Hebbel

Seite 6

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Biografie

Seite 8

D. Dem Schmerz sein Recht

                     1.

Ewiger, der du in Tiefen wohnest,
Die der jüngst geborene Gedanke,
Der, weil du allein Gedanken sendest,
Kaum den Weg von dir zu mir durchmessen,
Wenn er rückwärts blickt, nur schwindelnd nachmißt,
Ewiger, vernimm in dieser Stunde
Meines bang bewegten Herzens Flehen!

Träumt vielleicht in einer niedern Hütte
Irgendwo ein Kind, in dessen Seele
Jene Kraft des schöpferischen Bildens
Die du, auf dein höchstes Recht verzichtend,
Deinen Menschen liehest, heimlich schlummert,
Und der Jüngling, der dies Kind geworden,
Schlägt, von Armuth hart bedrängt und Rohheit,
Einst ein Auge, das vor starren Thränen
Deine Sterne längst nicht mehr gesehen,
Auf zu dir und stammelt ohne Worte:
Luft, mein Vater, daß ich nicht ersticke,
Eh' ich für mein Leben dich bezahlte!
Send' ihm dann den Edelsten entgegen,
Der, zufrieden, ein geweihtes Leben
Aus dem Bann zu lösen, ihm die Hand reicht,
Und belohnt ist, wenn er wieder athmet,
Wie ein Wand'rer die verstopfte Quelle
Freundlich reinigt, und für seine Mühe
Als der Erste trinkt und weiter schreitet.
Kannst du aber keinen Solchen senden,
So verschließe dich vor seinem Stammeln,
Denn die Kraft, die eine Welt beleben
Oder eine Welt verjüngen könnte,
Wird, in seiner Brust zurückgehalten,
Langsam, aber sicher, ihn verzehren,
Und dann mag er mit dem All sich mischen,
Bis, verstärkt in langer Ruhepause,
Ihn die eig'ne Schwere wieder ablös't
Und ihm neu das Thor zum Dasein aufsprengt.

Also bet' ich, weil ich schmerzlich wünsche,
Daß für mich, als ich geboren wurde,
So ein edler Mensch gebetet hätte.


                    2

Liegt Einer schwer gefangen
In öder Kerkernacht,
So tödt' er das Verlangen
Nach Freiheit, wenn's erwacht.
Wenn auch sein ernstes Streben
Zuletzt das Ziel erringt,
Wer giebt ihm Muth und Leben
Zurück, die es verschlingt?

Tritt er hinaus in's Freie
Und fühlt sich ganz zerstört,
Das frägt er sich mit Reue,
Warum er sich empört.
Und stärker, immer stärker,
Wird er sein eig'ner Feind,
Bis ihm zuletzt sein Kerker
Als seine Welt erscheint.

Wie der Gedank' auch brenne,
Doch wünsch' ich, menschlich-mild,
Daß Keiner sich erkenne
In diesem dunklen Bild.
Die eig'ne Qual wird's dämpfen,
Wenn ihr es immer wißt,
Welch Leben dieß mein Kämpfen
Um eine Grabschrift ist.


                      3

Alle Wunden hören auf, zu bluten,
Alle Schmerzen hören auf, zu brennen,
Doch, entkrochen seines Jammers Fluten,
Kann der Mensch sich selbst nicht mehr erkennen,
Mund und Auge sind ihm zugefroren,
Selbst des Abgrunds Tiefe ist vergessen,
Und ihm ist, als hätt' er Nichts verloren,
Aber auch, als hätt' er Nichts besessen.

Denn das ewige Gesetz, das waltet,
Will die Harmonie noch im Verderben,
Und im Gleichmaaß, wie es sich entfaltet,
Muß ein Wesen auch vergeh'n und sterben.
Alle Theile stimmen nach dem einen
Sich herunter, den der Tod beschlichen,
Und so kann es ganz gesund erscheinen,
Wenn das Leben ganz aus ihm gewichen.

Ja, ein Weh giebt's, das man nicht ertrüge,
Wenn es nicht sein eig'nes Maaß zerbräche,
Und, wie einer abgeschmackten Lüge,
Der Erinn'rung selber widerspräche.
Dann, vergessend in der innern Oede,
Daß einst frisch das Herz geschlagen habe,
Ist ein Mensch der Nessel gleich, die schnöde
Wuchert über seinem eig'nen Grabe.


                         4

Schlafen, Schlafen, Nichts, als Schlafen!
Kein Erwachen, keinen Traum!
Jener Wehen, die mich trafen,
Leisestes Erinnern kaum,
Daß ich, wenn des Lebens Fülle
Nieder klingt in meine Ruh',
Nur noch tiefer mich verhülle,
Fester zu die Augen thu'!


