Heym

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Biografie

Seite 2

           Sonnwendtag

Es war am Sommersonnwendtag,
Dein braunes Haar im Nacken lag
Wie Gold und schwere Seiden.

Da nahmst du mir die feine Hand.
Und hinter dir stob auf der Sand
Des Feldwegs an den Weiden.

Von allen Bäumen floß der Glanz.
Dein Ritt war lauter Elfentanz
Hin über rote Heiden.

Und um mich duftete der Hag,
Wie nur am Sommersonnwendtag,
Ein Dank und Sichbescheiden.

 

                        Marathon

                               I

Zehntausend steigen von den Bergen nieder,
Die Blüte Hellas', sich dem Tod zu weihen.
Durch Morgendämmrung ziehen ihre Reihen.
Ein Wall von Erz ziehn hin des Heeres Glieder.

Die Lerchen singen ihre Morgenlieder,
Sie schwingen sich zum Himmel ohne Zahl.
Ihr helles Singen füllt das ganze Tal,
Sie steigen in dem Blauen auf und nieder.

Noch sind die Morgenwinde nicht erwacht.
In süßem Schlummer liegt noch weit die Welt,
Der Morgenstern steht noch in keuscher Pracht.

Euböa nur ist weithin schon erhellt.
Da rauscht die Sonne aus des Meeres Schacht
Und vor dem Heere liegen Zelt bei Zelt.

                               II

Voll brauner Zelte liegt der ganze Strand
Heuschrecken gleich, die auf die Felder fielen.
Und tausend Schiffe mit den schwarzen Kielen
Stehn, hochgezogen auf den Ufersand.

Sie sehn der Griechenpanzer Sonnenbrand:
Die Hörner gellen, alle Pfeifen spielen,
Sie quellen aus den Gassen schon zu vielen,
Die weite Ebene ist mit eins bemannt.

Eunuchen mit den hohen Stimmen schreien Ins
Ins Haremszelt nach dem Satrapenpaar.
Man führt herbei der Feldherrn Dromedar.

Sie treten vor. Die Königswürden leihen,
Tiaren glänzen von dem schwarzen Haar,
Indes die Tore Volk um Völker speien.

                               III

Langbärtge Perser ziehn in Heeres Mitten
Mit kurzen Schwertern und mit großen Bogen,
Die durch Ägyptens Wüstenein gezogen,
Die gegen Krösus einst am Halys stritten.

Die hagren Libyer mit den Eisensehnen
Auf Eilkamelen Afrikas beritten.
Die Skythen, die sich kurze Pfeile schnitten,
Ihr Haar in Zöpfen, wie der Pferde Mähnen.

Des Sudans Neger, fettig und beleibt,
Die Luft durchschreiend, brüllend wie ein Stier.
Das Volk von Babylon, das Henna reibt

Und sich die Stirn bemalt mit Weiberzier.
Der Vögte Geißel, die die Menge treibt
Und sausend niederfährt auf Mensch und Tier.

                               IV

Noch trunkne Thraker stürzen aus dem Zelt,
Dem Liber singen sie und dem Priap.
Streitwagen ziehen an dem Heer hinab,
Die Sicheln blinken wie im Erntefeld.

Der wilden Baktrer großes Schlachthorn gellt.
Die Inder führen Elefanten vor,
Die laut trompetend schwanken aus dem Tor,
Den Mann im Nacken, der den Stachel hält.

Von Rhodos Männer. Auf den Panzerringen,
Und auf dem Schild, das mit dem Schwert sie schlagen,
Des Sonnengottes Bildnis glänzt in Gold.

Die Kreter, die die Lederschleudern schwingen.
Die Lampsaker am Helm den Phallus tragen,
Abtrünnge Griechen in des Königs Sold.

                              V

Orgie des Bunten. Pracht der Morgenländer.
Stets wechselnd wogt es an des Meeres Strande,
In Rot und Weiß und Gold im Sonnenbrande.
Der Krieger Panzer, Leiber, und Gewänder.

Unendliches Geschrei und lautes Lärmen,
Wie Herden brüllen in den großen Ställen.
Die Klänge fallen und die Klänge schwellen,
Wie ein Orkan entsteigen sie den Schwärmen.

Die Opferstiere schrein, die Tod erleiden.
Die Priester, die Kybeles Brüsten dienen,
Verkünden Sieg aus ihren Eingeweiden.

Die Feldherrn thronen unter Baldachinen,
Und wo sie reiten, neigt das Volk sich beiden.
Es küßt nach Perserbrauch den Staub nach ihnen.

                            VI

In ernster Strenge angeborner Zucht
Die Männer von Athen zur Walstatt steigen.
Wie auf dem Ringplatz stumm zum Todesreigen,
Doch hallt der Grund von der Sandalen Wucht.

Erhabne Größe der Demokratien,
Das Recht Europas zieht mit euch zu Meere.
Das Heil der Nachwelt tragt ihr auf dem Speere:
Der freien Völker große Harmonien.

Der Republiken Los in den Phalangen,
Der Haß der Freien gegen die Despoten.
Ihr kämpft für Recht, das macht euch frei von Bangen.

Dem Morgen zu! Der Völkerfreiheit Boten,
Unsterblichkeit auf ewig zu erlangen,
Wenn Abend ruht auf eurer Schlachtreihn Toten.

                              VII

Der Pfeile Wolken fliegen mit dem Winde,
Die runden Schilde von den Pfeilen starren.
Die Steine sausen, alle Schleudern knarren
Und der Ballisten ächzende Gewinde.

