Hölty

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Inhalt

Biografie

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                    Die Maynacht

Wenn der silberne Mond durch die Gesträuche blickt,
Und sein schlummerndes Licht über den Rasen geußt,
Und die Nachtigall flötet,
Wandl' ich traurig von Busch zu Busch.

Selig preis' ich dich dann, flötende Nachtigall,
Weil dein Weibchen mit dir wohnet in einem Nest,
Ihrem singenden Gatten
Tausend trauliche Küße giebt.

Überschattet von Laub, girret ein Taubenpaar
Sein Entzücken mir vor; aber ich wende mich,
Suche dunkle Gesträuche,
Und die einsame Thräne rinnt.

Wann, o lächelndes Bild, welches wie Morgenroth
Durch die Seele mir strahlt, find' ich auf Erden dich?
Und die einsame Thräne
Bebt mir heißer die Wang herab!


                       Der arme Wilhelm.

           Siehe die Elegie auf ein Landmädchen.

Wilhelms Braut war gestorben. Der arme verlaßene Wilhelm
Wünschte den Tod, und besuchte nicht mehr die geflügelten Reigen,
Nicht das Ostergelag, und das Fest der bemaleten Eyer,
Nicht den gaukelnden Tanz um die Osterflamme des Hügels.
Einsam war er und still wie das Grab, und glaubte mit jedem
Tritt in die Erde zu sinken. Die Knaben und Mädchen des Dorfes
Brachen Mayen und schmückten das Haus, und die ländliche Diele,
Und begrüßten den heiligen Abend vor Pfingsten mit Liedern.
Wilhelm floh das Gewühl der beglückten fröhlichen Leute;
Wandelte über den Gottesacker, und ging in die Kirche,
Nahm den Kranz der geliebten Braut von der Wand, und kniete
An den Altar, und barg das Gesicht in die Blumen des Kranzes,
Flehte weinend zu Gott: "O entnim mich der Erde, mein Vater;
Ruf mich zu meiner Entschlummerten, doch dein Wille geschehe!"
Lispelnd bebte das Gold, und die Flitterblumen des Kranzes,
Lieblich rauschten die flatternden Bänder, wie Blätter im Winde,
Und ein fliegender Lichtglanz flog durch die Fenster der Kirche.
Ruhiger wandelte Wilhelm nach Haus! Seine Schwestern hörten
Bald die Todtenuhr in der Kammer pickern; und sahen
Auf der Diele den Sarg, und den Pfarrer im Mantel daneben;
Und das Leichhuhn schlug an das Kammerfenster, und heulte.
Wenige Wochen, da starb der verlaßne trauernde Wilhelm,
Und sein grünendes Grab ragt hart am Grabe des Mädchens.


                    Der Bach

Wie Blandusiens Quell rausche der Afterwelt
Deine Lispel, o Bach, tanze der Enkelin
Silberblinkend vorüber,
Grünt, ihr Erlen des Ufers, ihr!

Dieses Rieselgeräusch, welches dem Quell enttönt,
Dieses Zittern des Laubs, flüstert mein Herz in Ruh,
Gießt ein lindes Erbeben
Durch die Saiten der Seele mir.

Lieblich wirbelst du hier, Zauberin Nachtigall!
Deinem Abendgesang lauschet dein Freund hier oft,
Und dem Wellengeplätscher,
Und dem Säuseln des Uferschilfs.

Dann durchhüpf ich, als Kind, wieder die Frühlingsflur,
Trage Blumen im Hut, tummle mein Steckenroß,
Oder schaffe mir Welten,
Und bin König und Herr darin.

Ein balsamischer Hayn säuselt um mich empor,
Eine Hütte darin winket dem Schaffenden,
Und ein freundliches Mädchen
Hüpft im Garten, und lächelt mir.

Von des fliehenden Tags Golde beflimmert, rauscht
Sie durchs Rosengebüsch, giebt mir den ersten Kuß,
Fleucht, und lächelt, und birgt sich
Wieder hinter den Blüthenbusch.

Weil', ich fliege dir nach! Warum entflohest du?
Plözlich lispelt der Strauch, Himmel! sie schlüpft hervor,
Und es schüttelt der Strauch ihr
Einen Regen von Blüthen nach.

Wie Blandusiens Quell, rausche der Afterwelt
Deine Lispel, o Bach, tanze der Enkelin
Silberblinkend vorüber,
Grünt, ihr Erlen des Ufers, ihr!


Auf den Tod des hochwürdigen und hochgelahrten Herrn J. C. Sunter

Bang, wie dein Gesang o Philomele,
Ströme meines Liedes Trauerton!
Überwölkt ist meine ganze Seele,
Ruh und Freude sind von mir entflohn!
Nimmer werd ich meinen Lehrer schauen,
Bis mein Aug im Todesschlummer bricht;
Bis sein Geist, in jenen Himmelsauen,
Mir die Palmenkrone flicht.

