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Biografie

Seite 2

                  Der Winter

Die Erde traurt im weißen Todtenkleide,
Und übergiebt sich träger Ruh.
Kein Westwind haucht dem Wandrer Scherz und Freude
Mit frischen Veilchendüften zu.

Der Ströme und der Bäche Urnen schließet
Des wilden Winters kalte Hand;
Und Boreas durchwühlt die Luft, und gießet
Ein Meer von Flocken auf das Land.

Nun sinken auf die Wälder Silberhüllen,
Und auf das fahle Hüttendach
Des Landmanns. Hohe Schneegebürge schwillen
Rings um den kleinen Wiesenbach.

Er murmelt keine Wonne durch die Fluren,
Wie er im jungen Frühling that.
An seinem Ufer schlummern welke Spuren
Der Blume, die der Frost zertrat.

Der Landschaft vormahls bunte Scenen liegen
Entstellt. Ein finstrer Schleyr umzieht
Des Tages Antlitz. Neue Flocken fliegen
Im Luftraum, wo kein Phoebus glüht.

Sey mir, du Flur, du weißgeschleyrte Erde
Gegrüßet! Deine Majestät
Bezaubert mich, wiewohl jetzt keine Herde
Auf deinen öden Triften geht,

Und keine Harmonie die Schattengänge
Des Waldes füllt. Ich liebe dich
Mehr als den Flitterprunk, und das Gedränge
Der Stadt, von der die Ruhe wich.

Die Schönen wandeln hier im Hermeline
Den Bällen zu, und Chloe fängt
Mit ihrem Busen, ihrer Zaubermiene
Den Stutzer, der ihr Weyhrauch schenkt.

Die Siegerin! Die Männerblicke hangen
An ihrem Haar, an ihrer Brust,
Die immer wallt, an ihren Rosenwangen,
Und sie ist ihres Siegs bewußt.

Nun rollen, gleich des Windes Flügeln, Schlitten
Durch des gedrängten Pöbels Schwall;
Und Stentor trabt mit abgemeßnen Schritten,
Sobald der Abend winkt, dem Ball.

Entgegen, wo sein Lockenbau und Weste
Der Schönen Augen auf sich reißt.
Sein Federhut verräth, er sey der größte
Erfindungsvollste, feinste Geist.

Hier dreht man sich im Tanze,
Der labyrinthisch sich verstrickt,
Und von der jungen Schönen Myrtenkranze
Wird oft ein Blätchen abgepflückt.


            Lob der Gottheit


Du bist es Schöpfer, der durch einen Wink
Zahllose Welten schuff,
Der Rosen um des Morgens Stirne band,
Und um des Abends Haupt

Den Kranz von Gold. Dich lobet die Natur,
Das bunte Veilchenthal,
Die Morgenröthe, die ihr junges Bild
In jede Welle prägt.

Dich lobt der Westwind, der die grüne Fluth
Der Saaten kräuselt, Dich
Erhebt die Windsbraut, die den Eichenwald
Entwurzelt und zerreißt.

Dich lobt der Donner, der am Himmel rollt,
Und rothe Blitze sprüht,
Der Wolkenbruch, der auf die Wiese fällt,
Und sie in Meer verkehrt.

Dich loben Flocken, die das grüne Haar
Des finstren Tannenhayns
Mit Silber überstreun, und weißen Flor
Um die Gebüsche ziehn.

Die ganze Erde ist Dein Lobgesang,
Und Hymn' auf Hymne steigt
Zu Deinem Thron empor, wo Du im Licht,
Wie im Gezelte, wohnst.

Verstummest du allein, du Mensch? Erwach
Vom Schlummer, der dich drückt,
Wirf deine Blicke rings umher, und sieh
Die Wunder seiner Macht.

Preiß deinen Schöpfer, wenn der frühe Hahn
Den Morgen ausposaunt,
Erheb ihn, wenn das milde Abendroth
Die Hügelspitzen mahlt.

Erheb ihn, wenn die Nacht der See entsteigt,
Und ihr Gewand, durchwebt
Mit goldnen Sternen, und mit Mondenschein,
Rund um den Himmel wirft. -

Preiß ihn durch Hymnen, heiliges Gefühl
Ergreife dich, wenn du
Den Schöpfer denkst, der dich ins Leben rief,
Den Gott voll Gnad und Huld.


