Hebbel

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Biografie

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                    Rechtfertigung

Jüngst ward das Gold, das edle, hart gescholten,
Die andern Erden schmähten es, und riefen:
Wir sind's, in denen Baum und Blume schliefen,
Die jegliches Geschöpf erquicken sollten;

Wenn dich auch alle Sonnen küssen wollten,
Die jemals um das ew'ge Centrum liefen,
Sie weckten Nichts in deines Schooßes Tiefen,
Drum hast du uns auch stets für Nichts gegolten!

Nun sprach das Gold: ich bin das längst gewesen,
Was ihr jetzt seid, und wenn euch so viel Lenze,
Wie mir, entkeimten, werdet ihr mir gleichen;

Von mir sind keine Früchte mehr zu lesen,
Weil ich schon frei im eig'nen Dasein glänze,
Drum blüht und duftet fort, mich zu erreichen!


           Die Freiheit der Sünde

O glaube nicht, daß du durch deine Sünde
Die Welt verwirrst! Wie du auch freveln mögest,
Und ob du Gott dein Ich auch ganz entzögest,
Du hinderst nicht, daß sie zum Kreis sich ründe!

Ja, ob du, in des innern Abgrunds Schlünde
Hinunter taumelnd, völlig dich betrögest
Und dich hinauf zur Götter-Freiheit lögest,
Doch trifft dich das Gericht, das ich verkünde!

Wir leben nur im Ewigen und Wahren,
Und ihm entfliehen wollen, würde heißen,
In uns'rer Brust den Odem anzuhalten;

Wir können's, doch es wird sich offenbaren,
Daß wir das eig'ne Lebensband zerreißen
Und Nichts dadurch im Aether umgestalten.


               Schönheitsprobe

Wie läßt die echte Schönheit sich erproben?
Wohl einzig an dem selbstbewußten Frieden,
Der sie umfließt, weil sie sich wie geschieden
Von allen Kämpfen fühlt, die sie umtoben.

Ihr steht er, wie ein Sternenkranz von oben,
Den, da sie ganz den innern Zwist gemieden,
Der alles Uebrige verwirrt, hienieden,
Die ew'ge Mutter selbst für sie gewoben.

Doch wehe ihren Afterschwestern allen,
Die ihr nicht gleichen und sich selber krönen,
Weil Faun und Satyr ihnen Beifall zollen!

Sie können nur, wenn sie sich nicht gefallen,
Mit ihrem halben Dasein uns versöhnen,
Nur, wenn sie zeigen, daß sie weiter wollen.


           An Christine Engehausen

Du tränkst des Dichters dämmernde Gestalten,
Die ängstlich zwischen Sein und Nichtsein schweben,
Mit deinem Blut, und giebst den Schatten Leben,
In denen ungebor'ne Seelen walten.

Ich aber mögte nicht zu früh' erkalten,
Der Zeit die Form zu dem Gehalt zu geben
Und über sich hinaus sie zu erheben
Durch neuer Schönheit schüchternes Entfalten.

Doch dieses Deutschland wird uns schwer erwarmen,
Und eh' wir's denken, steh'n wir ab, verdrossen,
Drum laß uns Eins das Andere belohnen.

Wo treu und fest sich Mann und Weib umarmen,
Da ist ein Kreis, da ist der Kreis geschlossen,
In dem die höchsten Menschenfreuden wohnen.


                    Doppelter Krieg


Wie sollten sich des Schönen Priester hassen,
Wie sollten sie unedel sie bekriegen!
Ein Jeder wird dem Andern gern erliegen,
Das heißt, sich gern von ihm bewirthen lassen!

Doch freilich werden sie das Schwert erfassen,
Den Pfuscher, der den Thron der Kunst bestiegen
Und ihn schon dadurch schändet, zu besiegen,
Weil dem vor Zorn die Götter selbst erblassen.

Was ist es dort? Ein anmuthsvolles Ringen,
Ob Einer leisten solle, ob genießen,
Ob füllen oder leeren bloß die Schaale.

Hier gilt's, den Pöbelfürsten zu bezwingen,
Den schnöde Wächter in den Tempel ließen,
Damit er allen Musen Bärte male.


                An den Künstler

Ob du auch bilden magst, was unvergänglich
Durch alle Zeiten wandeln soll und glänzen,
Doch wird dich die, in der du lebst, nicht kränzen,
Sie wird dir trotzen, stumpf und unempfänglich.