Weitentfernt von seinem Leichenhügel,
Traur ich einsam hier am Leinestrand!
Wehe meine Klag', auf schnellem Flügel,
Zephyr, in mein mütterliches Land!
Ihn, der hohe Tugendthaten übte,
Seinen Nebenmenschen Beyspiel gab,
Ihn, den meine ganze Seele liebte,
Ach, verschlang das frühe Grab.

Reines Herzens war er, reiner Sitte,
Übte manche hohe Christenthat,
Gab dem Armen Brodt in seine Hütte,
Streute Blumen auf des Pilgers Pfad.
Dem Verlaßnen lächelt', und dem Waisen
Stets des edeln Mannes Vaterblick,
Glitt die Unschuld aus der Tugend Gleisen,
Führt er sie darauf zurück.

Zur Beseligung wurd er geboren!
Einen Pflegevater, einen Freund
Haben an ihm tausende verloren,
Und ihr Auge trübet sich, und weint.
O ihr Pflegesöhn', und Pflegetöchter,
Er verdients, daß eure Zähre rinnt!
Aber keine Thränen sind gerechter,
Als die meinigen es sind.

Ach, er war der Führer meiner Jugend,
Glänzte mir mit seinem Beyspiel vor,
Predigte mir hohe Christentugend,
Und mein Geist hub sich durch ihn empor.
Nimmer werd' ich dieses Manns vergeßen,
Immer Folger seiner Tugend seyn,
Immer, unter schauernden Cypreßen
Seinem Grabe Thränen weyhn.

Wehmuthsvoll werd ich gen Himmel blicken,
Wo mein Freund, im Schooße Gottes, wohnt,
Wo ihm Wonn', und dauerndes Entzücken
Seines Pilgerlebens Treue lohnt.
Unter Engeln, und an Jesus Throne,
Werd' ich ihn, in jenen Sternenhöhn,
Hellberkränzt mit einer Siegerkrone,
Mit des Geistes Augen, sehn.


                Christel und Hannchen,

                     eine Schnitteridylle

Lindere Luft begann die müden Erndter zu kühlen,
Und das Gold der sinkenden Sonn' umbebte die Ähren,
Und die ragenden Garben, als Schnitter Christel sein Hannchen
Rief zum duftenden Busch, wo tausend ländliche Grillen
Liebe zirpten und Ruh. Sie waren beide verlobet,
Harrten beide der Stunde der frohen Vermählung entgegen.
Christel hatt' ihr bereits zum Pfand der bräutlichen Treue
Eine Bibel geschenkt, und ein vergoldetes Psalmbuch,
Und das liebende Mädchen zur Gegengabe dem Jüngling
Einen prunkenden Hut, und stattliche Bräutigamshemde.
Von der Abendkühle des dämmernden Strauches umsäuselt,
Ruhte das glückliche Paar, indeß die Schnitter und Mädchen
Ihre Kleider suchten, sich haschten, und scherzten, und sangen.
Bald beginnet der Tag des Hochzeitkranzes, o Hannchen,
Bald, bald nenn ich dich Weib, und theile die Sorgen der Wirthschaft,
Hannchen, Hannchen, mit dir! Bewehn die Winde die Stoppeln,
Rötheln die Äpfel des Wipfels uns heller entgegen, und frischer,
Dann beginnet der Tag des Hochzeitkranzes, o Hannchen!
Jede kommende Nacht umschwebt mich dein lächelndes Bildniß,
Bald im Hochzeitgeschmuck, von rothen Bändern umflattert,
Bald im Schnitterhütgen, und blauem Kranze der Erndte.
Dann erwach ich, und hasche dein Bild, und horche der Grille,
Und ein Seufzer entfliegt zu deiner einsamen Hütte.
Lieber Christel, lispelte Hannchen, und drückt' ihm die Hände,
Und verstummt' ein Weilchen. Wie meinen Vater und Mutter
Lieb' ich dich, Christel, und will, so lang ich athme, dich lieben!
Alles wird mir so werth, was deine Hände berühren,
Als ein Pathengeschenk. Seit du mir die Bibel gegeben,
Les' ich so häufig darin, und zeichne die schönen Geschichten
Von Rebecca, und Rahel und Judith mit goldenen Bildern.
Schon entstieg der freundliche Mond dem Thaugewölke,
Und die zitternden Weizenwogen schwammen im Silber;
Da ergriffen die Schnitter die Sensen, und schäkerten Christeln
Aus dem trauten Geschwäz mit seinem liebenden Hannchen.


Siegeslied, bey Eroberung des heiligen Grabes

               Aus den Zeiten der Kreuzzüge

Im Siegesreigen tanzen wir,
Erlöser, an dein Grab,
Und tönen hohe Jubel dir,
Und schauen froh hinab!

