogen!
Das rührt nicht her von einer ird'schen Hand!
Das ist entstanden, wie der Regenbogen,
Und auch, wie er, ein göttlich Unterpfand!

Als einst die Himmelskönigin sich zeigte,
Als sie von ihrem Throne, sanft und mild,
Sich auf die dunkle Erde niederneigte,
Da seufzte jedes Herz nach ihrem Bild.

Und sieh: des Aethers reinste Tropfen fallen,
Der Sonne hellste Stralen schimmern d'rein,
Und, wie sie blitzend durch einander wallen,
So fangen sie den holden Widerschein.

Er selber aber hält sie nun zusammen,
Und ein krystall'ner Spiegel bildet sich
Aus glüh'nden Perlen und aus feuchten Flammen,
In dem auch keine Linie erblich.

Schau' hin! Dein Auge wird dir nimmer sagen,
Was Thau ist oder Licht im kleinsten Punct;
Drum soll sich Keiner an dies Wunder wagen,
Der seinen Pinsel bloß in Farben tunkt.

Viel lieber soll's die Zukunft ganz betrauern,
Als nur zur Hälfte sich erhalten seh'n:
In einer Sage mög' es ewig dauern,
In einem Abbild nicht zu Grunde geh'n!


              Meisenglück

Aus dem gold'nen Morgen-Qualm
Sich herniederschwingend,
Hüpft die Meise auf den Halm,
Aber noch nicht singend.

Doch der Halm ist viel zu schwach,
Um nicht bald zu knicken,
Und nur, wenn sie flattert, mag
Sie sich hier erquicken.

Ihre Flügel braucht sie nun
Flink und unverdrossen,
Und indeß die Füßchen ruh'n,
Wird ein Korn genossen.

Einen kühlen Tropfen Thau
Schlürft sie noch daneben,
Um mit Jubel dann in's Blau'
Wieder aufzuschweben.


   Der beste Liebesbrief

Hat sie's dir denn angethan
Im Vorüberschweben,
So verfolge rasch die Bahn
Zu dem neuen Leben.

Hasche dir den Schmetterling
Auf dem Rosenhügel,
Nimm ihm mit dem blauen Ring
Seinen weißen Flügel;

Borge von der Biene dann
Dir den Honigrüssel,
Der zum Griffel dienen kann,
Wie zum Blumenschlüssel;

Laß das Blatt nun ohne Scheu
Durch die Lüfte schnellen:
Ist dir Amor hold und treu,
Wird's der Wind bestellen.


   Die Weihe der Nacht

Nächtliche Stille!
Heilige Fülle,
Wie von göttlichem Segen schwer,
Säuselt aus ewiger Ferne daher.

Was da lebte,
Was auf engem Kreise
Auf in's Weit'ste strebte,
Sanft und leise
Sank es in sich selbst zurück
Und quillt auf in unbewußtem Glück.

Und von allen Sternen nieder
Strömt ein wunderbarer Segen,
Daß die müden Kräfte wieder
Sich in neuer Frische regen,
Und aus seinen Finsternissen
Tritt der Herr, so weit er kann,
Und die Fäden, die zerrissen,
Knüpft er alle wieder an.


Das Venerabile in der Nacht

       (Ein Bild aus Neapel.)

Auf benachbartem Balcone
Sah ich, wenn die Nacht sich senkte,
Oft zwei Schwestern traurig geh'n;
Doch, wie nah' ich ihnen wohne,
Und wie d'rob mein Herz sich kränkte:
Tags hab' ich sie nie geseh'n;
Nur mit seiner Flammenkrone,
Die er, wie in Feuer, tränkte,
Sah ich den Granatbaum steh'n.

Heute auch sind sie erschienen,
Ihre Kleider, ihre weißen,
Schimmern durch die Nacht, wie Licht;
Und die Düfte zieh'n von ihnen
Her zu mir, die sich befleißen,
Zu erfrischen ihr Gesicht;
Nur die süßen Mädchenmienen,
Die den Himmel uns verheißen,
Nur ihr Antlitz, seh' ich nicht.

Horch'! da zieht es durch die Gassen,
Beten höre ich und singen,
Fromm gebeugt steht Jedermann;
Mit dem Christusbild, dem blassen,
Kommen Knaben, Glocken klingen
Und Gott selber naht heran;
Aber meine Nachbarn fassen
Nach den Lampen rings und bringen
Sie zum Fenster, knieen dann.

An die junge Brust sich schlagend,
Sinken zu des Ew'gen Preise
Auch die Schwestern auf das Knie;
Und, die helle Lampe tragend,
Kommt die Mutter still, die greise,
Und sie stellt sie zwischen sie;
Doch der Baum, sie überragend,
Streut auf sie die Blüten leise,
Die der Sommer ihm verlieh.