                         5

Gott weiß, wie tief der Meeresgrund,
Gott weiß, wie tief die Wunde ist!
Auf ewig schließ' ich drum den Mund,
Ich werde dadurch nicht gesund,
Daß, die sie schlug, sie auch ermißt.

Doch sie, die Welt, die das verbrach,
Sie schändet meinen stummen Schmerz,
Sie wagt die allerhöchste Schmach
Und ruft, nachdem sie's selbst durchstach,
Mir höhnend zu: Du hast kein Herz!


                          6

Natur, du kannst mich nicht vernichten,
Weil es dich selbst vernichten heißt,
Du kannst auf kein Atom verzichten,
Das einmal mit im Weltall kreis't;

Du mußt sie alle wieder wecken,
Die Wesen, die sich, groß und klein,
In deinem dunklen Schooß verstecken
Und träumen, nun nicht mehr zu sein;

Natur, ich will dich nicht beschwören:
Veränd're deinen ew'gen Lauf!
Ich weiß, du kannst mich nicht erhören,
Nur wecke mich am letzten auf!

Ich will nicht in die Luft zerfließen,
Ich will, auf langen Schlaf entbrannt,
Gestorben, mich im Stein verschließen,
Im härtesten, im Diamant.

Ob der in einer Krone gaukle,
Ob er bei heller Kerzen Licht
Auf einer Mädchenbrust sich schaukle,
Ich schlafe tief, ich fühl' es nicht.

Er wird bei tausend Festestänzen,
Als Mittelpunct im Stralenkranz
Vielleicht, wie nie ein And'rer, glänzen,
Doch Keiner ahnt, woher der Glanz.

Erst, wenn ich mich erwachend dehne,
Sag' ich dem Träger still in's Ohr,
Daß einst ein Mensch zerrann zur Thräne
Und die zum Edelstein gefror!


                        7

Und mußt du denn, trotz Kraft und Muth,
In jedem Dorn dich ritzen,
So hüt' dich nur, mit deinem Blut
Die Rosen zu bespritzen.


                       8

Geht stumm an dir vorbei die Welt,
So fühle stolz und andachtsvoll:
Ich bin ein Kelch, für Gott bestellt,
Der ihn allein erquicken soll!


                       9

Es grüßt dich wohl ein Augenblick,
Der ist so überschwellend voll,
Als ob er dich mit sel'gem Glück
Für alle Zukunft tränken soll.

Du aber wehrst, eh' du's vermeinst,
Ihn scheu und zitternd selber ab,
Und jene Thräne, die du weinst,
Giebt ihm den Glanz, doch auch das Grab.

Uns dünkt die Freude Altar-Wein,
Am Heiligsten ein sünd'ger Raub;
Zieht Gottes Hauch durch unser Sein,
So fühlen wir uns doppelt Staub.


                  10

Unergründlicher Schmerz!
Knirscht' ich in vorigen Stunden:
Jetzt, mit noch blutenden Wunden,
Segnet und preis't dich mein Herz.

Alles Leben ist Raub;
Funken, die Sonnen entstammen,
Lodern, das All zu durchflammen,
Da verschluckt sie der Staub.

Nun ein heiliger Krieg!
Höchste und tiefste Gewalten
Drängen in allen Gestalten!
Trotze, so bleibt dir der Sieg.

Thatst du in Qual und in Angst
Erst genug für dein Leben,
Werden sie selbst dich erheben,
Wie du es hoffst und verlangst.

Greife in's All nun hinein!
Wie du gekämpft und geduldet,
Sind dir die Götter verschuldet,
Nimm dir, denn Alles ist dein!

Nun versagen sie Nichts,
Als den letzten der Sterne,
Der dich in dämmernder Ferne
Knüpft an den Urquell des Lichts.

Ihm entlocke den Blitz,
Der dich, dein Ird'sches verzehrend,
Und dich mit Feuer verklärend,
Lös't für den ewigen Sitz!


                  11

Den bängsten Traum begleitet
Ein heimliches Gefühl,
Daß Alles Nichts bedeutet,
Und wär' uns noch so schwül.
Da spielt in unser Weinen
Ein Lächeln hold hinein,
Ich aber mögte meinen,
So sollt' es immer sein!