Beschattet von dem Felsgesträuch,
Umtaumeln wir die Gruft,
Und streuen manchen Palmenzweig
Frohlockend durch die Luft.

Dein Vater sah von seinem Thron
Herab auf unsre Schlacht,
Und alle Saracenen flohn,
Und fühlten Gottes Macht.

Der Kison rieselt purpurhell
Vom Saracenenmord,
Und blutig wallt Siloa's Quell
Durch seine Binsen fort.

Wohl uns! die Siegerfahne tanzt
Von Golgatha herab,
Und rauscht, auf einen Fels gepflanzt,
Hoch über Jesus Grab!

Ein Engel trat, in Feur gehüllt,
In unsre Vorderreihn,
Das Schwert, das seine Rechte füllt,
Blinkt' auf den Feind hinein.

Und eine Purpurfahne flog,
Wie Gottes Lichtgewand,
Bald niedrig, und bald wieder hoch,
In seiner linken Hand.

Mit seiner Purpurfahne Wehn
Kam Sieg auf unser Heer;
Dem Feind, kaum hatt' er ihn gesehn,
Entbebte Schwert und Speer.

Vom todeskalten Gottesschaur
Ward er hinweg geweht,
Und unsre Fahn' auf deiner Maur,
Jerusalem, erhöht.

Von unsern Schultern blinkt das Kreuz,
Von unsern Fahnen blinkts;
Der Christenunterjocher scheuts,
Und wo es weht, da sinkts!

Da ist, hebt das Gemetzel an,
Der Knabe selber Held;
Da blitzen wir den Muselmann
Zurück vom Waffenfeld!

Beflügle fürder unsre Wehr
Mit deinem Rächerblitz,
Und donnre dieser Mörder Heer
Aus deinem Lieblingssitz!

Flieg' immer, hohes Kreuzpanier,
Den frommen Christen vor,
Und rausch' in Salem für und für
Jehova's Lob empor!


Lied eines Mädchens auf den Tod ihrer Gespielin

Vier trübe Monden sind entflohn,
Seit ich getrauert habe;
Der falbe Wermuth grünet schon
Auf meiner Freundin Grabe.
Da horch ich oft, im Mondenglanz,
Der Grillen Nachtgesange;
Und lehn an ihren Todtenkranz
Die bleichgehärmte Wange.

Da sitz ich armes, armes Kind
Im kalten Abendhauche;
Und manche Sehnsuchtsthräne rinnt
Am falben Wermuthstrauche.
Der Ahorn und die Linde wehn
Mir bange Seelenschauer;
Und hohe, düstre Schatten gehn
Rings an der Kirchhofmauer.

Die Kirchenfenster regen sich,
Es regen sich die Glocken,
Es glänzt, mich däucht, ich schaue dich,
Und deine hellen Locken.
Der Mond ists, so der Wolk entrollt,
Ins Kirchenfenster schimmert,
Am rothen Band, am Flittergold
Der Todtenkränze flimmert.

O komm zurück, o komm zurück
Von deines Gottes Throne,
O komm, auf einen Augenblick,
In deiner Siegerkrone.
In deinem neuen Engelreiz
Erscheine mir, erscheine,
Wenn ich, gelehnt ans schwarze Kreuz,
Auf deinem Grabe weine!


           An den Mond

Was schauest du so hell und klar
Durch diese Apfelbäume,
Wo weiland ich so selig war,
Und träumte süße Träume?
Verhülle deinen Silberglanz,
Und schimmre, wie du schimmerst,
Wenn du den frühen Todtenkranz
Der jungen Braut beflimmerst!

Du blickst umsonst so hell und klar
In diese Laube nieder;
Nie findest du das frohe Paar
In diesen Schatten wieder.
Ein schwarzes, feindliches Geschick
Entrief sie dieser Scene;
Kein Seufzer flügelt sie zurück,
Und keine Sehnsuchtsthräne.

Und wandelt sie hinfort einmal
An meiner Ruhestelle,
Dann mach, durch einen trüben Stral,
Des Grabes Blumen helle.
Sie seze weinend sich aufs Grab,
Wo Rosen niederhangen,
Und pflücke sich ein Blümchen ab,
Und drücks an ihre Wangen.


  Trinklied im May

Bekränzet die Tonnen,
Und zapfet mir Wein;
Der May ist begonnen,
Wir müßen uns freun!
Die Winde verstummen,
Und athmen noch kaum;
Die Bienlein umsummen
Den blühenden Baum.

Die Nachtigall flötet
Im grünen Gebüsch;
Das Abendlicht röthet
Uns Gläser und Tisch.
Bekränzet die Tonnen,
Und zapfet mir Wein;
Der May ist begonnen,
Wir müßen uns freun!

