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Biografie

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                   Franziskus

Er war von Liebe wie ein Stern entbrannt.
Er gab sein Erbe an den Kirchenfiskus.
Tat ab des Kaufherrn prunkendes Gewand
Und nannte sich als armer Mönch: Franziskus.

Die Tiere alle waren ihm vertraut
Und kamen treu auf seinen Ruf gesprungen.
Die Eselin war schön wie eine Braut,
Der Rabe hat ihm seinen Schmerz gesungen.

Und früh im Morgenrot die Nachtigall
Flog an die Gitterstäbe seiner Zelle.
Die Spinne warf auf ihn sich wie ein Ball,
Vor seinen Wimpern tanzte die Libelle.

Und wenn er flüsternd seine Sprüche sprach,
Und seine Hände Weihrauchfässer schwangen:
Voll Vögeln schwirrte jubelnd das Gemach,
Und aus den Wänden selbst die Lerchen sangen.

Und ging er auf die Gasse, sprach das Pferd,
Der Hund liess wedelnd seinen Knochen liegen.
Die Katze hielt ihn ihrer Freundschaft wert,
An seinen Schenkeln rieben sich die Ziegen.

Er sprach mit jedem Tier auf ird'scher Flur,
Und jedes Kindlein lallte: Lieber Vater!
Geliebter war er der geringsten Hur,
Der junge, blasse Kapuzinerpater.


        Hieronymus

Unter grün gewölbter Eiche
Sinnt Einsiedel in der Bibel.
Öffnen sich die stillen Reiche,
Fliegt der Blick zum Himmelsgiebel.
Vom Baume rollt des Efeus Ranke
Herab auf ihn im ungestümen Fluss.
Und jede Blüte - ein Gedanke
Des heiligen Hieronymus.


       Robert der Teufel

              Fragment

Es lebte in der Normandie
Ein Herzog edel, reich und milde.
Er führte einen Leu im Schilde,
Doch sah man solche Sanftmut nie.
Kam einem Tier er ins Gehege,
So trug er mit der Panzerhand
Den Salamander aus dem Wege
Und hob den Schmetterling ans Land,
Der taumelnd noch vom Hochzeitsflug
In eines Teiches Wellen schlug.

Einst traf er eine Häsin an.
Die braune Häsin lag im Kreissen.
Da dachte seines Weibs der Mann,
Nahm sich der Mutterklage an
Und ward von diesem Tage an
Der Herzog Hasenherz geheissen.
Denn ohne Kinder war sein Heim,
Drob ging schon Rede rauh und spöttisch.
Er liebte seine Gattin göttisch.

Von seinen Lippen floss ein Seim
Der Liebesworte Süsse täglich.
Die Küsse brannten loh und licht
Auf ihren schönen Mund unsäglich.
Gott segnete die Ehe nicht.

Sie spielte mit den Kindern andrer.
Sie hielt den Ärmsten offenes Haus,
Sie gab dem Gumpelmann und Wandrer
Das schönste Zimmer ihres Baus.
Sie zeigte allen sich als Mutter,
Da sie doch keines Mutter war.
Ein Vogelweibchen, das mit Futter
Noch jedem Kuckuck Mutter war.

Oft lehnte sie versteint im Erker.
Der sanfte Herzog aber schlich
Durch Wald und Feld wie ein Berserker
Und fluchte Gott und ihr und sich.

Und einmal sprach er laut und leise
(Warf Brösel nach der zahmen Meise):
Wie bald naht nun das Alter uns,
Wo wir vereinsamt hinter Gittern
Der Burg dem Tod entgegenzittern,
Was soll dann jener Falter uns?
Und jenes Glück der Weltbetrachtung,
Die man dem Erben übermacht?
Uns bleibt die eigene Verachtung,
Die sich verweint und sich verlacht.

Da schlug in seiner Gattin Wangen
Jäh eine rote Flamme auf:
Ich sah zum Kreuzesstamme auf
Und Christus tot herniederhangen ...
Wie oft erflehte Gott ich schon,
So will ich heute dieses schwören:
Schenkt mir der Teufel einen Sohn,
So soll dem Teufel er gehören!
Sie schliesst die Augen und verstummt,
Da Tränen ihre Wimpern nässen.
Der Herzog hat das Haupt vermummt,
Und eine schwarze Fliege brummt
Am Fensterplatz, wo er gesessen.

                    * * *

Es war ihr nachts, als wenn was singe.
Doch war das Singen sondrer Art,
Als ob mit einer Degenklinge
Sich kämpfend eine Lilie paart.
Als sie erwachte, sah sie plötzlich,
Wie eiligen Fusses ein Skorpion
Die Wand entlang lief, und entsetzlich
Scholl ihr vom Turm des Hornes Ton.
Auf ihre Stirn fiel eine Zecke.
Zwei Blumen lagen auf der Decke,
Voll weissen und voll roten Mohns.
Sie nimmt die weisse und zerpflückt sie,
Und unterm Herzen spürt beglückt sie
Die erste Regung ihres Sohns.