      Leander und Hero,

          eine Romanze

Schon ehmahls sang der Leyermann
Musaeus die Geschichte,
Die ich euch jetzt, so gut ich kan,
Erzähle und berichte. -
Ein Jüngling, der Leander hieß,
Kam einstmahls in ein Städtchen,
Das seinem Blick die Hero wies,
Die Krone aller Mädchen.

Er machte einen Reverenz,
Der ihn zur Erde drückte,
Als er die Miß, im jungen Lenz,
Zum erstenmahl erblickte.
Von nun an schwebt' ihr Götterbild,
Im labyrintschen Tanze,
Um seinen Blick, das Haupt umhüllt
Mit einem Blumenkranze.

Bald schwatzt er ihr von Liebe vor,
Von Martern, und von Schmerzen.
Und sie? sie widmet ihm ihr Ohr,
Nebst einem Platz im Herzen.
Nun fühlt der Jüngling sich, und brennt,
Die Schöne glüht nicht minder,
Doch, ach, das Meer der Helle trennt
Die beyden armen Kinder.

Er hatte, leider, keinen Kahn,
Drum schwamm er durch die Fluthen,
Was noch kein Amadis gethan,
Wenn Hayn und Fluren ruhten.
Ein schattenvoller Myrthenhayn
Verhüllte ihre Küße,
Und tausend andre Tändeleyn
In grüne Finsterniße.

Was sie sich Zärtliches gesagt,
Das wißen nur die Plätze,
Wo sie manch Stündchen zugebracht,
Am flüsternden Geschwätze
Des Bachs. Sie fühlten Cypris Sohn,
Indeß die Gegend lauschte,
Und ihrer Küße Silberton
Den Schattenwald durchrauschte.

Kurz, sie beschloßen dieses Spiel,
Geschaffen zum Ergötzen,
Das ihnen ziemlich wohl gefiel,
Hinführo fortzusetzen.
Leander schwamm, die Schöne saß
Am Ufer, voll Verlangen,
Den Liebling, wär er noch so naß,
Zu küßen, zu umfangen.

Sie wies ihm, mit erhobner Hand,
Ein Lichtgen in der Ferne,
Wenn Nacht sich um das Mondlicht wand,
Und um den Glanz der Sterne.
Er folgte dann dem Lichtstral nach. -
Doch Aeols Höhlen senden
Einst Stürme, und die reißen, ach,
Das Licht ihr aus den Händen.

Nun öfnet sie den Rosenmund
Zu Seufzern und zu Klagen,
Der Königin von Amathunt
Ihr Herzeleyd zu sagen.
Umsonst! die Göttin spielte just,
Sie hatte gute Karten,
Und spürte folglich keine Lust
Der Hero aufzuwarten.

Das arme Kind! Ihr Seufzen schallt
Umher, ein Thränenregen
Quillt ihr vom Aug. Indeßen wallt
Ein Leichnam ihr entgegen.
Leander ists, er schwimmt erblaßt
Zum Ufer, bange Scene!
Ein kalter Todesschauer faßt
Die Brust der jungen Schöne.

Denn jetzt entschleyert Luna sich
Von Wolken, und enthüllet
Der Hero, die am Ufer schlich,
Mit Traurigkeit erfüllet,
Leanders Tod. Sie spricht kein Wort,
Stürzt rauschend in die Wogen,
Und ihre Seele flattert fort,
Dem schönsten Leib entzogen.


         Acktaeon

          Romanze

Auf einem alten Rittersitz,
Den seine Ahnen sich erlasen,
Regierte einst Herr Acktaeon,
Ein Wütrich gegen Hasen.

Erstaune Nachwelt, welch ein Geist
Herr Acktaeon gewesen!
Er konnte schon im zwölften Jahr
Den Abendseegen lesen.

Mama zerfloß in Freude schier,
Als ihm von seinem Bogen
Tief in des schönsten Fuchses Herz
Die ersten Pfeile flogen.

Papachen lobte sein Talent,
Und pflegte oft zu sagen,
Dies Söhnchen sey ihm sicherlich
Nicht aus der Art geschlagen.

Er sollte Fräulein Adelheid
In wenig Wochen freyen.
An ihrem Busen dacht er sich
Der Liebe recht zu weyhen.

