Hölderlin

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Biografie

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                Keppler

Unter den Sternen ergehet sich
Mein Geist, die Gefilde des Uranus
Überhin schwebt er und sinnt; einsam ist
Und gewagt, ehernen Tritt heischet die Bahn.

Wandle mit Kraft, wie der Held, einher!
Erhebe die Miene! doch nicht zu stolz,
Denn es naht, siehe es naht, hoch herab
Vom Gefild, wo der Triumph jubelt, der Mann,

Welcher den Denker in Albion,
Den Späher des Himmels um Mitternacht,
Ins Gefild tiefern Beschauns leitete,
Und voran leuchtend sich wagt' ins Labyrinth,

Daß der erhabenen Themse Stolz,
Im Geiste sich beugend vor seinem Grab,
Ins Gefild würdigern Lohns nach ihm rief:
"Du begannst, Suevias Sohn! wo es dem Blick

Aller Jahrtausende schwindelte;
Und ha! ich vollende, was du begannst,
Denn voran leuchtetest du, Herrlicher!
Im Labyrinth, Strahlen beschwurst du in die Nacht.

Möge verzehren des Lebens Mark
Die Flamm in der Brust - ich ereile dich,
Ich vollend's! denn sie ist groß, ernst und groß,
Deine Bahn, höhnet des Golds, lohnet sich selbst."

Wonne Walhallas! und ihn gebar
Mein Vaterland? ihn, den die Themse pries?
Der zuerst ins Labyrinth Strahlen schuf,
Und den Pfad, hin an dem Pol, wies dem Gestirn.

Heklas Gedonner vergäß ich so,
Und, ging' ich auf Ottern, ich bebte nicht
In dem Stolz, daß er aus dir, Suevia!
Sich erhub, unser der Dank Albions ist.

Mutter der Redlichen! Suevia!
Du stille! dir jauchzen Aeonen zu,
Du erzogst Männer des Lichts ohne Zahl,
Des Geschlechts Mund, das da kommt, huldiget dir.



                  An Thills Grab

Der Leichenreihen wandelte still hinan,
Und Fackelnschimmer schien auf des Teuren Sarg,
Und du, geliebte, gute Mutter!
Schautest entseelt aus der Jammerhütte,

Als ich, ein schwacher, stammelnder Knabe noch,
O Vater! lieber Seliger! dich verlor,
Da fühlt ichs nicht, was du mir warst, doch
Mißte dich bald der verlaßne Waise.

So weint ich leisen Knabengefühles schon,
Der Wehmut Träne über dein traurig Los,
Doch jetzt, o Thill! jetzt fühl ichs ernster,
Schmerzender jetzt über deinem Hügel,

Was hier im Grab den Redlichen Suevias
Verwest, den himmelnahenden Einsamen.
Und, o mein Thill ! du ließst sie Waisen?
Eiltest so frühe dahin, du Guter?

Ihr stille Schatten seines Holunderbaums!
Verbergt mich, daß kein Spötter die Tränen sieht
Und lacht, wann ich geschmiegt an seinen
Hügel die bebenden Wangen trockne.

O wohl dir! wohl dir, Guter! du schläfst so sanft
Im stillen Schatten deines Holunderbaums.
Dein Monument ist er, und deine
Lieder bewahren des Dorfes Greisen.

O daß auch mich dein Hügel umschattete
Und Hand in Hand wir schliefen, bis Ernte wird,
Da schielten keine Vorurteile,
Lachte kein Affe des stillen Pilgers.

O Thill! Ich zage, denn er ist dornenvoll,
Und noch so fern, der Pfad zur Vollkommenheit;
Die Starken beugen ja ihr Haupt, wie
Mag ihn erkämpfen der schwache Jüngling?

Doch nein! ich wags! es streitet zur Seite ja
Ein felsentreuer, mutiger Bruder mir.
O freut euch, selige Gebeine!
Über dem Namen! Es ist - mein Neuffer.



            Gustav Adolf

Kommt, ihr Kinder von Teut!
Ihr Kinder von Teut! zum Tale der Schlacht.
Entblößet die Häupter, ihr Kinder von Teut!
Und schauet nieder mit heiligem Blick!
Denn hier - hier starb der Mann,
Des Taten die Lande sahn,
Und ihren Felsen geboten,
Zu beugen die Scheitel den Taten des Manns,
Und ihren Hügeln geboten,
Zu beugen ihr Haupt den Taten des Manns;
Des Taten die Meere sahn,
Und Wogen türmten,
Und Stürme beriefen,
Zu donnern ein Lob den Taten des Manns;
Entblößet die Häupter, ihr Kinder von Teut!
Denn hier - hier starb der Mann,
Des Name, wann einst
Des Ozeans Inseln sich küssen,
Und Kolumbens Welt Lusitanias Küsten umarmt,
Von fernen Völkern gepriesen,
Von fremden Zungen genannt,
Am heiligen Denkmal, im Herzen der Edlen
Noch ewig, wie Gottes Gestirne steht,
Entblößet die Häupter, ihr Kinder von Teut!
Und schauet nieder mit heiligem Blick!
Denn hier - starb - Gustav.

Es lärmt' im Tale die Schlacht,
Die Siege zu krönen, die blutige Schlacht,
Und Heldenknie sanken, und Felsenherzen erbebten
Vor Gustav Adolfs Schwert,
Und Blut der Räuber floß,
Und Blut der Witwenmörder,
Und Blut der Schänder der Freiheit floß,
Und hinan im Blute der Räuber hinan
Stürzt', als ein Racheblitz des Rächers,
Mit seinen Treuen Gustav hinan.
Er gedachte seiner Taten,
Da flammte sein Auge von Götterlust,
Seiner Taten vor Gott,
Und Himmelsruhe verklärte sein Angesicht
Und hinan, in seiner Himmelsruhe
Stürzt' an der Spitze der Treuen Gustav hinan -
Doch wehe! unter den Treuen
Lauscht' ein Verräter;
Er dachte - der Verräter - den Höllengedanken,
Und - Gustav - sank.

Ha! Verräter! Verräter!
Daß in der Todesstunde dein Weib dich verdamme,
Und wehe! über dich rufen deine Söhne,
Und deine Enkel die Tat ins Ohr dir heulen,
Bis deine Blicke erstarren im Grauen des  Meuchelmords,
Und deine Seele flieht vor den Schrecken der Ewigkeit.

