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Biografie

Seite 7

                      Coelius

                            I

Wer wird einst deinen süssen Namen wissen,
Wenn nicht mein Wille ihn in Wort geprägt?
Wenn ich ihn nicht in Elfenbein gelegt
Und mit dem Schattenspiel des Ruhms umrissen?

Einst wird man Wimpel auf dem "Coelius" hissen!
Und Coelius heissen Kinder, die erregt
Ein Muttertraum zu Heldentaten wägt.
Und Coelius seufzt es zwischen tausend Küssen.

Dann wirst du längst im feuchten Grabe liegen,
Wo Mohn allein die trübe Tafel weist.
Ein Vogel wird sich auf der Weide wiegen,

Von fernen Tropen zwitschernd zugereist -
Um ihn von Spatz und Nachtigall ein Reigen -
Er geistert schillernd - Geist von deinem Geist.

                           II

Ich spielte kindlich in den dumpfen Mauern,
Der gaukelnde Genoss von Kröt und Wurm.
An meinen Händen tanzten Stab und Turm
Wie unsrer Dörfer trunkne Sonntagsbauern.

An allen Ecken sah ich Drachen lauern,
Bekämpfenswert wie ein Oktobersturm.
Die Kröte glotzte königlich. Der Wurm
Vermochte nur als Königssohn zu dauern.

Der Drache hob im Herbst sich in die Winde,
Der Turm ward Unterkunft der Metzgerei,
Und ein Gespenst entfuhr dem goldnen Kinde

Wie in der Mitternacht ein Katzenschrei.
Um meinen Scheitel schlang sich Rosenbinde -
Der Königsknabe freite um die Fei.

                       III

Du hieltest mir als holde Amorette
Die Himmelsleiter, die ich aufwärts stieg.
Du wusstest meine Worte, als ich schwieg,
Und schmiedetest mich an die Veilchenkette.

Wie oft ging ich mit einer Frau zu Bette,
Und es erscholl Schalmei und Mondmusik.
Wie jauchzte die Geliebte: Liebster, flieg,
Flieg, in den Krallen mich, zur Sonnenstätte,

Du Adler! - Aber eine kleine Hand
Hielt mich zurück, und ich vernahm ein Flüstern:
Bleib bei den Weibern fest - auf festem Land!

Sie haben Brüste! Atmen durch die Nüstern!
Und sind dem Blute blutend zugewandt ...
Dir aber brennt ein Licht aus Himmelslüstern.

                          IV

Dich hat kein steifer Trunkenbold gezeugt,
Und keine Rabenmutter dich geworfen.
Du schliefst wie Kohle gluhend unter Torfen.
Dich hat ein Erdenseufzer erdgebeugt.

Du warst der Rehbock, der am Teich geäugt,
Als ich dahinsank, übersät mit Schorfen,
Ein wunder Wunderlicher - mit amorphen
Gebärden meiner Kinderqual gesäugt.

Ich bin dein Vater, deine müde Mutter.
Ich trug dich siebenundzwanzig Jahr im Schoss -
So wie wohl auf der Werft ein edler Kutter

Oft Monde liegt, eh man ihn löst und gross
Entwallt er auf dem Meere wie Perlmutter -
Du Grenzenloser - lieb mich grenzenlos.

                            V

Wer bist du, schöner Knabe, den beim Heuen
Die Mutter wohl von ihrer Brust verlor?
Du schreitest durch der Mittagssonne Tor,
Mit Lächeln das Lebendge zu erneuen.

Lass Mann und Jüngling sich am Bilde freuen,
Das seine starke Hand zum Heil erkor.
Schwinge im Kinderschwarm das Flötenrohr,
Mit Klängen die Genossen zu betreuen.

Ich bin dein Pferd. Du darfst auf meinem Rücken
Zu der erträumten Nacht der Nächte reiten,
In Flammenglut das schmale Holzschwert zücken!