Du armer Junker Acktaeon!
Die Grausamkeit der Götter
Versagt dir ihren Necktarkuß,
Und Hymens Myrthenblätter.

Ihm winkte einst ein Silberbach,
Der durch ein Wäldchen hüpfte,
Als er ermattet von der Jagd
In kühle Schatten schlüpfte.

Er trippelt hin, und staunt zurück -
Napaeen, Oreaden,
Und selbst Dianen sah er sich
In diesem Bache baden.

Die Damen wurden feuerroth,
Und sanken rauschend nieder.
Mit beiden Händen tappten sie
Nach ihrem Rock und Mieder.

Diana aber, Wuth im Blick,
Nahm Waßer, und besprützte
Den Junker, dem die Lüsternheit
Aus beiden Augen blitzte.

Man seh einmahl! Ein Hirschgeweyh
Von mehr als sechzehn Enden
Bekrönt sein Haupt; ein braunes Fell
Umhüllet seine Lenden.

Mit langen Beinen setzet er
Durch Büsche und durch Hecken,
Gafft furchtsam um sich her, und will
Im Walde sich verstecken.

Er tanzet seufzend durch den Hayn;
Hier liegen seine Hunde;
Die springen zu, und tödten ihn
Durch manche tiefe Wunde.


         Apoll und Daphne,

            eine Romanze

Apoll, der gern nach Mädchen schielte,
Wie Dichter thun,
Sah einst im Thal, wo Zephyr spielte,
Die Daphne ruhn.

Er nahte sich mit Stutzertritten;
Kein Reh flieht so,
Als Daphne, die mit Zephyrschritten
Dem Gott entfloh.

Sie flog voran, Apollo keuchte
Ihr hitzig nach,
Bis er das arme Ding erreichte,
Am Silberbach.

Da rief sie, rettet mich, ihr Götter!
Die Thörin die!
Zeus winkte - starre Lorbeerblätter
Umflogen sie.

Ihr Füßgen, sonst so niedlich, pflanzte
Sich plötzlich fest
Tief in der Erde. Gaukelnd tanzte
Um sie der West.

Apollo klagte ganze Stunden
Am Lorbeerbaum,
Hielt ihn mit festen Arm umwunden,
Stand, als im Traum.

Er lehnte seine feuchten Wangen
Ans grüne Holz,
Jüngst eine Nymphe, sein Verlangen,
Der Nymphen Stolz.

Er girrte noch ein Weilchen, pflückte
Nun jenen Kranz,
Der seine blonde Scheitel schmückte,
Bey Spiel und Tanz.

Du arme Daphne! Tausend pflücken
Nun Kränze sich,
Von deinen Haaren, sich zu schmücken,
Du dauerst mich!

Die Krieger und die Dichter hausen
In deinem Haar,
Wie Stürme, die den Wald durchbrausen;
Die Köche gar.

Ja, ja, die braunen Köche ziehen
Dir Locken aus,
Zum lieblichen Gewürz der Brühen,
Beym fetten Schmaus.

Laßt euch dies Beyspiel, Mädchen! rühren,
Das Warnung spricht,
Und flieht, so lang euch Reize zieren,
Den Jüngling nicht.


     Clytia und Phoebus,

          eine Romanze

Miß Clytia, das schönste Kind,
Cytherens Ebenbild,
War, wie die Mädchen alle sind,
Mit Liebe stets erfüllt.

Sie liebte ihres Nachbars Sohn,
Weil man doch lieben muß,
Im bunten Flügelkleide schon,
Und gab ihm manchen Kuß.

Wie war die Freude doch so groß,
Die ihre Brust durchglitt,
Wenn er auf seinem Steckenroß,
Vor ihrem Fenster ritt!

Die gute Jungfer sah einmahl
Den Phoebus, welcher sich
Nicht selten aus dem Himmel stahl,
Und zu den Nymphen schlich.

Sie kramte ihren Busen aus,
Doch Phoebus, wie es hieß,
Zog seine Stirn beständig kraus,
So oft sie Reize wies.

Satyrisch sah er auf sie hin,
Mit Hohn im Blick, und sprach,
Entflieh, du kleine Buhlerinn,
Schleich Erdensöhnen nach.

Dies niederschlagende Gebot,
Erschütterte sie tief,
Und machte, daß ein lichtes Roth
Durch ihre Wangen lief.