                 * * *

Sie ging umher als wie im Tanz
Und flocht aus gelben Butterblumen
Dem Ungebornen einen Kranz.
Und warf sich nieder auf die Krumen
Und legte ihre Lenden bloss
Und füllte Erde in den Schoss.
Wie einen Korb voll reifer Birnen,
So trug sie schwankend ihren Leib
Und fühlte zwischen Fraun und Dirnen
Sich selig als erkornes Weib.


Als Gott der Herr auf Erden ging

Als Gott der Herr auf Erden ging,
Da freute sich ein jedes Ding;
Ein jedes Ding, ob gross, ob klein,
Es wollte doch gesegnet sein.

Die Kreatur in ihrer Not,
Der Mensch in Kümmernis und Tod,
Der breite Strom, das weite Land,
Sie fühlten Gottes Gnadenhand.

Es hört der Frosch zu quaken auf,
Der Hund hält inn in seinem Lauf,
Der Regen hätt geregnet nicht,
Bevor ihn Gott gesegnet nicht.

Der hohe Turm verneigte sich,
Die Antilope zeigte sich.
Und Efeulaub und Wiesengrün
Erkannten und lobpriesen ihn.

Von aller Art der Mensch allein
Geriet in Schand und Sündenpein.
Hätt er nicht Gott so oft verkannt,
Er ging noch heute durch das Land.

Hätt er nicht Gott so oft gesteint,
Wir wären noch mit ihm vereint.
Die Erde wär das Himmelreich
Und jeder Mensch ein Engel gleich.


    Die Königin von Samarkand

Mein Herz ist rot, mein Blick ist blau.
Ich bin die schönste von allen Fraun.

Mein Haar ist schwarz wie Pantherfell.
Ein Riese ist mein liebster Gesell.

Schneeweiss ist meine Kinderhand.
Ich bin die Fürstin von Samarkand.

Viel Neger sind die Sklaven mir,
Auch Elefant und Gürteltier.

Willst du mir dienen stark und treu,
So sollst du mir willkommen sein.

Zehn Jahre Fron - als Lohn dir winkt
Ein Lächeln von einer Königin.


           Anna Molnár

    Nach dem Ungarischen

Es stieg aufs Ross Martin Aigó.
Die Steppe ruft. Die Ferne lockt.
Er traf am Weg Anna Molnár.
"Komm mit mir, schöne Anna Molnár.
Die Steppe ruft. Die Ferne lockt."
"Sie lockt mich nicht, Martin Aigó.
Zu Haus erwartet mich mein Mann,
Im stillen Haus ein frommer Mann.
Mein Kindlein hat er auf dem Knie."
Er fleht. Sie geht. Er raubte sie.

Sie nahmen ihren Weg zu zwein.
Die Steppe ruft. Die Ferne lockt.
Sie ruhten unter einem Baum,
Und Schatten fiel in ihren Traum.
"Sieh mir ins Aug, Anna Molnár!"
Sie hebt den Blick. Ihr Aug ist nass.
"Was weinst du, schöne Anna Molnár?"
"Ich weine nicht, Martin Aigó.
Mein Auge ist von Tau so nass,
Der vom Gezweig des Baumes tropft!"
"Es tropft kein Tau. Die Sonn steht hoch."

Martin Aigó stieg auf den Baum.
Es bog den Ast die starke Last.
Da fiel sein Pallasch ihm herab.
"Gib mir den Pallasch, Anna Molnár."
Sie warf den Pallasch ihm empor,
Dass er ihm in die Seite drang
Und Blut aus allen Zweigen sprang.
Sie zog sich seine Rüstung an,
Bestieg das Ross und ritt nach Haus
Und zügelte das Ross am Haus.

"Du frommer Mann, so hör mich an,
Hast du Quartier für eine Nacht?"
"Hab kein Quartier für Euch, mein Herr.
Mein kleiner Knabe weint so sehr."
Sie fleht. Er steht. Er willigt ein.

"Du frommer Mann, so hör mich an,
Gibt es im Dorfe guten Wein,
So bring mir einen Humpen voll!"

Er geht geschwind. Sie nimmt das Kind.
Reisst auf das Wams, reicht ihm die Brust,
Das Kind weint leis. Sie lacht vor Lust.


           Marianka

       Für Olga Wojan

Wollt ihr wissen meinen Namen?
Marianka, Marianka!
Ju und Janos zu mir kamen,
Marianka, Marianka!
Hej! ich tanzte! Hoj! ich liebte!
Marianka, Marianka!
Bis mein Herz in Strahlen stiebte,
Marianka, Marianka!