Die ewigen Engel werden dich begleiten,
Den kleinen Kämpfer flügelnd zu beglücken,
Und ihn zum Siegesfest der Mannheit leiten.

                        VI

Zum letzten Male senke ich die Blicke
Zum Gruss vor einer schleierlosen Frau.
Zum letzten Male blinkt der Himmel blau;
Und um Verlornes schlingt sich Wind und Wicke.

Ich spür zwei sanfte Lippen im Genicke -
Sie schneiden heute wie mit Messern rauh.
Die Stadt im Tal erscheint im Abendtau,
Und leis am Abhang läuten Geis und Zicke.

Nun wallt die rote Dämmerung hernieder.
Die Stadt verliert die Türme in der Nacht.
In Blatt und Wolke lösen sich die Glieder.

Ich schliess die Augen, die so lang gewacht.
Ein Hund bellt an Staketen, weiss von Flieder.
Ein Stern ist über meiner Stirn entfacht.


            Oden

                I

Da nun der Regen rinnt
Und die Wolken wandern,
Bin ich bei niemandem
Denn bei mir.

Kein Baum, den ich nicht bog im Frühling,
Die zarten Blüten zu betrachten.
Ach im Gehäuse des Kelches
Sass der schwarze Wurm.

Früchte sind süss dem, der sie müh-selig zog;
Am herbstlichen Spalier die goldnen Birnen!
Den Greisen wärmt ein winterlicher Herd,
Den Jüngling die heisse Brust seines Mädchens.

Geh über die Brücke, wo der Fluss rauscht.
Blicke stromauf, stromab.
Was weisst du von dir?
Algen und Wasserspinnen treiben auf den Wogen.

               II

Ich sah
Den goldnen Sperber
Aus der Sonne geschleudert
Wie Honig aus Waben.
Kleine Sonne,

Kreiste er über den Iristeichen.
Die Wellen
Tropften von seinem Glanze.
Er hielt im Schnabel
Die tönende Triangel des Frühlings.

                           III

Wie lang ists her, dass ich mit dir im Grase lag.
Das geflügelte Ur-insekt schwirrte über uns.
Ich fing mit der Hand schlanke Ringelnattern
Und hing dir ein Dutzend um den nackten Leib.

In den Felsen spielte der Wind auf dem belaubten Cello.
Vom Monte Ceneri schossen die Soldaten
In die leere Luft.
Schuss auf Schuss klang zwischen unsren Küssen.

Warum nicht traf uns eine verirrte Kugel,
Ehe sich Lippe von Lippe löste?
Unser seliges Aas hätten dankbar gesegnet
Aaskäfer, Ameise, Geier und wilder Fuchs.

                IV

Die Hände vor dem Antlitz
Träumt
Der Gott.
Seine Wälder sind tot,
Seine Berge in die Ebene gestürzt,

Und ohne Lieder
Fliegen die Vögel.
Seine Priester schänden
Des Sterbenden Sanftmut.
Mit eisernen Sohlen geht der Mensch
Durch die Saaten.

ER beugt seine einsame Stirn
Zum Waldteich hinab.
Die Wellen rauschen über die Runzeln
Und füllen sein leeres Aug
Mit Tränen.

                      V

Ich habe das heiligste Herz verloren.
Ich habe allen Schmerz der Welt getragen.
Sechs Monate lag ich über einem Grabe
Und jaulte wie ein Hund.
Ich habe in die Sonne gebellt,
Ich habe in den Mond gebellt,
Einsamer war ich wie der Dipplodocus.
Aber nun reisst es mich empor,
Jemand biegt meinen Kopf zurück, dass meine Nackenmuskeln knacken,
Und ein bärtiger Mann, mit einem Ziegenfell bekleidet,
Lächelt wie der Himmel über mir,
Donnert wie der Himmel über mir:
Lebe!

