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Seite 3

Inhalt

Biografie

Seite 5

         Ballade vom alten Mann

Armer alter Mann,
Siehst mich immer an,
Liebe trieft aus Lippe auf den schäbigen Rock.
Blumig blüht dein Kropf.
Einen Eberkopf
Hängte Gott an deine Kette als Berlock.

In der Nacht so oft
Schreckst du unverhofft
Aus dem Traum und siehst ein Angesicht.
Süsser Augenwind!
Lächelnd nickt ein Kind,
Aber ach, es ist das deine nicht.

Armer alter Mann,
Kann
Dich der Hund nicht trösten, dem du Semmel in die Suppe stiepst?
Horch an seinem Fell,
Wie sein Herz so hell
Alle Stunden schlägt, die du es liebst.


     Ballade vom toten Kind

Wie ward mein Überfluss so karg!
Ich muss mich mein erbarmen.
Ich halte auf den Armen
Einen kleinen Sarg.

Es reichen sich die Hände
Geschlechter ohne Ende -
Wer endet? wer begann?
Ich bin nun Sinn und Sitte,
Und meine Hand ist Mittelshand,
Ich bin der Erde Mitte
Und bin der Mittelsmann.

Ich stehe an der Leiter,
Die in die Grube führt.
Und reich der Erde weiter
Das Herz, das ihr gebührt.

Schon stürmt es in den Lüften,
Der Frühling stürzt herein.
Es knien alle Berge,
Es brechen alle Särge,
Und aus den Veilchengrüften

Wie Jesus Christus weiland
Steigt schon der neue Heiland
Und will dein Kindlein sein.


       Auf ein Kaninchen

             Für Marthe

Weisse Felle, die ich streicheln durfte:
Vorhang vor dem Heiligtum.
Im Getön der spitzen Ohren schlurfte
Eine Reisigsammlerin: der Ruhm.

Sonne sass im Dschungel deiner Lende,
Wiegte sich als goldne Möwe weit
Auf den Meeren der gekalkten Wände,
Wenn der Hund im Hellen schreit.

Stäbe stürzten: aus den Katakomben
Deiner Höhlung, die das Grüne barg.
Deine Augen, rote Rhomben,
Schliefen in der Müdigkeiten Sarg.

Dich zertrat der grosse Bernhardiner,
Aus dem Maule schwebte Kohl und Strunk.
Als des Todes allezeit getreuer Diener
Sprangst du pfeifend in die Dämmerung.


         Der neue Mensch

Mensch, es strömen die Jahrtausende
In dein offnes Herz. Der sausende
Flügelschlag der Zeit bestürme dich!
Halte fest der Promethiden Feuer,
Und in ihrem heiligen Glanz erneuer
Zart zu Faltern das Gewürme sich.

Gingest du nicht deinen Gott verkaufen
Unter Lächeln, Liebeln, Huren, Saufen?
War mit Gold gefüllt nicht Raum und Zeit?
Lern an reiner Quelle wieder trinken,
Lerne wieder liebend niedersinken
In die Kniee vor der Ewigkeit.

Aus den Kratern schweben die Dämonen,
Welche bei den schwarzen Engeln wohnen,
Und es steigt die süd- und nordsche Flut,
Schwing die Fackel deiner reinen Seele.
Horch: schon zwitschert wieder Philomele,
Und es schwirrt der Zukunft Adlerbrut.

Sollen Irre durch die Gassen taumeln?
Sollen Schwangere am Galgen baumeln?
Freiheit, welche mordet, ist nur Wahn.
Stosst hinab in tiefste Höllentiefen,
Wo noch immer nicht sie endlich schliefen,
Nero, Robespierre und Dschingiskhan.

Die ihr lebend starbet in den Grüften
Unsrer Städte: schwingt euch mit den Lüften
Eines neuen Frühlings in die Welt.
Liebe will sich liebend euch ergeben,
Lachend werdet ihr das Leben leben,
Wenn der morsche Tempel fällt!


      Ballade vom Wort

Was wollen die grossen Worte?
Sie rollen wie ein Kiesel klein
Am Weg, an der Strassenborte
In den Morgen ein.

Sie hängen an manchem Baume
Wie Früchte halbgereift.
Sie haben von manchem Traume
Den zarten Puder gestreift.

Sie schmecken wie Galle so bitter.
So spei sie aus dem Spiel!
Sie sitzen im Fleisch wie Splitter.
Ein Wort ist schon zuviel.

Ein Wort schon ist Mord schon am Himmel.
So schweige und neig dich zum Herd.
Stumm lenkt durch das Sternengewimmel
Der Herr sein ewiges Gefährt.