Ein Zigeunermädchen bin ich,
Marianka, Marianka!
Wie ein Fluss im Sand verrinn ich,
Marianka, Marianka!
Als zuerst ich hob den Nacken,
Marianka, Marianka!
Sah ich bräunliche Slowaken,
Marianka, Marianka!

Feine Herren sind gekommen,
Marianka, Marianka!
Mancher hat mich mitgenommen,
Marianka, Marianka!
Doch bei keinem konnt ich bleiben,
Marianka, Marianka!
Muss wie Spreu im Winde treiben,
Marianka, Marianka!

Hej, ich liebe alles Wilde,
Marianka, Marianka!
Führe Böses gern im Schilde,
Marianka, Marianka!
Wer mich liebt, muss alles wagen,
Marianka, Marianka!
Janos hat den Ju erschlagen.
Marianka, Marianka!

Wenn ich einst ein Kind werd haben,
Marianka, Marianka,
Sollt ihr lebend mich begraben,
Marianka, Marianka.
Denn mein Blut wird Früchte tragen,
Marianka, Marianka!
Und mein Herz wird ewig schlagen,
Marianka, Marianka!


                 Der Mandarin

Das starre Licht des sonnenhaften Thrones
Fällt auf der Majestät gefurchte Mienen.
Um die Gestalt des hohen Himmelssohnes
Stehn in Ergebenheit die Mandarinen.

Er blickt, dieweil er leitet Licht und Land,
Durchs offne Fenster in den Blütenreigen.
Ein Blumenantlitz ist ihm zugewandt.
Ein Fächer winkt. Der Kaiser hebt die Hand
Und schreitet zwischen Köpfen, die sich neigen.

                      * * *

Am Neujahrstag erbat ich Audienz.
Der Kaiser war wie immer mir gewogen.
Er gab mir Urlaub. Urlaub bis zum Lenz.
Zu Weib und Kindern bin ich heimgezogen.

Im Westen geht die rote Sonne unter.
Die Spatzen lärmen irgendwo am Tor.
Ich bin am Ziel. Aus Sträuchern lächelt bunter
Bewimpelt wie ein Schiff mein Haus hervor.

Mein Weib! Mein Kind! Da bin ich endlich wieder!
Ihr findet Worte nicht und Tränen nur.
Der Bürgerkrieg zerreisst des Landes Glieder,
Und Galgen stehn statt Bäume auf der Flur.

Wir wrackes Boot, am Ufer angekettet,
Die Heimat liegt weit draussen auf dem Meer.
Wie schmerzlich klingen, weibisch und verfettet,
Der Wäscherinnen Rufe zu uns her ...

Wo ist der Wein? Er hat genug gegoren.
Ein Duft weht durch die dürren Baumalleen.

Die Räuber haben mir den Zopf geschoren.
Ihr Kindelein, ich hab den Weg verloren,
Es ist zu spät, im Dunkeln heimzugehn ...

Ich musste blutend tausend Meilen rennen,
An tausend Galgen sah ich mich verwehn.
Es wird schon Nacht. Komm, lass die Lampe brennen
Und lass uns schweigend in die Augen sehn ...

                          * * *

Du bist der tiefste Brunnen, draus zu schöpfen
Jahrtausende nicht müde werden können.
Und wenn sie jeden Morgen neu begönnen,
Nur immer reicher strömt es ihren Töpfen.

Um deinetwillen lassen sie sich köpfen,
O Sohn des Himmels, dass ihr Herzblut rönne
Und eine Träne deines Augs gewönne.
Wer stürb nicht selig unter deinen Zöpfen

Am höchsten Turm von Peking aufgehängt?
Er legt die Haarschnur um den Hals sich stumm,
In der er zart nun wie ein Tänzer schwenkt.

Er greift, als spiele er Harmonium.
Kaum hat der Tod den kahlen Kopf gesenkt,
Legt schon ein andrer sich die Haarschnur um.


             Kaspar Hauser

               Nach Verlaine

Ich kam, ein armes Waisenkind,
Zu den Menschen der grossen Städte.
Sie sagten, dass ich tiefe Augen hätte,
Doch war ich den Menschen zu blöde gesinnt.

Mit zwanzig Jahren ohne Lug und Trug
Hiess es mich gehen zu schönen Frauen.
Sie nennen es Liebesgrauen.
Doch war ich den Frauen nicht schön genug.

Kein Vaterland, in keines Sold,
Liess ich mich vom Hauptmann werben.
Ich wollte im Kriege sterben.
Der Tod hat mich nicht gewollt.