Von Liebesschmerzen aufgezehrt,
Ward endlich Clytia
Zur Sonnenblume. Hingekehrt
Gen Himmel stand sie da.

Mit liebetrunkner Miene lacht
Sie ihren Phoebus an,
So bald der junge Tag erwacht,
Und schauet himmelan.

Sie blickt ihm nach, wenn er am Saum
Des Abendhimmels blinkt,
Bis er trübröthlicht in den Schaum
Des Oceans versinkt.


Der Gärtner an den Garten im Winter,

                      eine Idylle

In Silberhüllen eingeschleyert
Steht jetzt der Baum,
Und strecket seine nackten Äste
Dem Himmel zu.

Wo jüngst das reife Gold des Fruchtbaums
Geblinket, hängt
Jetzt Eiß herab, das keine Sonne
Zerschmelzen kan.

Entblättert steht die Rebenlaube,
Die mich in Nacht
Verschloß, wenn Phoebus flammenathmend
Herniedersah.

Das Blumenbeet, wo Florens Töchter
In Morgenroth
Gekleidet, Wohlgeruch verhauchten,
Versinkt in Schnee.

Nur du, mein kleiner Buchsbaum, pflanzest
Dein grünes Haupt
Dem Frost entgegen, und verhöhnest
Des Winters Macht.

Mit Goldschaum überzogen, funkelst
Du an der Brust
Des Mädchens, das die Dorfschalmeye
Zum Tanze ruft.

Ruh sanft mein Garten, bis der Frühling
Zur Erde sinkt,
Und Silberkränze auf die Wipfel
Der Bäume streut.

Dann gaukelt Zephyr in den Blüthen,
Und küßet sie,
Und weht mir mit den Düften Freude
In meine Brust.


            Elegie eines Schäfers

Ihr Linden, die ihr meiner Hütte Kühlung gebt,
Rauscht Klagen, und ihr milden Weste,
Die ihr von Zweig zu Zweig auf leichten Flügeln schwebt,
Schlüpft traurig durch das Laub der Äste.

Verbreite weit umher, o Nachhall, meine Quaal!
Rollt eure krausen Silberwellen
Mit hohlen Murmeln durch das bunte Veilchenthal,
Ihr Wiesenbäche, und ihr Quellen. -

Melinde ist nicht mehr! Die Schöne liegt erblaßt,
Rings um sie herrschet Todesstille.
Ein finstres Grab, dort wo die Linde winkt, umfaßt
Der schönsten Seele schönste Hülle.

Mit ihr ist meine Ruh, und die Zufriedenheit,
Die mir die guten Götter gaben,
Und die mein Leben mir mit Rosen überstreut,
Tief in die Nacht der Gruft begraben.

Nun kleidet sich der Lenz für mich in Trauerflor,
Den ich so oft mit ihr belauschte,
Wenn er im Tulpenkranz erschien, indeß ein Chor
Von Abendwinden um uns rauschte.

Dort ist der Rasensitz, wo ich an ihrer Hand
Mich dem Gefühl der Freude weyhte,
Wenn sich der Mond erhob, und durch des Hayns Gewand
Hellblitzend Silber streute.

Durch jene Blumen, die mit Regenbogenglanz
Stolzieren, schlüpften ihre Füße
So oft, dort wand sie mir den schönsten Blumenkranz
Um meine Stirn, und gab mir Küße.

Sie waren doch so süß! Noch süßer als der Duft,
Der aus der Rosenknospe quillet.
Und allen diesen Reiz verschließet jene Gruft,
Die itzt der May in Blumen hüllet!


 Wiegenlied, an ein Mädchen

Noch schlinget dich die süße Ruh
In ihren Arm. Vergnügt,
Mein kleines Püppchen, schlummerst du,
Wenn dich die Amme wiegt.

Auf deinen Wangen keimet schon
Ein sanftes Morgenroth,
Das, wenn 12 Lenze dir entflohn,
Mit schönen Feßeln droht.

Um deine jungen Blicke schwebt
Ein Lächeln, welches bald
Dem Stutzer goldne Netze webt,
Der dir entgegenwallt.

Dann öfnen hundert Fenster sich,
Wenn du am Fenster stehst,
Und Blick auf Blick verfolget dich,
Wenn du zur Kirche gehst.