E. Des Dichters Testament

Das abgeschiedene Kind an seine Mutter

                    Zu Weihnacht

O, meine Mutter, schwer war unser Scheiden,
Drum muß ich mich noch einmal zu dir wenden,
Dich zu beschwichtigen in deinem Leiden!
Und ob mich auch die tausend Sonnen blenden,
Die still und groß an mir vorüber wallen,
Doch find' ich sie, der sie die Stralen senden, -
Die Erde noch heraus, die dämmernd-kleine,
Die, sonst verschwimmend in den blauen Hallen,
Jetzt heller aufglänzt, wie im eig'nen Scheine,
Denn fröhlich sind der Menschen Angesichter,
Und keines ist verdüstert, als das deine!
Die Kinder hüpfen um die Weihnachtslichter,
Die ihre Mütter ihnen angezündet,
Du siehst es und verhüllst dich dicht und dichter.
Ich aber will, geheimnißvoll verbündet
Mit meines Vaters Geist, nicht von dir lassen,
Bis ich das Wort der Worte dir verkündet,
Das, kannst du's auch nicht ungestorben fassen,
Doch all dein Sinnen fesselt und dein Denken,
Bis es sich ganz dir aufschließt im Erblassen.
Ich will in meinen Vater mich versenken,
Ich will mein tiefstes Ahnen ihm entdecken,
Ich will ihm Bilder und Gedanken schenken,
Die selbst vor einem Dichter sich verstecken.
Und faßt er sie so wenig, wie die Harfe
Den Ton, den Abendlispel in ihr wecken,
So wird er doch nach innerstem Bedarfe
Sie fromm in deine Brust hinüber leiten,
Dann lös't in ihr der Mißlaut sich, der scharfe,
Da ew'ge Harmonieen ihn bestreiten.

O, had're nimmer mit den Urgewalten,
Die, ruhig thronend über alle Zeiten,
In festen Händen jeglich Schicksal halten!
Des Lebens Schönheit wollt' ich dir erschließen,
Des Todes Schrecken mußt' ich dir entfalten,
Die ird'schen Wonnen brannt' ich, zu genießen,
Doch zu den höhern ward ich abgerufen.
Dir war, als sähst du mich in Nichts zerfließen,
Als mich's erhob zur letzten aller Stufen,
Ich selber sträubte mich, obgleich mein Beben
Und Säumen einzig so viel Qual mir schufen.
Ich glich in meinem eitlen Widerstreben
Dem Eingekerkerten, der das Gefängniß,
Wenn es zusammenstürzt in Windes Weben,
Nicht lassen will in seines Herzens Bängniß,
Es fällt kein Stein, der ihm nicht Wunden schlüge,
Bis er entspringt, dann faßt er das Verhängniß
Und thut im Freien frische Athemzüge.
Mir war, wie ich da lag in meinen Wehen,
Als könnt' ich's nie verwinden, was ich trüge;
Jetzt ist es mir, als wär's mir nie geschehen,
Und, wie du meines Friedens reine Fülle,
So kann ich deinen Schmerz nicht mehr verstehen.
Mich schaudert's vor der abgeworf'nen Hülle,
Auch fürchte ich, es würde dich nicht heilen,
Sonst zeigte ich in mitternächt'ger Stille
Mich, wie ich war, in Träumen dir zuweilen.
Jetzt hält ja keine Form mich mehr gefangen,
Kann ich auch jede, wolkengleich, zertheilen,
Ich bin, was meinem innersten Verlangen
Entspricht, und bin's nicht mehr, sobald mich ekelt,
Wer alle, bis zur höchsten, durchgegangen,
Der wird in keine wieder eingehäkelt,
Er wird, und ob's ihn auch noch rückwärts triebe,
Doch nicht mehr schnöde an den Staub vermäkelt.