Ward ich zu früh geboren, zu spät?
Was tu ich auf der Welt noch hier?
Mein Leid ist ja so brunnentief. O Ihr,
Sprecht für den armen Kaspar ein Gebet!


  Die Carmagnole (1792)

  Nach dem Französischen

Was will das Proletariat?
Dass keiner zu herrschen hat!
Kein Herr soll befehlen,
Kein Knecht sei zu quälen,
Freiheit! Gleichheit! allen Seelen!
Vorwärts, Brüder, zur Revolution!
Kaltes Blut, heisser Mut!
Vorwärts, es wird gehn,
Wenn wir getreu zusammenstehn.

Was will das Proletariat?
Sich endlich fressen satt.
Nicht mit knurrendem Magen
Für feiste Wänste sich schlagen,
Für sich selbst was wagen.

Was will das Proletariat?
Dass keiner mehr dien als Soldat.
Ewigen Frieden wollen wir
Und die Kugel dem Offizier.
Will leben. Bin Mensch. Kein Hundetier.

Was will das Proletariat?
Für den Bauern Acker und Saat.
Nicht Gutsherr noch Gendarm,
Die machen ihn ärmer als arm.
Land für alle! Alarm! Alarm!

Was will das Proletariat?
Weder Eigentum noch Staat!
Die Tyrannei zu Falle!
Die Erde für alle!
Den Himmel für alle!
Vorwärts, Brüder, zur Revolution!
Kaltes Blut, heisser Mut!
Vorwärts, es wird gehn,
Wenn wir getreu zusammenstehn.


             Zarenlied

  Nach Adam Mickiewicz

Wenn ich nach Sibirien trotte,
Muss ich schwer in Ketten karren,
Doch mit der versoffnen Rotte
Will ich schuften ... für den Zaren.

In den Minen will ich denken:
Dieses Erz, das wir hier fahren,
Dieses Eisen, das wir schwenken,
Wird zum Beil einst ... für den Zaren.

Wähl ein Weib ich zur Genossin,
Wähl ich sie aus den Tataren,
Dass aus meinem Stamm entsprosse
Einst ein Henker ... für den Zaren.

Bin ich dann ein freier Siedler,
Säe ich mit grauen Haaren
(Geigt schon nah der graue Fiedler ...)
Grauen Hanf ... nur für den Zaren.

Silbergraue Fäden rinnen
Fest durch meine Hand ... in Jahren
Wird mein Sohn zum Strick sie spinnen ...
Für den Zaren ... für den Zaren.


  Die schwarzen Husaren

Ich bin übers Wasser gefahren,
Die Ruder plätscherten sacht.
Da ritten drei schwarze Husaren
Durch die silberne Sommernacht.

Ich sah sie lange reiten
Im silbernen Mondenschein.
Sie mussten am Morgen beizeiten
Bei der Parole sein.

Sie schwenkten die schwarzen Kappen,
Sie hatten nicht Wort noch Ruf.
Unhörbar schnaubten die Rappen,
Und lautlos ging der Huf.

Mir sank das Haupt so grabwärts;
Die Wellen glitten gemach.
Mein Kahn trieb leise abwärts
Den schwarzen Husaren nach.


   Ballade vom deutschen Landsknecht

Wir taten unsere Pflichten stumm mit grauen Mienen
Und pflügten schweigend unser Feld.
Nun schweifen wir wie Beduinen
Ach durch die Wüste dieser Welt.

Uns dörrte die verdorrte Sonne Flandern,
Der Polensumpf war uns nicht fremd.
Man hiess uns nach dem Goldnen Horne wandern,
Wir wuschen in der Drina unser Hemd.

Doch wenn des Frühlings heilige Mythe
Den Schnee um unsere Herzen schmilzt,
Steht eine Kiefer aus der Mark in Blüte
Zu unsern Häupten, dunkel und verfilzt.

O Deutschland unser, das du bist im Himmel!
Wir fühlen tausendfach dein Weh.
Und deiner Söhne grauestes Gewimmel
Ist Stein zu deiner ewigen Statue.


  Auf einen gefallenen Freund

          An Hans Leybold

Arm in Arm sind wir gegangen
Durch das Himmelreich der Welt.
Mit dem Lasso haben wir gefangen
Schöne Frauen, die wie Rehe sprangen
Und wir wehten segelnd auf dem Belt.

Und in Stunden, die wie Schleier glitten,
Sind wir durch den hellen Park geritten,
Sonne regnete auf Rain und Ruf.
Deine Lippen sprachen leichte, schwere
Verse, und die goldne Ähre
Rauschte an der Rappen Huf.

Grosse Stadt war unsre Mutter,
Nahm uns gern im dunklen Abend auf.
O nach Wolkenfahrten banden wir den Kutter
Schwingend an des Kirchturms Knauf.
Grosse Stadt ist unsre Mutter,
In den niedern Strassen funkelt unser Lauf.