         VI

Es frommt
Dem Frommen,
Zu tanzen über die Erde.
Wem ein Glück glückt,
Der halt es fest.
Wie leicht verdüftet
Der firne Wein.
Ein zweites Mal
Durchs offene Abendfenster
Schwebt nicht der heilige Vogel der Nacht.
Deck zu den Wein,
Schliess zu das Fenster.
Der Wein bleibt süss,
Der Vogel bleibt dir treu.

                     VII

                  Grete G.

Nicht werde ich vergessen deine Brust,
Die tönende Ampel,
Darin dein Herz leuchtet,
Du Samtene!
Oft
Wenn ich erwache des Nachts,
Sehe ich dich wie einen silbernen Delphin
Durch die Gewässer des Dunkels schwimmen.
Oder am Tage:
Aus dem Asphalt
Blüht ein Gesträuch,
Und dein Duft
Wirft mich besinnungslos auf den Stein.

             VIII

Frühlingsgewölk. Die Stare
Singen schön.
Die ersten Regentropfen trillern
Am Dach.

Die Wetterfahne weht
Nach Süden.
Die kleine Wiese
Weiss viel.

Träum ich die Tanne?
Träumt die Tanne mich?
Es lebt und stirbt
Sich leicht.

        IX

Und vergib mir:
Ich tat,
Was Gott allein zu tun geziemt:
Nahm deine Hand für meine,
Dein Herz für meines.
Mich verwirrte
Die schöne Nacht,
Der goldne Stern im Strauch
Und dann der namenlose Duft der Linde.
Verzeih.

                X

Wohl ziehen wilde Gänse
Über den Horizont.
Aber der Mensch bleibt
Klein im sumpfigen Kolk.
Denn seine Wimpern sind verklebt
Mit Argwohn,
Und Ikarus träumt.

Der Jäger hebt
Das tönende Rohr
Im Röhricht.
Die Triangel der wilden Gänse
Zerreisst.
Der Spitzenvogel
Klatscht
In den Sumpf,
Wo der Mensch mit der fahlen Fratze steht
Und verlegen
Vor dem brechenden Auge des Vogels
Den grünen Hut in den Fingern dreht.

          XI

Eiche,
Du fassest Wurzeln
Und stehst.

Uns aber treibt
Ein Unruh
Und Verlangen
Von hier nach dort.

Mir ruft die Höhe,
Mir ruft die Tiefe,
Der Engel der Mitte
Begnadet mich nicht.

Zerrissen, zerrissen,
Ich fasse am Ende
Die knochigen Hände
Des fraulichen Tods.

          * * *

Aus meinem Grabe
Die Säfte sie steigen
In deine Wurzeln,
Beständige Eiche.
So finde ich Ruhe
Und Stärke
In dir.


  Die schwarze Fahne

Gruss an Gottfried Benn

           I

Bruder Mensch
Luder Mensch
Wohin
Hebst du deine Hände?
Zum Ende?
Zum Beginn?

Du weisst
Den Geist
Der ewig kreist.

Er bellt
In Welt
Und Wiese wie
Ein wunder Hund, ein wilder Wolf.
Er hängt als Segel überm Golf.

Er macht
Ohn Macht
Die ewige Nacht.
Er pflag
Ohn Plag
Der Ruh im Tag.
Er war
All Jahr.
Er wird
Dein Hirt.

Er ist
Ohn Frist
Ohn Lust und List.
Er ist die Flamme des Gerichts

Im donnernden Gesang des Lichts
Im dunklen Spiegel des Gesichts:
Das Nichts
das Nichts
das Nichts
das Nichts.

                      II

Die Menschheit ist ein leeres Wort.
Mein Mensch ist viele Meilen fort.
Er liebet mich. Ich liebe ihn.
Die Wolken ziehn. Die Falter fliehn.
Ein Mond steigt unter Rosen auf.
Nie hört sein Mund zu kosen auf.