Die beiden Heere aufeinanderprallen.
Sie beißen sich wie Hunde in sich ein.
Der Tod hält Schlachtfest in den weiten Reihn,
Die blutbeströmt sich ineinanderkrallen.

Die Sichelwagen mähen durch die Flur
Der Leiber hin, sie wirbeln Glieder auf.
Gassen voll Toter reißt der Wagen Spur.

Wenn sie der Lenker mit dem Stachel stach,
Die Elefanten brüllen allzuhauf,
Und stampfen blinden Wütens alles brach.

                              VIII

Der Griechen Mitte wankt schon in der Schlacht,
Die schwache Tiefe weicht vor den Barbaren,
Die, einem Sturmbock gleich, mit allen Scharen
Im Keile stürmen, riesger Übermacht.

Vor manches Griechen Augen wird es Nacht.
Ins Knie sinkt der, helmlos, den Streichen offen
Das bare Haupt. Der stürzt, ins Herz getroffen,
Da eine Lanze durch den Panzer kracht.

Sie schleudern Brände von der Tiere Türmen.
Die Neger schlagen drein mit erznen Keulen.
Die wilden Skythen mit den Rossen stürmen.

Wie Fluten brechen durch der Deiche Haft,
So bricht das Schlachtvolk durch mit Schrein und Heulen,
Zerreißt der Griechenkette stolze Kraft.

                            IX

Laß reißen. Denn die Flügel fassen Bahn,
Wie Adler klafternd über dunklem Grunde.
Hör. Hör. Sie stimmen an mit lautem Munde
Den Kriegsgesang, den hallenden Päan.

Die Götter steigen in das Schlachtgetümmel,
Aus Griechenreihn des Phöbus Pfeile sausen.
Und Ares' Stimme füllt mit lautem Brausen
Des Meeres Tiefen, Erd und weiten Himmel.

Wie eine Löwenmähne ragt sein Haupt.
Er schlachtet mit dem Schwerte in den Horden.
Da fliehn die ersten, ihres Muts beraubt.

Da stürzen viele zu der Schiffe Borden.
Doch Ares mäht noch, blutig und bestaubt,
Und führt die Griechen an zu wildem Morden.

                                X

Wie dichte Wolken liegen Dunst und Hauch
Des heißen Mittags auf der Ebnen Weiten.
Die Sonnenstrahlen wie durch Nebel gleiten,
Schwarz wälzt sich hin verbrannter Felder Rauch.

Der Toten Blut und Wunden faulend stinken.
Die Sterbenden, die Durst wahnsinnig macht,
Kriechen auf Vieren durchs Gewühl der Schlacht
Zu den schon Toten, um ihr Blut zu trinken.

Hier haben zwei im Staube sich gefunden.
Ein Perser und ein Grieche. Halb schon tot,
Der in der Brust, der in dem Bauch die Wunden.

Der stärkre Perser drosselt den Hellenen.
Dann läßt er des Erstickten Blut sich munden.
Das wie ein Bach tritt aus des Bauches Venen.

                                  XI

Nun stirbt auch er, vom bittren Los bezwungen.
Auf seine Beute stürzt ihn Todes Macht.
Verliebten gleich in süßer Liebesnacht,
Im Tode halten sie sich eng umschlungen.

Unzählge Geier schweben auf der Schlacht,
Auf jeden Fels der Berge hingeschwungen.
Sie spähen sorgsam in die Niederungen.
Des Schauspiels Wächter halten stumm sie Wacht.

Wie sich die Menge drängt in die Arenen,
So fliegen neue stets von Meer und Land.
Schon grau von ihnen sind der Berge Lehnen.

Von Asiens Küste kamen sie zum Feste,
Da sie den Blutgeruch im Wind erkannt,
Der großen Tafeln fürchterliche Gäste.

                             XII

Die Perser, die den Sieg erstritten meinen,
Ruhn in der Ebne nach des Kampfes Toben.
Kein Feind vor ihnen, alle sind zerstoben.
Tot sind sie alle, tot in Sand und Steinen.

Die Neger hacken mit den Bronzebeilen
Die Hände ab den Toten in dem Staube,
Und füllen Ledersäcke mit dem Raube.
Ihr Zanken schallt herum beim Beuteteilen.

Die Schnüre brechen von den Trankamphoren
Die Thraker schon. Sie lagern sich im Schatten.
Die Skythen lösen sich die blutgen Sporen.

Die Elefanten kauen in dem Sande.
Die Griechensöldner häufen Staub den Toten,
Daß ihre Seele käm zu Hades' Strande.

                              XIII

Da stürzt ein Wächter mit Geschrei herein
In Lagers Ruhe. »Zu den Waffen, auf.«
Und alle sehn erschreckt auf seinen Lauf,
Der schreiend eilt schon fern durch ihre Reihn.

Sie stehen auf, sie legen ihre Hand
Vor ihre Augen. Doch sie sehen nicht.
Der Rauch der Felder beißt sie ins Gesicht.
Sie sehen nichts als Rauch und Felderbrand.

Auf eines Thrakers Schultern wird gehoben
Ein kleiner Skythe, daß er weiter sähe.
Er schaut ins Land von seiner Warte oben.

Die andern drängen sich in ihre Nähe.
Ein großer Kreis hat sich um sie geschoben
Und wartet schweigend, was er wohl erspähe.

