Hebbel

Seite 8

Inhalt

Biografie

Seite 10

             Auf eine Biene in der Villa Medicis

Holdes Bienchen, du irrst! Dort winkt dir blühend der Lorbeer,
Sprich, was umsurrst du denn mir emsig die Wang' und den Mund?
Honig entsaugst du mir nicht, du sei'st denn ein schelmisches Mädchen,
Das sich vermummte, und dann komm in der wahren Gestalt!
Sinnst du mir aber ein Arges, gedenkst du, dafür mich zu strafen,
Daß ich ein Mensch nur bin, nimmer die Rose des Thals,
Oder bin ich dir gar aus alter Zeit noch verschuldet,
Hab' ich als Blume vielleicht einst dir geweigert den Trunk:
O, besieh mich vorher, ob nicht mit schärferem Stachel
Dich ein stärkerer Feind lange an mir schon gerächt;
Sieh, du setztest dich leicht auf eine Narbe, denn manche
Hab' ich, ich zuckte dir kaum, aber du littest den Tod.


                  Die Kuppelbeleuchtung zu Rom

Alter Sanct Peter, was seh' ich? Es ringelt die Schlange des Feuers
Glühend sich um dich herum, züngelt noch über das Haupt
Dir hinaus und verscheucht den Mond, den frommen Versilb'rer
Deiner Kuppel, der wähnt, daß ihn die Hölle vertreibt.
Doch, ich irrte mich wohl! Du stehst nicht erschrocken, die Flamme
Zittert, statt deiner, sie friert, gern auch entschlüpfte sie dir,
Aber, du hältst sie, sie soll den Vorwitz büßen, verwegen
Aufgekrochen zu sein an dem Giganten von Stein.
Oder hat sich der jüngste der Blitze, der Wolke entwischend,
Gar des Angriffs erkühnt, hast du den Nestling gepackt
Und dich in ihn gewickelt, damit er verkünde: Sanct Peter
Hat zwar das Ende der Welt, aber Nichts weiter zu scheu'n?
Wahrlich, ich glaub's, dich knirscht erst dann die Erde hinunter,
Wenn sie dem Chaos erbebt, welches sie selber erschnappt.


                         Vor dem Laocoon

Michel Angelo hieß als Wunder der Kunst dich willkommen,
Weil du als Gegengewicht gegen den schönen Apoll,
Der den Raphael trug und ihn verneinte, ihm dientest;
Mancher sprach es ihm nach, aber er sagte zu viel.
Was die Wahrheit vermag, das zeigst du deutlich, o Gruppe,
Deutlicher zeigst du jedoch, daß sie nicht Alles vermag!


                              Die Herme

Herme, ich liebe auch dich! Mir ist, als säh' ich das Chaos
Nach unendlichem Kampf hier von sich selbst sich befrei'n!


                   Ein Scirocco-Tag in Rom

Steht in Flammen die Welt? Sind rings die Meere verdünstet,
Welche mit linderndem Hauch sonst doch die Glut wohl gekühlt?
Sinken sie alle in Asche zusammen, die Städte der Menschen?
Wälzt den glühenden Qualm langsam herüber der Wind?
Oder ist's der Scirocco, der zwar die Orange uns zeitigt
Und die Traube uns kocht, aber uns selbst auch erstickt,
So daß Jeglicher zweifelt, er werde die Früchte noch kosten,
Die er uns süßt, und des Weins, den er uns würzt, sich erfreu'n?
Sei es, was es auch sei, das bloße Athmen wird Arbeit,
Und das Leben begräbt scheu sich im dumpfesten Schlaf,
Kaum noch rettet es sich den leisen Wunsch, zu erwachen,
Denn es fühlt sich dem Tod, fühlt sich dem Nichts schon zu nah'!


                  Vor Raphaels Galathea

Dieses Bild zu betrachten, war Einer nur würdig, der Dichter,
Welcher die Julia bot; dieses entzückende Stück
War nur für Raphael da: o hätten sich Beide bewirthet
Und in die ewige Nacht dann, was sie schufen, versenkt!


                      Die Alexander-Schlacht

Seht dies köstliche Bild, ihr Maler, und lernt das Geheimniß,
Wie sich die Fülle des Stoffs paart mit der Größe der Form.


              Der Lorbeer in Italien

Alles Herrliche trieb in diesem Lande die Erde,
Darum hat sie sich selbst hier mit dem Lorbeer gekrönt.


                         In Albano

Unvergeßliches Bild! Ein Esel wollte verschmachten,
Zwar, der Brunnen war nah', aber es war ihm zu viel,
Zwanzig Schritte zu machen, und es bedurfte des Führers,
Ihn zu bestimmen; gepeitscht, trank er mit Gier und mit Lust.


               In den pontinischen Sümpfen

Lachen erwartete ich, was fand ich? Strotzende Wiesen,
Selten wuchernden Schilf, kaum noch die Spuren von Sumpf,
Aber kräftige Bäume, des Erdreichs Mark mir bezeugend,
Korn auch, freilich nur da, wo man gepflügt und gesä't.