Zum Mahle, zum Mahle
Die Flaschen herbey!
Zween volle Pokale
Gebühren dem May.
Er träuft auf die Blüthen
Sein Roth und sein Weiß;
Die Vögelein brüten
Im Schatten des Mays.

Er schenket dem Haine
Verliebten Gesang;
Und Gläsern, beym Weine,
Melodischen Klang.
Giebt Mädchen und Knaben
Ein Minnegefühl,
Und herrliche Gaben
Zum Kuß und zum Spiel.

Ihr Jüngling', ihr Schönen,
Gebt Dank ihm und Preis!
Laßt Gläser ertönen
Zur Ehre des Mays!
Es grüne die Laube,
Die Küße verschließt;
Es wachse die Traube,
Der Nektar entfließt!

Es blühe der Rasen,
Wo Liebende gehn;
Wo Tanten und Basen
Die Küße nicht sehn!
Ihr lachenden Lüfte,
Bleibt heiter und hell;
Ihr Blüthen, voll Düfte,
Verweht nicht so schnell!


          Trinklied

Ein Leben wie im Paradies
Gewährt uns Vater Rhein;
Ich geb es zu, ein Kuß ist süß,
Doch süßer ist der Wein.
Ich bin so fröhlich wie ein Reh,
Das um die Quelle tanzt,
Wenn ich den lieben Schenktisch seh,
Und Gläser drauf gepflanzt.

Was kümmert mich die ganze Welt,
Wenns liebe Gläslein winkt,
Und Traubensaft, der mir gefällt,
An meiner Lippe blinkt?
Dann trink ich, wie ein Götterkind,
Die volle Flasche leer,
Daß Glut mir durch die Adern rinnt,
Und tauml', und fodre mehr.

Die Erde wär ein Jammerthal,
(Wie unser Pfarrer spricht)
Des Menschen Leben Müh und Quaal,
Hätt' er den Rheinwein nicht.
Der macht die kalte Seele warm;
Der allerkleinste Tropf
Vertreibt den ganzen Grillenschwarm
Dem Zecher aus dem Kopf.

Der ist die wahre Panace,
Der ist für alles gut;
Er heilet Hirn und Magenweh,
Und was er weiter thut.
Drum lebe das gelobte Land,
Das uns den Wein erzog;
Der Winzer, der ihn pflanzt' und band,
Der Winzer lebe hoch!

Und jeder schönen Winzerin,
Die uns die Trauben las,
Weih ich, wie meiner Königin,
Ein volles Deckelglas.
Es lebe jeder deutsche Mann,
Der seinen Rheinwein trinkt,
So lang ers Kelchglas halten kann,
Und dann zu Boden sinkt.


                 Die künftige Geliebte

Brächte der nächste Frühling meinem Arm dich,
Tönten Vögel aus Blüthen mir das Brautlied;
Dann, Geliebte, hätt' ich den Himmel schon auf Erden gefunden!

Götter! Sie wird die Welt zum Eden zaubern,
Wird die Fluren in Gärten Gottes wandeln,
Wird, auf meinem Schooße gewiegt, den Frühlingsabend beflügeln!

Götter! Ich werd an ihrer Brust entschlummern,
Werd im Traume mit ihrem Busen spielen;
Werde, wachgeschimmert vom May, in ihren Armen erwachen!

Soll ich dich finden? Komm, du Engel Gottes,
Komm, mein Leben zu heitern! Wenig Freuden
Sproßen auf den Ufern des Lebens! Komm, mein Leben zu heitern!


                           Die Liebe

Diese Erd' ist so schön, wann sie der Lenz beblümt,
Und der silberne Mond hinter dem Walde steht;
Ist ein irdischer Himmel,
Gleicht den Thalen der Seligen.

Schöner lächelt der Hayn, silberner schwebt der Mond,
Und der ganze Olymp fleußt auf die Erd' herab,
Wann die Liebe den Jüngling
Durch die einsamen Büsche führt.

Wann ihr goldener Stab winket, beflügelt sich
Jede Seele mit Glut, schwingt sich den Sternen zu,
Schwebt durch Engelgefilde,
Trinkt aus Bächen der Seraphim.

Weilt, und trinket, und weilt, schwanket im Labyrinth;
Eine reinere Luft athmet von Gottes Stul
Ihr entgegen, und weht sie,
Gleich dem Säuseln Jehovahs, an.

Selten winket ihr Stab, selten enthüllet sie
Sich den Söhnen des Staubs! Ach, sie verkennen dich,
Ach, sie hüllen der Wollust
Deinen heiligen Schleyer um!

Mir erschienest du, mir, höheren Glanzes voll,
Wie dein Sokrates dich, wie dich dein Plato sah;
Wie du jenem im Thale
Seiner Quelle begegnetest.