Wir wollten segnen
In deinem Tale, du Herrlicher!
Und schänden die heilige Stätte mit Fluch?
O Gustav! Gustav! vergib,
Vergib den Eifer der Deinen,
Und neige dich freundlich herab vom Gefilde des Lohns,
Zu den Stimmen des dankenden Lobgesangs.

Dank dem Retter der Freiheit!
Dem Richter der Witwenmörder!
Dank dem Sieger bei Lipsia!
Dank dem Sieger am Lechus!
Dank dem Sieger im Todestal!

Dank und Ruhm dem Bruder des Schwachen,
Dem gnadelächelnden Sieger!
Dank und Ruhm dem Erwäger des Rechts,
Dem Feind des Erobrers, dem Hasser des Stolzen,
Dem weichen Weiner an Tillys Grab!
Dank und Ruhm und Heil dem Schützer des Frommen,
Dem Trockner der Märtyrerstränen,
Dem Steurer der Pfaffenwut - -

O Gustav! Gustav!
Es verstummt der Segen der Deinen,
Der Segen des Ewigen lohnet dich nur,
Der donnernde Jubel des Weltgerichts.



 Ende einer Gedichtfolge auf Gustav Adolf

Erscholl von jeder Heide, jedem Hügel
Das Schreckengelärm gewappneter Wütriche her.
Doch wenig Stunden sann um Mitternacht der Held,
Vollbrachte mit stürmender Hand, was er sann, am geflügelten Tag,
Und ha! wo war er nun, der Fremdlinge Grimm?
Die Racheblicke, wie so bange rollten sie?
Der Rosse Schnauben hatt in Röcheln sich gewandelt,
Zerrissen moderten im Blut des Flüchtlings
Die güldenen Paniere, Raben krächzten
Im leichenvollen Hinterhalt, und Angstgeheul
Erscholl von jeder Heide, jedem Hügel.
Verschlungen hatte sie der größre Strom.

Der Tag des Weltgerichts - auch er! auch er!
Wird zeugen einst im Angesicht der Völker.
So spricht Jehova: Herrlich sei dein Lohn!
Sie schändeten zum blutbefleckten Greul
Die Fahne meines Reichs - die Lehre meines Mundes
Zur Menschenwürgerin, zur Brudermörderin.
Mit Henkersfäusten trieben sie vom Vaterland
Die Kinder meines Luthers, die das Joch des Wahns
Vom Nacken schüttelten, in Todeswüsten hin.
Da trocknet' ihre Tränen Gustav ab,
Der Fromme baute Häuser meinen Irrenden.
Dein Lohn sei herrlich! du Gesegneter!
So spricht Jehova, und die Myriaden
Versammleter erheben ihre Häupter
Und breiten ihre Arme gegen Gustav aus,
Und jubeln: Amen! herrlich ist sein Lohn.

O Gustav! Gustav! hast du dein Ohr geneigt
Den Zeugen deiner Größe - du Herrlicher!
Und zürnst du nicht, und lächelst du im
Arme der Helden zu uns herunter?

Verzeih, du Liebling Gottes! ich liebe dich! -
Wann Donner rollen über mein trautes Tal,
So denk ich dein, und wenn der Obstbaum
Freundlich den Apfel herunterreichet,

So nenn ich deinen Namen. Denn ringsum sieht
Ein Denkmal deiner Taten mein staunend Aug.
Und ha! wie wird dies Auge staunen,
Führet mich förder hinauf zum Tempel,

Zum höchsten Tempel seiner Erhabenheit
Mit wolkenlosem Mut die Begeisterung -
Hinauf, wo es dem Tandler schwindelt,
Wo der Gebrechliche nie hinanklimmt!

Umdonnert, Meereswogen! die einsame
Gewagte Bahn! euch bebet die Saite nicht!
Ertürmt euch, Felsen! ihr ermüdet
Nicht den geflügelten Fuß des Sängers.

Nur daß ich nie der ernsten Bewundrung Lied
Mit Tand entweihe - ferne von Gleisnerslob!
Und seiner gottgesandten Taten
Keine vergesse - denn dies ist Lästrung!



     Schwabens Mägdelein

So lieb wie Schwabens Mägdelein
Gibts keine weit und breit,
Die Engel in dem Himmel freun
Sich ihrer Herzlichkeit.

Mir war noch immer wohl zu Sinn,
So lang ich bei ihr war,
Bei meiner Herzenskönigin
Im blonden Lockenhaar.

Sie blickt des lieben Herrgotts Welt
So traut, so freundlich an
Und geht gerad und unverstellt
Den Lebensweg hinan.

Die Blumen wachsen sichtbarlich,
Wenn sie das Land begießt,
Es beuget Birk und Erle sich,
Wenn sie den Hain begrüßt.

Entgegen hüpft ihr jedes Kind
Und schmiegt sich traulich an,
Die Mütter in dem Dorfe sind
Ihr sonders zugetan.

Es freun sich alle, fern und nah,
Die meine Holdin sehn,
Du lieber Gott! wie sollt ich da
Die süße Minne schmähn.

Nicht minder lob ich alle mir
Die Schwabenmägdelein
Und tracht im Herzen für und für
Mich ihrer Gunst zu freun.

Und zieh ich einst um Ruhmsgewinn
In Helm und Harnisch aus -
Kommt ihr, ihr Lieben, mir in Sinn,
Stracks kehrt der Held nach Haus.

Und trauft mir einst von Honigseim
Das Land Arabia,
So ruft: Herr Schwabe, komm er heim!
Flugs bin ich wieder da.

Wes Herz die Holdin nicht verehrt,
Der höre meinen Hohn,
Er ist des Vaterlands nicht wert,
Er ist kein Schwabensohn.

Er schmähe mir die Minne nicht,
Die Minne treu und rein;
Es spricht der Tor: Die Rose sticht,
Laß Rose Rose sein.



            Zornige Sehnsucht

Ich duld es nimmer! ewig und ewig so
Die Knabenschritte, wie ein Gekerkerter
Die kurzen, vorgemeßnen Schritte
Täglich zu wandeln, ich duld es nimmer!