Die Menschheit, schon an sich so unzulänglich,
Kann sich in ihren enggesteckten Gränzen
Nicht einmal aus dem Zauberquell ergänzen,
Der aus ihr selbst hervor bricht, überschwänglich.

Beklage es, doch einzig ihrethalben,
Die mit dem Nicht-Genießen dies Verkennen
Zu theuer büßt, und nimmer deinetwegen;

Denn, wollte sie dich gleich zum König salben,
So würden dich die Zweifel nicht mehr brennen,
Durch die du zahlst für aller Götter Segen!


                       Ein zweites

Und ob mich diese Zweifel brennen müssen?
So rufst du aus und mögtest es verneinen,
Auch mag der Frost dir unerträglich scheinen,
Der oft dich schüttelt bei der Muse Küssen.

Doch sprich: wenn deinen schöpf'rischen Ergüssen,
In denen alle Wonnen sich vereinen,
Die Schmerzen fehlten, stünden nicht mit Weinen
Die Brüder fern so einzigen Genüssen?

Drum nimm sie hin, die Ungerechtigkeiten
Der Welt, die dir die Luft des Daseins trüben
Und bittern Zwiespalt in dir selbst erwecken.

Sie sind bestimmt, von Anbeginn der Zeiten,
Die höhere Gerechtigkeit zu üben
Und einen Zwiespalt größ'rer Art zu decken.


                    Unsere Zeit

Es ist die Zeit des stummen Weltgerichts;
In Wasserfluten nicht und nicht in Flammen:
Die Form der Welt bricht in sich selbst zusammen,
Und dämmernd tritt die neue aus dem Nichts.

Der Dichter zeigt im Spiegel des Gedichts,
Wie Tag und Nacht im Morgenroth verschwammen,
Doch wird er nicht beschwören, nicht verdammen,
Der keusche Priester am Altar des Lichts.

Er soll mit reiner Hand des Lebens pflegen,
Und, wie er für des Frühlings erste Blüte
Ein Auge hat, und sie mit Liebe bricht:

So darf er auch des Herbstes letzten Segen
Nicht überseh'n, und die zu spät erglühte
Nicht kalt verschmähen, wenn den Kranz er flicht.


        Die menschliche Gesellschaft

Wenn du verkörpert wärst zu Einem Leibe,
Mit allen deinen Satzungen und Rechten,
Die das Lebendig-Freie schaamlos knechten,
Damit dem Totden diese Welt verbleibe;

Die gottverflucht in höllischem Getreibe,
Die Sünden selbst erzeugen, die sie ächten,
Und auf das Rad den Reformator flechten,
Daß er die alten Ketten nicht zerreibe:

Da dürfte dir das schlimmste deiner Glieder,
Keck, wie es wollte, in die Augen schauen,
Du müßtest ganz gewiß vor ihm erröthen!

Der Räuber braucht die Faust nur hin und wieder,
Der Mörder treibt sein Werk nicht ohne Grauen,
Du hast das Amt, zu rauben und zu tödten.


                     Mein Päan

Ich mögte auch einmal von Freiheit singen,
Doch, ist der Drang auch groß, den ich verspüre,
Wer sagt mir, wie viel Odem ihm gebühre?
Mir däucht, zuvor muß ich den Flamberg schwingen.

Der Tag erst, wo um mich die Schwerter klingen,
Wo ich, so wie ich jetzt die Saiten rühre,
Mit eig'ner Faust mein gutes Eisen führe,
Der Tag erst wird die rechte Antwort bringen.

Auch dann noch fecht' ich still und stumm, gleich Allen,
Die schweigend ihren Haß und Grimm getragen,
Doch endlich wird mein Blut die Erde färben.

Dann soll der Freiheit mein Päan erschallen,
Denn so viel Worte, glaub' ich, darf ich wagen,
Als Odem zwischen Fallen bleibt und Sterben.


             An eine edle Liebende

Du meinst in deiner Seele Dämmerweben,
Dir sei das Tiefste so gelös't in Liebe,
Daß dir nichts Eig'nes zu bewahren bliebe,
Drum willst du ganz und gar dich ihm ergeben.

O, thu es nicht! Es giebt ein Widerstreben,
So rein von jedem selbstisch-rohen Triebe,
Daß sich das Höchste still zu Nichts zerriebe,
Erschlösse dieß ihm nicht ein ew'ges Leben.