Mythen

                               Ibykos

Ich hasse das Weib.
Sie hat die Erdkugel auseinandergerissen in zwei Brüste,
Zwei Hälften, die kein Töpfer mehr zusammenkittet.
Ihre Haare sind schlammiges Moos
Aus dem Teiche der Trübsal.
Ihr Ruf ist der Ruf der brünstigen Unke.
Ihre Beine stahl sie der Gazelle,
Ihren Schoss einer fleischfressenden Pflanze,
Ihre Ohren der Spitzmaus.
Ihre Augen dem Maulwurf, als er schlief. -
Ibykos bin ich aus Rhegium,
Wohl erfahren in sanftem und wildem Melos.
Polykrates dem Tyrannen
Sang ich die Liebe der delphischen Knaben,
Und Samos lächelte meinem Gesang.
Der Helden gedacht ich
In chorischen Liedern,
Enkomien sann ich
Und Hyporchemen dem Apoll
Und zur Kythara und Flöte
Die heiligen Nomen.
Eros
Der Kypria hitziger Sohn
Hat mein Herz verwundet.
Es rinnt das Blut
Und tränkt die Frühlingserde
Und düngt die Sommererde,
Dass reicher reife
Der kydonische Apfelbaum,
Um den die feldblumenduftenden Dryaden spielen
Und die bocksgerüchigen Satyrn.
O komm,
Knabe,
Dem der Flaum die Oberlippe noch nicht verunziert,
Springe,
Du thrakisches Füllen!
Auf deiner nackten braunen Haut
Spiegelt sich lüstern die Sonne.
Der Wind wühlt in deinem Gelock.
Dem matt ins Gras Sinkenden
Öffnet die Erde den jungfräulichen Schoss.
Du liebst sie.
Dein Same befruchtet sie,
Und eure Kinder werden die Welt beherrschen.


        Antinoos

Du Memnonsäule,
Singend im Licht!
Wenn du die Arme hebst,
An den Himmel gekreuzigt,
Sehnt sich der Blitz, in dich zu fahren,
Und der Donner grollt zärtlich um deine Locken.
Wie bin ich voll deiner summenden Gedanken:
Ein Bienenkorb,
Und deine Süsse ist meine tägliche Speise.
Als ich mich über dich bog in der Nacht,
Sass ein Sperber auf deiner Brust,
Den hatte Gott gesandt,
Deinen Traum zu bewachen.
Er sperrte den Schnabel gegen mich.
Du Weide am Strom,
In dem ich verfliesse!
Halte mit deinen Zweigen,
Mit deinen Armen den Freund,
Der zu dir emporwallt
Wie die Woge des Meeres
Im heiligen Sturm.


                                 Kyros

Man sagt, dass Kyros, der Perser, die Griechen bekriege,
Weil er die Griechenknaben liebe.
In silberne Fesseln schlägt er die Gefangenen.
Ihrer hundert ziehen seinen Sichelwagen
Nackt und nur geflügelte Sandalen an den Füssen
Wie Hermes.
Ihrer fünfzig bedienen den Herrn bei der Tafel,
Ihrer dreissig spielen mit ihm Diskos.
Vor ihrer zehn deklamiert er persische Oden.
Die also beginnen:
Griechenknaben, Göttersöhne ...
Aber zur Nacht
Lässt er die weissen Knaben mit jungen schwarzen Sklavinnen spielen.
Sie spielen Hund und Hündin.
Der König seufzt aus seinen Kissen
Und zieht den schönsten der Knaben,
Die schönste Sklavin
An seine Seite,
Entschläft in ihren Armen
Liebend, geliebt.


         Knabe und Satyr

Komm, Knabe,
Wir wollen Brombeeren pflücken.
Warum fürchtest du
Meine Hörner - sie stossen dich nicht -
Dich stösst ein anderes.
Halte dich an meinem zottigen Bart.
Mit meinen Bocksfüssen ich springe tanzend
Dem Priapos zu Ehren.
Auf der Syrinx
Blase ich dir ein listiges Lied,
Dass du den Heimweg vergissest
Zu den erntenden Bauern.
Sieh: die Sonne brennt heiss!
Verweile, bis der Abendschatten naht.
Wir kriechen hier unter das Gebüsch -
Der stechenden Brennessel hab acht -
Und spielen ein wenig
Wie Pan mit den Nymphen spielt.
Dann schläfst du
Auf meiner zottigen Brust.
Aber wenn du erwachst,
Wollen wir eine Ziege jagen.
Wir packen sie am gestrafften Euter
Und trinken uns randvoll an süsser Milch.
Wenn ich aber geil geworden an ihr,
Bespringe ich sie gern
Und du nach mir.