Ists Menschenlos - ists meines? ich trag es nicht,
Mich reizt der Lorbeer, - Ruhe beglückt mich nicht,
Gefahren zeugen Männerkräfte,
Leiden erheben die Brust des Jünglings.

Was bin ich dir, was bin ich, mein Vaterland?
Ein siecher Säugling, welchen mit tränendem,
Mit hoffnungslosem Blick die Mutter
In den gedultigen Armen schaukelt.

Mich tröstete das blinkende Kelchglas nie,
Mich nie der Blick der lächelnden Tändlerin,
Soll ewig Trauern mich umwolken?
Ewig mich töten die zornge Sehnsucht?

Was soll des Freundes traulicher Handschlag mir,
Was mir des Frühlings freundlicher Morgengruß,
Was mir der Eiche Schatten? was der
Blühenden Rebe, der Linde Düfte?

Beim grauen Mana! nimmer genieß ich dein,
Du Kelch der Freuden, blinkest du noch so schön,
Bis mir ein Männerwerk gelinget,
Bis ich ihn hasche, den ersten Lorbeer.

Der Schwur ist groß. Er zeuget im Auge mir
Die Trän, und wohl mir, wenn ihn Vollendung krönt,
Dann jauchz auch ich, du Kreis der Frohen,
Dann, o Natur, ist dein Lächeln Wonne.



                     An die Ruhe

Vom Gruß des Hahns, vom Sichelgetön erweckt,
Gelobt ich dir, Beglückerin! Lobgesang,
Und siehe da, am heitern Mittag
Schläget sie mir, der Begeistrung Stunde.

Erquicklich, wie die heimische Ruhebank
Im fernen Schlachtgetümmel dem Krieger deucht,
Wenn die zerfleischten Arme sinken,
Und der geschmetterte Stahl im Blut liegt -

So bist du, Ruhe! freundliche Trösterin!
Du schenkest Riesenkraft dem Verachteten;
Er höhnet Dominiksgesichtern,
Höhnet der zischenden Natterzunge.

Im Veilchental, vom dämmernden Hain umbraust,
Entschlummert er, von süßen Begeistrungen
Der Zukunft trunken, von der Unschuld
Spielen im flatternden Flügelkleide.

Da weiht der Ruhe Zauber den Schlummernden,
Mit Mut zu schwingen im Labyrinth sein Licht'
Die Fahne rasch voranzutragen,
Wo sich der Dünkel entgegenstemmet.

Auf springt er, wandelt ernster den Bach hinab
Nach seiner Hütte. Siehe! das Götterwerk,
Es keimet in der großen Seele.
Wieder ein Lenz, - und es ist vollendet.

An jener Stätte bauet der Herrliche
Dir, gottgesandte Ruhe! den Dankaltar.
Dort harrt er, wonnelächlend, wie die
Scheidende Sonne, des längern Schlummers.

Denn sieh, es wallt der Enkel zu seinem Grab,
Voll hohen Schauers, wie zu des Weisen Grab,
Des Herrlichen, der, von der Pappel
Säuseln umweht, auf der Insel schlummert.



                    An die Ehre

Einst war ich ruhig, schlummerte sorgenfrei
Am stillen Moosquell, träumte von Stellas Kuß -
Da riefst du, daß der Waldstrom stille
Stand und erbebte, vom Eichenwipfel -

Auf sprang ich, fühlte taumelnd die Zauberkraft,
Hin flog mein Atem, wo sie den Lieblingen
Die schweißbetraufte Stirn im Haine
Kühlend, die Eich und die Palme spendet.

Umdonnert, Meereswogen, die einsame
Gewagte Bahn! euch höhnet mein kühnes Herz,
Ertürmt euch, Felsen, ihr ermüdet
Nie den geflügelten Fuß des Sängers.

So rief ich - stürzt im Zauber des Aufrufs hin -
Doch ha! der Täuschung - wenige Schritte sinds!
Bemerkbar kaum! und Hohn der Spötter,
Freude der Feigen umzischt den Armen.

Ach! schlummert ich am murmelnden Moosquell noch,
Ach! träumt ich noch von Stellas Umarmungen.
Doch nein! bei Mana nein! auch Streben
Ziert, auch der Schwächeren Schweiß ist edel.



                      Einst und jetzt

Einst, tränend Auge! sahst du so hell empor!
Einst schlugst du mir so ruhig, empörtes Herz!
So, wie die Wallungen des Bächleins,
Wo die Forell am Gestade hinschlüpft.

Einst in des Vaters Schoße - des liebenden,
Geliebten Vaters - aber der Würger kam,
Wir weinten, flehten, doch der Würger
Schnellte den Pfeil; und es sank die Stütze!

Ha! du gerechte Vorsicht! so bald begann
Der Sturm, so bald? - Doch - straft mich des Undanks nicht,
Ihr Stunden meiner Knabenfreude,
Stunden des Spiels und des Ruhelächelns!

Ich seh euch wieder - herrlicher Augenblick!
Da füttert ich mein Hühnchen, da pflanzt ich Kohl
Und Nelken - freute so des Frühlings
Mich und der Ernt, und des Herbstgewimmels.

Da sucht ich Maienblümchen im Walde mir,
Da wälzt ich mich im duftenden Heu umher,
Da brockt ich Milch mit Schnittern ein, da
Schleudert ich Schwärmer am Rebenberge.

Und o! wie warm, wie hing ich so warm an euch
Gespielen meiner Einfalt, wie stürmten wir
In offner Feldschlacht, lehrten uns den
Strudel durchschwimmen, die Eich ersteigen!

Jetzt wandl ich einsam an dem Gestade hin,
Ach keine Seele, keine für dieses Herz?
Ihr frohen Reigen? Aber weh dir,
Sehnender Jüngling! sie gehn vorüber!

Zurück denn in die Zelle, Verachteter!
Zurück zur Kummerstätte, wo schlaflos du
So manche Mitternächte weintest,
Weintest im Durste nach Lieb und Lorbeer.

Lebt wohl, ihr güldnen Stunden vergangner Zeit,
Ihr lieben Kinderträume von Größ und Ruhm,
Lebt wohl, lebt wohl, ihr Spielgenossen,
Weint um den Jüngling, er ist verachtet!