                          Villa reale a Napoli

Unter duftigen Bäumen, vom Hauch des Abends durchsäuselt,
Sammelt von reizenden Frau'n still sich ein glänzender Flor;
Leise ergießt sich der Strom melodischer Klänge und schaukelt
Zwischen Wonne und Weh jedes empfängliche Herz;
Aber die Wogen des Meers, am nahen Gestade sich brechend
Und vom Winde geschwellt, donnern verhalten darein,
An die gewalt'gen Accorde der rollenden Sphären uns mahnend,
Welche für's menschliche Ohr sanft zur Musik sich gedämpft.


                           Neapolitanisches Bild

Fleißig hämmert der Schmied, mein Nachbar, da naht sich bedächtig
Ihm der heischende Mönch, willig auch reicht ihm der Mann,
Den er noch kaum verdient durch frühe Arbeit, den Groschen,
Und es beut ihm der Mönch einen gedoppelten Dank,
Erst die Madonna zum Kuß und dann die Dose zum Schnupfen,
Jener küßt und nimmt ruhig die Prise darauf.


Auf einen Schmetterling, der mich in der Gräberstraße zu Pompeji umflog


Fast in's Angesicht fliegt mir der Schmetterling, immer so scheu sonst;
Ahnt er, daß hier ein Mensch gar nicht zu tödten vermag?
In der begrabenen Stadt und unter begrabenen Gräbern,
Halt' ich den Odem sogar an, wenn der Gaukler sich naht!


                   Die Sicilianische Seiltänzerin

Süßes, reizendes Mädchen! Du tanzest drinnen, doch draußen
Schlägst du die Becken zuvor, daß sich die Bude dir füllt.
Roth ist dein Kleid, und es stechen davon die weißen Korallen
Zierlich ab, die du fein dir um das Hälschen gehängt.
Aber wehe! Du ließest die Schellen zu mächtig ertönen
Und zerquetschtest dabei leider ein Perlchen der Schnur.
Traurig senkst du das Köpfchen und blickst zur älteren Schwester
Still hinüber und flehst stumm um ihr Mitleid sie an.
Doch sie lächelt verächtlich, und dreht dir den Rücken, und wirft ihr
Tambourin so in die Luft, daß es, gefangen, zerspringt.
Aermste, ich kann sie versteh'n! Sie hat schon Beßres verloren,
Und dein kindlicher Schmerz um den zerschmetterten Tand,
Der die Reinheit der Seele, die fleckenloseste, spiegelt,
Mahnt sie an deinen Besitz, ach! und an ihren Verlust!


                                    Venedig

Wie ein verwirklichter Traum begrüßt dich das bunte Venedig,
Wenn du es flüchtig durchschiffst: nicht die versunkene Stadt
Glaubst du vor dir zu sehen, von welcher die Dichter erzählen,
Diese dünkt dir im Meer gleich von Tritonen erbaut,
Und du taumelst dahin, wie unter Korallen und Muscheln,
Und verwunderst dich nur, daß dich die Flut nicht ereilt.
Alles Uebrige paßt hinein in den Rahmen: der Doge,
Der sich den Wellen vermählt, und das vermummte Gericht,
Ja die Brücke der Seufzer, erscheinen dir hier so natürlich,
Wie in des Oceans Nacht Fische mit Sägen im Haupt.
Laß dir aber vom Führer berichten, wie Alles entstanden,
Und das phantastische Bild lös't in Vernunft sich dir auf!


II. Gnomen

         Der Lorbeer um ein Menschenhaupt

Unverwelklicher Lorbeer in schnell erbleichender Locke!
Welch ein gewaltiges Bild menschlicher Größe und Kraft!


                    Das Höchste und das Tiefste

Kein Gewissen zu haben, bezeichnet das Höchste und Tiefste,
Denn es erlischt nur im Gott, doch es verstummt auch im Thier.


                             Auf den Tod

Tod, man kann dich nicht bannen, doch dafür kann man dich rufen;
Weil du das Opfer verschmähst, bist du zum Sclaven gemacht.


          Die doppelten Thränen des Menschen

Weinen mußt du im Himmel und weinen mußt du auf Erden,
In dem nämlichen Thau spiegeln sich Wonne und Qual.
Aber die Thräne der Wonne verdunkelt sogleich dir den Himmel,
Während die Thräne der Lust nie dir die Erde verhüllt.


                       Der Dämon und der Genius

Glücklich willst du nicht heißen, noch weniger jubeln und jauchzen,
Daß du den Dämon nicht weckst, der nur die Stillen verschont;
Aber zitterst du nicht, den Genius selbst zu verletzen,
Welcher dich segnet und schirmt, wenn du den Dank ihm entziehst?


                      Der Wirbel des Seins

Denke dir einmal das Nichts! Du denkst es dir neben dem Etwas!
Aber, da denkst du's dir nicht! Hier ist der Wirbel des Seins!