Man lobt, von warmer Lieb entbrannt,
Bald deinen kleinen Fuß,
Bald dein Gesicht, bald deine Hand,
Und wünscht sich deinen Kuß.

Du aber, holder als der May,
Der sich in Blüthen hüllt,
Mein Püppchen, bleib der Unschuld treu,
Die jetzt dein Herz erfüllt.

Es wimmre der Insektenchor
Des Stutzervolks sich heisch!
Leih nie dein jungfräuliches Ohr
Dem summenden Geräusch.

Die Tugend, die der Himmel minnt,
Schätz über Gold und Rang.
Dann sing ich dir, mein schönes Kind,
Noch einst den Brautgesang.


   Klagen einer Nonne

Der Flora junge Rosenhand
Bestreuet jetzt die Flur
Mit Kränzen, und ein bunt Gewand
Umhüllet die Natur.

Nur nicht für mich! Mir wallt vom Thal
Kein Wohlgeruch empor.
Mir tönt das Lied der Nachtigall
Nur Klagen in mein Ohr.

Mit Fittigen der Mitternacht
Irrt die Melancholey
Um mich herum. Kein Lenztag macht
Mich von dem Kummer frey.

Selbst an des heilgen Altars Fuß,
Werf ich oft einen Blick
In jene Zeit, da Damons Kuß
Mir Himmel war, zurück.

Beym Paternoster seufze ich
Die Worte himmelan,
Erhöre, heilge Jungfrau, mich,
Und schenk mir ihn zum Mann.

Um meine Augenlieder schleicht
Der süße Schlaf nicht gern;
Oft sieht, wenn schon die Nacht entweicht,
Mein Leid der Morgenstern.

Stets schwebt mir meines Damons Bild
Vor Augen, der die Luft
Mit lauten Trauertönen füllt,
Und meinen Namen ruft.

Vergebens ruft! Nie werd ich ihn,
Den treuen, wiedersehn,
Nie mit ihm, wenn die Bäume blühn,
Durch Schattenhayne gehn.

Nein, trauern werd ich, bis der Arm
Des Grabes mich umfaßt,
Wenn du o Schwermuth, und du Harm
Mich aufgezehret hast.


        Elegie auf eine Rose

Die schönste Rose, die der Lenz gebar,
Und Zephyr küßte, liegt
Mit welken Busen, mit zerstreuten Haar
Am Boden, und zerfliegt.

Ihr, die, mit voller Wang', am Morgenroth
Die Schwestern überstrahlt,
Ihr hat jetzt, da der Tag entflieht, der Tod
Die Wange bleich gemalt.

Entpurpert liegt sie da! Der Schmetterling,
Der, als ihr Reiz begann,
Voll Lüsternheit an ihrem Busen hieng,
Blickt ihren Rest kaum an.

Der West, der ihr so oft, von Lieb' erhitzt,
Manch süßes Küßchen stahl,
Der lose Flatterer, verläßt sie itzt
Und tändelt durch das Thal.

Du duftetest an keines Mädchens Brust,
In keines Mädchens Haar,
Du arme Rose, die der Flora Lust,
Der Neid der Schwestern war!

Von einem Wirbelwind ringsum bestürmt,
Sank sie zur Erde hin,
Als Donner sich am Himmel aufgethürmt,
Lyäens Lieblinginn.

Kein Amor bettet je in ihren Schooß! -
Selinde kam, und sprach,
Indem ein Thränchen ihr vom Auge floß,
Das schöne Blümchen, ach!


       Narciß und Echo,

          eine Romanze

Das Fräulein Echo sah einmal
Den Ahnherrn der Narcißen,
Der manches Jungfernherzgen stahl,
In grünen Finsternißen,
Sich einer Badequelle nahn.
Stracks schielten Ihro Gnaden,
Als sie den schönen Jüngling sahn,
Nach seinen vollen Waden.

Der sechzehn Ahnen Dunst verschwand
Gemach aus ihrem Hirne,
Sie bot ihm buhlerisch die Hand,
Wie eine Bürgerdirne.
Narciß dreht ihr den Rücken zu,
Und schreit ihr in die Ohren:
Mamsellchen, laß sie mich in Ruh,
Sie hat hier nichts verlohren.

Drauf schlich das Fräulein in den Wald,
Ihr Leben zu verweinen,
Sie starb, und ihre Stimme hallt
Noch itzt in unsern Hainen.
Doch soll sie, wie die Rede geht,
Eh sie im Herrn entschlafen,
Die Götter haben angefleht,
Den Jüngling zu bestrafen.