                             XIV

Minuten gehn. Es schaut der Steppensohn
Ins Rauchmeer weit, das ihm das Land verhüllt.
Da blinkt es auf. Da: Waffen. Speer und Schild.
»Die Griechen sind's. Sie sind am Lager schon.«

Er schreit's hinaus. Da trifft ein Pfeil zum Lohn
Den Schreier in den Mund. Er stürzt herab
Und findet in dem Sand ein schnelles Grab.
Der Staub verstopft ihm seine Kehle schon.

Die andern stürzen schreiend zu den Waffen,
Sie reißen sich die Waffen aus den Händen,
Die Schleudrer suchen Bogen zu erraffen,

Die Bogner Schleudern. Die die Keulen tragen,
Sie reißen Schwerter andern von den Lenden.
Die waffenlose Menge stürmt die Wagen.

                                 XV

Zu spät. Die Griechen schlachten sie wie Schafe.
Wie Wasser springt aus den geborstnen Schläuchen,
So stürzt ihr Blut aus Hals und Kopf und Bäuchen.
Sie sinken reihenweis zum letzten Schlafe.

Den Griechen steigt das Blut bis zu den Knien.
Sie gleiten aus fast auf den glatten Leichen.
Wie Schnitter mähen sie mit großen Streichen.
Kein Widerstand. Ein Rennen, Hasten, Fliehen.

Wie vor den Bremsen Rinder querfeldein,
Besinnungslos, gejagt von wilder Hast.
»Zu Schiff. Zu Schiff«, hallt laut ihr wildes Schrein.

Durch Hecken, Gräben, Sümpfe und Morast.
Die Hintern hauen auf die Vordern ein
Und werfen von sich Helm und Schildeslast.

                            XVI

Der Lager Tore fassen nicht die Menge.
Die Fliehnden pressen sich an Tores Schwellen.
Die Leiber türmen auf sich zu den Wällen,
Wie eine Woge brausend durch die Enge.

Auf den Erdrückten, die zu tausend fallen,
Stürzt nach die Flucht, hin durch die Lagergassen.
Die Zelte stürzen nieder vor den Massen,
Die wie Lawinen wachsend hin sich ballen.

Die Kranken treten tot sie in den Betten.
Die Fraun und Kinder stößt sie in den Kot.
Nur ein Gedanke: sich zum Schiff zu retten.

Die Menge wälzt herab sich zu dem Strande,
Was in den Weg ihr kommt, das tritt sie tot.
Ins Wasser stürzt sie, wie ein Strom vom Lande.

                            XVII

Die Schiffe gleiten rauschend in die Bucht,
Von hundert Schultern in das Meer geschoben.
Die Menge drängt sich an den Borden oben.
Die Schiffe sinken tief von Last und Wucht.

Die Segel schwanken auf von den Verdecken,
Zu hundert ziehn sie auf sie an den Seilen.
Die Ankerketten kappen sie mit Beilen.
Mit Stangen stoßen ab sie von den Hecken.

Es füllen Raum und Deck sich mit dem Trosse.
Eunuchen, Sklaven, Priester und Soldaten.
Ein Rennen, Schreien, wahnsinnig Gebaren.

Ein Kampf und ziellos Durcheinanderfahren.
Die Elefanten durch die Fluten waten.
Die Schiffe stoßen wütend die Kolosse.

                            XVIII

Die Schiffe schwanken vor der Wilden Stoß.
Das Wasser tritt durch Löcher, die sie schlugen.
Die Schiffe krachen schon in allen Fugen.
Die Bänke liegen ihren Stößen bloß.

Die Ruder brechen sie wie trocknes Kraut.
Mit ihren Rüsseln auf das Deck sie langen,
Sich aus den Massen einen Mann zu fangen.
Sie heben hoch ihn und sein Schrein gellt laut.

Man wirft nach ihnen Stricke mit den Schlingen.
Man haut mit Äxten nach den großen Zähnen.
Man wirft Harpunen, und das Meer wird Blut.

Zwei Inder kühn sich von den Borden schwingen.
Sie hauen durch der Hinterfüße Sehnen.
Die Ungeheuer stürzen in die Flut.

                               XIX

Die Schiffe schwimmen durch der Riesen Leichen
Aufs Meer hinaus. Die Segel faßt der Wind.
Sie blähen auf sich, und die Rudrer sind
Im Raum geschäftig, durch die Flut zu streichen.

Das Volk sitzt wie die Fliegen matt im Rumpf,
An Deck, und Mast. Sie schauen vor sich hin.
An nichts zu denken, ist ihr einzger Sinn.
Trübsinnig, krank, verwundet, faul und stumpf.

Die Feldherrn hocken traurig in den Ecken.
Wer grad vorbeigeht, speit sie ins Gesicht.
Sie merken's kaum. Sie denken nur der Speichen

Des Rads, auf das sie bald die Glieder strecken.
Sie brüten, wie den König sie erweichen.
Sie wissen, ach, dem Tod entgehn sie nicht.

                              XX

Die Griechen halten am befreiten Strand.
Sie sehn die Fahrt der Schiffe vor den Winden,
Sie sehn sie langsam in das Graue schwinden,
Wo Meer und Himmel läuft in eine Wand.

Sie schauen auf, und sehn den Genius thronen
Der Freiheit Hellas' und der Nachwelt Zeiten,
Die Götter sehn sie nach den Hallen schreiten,
Vom Schlachtfeld kehrend, wo im Licht sie wohnen.

Greis, Mann und Knabe halten sich umschlungen,
Vom Glanz geblendet, von den Himmels-Strahlen.
Den Göttern Dank, die Asien bezwungen.