           Die Weisheit des Traurers

Hinweg, ihr Wünsche! Quäler des Unverstands!
Hinweg von dieser Stätte, Vergänglichkeit!
Ernst, wie das Grab, sei meine Seele!
Heilig mein Sang, wie die Totenglocke!

Du, stille Weisheit! öffne dein Heiligtum.
Laß, wie den Greis am Grabe Cecilias,
Mich lauschen deinen Göttersprüchen,
Ehe der Toten Gericht sie donnert.

Da, unbestochne Richterin, richtest du
Tyrannenfeste, wo sich der Höflinge
Entmanntes Heer zu Trug begeistert,
Wo des geschändeten Römers Kehle

Die schweißerrungne Habe des Pflügers stiehlt,
Wo tolle Lust in güldnen Pokalen schäumt,
Und ha! des Greuels! an getürmten
Silbergefäßen des Landes Mark klebt.

Halt ein! Tyrann! Es fähret des Würgers Pfeil
Daher. Halt ein! es nahet der Rache Tag,
Daß er, wie Blitz die giftge Staude,
Nieder den taumelnden Schädel schmettre.

Doch ach! am grimmen richtenden Saitenspiel
Hinunter wankt die zitternde Rechte mir.
In lichtre Hallen, gute Göttin! -
Wandle der Sturm sich in Haingeflüster!

Da schlingst du liebevoll um die Jammernde
Am Grabe des Erwählten den Mutterarm,
Vor Menschentrost dein Kind zu schützen,
Schenkest ihr Tränen, und lispelst leise

Vom Wiedersehn, vom seligen Einst ins Herz -
Da schläft in deiner Halle der Jammermann,
Dem Priesterhaß das Herz zerfleischet,
Den ihr Gericht im Gewahrsam foltert,

Der bleiche Jüngling, der in des Herzens Durst
Nach Ehre rastlos klomm auf der Felsenbahn
Und ach umsonst! wie wandelt er so
Ruhig umher in der stillen Halle.

Mit Brudersinn zu heitern den Kummerblick,
Der Kleinen Herz zu leiten am Gängelband,
Sein Haus zu baun, sein Feld zu pflügen,
Wird ihm Beruf! und die Wünsche schweigen.

Verzeih der bangen Träne, du Göttliche!
Auch ich vielleicht! - zwar glühet im Busen mir
Die Flamme rein und kühn, und ewig -
Aber zurück aus den Lorbeerhainen

Stieß unerweicht die Ehre den Traurenden,
So lang, entflohn dem lachenden Knabenspiel,
Verhöhnend all die Taumelfreuden,
Treu und U-U mein Herz ihr huldigt.

Drum öffne du die Arme dem Traurenden,
Laß deines Labebechers mich oft und viel
Und einzig kosten, nenne Sohn mich!
Gürte mit Stolz mich, und Kraft und Wahrheit!

Denn viel der Stürme harren des Jünglings noch,
Der falschen Gruben viele des Wanderers,
Sie alle wird dein Sohn besiegen,
So du mit stützendem Arm ihn leitest.



                           Selbstquälerei

Des Menschen Herz, so kindischschwach, so stolz,
So freundlich, wie Tobias Hündlein ist,
Und doch so hämisch wieder! weg! ich hasse mich!
So schwärmerisch, wenn es des Dichters Flamme wärmt,
Und ha! wenn sich ein freundeloser Junge
An unsre Seite schmiegt, so stolz, so kalt!
So fromm, wenn uns des Lebens Sturm
Den Nacken beugt,...



                   Burg Tübingen

Still und öde steht der Väter Feste,
Schwarz und moosbewachsen Pfort und Turm,
Durch der Felsenwände trübe Reste
Saust um Mitternacht der Wintersturm,
Dieser schaurigen Gemache Trümmer,
Heischen sich umsonst ein Siegesmal,
Und des Schlachtgerätes Heiligtümer
Schlummern Todesschlaf im Waffensaal.

Hier ertönen keine Festgesänge,
Lobzupreisen Manas Heldenland,
Keine Fahne weht im Siegsgepränge
Hochgehoben in des Kriegers Hand,
Keine Rosse wiehern in den Toren,
Bis die Edeln zum Turniere nahn,
Keine Doggen, treu, und auserkoren,
Schmiegen sich den blanken Panzer an.

Bei des Hiefhorns schallendem Getöne
Zieht kein Fräulein in der Hirsche Tal,
Siegesdürstend gürten keine Söhne
Um die Lenden ihrer Väter Stahl,
Keine Mütter jauchzen von der Zinne
Ob der Knaben stolzer Wiederkehr,
Und den ersten Kuß verschämter Minne
Weihn der Narbe keine Bräute mehr.

Aber schaurige Begeisterungen
Weckt die Riesin in des Enkels Brust,
Sänge, die der Väter Mund gesungen,
Zeugt der Wehmut zauberische Lust,
Ferne von dem törigen Gewühle,
Von dem Stolze der Gefallenen,
Dämmern niegeahndete Gefühle
In der Seele des Begeisterten.

Hier im Schatten grauer Felsenwände,
Von des Städters Blicken unentweiht,
Knüpfe Freundschaft deutsche Biederhände,
Schwöre Liebe für die Ewigkeit,
Hier, wo Heldenschatten niederrauschen,
Traufe Vatersegen auf den Sohn,
Wo den Lieblingen die Geister lauschen,
Spreche Freiheit den Tyrannen Hohn!

Hier verweine die verschloßne Zähre,
Wer umsonst nach Menschenfreude ringt,
Wen die Krone nicht der Bardenehre,
Nicht des Liebchens Schwanenarm umschlingt,
Wer von Zweifeln ohne Rast gequälet,
Von des Irrtums peinigendem Los,
Schlummerlose Mitternächte zählet,
Komme zu genesen in der Ruhe Schoß.

Aber wer des Bruders Fehle rüget
Mit der Schlangenzunge losem Spott,
Wem für Adeltaten Gold genüget,
Sei er Sklave oder Erdengott,
Er entweihe nicht die heilge Reste,
Die der Väter stolzer Fuß betrat,
Oder walle zitternd zu der Feste,
Abzuschwören da der Schande Pfad.