Und könntest du, im Edelsten erglommen,
Auch deines Wesens Form vor ihm vernichten -
Die Elemente bleiben, die sie waren!

So wird dein Opfer niemals ganz vollkommen,
Du kannst nicht völlig auf dich selbst verzichten,
Drum sorge du, dich ganz zu offenbaren!


                       Welt und Ich

Im großen ungeheuren Oceane
Willst du, der Tropfe, dich in dich verschließen?
So wirst du nie zur Perl' zusammen schießen,
Wie dich auch Fluten schütteln und Orcane!

Nein! öffne deine innersten Organe
Und mische dich im Leiden und Genießen
Mit allen Strömen, die vorüber fließen;
Dann dienst du dir und dienst dem höchsten Plane.

Und fürchte nicht, so in die Welt versunken,
Dich selbst und dein Ur-Eig'nes zu verlieren:
Der Weg zu dir führt eben durch das Ganze!

Erst, wenn du kühn von jedem Wein getrunken,
Wirst du die Kraft im tiefsten Innern spüren,
Die jedem Sturm zu steh'n vermag im Tanze!


                      An die Kunst

Dir, heil'ge Kunst, dir hab' ich mich ergeben!
Nicht drängt' ich mich, du riefst mich zum Altare,
Ich rang mit dir, ob ich mich frei bewahre,
Du siegtest, nimm mich denn auf Tod und Leben!

Nun wollen Träume meinen Blick umweben,
Ich aber schau' hinab auf ernste Jahre,
Doch, wie sich auch zum Kampf der Pöbel schaare,
Am Ende siegt ein gottgebor'nes Streben.

Viel trage ich, doch schlägt mir die Entehrung
Der Welt-Idee, auf deren Leib ich hoffe,
Durch Puppen-Larven leicht die Todeswunde.

Was thut's? Die echte Zeugung ist Entleerung
Des Einzelwesens von dem Weltenstoffe
Und geht mit ihrem Vater nicht zu Grunde.


                    Die Schönheit

Das Loos der Götter ist auch dir gefallen;
Denn du bist schön, du brauchst dich nur zu zeigen,
So wird sogar von Lippen, welche schweigen,
Wenn Jeder jauchzt, dir Lob und Preis erschallen.

Denn, die als unerreichbar vorschwebt Allen,
Die Harmonie, ist deinem Wesen eigen,
Wie sollte dich, wo du erscheinst, ein Reigen
Von trunkenen Verehrern nicht umwallen!

Zwar werden wir's nur schmerzlicher empfinden,
Wie viel uns mangelt, wenn wir auf dich schauen,
Allein du bist uns doch verwandt geblieben;

Drum dienst du, uns dem Höchsten zu verbinden,
Wir stehen ihm nicht länger fern mit Grauen,
Es tritt uns nah' in dir, wir können's lieben!


                  Die Verschmähte

Du liebst mich nicht! Wie sollt' ich länger leben!
Die Hoffnung, endlich in dein Herz zu dringen,
Erhielt mich, doch es wird mir nie gelingen!
Ich fühl's, und dieses muß den Tod mir geben.

Er naht mir schon, ich seh' ihn ohne Beben,
Er wird zurück mich zu der Mutter bringen;
Doch kann ich nicht den letzten Schmerz bezwingen,
Und mit mir selbst erst wird er ganz verschweben!

O, wär' ich, statt mit buntem Staub umkleidet,
Als stummes Traumbild vor dich hingetreten,
Du hättest heiß das Dämmernde umschlossen!

Ich ward dir dadurch, daß ich war, verleidet,
Du hättest sonst mich selbst von Gott erbeten,
Und ich in deinem Wunsch mein Glück genossen!


                 Die beiden Zecher

Bei'm Weine sah ich einst zwei Zecher sitzen;
Der Eine rief: kein Tropfen wird vergossen,
Bevor sich das Geheimniß mir erschlossen,
Woher es kommt, dies Perlen und dies Blitzen!

Der And're sprach: er wird mein Blut erhitzen,
Und daraus ist mir nie noch Heil entsprossen,
Wie wär' mir's, wenn ich nach dem Rausch verdrossen
Mich fände auf den schroffsten Felsenspitzen!

So saßen sie und grübelten auf's Beste,
Indeß umsonst die Goldpocale lachten,
Zu ihres gütigen Bewirthers Qualen;

Inzwischen kam ein Haufen frischer Gäste,
Da sah'n sie sich vertrieben, eh' sie's dachten,
Und müssen nun mit ew'gem Durst bezahlen!