                III

Der Glaube an die Utopie
Ist eine
reine
Mimikry.
Und Mimi schrie
Des Nachts
Im Traum.
Nun lachts
Am Wiesenwickensaum,
Dort, wo du, Venus, ehern brennst:
das silberfarbene Gespenst.

                IV

Heut
In der Frühe
Heulte der grosse Hund
Und
Der Himmel dampfte wie Brühe.
Geläut
Ging durch die Ähren
Ein Magd
Erbrach ein Kind.
Das klagt:
Wir wissen nicht, was wir wären
Nur:
Ruhr
Schwären
Geburt Geboren Gebären -
Was wir sind.

                      V

Das Elend hat mich ganz zerfranst.
Die Irre tanzt, die Girre tanzt.
Ein kleiner Mann mit blauem Hut
Ist meiner armen Armut gut.
Er geht heraus, er geht herein.
Wind weht aus dem Zypressenhain,
Und aus der Höhe fällt der Tag.
Begreif es, wers begreifen mag.
Das Treibeis trieb. Im Blut der Trieb.
Sag:
Hast du mich noch immer lieb?
Schaumschimmerlieb -
Noch immer lieb?

                VI

Zuweilen
Geht der Tod durch dich
Heimlich hindurch.
Zum Beispiel: wenn du bei einer Frau liegst.
Du ahnst es nicht
Aber sie
Verschwärmte Schwester des Schwarzen
Wird unruhig
Reisst dich rauh
An ihre zarte Brust.
Du fühlst
Vielleicht beglückt
Ein zweites Herz in der Polarnacht schlagen.

                VII

Soll ich unter gehn
Will ich munter gehn,
Niemand soll mein Bruder sein.
Türe fliegt im Wind
Und ein kleines Kind
Wird bei seiner grossen Mutter sein.

Alles Leid: geschah.
Zeit: war einmal da.
Raum: zerbrach,
Und Wasser frass die Furt.
Ich bin nichts und hold
In mich eingerollt
Wart ich auf die Stunde der Geburt.

                  VIII

Die Anarchie ist unser Glück.
Ich reiss vom Leib mir Stück für Stück.

Zuerst den Rock, danach das Hemd -
Wie war ich vor mir selber fremd.

Ich reiss die Augen aus der Stirn,
Sie sollen nicht das Licht verwirrn.

Ich zerr an Darm und Samenstrang:
Kein neuer Mensch mein Untergang.

Ich reisse mir die Haut herab,
Es fällt der Plunder von mir ab.

Ich stehe nackt vor Tod und Grab.

                      IX

Ich hörte wie ein Silberbart schrie:
Es lebe die heilige Demokratie.

Da trieb ein Wrack im fahlen Fluss:
Hie Spartakus.

Und eine Wolke ist verweht:
Es lebe des Kaisers Majestäs.

Da sprang mit Panthersprung zur Tribüne
Ein dürrer, ein magrer, ein hagrer Hüne.

Auf seiner Stirne lag ein Schein
Ein Veilchenschein ein Heiligenschein.

Es gibt nur
Eine wahre klare Diktatur.

Ein jeder lebt nach dem Diktat
Das der da oben
der da unten
Er legt die Lunten
Ihn lasst uns loben
gegeben hat.

Es gibt nur eine Partei:
der Sterbenden
Es gibt nur eine Partei:
der Verderbenden

Der Arges Erbenden
Weh-mut Werbenden.

Ein Schleier vor aller Blicke hing.
Sternenstille. Kein Atemzug ging.

Er hob die Hand. Die war verdorrt.
Es meldete sich niemand zum Wort.

                        X

Nummer 1 trägt eine Radfahrermütze.
Nummer 2 hat die Krätze.
Nummer 3 erinnert sich an seine dritte Braut.
Nummer 4 weint.

Der Wärter rasselt mit den Schlüsseln.
Öffnet keine Pforte.
Oben im ovalen Fenster
Hängt der Himmel wie eine Scheibe Brot.