Denn der Heldenkinder Herz zu stählen,
Atmet Freiheit hier und Männermut,
In der Halle weilen Väterseelen,
Sich zu freuen ob Thuiskons Blut,
Aber ha! den Spöttern und Tyrannen
Weht Entsetzen ihr Verdammerspruch,
Rache dräuend jagt er sie von dannen,
Des Gewissens fürchterlicher Fluch.

Wohl mir! daß ich süßen Ernstes scheide,
Daß die Harfe schreckenlos ertönt,
Daß ein Herz mir schlägt für Menschenfreude,
Daß die Lippe nicht der Einfalt höhnt.
Süßen Ernstes will ich wiederkehren,
Einzutrinken freien Männermut,
Bis umschimmert von den Geisterheeren
In Walhallas Schoß die Seele ruht.



    Lied der Freundschaft
           
(Erste Fassung)

Frei, wie Götter an dem Mahle,
Singen wir um die Pokale,
Wo der edle Trank erglüht,
Voll von Schauern, ernst und stille,
In des Dunkels heilger Hülle
Singen wir der Freundschaft Lied.

Schwebt herab aus kühlen Lüften,
Schwebet aus den Schlummergrüften,
Helden der Vergangenheit!
Kommt in unsern Kreis hernieder,
Staunt und sprecht: Da ist sie wieder,
Unsre deutsche Herzlichkeit.

Singe von ihr Jubellieder,
Von der Wonne deutscher Brüder,
Chronos! in dem ewgen Lauf;
Singe, Sohn der Afterzeiten!
Sing: Elysens Herrlichkeiten
Wog ein deutscher Handschlag auf.

Ha! der hohen Götterstunden!
Wann der Edle sich gefunden,
Der für unser Herz gehört;
So begeisternd zu den Höhen,
Die um uns, wie Riesen, stehen!
So des deutschen Jünglings wert!

Froher schlägt das Herz, und freier!
Reichet zu des Bundes Feier
Uns der Freund den Becher dar;
Ohne Freuden, ohne Leben
Erntet' er Lyäus Reben,
Als er ohne Freunde war.

Stärke, wenn Verleumder schreien,
Wahrheit, wenn Despoten dräuen,
Männermut im Mißgeschick,
Duldung, wenn die Schwachen sinken,
Liebe, Duldung, Wärme trinken
Freunde von des Freundes Blick.

Sanfter atmen Frühlingslüfte,
Süßer sind der Linde Düfte,
Kühliger der Eichenhain,
Wenn bekränzt mit jungen Rosen
Freunde bei den Bechern kosen,
Freunde sich des Abends freun.

Brüder! laßt die Toren sinnen,
Wie sie Fürstengunst gewinnen,
Häufen mögen Gut und Gold;
Lächelnd kanns der Edle missen,
Sich geliebt, geliebt zu wissen,
Dies ist seiner Taten Sold.

Schmettert aus der trauten Halle
Auch die Auserwählten alle
In die Ferne das Geschick,
Wandelt er mit Schmerz beladen
Nun auf freundelosen Pfaden,
Schwarzen Gram im bangen Blick,

Wankt er, wenn sich Wolken türmen,
Wankt er nun in Winterstürmen
Ohne Leiter, ohne Stab,
Lauscht er abgebleicht und düster
Bangem Mitternachtsgeflüster
Ahndungsvoll am frischen Grab,

O da kehren all die Stunden,
So in Freundesarm verschwunden,
Unter Schwüren, wahr, und warm,
All umfaßt mit sanftem Sehnen
Seine Seele, süße Tränen
Schaffen Ruhe nach dem Harm.

Rauscht ihm dann des Todes Flügel,
Schläft er ruhig unterm Hügel,
Wo sein Bund den Kranz ihm flicht,
In die Locken seiner Brüder
Säuselt noch sein Geist hernieder,
Lispelt leis: Vergeßt mich nicht!



     Lied der Freundschaft
           (Zweite Fassung)

Wie der Held am Siegesmahle
Ruhen wir um die Pokale,
Wo der edle Wein erglüht,
Feurig Arm in Arm geschlungen,
Trunken von Begeisterungen
Singen wir der Freundschaft Lied

Schwebt herab aus kühlen Lüften,
Schwebet aus den Schlummergrüften,
Helden der Vergangenheit!
Kommt in unsern Kreis hernieder,
Staunt und sprecht: Da ist sie wieder,
Unsre deutsche Herzlichkeit!

Uns ist Wonne, Gut und Leben
Für den Edlen hinzugeben,
Der für unser Herz gehört,
Der zu groß, in stolzen Reigen
Sich vor eitlem Tand zu beugen,
Gott und Vaterland nur ehrt.
Schon erhebt das Herz sich freier,
Wärmer reicht zur frohen Feier
Schon der Freund den Becher dar,
Ohne Freuden, ohne Leben
Kostet' er den Saft der Reben,
Als er ohne Freunde war.
Bruder! schleichen bang und trübe
Deine Tage? beugt der Liebe
Folterpein das Männerherz?
Stürzt im heißen Durst nach Ehre
Dir um Mitternacht die Zähre?
Bruder, segne deinen Schmerz!

Könnten wir aus Götterhänden
Freuden dir und Leiden spenden,
Ferne wärst du da von Harm;
Weiser ist der Gott der Liebe:
Sorgen gibt er bang und trübe,
Freunde gibt er treu und warm.

Stärke, wenn Verleumder schreien,
Wahrheit, wenn Despoten dräuen,
Männermut im Mißgeschick,
Duldung, wenn die Schwachen sinken,
Liebe, Duldung, Wärme trinken
Freunde von des Freundes Blick.

Lieblich, wie der Sommerregen,
Reich, wie er, an Erntesegen,
Wie die Perle klar und hell,
Still, wie Edens Ströme gleiten,
Endlos, wie die Ewigkeiten,
Fleußt der Freundschaft Silberquell.

Drum, so wollen, eh die Freuden
Trennungen und Tode neiden,
Wir im hehren Eichenhain
Oder unter Frühlingsrosen,
Wenn am Becher Weste kosen,
Würdig uns der Freundschaft freun.

Rufet aus der trauten Halle
Auch die Auserwählten alle
In die Ferne das Geschick,
Bleibt, auf freundelosen Pfaden
Hinzugehn, mit Schmerz beladen,
Tränend Einer nur zurück.