                        Transsubstantiation

Zwischen den Zähnen noch wehrt sich der Apfel gegen den Menschen,
Aber, wehrt sich der Mensch weniger gegen die Welt?


                               Der Abend

Jeglicher Abend ergreift mich, als wär' er der letzte von allen,
Der nach unendlichem Kampf ewige Ruhe verheißt.


                  Die Gränze des Menschen

Wo die Natur dir Erkenntniß vergönnt und Einsicht in's Wesen?
Wo sie deiner bedarf! Das ist nur selten der Fall.


                        Philosophen-Schicksal

Salomons Schlüssel glaubst du zu fassen und Himmel und Erde
Aufzuschließen, da lös't er in Figuren sich auf,
Und du siehst mit Entsetzen das Alphabet sich erneuern,
Tröste dich aber, es hat während der Zeit sich erhöht.


                          Die Schaam

Schaam bezeichnet im Menschen die innere Gränze der Sünde;
Wo er erröthet, beginnt eben sein edleres Selbst.


                             An die Erde

Gönne dem Baum die Freude, gen Himmel zu wachsen, o Erde:
Was er an Früchten erzeugt, wirft er dir doch in den Schooß!


                              Der Schlaf

Alles wird uns Genuß, so schön ist das Leben gerundet,
Selbst der Tod, denn der Schlaf ist der genossene Tod.


                           Des Lebens Höchstes

Mutterliebe, man nennt dich des Lebens Höchstes! So wird denn
Jedem, wie schnell er auch stirbt, dennoch sein Höchstes zu Theil!


                       An das Glück

Glück, sie nennen dich blind und werden nicht müde, zu schelten.
Frage doch endlich zurück: Könnt ihr denn selber auch seh'n?


               Der Führer durch's Leben

Nie verbinde dich Einem, der das als Mittel behandelt,
Was dir Zweck ist, du selbst bist nur ein Mittel für ihn!


                        Majestas hominis

Je geringer der Mann, je größer sein Stolz, daß er Mensch ist,
Aber je größer der Mann, um so geringer der Stolz.
Cajus fühlt sich gedeckt durch Julius Cäsar und jubelt,
Cäsar bezweifelt sich selbst, wenn er des Cajus gedenkt.


                      Jedermann in's Album

Was ich dir wünsche, mein Freund? Ich wünsche Allen dassellbe:
Finde Jeglicher den, der ihm im Innersten gleicht!
Bist du ein Guter, so kann dich der Himmel nicht besser belohnen,
Bist du ein Schlimmer, so straft ärger die Hölle dich nicht.


                      Der Triumph der Natur

Jede Form ist ein Kerker. Wie hält die Natur denn das Leben
Fest in allen? Sie hat keinen mit Fenstern verseh'n!


                      Das größte Hinderniß

Was den Menschen am meisten in Kunst und Leben zurück hält?
Daß er auf Brücken sich gern ewige Wohnungen baut!


                  Bedingtes Vertrauen

Heute trau' ich dir noch, doch morgen nimmer, du bist nur
Darum gut, weil du glaubst, daß es die Anderen sind.


                        An den Menschen

Wünsche dir nicht zu scharf das Auge, denn wenn du die Todten
In der Erde erst siehst, siehst du die Blumen nicht mehr!


                             An Columbus

Glaubst du, du trägst sie allein, die Kette? Dem horchenden Ohre
Klirrt sie vernehmlich genug durch die Geschichte hindurch.


                             Homo sapiens

Welch ein Narr ist der Mensch! In Allem muß er sich spiegeln!
Selbst in Sonne und Mond hat er sein Antlitz entdeckt.


                       Die Unsterblichen

Kennst du die Tafel, auf welche die unbestechliche Clio.
Einst die Unsterblichen bringt? Freund, auf den Nagel des Daums!


                              Der Größte

Was der Größte sich denkt? Dieß denkt er: Hole der Teufel
Euer ganzes Geschlecht, wenn ich das bin, was ihr glaubt!


                     Blumen und Dornen

Blumenkränze entführt dem Menschen der leiseste Westwind,
Dornenkronen jedoch nicht der gewaltigste Sturm.


                       Der Weg zur Bildung

Mensch, ergründe die Welt und nicht die Bücher; wie viel sie
Auch enthalten, es ward stets aus der Welt ja geschöpft,
Und, du magst es mir glauben, ich habe es selber erfahren,
Sagt sie dir es nicht auch, ist es für dich nicht gesagt.


                             Lebens-Regel

Wer nur den Menschen im Menschen erblickt, der wird mit dem Niedern
Gern verkehren, als wär' Alles auf Erden sich gleich.
Aber er thu' es nur dann wenn dieser den Niedrigern wieder
Aehnlich behandelt, denn sonst hat's der Gesell nicht verdient.


                    Schön und lieblich

Drei der Grazien giebt's nur Eine Venus! Die Veilchen
Will ich zum Strauße gereiht, aber die Rose allein.


                          Menschenloos

Was der Mensch auch gewinne, er muß es zu theuer bezahlen,
Wär' es auch nur mit der Furcht, ob er's nicht wieder verliert.