Hunger Hunger nach dem Himmel
Hunger Hunger nach der Scheibe
Brot und nach der Sonnenscheibe.

Nach dem Schreiten
weiten Schreiten
in die Weiten.
Hunger Hunger nach dem kleinsten Lächeln
Einer verfallenen Frau.

Hier ist kein Ausgang
und kein Ende.
Paragraphen
Trafen
Tödlich.
Vor den Augen saust es rötlich.
An den Mauern trommeln Stümpfe ohne Hände.

                          XI

In manchen Nächten tanzen die Skelette
Am Friedhof. Auf den Kreuzen sitzen Frauen
Und lassen sich von fleischlosen Kavalieren
Um die Wette
Auf Herz und Nieren
Prüfen und bis ins Innerste ihres Herzens schauen.
Da aber ist nichts als leerer Raum:
Bloss
Der Himmel hängt darin wie ein dunkelblauer Traum,
Und die Sterne wandeln zwischen den Rippen gelb und gross,
Und der Mond liegt wie ein goldener Embryo in ihrem hohlen Schoss.

                                  XII

Wir wollen aus allen Fenstern schwarze Fahnen hissen.
Wer darf noch von einer Hoffnung wissen?
Uns will keine Sonne, kein Mond mehr bescheinen.
An den Strassenecken stehen Hunde, die p .....,
Und Menschen, die weinen.

Und ein Hund springt auf einen andern Hund
Und Mann auf Mann: wie gleichgültig ist das alles:
Gut und böse, Nord und Süd.
Nur dass uns Erlösung für eine Sekunde blüht
Aus dem ewigen Dalles,
Dem ewigen Nichts,

Dem ewigen Ohne-Grund,
Dem Dunkel des Lichts.

Wen erpichts,
Hinter den Vorhang zu schauen,
Wo die fahrigen Mimen sich abschminken,
Alte Mädchen mit verrosteten Haarnadeln ihre Kahlköpfe krauen,
Der Bariton und die Souffleuse sich in die Arme sinken?
Wo es die Naive dem Helden zärtlich mit dem Munde macht?
Gute Nacht!

                         XIII

Nächtliches Fieber

Ich huste durch die Nächte hohl und heiss.
Die Stunde klingt. Es glänzt der Schweiss.

Ich bin durch seltne Hässlichkeit verschönt.
Ein Kabarett entfaltet sich und tönt.

Im Kahne schaukelt sich mein Kahlkopf kess.
Wenn mich ein Mädchen sähe, weinte es.

Mein Auge brennt. Die Arme flügeln leis.
In meinem Schnabel hängt ein Ölbaumreis.

                            XIV

                Ironische Landschaft

Die schwarzen Augen dieser Frühlingsnacht -
Mir ist, als ob ich dort ein blondes Reh seh.
Der Mond hängt eine Mandel gelb und kracht.
Es riecht die Luft wie scharfer Chesterkäse.

Ich türme wie ein Kirchturm übers Feld.
Mir wird vor meinen eignen Füssen graulich.
Nun stehe ich, vom hohen Licht erhellt.
Und eine Hand erhebt sich weiss und fraulich.

                           XV

Ach Gott, wir sind ja ganz und gar, vertattert,
Der eine Abend ist dem andern gleich.
Und jedes Auto rattert
Uns in dasselbe Himmelreich.

Da gehen Mädchen auf rasiertem Rasen,
Da steht wohl eine Bank, man setzt sich hin.
Die Militärmusiker blasen
Mir jene Stelle, wo ich sterblich bin.

Was weiss ich denn, als dass ich Kinder kriege,
Bald hier, bald da, wie es der Zufall will?
Es knarrt noch jede Stiege
Das nämlich dämliche Idyll.