              Narkissos

Als Narkissos sich
Im Teiche spiegelte,
Erschrak er:
Denn also schön schien ihm das Spiegelbild,
Dass er in Liebe zu sich selbst
Entzündet wurde.
Er beugte sich hernieder
Ins Ufergras
Und küsste im Wasser
Seine Lippen
Und griff nach sich mit seinen Händen
Und seufzte.
Die Schönheit,
Sann Narkissos,
Wohnt auf dem Grund der Seen.
Versunkene Städte müssen sein,
In denen die Schönen wohnen
Und mittags nur
Im Sonnenlicht
Werden sie sichtbar,
Wird Schönheit Bild,
Gesang und Lächeln
Glanz und Kuss.
Noch niemals sah ich nachts im Teich
Den schönen Jüngling.
Er schläft zur Dämmerung wohl
Wie wir.
Und ist ein Mensch
Wie wir
Nur Mensch der unteren Welt.
Du Tiefer steig hinauf!
Und werde Du!
Wenn das Gymnasion du betrittst,
Schweigt rings die Runde.
Der Fechter lässt den Degen sinken,
Der Ringer Blick und Arm,
Und selbst die Greise und die Kinder
Erschrecken süss vor deinem Angesicht.


                   Ganymed

Zeus sandte seinen Adler,
Dass er den schönen Knaben Ganymed
In seinen Fängen fange
Und zu ihm trage.
Der schoss aus dem Zenith
Des Mittags
Herab auf die Narzissenwiese,
Wo Ganymed schlief,
Der Gelockte,
Und von dem Adler träumte,
Der nach ihm stiess.
Er schrie im Traum.

Der Adler mit dem gebogenen Horn des Schnabels
Den Knaben am Gürtel griff,
Am schön von der Mutter gestickten.
Über Wolken und Winde und wehende Sterne
Er flog mit ihm
Und legte ihn
Dem Gott zu Füssen.

Aber der Gott,
Entzündet von der Anmut,
Die er geschaffen,
Er neigte sich und nahm den Knaben in seine Arme
Und küsste seine Wangen
Und küsste seine Wimpern
Und küsste seine Brust
Und küsste seine Kniee
Und küsste seine Lippen
Und küsste seinen Schoss.


    Orest und Pylades

Strophis, König von Phokis,
Erzog Orest und Pylades.
Hand in Hand gingen die Knaben,
Brust an Brust schliefen die Knaben,
Mund an Mund sangen die Knaben.
Sie warfen ihre Sehnsucht und den Diskos
Gleich weit. Und stoben
Im Viergespann als Sieger durch das Ziel.

Da wollte es Ananke, dass die Eumeniden
Orest befielen und sein Hirn
Wie Hunde fleischten.

Im Heiligtum zu Delphi
Orestes lag ermattet.
Um seine Stirne stürmten
Die Göttinnen der Nacht.
Die Fledermäuse kreischten
Und die Erinnyen sangen:
Die Mutter ist erschlagen,
Die Mörderin des Vaters;
Der Mord hat Mord geboren:
Der Mörder sei gefällt!

Die Menschen flohn entsetzt. Nur Pylades
Blieb bei dem Freund und liebte
Den Mörder wie den Schöpfer er geliebt.

Und liebte seinen Wahnsinn,
Die irre Tat, den staubbedeckten Leib,
Wie er den Jüngling nicht geliebt,
Den klug gestaltenden,
Den schön gestalteten.
Er schlief mit ihm wie je. Orest, der Irre,
Erfüllte Bett und Raum
Und Traum
Mit Stank und Kot.


                  Patroklos

Antilochos flog in das Zelt,
Wo der Pelide sass und mit den Schädeln
Der toten Feinde Bocca spielte.
Er warf die Schädel in die Ecke
Und warf sich auf sein Lager
Von Wirbelknochen Rippen
Wie Heu und Streu vor ihn geschüttet.
Antilochos erhob die Stimme
Zu einem Schrei.
Der brach in Scherben,
Und die klirrten:
Unseliger!
Patroklos ist nicht mehr!

Und der Pelide stiess den Kopf
Dem Geier gleich ins Licht,
Und alles Blut und Fleisch

Schien draus gewichen.
So sass er,
Selber ein Skelett,
Bis dass die schwesterliche Dämmerung kam
Und auch der milde Bruder Mond.
Da fiel er in den Staub
Und schlug den Kiefer in die Erde wie der Eber,
Der Trüffeln sucht.
Dann stand er auf
Und waffenlos
Schritt er im Mond durch die trojansche Ebne.

Es wichen
Entsetzt die Wächter, die die Bahre bargen.
Er trat hinzu
Und nahm den Leichnam
Und trug ihn wie der Jäger
Ein Kitz trägt,
Warf ihn aufs Lager
Schlief die Nacht mit ihm,
Sein Haupt
Von toter Locken schwarzer Flut getrieben.