              Die Frage bedingt die Antwort

Was dir der Genius sagt, der eigene oder der fremde?
Was nur der Genius weiß! Fragst du gemein, ist er stumm!


                            Gottes Räthsel

Kinder sind Räthsel von Gott und schwerer, als alle, zu lösen,
Aber der Liebe gelingt's wenn sie sich selber bezwingt.


                     Der ewige Papst

Wer in weltlichen Dingen auf geistige Weise vermittelt?
Freilich thut es ein Papst, aber der Künstler ist Papst.


                          Selbsterkenntniß

Ob du dich selber erkennst? Du tuhst es sicher, sobald du
Mehr Gebrechen an dir, als an den Andern entdeckst.


                                Die Welt

Wenn ich die Welt im Ganzen und Großen betrachte, so glaub' ich's,
Daß sie von Ewigkeit ist, ja und allein durch sich selbst;
Wenn ich mir aber sodann das Einzelne näher beschaue,
Kommt sie mir vor, wie der Witz eines gewaltigen Ichs.


               Verwunderung und Auflösung

Gäbe es lauter Genies, ich würde mich gar nicht verwundern,
Aber ich staunte schon oft, daß es so wenige giebt.
Dennoch ist es natürlich! Wie viel ist Muskel am Menschen
Und wie wenig Gehirn! So auch am Menschengeschlecht.


                              Mahnung

Fürchte die schlechteste Fliege! Sie kann den edelsten Wein dir
Doch verderben: sie fällt eben hinein und ersäuft!


                   Die Summe des Lebens

Jahre reihst du an Jahre, doch, was ein Jahrhundert dir brachte,
Wenn du der Glücklichste bist, zählt die Minute dir auf.


                        Heroen-Schicksal

Jedem Heroen stellt sich ein winziger Affe zur Seite,
Der sich die Kränze erschnappt, welche der And're verdient.


                    Der Traum als Prophet

Was dir begegnen wird, wie sollte der Traum es dir sagen?
Was du thun wirst, das zeigt er schon eher dir an.


                           Haß und Liebe

Wen du der Liebe nicht würdigst, den würdige auch nicht des Hasses,
Sache nur sei er für dich, aber mit nichten Person!


                          Welt und Mensch

Zwölf der Monde bedarf's, so heißt es, die Welt zu umsegeln,
Zwölf der Jahre jedoch, eh' du den Menschen umgehst.



III. Kunst

                Das Genie und die Talente

An der höheren Stufe vermißt ihr gewöhnlich die nied're,
Lernt's doch endlich, sie wird eben mit dieser erkauft.
Daß ein Ganzes werde, muß jeglicher Theil sich bescheiden,
Tritt er einzeln hervor, wuchert er, wie er nur kann,
Und er wird, wo er herrscht, sich freilich stärker erweisen,
Als er thut, wo er dient, aber ein Thor nur vergleicht.
Denkt nur an den Menschen! Ihm gaben alle Geschöpfe
Von dem Ihrigen ab, doch er erreicht auch nicht eins,
Oder hat er die Klaue des Löwen, den Fittig des Vogels?
Selbst das stumpfe Insect trotzt ihm mit seinem Instinct.
Dennoch ist er ihr König, und jedes muß sich ihm beugen,
Aber ihm gleicht das Genie, das die Talente vereint.


                        Meister und Pfuscher

Nicht den Character bewundert, wenn echte Talente verschmähen,
Um den erbärmlichen Preis flüchtigen Gauklererfolgs
Alle Gesetze der Kunst mit Füßen zu treten und alle
Zu verhöhnen, verehrt ruhig die größ're Natur.
Pfuschern setztet ihr oft schon deutsche Preise, wofür ihr
Meisterstücke bedangt, setzt sie den Meistern einmal
Und bedingt euch Gesudel, sie werden euch schwerlich genügen,
Denn ein harmonischer Geist hat im Gemeinen sein Maaß.
Einfach ist das Gesetz, es ruht die Kraft nicht im Wurme,
Eh' sie den Punct erreicht, wo sie sich selber genügt,
Und es triebe kein Gott sie weiter, wenn er auch wollte,
Meßt denn ehrlich den Weg, und es ergiebt sich der Grad.


                         Gewissensfrage

Machte der Künstler ein Bild und wüßte, es dauere ewig,
Aber ein einziger Zug, tief, wie kein and'rer, versteckt,
Werde von Keinem erkannt der jetz'gen und künftigen Menschen,
Bis an's Ende der Zeit, glaubt ihr, er ließe ihn weg?


                           Idee und Gestalt

Blumen nur hätt' ich gemalt und Bäume und Kräuter, Nicht's weiter?
Lieber Tadler, nur so wird ja die Sonne gemalt!