Ein frommes Weihelied entsteigt den Talen,
In tausend Stimmen wird es fortgesungen.
Und Pheidippides bindet die Sandalen.

                               XXI

Der Tag flieht westwärts, und der Abend sinkt.
Von Osten naht die Nacht. Die Sterne steigen
Von Meer und Inseln in dem kühlen Reigen.
Des Meeres Welle leis am Ufer singt.

Die Griechen schlummern traumlos bei den Toten.
Da tut der Grund sich auf: Der Bote winkt
Im Abgrund stehend. Und wie Wolken schwingt
Der Schatten Heer sich auf und folgt dem Boten.

Die Erde schließt sich hinter ihrem Zug.
Sie folgen ihrem stummen Führer blind,
Der Tiefe zu, der trauervolle Spuk.

Durch Schächte lichtlos flattern sie geschwind.
Durch Kluft und Höhlen geht der stumme Flug
Zum Acheron, der kalt und dunkel rinnt.

                            XXII

Viel Kammern, Gänge, Nester, dunkle Orte,
Dem Bienenstock in hohlem Baume gleich,
Sind in der Finsternis, in Hades' Reich.
Die Welle führt sie durch die dunklen Porte.

Sie landen an und treten durch die Pforte
In Hades' Dunkel, in den weiten Saal.
Die Schatten wogen um sie ohne Zahl.
In Reihe treten sie, des Zugs Eskorte.

Die toten Krieger nahen Hades' Throne.
Sie sehn sein Riesenhaupt in Nacht sich heben
Und Wolkenmeere ziehn um seine Krone.

Sie nahn den Höfen, da sie wohnen sollen.
Und scharweis sie durch ihre Tore schweben,
Dem Rauch gleich quellend in die dunklen Stollen.

 

             Der Schläfer im Walde

Seit Morgen ruht er. Da die Sonne rot
Durch Regenwolken seine Wunde traf.
Das Laub tropft langsam noch. Der Wald liegt tot.
Im Baume ruft ein Vögelchen im Schlaf.

Der Tote schläft im ewigen Vergessen,
Umrauscht vom Walde. Und die Würmer singen,
Die in des Schädels Höhle tief sich fressen,
In seine Träume ihn mit Flügelklingen.

Wie süß ist es, zu träumen nach den Leiden
Den Traum, in Licht und Erde zu zerfallen,
Nichts mehr zu sein, von allem abzuscheiden,
Und wie ein Hauch der Nacht hinabzuwallen,

Zum Reich der Schläfer. Zu den Hetairien
Der Toten unten. Zu den hohen Palästen,
Davon die Bilder in dem Strome ziehen,
Zu ihren Tafeln, zu den langen Festen.

Wo in den Schalen dunkle Flammen schwellen,
Wo golden klingen vieler Leiern Saiten.
Durch hohe Fenster schaun sie auf die Wellen,
Auf grüne Wiesen in den blassen Weiten.

Er scheint zu lächeln aus des Schädels Leere,
Er schläft, ein Gott, den süßer Traum bezwang.
Die Würmer blähen sich in seiner Schwäre,
Sie kriechen satt die rote Stirn entlang.

Ein Falter kommt die Schlucht herab. Er ruht
Auf Blumen. Und er senkt sich müd
Der Wunde zu, dem großen Kelch von Blut,
Der wie die Sammetrose dunkel glüht.

 

                        Wolken

Der Toten Geister seid ihr, die zum Flusse,
Zum überladnen Kahn der Wesenlosen
Der Bote führt. Euer Rufen hallt im Tosen
Des Sturms und in des Regens wildem Gusse.

Des Todes Banner wird im Zug getragen.
Des Heers carroccio führt die Wappentiere.
Und graunhaft weiß erglänzen die Paniere,
Die mit dem Saum die Horizonte schlagen.

Es nahen Mönche, die in Händen bergen
Die Totenlichter in den Prozessionen.
Auf Toter Schultern morsche Särge thronen.
Und Tote sitzen aufrecht in den Särgen.

Ertrunkene kommen. Ungeborner Leichen.
Gehenkte blaugeschnürt. Die Hungers starben
Auf Meeres fernen Inseln. Denen Narben
Des schwarzen Todes umkränzen rings die Weichen.

Es kommen Kinder in dem Zug der Toten,
Die eilend fliehn. Gelähmte vorwärts hasten.
Der Blinden Stäbe nach dem Pfade tasten.
Die Schatten folgen schreiend dem stummen Boten.

Wie sich in Windes Maul des Laubes Tanz
Hindreht, wie Eulen auf dem schwarzen Flug,
So wälzt sich schnell der ungeheure Zug,
Rot überstrahlt von großer Fackeln Glanz.

Auf Schädeln trommeln laut die Musikanten,
Und wie die weißen Segel blähn und knattern,
So blähn der Spieler Hemden sich und flattern.
Es fallen ein im Chore die Verbannten.

Das Lied braust machtvoll hin in seiner Qual,
Vor der die Herzen durch die Rippen glimmen.
Da kommt ein Haufe mit verwesten Stimmen,
Draus ragt ein hohes Kreuz zum Himmel fahl.

Der Kruzifixus ward einhergetragen.
Da hob der Sturm sich in der Toten Volke.
Vom Meere scholl und aus dem Schoß der Wolke
Ein nimmer endend grauenvolles Klagen.