              Sarpedon

Zeus liebte seinen Sohn
Den Sohn der Laodamia: Sarpedon:
Wie ein Geliebter den Geliebten.

Heimlich zuweilen
In der Gestalt einer Schlange
Lag er bei ihm.

Eines Tags begegneten einander
Sarpedon und Hyakinthos,
Schöne Hirten.
Zwischen sie trat Aphrodite
Lüstern beider.
In den Händen ihre Brüste tragend wie zwei Teller
Voll von Früchten.

Da stiessen die Jünglinge gegeneinander
Wie Geier
Mit ihren Lanzen und strohenen Schilden.

Auf seinem gläsernen Stuhl
Schloss Zeus die Augen,
Und eine Träne tropfte aus den Wimpern.
Denn keine Macht er hatte über Ananke,
Das Schicksal
Und den Tod.

Die Träne tropfte Sarpedon ins Auge
Und machte ihn blind,
Dass er der Deckung vergass.
Da traf ihn der wütige Feind
Ins Zwerchfell,

Dass er stürzte
Wie eine Fichte am Bergbach.
Rot floss der Bach.

Tief auf seufzte Zeus,
Dass die Erde bebte
Und die Sonnenscheibe wie ein Zinnteller
Klirrte.

Hyakinthos aber umarmte über der Leiche
Die girrende Göttin.

Am Abend flog Apollon hernieder
Und schlug den Leichnam in seinen flatternden Mantel.
Er trug ihn an die Gestade des Meeres
Und wusch ihn rein von Blut und Staub
Und salbte ihn mit Ambrosia.

Da nahten flügelrauschend zwei Tauben
Schwarz und weiss.
Die schwarze Taube setzte sich auf die Schulter de Toten,
Die weisse auf den Helm des schimmernden Gottes,
Der auf Wolken zum Olympos stieg.


                Adonis

Als Phöbos Apollon dich sah,
Adonis,
Ergriff seine Seele ein seliger Schmerz.
Nicht freute ihn der Gesang der Mysten
Und nicht das Opfer im ragenden Heiligtum.

Er trat als Bettler staubig vor die Sibylle,
Die weissagende,
Und sprach:
Sage mir das Geschick des Knaben Adonis!

Die heiligen Nebel wallten,
Die süssen Düfte strömten,
Die Pythia sprach:
Der Knabe Adonis wird sterben
An Liebe, die zu heftig liebt.

Da ging der Gott und ging durch die seufzenden Fluren
Und schritt in seinen Tempel
Unerkannt
Und setzte sich auf die steinernen Stufen
Und weinte
Das bärtige Gesicht wie ein Igel
Im Strauchwerk der Hände versteckt.
Als er das Antlitz hob,
Waren seine Hände
Voller Perlen.

Hephästos reihte sie
Zu einer Kette.
Die brachte Hermes dem Knaben,
Als er die Ziegen weidete am Taygetos,
Und hing sie ihm um den Hals,
Die Tränen des Gottes.


         Der Tod des Adonis

Sieben Wochen schon schreit Kypris,
Denn Adonis starb,
Der schönste der Menschen.
Die Sterne weinen nachts Sternschnuppen,
Und salzig von Tränen ist
Das Gewässer der Flüsse.
An den Quellen sitzen die Nymphen
Und schluchzen,
Und jammernd durch Feld und Hain
Streifen Eroten.
Ihr Klagegeschrei
Ai ai ai
Durchhallt die Schluchten und schreckt
Den einsamen Wanderer.

Unseligen Tod
Starb der Geliebte.
Denn als er wandelt
Durch den Wald,
Begegnet ihm ein wilder Eber,

Der alsogleich entbrennt wider den Schönen
In Liebe.
Liebkosend er gegen ihn sprang.
Aber so rauh war seine Zärtlichkeit,
Dass mit den Hauern er
Dem schönen Knaben
Die Brust zerriss.

Unbeerdigt lag er im Moose
Unverwest.
Kein Wurm ihn benagte
Und keine Krähe ihn hackte.
Der Mond hielt mit bleicher Fackel
Die Totenwacht.
Die Geister der untern Welt,
Sie kamen
Schleichend und schillernd
Herauf
Und sassen am weissen Strom seines Leibes
Wie an den Ufern des heiligen Flusses.

Und Charon nahm
Am siebenten Tage
Den leuchtenden Leichnam
Auf seine Schulter wie ein totes Reh,
Das der Jäger nach Hause trägt
Zu den Seinen.

Der Leichnam blinkte
In den Grotten der Unterwelt

Wie eine weisse Ampel.
Von allen Seiten
Die toten Seelen
Wie nächtliche Falter zum Lichte flogen,
Bis sie ihn deckten
Bedeckten
Und er
Unter den schwarzen Flügelschlägen
Erlosch.