Erd' und Himmel entflieht sterbenden Heiligen;
Lebensblüthengeruch strömet um sie herum,
Engelfittige rauschen,
Und die goldene Krone winkt.

Erd' und Himmel entfloh, als ich dich, Daphne sah;
Als dein purpurner Mund schüchtern mir lächelte;
Als dein athmender Busen
Meinen Blicken entgegenflog.

Unbekanntes Gefühl bebte zum erstenmal
Durch mein jugendlich Herz! Froh wie Anakreon,
Goß ich Flammen der Seele
In mein zitterndes Saitenspiel!

Eine Nachtigall flog, als ich mein erstes Lied,
Süße Liebe, dir sang, flötend um mich herum,
Und es taumelten Blüthen
Auf mein lispelndes Spiel herab.

Seit ich Daphnen erblickt, raucht kein vergoßenes
Blut durch meinen Gesang; spend' ich den Königen
Keinen schmeichelnden Lorbeer;
Sing' ich Mädchen und Mädchenkuß.


               Ballade

Ich träumt', ich war ein Vögelein,
Und flog auf ihren Schoos,
Und zupft' ihr, um nicht laß zu seyn,
Die Busenschleifen los.
Und flog, mit gaukelhaftem Flug,
Dann auf die weiße Hand,
Dann wieder auf das Busentuch,
Und pickt' am rothen Band.

Dann schwebt' ich auf ihr blondes Haar,
Und zwitscherte vor Lust,
Und ruhte, wann ich müde war,
An ihrer weißen Brust.
Kein Veilchenbett' im Paradies
Geht diesem Lager vor.
Wie schlief sichs da so süß, so süß
Auf ihres Busens Flor!

Sie spielte, wie ich tiefer sank,
Mit leisem Fingerschlag,
Der mir durch Leib und Leben drang,
Den frohen Schlummrer wach.
Sah mich so wunderfeundlich an,
Und bot den Mund mir dar,
Daß ich es nicht beschreiben kan,
Wie froh, wie froh ich war.

Da trippelt' ich auf einem Bein,
Und hatte so mein Spiel,
Und spielt' ihr mit dem Flügelein
Die rothe Wange kühl.
Doch, ach, kein Erdenglück besteht,
Es sey Tag, oder Nacht!
Schnell war mein süßer Traum verweht,
Und ich war aufgewacht.


An einen Freund, der sich in ein schönes Dienstmädchen verliebte

            Net sit ancillae tibi amor pudori.
                                                 Horat.

Was schämst du dich, daß du die Hanne liebest,
Die dir dein Genius beschert?
Sie ist es werth, daß du ihr Küße giebest,
Das schlanke Mädchen ist es werth!

Sie hat kein Gold, womit das Fräulein pralet,
Und keine lange Ahnenschaft;
Doch ist sie schön, wie man die Engel malet,
Bescheiden, edel, tugendhaft.

Sie ist nicht stolz, wie die nach Standsgebühren
Geehrten Fräulein, oder Fraun,
Die auf uns Sünder, die das von nicht führen,
Mit hoher Nase niederschaun;

Verläumdet nicht, und spielt nicht die Kokette,
Wird durch kein leer Gewäsch entzückt;
Schläft ruhig ein, und springt aus ihrem Bette,
Sobald die Sonn ins Fenster blickt.

Ihr Aug ist blau, durchstralt die ganze Seele,
Prägt selbst dem Schurken Ehrfurcht ein;
Sie singt so hell, so süß, wie Philomele,
Und tanzt mit Anstand ihren Reihn.

Die Dame selbst würd, aus dem goldnen Wagen,
Nach deiner lieben Hanne sehn,
Und knirschend sich den platten Busen schlagen,
Und seufzen: Sie ist wahrlich schön!

Ja sie ist schön! Der ganze Himmel schwebet
Um Hannens lächelndes Gesicht;
Ihr Busen bebt, wie eine Blume bebet,
Die eben aus der Knospe bricht.

Die Sittsamkeit flieht goldne Fürstensäle,
Und liebt die niedern Hütten nur;
Ich selber, wenn ich mir ein Mädchen wähle,
Ich such es auf der Schäferflur.

Ihr Freunde hänget, wann ich gestorben bin,
Die kleine Harfe hinter dem Altar auf,
Wo an der Wand die Todtenkränze
Manches verstorbenen Mädchens schimmern.

Der Küster zeigt dann freundlich dem Reisenden
Die kleine Harfe, rauscht mit dem rothen Band,
Das, an der Harfe festgeschlungen,
Unter den goldenen Saiten flattert.


Klage eines Mädchens über den Tod ihres Geliebten

                 Aus den Zeiten der Kreuzzüge

Ein banger Traum erschreckte mich,
O würd' er nie erfüllt!
Sobald der Schlummer mich beschlich,
Erschien mir Wilhelms Bild.
Ein Nachtgespenst, das auf der Gruft
Im Todtenhemde sitzt!
Sein Haar flog blutig in die Luft,
Die Brust war aufgeschlitzt.