Stehn noch immer jener Kirche Türme?
Sind noch immer Frauen einem lieb,
Seit es dich in namenlose Stürme
In entbrannte Ozeane trieb?
Deine Lippen schweigen leicht und schwer,
Deine Stirn steht abendrotumwettert.
Ein entseelter Franktireur
Hat dein Herz, mein Herz zerschmettert.


          Jochen Himmelreich

Mein Name ist Jochen Himmelreich,
Ich hörte den Zapfenstreich
In Tsingtau und Windhuk, in Warschau und Lille.
Kaum sah ich die Sonne über Flandern,

Musst ich nach Mazedonien wandern,
Tausend Meilen Marsch sind ein Kinderspiel.
Wir sahen die deutsche Fahne strahlen
In tausend Himmel und Höllenqualen,
War immer ein Heiligenschein um sie.
Und blieb uns die Zunge am Gaumen kleben,
Und hiess es des Kaisers Kleider weben,
Und schimpfte der Offizier uns: Vieh -
Deutschland, Du bist unser Tod und Leben!
Ich bin dein Knecht,
Des Landes Knecht,
Und stehe auf der Wacht.
Schwarz ist die Nacht,
Weiss ist der Schnee,
Weh,
Es droht
Der Tod
Dem morschen Weltgefüge.
Rot fliesst das Blut aus unsrer Brust,
O Lebensleid, o Lebenslust!
Fliege, schwarzweissrote Fahne, fliege ...

Mein Name ist Jochen Himmelreich,
Anfang und Ende ist alles gleich,
In den Unterständen brennt kein Sonnenlicht.
Drei Jahre schlief ich nicht im Bette,
Ich schnitt das Brot mit dem Bajonette,
Oh: die Blutflecken weichen aus meinen Kleidern nicht.
Bruder, wir wären Kameraden geworden,

Aber wir müssen uns stechen und morden!
Deinen Blick, sterbender Neger, vergess ich nie.
Längst ist mir die eigene Sprache fremd.
Ich trage eine Französinnenbluse als Soldatenhemd
Und bin räudiger als das räudigste Vieh.
Deutschland, die Schande wuchert und schlemmt!
Ich bin dein Knecht,
Des Landes Knecht,
Und stehe auf der Wacht:
Schwarz ist die Nacht,
Weiss ist der Schnee,
Weh,
Es droht
Die Not
Dem Kindlein in der Wiege!
Rot
Fliesst das Blut aus unsrer Brust,
O Lebensleid, o Lebenslust!
Fliege, schwarzweissrote Fahne, fliege ...

Mein Name ist Jochen Himmelreich,
Mein Weib ersoff sich im Teich,
Meine Kinder hungern und schreien durch die
Nacht nach mir.
Dieses Sommers Regenströme sind aus Kindertränen,
Meine Arme muss ich in die Nächte dehnen
Sterne, o ihr Sterne strauchelt nicht wie wir!
Die Lumpen werden den Krieg und den Frieden für
sich gewinnen,
Während aus unsren Wunden unsere Seelen rinnen.
Sie verkaufen unser Fleisch - Lebendgewicht - für Gold.
Aber einmal werden wir erstehen,
Tot und lebend euch ins Auge sehen,
Wenn des Schicksals Feuerwagen rollt.
Deutschland, wir werden die Ernte mähen!
Ich bin dein Knecht,
Des Landes Knecht,
Und stehe auf der Wacht:
Schwarz ist die Nacht,
Weiss ist der Schnee,
Weh,
Droht
Auch der Tod -
Es breche oder biege!
Rot
Sucht das Blut sich seinen Pfad
Und düngt der Freiheit junge Saat.
Fliege, rote Fahne, fliege ...


       Die Kriegsbraut

Ich sage immer allen Leuten,
Ich wäre hundert Jahr ...
Die Hochzeitsglocken läuten ...
Es - ist - alles - gar - nicht - wahr.

Ich liebte einst einen jungen Mann,
Wie man nur lieben kann.
Ich habe ihm alles geschenkt,
Tirili, tirila -
Er hat sich aufgehängt
An seinem langen blonden Spagathaar ...

Auf den Strassen wimmeln Geschöpfe:
Ohne Arme, ohne Beine, ohne Herzen, ohne Köpfe.
An der Weidendammer Brücke dreht einer den Leierkasten.
Nicht rosten
Nicht rasten -
Was kann das Leben kosten?
Er hat eine hölzerne Hand,
Aus seiner offnen Brust fliesst Sand.
Neben ihm die Schickse
Glotzt starr und stier.
Er hat statt des Kopfes eine Konservenbüchse,
Und sie ist ganz aus Papier.