                 Elpenor

An den Okeanos kam Odysseus,
Der viel wandernde,
Viel bewanderte.
Ewige Nacht herrschte
Über dem Volk der trotzigen Kimmerier.

Er opferte ein schwarzes Schaf,
Das dunkle Blut floss in die Opfergrube.

Da nun der Duft des Blutes zu Lüften stieg,
Wehte aus dem Felsentor,
Dem Eingang zur Unterwelt
Der Schatten Elpenors,
Des liebsten und lieblichsten Freundes.

Odysseus hob die Arme wie blühende Pfirsichzweige:
Mein Freund, dass ich dich sehe
Einmal noch,
Danach mich so verlangte
Wie einen Widder in der Wüste nach Regen oder Quell.
Gib mir deine Hände, dass ich sie halte und nimmer lasse,
Gib mir dein Herz,
Nimm meines dafür!

Der Schatten wehte
Und seufzte:
Lass mich das dunkle Blut trinken,
Odysseus,
Lass mich ins Leben wieder gehn!
Ach, dass einmal noch ich schritte
Unter den tönenden Gestirnen,
Dem Oleander
Zauberisch duftend,
Dass einmal noch ein Mädchen ich hielte bei den zierlichen Brüsten,
Und ihre Armreife klirrten,
Wenn ich sie liebte,
Die an der Mauer leicht gelehnte,
Und meine Küsse bald ihre Lippen bald den Efeu träfen.
Dass ein Freund mich noch einmal schlösse
In die gewaltigen Arme:
Odysseus!
Besser eine Ratte im stinkenden Loch
Oder ein Schakal

Sich nährend von Aas,
Als selber Aas sein
Stinkend
Tot
Den Würmern Speise und dem lieben Licht ein Greuel.

Der Schatten neigte sich und trank das schwarze Blut,
Das schon gerann
Und wehte auf
Ein schwarzer Schmetterling
Mit blutbetupften Schwingen
Und schwirrte um die Stirne des Odysseus
Und schwebte, windgetrieben, über den Okeanos
Dahin, dahin ...


                Herbst

Schon hebt die tanzende Charite
Die selige Syrinx,
Und dem gelösten Haar entfällt
Ein Büschel Mohn.

Im Wasser spiegelt sich erstaunt
Der heilige Frosch.
Die letzte Schwalbe
Verweht nach Süden.

Ins brechende Blumenauge
Blickt der verwunderte Jüngling,

Unwissend, dass er die Blume brach am Taumorgen,
Da er die Freundin streichelte.

Er schreitet,
Der marmorne Henker,
Nackt
In die stygische Nacht.


           Phaëthon

Phaëthon,
Der Mundschenk der Götter,
Mischte den Göttern
Schlaf in den Wein.
Sie tranken,
Sie sanken
In Traum und in Schlaf.

An seinen Sonnenwagen gelehnt
Schlief Helios.
Die Zügel schleiften
Auf Wolken.

Da trat der Knabe Phaëthon herzu,
Sprang auf das Brett,
Ergriff die Geissel
Und liess sie über die Rosse sausen,
Die goldenen.

Sie wieherten jauchzend
Unter der jungen Hand
Und jagten durch den Äther,
Verliessen die alteingefahrne Bahn.
Die goldenen Locken des Knaben,
Die goldenen Mähnen der Rosse
Stoben im Sternensturm.

Als er am Abend lenkte
Das goldne Gefährt
In den himmlischen Stall,
Da waren die Götter erwacht.

Helios jammerte,
Zeus grollte.

Schneeweiss war des Göttervaters Haar geworden,
Schnee lag auf dem Götterberg.
Denn allzuweit hatte der Knabe sich von ihm entfernt
Mit dem Sonnenwagen.

Zu nah war er der Erde gekommen,
Denn tausend Steppen standen in Flammen
Und Wälder bluteten rot.

Das grosse Feuer kam
Wie einst das grosse Wasser war gekommen.
Die Lava rollte schwarz.
Die heilige Zeder
Brannte.

Aus den verkohlten Wurzeln stiegen
Gewürm und Engerling ans Licht.

Und Kypris, die die Nacht wie stets
Auf Erden zugebracht,
Riss ihren Knaben
Eros
Hinter sich auf das geflügelte Pferd.
Das galoppierte über den wandernden Insekten
Auf den Leibern der Dämonen
Und hob sich wie ein Adler dann
Und galoppierte auf den Wolken -
Und kam zum Götterberg.

Eiszapfen hingen von dem Ritt durch die Äonen
Dem Pferde in den Mähnen.
Kypris mondblondes Haar war weiss beschneit,
Und Eros
Schlug die erstarrten Finger aneinander
Wie Glockenklöppel.