Blut floß ihm durch das Grabgewand,
Wie eine Purpurflut.
Er nahm des Blutes in die Hand,
Und zeigte mir das Blut.
Sein blutend Herz, als sucht' es mich,
Schlug dreymal hoch empor,
Und dreymal flog es sichtbarlich
Aus seiner Wund' hervor.

Doch plötzlich floß ein Lächeln ihm
Ins traurige Gesicht;
Er sprach, als sprächen Seraphim:
Geliebte, weine nicht!
Es war kein leeres Nachtgebild,
Was mir im Traum erschien;
Die Saracenen, kühn und wild,
Die, die zerfleischten ihn!

Wo Jesus Christus uns versühnt,
Da modert sein Gebein!
Rausch sanfter, wo sein Hügel grünt,
Rausch sanfter, Palmenhain!
Die Seele ruht in Christus Hand,
In deßen Dienst' er fiel.
Er starb in des Erlösers Land,
Und Sterben war ihm Spiel.

Drum lohne dich der Palmenkranz,
Den Jesus dir verhieß;
Drum tanze mit den Engeln Tanz
In seinem Paradies.
Bald folget dir, in Gottes Ruh,
Dein armes Mädchen nach,
Und schlummert süßen Schlaf, wie du,
Bis an den jüngsten Tag.


            Die künftige Geliebte

Entschwebtest du dem Seelengefilde schon,
Du süßes Mädchen? Wehet das Flügelkleid
Dir an der Schulter? Bebt der Strauß dir
Schon an der wallenden schönen Brust auf?

Ein süßes Zittern zittert durch mein Gebein,
Wann mir dein Bildniß lächelnd entgegentanzt,
Wann ichs auf meinem Schooße wiege,
Und an den klopfenden Busen drücke.

Der Garten taumelt, rötheres Abendroth
Strömt durch die Blätter, purpert die Mayenluft;
Wie Engelflügel niedersäuseln,
Rauschet die Laube vom Kußgelispel.

An deiner Leinwand, flattert vielleicht mein Bild
Dir auch entgegen, schmiegt sich an deine Brust;
Und eine Sehnsuchtsthräne träufelt
Über die seidenen Purpurblumen.

Seyd mir gesegnet, Thränen! Ihr floßet mir!
Bald schlägt die Stunde! Dann, dann entküß ich euch
Dem blauen Aug, der weißen Wange;
Trinke den Taumel der Erdenwonne!

An voller Quelle weil' ich, und schöpfe mir
Der Freuden jede, Himmel auf Himmel mir;
Sie, deren Seelen mich umschwebten,
Wann ich im Hayne der Zukunft träumte.

Blüh' unterdeßen schöner und schöner auf,
Du süßes Mädchen! Leitet, ihr Tugenden,
Wie eine Schaar von Schwesterengeln,
Sie durch die Pfade des Erdenlebens!

Ein reinrer Aether lache herab auf dich!
Tönt, Nachtigallen, wann sich der Abend neigt,
Im Apfelbaum vor ihrem Fenster,
Goldne Träum' um ihr Mädchenbette!

Doch süßre Träume thaue das Morgenroth
Um deine Schläfen, Träume der Seraphim,
Wenn jener Tag dem Meer entschimmert,
Wo ich dich unter den Blumen finde!


                           Der Stern der Seelen,

                                  eine Phantasie

Jenen freundlichen Stern, den Gespielen der Abenddämmrung,
Und Verkünder der Ruh, bewohnen die Seelen der Menschen,
Eh der Allschaffende ruft, und die Seelen vom Schlummer erwachen,
Vom halbwachenden Schlummer, den unter Blumen sie schliefen.
Geuß durch die Wipfel des Hayns, wo ich singe, schönster der Sterne,
Hellres Licht! Dich beschwebt ich in meiner schlummernden Kindheit,
Und Jahrtausende träumt' ich in deinen Thalen vorüber.
Süßes Gefühl der Erinnrung beschleicht die Bewohner des Erballs,
Wenn sie dich schaun; dein hellströmender Lichtglanz füllt sie mit Wonne.
Alle lieben sie dich, besuchen den Hayn, wo du funkelst.


                    Elegie

  Bey dem Grabe meines Vaters

Selig alle, die im Herrn entschliefen;
Selig, Vater, selig bist auch du!
Engel brachten dir den Kranz, und riefen;
Und du gingst in Gottes Ruh.

Wandelst über Millionen Sternen,
Siehst die Handvoll Staub, die Erde, nicht;
Schwebst, im Wink, durch tausend Sonnenfernen,
Schauest Gottes Angesicht!