       Der Mensch und die Geschichte

Die Weltgeschichte sucht aus spröden Stoffen
Ein reines Bild der Menschheit zu gestalten,
Vor dem, die jetzt sich schrankenlos entfalten,
Die Individuen vergeh'n, die schroffen.

Die endliche Vollendung ist zu hoffen,
Denn diese Künstlerin wird nie erkalten,
Auch sehen wir, wenn sich die Nebel spalten,
Schon manchen Zug des Bildes tief getroffen.

Doch wir, wie Kinder in der Werkstatt harrend,
Wir haschen nach den abgesprung'nen Stücken,
Die, wie sie schweigend meißelt, nieder fallen;

Dann rufen wir, in Andacht dumpf erstarrend,
Mit krummen Nacken und gebeugten Rücken:
Hier sind die Götter! Laßt den Weihrauch wallen!


                   Mann und Weib

Dem Weibe ist ein schönes Loos beschieden,
Was sie auch hat, sie hat es ganz und immer,
Sie freut sich an des fernsten Sternes Schimmer,
Allein sie schließt sich ab in klarem Frieden.

Der Mann wird nie so sehr vom Glück gemieden,
Als er es meidet, denn er faßt es nimmer,
Gleichgültig, wird es besser, wird es schlimmer,
Er hört nicht auf, das Dasein umzuschmieden.

Ihr ist es, wie ein zugeworf'ner Faden,
Sie hält sich d'ran, und schaudert vor den Wogen,
Die unten dräu'n, und trinkt des Himmels Lüfte.

Er widersteht nicht, sich im Meer zu baden,
Und forscht, vom hellen Leben abgezogen,
Ob Gott sich nicht verbirgt im Schooß der Grüfte.


                  An ein schönes Kind

Du blickst, um deiner Mutter Hals dich schmiegend,
Mich hold und lächelnd an, ein sel'ger Stummer;
Die Wonne schließt den Mund, ihn lös't der Kummer,
Du brauchst die Sprache nicht, in Luft dich wiegend.

Doch jetzt, der Kraft des Lenzes still erliegend,
Durch Bienen eingefurrt und and're Summer,
Von Duft betäubt, fällst du in tiefen Schlummer,
Ein Rosenblatt, in einen Brunnen fliegend.

O! würdest du der Maler und der Dichter
Gewaltigster, du wirst durch all dein Ringen
Das Höchste nie, wie jetzt im Spiel, verrathen,

Nie so das Schöne durch der Farbe Lichter,
Nie so das Reine durch dein frömmstes Singen,
Nie so das Menschlich-Göttliche durch Thaten!


                    Das Heiligste

Wenn Zwei sich in einander still versenken,
Nicht durch ein schnödes Feuer aufgewiegelt,
Nein, keusch in Liebe, die die Unschuld spiegelt,
Und schaamhaft zitternd, während sie sich tränken;

Dann müssen beide Welten sich verschränken,
Dann wird die Tiefe der Natur entriegelt,
Und aus dem Schöpfungsborn, im Ich entsiegelt,
Springt eine Welle, die die Sterne lenken.

Was in dem Geist des Mannes, ungestaltet,
Und in der Brust des Weibes, kaum empfunden,
Als Schönstes dämmerte, das muß sich mischen;

Gott aber thut, die eben sich entfaltet,
Die lichten Bilder seiner jüngsten Stunden
Hinzu, die unverkörperten und frischen.


                     Mysterium

O, könnte ich den Faden doch gewinnen,
Der, mich mit Gott und der Natur verknüpfend,
Und, abgewickelt, das Geheimste lüpfend,
Verborgen sitzt im Geist und in den Sinnen!

Wie wollte ich ihn muthig rückwärts spinnen,
Bis er mir, endlich von der Spindel hüpfend,
Und in den Mittelpunct hinüber schlüpfend,
Gezeigt, wie All und Ich in Eins zerrinnen.

Nur fürchte ich, daß, wie ich selbst Gedanken,
Die gleich Kometen blitzten, schon erstickte,
Eh' ich verging in ihrem glüh'nden Lichte,

So auch das All ein Ich, das, seiner Schranken
Vergessen, an das Welten-Räthsel tickte,
Aus Nothwehr, eh' es tiefer dringt, vernichte.