Eia wieg das Kindelein,
Kindelein
Soll selig sein.

Mein Bräutigam hiess Robert.
Er hat ganz Frankreich allein erobert.
Dazu noch Russland und den Mond,
Wo der liebe Gott in einer goldnen Tonne wohnt.

Als er auf Urlaub kam,
Eia eia,

Er mich in seine Arme nahm,
Eia, eia.
Die Arme waren aus Holz,
Das Herz war aus Stein,
Die Stirn war aus Eisen,
- Gott wollt's -
Wie sollt es anders sein?

Er liegt in einem feinen Bett ... trinkt immer Sekt ...
Eia popeia -
Er hat sich mit Erde zugedeckt,
Eia popeia.
Nachts steigt er zu mir empor.
Er schwankt wie im Winde ein Rohr.
Seine Augen sind hohl. Transparent
In der offenen Brust sein Herz rot brennt.
Seine Knochen klingeln wie Schlittengeläut:
Ich bin der Sohn des grossen Teut!

Flieg Vogel, flieg!
Mein Bräutigam ist im Krieg!
Mein Bräutigam ist im ewigen Krieg!
Flieg zum Himmel, flieg!
Fliege bis an Gottes Thron
Und erzähle Gottes Sohn:
- Vielleicht ihn freuts, vielleicht ihn reuts -
Millionen starben, Gott, wie du
Den Heldentod am Kreuz!
Noch ist die Menschheit nicht erlöst,

Weil Gott im Himmel schläft und döst.
Wach auf, wach auf, und zittre nicht,
Wenn der Mensch über dich das Urteil spricht!
Gross, Herr im Himmel, ist deine Schuld,
Doch grösser war des Menschen Geduld.
Tritt ab vom Thron,
Du Gottessohn,
Denn du bist nur des Gottes Hohn:
Es flammt die himmlische Revolution.
Du sollst verrecken wie wir!
Tritt ab
Ins Grab,
Mach Platz
Der Ratz,
Dem Lamm oder sonst einem Tier!


        Berliner Weihnacht 1918

Am Kurfürstendamm da hocken zusamm
Die Leute von heute mit grossem Tamtam.
Brillanten mit Tanten, ein Frack mit was drin,
Ein Nerzpelz, ein Steinherz, ein Doppelkinn.
Perlen perlen, es perlt der Champagner.
Kokotten spotten: Wer will, der kann ja
Fünf Braune für mich auf das Tischtuch zählen ...
Na, Schieber, mein Lieber? - Nee, uns kanns nich fehlen,
Und wenn Millionen vor Hunger krepieren:
Wir wolln uns mal wieder amüsieren.

Am Wedding ists totenstill und dunkel.
Keines Baumes Gefunkel, keines Traumes Gefunkel.
Keine Kohle, kein Licht ... im Zimmereck
Liegt der Mann besoffen im Dreck.
Kein Geld - keine Welt, kein Held zum lieben ...
Von sieben Kindern sind zwei geblieben,
Ohne Hemd auf der Streu, rachitisch und böse.
Sie hungern - und frässen ihr eignes Gekröse.
Zwei magre Nutten im Haustor frieren:
Wir wolln uns mal wieder amüsieren.

Es schneit, es stürmt. Eine Stimme schreit: Halt ...
Über die Dächer türmt eine dunkle Gestalt ...
Die Blicke brennen, mit letzter Kraft
Umspannt die Hand einen Fahnenschaft.
Die Fahne vom neunten November, bedreckt,
Er ist der letzte, der sie noch reckt ...
Zivilisten ... Soldaten ... tach tach tach ...
Salvenfeuer ... ein Fall vom Dach ...
Die deutsche Revolution ist tot ...
Der weisse Schnee färbt sich blutrot ...
Die Gaslaternen flackern und stieren ...
Wir wolln uns mal wieder amüsieren ...


         Ballade vom Bolschewik

Wir kamen in die Städte aus der Steppe
Gleich Wölfen mager, hungrig und verlaust.
Wie seidig rauscht der schönen Damen Schleppe,
Um die der Südwind unsrer Sehnsucht braust.

Wir hatten harte Erde zu beackern,
Der arme Vater und der ärmre Sohn.
Wir hörten früh um fünf die Hühner gackern,
Und bis um zehn Uhr abends nichts als Fron.

Des Mittags gab es eine dünne Suppe,
Am Sonntag schwamm ein Klumpen Fleisch darin.
Auf der Waldai süss bestrahlter Kuppe
Sass thronend unsrer Herzen Herzogin.

Wir dachten ohne Kopf: nur kahle Stümpfe,
Und wenn wir tanzten, tanzte nur das Bein.
Die braune Tiefe der Rokitnosümpfe
Gebar der Kröte leise Litanein.