Denn, alles Leben ist gefror'ne Liebe,
Vereis'ter Gottes-Hauch, in tausend Flocken
Erstickt, und Zacken, d'rin er starren bliebe,
Wenn nicht, obgleich die Wechselkräfte stocken,
Im Tiefsten ihn ein dunkler Drang erregte,
Ihn fort und immer weiter fort zu locken,
Bis er den Kreis, in dem er sich bewegte,
Den weitern Ring stets um den engern tauschend,
Zurück bis auf der Ringe letzten legte,
Und nun, hinaus in's Unbegränzte lauschend,
Dem Odemzug, durch den sich Gott die Wesen
Einst wieder mischt, in Ahnung sich berauschend,
Entgegen harrt, mit Guten und mit Bösen,
Die sich auf Erden darin unterschieden:
Daß jene, groß und klar, sich als erlesen
Von Gott erkennend, ihm sich schon darnieden
Entgegen drängten aus der todten Zacke,
Wenn diese, dumpf und klein, zu ew'gem Frieden
Sich gern verschlossen hätten in die Schlacke,
Damit er, den sie nur mit Schaudern ahnten,
Sie nicht, vorüber wandelnd, plötzlich packe!
O daß sich, die noch leben, hieran mahnten,
Und so, durch eig'ne Kraft heraus sich schälend,
Den Weg zur Welt- und Selbst-Erlösung bahnten!
Denn, auf den Letzten, wie den Ersten, zählend,
Kann Gott das Liebeswerk erst dann vollbringen,
Wenn dieser auch, sich mühsam aufwärts quälend,
Gekräftigt ist, mit uns empor zu dringen.
So lange aber müssen wir's entbehren,
Und ob Aeonen noch darob vergingen.
Auch wird uns erst der Uebergang erklären,
Wozu im Ewig-Einen dies Zersplittern;
Ob einzig, um das Böse zu verzehren,
Das, wenn es sich in tausend Ungewittern
Entlud, vor seiner eig'nen Ohnmacht endlich
Erschrecken wird und still in sich zerzittern;
Ob mit, weil Gott, sich selber unverständlich,
Wie unser Geist in Worte, in Figuren
Zerfließen mußte, um sich dadurch kenntlich
Zu werden, und aus allen Signaturen
Die eigene zusammen sich zu stellen,
So daß die Welt, trotz ihrer finstern Spuren,
Ihm Fackel war, sein Inn'res aufzuhellen,
Und daß nicht uns're Schuld, nur sein Bedürfen
Den Gegensatz, dem Trotz und Haß entquellen,
Hervor rief, der nach mystischen Entwürfen
Uns, die wir leiden, quält, als ob wir thäten,
Um so, indem wir all sein Bitt'res schlürfen,
In uns ihn, bis zur Wurzel auszujäten
Und das Geheimniß erst zu offenbaren,
Wenn wir zurück in ihn, den Urgrund, treten
Und wieder werden, was wir einst schon waren,
Den Tropfen gleich, die, in sich abgeschlossen,
Doch in der Welle rollen, in der klaren,
So rund für sich, als ganz mit ihr verflossen.


       Prolog zu Goethes hundertjähriger Geburtsfeier


Dem Freiherrn Friedrich von Uechtritz freundschaftlichst zugeeignet

       (Zu Wien im Theater am Kärnthner-Thor gesprochen)

Es scheint vielleicht zu schlicht, das Fest, das wir hier feiern heute,
Erkämpfte Fahnen sieht man nicht, auch hört man kein Geläute.
Die Muse tritt zum Lorbeerstrauch, und pflückt die wen'gen Blätter,
Die Mars ihm noch gelassen hat, des Vaterlandes Retter.
Doch er, dem sie auf's moos'ge Grab den Kranz nun legt, der Todte,
Er ist - der letzte Grieche zwar, allein der erste Gothe,
Er hat für uns durch Bild und Ton die trotz'ge Welt bezwungen,
Was uns zuvor durch's Schwert zwar auch, doch niemals ganz gelungen,
Und darum folgt dies Fest mit Recht so schnell dem blut'gen Kriege,
Es gilt dem dauerndsten und auch dem schönsten uns'rer Siege.

Das zeigt uns schon ein flücht'ger Blick auf fremde Nationen,
Sie Alle flechten heut', wie wir, dem Todten frische Kronen!
Der Brite nimmt von Shakespeares Haupt die ewig grünen Reiser
Und bringt sie Deutschlands Goethe dar als nachgebornem Kaiser;
Der Franke, der von Alters her zu unserm Splitterrichter
Bestellt sich dünkt, verspottet uns, doch preis't er unsern Dichter,
Und in Italien sogar wird's staunend zugegeben,
Daß auch in einem Eichenhain noch Nachtigallen leben.
Was lehrt uns das? Doch ganz gewiß, daß wir nicht thörigt prahlen,
Wenn wir dem Abgeschied'nen jetzt die letzte Schuld bezahlen,
Ja, daß vielleicht zu uns'rer Schmach, wenn wir's nicht selber thäten,
Die bittersten der Feinde uns mit Freuden hier verträten.
Denn das, was Goethes Geist errang, das ist, wie Thau und Regen,
Ein Eigenthum der ganzen Welt, nicht bloß für uns ein Segen,
Es kennt, wie alles Höchste, nicht die Volks- und Länderschranken,
Drum braucht man bloß ein Mensch zu sein, um ihm dafür zu danken.