Der letzte Seufzer ward erfüllt.
Er sah in einer Quelle,
Die silbern rann, sein eigen Bild,
Und liebt' es auf der Stelle.
Am Ufer lag er, wie behext,
Und floß in Klagen über.
Sein Pfarrer las ihm oft den Text,
Mit vielem Ernst, darüber.

Was halfs? Narciß, der Starrkopf, blieb
Bey seinen sieben Sinnen,
Und lief, wie ein verjagter Dieb,
Sein Gucken zu beginnen,
Sobald die liebe Sonne schien,
Zum Spiegel seiner Quelle,
Und sah, bedeckt vom Baldachin
Des Hains, in eine Stelle.

Er machte, wenn er nahe war,
Verliebte Reverenze,
Bot dem Phantom Geschenke dar,
Bald Sträußer, und bald Kränze.
Er reichte seiner Abgöttin
Einst eine Purpurrose.
Sie hielt ihm auch ein Röschen hin,
Und lächelte, die Lose.

Sein Röschen fiel ihm in den Bach,
Ich weiß nicht, wie's gekommen,
Stracks fiel das andre Röschen nach,
Doch kams nicht angeschwommen.
Er gab dem Bache Kuß auf Kuß.
So liebt' er, wie Poeten,
Ein Ideal, fern vom Genuß
Und den Realitäten.

Drauf macht' er, im Gehirn verrückt,
Das Ding noch immer bunter,
Und sprang, nachdem er gnug geguckt,
Husch, in den Bach hinunter.
Sein Name lebt, wie Doctor Duns
In dicken Folianten,
In einem Blümchen unter uns,
Das Gärtner nach ihm nannten.


                    Stax

           Nach dem Martial

Corinnen denkt Herr Stax, Corinnen,
Denn weiter denkt er nichts,
Vom Morgen an, bis zum Beginnen
Des Mondenlichts.
Als er einmahl vor einer Weile
An seinen Vater schrieb,
Schloß er den Brief mit dieser Zeile,
Behalte mich, Corinna, lieb.


           An einen Knaben

Wohl dir, dem noch der bleiche Mund
Der Amme Lieder singt,
Den noch der kleine Schlummergott
In Schwanenarme schlingt.

Wohl dir, dein kleiner Busen kennt
Den Flitterprunk der Welt,
Und Amorn nicht, den losen Gott,
Der schlaue Netze stellt.

Doch bald entfliegt, mit Adlerflug,
Die süße, goldne Zeit,
Die Tag und Nacht der sanfte Schlaf
Mit Mohnlaub überstreut.

Dann plagt ein mürrischer Pedant
Dein Köpfchen mit Latein,
So sehr Mamachen auf ihn schmählt,
Bis in die Nacht hinein.

Du fluchst dem ehrlichen Terenz
Noch oft in seiner Gruft,
Wenn er von deinem Steckenpferd
Dich in die Schule ruft.

Du wünschest oft, wenn Cicero
Dein süßes Spiel verrückt,
O hätt er doch, der böse Mann,
Das Tagslicht nie erblickt.

Ruh sanft, so lange dir das Lied
Der Amme noch erschallt,
Die süße Morgendämmerung
Der Kindheit fliehet bald.


                     Der May

Der junge May erscheint, und streuet Gold,
Und Azur in die Lüfte,
Das Thal, besät mit Frühlingsblumen, zollt
Den Zephyrn wieder Düfte.

Nun schlinget sich der Bach, vom kalten Band
Des Eises loßgebunden,
Die Flur hinab, den sammetweichen Rand
Mit Kränzen rund umwunden.

In jedem Wellchen schwimmt Aurorens Bild,
Wenn sie den Tag erwecket,
Den ganzen Ost in ihren Purpur hüllt,
Den Berg mit Gold bedecket.

Nun sinket Dämmerung und grüne Nacht
Von jedem Wipfel nieder,
Nun wirbeln, wenn der Abendstern erwacht,
Der Nachtigallen Lieder.

Nun hüpft die Ruh, dort, wo das Quellchen schwätzt,
Im aetherblauen Kleide,
Mit ihrer Schwester, die der Erdball schätzt,
Am Arme, mit der Freude.