Siehst das Buch der Welten aufgeschlagen,
Trinkest durstig aus dem Lebensquell;
Nächte, voll von Labyrinthen, tagen,
Und dein Blick wird himmelhell.

Doch in deiner Überwinderkrone
Senkst du noch den Engelblick auf mich;
Betest für mich an Jehovahs Throne,
Und Jehovah höret dich.

Schwebe, wann der Tropfen Zeit verrinnet,
Den mir Gott aus seiner Urne gab,
Schwebe, wann mein Todeskampf beginnet,
Auf mein Sterbebett' herab!

Daß mir deine Palme Kühlung wehe,
Kühlung, wie von Lebensbäumen träuft;
Daß ich sonder Graun die Thäler sehe,
Wo die Auferstehung reift.

Daß ich mit dir durch die Himmel schwebe,
Wonnestrahlend, und beglückt, wie du;
Und auf einem Sterne mit dir lebe,
Und in Gottes Schooße ruh!

Grün' indeßen Strauch der Rosenblume,
Deinen Purpur um sein Grab zu streun;
Schlummre, wie im stillen Heiligthume,
Hingesäetes Gebein!


                       Das Landleben

Wunderseliger Mann, welcher der Stadt entfloh!
Jedes Säuseln des Baums, jedes Geräusch des Bachs,
Jeder blinkende Kiesel,
Predigt Tugend und Weisheit ihm!

Jedes Schattengesträuch ist ihm ein heiliger
Tempel, wo ihm sein Gott näher vorüberwallt;
Jeder Rasen ein Altar,
Wo er vor dem Erhabnen kniet.

Seine Nachtigall tönt Schlummer herab auf ihn,
Seine Nachtigall weckt flötend ihn wieder auf,
Wenn das liebliche Frühroth
Durch die Bäum' auf sein Bette scheint.

Dann bewundert er dich, Gott, in der Morgenflur,
In der steigenden Pracht deiner Verkünderin,
Der allherrlichen Sonne,
Dich im Wurm, und im Knospenzweig.

Ruht im wehenden Gras, wann sich die Kühl' ergießt,
Oder strömet den Quell über die Blumen aus;
Trinkt den Athem der Blüthe,
Trinkt die Milde der Abendluft.

Sein bestrohetes Dach, wo sich das Taubenvolk
Sonnt, und spielet und hüpft, winket ihm süßre Rast,
Als dem Städter der Goldsaal,
Als der Polster der Städterin.

Und der spielende Trupp schwirret zu ihm herab,
Gurrt und säuselt ihn an, flattert ihm auf den Korb;
Picket Krumen und Erbsen,
Picket Körner ihm aus der Hand.

Einsam wandelt er oft, Sterbegedanken voll,
Durch die Gräber des Dorfs, sezet sich auf ein Grab,
Und beschauet die Kreuze,
Und den wehenden Todtenkranz.

Wunderseliger Mann, welcher der Stadt entfloh!
Engel segneten ihn, als er geboren ward,
Streuten Blumen des Himmels
Auf die Wiege des Knaben aus.


Die Beschäftigungen der Menschen

 Vilia miretur vulgus, mihi flavus Apollo
 Pocula castaliâ plena ministret aquâ.
                                               Ovid.

Jener liebet den Hof, liebet das Stadtgeräusch,
Und französischen Modewiz,
Küßt den Damen die Hand, mischet den Potpourri,
Kocht Pomaden, und dreht Filet.
Zieht die Säle voll Tanz Wiesen des Frühlings vor,
Den Kastraten der Nachtigall,
Lebt vom Lächeln des Herrn, dreht, wie ein Wetterhahn,
Nach dem Winde des Hofes sich.
Dieser liebet den Prunk gleißender Wissenschaft,
Thürmet Bücher auf Bücher auf,
Und begaffet den Band, und den bemalten Schnitt,
Und sein gläsernes Bücherschrank.
Jener beuget sein Knie vor dem Altar des Golds,
Stopfet Beutel auf Beutel voll,
Schließt sein Kämmerlein zu, schüttet die Beutel aus,
Und beäugelt den Seelenschaz. -
Mich entzücket der Wald, mich der entblühte Baum,
Mich der tanzende Wiesenquell,
Mich der Morgengesang, oder das Abendlied,
Meiner Freundin, der Nachtigall.
Dämmert endlich mein Traum heiter zum Leben auf,
Giebt der Himmel das Mädchen mir,
Deßen lächelndes Bild mir um die Seele schwebt,
Dann, dann bin ich ein Erdengott.
Wie ein mächtiger Gott, flieg ich den Himmel durch,
Reiße Sterne, wie Blumen, ab,
Und bekränze mein Haupt, trinke die Quelle leer,
Die durch Rosen der Engel fleußt.