                     An den Aether

Allewiger und unbegränzter Aether!
Durch's Engste, wie durch's Weiteste Ergoßner!
Von keinem Ring des Daseins Ausgeschloßner!
Von jedem Hauch des Lebens still Durchwehter!

Des Unerforschten einziger Vertreter!
Sein erster und sein würdigster Entsproßner!
Von ihm allein in tiefster Ruh' Umfloßner!
Dir gegenüber werd' auch ich ein Beter!

Mein schweifend Auge, das dich gern umspannte,
Schließt sich vor dir in Ehrfurcht, eh' es scheitert,
Denn Nichts ermißt der Blick, als seine Schranken.

So auch mein Geist vor Gott, denn er erkannte,
Daß er, umfaßt, sich nie so sehr erweitert,
Den Allumfasser wieder zu umranken.


                      Die Sprache

Als höchstes Wunder, das der Geist vollbrachte,
Preis' ich die Sprache, die er, sonst verloren
In tiefste Einsamkeit, aus sich geboren,
Weil sie allein die andern möglich machte.

Ja, wenn ich sie in Grund und Zweck betrachte,
So hat nur sie den schweren Fluch beschworen,
Dem er, zum dumpfen Einzelsein erkoren,
Erlegen wäre, eh' er noch erwachte.

Denn ist das unerforschte Eins und Alles
In nie begriff'nem Selbstzersplitt'rungs-Drange
Zu einer Welt von Puncten gleich zerstoben:

So wird durch sie, die jedes Wesen-Balles
Geheimstes Sein erscheinen läßt im Klange,
Die Trennung völlig wieder aufgehoben!


                 Apollo von Belvedere

Wer schön, wie du, ist, soll dich einst zerschlagen!
So sprach der Meister, als er dich vollendet
Und vor dir stand, von deinem Glanz geblendet:
Er hatte Nichts bei diesem Wort zu wagen.

Denn, wen auch noch seit deines Ursprungs Tagen
Die neidische Natur hieher gesendet,
Hier hat sich immer sein Triumph geendet,
Kein Jüngling stand noch vor dir, als mit Zagen.

Ja, könnte selbst in Zukunft Einer kommen,
Dir gleich und dennoch fähig, dich zu hassen,
Er würde nimmer büßen sein Gelüste:

Er hätte kaum die Axt zur Hand genommen,
So müßt' er sie schon wieder fallen lassen,
Weil er schon dadurch häßlich werden müßte.


        An meinen Freund Gurlitt

Ich dachte dein, als ich die Herrlichkeiten
Der Steiermark vom Berg herab erblickte
Und im Empfindungswirbel fast erstickte,
Weil mir die Kraft gebrach, ihn abzuleiten.

Denn wer, wie du, in nebelhafte Weiten
Den Künstlerblick so oft schon siegreich schickte
Und sicher war, daß keine ihn verstrickte,
Vermag auch dort mit der Natur zu streiten.

Zwar werde ich dir nie die Hand mißgönnen,
Doch könnt' ich dir das Auge fast beneiden,
Vor dem des Chaos Formen nicht bestehen.

Ich mögte Bilder schau'n, nicht machen können,
Und bloß, um Nichts vom Häßlichsten zu leiden,
Denn niemals hat's der Maler noch gesehen.


                 Juno Ludovisi

Du lässest uns die Blüte alles Schönen
Und seines Werdens holdes Wunder sehen;
Die Stirn' ist streng, man sieht's in ihr entstehen,
Wo es noch ringen muß mit herben Tönen.

Die Wange will sich schon mit Anmuth krönen,
Doch darf sie noch im Lächeln nicht zergehen,
Der Mund jedoch zerschmilzt in süßen Wehen,
Daß Ernst und Milde sich im Reiz versöhnen.

Erst keusches Leben, wurzelhaft gebunden,
Dann scheuer Vortraum von sich selbst, der leise
Hinüber führt zur wirklichen Entfaltung;

Und nun ist auch der Werdekampf verwunden,
Man sieht nicht Anfang mehr, noch Schluß im Kreise,
Und dieses ist der Gipfel der Gestaltung.


                       Ein Bild

Im Morgenwinde sah ich Blumen wanken
Und sah, wie sie den Thau der gold'nen Frühe,
Daß jede voller dufte, tiefer glühe,
Mit heißem Mund begierig in sich tranken.

Gesättigt sah ich bald die meisten schwanken,
Als glaubten sie, daß keine nun verblühe,
Die Rosen tranken fort mit süßer Mühe,
Bis ihre Kelche fast zur Erde sanken.