Es wurde dunkel in den grauen Lüften.
Es kam der Tod mit ungeheuren Schwingen.
Es wurde Nacht, da noch die Wolken gingen
Dem Orkus zu, den ungeheuren Grüften.

 

                        Berlin I

Der hohe Straßenrand, auf dem wir lagen,
War weiß von Staub. Wir sahen in der
Enge Unzählig: Menschenströme und Gedränge,
Und sahn die Weltstadt fern im Abend ragen.

Die vollen Kremser fuhren durch die Menge,
Papierne Fähnchen waren drangeschlagen.
Die Omnibusse, voll Verdeck und Wagen.
Automobile, Rauch und Huppenklänge.

Dem Riesensteinmeer zu. Doch westlich sahn
Wir an der langen Straße Baum an Baum,
Der blätterlosen Kronen Filigran.

Der Sonnenball hing groß am Himmelssaum
Und rote Strahlen schoß des Abends Bahn.
Auf allen Köpfen lag des Lichtes Traum.

 

                        Berlin II

Beteerte Fässer rollten von den Schwellen
Der dunklen Speicher auf die hohen Kähne.
Die Schlepper zogen an. Des Rauches Mähne
Hing rußig nieder auf die öligen Wellen.

Zwei Dampfer kamen mit Musikkapellen.
Den Schornstein kappten sie am Brückenbogen.
Rauch, Ruß, Gestank lag auf den schmutzigen Wogen

Der Gerbereien mit den braunen Fellen.

In allen Brücken, drunter uns die Zille
Hindurchgebracht, ertönten die Signale
Gleichwie in Trommeln wachsend in der Stille.

Wir ließen los und trieben im Kanale
An Gärten langsam hin. In dem Idylle
Sahn wir der Riesenschlote Nachtfanale.

 

                            April

Das erste Grün der Saat, von Regen feucht,
Zieht weit sich hin an niedrer Hügel Flucht.
Zwei große Krähen flattern aufgescheucht
Zu braunem Dorngebüsch in grüner Schlucht.

Wie auf der stillen See ein Wölkchen steht,
So ruhn die Berge hinten in dem Blau,
Auf die ein feiner Regen niedergeht,
Wie Silberschleier, dünn und zitternd grau.

 

                           Styx

                              I

Die Nebel graun, die keinem Winde weichen.
Die giftigen Dünste schwängern weit das Tal.
Ein blasses Licht scheint in der Toten Reichen,
Wie eines Totenkopfes Auge fahl.

Entsetzlich wälzt sich hin der Phlegeton.
Wie tausend Niagaras hallt sein Brüllen.
Die Klüfte wanken von den Schreien schon,
Die im Orkan die Feuerfluten füllen.

Sie glühn von Qualen weiß. Wie Steine rollen
Den Fluß herab sie in der trüben Glut,
Wie des geborstenen Eises Riesenschollen
So schmettert ihre Leiber hin die Flut.

Sie reiten aufeinander nackt und wild,
Von Zorn und Wollust aufgebläht wie Schwämme.
Ein höllischer Choral im Takte schwillt
Vom Grunde auf bis zu dem Kamm der Dämme.

Auf einem fetten Greise rittlings reitet
Ein nacktes Weib mit schwarzem Flatterhaar.
Und ihren Schoß und ihre Brüste breitet
Sie lüstern aus vor der Verdammten Schar.

Da brüllt der Chor in aufgepeitschter Lust.
Das Echo rollt im roten Katarakt.
Ein riesiger Neger steigt herauf und packt
Den weißen Leib an seine schwarze Brust.

Unzählige Augen sehn den Kampf und trinken
Den Rausch der Gier. Er braust durch das Gewühl,
Da in dem Strom die Liebenden versinken,
Den Göttern gleich im heißen Purpurpfühl.

                               II

Des Himmels ewiger Schläfrigkeit entflohen,
Den Spinneweben, die der Cherubim
Erhobene Nasen schon wie Efeu decken,
Dem milden Frieden, der wie Öl so fett,
Ein Bettler, lungert in den Ecken faul,
Dem Tabaksdunst aus den Pastorenpfeifen,
Der Trinität, die bei den Lobgesängen
Von alten Tanten auf dem Sofa schläft,
Dem ganzen großen Armenhospital,
- Verdammten selbst wir uns und kamen her
Auf dieser Insel weite Ödigkeit,
Die wie ein Bootskiel in den Wellen steht,
Um bis zum Ende aller Ewigkeit
Dem ungeheuren Strome zuzuschaun.

 

                   Die Ruhigen

          Ernst Balcke gewidmet

Ein altes Boot, das in dem stillen Hafen
Am Nachmittag an seiner Kette wiegt.
Die Liebenden, die nach den Küssen schlafen.
Ein Stein, der tief im grünen Brunnen liegt.

Der Pythia Ruhen, das dem Schlummer gleicht
Der hohen Götter nach dem langen Mahl.
Die weiße Kerze, die den Toten bleicht.
Der Wolken Löwenhäupter um ein Tal.

Das Stein gewordene Lächeln eines Blöden.
Verstaubte Krüge, drin noch wohnt der Duft.
Zerbrochne Geigen in dem Kram der Böden.
Vor dem Gewittersturm die träge Luft.

Ein Segel, das vom Horizonte glänzt.
Der Duft der Heiden, der die Bienen führt.
Des Herbstes Gold, das Laub und Stamm bekränzt.
Der Dichter, der des Toren Bosheit spürt.

 

Bist du nun tot? Da hebt die Brust sich noch ...