  Todtengräberlied

Grabe, Spaden, grabe,
Alles was ich habe
Dank ich, Spaden, dir!
Reich' und arme Leute
Werden meine Beute,
Kommen einst zu mir!

Weiland groß und edel,
Nickte dieser Schedel
Keinem Gruße Dank!
Dieses Beingerippe,
Ohne Wang' und Lippe,
Hatte Gold und Rang!

Jener Kopf mit Haaren
War vor wenig Jahren
Schön wie Engel sind!
Tausend junge Fentchen
Leckten ihm das Händchen,
Gafften sich halb blind!

Grabe, Spaden, grabe,
Alles was ich habe
Dank ich, Spaden, dir!
Reich' und arme Leute
Werden meine Beute,
Kommen einst zu mir!


        Der rechte Gebrauch des Lebens

Wer hemmt den Flug der Stunden? Sie rauschen hin
Wie Pfeile Gottes! Jeder Sekundenschlag
Reißt uns dem Sterbebette näher,
Näher dem eisernen Todesschlafe!

Dir blüht kein Frühling, wenn du gestorben bist;
Dir weht kein Schatten, tönet kein Becherklang;
Dir lacht kein süßes Mädchenlächeln,
Strömet kein Scherz von des Freundes Lippe!

Noch rauscht der schwarze Flügel des Todes nicht!
Drum hasch die Freuden, eh sie der Sturm verweht,
Die Gott, wie Sonnenschein und Regen,
Aus der vergeudenden Urne schüttet!

Ein froher Abend, welchen der heitre Scherz
Der Freundschaft flügelt, oder das Deckelglas;
Ein Kuß auf deines Mädchens Wangen,
Oder auf ihren gehobnen Busen;

Ein Gang im Grünen, wann du, o Nachtigall,
Dein süßes Maylied durch die Gesträuche tönst,
Wägt jeden Kranz des Nachruhms nieder,
Den sich der Held und der Weise wanden!

Der Kuß, den mir die blühende Tochter giebt,
Ist süßer, als die Küße der Enkelin,
Die sie dem kalten Hügel opfert,
Wo ich den eisernen Schlummer schlafe.


Der alte Landmann an seinen Sohn

Üb' immer Treu und Redlichkeit,
Bis an dein kühles Grab;
Und weiche keinen Fingerbreit
Von Gottes Wegen ab.
Dann wirst du, wie auf grünen Aun,
Durchs Pilgerleben gehn;
Dann kannst du, sonder Furcht und Graun,
Dem Tod' ins Auge sehn.

Dann wird die Sichel und der Pflug
In deiner Hand so leicht;
Dann singest du, beym Waßerkrug,
Als wär dir Wein gereicht.
Dem Bösewicht wird alles schwer,
Er thue was er thu!
Der Teufel treibt ihn hin und her,
Und läßt ihm keine Ruh!

Der schöne Frühling lacht ihm nicht,
Ihm lacht kein Ährenfeld;
Er ist auf Lug und Trug erpicht,
Und wünscht sich nichts als Geld.
Der Wind im Hayn, das Laub am Baum,
Sauft ihm Entsezen zu;
Er findet, nach des Lebens Traum,
Im Grabe keine Ruh.

Dann muß er, in der Geisterstund',
Aus seinem Grabe gehn;
Und oft, als schwarzer Kettenhund,
Vor seiner Hausthür stehn.
Die Spinnerinnen, die das Rad
Im Arm, nach Hause gehn,
Erzittern wie ein Espenblatt,
Wenn sie ihn liegen sehn.

Und jede Spinnestube spricht
Von diesem Abentheur,
Und wünscht den todten Bösewicht
Ins tiefste Höllenfeur.
Der alte Kunz war, bis ans Grab,
Ein rechter Höllenbrand;
Er pflügte seinem Nachbar ab,
Und stahl ihm vieles Land.

Nun pflügt er, als ein Feuermann,
Auf seines Nachbars Flur;
Und mißt das Feld, hinab hinan,
Mit einer glühnden Schnur.
Er brennet, wie ein Schober Stroh,
Dem glühnden Pfluge nach;
Und pflügt, und brennet lichterloh,
Bis an den hellen Tag.

Der Amtmann, der im Weine floß,
Die Bauren schlug halbkrum,
Trabt nun, auf einem glühnden Roß,
In jenem Wald herum.
Der Pfarrer, der aufs Tanzen schalt,
Und Filz und Wuchrer war,
Steht nun, als schwarze Spukgestalt,
Am nächtlichen Altar.

Üb' immer Treu und Redlichkeit,
Bis an dein kühles Grab,
Und weiche keinen Fingerbreit
Von Gottes Wegen ab.
Dann suchen Enkel deine Gruft,
Und weinen Thränen drauf,
Und Sommerblumen, voll von Duft,
Blühn aus den Thränen auf.