                        Vers und Prosa

Leichter wäre auf einmal der Vers, als die Prosa, geworden?
Schwerer ist er wofern ihr ihn vortrefflich verlangt,
Denn mit jeglichem Reiz der Prosa muß er sich schmücken,
Und mit dem höheren noch, den man an ihr nicht vermißt.
Wenn ihr ihm einen erlaßt, so wird's euch der Dichter nicht danken,
Denn ihr ebnet dadurch einzig dem Stümper die Bahn.
Aber, so seid ihr, ihr setzt, damit nur Jeder ein Künstler
Heiße, ruhig die Kunst unter sich selbst erst herab,
Und da pfeifende Knaben das Nichts nun zu leisten vermögen,
Das ihr fordert, so denkt ihr sie euch selbst als ein Nichts!


                         Die Deutsche Sprache

Schön erscheint sie mir nicht, die Deutsche Sprache, doch schön ist
Auch die französische nicht, nur die italische klingt.
Aber ich finde sie reich, wie irgend eine der Völker,
Finde den köstlichsten Schatz treffender Wörter gehäuft,
Finde unendliche Freiheit, sie so und anders zu stellen,
Bis der Gedanke die Form, bis er die Färbung erlangt
Bis er sich leicht verwebt mit fremden Gedanken, und dennoch
Das Gepräge des Ichs, dem er entsprang, nicht verliert.
Denn der Genius, welcher im Ganzen und Großen hier waltet,
Fesselt den schaffenden Geist nicht durch ein strenges Gesetz,
Ueberläßt ihn sich selbst, vergönnt ihm die frei'ste Bewegung
Und bewahrt sich dadurch ewig lebendigen Reiz.
Hütet euch nur, ihr Dichter, in dieser edlen Verläugnung
Ihn zu kränken, zerbrecht nicht mit dem Joche das Maaß,
Glaubt nicht, zu gewinnen, wenn kindisch zerstochen, die Dämme
Bersten und reißen; es führt wieder nach Babel zurück,
Oder wer setzte Barbaren im Ungebund'nen die Gränze?
Paßt doch am Ende: er haßt! für das gewohnte: er liebt!
Viel sind der Sprachen auf Erden, schon dieses sollte uns lehren,
Daß kein inneres Band Dinge und Zeichen verknüpft;
Darf sich aber darum ein Jeder die eigene bilden?
Besser wäre der Mensch stumm, wie die Fische im Meer!
Seien die Stempel uns heilig, die alle Jahrhunderte brauchten,
Sie es die Weise sogar, die sie bedächtigt gewählt;
Fand ein Goethe doch Raum in diesen gemessenen Schranken,
Wären sie plötzlich zu eng für die Heroen von heut'?
Gleichen wir der Natur, die nie das Wunder der Schöpfung
Wiederholt und doch jährlich im Lenz sich erneut:
Alt sind die Formen, es kehren die Lilien wieder und Rosen,
Frisch ist der Duft, und im Kranz thut sich der Meister hervor!


                              Welt-Poesie

Keine edlere Flamme, die Völker in Eins zu verschmelzen,
Als die poetische, nur gehen wir Deutsche zu weit,
Wenn wir den Persern die Tropen für uns're Gedanken entlehnen,
Denn es wird nur verlangt, daß wir die Perser versteh'n.
Oder wäre die Zeit der letzten Versöhnung gekommen,
Wenn man Persisch bei uns dichtet, in Persien Deutsch?
Wenn wir die Stimme des Frühlings am Lech als Bulbul begrüßen,
Während ein neuer Hafis dort von der Nachtigall singt?


                                    Die Regel

Regel, wie gleichst du der Kette, die Benjamin Franklin erfunden!
Freilich beschützt sie das Haus, doch sie verschluckt auch den Blitz.


                         Die Poesie der Formen

Was in den Formen schon liegt, das setze nicht dir auf die Rechnung:
Ist das Klavier erst gebaut, wecken auch Kinder den Ton.


                       Philosophie und Kunst

Ein System verschlingt das and're, doch neben dem Shakespeare,
Jung und frisch, wie der Mai, wandelt noch immer Homer.


                        Niederländische Schule

Siehst du den Meister? Er spukt! Nun hat er, was ihn begeistert,
Wenn er den Auswurf copirt, thut er der Schule genug.
Greift dann gar der Beschauer mit einem Pfui! zum Schnupftuch,
Weil er für wirklichen Schmutz diesen artistischen hält:
O, dann feiert die Richtung den höchsten ihrer Triumphe,
Und der Künstler verlangt, daß man, wie Zeuxis, ihn ehrt.


                  Vor einem Rembrand

Wilde, riesige Züge, hervor aus der Finsterniß brechend,
Als bekäme die Nacht plötzlich hier selbst ein Gesicht.


                        Die Secundairen

Wäre die Kunst nicht schon da, ihr würdet sie nimmer erfinden,
Darum gelingt euch in ihr Großes und Ewiges nicht.


                            Auf Manchen

Freilich thut es dir noth, zu schaffen, ich glaub' es, doch, leider!
Thut es der Welt nicht noth, daß sie besizt, was du schaffst.


               Grundbedingung des Schönen

Nur vom Ueberfluß lebt das Schöne, dieß merke dir, Dichter,
Hast du nicht etwas zu viel, hast du mit nichten genug.