Dem Deutschen ziemt's vor Allen zwar, denn wenn ihm nicht noch länger
Europa stolz das Ohr verschließt, so dankt er's seinem Sänger,
Der uns'rer Sprache rauhen Klang dadurch vergessen machte,
Daß er das Lied des Sophokles in ihr zu Ende brachte.
Nun müssen uns're Nachbarn uns den Ruhm denn endlich gönnen,
Daß die Heroen auch bei uns zur Noth erstehen können;
Doch rufen sie uns jetzt noch zu: Ihr wißt sie nicht zu ehren!
Laßt uns sie denn des Gegentheils, und nicht bloß heut', belehren.
Verlangen wir vom Spiegel nicht des Schwertes Eigenschaften
Und nicht vom Schwert die Tugenden, die nur am Spiegel haften!
Nach dieser Regel läßt sich ja die Sonne selbst verdammen,
Weil man bei ihr nicht kochen kann, wie bei des Heerdes Flammen.
Was Goethe war, das mache sich ein Jeder ganz zu eigen,
Was Goethe mangelt, möge uns ein spät'rer Meister zeigen.
Und schaue Keiner zu genau auf seine Muttermäler:
Zuletzt sind die Verdienste sein und unser sind die Fehler!
Drum mahne uns, was ihm gebricht, nur an die eig'nen Lücken;
Wenn wir sie kennen, wird's wohl auch, sie auszufüllen, glücken!
Und schützen wir, und wär' es selbst mit uns'rem Blut, die Saaten,
Die er verschwend'risch ausgestreut, zu innern schönen Thaten!
Denn warum darf der wilde Krieg das Chaos halb enthüllen?
Doch nur, um uns mit Furcht und Grau'n vor'm Ganzen zu erfüllen,
Doch nur, um auf's verlor'ne Maaß die Welt zurück zu führen,
Damit nicht irre Geister mehr am Fundamente rühren,
Damit nicht das Unmögliche auf dieser armen Erde
Gefordert, noch das Mögliche zurück gehalten werde.
Und dieses war's, was Goethe stets mit Wort und That verkündigt,
In einer Zeit, die links und rechts, wie uns're auch, gesündigt,
Und hätt' er Nichts als das gethan, so wär's genug gewesen,
Und immer müßten wir noch jetzt zum Führer ihn erlesen.
Denn eben dieses macht ihn groß, daß er, so reich, wie Keiner,
Sich der Nothwendigkeit gebeugt, und sich beschränkt, wie Einer.
Wer hat sie klarer wohl geseh'n, des Himmels letzte Sterne?
Doch kannt' er auch den Zwischenraum, die ungeheure Ferne,
Drum strebt' er nicht hinauf, er war zufrieden, daß sie schienen,
Da meinten uns're Kinder denn, er fürchte sich vor ihnen.
Doch g'rade, weil er Dichter war im Ganzen und im Großen,
Verlor er nicht, wie And're, sich im Maaß- und
Gränzenlosen,
Denn wer nur dieß und das besitzt, muß Vieles überschätzen,
Wer Alles hat, hat Alles auch in Harmonie zu setzten,
Und wär' auch einzeln jede Kraft, die er besaß, zu steigern:
Der Einheit seines Wesens darf kein Gott die Ehrfurcht weigern. -

Zwar stand er nicht auf sich allein; die ihm vorangeschritten,
Sie haben nicht umsonst gelebt und nicht umsonst gestritten.
Die Blume keimt nicht in der Luft, die Elemente müssen
Sich mischen, eh' sie werden kann, und Licht und Staub sich küssen.
Die Blume aber ist's allein, die süßen Duft versendet,
Und nicht dem Licht und nicht dem Staub, der Dank wird ihr gespendet.
Schuf Luther denn das Instrument, gab Klopfstock ihm die Saiten,
Ließ Lessing sanft zur Prüfung dann den Finger d'rüber gleiten,
Schlug Bürger schon die Töne an, wir wollen's                 nicht vergessen,
Doch dem, der die Musik gemacht, darum nicht karger messen!
Und kommt die Zeit - sie kommt gewiß! - wo jedes Volkes Tempel
Zerfällt, weil jedes sich gefügt der Menschheit reinstem Stempel;
Wo man den Wunderhort der Welt noch einmal wieder sichtet
Und nun, im allergrößten Styl, den letzten Bau errichtet:
Dann wird des Tabernakels Stolz des Altars Sockel zieren
Und in des Bodens Mosaik sich manche Perl' verlieren;
Dann wird die bloße Mauer schon in purem Golde glänzen,
Und jedes Thor ein Kapitäl von Edelsteinen kränzen;
Allein auch dann wird manch Juwel aus Goethes Schrein noch funkeln,
Denn viele kann der Himmel kaum durch einen Stern verdunkeln.

Und nun zu einer andern Pflicht! Der Herzog sei gepriesen,
Der an dem großen Goethe einst sich selber groß erwiesen!
Nicht, weil er Kunst und Wissenschaft geehrt: wer wird ihn krönen,
Weil er sich selbst nicht schändete? Das hieße ihn verhöhnen!
Nein, weil er nicht den zehnten Kranz auf eine Stirne drückte,
Die jegliche der Musen schon vor ihm mit einem schmückte;
Weil er noch minder aus der Schaar den Ersten, Besten wählte,
Dem's freilich an der Leier nicht, doch an der Weihe fehlte.
Denn Beides wöge viel zu leicht! Den König aufzufinden,
Der schon den Purpurmantel trägt, gelingt wohl auch dem Blinden,
Und wer Apoll verehren will im letzten Opferknaben,
Der buhlt nur um den leeren Schein und wird ihn doch nicht haben.
Nein, weil er gleich mit sich'rem Blick den Genius erkannte,
Den Nikolai, der noch lebt, den bösen Dämon nannte,
Und weil er, wie er ihn erkannt, ihn auch zu sich erhoben,
Trotz seiner Neider häm'schem Chor und der Philister Toben!
Das zeigt, daß auch in seiner Brust das rechte Herz geschlagen,
Denn niemals werden Groß und Klein sich anzieh'n und ertragen.
Und darum werde nie ein Kranz um Goethes Haupt gewunden,
Eh' man für Weimars Karl August den frischen Strauß gebunden!