Wankt er nun in Winterstürmen,
Wankt er, wo sich Wolken türmen
Ohne Leiter, ohne Stab,
Lauscht er abgebleicht und düster
Bangem Mitternachtsgeflüster
Ahndungsvoll am frischen Grab,

O da kehren all die Stunden
Lächelnd, wie sie hingeschwunden
Unter Schwüren, wahr und warm,
Still und sanft, wie Blumen sinken,
Ruht er, bis die Väter winken,
Dir, Erinnerung! im Arm.

Rauscht ihm dann des Todes Flügel,
Schläft er ruhig unterm Hügel,
Wo sein Bund den Kranz ihm flicht,
In den Locken seiner Brüder
Säuselt noch sein Geist hernieder,
Lispelt leis: Vergeßt mich nicht!



        Lied der Liebe
        (Erste Fassung)

Engelfreuden ahndend wallen
Wir hinaus auf Gottes Flur,
Wo die Jubel widerhallen
In dem Tempel der Natur;
Heute soll kein Auge trübe,
Sorge nicht hienieden sein,
Jedes Wesen soll der Liebe
Wonniglich, wie wir, sich freun.

Singt den Jubel, Schwestern! Brüder!
Festgeschlungen! Hand in Hand!
Singt das heiligste der Lieder
Von dem hohen Wesenband!
Steigt hinauf am Rebenhügel,
Blickt hinab ins Schattental!
Überall der Liebe Flügel,
Wonnerauschend überall!

Liebe lehrt das Lüftchen kosen
Mit den Blumen auf der Au,
Lockt zu jungen Frühlingsrosen
Aus der Wolke Morgentau,
Liebe ziehet Well an Welle
Freundlichmurmelnd näher hin,
Leitet aus der Kluft die Quelle
Sanft hinab ins Wiesengrün.

Berge knüpft mit ehrner Kette
Liebe an das Firmament,
Donner ruft sie an die Stätte,
Wo der Sand die Pflanze brennt,
Um die hehre Sonne leitet
Sie die treuen Sterne her,
Folgsam ihrem Winke gleitet
Jeder Strom ins weite Meer.

Liebe wallt in Wüsteneien,
Höhnt des Dursts im dürren Sand,
Sieget, wo Tyrannen dräuen,
Steigt hinab ins Totenland;
Liebe trümmert Felsen nieder,
Zaubert Paradiese hin,
Schaffet Erd und Himmel wieder
Göttlich, wie im Anbeginn.

Liebe schwingt den Seraphsflügel,
Wo der Gott der Götter wohnt,
Lohnt den Schweiß am Felsenhügel,
Wann der Richter einst belohnt,
Wann die Königsstühle trümmern,
Hin ist jede Scheidewand,
Adeltaten heller schimmern,
Reiner, denn der Krone Tand.

Mag uns jetzt die Stunde schlagen,
Jetzt der letzte Othem wehn!
Brüder! drüben wird es tagen,
Schwestern! dort ist Wiedersehn;
Jauchzt dem heiligsten der Triebe,
Die der Gott der Götter gab,
Brüder! Schwestern! jauchzt der Liebe!
Sie besieget Zeit und Grab!



       Lied der Liebe
      (Zweite Fassung)

Engelfreuden ahndend, wallen
Wir hinaus auf Gottes Flur,
Daß von Jubel widerhallen
Höhn und Tiefen der Natur.
Heute soll kein Auge trübe,
Sorge nicht hienieden sein,
Jedes Wesen soll der Liebe
Frei und froh, wie wir, sich weihn!

Singt den Jubel, Schwestern, Brüder,
Fest geschlungen, Hand in Hand!
Hand in Hand das Lied der Lieder,
Selig an der Liebe Band!
Steigt hinauf am Rebenhügel,
Blickt hinab ins Schattental!
Überall der Liebe Flügel,
Hold und herrlich überall!

Liebe lehrt das Lüftchen kosen
Mit den Blumen auf der Au,
Lockt zu jungen Frühlingsrosen
Aus der Wolke Morgentau,
Liebe ziehet Well an Welle
Freundlich murmelnd näher hin,
Leitet aus der Kluft die Quelle
Sanft hinab ins Wiesengrün.

Berge knüpft mit ehrner Kette
Liebe an das Firmament,
Donner ruft sie an die Stätte,
Wo der Sand die Pflanze brennt.
Um die hehre Sonne leitet
Sie die treuen Sterne her,
Folgsam ihrem Winke gleitet
Jeder Strom ins weite Meer.

Liebe wallt durch Ozeane,
Durch der dürren Wüste Sand,
Blutet an der Schlachtenfahne,
Steigt hinab ins Totenland!
Liebe trümmert Felsen nieder,
Zaubert Paradiese hin,
Schaffet Erd und Himmel wieder -
Göttlich, wie im Anbeginn.

Liebe schwingt den Seraphsflügel,
Wo der Gott der Götter thront,
Lohnt die Trän am Felsenhügel,
Wann der Richter einst belohnt,
Wann die Königsstühle trümmern,
Hin ist jede Scheidewand,
Biedre Herzen heller schimmern,
Reiner, denn der Krone Tand.

Laßt die Scheidestunde schlagen,
Laßt des Würgers Flügel wehn!
Brüder, drüben wird es tagen!
Schwestern, dort ist Wiedersehn!
Jauchzt dem heiligsten der Triebe,
Den der Gott der Götter gab,
Brüder, Schwestern, jauchzt der Liebe,
Sie besieget Zeit und Grab!



                An die Stille

Dort im waldumkränzten Schattentale
Schlürft ich, schlummernd unterm Rosenstrauch,
Trunkenheit aus deiner Götterschale,
Angeweht von deinem Liebeshauch.
Sieh, es brennt an deines Jünglings Wange
Heiß und glühend noch Begeisterung,
Voll ist mir das Herz vom Lobgesange,
Und der Fittig heischet Adlerschwung.

Stieg ich kühnen Sinns zum Hades nieder,
Wo kein Sterblicher dich noch ersah,
Schwänge sich das mutige Gefieder
Zum Orion auf, so wärst du da;
Wie ins weite Meer die Ströme gleiten,
Stürzen dir die Zeiten alle zu,
In dem Schoß der alten Ewigkeiten,
In des Chaos Tiefen wohntest du.