Bist du nun tot? Da hebt die Brust sich noch,
Es war ein Schatten, der darüber fegt,
Der in der ungewissen Dämmrung kroch
Vom Vorhang, der im Nachtwind Falten schlägt.

Wie ist dein Kehlkopf blau, draus ächzend fuhr
Dein leises Stöhnen von der Hände Druck.
Das ist der Würgemale tiefe Spur,
Du nimmst ins Grab sie nun als letzten Schmuck.

Die weißen Brüste schimmern hoch empor,
Indes dein stummes Haupt nach hinten sank,
Das aus dem Haar den Silberkamm verlor.
Bist du das, die ich einst so heiß umschlang?

Bin ich denn der, der einst bei dir geruht
Vor Liebe toll und bittrer Leidenschaft,
Der in dich sank wie in ein Meer von Glut
Und deine Brüste trank wie Traubensaft?

Bin ich denn der, der so voll Zorn gebrannt
Wie einer Höllenfackel Göttlichkeit,
Und deine Kehle wie im Rausch umspannt,
In Hasses ungeheurer Freudigkeit?

Ist das nicht alles nur ein wüster Traum?
Ich bin so ruhig und so fern der Gier.
Die fernen Glocken zittern in dem Raum,
Es ist so still wie in den Kirchen hier.

Wie ist das alles fremd und sonderbar?
Wo bist du nun? Was gibst du Antwort nicht?
- Ihr nackter Leib ist kalt und eisesklar
Im blassen Schein vom blauen Ampellicht. -

Was ließ sie alles auch so stumm geschehn.
Sie wird mir furchtbar, wenn so stumm sie liegt.
O wäre nur ein Tropfen Bluts zu sehn.
Was ist das, hat sie ihren Kopf gewiegt?

Ich will hier fort. - Er stürzt aus dem Gemach.
Der Nachtwind, der im Haar der Toten zischt,
Löst leis es auf. Es weht dem Winde nach,
Gleich schwarzer Flamme, die im Sturm verlischt.

 

                      Der Baum

Am Wassergraben, im Wiesenland
Steht ein Eichbaum, alt und zerrissen.
Vom Blitze hohl, und vom Sturm zerbissen.
Nesseln und Dorn umstehn ihn in schwarzer Wand.

Ein Wetter zieht sich gen Abend zusammen.
In die Schwüle ragt er hinauf, blau, vom Wind nicht gerührt.
Von der leeren Blitze Gekränz umschnürt,
Die lautlos über den Himmel flammen.

Ihn umflattert der Schwalben niedriger Schwarm.
Und die Fledermäuse huschenden Flugs,
Um den kahlen Ast, der zuhöchst entwuchs
Blitzverbrannt seinem Haupt, eines Galgens Arm.

Woran denkst du, Baum, in der Wetterstunde
Am Rande der Nacht? An der Schnitter Gered,
In der Mittagsrast, wenn der Krug umgeht,
Und die Sensen im Grase ruhn in der Runde?

Oder denkst du daran, wie in alter Zeit
Einen Mann sie in deine Krone gehenkt,
Wie, den Strick um den Hals, er die Beine verrenkt,
Und die Zunge blau hing aus dem Maule breit?

Wie er da Jahre hing, und den Winter trug,
In dem eisigen Winde tanzte zum Spaß,
Und wie ein Glockenklöppel, den Rost zerfraß,
An den zinnernen Himmel schlug.

 

                       Louis Capet

Die Trommeln schallen am Schafott im Kreis,
Das wie ein Sarg steht, schwarz mit Tuch verschlagen.
Darauf steht der Block. Dabei der offene Schragen
Für seinen Leib. Das Fallbeil glitzert weiß.

Von vollen Dächern flattern rot Standarten.
Die Rufer schrein der Fensterplätze Preis.
Im Winter ist es. Doch dem Volk wird heiß,
Es drängt sich murrend vor. Man läßt es warten.

Da hört man Lärm. Er steigt. Das Schreien braust.
Auf seinem Karren kommt Capet, bedreckt,
Mit Kot beworfen, und das Haar zerzaust.

Man schleift ihn schnell herauf. Er wird gestreckt.
Der Kopf liegt auf dem Block. Das Fallbeil saust.
Blut speit sein Hals, der fest im Loche steckt.

 

                         Robespierre

Er meckert vor sich hin. Die Augen starren
Ins Wagenstroh. Der Mund kaut weißen Schleim.
Er zieht ihn schluckend durch die Backen ein.
Sein Fuß hängt nackt heraus durch zwei der Sparren

Bei jedem Wagenstoß fliegt er nach oben.
Der Arme Ketten rasseln dann wie Schellen.
Man hört der Kinder frohes Lachen gellen,
Die ihre Mütter aus der Menge hoben.

Man kitzelt ihn am Bein, er merkt es nicht.
Da hält der Wagen. Er sieht auf und schaut
Am Straßenende schwarz das Hochgericht.
Die aschengraue Stirn wird schweißbetaut.
Der Mund verzerrt sich furchtbar im Gesicht.
Man harrt des Schreis. Doch hört man keinen Laut.

 

            Fronleichnamsprozession

O weites Land des Sommers und der Winde,
Der reinen Wolken, die dem Wind sich bieten.
Wo goldener Weizen reift und die Gebinde
Des gelben Roggens trocknen in den Mieten.

Die Erde dämmert von den Düften allen,
Von grünen Winden und des Mohnes Farben,
Des schwere Köpfe auf den Stielen fallen
Und weithin brennen aus den hohen Garben.