              Das Princip der Naturnachahmung

Freunde, ihr wollt die Natur nachahmend erreichen? O Thorheit!
Kommt ihr nicht über sie weg, bleibt ihr auch unter ihr steh'n.


             Die alten Naturdichter und die neuen

         (Brockes und Geßner, Stifter, Kompert u.s.w.)

Wißt ihr, warum euch die Käfer, die Butterblumen so glücken?
Weil ihr die Menschen nicht kennt, weil ihr die Sterne nicht seht!
Schautet ihr tief in die Herzen, wie könntet ihr schwärmen für Käfer?
Säht ihr das Sonnensystem, sagt doch, was wär' euch ein Strauß?
Aber das mußte so sein; damit ihr das Kleine vortrefflich
Liefertet, hat die Natur klug euch das Große entrückt.


                   Goethes Rechtfertigung

Was ich selber vermag, das darf ich an Andern verachten,
Darum schelt' ich dich nicht, daß du geschwiegen zu Kleist.


         Schiller in seinen aesthetischen Aufsätzen

Unter den Richtern der Form bist du der Erste, der Einz'ge,
Der das Gesetz, das er giebt, gleich schon im Geben erfüllt!


                   Tieck als Dramen-Dichter

Wäre es wirklich so schwer, das Haus zum All zu erweitern?
Schlagt die Wände nur ein, Freunde, so ist es gethan!


                 Einem Ursprünglichen

Jener Wilde erhob den Brief zum Ohre und lauschte,
Ob er nicht spräche, er war kürzlich in Briefen verklagt,
Und er dachte sich nun die Blätter mit Zungen versehen;
Welch ein poetischer Kopf nach dem modernsten Begriff!
Freund, erkenne dich selbst in diesem Wilden! Du gleichst ihm,
Da du der Einsamkeit "Augen" und "Haare" verleihst
Ja, du mußt ihm noch weichen, denn deine erhitzte Phantastik
Ist nur betrunk'ner Verstand, er jedoch taumelt von selbst;
Und du rechnest nicht minder, nur schlechter, weil dir die Tafel
Mit den Ziffern zerbricht, eh' du die Summe noch zogst!
Anzuschauen ist freilich in Kunst und Leben das Höchste,
Aber man schaut noch nicht an, weil man nicht denkt und nicht sieht:
Jenseits der Linie erst begiebt sich dies letzte der Wunder,
Diesseits sucht es der Thor, dem es mit Beidem nicht glückt.
Wenn du's bezweifelst, so kröne den Säugling als ersten Poeten,
Denn er sprudelt wohl noch Aergeres aus, als du selbst,
Aber man hat doch die Freude, die Sprache entstehen zu sehen,
Wenn er im Kampf um das Wort Nächstes und Fernstes verknüpft,
Während ein hohler Gesell uns zeigt durch seine Bombastik,
Daß sie im leeren Gehirn völlig verglüht und verdampft.
Welche Verblendung! Du bringst es, verstrickt in die dürftigsten Bilder,
Wie sie zu Tausenden einst jegliche Sprache verschlang,
Nicht einmal zum Gedanken, du spielst nur mit Hülsen und Schaalen,
Und du träumst, die Natur nackt, wie die Götter, zu schau'n;
Du enträthselst nicht einmal die Hieroglyphen, du siehst nur
Schlangen und Vögel, und glaubst, dicht vor der Isis zu steh'n!

                    Goethes Biographie

Anfangs ist es ein Punct, der leise zum Kreise sich öffnet
Aber, wachsend, umfaßt dieser am Ende die Welt.


                                  Trost

Perlen hast du gesä't, auf einmal beginnt es zu hageln,
Und man erblickt sie nicht mehr; hoff' auf die Sonne, sie kommt!


                  Goethes Belobungen

Goethe hat ihn gelobt. Das heißt: er hat ihn geadelt,
Hat zum Baron ihn gemacht. Fürsten erlauben sich viel.


             Unsterbliche und Unbegrabene

Trennt Unsterbliche nur von Unbegrabenen, Freunde,
Alle Unsterblichkeit hat nur ein einziges Maaß!
Das ist unsterblich, was lebt, was unverlöschliche Funken
Sprüht, die noch zünden in uns, glaubt mir, das And're ist todt.
So ist Homer unsterblich, und durch den Homer auch Achilles
Aeschylos, Sophokles so, Shakespeare, ja Goethe sogar,
Aber Napoleon stirbt, wofern ihm ein spät'res Jahrhundert
Nicht den Dichter erweckt, der ihm das Leben verbürgt.
Knaben werden's belächeln, was Alexander besiegelt,
Als er am Ganges rief: weh' mir, es lebt kein Homer!


                           Richtschnur

Künstler, nie mit Worten, mit Thaten begegne dem Feinde!
Schleudert er Steine nach dir, mache du Statuen d'raus.


                            An den Dichter

Dichter, ergreife die Stunde, sobald sie dir lächelt, sie kehrt zwar
Immer wieder, jedoch nie mit dem nämlichen Gold.