Die andern wiegten sich in Luftgefühlen,
Sie wollten eben lauten Spott erheben,
Da schoß die Sonne ihre Flammen-Pfeile.

Die Rosen löschten sie im Thau, dem kühlen,
Doch jenen drangen sie in Mark und Leben,
Man sah sie hingewelkt nach kurzer Weile.



G. Epigramme und Verwandtes

Bilder, wie sie im Fluge sich haschen lassen, Gedanken,
Welche sich runden in sich, mancher geschichtliche Strich,
Auch zuweilen ein Hauch, der, leise schwellend, den Busen
Hebt und wieder verläßt, eh' er ein Lied noch beseelt,
Und dazwischen, doch selten, die Köpfe von Schelmen und Wichten,
Wie man, genagelt an's Thor, Eulen und Dohlen erblickt,
Alles aber im Vers, wie Schiller und Goethe ihn bauten,
Schmäh'n ihn auch Platen und Voß, weil er der deutscheste ist!


I. Bilder

      Auf den Dom zu Sanct Stephan in Wien

Altehrwürd'ges Symbol der wahren Einheit und Eintracht,
Welch ein gewaltiges Bild stellst du mir hin vor den Geist!
Mehr erhebt es mich fast, dich werden zu seh'n in Gedanken,
Als mich, gesättigten Blicks, deiner Vollendung zu freu'n.
Welch ein harmonisches Leben! Welch fröhlicher Austausch der Kräfte!
Und von Geschlecht zu Geschlecht schlingt sich das heilige Band.
Kaum entfaltet der Meister, des Genius irdischer Herold,
Fromm und begeistert den Plan, als sich auch Alles ihm beugt:
Nicht das Handwerk bloß, das nur durch's Dienen sich adelt,
Auch die stolzere Kunst horcht nur auf seinen Befehl.
Einer greift zur Kelle, der And're zum Meißel, und freudig
Fängt nun Jeglicher an, was er nicht endigen soll.
Wer als kräftiger Jüngling die luft'gen Gerüste erklommen,
Steigt erst herunter als Greis, doch es ersetzt ihn sein Sohn,
Diesen wieder sein Enkel, und als nun endlich der Letzte
Für die Spitze des Thurms windet den schimmernden Kranz,
Siehe, da kann er die Blumen auf dessen Grabe schon pflücken,
Welcher den Grundstein einst, gläubig vertrauend, gelegt!
Aber nun stehst du auch da, ein Fels, von menschlichen Händen,
Und verkündest der Welt, wie man das Dauernde schafft!


                               Todtenopfer

Ueber den Kirchhof ging ich und pflückte von jedem der Gräber
Eine Blume mir ab, bis sie mir schwollen zum Strauß.
Aber, was soll er mir doch - so rief ich, plötzlich erschaudernd, -
Borgt das Leben sich denn Zierde und Zeichen vom Tod?
Doch, da traf ich ein Grab, verwildert liegend und einsam,
Welchem jeglicher Kranz fehlte, der welke sogar.
Nimm sie, sprach ich und streute die Blumen, die schlummernden Nachbarn
Senden das Opfer durch mich, da es die Liebe versäumt!


                              Wüstenbild

Ueber der Wüste schwebt ein Geier und späht nach der Beute,
Unten im Sande zieht keuchend ein Wand'rer daher.
Jener mögte verhungern, und nirgends erblickt er ein Leben,
Dieser verschmachtet vor Durst, aber ihm rieselt kein Quell.
Da gewahren sich Beide, und brennen, zusammen zu treffen,
Hat doch der Eine sein Fleisch, hat doch der And're sein Blut!


                            Schwalbe und Fliege

An dem heitersten Morgen entstürzte die fröhlichste Schwalbe
Plötzlich dem Himmel und sank todt zu den Füßen mir hin.
Mittags, der längst Erstarrten den Schnabel öffnend, erspäht' ich
Eine Fliege im Schlund, welche sie halb nur verschluckt.
Diese zappelte noch, ich zog sie hervor, und, die Flügel
Trocknend im Sonnenstral, schwirrte sie bald mir davon.