Zuweilen, von der Sonne überspiegelt,
Sank eine träge Frau mit uns in Gott.
Dann flogen wir für einen Tag beflügelt
Zum Frühlingsfest nach Nischni-Nowgorod.

Wir töteten, doch sanft und nicht gehässig.
Wir soffen literweise Schnaps und Bier.
Man schlug uns lachend. Und wir lasen lässig
Des Popen zart zerlesenes Brevier.

Wir aus den Tiefen sind nun hochgekommen,
Wir armen Armen wurden endlich reich.
In unsrer Dämmrung ist ein Licht erglommen,
Ein Heiligenschein beglänzt die Stirnen bleich.

Wie auf.der Kirmes in die Luft geschaukelt
Ist unser Schicksal jetzt. Nun prügeln wir,
Von Schmetterling und Nachtigall umgaukelt,
Und Kaiserpferd und -hure zügeln wir.

Nun darf er fressen, brüllen, saufen, huren,
Wie Zar und König einst: der Bolschewik.
Die blutend in das Fegefeuer fuhren:
Sie liessen ihm ihr diamantnes Glück.

Es jagt mit seinem Weib in der Karosse
Der Kommissär, um den der Weihrauch dampft.
Entrechtet wälzt sich in der grauen Gosse
Der Bourgeois, geknechtet und zerstampft.

Die Prinzen winselten im Kirchenchore,
Des Hofes Damen schleifte man am Haar.
Der Thron zerborst. Auf der Palastempore
Steht mager, bleich und klein der rote Zar!

Ihr alle Brüder einer dumpfen Rasse,
Ihr Untersten aus Nacht empor zur Macht!
Noch nicht genug vom wilden Klassenhasse
Ist in den dunklen Seelen euch entfacht!

Eh nicht die letzten an den Galgen hängen,
Die euer Blut in Münze umgeprägt,
Eh nicht der Freiheit Adler in den Fängen
Der alten Knechtschaft Pestkadaver trägt,

Eh wird nicht Friede werden hier auf Erden.
Ein Stern erglänzt. Es spricht der neue Christ! -
Ein Echo wie von Polizistenpferden,
Und jauchzend bricht ins Knie der Rotgardist.


                                    Der Barbar

                                             I

Ich komme aus der Wüste,
Wo ich bei der Löwin lag.
Ich habe den Schakalen die Knochen aus dem blutigen Gefräss gerissen,
Ich bin mit dem Strauss um die Wette gelaufen
Und habe dem Fuchs das Junge aus der Höhle gestohlen.
Hei! Hei!
Mein Blut saust hinter der Betonstirn
Wie der Orinoko.
Auf meinen ausgebreiteten Händen
Trag ich zwei Sterne.
Ich stemme Sterne,
Denn ich bin Mitglied des Athletenklubs Südost.
Ich saufe die Milch vom Euter der Kuh
Und von den Zitzen einer Frau,
Die Zwillinge warf.
Lasst mich taufreden
Mit euren Faseleien
Von der Weisheit der Tapergreise.

Friede sei mit dir, wenn ich dir den Schädel eingeschlagen habe,
Mein Feind.
Auf deinem Grabe will ich deine Witwe umarmen.
Die von den Verwandten gestifteten Nelkentöpfe
Sollen zerscherben.
Und das Holzkreuz,
Auf dem dein verächtlicher Name steht,
Sei zerbrochen
Wie die Bundeslade
Und die Tontafelbibliothek des Assurbanipal.

                               II

Tötet diesen gottverdammten Schwafler Kant
Und Nietzschke und Trietschke,
Die Weissgardisten,
Die Sch .... gardisten,
Die Drückeberger
Vom Traum der Tat.
Wir rücken an
Wir ewiger Wanderer durch die Länder der tausend Seen.
Unsre Augen sind feucht noch vom Tau des Himalaja,
Unter unsern Fingernägeln
Brennt noch die schmutzige Erde Afrikas.
Unser Herz trommelt an die Rippen
Die Melodie der Negertrommeln.
Wir wissen aus und ein
In den Schoss der Frauen
Und ins Dickicht des Urwalds.

                       III

Jetzt will ich dir sagen, wer ich bin,
Jetzt will ich dir klagen, wer ich bin.
Auch ich war ein Jüngling im lockigen Haar,
Aber mich schor ein Büttel.
Ich bin stark geworden,
Nicht schwach wie Simson,
Dess bin ich froh.
Ich habe einen Sträflingskopf,
Dess bin ich stolz.
In den Zuchthäusern sass ich
Und flocht Bastkörbchen,
In denen kalifornische Äpfel und Orangen aus Messina den Reichen zu Tisch getragen wurden.
Ich aber frass Kartoffelschalen
Wie ein Kaninchen.
Wir wollen uns Zuchthäusler nennen,
Wie einst die Geusen sich Geusen,
Die Christen sich Christen nannten.
Das sei unser Ehrenname und Ehrenwort.
Bruder Zuchthäusler! Bruder Vagabund!
Weisst du noch von den Frühlingsnächten an der Amper
Und den Feuern der Johannisnacht
Auf den bayrischen Bergen
In unsren Herzen?