                    An einen Schriftsteller

Vogel mögtest du sein! Daß muß ich dir leider bestreiten,
Aber ein Tausendfuß bist du, ich räume es ein.


                Monolog eines Modelljägers

Welch ein herrlicher Kopf! Und einer der vielen des Pöbels!
Macht sie nicht heut' das Modell macht sie es morgen gewiß,
Wenn sie des Hutes bedarf, ihn gegen die Sonne zu schützen,
Welchem Rumpfe jedoch setzt man am besten ihn auf?
Ei, durchmustern wir schnell die Ilias oder die Bibel,
Welcher Göttin beliebt? Welche der Heiligen paßt?
Juno? Da wär' erst die Stirn zu renken, die römisch und kurz ist;
Venus? Du stehst mir im Weg, griechisches Mensch in Florenz!
Heidinnen, packt euch zum Teufel! Ich schenkt' ihn flugs der Madonna,
Doch die Sixtinische ist leider bis jetzt nicht geköpft.
Vasen werden zerbrochen und Trauerspiele vergiftet,
Aber der Maler erharrt seinen Salvator umsonst.
Sei der Seufzer verzieh'n! Und nun? Was quäl' ich mich länger!
Ist nur der Kopf erst gemalt, hängt sich ein Leib wohl daran.


            Lessing und seine Nachfolger

Lessings Auge umfaßte zugleich die steigende Sonne
Und den schüchternsten Halm, den ihr bescheidenster Stral
Weckte im Schooße der Erde, und sind die Dichter der Deutschen
Ausgeartet, so sind's die, die sie richten, noch mehr.


                     Schiller und Napoleon

Schiller ist ein Verdienst des großen französischen Kaisers,
Welches der Donnerer sich um die Germanen erwarb;
Hätte Napoleon nicht die Erde erschüttert, so wären
Carlos, Fiesco und Tell in der Geburt schon erstickt.


       Auf einen Absolutisten des Verses im Drama

Alle Dramen in Versen, und das in deutschen, obgleich doch
Längst vor dem strengen Verdict Klärchen in Prosa gelang?
Freund, du lieferst dem Mond, dem ewig wechselnden, nächstens
Sicher das passende Kleid, welches noch Keinem geglückt!


                 Auf einen viel gedruckten Lyricus

Wunderlich ist es, gewiß! Auch wird's die Geschichte verzeichnen,
Daß man so oft dich gedruckt, aber bescheide dich doch!
Kalk bleibt Kalk, er wird nicht darum von dem Gesunden
Mit gerechnet zum Mehl, weil ihn der Kranke verschlingt.


                              Shakespeare

Shakespeare war kein Britte, wie Jesus Christus kein Jude,
Denn, wie jegliches Land einen vertretenden Geist
In dem größten Poeten gefunden, den es erzeugte,
Fand ihn die Welt in ihm, darum erschien er als Mensch.


                             Ariost

Reizend, wie du, hat Keiner die Thorheit der Welt uns geschildert;
Ward dein Gedicht dir belohnt, ward der Verstand dir versagt.
Ihn zu verlieren, ist schlimm, so heißt es, ihn nicht zu bekommen,
Ist das einzige Glück, welches die Götter verleih'n.


                                Platen

Vieles hast du gethan, man soll es mit Liebe dir danken,
Hast der äußeren Form streng, wie kein Zweiter, genügt,
Hast die inn're erkannt und alle Reifen der Sprache,
Welche der Leichtsinn sprengt, wieder zusammen geschweißt.
Eines fehlt dir jedoch, die sanfte Wallung des Lebens,
Die in ein reizendes Spiel gaukelnder Willkür den Ernst
Des Gesetzes verwandelt und das im Tiefsten Gebund'ne
So weit lös't, bis es scheint, daß es sich selbst nur gehorcht.
Dennoch verschmilzt nur dieß die äußere Form mit der innern,
Und man erreicht es nur so, daß die Gebilde der Kunst
Wirken, wie die der Natur, und daß, wie Blumen und Bäume,
Keiner sich auch ein Gedicht anders noch denkt, als es ist.


                         Der alte Gleim

Arm nur war er und that doch mehr für Dichter und Künstler,
Als von Kaiser und Reich einst mit einander geschah.
Welkt sein eigener Lorbeer, so flechtet ihm eilig aus fremdem,
Hat er doch fromm ihn gedüngt, einen unsterblichen Kranz!


                      Virtuosen-Portraits

Also dieß ist der Mann, durch welchen mich Mozart entzückte!
Säh' ich die Geige doch auch, die ihm so wacker gedient!
Säh' ich das nützliche Schaf, das dieser die Saiten geliefert,
Und das geduldige Pferd, das ihm den Bogen bezog!


                   Allegorie und Symbol

Wie zur Landschaft die Karte, der todte Aufriß zum Bilde,
Steht die Allegorie zu dem beseelten Symbol.