Des Feldwegs Brücke steigt im halben Bogen,
Wo helle Wellen weiße Kiesel feuchten.
Die Wassergräser werden fortgezogen,
Die in der Sonne aus dem Bache leuchten.

Die Brücke schwankt herauf die erste Fahne.
Sie flammt von Gold und Rot. Die Seidenquasten
Zu beiden Seiten halten Kastellane
Im alten Chorrock, dem von Staub verblaßten.

Man hört Gesang. Die jungen Priester kommen.
Barhäuptig gellen sie vor den Prälaten.
Zu Flöten schallt der Meßgesang. Die frommen
Und alten Lieder wandern durch die Saaten.

In weißen Kleidchen kommen Kinder singend.
Sie tragen kleine Kränze in den Haaren.
Und Knaben, runde Weihrauchkessel schwingend,
Im Spitzenrock und roten Festtalaren.

Die Kirchenbilder kommen auf Altären.
Mariens Wunden brennen hell im Licht.
Und Christus naht, von Blumen bunt, die weher
Die Sonne von dem gelben Holzgesicht.

Im Baldachine glänzt des Bischofs Krone.
Er schreitet singend mit dem heiligen Schrein.
Der hohe Stimmenschall der Diakone
Fliegt weit hinaus durch Land und Felderreihn.

Der Truhen Glanz weht um die alte Tracht.
Die Kessel dampfen, drin die Kräuter kohlen.
Sie ziehen durch der weiten Felder Pracht,
Und matter glänzen die vergilbten Stolen.

Der Zug wird kleiner. Der Gesang verhallt.
Sie ziehn dahin, dem grünen Wald entgegen.
Er tut sich auf. Der Glanz verzieht im Wald,
Wo goldne Stille träumt auf dunklen Wegen.

Der Mittag kommt. Es schläft das weite Land,
Die tiefen Wege, wo die Schwalbe schweift,
Und eine Mühle steht am Himmelsrand,
Die ewig nach den weißen Wolken greift.

 

                       Laubenfest

Schon hängen die Lampions wie bunte Trauben
An langen Schnüren über kleinen Beeten,
Den grünen Zäunen, und von den Staketen
Der hohen Bohnen leuchtend in die Lauben.

Gesumm von Stimmen auf den schmalen Wegen.
Musik von Trommeln und von Blechtrompeten.
Es steigen auf die ersten der Raketen,
Und platzen oben in den Silberregen.

Um einen Maibaum dreht sich Paar um Paar
Zu eines Geigers hölzernem Gestreich,
Um den mit Ehrfurcht steht die Kinderschar.

Im blauen Abend steht Gewölke weit,
Delphinen mit den rosa Flossen gleich,
Die schlafen in der Meere Einsamkeit.

 

                    Gegen Norden

Die braunen Segel blähen an den Trossen,
Die Kähne furchen silbergrau das Meer.
Der Borde schwarze Netze hangen schwer
Von Schuppenleibern und von roten Flossen.

Sie kehren heim zum Kai, wo raucht die Stadt
In trübem Dunst und naher Finsternis.
Der Häuser Lichter schwimmen ungewiß
Wie rote Flecken, breit, im dunklen Watt.

Fern ruht des Meeres Platte wie ein Stein
Im blauen Ost. Von Tages Stirne sinkt
Der Kranz des roten Laubes, da er trinkt,
Zur Flut gekniet, von ihrem weißen Schein.

Es zittert Goldgewölke in den Weiten
Vom Glanz der Bernsteinwaldung, die enttaucht,
Verlorner Tiefe, wenn die Dämmerung raucht,
In die sich gelb die langen Äste breiten.

Versunkne Schiffer hängen in den Zweigen.
Ihr langes Haar schwimmt auf der See wie Tang.
Die Sterne, die dem Grün der Nacht entsteigen,
Beginnen frierend ihren Wandergang.

 

             Die Tote im Wasser

Die Masten ragen an dem grauen Wall
Wie ein verbrannter Wald ins frühe Rot,
So schwarz wie Schlacke. Wo das Wasser tot
Zu Speichern stiert, die morsch und im Verfall.

Dumpf tönt der Schall, da wiederkehrt die Flut,
Den Kai entlang. Der Stadtnacht Spülicht treibt
Wie eine weiße Haut im Strom und reibt
Sich an dem Dampfer, der im Docke ruht.

Staub, Obst, Papier, in einer dicken Schicht,
So treibt der Kot aus seinen Röhren ganz.
Ein weißes Tanzkleid kommt, in fettem Glanz
Ein nackter Hals und bleiweiß ein Gesicht.

Die Leiche wälzt sich ganz heraus. Es bläht
Das Kleid sich wie ein weißes Schiff im Wind.
Die toten Augen starren groß und blind
Zum Himmel, der voll rosa Wolken steht.

Das lila Wasser bebt von kleiner Welle.
- Der Wasserratten Fährte, die bemannen
Das weiße Schiff. Nun treibt es stolz von dannen,
Voll grauer Köpfe und voll schwarzer Felle.

Die Tote segelt froh hinaus, gerissen
Von Wind und Flut. Ihr dicker Bauch entragt
Dem Wasser groß, zerhöhlt und fast zernagt.
Wie eine Grotte dröhnt er von den Bissen.

Sie treibt ins Meer. Ihr salutiert Neptun
Von einem Wrack, da sie das Meer verschlingt,
Darinnen sie zur grünen Tiefe sinkt,
Im Arm der feisten Kraken auszuruhn.