Bei manchen Eltern setzt es fröhlich Hiebe,
Geht ihre kleine Dirne auf den Kies.
Was nützt es, wenn ich tausend Frauen liebe,
Und meiner Mutter Schoss mich von sich stiess ...?

                       XVI

Früh um vier auf dem Nachhauseweg

Ich springe aus einem fremden Bett
Der Schweinebraten heute war ziemlich fett
Es rumort im Darm
Ich muss gehn
Ich glaube ich hielt den Mond im Arm
Er zelebrierte eine Hyazinthe im Maul
Bleib doch noch, Paul -
Auf Wiedersehn.

Was soll werden?
Weisst du das?
Friede auf Erden
Glück und Glas
Die letzte Untergrundbahn hab ich versäumt
Eine Autohaltestelle ist auch nicht in der Nähe
Auf der Nürnbergerstrasse wandeln zwei Rehe
Eine Droschke träumt
Von sich
Sie fuhr übern Strich
Dann untern Strich
Kobolz
Ins Feuilleton
Bon
Das Pferd ist aus Holz
Der Mann aus Stein
Bald wird es morgen sein.

Olga
Und Wolga
Reimt sich
Erster Kuss
Letzter Kuss
Ebenfalls.
Man brach in der Loge zu den drei Weltkugeln einigen Flaschen den Hals
Und einer Dame im Nerz
Das Gipsherz
(Gegen Blut empfand sie ein gewisses Odium)
Ich rezitierte auf einem Podium
Auf dem eine Guillotine stand:
Was ist des Deutschen Vaterland?
Aus einer benachbarten Kaschemme
Holte der Meister vom Stuhl mir persönlich eine Bemme.
Da sage einer noch, dass der Bürger seine Dichter hungern lässt
Es war ein phänomenales Fest.

Man hat mir am Wittenbergplatz
Meinen Wintermantel gestohlen (Applaus)
Dazu einen Kinderlatz

Und meine Brille.
Was immer geschieht: es geschieht Gottes Wille.
Durch meine Brille sieht die Welt wie ein frisch gebornes Ferkel so rosig aus.

Der ersten Strassenbahn Gebimmel.
Der Himmel
Glänzt wie ein Rasierspiegel
Herrgott hab ich Stoppeln am Kinn
Und wie widerlich ich im grossen ganzen bin
Selbsterkenntnis ist der erste Schritt -
Na Kleener, kommste mit?
Die Sterne fallen wie Schnee
Der Stern dort mein Herz zuckt rötlich
Und jener: mein Nabel?
Fabel-
haft - oder ists die grosse Zeh?
Ich langweile mich tödlich
Getreu bis zum Grab
Schieb ab, kleine Dirne,
Es leuchten die Firne
Schieb ab, schieb ab -
Die Kinder wie Ratten in den feuchten Kellern krepieren
Die Mütter in ihren dünnen Hemden frieren
Keine Kohle
Kein Brot
Keine Sohle
Kein Tod

Ein halbes Leben
Ein halbes Sterben
Gott im Himmel ich kann nicht vergeben -
Rachitische Braut
Aus deiner ledernen Haut
Wollen wir dir deine Hochzeitsschuhe gerben
Denn deine letzten Pantinen
Hat dir mit heitersten Mienen
Dein zweiter Kerl geklaut.

Es ist scheusslich kalt
In der Passage ist eine alte Frau erfroren
Sie hat auf die Steinfliesen ein blindes Kind geboren
Die Sitte nahm es mit: Kleines Biest
Sei froh dass du die Friedrichstrasse nicht siehst
Wie ein Vogel hat sich das Kind an den Schutzmann gekrallt
Aber der liebe Gott geht in einem angewärmten Schafpelz durch den Wald.
Er ist der liebe gute alte Mann
Dem man nicht böse werden kann
Er kommt wie der lahme
Revierförster angesackt
Achtung: Grossaufnahme
Letzter Akt
Monumentalfilm: Die Schöpfung (Die Schröpfung)
Titel: Gelobt sei dein Namen
In Ewigkeit Amen.