In der Wüste dürrem Schreckgefilde,
Wo der Hungertod des Wallers harrt,
In der Stürme Land, wo schwarz und wilde
Das Gebirg im kalten Panzer starrt,
In der Sommernacht, in Morgenlüften,
In den Hainen weht dein Schwestergruß,
Über schauerlichen Schlummergrüften
Stärkt die Lieblinge dein Götterkuß.

Ruhe fächelst du der Heldenseele
In der Halle, wann die Schlacht beginnt,
Hauchst Begeistrung in der Felsenhöhle,
Wo um Mitternacht der Denker sinnt,
Schlummer träufst du auf die düstre Zelle,
Daß der Dulder seines Grams vergißt,
Lächelst traulich aus der Schattenquelle,
Wo den ersten Kuß das Mädchen küßt.

Ha! dir träuft die wonnetrunkne Zähre
Und Entzückung strömt in mein Gebein,
Millionen bauen dir Altäre,
Zürne nicht! auch dieses Herz ist dein!
Dort im Tale will ich Wonne trinken,
Wiederkehren in die Schattenkluft,
Bis der Göttin Arme trauter winken,
Bis die Braut zum stillen Bunde ruft.

Keine Lauscher nahn der Schlummerstätte,
Kühl und schattig ists im Leichentuch,
Abgeschüttelt ist die Sklavenkette,
Maigesäusel wird Gewitterfluch;
Schöner rauscht die träge Flut der Zeiten,
Rings umdüstert von der Sorgen Schwarm;
Wie ein Traum verfliegen Ewigkeiten,
Schläft der Jüngling seiner Braut im Arm.



      Hymne an die Unsterblichkeit

Froh, als könnt ich Schöpfungen beglücken,
Stolz, als huldigten die Sterne mir,
Fleugt, ins Strahlenauge dir zu blicken,
Mit der Liebe Kraft mein Geist zu dir.
Schon erglüht dem wonnetrunknen Seher
Deiner Halle goldnes Morgenrot,
Ha, und deinem Götterschoße näher
Höhnt die Siegesfahne Grab und Tod.

Mich umschimmern Orionenheere,
Stolz ertönet der Plejaden Gang.
Ha, sie wähnen, Ewigkeiten währe
Ihrer Pole wilder Donnerklang.
Majestätisch auf dem Flammenwagen
Durchs Gefild der Unermeßlichkeit,
Seit das Chaos kreißte, fortgetragen,
Heischt sich Helios Unsterblichkeit.

Auch die Riesen dort im Gräberlande,
Felsgebirg und Sturm und Ozean,
Wähnen endlos ihrer Schöpfung Bande,
Wurzelnd in dem ewgen Weltenplan;
Doch es nahen die Vernichtungsstunden,
Wie des Siegers Klinge, schrecklichschön. -
Erd und Himmel ist dahin geschwunden,
Schnell, wie Blitze kommen und vergehn.

Aber kehre, strahlendes Gefieder,
Zu der Halle, wo das Leben wohnt!
Triumphiere, triumphiere wieder,
Siegesfahne, wo die Göttin thront!
Wenn die Pole schmettern, Sonnen sinken
In den Abgrund der Vergangenheit,
Wird die Seele Siegeswonne trinken,
Hocherhaben über Grab und Zeit.

Ach, wie oft in grausen Mitternächten,
Wenn die heiße Jammerträne rann,
Wenn mit Gott und Schicksal schon zu rechten
Der verzweiflungsvolle Mensch begann,
Blicktest du aus trüber Wolkenhülle
Tröstend nieder auf den Schmerzenssohn!
Drüben, riefst du liebevoll und stille,
Drüben harrt des Dulders schöner Lohn.

Müßte nicht der Mensch des Lebens fluchen,
Nicht die Tugend auf der Dornenbahn
Trost im Arme der Vernichtung suchen,
Täuschte sie ein lügenhafter Wahn?
Trümmern möchte der Natur Gesetze
Menschenfreiheit, möcht in blinder Wut,
Wie die Reue die gestohlnen Schätze,
Niederschmettern ihr ererbtes Gut.

Aber nein, so wahr die Seele lebet,
Und ein Gott im Himmel oben ist,
Und ein Richter, dem die Hölle bebet,
Nein, Unsterblichkeit, du bist, du bist!
Mögen Spötter ihrer Schlangenzungen,
Zweifler ihres Flattersinns sich freun,
Der Unsterblichkeit Begeisterungen
Kann die freche Lüge nicht entweihn.

Heil uns, Heil uns, wenn die freie Seele,
Traulich an die Führerin geschmiegt,
Treu dem hohen göttlichen Befehle,
Jede niedre Leidenschaft besiegt!
Wenn mit tiefem Ernst der Denker spähet
Und durch dich sein Wesen erst begreift,
Weil ihm Lebenslust vom Lande wehet,
Wo das Samenkorn zur Ernte reift!

Wenn im Heiligtume alter Eichen
Männer um der Königin Altar
Sich die Bruderhand zum Bunde reichen,
Zu dem Bunde freudiger Gefahr,
Wenn entzückt von ihren Götterküssen
Jeglicher, des schönsten Lorbeers wert,
Lieb und Lorbeer ohne Gram zu missen,
Zu dem Heil des Vaterlandes schwört!

Wenn die Starken den Despoten wecken,
Ihn zu mahnen an das Menschenrecht,
Aus der Lüste Taumel ihn zu schrecken,
Mut zu predigen dem feilen Knecht!
Wenn in todesvollen Schlachtgewittern,
Wo der Freiheit Heldenfahne weht,
Mutig, bis die müden Arme splittern,
Ruhmumstrahlter Sparter Phalanx steht!

Allgewaltig ist im Gräbertale,
Herrscherin, dein segensvoller Lohn!
Aus der Zukunft zauberischer Schale
Trinkt sich stolzen Mut der Erdensohn.
Hoffend endet er sein Erdenleben,
Um an deiner mütterlichen Hand
Siegestrunken einst empor zu schweben
In der Geister hohes Vaterland:

Wo der Tugend königliche Blume
Unbetastet von dem Wurme blüht,
Wo der Denker in dem Heiligtume
Hell und offen alle Tiefen sieht,
Wo auf Trümmern kein Tyrann mehr thronet,
Keine Fessel mehr die Seele bannt,
Wo den Heldentod die Palme lohnet,
Engelkuß den Tod fürs Vaterland.