Ich friere, sagte Helios.
Was tatest du,
Vorwitziger Knabe,
Phaëthon?
Die Götter frieren,
Und der Menschen viele sind verbrannt
Wie Kälber am Spiess.

Zeus weint zum erstenmal seit Ewigkeiten,
Und Kypris floh die Erde.

Der Knabe aber
Schnalzte mit der Zunge
Und zog die Stirne kraus -
Und lächelte
Und schwieg.



Gedichte

              Die Plejaden

                     1917

                         I

              Der Totenkopf

Es wird nie wieder Friede sein. Der Kopf
Des Todes grinst auf allen Vertikos.
In Bronze. Gips. Als Bierkrug. Suppentopf.
Er birgt sich liebend in des Mädchens Schoss.

Er schwankt auf einem dürren Trunkenbold.
Man nimmt ihn untern Arm. Als Springbrunn speit
Er Blut in eine Blütenwelt. Er rollt
Als Kegelkugel durch die grosse Zeit.

                           II

Gott der Kindheit, darf man dir noch glauben?
Ach ich kenne dich nicht mehr.
Wo sind deiner Herrschaft milde Tauben
Und des Weines goldgegorne Trauben
Und des Frühlings frohe Wiederkehr?

Falten trage ich und rauhe Runzeln,
Und mein Schädel ist mit Moos gestopft.
Bei der Kerze abendrotem Funzeln
Denk ich lächelnd an mein Beet Rapunzeln,
Über dem der Juniregen tropft.

                          III

Ich ging übers Feld und suchte einen Menschen.
Ich traf sieben tote Engländer.
Ich begab mich in das Dorf.
Wollte ein Weib. Liebte eine Ziege.

Erhob den Blick und suchte die Sonne.
Sie war von Granatennebel umdunkelt.
Ich fiel zur Erde. Meine Knie
Stiessen auf Eisen und Beton.

Gänse schnattern. Zum Teufel: dreht ihnen die Hälse ab!
Laternen leuchten. Auslöschen!
Mädchen lächeln von unten herauf. Begattet sie
Mit Messern oder sonst einem Tod.

Den Fliegen reisse man einzeln die Flügel aus.
Blende den Hasen und jage ihn ins Feld.
Menschen ohne Beine mögen laufen,
Wohin immer es ihnen gefällt.

Leben wird unerträglich dem Sterbenden.
Sonne: ich spei dir in dein goldnes Gesicht
Die Eiterfetzen meiner Lunge. Mutter -
Warum immer gebärst du Tod!

                   IV

Kleine Französin, weine nicht,
Starb Mann den Kindes-,
Kind den Mannestod.
Die Schnörkel der Kathedrale
Umschlingen uns Irrende.

Suche den Weg nicht
Aus dem Steingestrüpp.
Bleibe
Pilaster ...

                          V

                    Abschied

Ich stopfe dir mein Taschentuch in die Wunde
Oder was einmal Taschentuch gewesen.
Gott schlägt die elfte Stunde.
Soll ich dir aus der Bergpredigt vorlesen?

Liebet euch untereinander. Ich hab nie gewagt
Jemand zu lieben: wie ich liebe jetzt dich, halbtoter Freund.
Und du bist doch nur ein Hund, der auf fremden Feldern streunt
Und (wie nach Kaninchen) nach letzter Liebe jagt.

Räudiger Hund. Wir sind alle von Ungeziefer zerzaust.
Ehe wir uns in den Himmel bequemen,
Müssen wir ein (russisches) Dampfbad nehmen,
Und Gottvater selber ists, der uns laust.

                     VI

                 Für S.S.

Es halten deine blumenhaften Hände
Der Erde Achse, die sich leise dreht.
Und selbst des Krieges blutendes Gerät
Wird Erntesichel überm Herbstgelände.

Es rauschen hinter deinem Felsenhaupt
Die violetten Ströme in den Adern.
Und deine blauen Blicke blondbelaubt
Entketten sich zu seligen Fluggeschwadern.

Ich sehe wohl die leuchtenden Maschinen,
Allein ich bin im Fernen irgendwo,
In Grönland und als Eskimo,
Um dort dem Walfisch und dem Tran zu dienen.

                          VII

Schlimm ist es, in der Heimat Frauen haben
Und Kinder, deren Zukunft man bedenkt.
Man möchte sie vergessen und begraben,
Wenn man sich selber in den Himmel hängt.

Man greiftzum Strick. Man schlingt ihn um den Mond
Man schlenkert klirrend in der leeren Luft.
Man gräbt sich in den Wolken seine Gruft,
Ein toter Stern, der Erde ungewohnt.

                         VIII

              Im Schützengraben

Bruder: vielleicht
Bist du es, Bruder, dem ich den Kolben gab?
Jetzt schläft du todmüde in einem Massengrab
Und ich liege im Schützengraben: aufgeweicht.