         Die Erde und der Mensch

Ernst Brücke freundschaftlichst zugeeignet

                 (1848 gedichtet)

Dich, alte Erde, muß ich etwas fragen,
Damit sich endlich mir das Räthsel löse,
Mit dem in unsern ungewissen Tagen
Sich ängstlich plagt der Gute, wie der Böse.
Du magst mir, was du willst, als Antwort sagen,
Ich ruf' es treu hinaus in das Getöse
Der Millionen wild verworr'ner Stimmen,
Gleichgültig, ob sie jauchzen, ob ergrimmen.

Ich seh' den holden Frühling wieder kehren,
Und reicher war er niemals noch gestaltet,
Als wolltest du dich jedes Keims entleeren,
So hat sich üppig Alles rings entfaltet,
Die Fülle hört nicht auf, sich zu vermehren,
Verschwenderisch erscheint der Geist, der waltet,
Man fragt: kann jetzt ein zweiter Lenz noch kommen?
Allein man weiß: dem Herbst wird dieser frommen!

Doch deine Menschen schau'n darein mit Mienen,
Als wärst du nicht ein ewig-grüner Garten,
Vielmehr ein Schiff, so überfüllt von ihnen,
Daß sie schon längst vor Furcht und Angst erstarrten,
Als wäre jetzt ihr jüngster Tag erschienen,
Als hätten sie nicht Frist mehr zu erwarten,
Als müßten sie sich um den Zwieback raufen
Und sich mit Blut ihr letztes Mahl erkaufen.

Sprich, Erde, drum: hat die Ernährung Schranken
Und die Erzeugung hätte dennoch keine?
Vergebens dürfte nicht ein Hälmchen ranken,
Indeß entmarkt, mit schlotterndem Gebeine,
Zu Millionen schon die Menschen wanken,
Weil du für sie kein Brot mehr hast, nur Steine?
Weit eher sollte eine Welt voll Aehren
Ja doch verfaulen, als ein Mensch entbehren!

So hatt' ich in der Frühlingsnacht gesprochen,
Verzweifelnd ob dem düstern Welt-Verhängniß,
Mir war der Geist gebeugt, das Herz gebrochen,
Und in der rastlos wachsenden Bedrängniß
Wagt' ich die stumme Mutter aufzupochen
Um einen Trost in meiner Seelenbängniß.
Auch gab sie mir, die ich begehrt, die Kunde,
Jedoch in strengem Sinn, mit ernstem Munde.

Noch nie ist mir ein Kind aus Noth gestorben -
Dieß war ihr Spruch - denn jede war zu wenden,
Und sind auch ganze Völker schon verdorben,
Man konnte fernhin über's Meer sie senden,
Dort hätten sie sich Heil und Glück erworben
Und mich zugleich geschmückt mit fleiß'gen Händen,
Ich band die Bäume nur an ihre Schollen,
Die Menschen nicht, weil diese wandern sollen!

Darum verklagt nicht mich, wenn ihr verschmachtet
In einem Elend, das ihr selbst geschaffen,
Weil ihr das Mittel, das ich bot, verachtet:
Faßt endlich den Entschluß, euch aufzuraffen,
Und kehrt den Pflug, wenn ihr nach Segen trachtet,
Still gegen mich, nicht gegen euch, die Waffen:
Ich hatt' und hab' für weit mehr Millionen
Noch Brot, als mich bewohnten und bewohnen!

Bin ich nur erst bebaut in allen Ländern,
So wird euch Allen auch der Tisch sich decken,
Und sollte sich's in fernster Zukunft ändern,
So habt ihr selbst die Gränze euch zu stecken,
Und die gehören zu der Freiheit Schändern,
Die dann vor dieser schweren Pflicht erschrecken;
Ich kann mich nicht vergrößern, meinen Kindern
Ist's nicht unmöglich, ihre Zahl zu mindern.