                     Die Deutsche Literatur

Deutsche Literatur, du schnurrigstes Stammbuch der Völker!
Jeder schreibt sich hinein, wie es ihm eben gefällt.


                         Literatur-Epochen

Lumpe giebt es beständig, doch scheiden sich darnach die Zeiten,
Ob man sie rühmt und beklatscht, oder sie nöthigt zur Schaam.


                            Ein Narr in Folio

"Dichter sollte ich sein, doch will es leider die Zeit nicht;
Wäre sie, was sie nicht ist, wäre ich, was ich nicht bin!"
Schwanger fühle ich mich, den Heiland könnt' ich gebären,
Aber die Stunde ist schlecht, und ich ersticke das Kind.
Schweig mir, Vettel, denn hätte der Himmel dich wirklich gesegnet,
Brächtest du's freudig zur Welt, fehlten auch Krippe und Stall.


Nach der Lectüre eines Deutschen Dichter-Necrologs

Unglückseliges Volk, das Deutsche, mit seinen Talenten,
Das es an keinem besitzt, aber an jedem verliert!


                      Grundirrthum

"Hätte der Rüstige nicht so viel gedichtet, er hätte
Höhere Flüge gethan, hätte die Sterne erreicht!"
Wäre die Wiese nicht leider in Butterblumen zerflossen,
Eine Aloe wär' sicher zuletzt ihr entsproßt!
Giebst du das Eine nicht zu, so muß ich das And're bestreiten,
Nie zerfließt ein Krystall, aber ein Tropfen zerrinnt.


                               Bilderpoesie

Setzt ihr aus Spiegeln den Spiegel zusammen? Warum denn aus Bildern
Eure Gedichte? An sich ist ein Gedicht ja ein Bild!


                           Wohl zu merken

Lichter gießen, ist Eins, und Lichter brauchen, ein Zweites!
Merk' es dir, emsiger Freund, der du die Fackel dir borgst,
Und nun, Winkel nach Winkel mit ihrer Hülfe durchkriechend,
Jenem, der sie dir lieh, keck an die Seite dich stellst!
Der die Sonne erschuf, wird ewig ein Anderer bleiben,
Als der fleißige Mann, der die Veduten uns malt.


                             Kriegsrecht

Wir bekriegen einander, wir suchen einander zu tödten,
Aber, wer sagt denn vom Feind, daß er den Tod auch verdient?


                               Guter Rath

Werde kein Dichter, mein Freund, wofern du ein Lump bist, du kannst dich
Höchstens veredeln zum Schuft: reizt dich das würdige Ziel?


                    Historischer Rückblick

Nach dem Xenien-Hagel der beiden deutschen Heroen
Ward es lebendig im Sumpf, wie man es nie noch geseh'n:
Schiller und Goethe hießen die Sudelköche in Weimar,
Und der erbärmlichste Wicht warf sie mit Steinen und Koth.
Doch, was bewies der Spectakel? Nichts weiter, als daß das Gelichter
Noch viel kläglicher war, als es die Beiden gemalt!


                         Der Dilettant

Nimmer zum Kunstwerk wirst du's bringen, aber zur Einsicht
In das Wesen der Kunst, wenn du dein Nichts erst erkennst.


                  Der Kritiker als Demiurg

Jeder mögte doch schaffen, und da du nun einmal Gedichte
Nicht zu schaffen vermagst, schaffst du uns Dichter dafür.


            Ein philosophischer Analytiker der Kunst

Fangt ihm den Adler, er wird ihn zerlegen, wie Keiner, doch leider
Sieht er den hölzernen oft für den lebendigen an.


                       Die Komödie

Was die Komödie sei? Die höchste und reichste der Formen!
Jede geringere wird ihr ja auf's Neue zum Stoff!


                    Die moderne Komödie

Wollt ihr wissen, warum uns die echte Komödie mangelt?
Weil die Tragödie sie bei den Modernen verschlingt!
Individuen sind als solche schon komisch, an sich schon,
Wer sie noch steigert, der bringt meistens auch Fratzen zur Welt.


       Moderne Analyse des Agamemnon

Klytämnestra erfand die Telegraphen, und Atreus
Aß die Beefsteaks zuerst: dieß ist die Skizze des Stücks.


              Dem Teufel sein Recht im Drama

Brecht ihr dem Teufel die Zähne erst aus, was will's noch beweisen,
Daß der Herr ihn besiegt, welchem zu Ehren ihr's thut?
Wenn ihr dem Einzelcharacter sein Nein im Drama verbietet:
Was beweis't noch das Ja eures entmarkten Gedichts?


                          Ton und Farbe

Wo die Natur den Ton verleiht, da versagt sie die Farbe,
Wo sie die Farbe gewährt, weigert sie immer den Ton.
Denkt der Nachtigall und denkt des Flamingo, so seht ihr's;
Aber das gleiche Gesetz waltet im Reiche der Kunst.


                    Die Situation des Dichters

And're schaffen, damit sie das Leben sich sichern; dem Dichter
Muß es gesichert sein, eh' er zu schaffen vermag.