Wir tanzen in französischen Blusen.
Paul spielt Harmonika. Applaus.
Der dicke Unteroffizier hat beinah einen Busen.
Der gefangene Hochländer sieht wie eine junge Dame aus.

Seufzer einem wie Küsse vom Munde stieben.
Man sehnt sich nach einer Ziege oder einem Pferd.
Wo sind die Mädchen geblieben?
Die Ehe mit einer betagten Witwe ohne Vermögen erscheint plötzlich erstrebenswert.

                                      IX

                              Im Lazarett

Ein Bauchschuss befindet sich auf dem Wege der Besserung.
Ein (alkoholischer) Magenkatarrh beschwert sich über Verwässerung
Des Magensaftes durch dünne Medizinen.
Zwei Schwestern sind beflissen, einem Ohnebein zu dienen.

Ein Herzschuss möchte zum Schluss noch etwas Sekt.
Eine Ruhr hat schon wieder das Bett verdreckt.
Eine Schenkeleiterung muss Liebesbriefe schmieren.
Ein Streifschuss geht (draussen) in der Sonne spazieren.

                           X

Es schwillt die Flut. Es stürzt der Damm.
Wer ist noch gut? Wer stemmt sich: Stamm?
Wo schmerzt dein Herz? Es weht im Wind.
Dein Hirn? Aus Erz. Dein Blut? Es rinnt.

Und wer da hebt die stille Hand,
Dem schlägt ein Schwert sie in den Sand.
Und wer da lächelt irr im Blick,
Spürt schon um seinen Hals den Strick.

Es geht zu End, Gebete send,
Die Herde flennt, die Erde brennt.
Wohl dem, der starr und unbewegt
Die Steinstirn durch die Flammen trägt.

                      XI

Es fällt ein Blatt. Es stürzt ein Baum.
Es steht der Mond. Es weht die Nacht.
Und über allem Traum und Raum
Ist eine Hoffnung sacht erwacht.

Sie sucht nach Rast. Ein Falter fast.
Sie stäubt dahin, sie glänzt dahin.
Und wer die Erde noch gehasst,
Betäubt geht und bekränzt er hin.

Du, dem das Blut zum Halse stieg,
Und der die goldne Sense schwang:
Die Stirne neig! Die Kniee bieg!
Der Gott geht seinen Donnergang!

                            XII

             Der Dichter im Winter

Die Stadt in Schnee und kühlem Mondlicht liegt.
Die Schlitten schweben und der Nordwind schweift.
Soldaten gehen glitzernd und bereift,
Und Frauen sind in Pelze eingeschmiegt.

Wo winkt ein Fasching, dass du dich entlarvst?
Bewahr dein heisses Herz zu eigener Tat
Und hoffe, dass ein holder Frühling naht,
Wo du es wieder allen zeigen darfst ...


                   Der Friede

Der Friede stürzt ins Land
Gleich einem Schaf, von Wölfen angerissen.
Er trägt ein grau Gewand,
Zerflattert und zersplissen.

Sein Antlitz ist zerfressen,
Sein Auge ohne Glanz.
Er hat vergessen
Den eignen Namen ganz.

Gleich einem alten Kind
(Gealtert früh in Harmen)
Steht er im Abendwind
Und bettelt um Erbarmen

Es glänzt sein blondes Haar,
Der Sonne doch ein Teilchen.
Er bietet lächelnd dar
Ein welkes Herz und welke Veilchen.


            Verse aus dem Gefängnis

       Militärgefängnis Nürnberg, April 1919

                                I

Zuerst rannte ich mit dem Kopf gegen die Wand
Und rüttelte an den Stäben.
Ich verfluchte Tod und Leben
Und steckte mit meinem feurigen Blick das ganze Gefängnis in Brand.
Das vergitterte Fenster oben war blind und klein.
Ich wusste nie, ob die Sonne schien oder Regen.
Ich hungerte und hatte tausend Mägen,
Und ich wollte so gerne mein eigener Enkel sein.
Dann warf ich mich auf die Pritsche hin.
Eine Schale Suppe ist durch die Tür geschwebt.
Ich habe wie ein hungriger Menagerielöwe gebebt.
Einmal ging ein Frauenschritt auf dem Gang vorüber. Der Schritt einer Königin.
Schliesslich bin ich davon überzeugt, dass ich ein Verbrecher sei,
Und dass ich mit vollem Recht unschädlich gemacht bin.
Ich dulde es, dass ich vom Wärter verlacht bin,
Und ich fühle, dass er so etwas wie ein Cherubim
mit Flammenschwert und meiner Taten Rächer sei.
Einmal wird die Tür sich öffnen und wie eine Gnade
Wird mir die edle Freiheit wieder von Gott gewährt.
Ich stürze sofort in ein erstklassiges Hotel und bade
Und gehe in die Reitschule und besteige mein Lieblingspferd.
Ich glaube, es hiess Mimi, wie das zarte Mädchen in dem bekannten Bohème-Romane,
Und ich jage durch den englischen Garten und reite durch Felder von Korn und Mohn,
Und ich rase und schwinge der Sonne rote Fahne
Und ich reite voran der himmlischen Revolution.