Zwar glaube ich nach der Natur der Dinge,
Das Gleichgewicht wird ewig fort bestehen,
Wenn's erst errungen ist, daß dieß gelinge,
Müßt ihr den Weg, den ich euch zeigte, gehen.
So dreht euch denn nicht mehr im alten Ringe,
Erweitert ihn, und Alles ist geschehen:
Wenn meine Quellen nicht mehr überfließen,
Wird wohl von selbst des Lebens Thor sich schließen.

Doch dieß wird das Jahrtausend kaum entscheiden,
Drum soll es nicht schon das Jahrhundert quälen,
Ihr braucht nicht länger, als ihr wollt, zu leiden,
Ihr habt nur neu den Welttheil euch zu wählen,
Dann wird, was ich in meinen Eingeweiden
Bisher mit Qual verschloß, euch nicht mehr fehlen,
Und, statt des Fluchs, werd' ich in vollen Chören
Zum ersten Mal der Menschheit Jubel hören!

Nun schwieg sie still, ich aber rief vernichtet:
Sie hat mit uns, wir nicht mit ihr, zu rechten;
Darum zu Schiff, jedoch zum Heer verdichtet,
Nicht bloß zu pflügen gilt's, wohl auch zu fechten;
So wird der große Doppel-Zwist geschlichtet,
Denn erst, wenn wir uns ganz mit ihr verflechten,
Kann sie der Sonne auch für ihre Stralen
In Glanz und Duft die ganze Schuld bezahlen!

Laß aber du, o Vaterland, dich mahnen:
Vergiß sie nicht, die Kinder in der Ferne;
Sie werden segeln unter deinen Fahnen,
Drum sorge du, daß man sie achten lerne,
Und zieh'n sie auch von Pol zu Pol die Bahnen,
Sei du mit ihnen, wie die treuen Sterne,
Und halte jedes, voll erhab'nen Trutzes,
Je ferner dir, je würd'ger deines Schutzes!


 An des Kaisers von Oesterreich Majestät

          (Bei Gelegenheit des Attentats)

War auch der Mörder, welcher, tief verblendet,
Den meuchlerischen Stahl auf Dich gezückt,
Ein Bote, den die Hölle selbst gesendet,
Nachdem sie ihn im Innersten berückt,
So hat es doch der Himmel so gewendet,
Daß jetzt ihn die Apostelkrone schmückt,
Denn Kunde hat der Herr durch ihn gegeben:
Gefeit ist, weil geweiht, des Kaisers Leben!

Nun darfst Du doppelt auf Dich selbst vertrauen,
Und doppelt hoffen darf auf Dich die Welt,
Der Dichter aber blickt mit heil'gem Grauen
In Deine Zukunft, die sich ihm erhellt,
Du wirst, er glaubt's den Thron auf's Neue bauen,
Den Karl der Große einst so hoch gestellt,
Denn soll's noch einmal auf der Erde tagen,
So muß das Herz Europas wieder schlagen!

So schmiede denn mit einer eh'rnen Klammer
Das eig'ne fest an's alte Deutsche Reich;
Dann endest Du den allgemeinen Jammer
Und den des edlen Deutschen Volks zugleich:
Wo drängt sich auch durch eine Herzensklammer
Das Blut und läßt die and're leer und bleich?
Durch alle beide muß es wechselnd fluten,
Dann weckt es die verborg'nen Lebensgluten!

Und liegt das alte Reich auch tief darnieder,
Ein Wink von Dir, und es erhebt sich schon,
Es starb ja nicht an seiner eig'nen Hyder,
Es ward zermalmt durch einen Göttersohn,
In Cäsar kehrte Alexander wieder
Und alle Beide in Napoleon,
Und sehen wir den Erdball selber schwanken,
So darf auch ohne Schmach die Eiche wanken!

Es glich dem düstern Helden jener Sage,
Der seine Feinde nicht bloß überwand,
Nein, der sich auch zu seiner eig'nen Klage
Nach jedem Siege doppelt stärker fand,
So daß er an dem Abend seiner Tage
Die Kraft der Welt in sich zusammen band,
Und, da ihm doch beschieden war, zu enden,
Den Tod erlitt von aller Götter Händen!

Drum ist, was ihm erlag, nur halb erlegen,
Es sank betäubt, doch war es nicht erschlafft,
Der Scheintod selbst, er ward vielleicht zum Segen,
Sogar ein Traum entzündet oft die Kraft,
Auch seh'n wir manchen Zwerg sich wieder regen,
Der keck und trotzig sich empor gerafft:
Was schläft denn noch der erste aller Recken?
Berühr' ihn, Herr, ein Habsburg kann ihn wecken!



F. Sonette

                 An eine Römerin

Ich hab' als Kind gespielt im fernen Norden,
Dann bin ich weit und breit herum gekommen
Und habe schon das dritte Meer durchschwommen,
Nun ruh' ich aus an seinen Blüten-Borden.