                         Geschlossener Kreis

Nicht vermogte die Traube den Wein noch länger zu halten,
Als man sie kelterte, war sie dem Zerspringen schon nah;
Auch nicht konnte das Faß, das starke, den feurigen fesseln,
Wenn man nicht schnell ihn gezapft, hätt' er sich selber befreit;
Noch viel weniger hält ihn der Dichter, der ihn getrunken,
Jetzt zurück, als Gedicht fliegt er schon wieder davon;
Mög' es den Hörer berauschen, und mög' er nicht eher ernüchtern,
Bis er Reben gepflanzt, daß sich vollende der Kreis!


                             Ein Weizenfeld

Weil es die Aehre verschmäht, sich mit der Farbe zu zieren,
Hat die Natur ihr den Mohn dicht an die Seite gestellt;
Jener hat sie die Kraft vertraut, den Menschen zu nähren,
Diesem verlieh sie den Reiz, welcher sein Auge erfreut.
Jene frage drum nicht: wo sprießen dir nützliche Körner?
Oder dieser: wo trägst du den erquicklichen Schmuck?
Wenn die Eine uns fehlte, so könnten wir freilich nicht leben,
Aber wir mögten es nicht, wäre der And're nicht da!


  Bei der Bestattung des Herzogs von Augustenburg

Volk, was tummelst du dich? "Der Herzog wird ja begraben!
Hörst du die Glocken denn nicht? Laut genug hallen sie doch!"
O, du glückliche Menge, dir kann es nimmermehr fehlen,
Alles wird dir zum Fest, ganz, wie die Hochzeit, der Tod.
Männer und Weiber, der Greis mit silberhaarigem Scheitel,
Und das quellende Kind dort auf dem Arme der Magd,
Alle strömen herbei, sie wollen die stolzen Carossen
Sehen, die Pferde im Putz und die Lakaien im Staat.
Würde er selbst hier, der Tod, bestattet, und läge die Hippe
Statt des Schwerts, auf dem Sarg, welche uns Alle bedroht,
Bunter wäre es nicht, und lustiger kaum, das Gefolge,
Traun, sie blicken darein, wie es Unsterblichen ziemt.
Jener Greis, er zählt sein Alter von Hundert herunter,
Und da bleiben ihm noch zwanzig der Jahre, und mehr,
Dieses Kind, es läßt gar von der Magd sich versprechen,
Daß man ihm morgen zur Lust Kaiser und König begräbt.
Ich nur sehe den Todten mit seinem geschlossenen Auge,
Ich nur das lehmerne Bild, welches der Deckel verbirgt.
Doch schon sehe auch ich ihn nicht mehr, dort lächelt ein Mädchen,
Und es kommt mir so vor, daß sie mich kennt und mir winkt.


                                Der Greis

Bin ich wieder genesen, und glaubte, sicher zu sterben?
Dank dir, gütiger Tod, daß du ein Umseh'n mir noch
Wolltest vergönnen, ein letztes! Zu lange werd' ich nicht zögern!
Einen einzigen Blick! Erde, wie bist du so schön!
Jene Thräne ist längst getrocknet, die mir zuweilen
Deinen Zauber verhüllt, morgendlich glühst du mich an!
Drüben spielt mein Enkel! Den heiligen Funken des Lebens
Trat ich ab an das Kind! Fort nun! Er bleibt ja zurück!


          Nach dem ersten Abend bei Franconi in Paris

Jammer, du rührst mich nicht mehr! Denn daß es dem feurigen Proteus
In des Odysseus Arm, der ihn nicht einmal befragt,
Der ihn nur stumm erdrückt und an der Verwandlung verhindert,
Daß es ihm übel behagt, dieses versteht sich von selbst.
Aber, wenn er sich lös't und sich die göttliche Freiheit
Wieder erobert, und wär's auch nur für Einen Moment:
Ja, da rührt er mich tief, da fühl' ich mich doppelt und dreifach
Selber gebunden, da wird eilig das Auge mir feucht.
Zeigt mir ein Bettler die Wunden, so reich' ich ihm freilich den Pfenning,
Doch ich wusch sie noch nie mild mit der Thräne ihm aus,
Aber ich weine dem Lear, und auch nicht, weil es dem König
Mißlich ergeht in dem Stück, nein, weil ein Mensch es gemacht.
Ja, ich will es bekennen, daß selbst die Reiter-Gesellschaft
Mir heut' Abend den Thau süßer Bewundrung entlockt.
Ist es dem Vogel nicht nah', dies zierliche Mädchen? Der Jüngling,
Beugt er dem dumpfen Gesetz irdischer Schwere sich noch?
Und auf den Schultern des Bruders, das Knäbchen, die Stellungen wechselnd,
Scheint's nicht lebendiger Thon, welcher nach Laune sich formt?
Gaukeln nicht Alle vorüber, wie glänzende Schatten, und zeigen,
Daß der Leib, wie der Geist, frei ist, sobald er nur will?
Ja, und würde auch Jedes ein Opfer des kühnsten Versuches,
Den die Begeisterung wagt: stürzt denn nicht Psyche noch schön,
Wenn sie's im Taumel vergißt, daß sie den trüg'rischen Fittig
Wieder zerschüttelt zu Sand, den sie zu muthig bewegt?