                      II

Kann ich denn noch Verse singen,
Wo ich hinter Stäben sitze?
Donner donnre, Blitze blitze,
Und die Wand will nicht zerspringen.
Ginge doch die Tür und käme
Eine frauliche Gestalt,
Die mich bei den Händen nähme,
Sie sei Mädchen oder alt.
Wenn der Tisch sich doch belebte,
Wenn mein Mantel mich umfinge!
Dieses Kissen an mir hinge,
Dieses Bildnis - wenn es lebte!

                      III

Drausseu singt ein Vogel in der Welt.
Draussen blüht ein blaues Frühlingsfeld,
Draussen geht ein Mädchen Arm in Arm
Österlich geputzt mit dem Gendarm.
Draussen sitzen satt im Restaurant
Bürger bei Musik und Gabelklang.
Auf der Burg von Nürnberg spielt ein Kind
Mit den Wolken und dem Himmelswind.
Und der Untersuchungsrichter streicht
Seiner Frau das blonde Haar vielleicht.
Draussen lächeln sie einander an:
Greis und Säugling, Mädchen oder Mann.
Draussen lieben sie einander sehr:
Reh und Wiese, Sonnenschein und Meer.

                IV

Nun wird es wieder dunkel.
Kein Stern tritt mit Gefunkel
In meine Zelle ein.
Die Wände schier erblassen,
Und grüne Hände fassen
Nach mir wie zum Gespensterreihn.

Wie wird es morgen werden?
Kein Himmel hier auf Erden.
Die Nacht so sanfte Wellen schlägt.
Ich sinke wie verloren,
Umhüllt von schwarzen Floren,
In einen Fluss, der mich von dannen trägt.

                           V

Und heut in der Nacht / da bin ich erwacht,
Es schrieb eine Hand an der Wand.
Und die Schrift war rot / wie Blut so rot,
Und wie Wachs so weiss war die Hand.

Und ich sahs und vergass / meine Ängste und las,
Was die Hand, die silberne, schrieb.
Bedarfst du mein? / Du bist nicht allein
Und ich hab dich ewig lieb.

Vergiss nicht die Fei / und die heilige Drei
Und den Schrei und den endlosen Kuss.
Der Kerker zerbricht / es naht das Gericht,
Und zur Quelle empor fliesst der Fluss.

Die Nacht und der Tag / der Mond und der Hag,
Wir lieben uns immer neu.
Du küsst meine Stirn / wie Sonne den Firn
Und als Bettler hüllt uns die Streu.

Bleibe du, bleibe ich / so singe, so sprich,
Sprach ich recht, sprach ich dich, sprach ich du?
Ich ergriff an der Wand / die silberne Hand,
Und sie zog mich den Sternen zu.

                      VI

Wie der Schneefuchs der Polarnacht
Streif ich einsam durch das Leben,
Keinem künftig hingegeben,
Weil die Einsamkeit nur wahr macht.
Fälschte nicht des Bruders Tritt ich?
Wünscht zum Ziel er meinen Rat sich?
Jeder suche seinen Pfad sich,
Und schon schwirrt des Geiers Fittich.

Ja: verzeiht dem armen Toren,
Dass er focht für seine Brüder.
Hier, die Waffen legt er nieder,
Denn ihr habt ihn nicht erkoren.
Blasser starrt der Mond und gelber,
Felsen folgen seinem Scheine.
Und vergebt mir, dass ich weine,
Denn nichts wollt ich für mich selber.

                             VII

                 Sonett auf Nürnberg

Du deutsche Stadt, du deutscheste der Städte,
Mich Wankenden beschützen deine Mauern.
Zart bist du zu dem Zarten, rauh zum Rauhern.
Ich bete deine steinernen Gebete.

O Zeit, da gut und fromm selbst das Geräte!
Ich fühle mich bewegt von edlen Schauern.
Gott, welcher Bild und Giebel ward, wird dauern,
Wenn wir längst Dünger nur für Friedhofbeete.

Sind diese Gräben für den Krieg geschaffen?
Um Scharten blüht der Ginster und der Flieder.
Der Goldschmied, nahm er Gold, um zu erraffen?

Die Zeit war ewig. Lerchen ihre Lieder.
Lass unsere Seelen sich zur Einfalt straffen
Und gib uns Dürer, gib Hans Sachs uns wieder!