Sie fliehn die Stadt, den goldenen Pallast,
Und seine Marmorsäale
Die Tafeln, die der weise Comus haßt,
Die schäumenden Pocäle.

Sie tanzen durch die Blümchen ihren Reihn,
Von Westen sanft gekühlet,
Und um den Schäfer, der im Buchenhayn
Auf seiner Flöte spielet.

O dreymahl glücklich, wer an ihren Arm
Geschlungen, durch die Flächen,
Voll Heerden, irrt, in Thälern, die kein Harm
Beschleichet, an den Bächen.

Sein Geist ist ruhig, wie der Sommersee,
Um den ein Wäldchen nicket,
Wenn Luna von des Himmels blauer Höh
Auf ihn herunterblicket.


Auf den Tod Sr. Exzellenz des Herrn Premierministers,
Gerlach Adolph von Münchhausen


Welch eine Wolke, die kein Sonnenstral durchblinkt,
Hängt sich um jedes Aug?
Wem fließt die Zähre, die auf jeder Wange steht,
Der Trauer Heroldin?

Dem edeln Greise, dem das Looß des Todes fiel,
Münchhausen - Rinnt herab
Auf seine Urne, wie der Thau vom Rosenstrauch,
Er ist der Thränen werth!

Er, deßen Seele nie der Tugend sich verschloß,
Der wie ein Genius,
Auf diese Erdwelt kam, Glück um sich auszustreun,
Verdienste zu erhöhn.

Er, der mit Wachsamkeit im Blick, am Ruder saß,
Des Landes Wohlfarth wog,
Den Flor der Städte hob, und Wonn' und Überfluß
Auf die Gefilde rief.

Er, dem der Schlummer oft vom Augenliede wich,
Wenn Er um Mitternacht,
Die Seele auf das Wohl der Menschheit heftete,
Und manchen Plan entwarf.

Er, der die Musen an die Leine winkte, Er,
Der, wie Georg gebot,
Mit Rosen ihren Pfad bestreute, manchen Kranz
Um ihre Scheiteln wand.

Ihr Enkel, dankt es Ihm! Traur Ihn Georgia,
Du, seine Lieblingin,
Und rolle einen Schleyr um dein gesenktes Haupt,
Er starb, dein Vater starb:

Beständig dachte Er dein Wohl, bis sich sein Geist
Vom Staube loßwand, und
Auf Engelschwingen durch der Sterne goldne Reyhn
Zum Sitz der Gottheit flog.

Da erndtet Er die Frucht der großen Tugenden!
Die Sterne unter sich,
Schaut Er in eine Welt, die Er beseeligte,
Mit heiterm Blick herab.

Die Nachwelt ehret Ihn, stellt Ihn zum Muster auf,
Pflantzt sein Gedächtniß fort,
Der Nachruhm schreibt sein Lob, mit goldner Flammenschrift,
Ans Thor der Ewigkeit.

Augusta liebet Ihn, gräbt sein ehrwürdig Bild
In ihren Busen, wirft
Oft einen feuchten Blick, in jene Tage hin,
Da Er ihr Schutzfreund war. -

Oft klagt noch eine Leyr, in Trauerton gestimmt,
Um seine Urne, oft
Durchfliegt sein Ruhm, vermischt mit Harfenklang, den Hayn,
Und jeder Wipfel horcht.


    Elegie auf eine Nachtigall

Sie ist dahin, die Maienlieder tönte,
Die Sängerin,
Die durch ihr Lied den ganzen Hain verschönte,
Sie ist dahin.
Sie, deren Lied mir in die Seele hallte,
Wenn ich am Bach,
Der durchs Gebüsch, im Abendgolde, wallte,
Auf Blumen lag.

Sie schmelzete die Wipfel in Entzücken.
Der Wiederklang
Entfuhr dem Schlaf, auf blauer Berge Rücken,
Wenn ihr Gesang
Im Wipfel floß. Die ländlichen Schallmeien
Erklangen drein,
Es tanzeten die Elfen ihre Reihen
Darnach im Hain.

Dann lauschten oft die jugendlichen Bräute,
Auf einer Bank
Von Rasen, an des trauten Lieblings Seite,
Dem Zauberklang.
Sie drückten sich, bey jeder deiner Fugen,
Die Hand einmahl,
Und hörten nicht, wenn deine Schwestern schlugen,
O Nachtigall.