                        IV

Es wird die Zeit kommen,
Da jeder jungfräuliche Schoss sich dir bietet,
Und alle Jungfrauen,
Schwarze, weisse, rote,
Gefleckte,
Schwanger sein werden von dir,
Bunter Bruder!
Da wird von der Kuppel des Kreml in Moskau
Der Engel Gabriel die Tuba erheben,
Die Posaune Jerichos wird noch einmal ertönen,
Und ihre Paläste werden fallen
Wie Kartenhäuser,
Und ihre Seelen
Vom Baum des Seins
Wie faule Pflaumen.
Kahl wird der Baum erst stehen
Ohne Frucht
Einen Winter lang.
Aber im Frühling wird er sprossen,
Und im Sommer wird er blühen,
Und im Herbste wird er Früchte tragen
Einfältig
Tausendfältig.


       Der Totengräber

Ich rede frisch von der Leber
Weg, zum Parlieren
Und Zieren
Ist keine Zeit.
Ein armer, wandernder, stellenloser Totengräber
Bittet um Arbeit.
Habt ihr keinen Toten zu begraben?
Keine Leiche im Haus?
Ei der Daus!
Keine Mutter? Keine Tochter? Keinen Mann?
Ich begrabe sie, so gut ichs kann.
Bei mir ist jeder gut aufgehoben,
Das Werk wird seinen Schöpfer loben.
Ich trage die Schaufel stets bei mir
Und begrabe Sie auf Wunsch im Garten hier.
Die Erde leicht und lau fällt
Auf Ihre Rippen
Wie Schnee.
Ein Grab ist schnell geschaufelt.
Die Lippen
Lächeln: Ade!

Ich wandre immer hin und her,
Ob ich nicht Arbeit fände.
Mein Herz ist leer, mein Beutel ist leer,
Und leer sind meine Hände.

Denn wer mich sieht, der schlägt von fern
Um mich den Hasenhaken.
Die Mädchen schlafen und die Herrn
Nicht gern im Leichenlaken.

Ich bin ein verlorner Sohn. Ich frass die Treber
Der Fremde allzu lange Zeit.
Ein armer, wandernder, stellenloser Totengräber
Bittet um Arbeit.


           Nachtgesicht

  An Johann Christian Günther

Ich bin mit dir gegangen
Durch Nebel, Nacht und Wind.
Die Tannenwälder sangen,
Die Wolken krochen wie Schlangen
Über den Himmel hin.

Plötzlich aus goldenem Rohre -
Eine Wolke wurde leck -
In mondgewebtem Flore
Entschwebte Leonore
Zu uns hernieder auf den Weg.

Wir gaben uns die Hände
Und tanzten und tanzten zu drein.
In unsrer Seelen Brände,
Dass er die Lust uns schände,
Zischte der Tod hinein.

Wir schwankten zu viert in die Schänke
Und soffen uns voll, dass es kracht.
Wir lagen über die Bänke,
Der Tod erzählte Schwänke,
Wir haben uns krumm gelacht.

Er klapperte frech mit den Knochen,
Wir schmissen den Saufsack hinaus.
Er hat sich die Rippen zerbrochen ...
Leonore kam in die Wochen,
Wir beide ins Irrenhaus.

Da sitzen wir nun und staunen
Durch die Stäbe uns blind.
Wir haben Herrscherlaunen.
Wir fressen unsre Kaldaunen,
Weil wir hungrig sind.


Die Ballade vom Schlaf der Kindheit

Scheuche nicht den Schlaf des Kindes
In der schwarzen Bucht.
In den Zweigen des erwachten Windes
Hängt er hell wie eine runde Frucht.

Sonne wärmt sich an des Nackens Spiegel,
Echo strahlt in der erfüllten Flut,
Venus wünscht sich leichte Flügel,
Wo er in des Spieles Barke ruht.

Jage nicht den Knaben in die Schule
Früh um sieben, wenn der Ofen kalt.
Hässlich hockt er an der Arbeit Spule
Und zerschmettert von des Lehrers Gramgewalt.

Sieh: an seinen langen schwarzen Wimpern
Hängt ein schmaler Schatten noch das Bild.
Und in seine wachen Qualen klimpern
Mondgesang und Schwert und Harfenschild.