Dir ist ein schlichtes Mädchen-Loos geworden,
Wie eine Blume bist du still erglommen,
Dann hat, wie die der Strauß, dich aufgenommen
Als frischen Schmuck der fromme Jungfrau'n-Orden.

Nun geh'n wir Beide Hand in Hand zusammen,
Wie Gärtnerin und Schiffer traulich wallen,
Im kühlen Schatten dicht verschlung'ner Aeste;

Ich spreche dir von Sturm und Meeresflammen
Und schmücke dich mit Perlen und Korallen,
Du pflückst mir still der Gold-Orangen beste.


            Im römischen Carneval

Einst bin ich unter'm Maienbaum gelegen,
Und, wie ich lag, hat sich ein Wind erhoben!
Wie sind die Blüten da um mich gestoben!
Wie unermeßlich schien des Frühlings Segen!

Jetzt, däucht mir, seh' ich einen gleichen Regen,
Doch von Gestalten, Licht und Gut gewoben!
Als hätten sich die gold'nen Sterne droben
Geschüttelt, welche alles Höchste pflegen.

Vom stillen Reizenden zum Blendend-Schönen,
Es fehlt kein Glied der holden Formenkette,
Und meinen Augen scheint sie nicht zu enden.

Drum reicht den Kranz, die Königin zu krönen,
Nicht mir; denn eh' ich sie gefunden hätte,
Wär' er gewiß verwelkt in meinen Händen!


              Eine Mondnacht in Rom

Bei'm Dämmerlicht des Mondes schau' ich gerne
Der grauen Weltstadt bröckelnde Ruinen,
Die uns als Maaß für ihre Größe dienen,
Woran der Mensch sich selber messen lerne;

Denn dieses Licht, das einem trüben Sterne
Entfließt, hat ihre Schlachten nie beschienen,
Nur die Gefall'nen mit den eh'rnen Mienen,
Umstanden von des Heeres bestem Kerne.

Jetzt trägt sie selbst, wie die, den Todesstempel,
Drum ziemt sich's, daß dasselbe Licht ihr leuchte,
Dann träumt vielleicht ein Dichter, daß die Sonnen

Erlöschen, wie Palläste hier und Tempel
Zusammenstürzen, und der oft verscheuchte
Vernichtungsengel jetzt den Sieg gewonnen!


                     Die Lerche

Ich kam in Ungarn durch ein Thal gefahren,
Von leichten Rossen schnell dahin getragen,
Und hörte über mir die Lerche schlagen,
Die durch den Aether zog, den bläulich-klaren.

Bald aber mußte ich erstaunt gewahren,
Daß sie zu mir hinab schoß in den Wagen,
Doch schien mir dies Vertrau'n zugleich ein Zagen
Vor einem andern Feind zu offenbaren.

Ich schaute auf und sah den Habicht hangen,
Der nicht gewohnt ist, Schwache zu verschonen,
Sie hatte Schutz gesucht auf meinen Knieen;

Ich aber dachte: daß das klein're Bangen
Der Mensch dir einflößt, soll sich dir belohnen,
Und ließ sie ungefangen wieder ziehen!


                         Der Wein

Du blinkst so hell und glänzend aus dem Becher,
Als wäre jeder Stral in dir zerronnen,
Woraus du einst die Feuerkraft gewonnen,
Die glühend jetzt entgegen schäumt dem Zecher.

Ich aber säume, reizender Versprecher
Des Süßesten, und zähle all' die Sonnen,
Die dich mit ihrem Netz von Licht umsponnen,
Bevor die Traube reif erschien dem Brecher.

Ich sehe ihn, von Nächten und von Tagen
Den reichen Zug, die, längst hinab gesunken,
Dir scheidend all ihr Köstlichstes gegeben.

Da mögt' ich fast im Geist vor dir verzagen,
Kaum an den Lippen, bist du ausgetrunken:
Wie zahle ich den Preis für so viel Leben?


                        Vollendung

Von einer Wunderblume laßt mich träumen!
Der Tag verschwendet seine reichsten Stralen,
In aller Farben Glut sie auszumalen;
Die Nacht versucht, mit Perlen sie zu säumen.

Bald wird das Leben in ihr überschäumen,
Und brennend, die Gestirne zu bezahlen,
Verströmt sie aus der Kelche Opferschaalen
Den flammenheißen Duft nach allen Räumen.

Doch, daß einmal das Schönste sich vollende,
Verschließt der Himmel seine durst'gen Lippen
Vor ihrem Opfer, und es senkt sich wieder.

Wie sie den Duft in jede Ferne sende,
Nicht Mond, noch Sonne, nicht ein Stern darf nippen,
Er wird zu Thau und sinkt auf sie hernieder.