Harret eine Weile, Orione!
Schweige, Donner der Plejadenbahn!
Hülle, Sonne, deine Strahlenkrone,
Atme leiser, Sturm und Ozean!
Eilt zu feierlichen Huldigungen,
All ihr großen Schöpfungen der Zeit,
Denn, verloren in Begeisterungen,
Denkt der Seher der Unsterblichkeit!

Siehe! da verstummen Menschenlieder,
Wo der Seele Lust unnennbar ist,
Schüchtern sinkt des Lobgesangs Gefieder,
Wo der Endlichkeit der Geist vergißt.
Wann vor Gott sich einst die Geister sammeln,
Aufzujauchzen ob der Seele Sieg,
Mag Entzückungen der Seraph stammeln,
Wo die trunkne Menschenlippe schwieg.



         Meine Genesung

                 An Lyda

Jede Blüte war gefallen
Von dem Stamme; Mut und Kraft,
Fürder meine Bahn zu wallen,
War im Kampfe mir erschlafft;
Weggeschwunden Lust und Leben,
Früher Jahre stolze Ruh;
Meinem Grame hingegeben,
Wankt ich still dem Grabe zu
Himmel, wie das Herz vergebens
Oft nach edler Liebe rang,
Oft getäuscht des Erdelebens
Träum und Hoffnungen umschlang!
Ach, den Kummer abzuwenden,
Bat ich, freundliche Natur!
Oft von deinen Mutterhänden
Einen Tropfen Freude nur.

Ha, an deinem Göttermahle
Trink ich nun Vergessenheit,
In der vollen Zauberschale
Reichst du Kraft und Süßigkeit.
In Entzückungen verloren
Staun ich die Verwandlung an!
Flur und Hain ist neugeboren,
Göttlich strahlt der Lenz heran. -

Daß ich wieder Kraft gewinne,
Frei wie einst und selig bin,
Dank ich deinem Himmelssinne,
Lyda, süße Retterin!
Labung lächelte dem Müden,
Hohen Mut dein Auge zu,
Hohen Mut, wie du zufrieden,
Gut zu sein und groß wie du.

Stark in meiner Freuden Fülle
Wall ich fürder nun die Bahn,
Reizend in der Wolkenhülle
Flammt das ferne Ziel mich an.
Mags den Peinigern gelingen!
Mag die bleiche Sorge sich
Um die stille Klause schwingen!
Lyda! Lyda tröstet mich!



                  Melodie

                   An Lyda

Lyda, siehe! zauberisch umwunden
Hält das All der Liebe Schöpferhand,
Erd und Himmel wandeln treu verbunden,
Laut und Seele knüpft der Liebe Band.
Lüftchen säuseln, Donner rollen nieder -
Staune, Liebe! staun und freue dich!
Seelen finden sich im Donner wieder,
Seelen kennen in dem Lüftchen sich.

Am Gesträuche lullt in Liebesträume
Süße Trunkenheit das Mädchen ein,
Haucht der Frühling durch die Blütenbäume,
Summen Abendsang die Käferlein;
Helden springen von der Schlummerstätte,
Grüßt sie brüderlich der Nachtorkan;
Hinzuschmettern die Tyrannenkette,
Wallen sie die traute Schreckenbahn.

Wo der Totenkranz am Grabe flüstert,
Wo der Wurm in schwarzen Wunden nagt,
Wo, vom grauen Felsenstrauch umdüstert,
Durch die Heide hin der Rabe klagt,
Wo die Lerch im Tale froher Lieder,
Plätschernd die Forell im Bache tanzt,
Tönt die Seele Sympathieen wieder,
Von der Liebe Zauber eingepflanzt.

Wo des Geiers Schrei des Raubs sich freuet,
Wo der Aar dem Felsennest entbraust,
Wo Gemäuer ächzend niederdräuet,
Wo der Wintersturm in Trümmern saust,
Wo die Woge, vom Orkan bezwungen,
Wieder auf zum schwarzen Himmel tost,
Trinkt das Riesenherz Begeisterungen,
Von den Schmeicheltönen liebgekost.

Felsen zwingt zu trauten Mitgefühlen
Tausendstimmiger Naturgesang,
Aber süßer tönt von Saitenspielen
Allgewaltiger ihr Zauberklang;
Rascher pocht im angestammten Triebe,
Bang und süße, wie der jungen Braut,
Jeder Aderschlag, in trunkner Liebe
Findt das Herz den brüderlichen Laut.

Aus des Jammerers erstarrtem Blicke
Locket Labetränen Flötenton,
Im Gedränge schwarzer Mißgeschicke
Schafft die Schlachttrommete Siegeslohn,
Wie der Stürme Macht im Rosenstrauche,
Reißt dahin der Saiten Ungestüm,
Kosend huldiget dem Liebeshauche
Sanfter Melodie der Rache Grimm.

Reizender erglüht der Wangen Rose,
Flammenatem haucht der Purpurmund,
Hingebannt bei lispelndem Gekose
Schwört die Liebe den Vermählungsbund;
Niegesungne königliche Lieder
Sprossen in des Sängers Brust empor,
Stolzer schwebt des Hochgesangs Gefieder,
Rührt der Töne Reigentanz das Ohr,

Wie sie langsam erst am Hügel wallen,
Majestätisch dann wie Siegersgang,
Hochgehoben zu der Freude Hallen,
Liebe singen und Triumphgesang,
Dann durch Labyrinthe hingetragen
Fürder schleichen in dem Todestal,
Bis die Nachtgefilde schöner tagen,
Bis Entzückung jauchzt am Göttermahl.

Ha! und wann mir in des Sanges Tönen
Näher meiner Liebe Seele schwebt,
Hingegossen in Entzückungstränen
Näher ihr des Sängers Seele bebt,
Wähn ich nicht vom Körper losgebunden
Hinzujauchzen in der Geister Land? -
Lyda! Lyda! zauberisch umwunden
Hält das All der Liebe Schöpferhand.