 

                  Die Gefangenen I

Sie trampeln um den Hof im engen Kreis.
Ihr Blick schweift hin und her im kahlen Raum.
Er sucht nach einem Feld, nach einem Baum,
Und prallt zurück von kahler Mauern Weiß.

Wie in den Mühlen dreht der Rädergang,
So dreht sich ihrer Schritte schwarze Spur.
Und wie ein Schädel mit der Mönchstonsur,
So liegt des Hofes Mitte kahl und blank.

Es regnet dünn auf ihren kurzen Rock.
Sie schaun betrübt die graue Wand empor,
Wo kleine Fenster sind, mit Kasten vor,
Wie schwarze Waben in dem Bienenstock.

Man treibt sie ein, wie Schafe zu der Schur.
Die grauen Rücken drängen in den Stall.
Und klappernd schallt heraus der Widerhall
Der Holzpantoffeln auf dem Treppenflur.

 

              Nach der Schlacht

In Maiensaaten liegen eng die Leichen,
Im grünen Rain, auf Blumen, ihren Betten.
Verlorne Waffen, Räder ohne Speichen,
Und umgestürzt die eisernen Lafetten.

Aus vielen Pfützen dampft des Blutes Rauch,
Die schwarz und rot den braunen Feldweg decken.
Und weißlich quillt der toten Pferde Bauch,
Die ihre Beine in die Frühe strecken.

Im kühlen Winde friert noch das Gewimmer
Von Sterbenden, da in des Osten Tore
Ein blasser Glanz erscheint, ein grüner Schimmer,
Das dünne Band der flüchtigen Aurore.

 

                        Gruft I

Die in der großen Gruft des Todes ruhen,
Wie schlafen sie so stumm im hohlen Sarg.
Des Todes Auge schaut auf stumme Truhen
Aus schwarzem Marmorhaupte hohl und karg.

Sein dunkler Mantel starrt von Staub und Spinnen.
Vor alters schlossen sie der Toten Gruft.
Vergessen wohnen sie. Die Jahre rinnen
Ein unbewegter Strom in dumpfer Luft.

Nach Weihrauch duftet es und morschen Kränzen,
Von trocknen Salben ist die Luft beschwert.
Und in geborstnen Särgen schwimmt das Glänzen
Der Totenkleider, dran Verwesung zehrt.

Aus einer Fuge hängt die schmale Hand
Von einem Kind, wie Wachs so weiß und kalt,
Die, balsamiert, sich um das Sammetband
Der schon in Staub zerfallnen Blumen krallt.

Durch kleine Fenster hoch im Dunkel oben
Verirrt sich gelb des Winterabends Schein.
Sein schmales Band, mit blassem Staub verwoben,
Ruht auf der Sarkophage grauem Stein.

Der Wind zerschlägt ein Fenster. Aus den Händen
Nimmt er der Toten dürre Kränze fort
Und treibt sie vor sich hin an hohen Wänden,
In ewigen Schatten weit und dunklen Ort.

 

                    Die Vorstadt

In ihrem Viertel, in dem Gassenkot,
Wo sich der große Mond durch Dünste drängt,
Und sinkend an dem niedern Himmel hängt,
Ein ungeheurer Schädel, weiß und tot,

Da sitzen sie die warme Sommernacht
Vor ihrer Höhlen schwarzer Unterwelt,
Im Lumpenzeuge, das vor Staub zerfällt
Und aufgeblähte Leiber sehen macht.

Hier klafft ein Maul, das zahnlos auf sich reißt.
Hier hebt sich zweier Arme schwarzer Stumpf
Ein Irrer lallt die hohlen Lieder dumpf,
Wo hockt ein Greis, des Schädel Aussatz weißt.

Es spielen Kinder, denen früh man brach
Die Gliederchen. Sie springen an den Krücken
Wie Flöhe weit und humpeln voll Entzücken
Um einen Pfennig einem Fremden nach.

Aus einem Keller kommt ein Fischgeruch,
Wo Bettler starren auf die Gräten böse.
Sie füttern einen Blinden mit Gekröse.
Er speit es auf das schwarze Hemdentuch.

Bei alten Weibern löschen ihre Lust
Die Greise unten, trüb im Lampenschimmer,
Aus morschen Wiegen schallt das Schreien immer
Der magren Kinder nach der welken Brust.

Ein Blinder dreht auf schwarzem, großem Bette
Den Leierkasten zu der Carmagnole,
Die tanzt ein Lahmer mit verbundener Sohle.
Hell klappert in der Hand die Kastagnette.

Uraltes Volk schwankt aus den tiefen Löchern,
An ihre Stirn Laternen vorgebunden.
Bergmännern gleich, die alten Vagabunden.
Um einen Stock die Hände, dürr und knöchern.

Auf Morgen geht's. Die hellen Glöckchen wimmern
Zur Armesündermette durch die Nacht.
Ein Tor geht auf. In seinem Dunkel schimmern
Eunuchenköpfe, faltig und verwacht.

Vor steilen Stufen schwankt des Wirtes Fahne,
Ein Totenkopf mit zwei gekreuzten Knochen.
Man sieht die Schläfer ruhn, wo sie gebrochen
Um sich herum die höllischen Arkane.

Am Mauertor, in Krüppeleitelkeit
Bläht sich ein Zwerg in rotem Seidenrocke,
Er schaut hinauf zur grünen Himmelsglocke,
Wo lautlos ziehn die Meteore weit.