                               Der Phönix

Bist du selber, o Mensch, der Phönix, von welchem du träumtest,
Daß ihn die Flamme verjüngt? Innig beklag' ich dich dann,
Daß man aus feuchtem Holz den Scheiterhaufen dir thürmte
Und in regnigter Nacht gar in den Brand ihn gesteckt.
Anfangs zwar schürt Amor das Feuer, er hat es entzündet,
Lustig prasselt es auf, doch er versäumt es zu bald,
Nun erlischt es, du liegst auf todten Kohlen, die Winde
Sausen, der Regen tropft, und du erstarrst und erfrierst.


                      Natur und Mensch

Oft schon kam es mir vor, Natur, als hätt'st du zu zeitig
In dein Werk dich verliebt und die Vollendung versäumt.
Weil der Mensch dir gefiel, so bleibst du stehen bei'm Menschen,
Und erwecktest in ihm nicht noch den schlummernden Gott.
Aber nun träumt er von dem, und weil er erwachend sich wieder
Findet, wie eben vorher, fällt er zurück in das Thier.


                    Italiens erster Gruß

Heliogabalus ließ die Gäste ersticken mit Veilchen:
Schönes Italien, drohst du mir ein ähnliches Loos?
Deiner Fülle erlieg' ich! Sie ist für Götter und Käfer!
Göttern bin ich nicht gleich, Käfern noch minder verwandt!


                                     Rom

Rom, schon bist du Ruine und wirst noch weniger werden,
Aber dein Himmel verbürgt dennoch die ewige Stadt.
Wo die Myrthe gedeiht, und wo der Lorbeer nicht mangelt,
Siedeln zu Liebe und Krieg immer auch Menschen sich an.
Colloseum, Rotunda, ihr wurdet christliche Kirchen,
Weil euch dieses allein vor der Zerstörung geschützt,
Denn der stumpfe Zelot ergriff die Axt des Barbaren,
Als sie ihm endlich entsank, aber der weisere Papst
Schirmte euch durch den Altar und durch die Heiligenbilder
Still vor der letzten Gefahr, welche euch drohte bis heut'.
Dennoch kommt es mir vor, als hätt' man erschlag'nen Titanen
Nach dem Tode das Kreuz noch auf die Stirne gebrannt.


                              Auf dem Capitol

Cäsar entblößte sein Haupt und hatte sich selbst nicht zu grüßen;
Kann ich weniger thun, jetzt, da sein Schatten hier weilt?


                                  Via Appia

An den Straßen erhöhten die Römer den Todten die Gräber,
Daß der Niedrigste selbst, führte sein Weg ihn vorbei,
Sich noch glücklich erkenne und spreche: wenn mir auch wenig
Nur gehört, mir gehört viel, mir gehört noch kein Grab!


        Der Epheu am Grabe der Cecilia Metella

Epheu, man hat dich verklagt, du sollst die Bäume entseelen,
Aber ich spreche dich los, da du die Steine belebst!
Jenen Frevel erblickt' ich noch nie; dies reizende Wunder
Sah ich noch heute vollbracht: grünt doch das traurige Grab.


           La chiesa sotterranea dei Capucini a Roma

Menschen-Gebeine hat man zu Sternen und Blumen verflochten,
Von der farbigen Wand grinsen sie zierlich herab;
Aufgestapelte Schädel umsteh'n in geordneten Reihen
Dämmernde Nischen, worin manches Gerippe sich streckt,
Wie im Leben, bekleidet mit bräunlicher Kutte, ein Täflein
In der knöchernen Hand, welches das Sterbejahr nennt,
Und dein Führer, ein Mönch, wie diese Todten es waren,
Sagt dir lächelnd: dereinst werde ich ruhen, wie sie!
Aber Italiens Sonne bestralt durch niedrige Fenster
All den Moder, und sanft plätschert ein Springbrunn im Hof.