Sie lauschten, bis der Hall der Abendglocke
Im Dorfe schwieg,
Und Hesperus, mit silberfarbner Locke,
Dem Meer entstieg.
Und giengen dann, im Wehn der Abendkühle,
Dem Dörfchen zu,
Mit einer Brust voll zärtlicher Gefühle,
Voll süßer Ruh.


    Elegie auf einen Dorfkirchhof

(Keine Nachahmung des Gray, sondern nur eine Ausführung derselben Idee)

Mit dem letzten Schall der Abendglocke,
Die den jungen Maytag
Weinend jetzt zu Grabe läutet, wandle
Ich in diese Schatten.

Vor mir schwimmt die bunte Frühlingslandschaft
Schon im Dunkel; Luna
Tritt entschleyert aus den Wolken, mischet
In die Schatten Silber.

Wie die Königinn mit voller Wange
Durch die Linde lächelt,
Wo ich sitze, und die Epheuranken
Dort am Kirchthurm malet!

Scene, welche vor mir lieget, gieße
Wehmuth mir zum Busen!
Süße Ruhe schlinget hier die Arme
Um des Landmanns Urne.

Welch Gemisch von grünen Leichenhügeln!
Gelbe Blümchen breiten
Teppiche darüber, wilder Wermuth
Ueberragt die Hügel.

Flittergold und rothe Bänder rauschen
Von den schwarzen Kreuzen,
Welche Gräber zeichnen, wo ein Jüngling,
Wo ein Mädchen schlummert.

Am Geschwätz des Baches, auf den Matten
Flogen ihre Füße
Oft im Tanze, wenn ein alter Bergmann
Auf der Cyther spielte.

Mit dem Blumenstrauße vorn am Busen
Hüpfte dann das Mädchen
Durch die Veilchen. Junger Buchsbaum nickte
An des Jünglings Hute.

Sie umtanzten, wenn die blanken Sicheln
Nicht mehr in den Furchen
Rauschten, ihren Aerntekranz, und sangen
Ihres Herzens Regung. -

Graue Leichensteine ragen einzeln,
Rund mit Moos bewachsen,
Und mit Todtenköpfen, Stundengläsern,
Engeln ausgeschmücket.

Keine Inschrift, die von Ordensbändern,
Langen Ehrentiteln,
Die von Ahnen und von Würden strotzet,
Rufet hier den Wandrer.

Wenig Zeilen, die den grauen Sandstein
Ueberfüllen, melden
Wer hier ruhet: Greise, treue Väter,
Tugendhafte Mütter.

O was nützt der Marmor? Schläft man etwan
Einen süßern Schlummer
Unter Ehrensäulen, als der Landmann
Unter seinem Rasen? -

Diese kleinen Leichenhügel decken
Kinder. Eh' die Knospe
Ihrer Kindheit sich entfaltet, wurden
Sie des Grabes Beute.

Auf den goldnen Schlüßelblumenglocken,
Die die Gräber kränzen,
Blinken oft die Zähren ihrer Mütter;
Warme, treue Zähren!

Sie verhüllen - o die guten Mütter! -
Oft die feuchten Augen
In die Schürze, wenn sie wider Willen
Diese Hügel sehen.

O die guten Kinder! Sie durchhüpften
Oft den Garten, flochten
Sich von jungen Gänseblumen Kronen,
Kränzten ihre Haare.

Frölich raubten sie dem Vater Küße
Von den braunen Wangen,
Wenn er sie, voll Zärtlichkeit beym Heerdfeu'r,
Auf den Knieen wiegte. -

O ihr Blümchen und ihr Wermuthstauden,
Deckt oft beßre Herzen,
Größre Geistesgaben, als der Marmor
Mit der Heroldsstimme.

Mancher, deßen keimende Talente
Nie zur Reife kamen,
Ruht vielleicht hier unter diesen Kreuzen,
Unter diesen Rasen.

Mancher, der mit kühnen Saitengriffen,
Feuer in der Seele,
Dich, o Tugend, dich, o Blumengeber,
Lenz, besungen hätte!

Schlummert sanft, ihr frohen Dorfbewohner,
Hier um eures Tempels
Gothisches Gebäude! Winkt, ihr Gräber,
Mir oft süße Schwermuth!