                  Epilog

                 An Irene

Ich habe Blatt um Blatt gewendet.
Das Buch ist leer. Und leer mein Blick.
Ist jener Vogel mir gesendet?
Und jene Knospe mein Geschick?

Hier bist du durch den Kies gegangen
Hier hing dein Lächeln im Gewölk.
Hier spieltest du mit Kindern Fangen.
Die Kühe kamen mit Gebölk

Und sahen dich mit den Pupillen
Verehrend an wie Gott und Tier.
Und auf dem Flusse dort die Zillen
Empfingen ihren Kurs von dir.

Der Mond strahlt hell, als strahle Hass er,
Und alles fliesst durch mich hindurch,
Als sei ein Glas ich oder Wasser,
Durchzuckt von Schleie, Frosch und Lurch.

Sie sind einander wohl wie Schwestern.
Wie Brüder sind sich Hund und Hain.
Ich aber geh als ewiges Gestern
Ins Übermorgen dunkel ein.




D. Die Harfenjule

       Die Harfenjule

Emsig dreht sich meine Spule,
Immer zur Musik bereit,
Denn ich bin die Harfenjule,
Schon seit meiner Kinderzeit.

Niemand schlägt wie ich die Saiten,
Niemand hat wie ich Gewalt.
Selbst die wilden Tiere schreiten
Sanft wie Lämmer durch den Wald.

Und ich schlage meine Harfe,
Wo und wie es immer sei,
Zum Familienbedarfe,
Kindstauf' oder Rauferei.

Reich mir einer eine Halbe
Oder einen Groschen nur,
Als des Sommers letzte Schwalbe
Schwebe ich durch die Natur.

Und so dreht sich meine Spule,
Tief vom Innersten bewegt,
Bis die alte Harfenjule
Einst im Himmel Harfe schlägt.


      Deutsches Volkslied

Es braust ein Ruf wie Donnerhall,
Daß ich so traurig bin.
Und Friede, Friede überall,
Das kommt mir nicht aus dem Sinn.

Kaiser Rotbart im Kyffhäuser saß
An der Wand entlang, an der Wand.
Wer nie sein Brot mit Tränen aß,
Bist du, mein Bayernland!

Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?
Ich rate dir gut, mein Sohn!
Urahne, Großmutter, Mutter und Kind
Vom Roßbachbataillon.

O selig, o selig, ein Kind noch zu sein,
Von der Wiege bis zur Bahr'!
Mariechen saß auf einem Stein,
Sie kämmte ihr goldenes Haar.

Sie kämmt's mit goldnem Kamme,
Wie Zieten aus dem Busch.
Sonne, du klagende Flamme:
Husch! Husch!

Der liebe Gott geht durch den Wald,
Von der Etsch bis an den Belt,
Daß lustig es zum Himmel schallt:
Fahr' wohl, du schöne Welt!

Der schnellste Reiter ist der Tod,
Mit Juppheidi und Juppheida.
Stolz weht die Flagge schwarzweißrot.
Hurra, Germania!


         Der geistige Arbeiter in der Inflation

Wer nur den lieben Gott läßt walten -
Ich arbeite an einer Monographie über die römischen Laren.
Am Tage liege ich im Bett, um Kohlen zu sparen.
Ich werde ein Honorar von drei Mark erhalten.
Drei Mark! Das schwellt meine Hühnerbrust wie ein Segel.
Ein kleines Vermögen. Ich werde es in einem Taschentuch anlegen.
Wie ich es früher trug und wie die reichen Leute es heute noch tragen.
Um vorwärts zu kommen, muß man eben mal leichtsinnig sein und was wagen.

Ein Jahr schon schneuze ich mich in die Hände,
Nun führt der Allerbarmer noch alles zum guten Ende.
Abends, wenn die Sterne und elektrischen Lichter erwachen,
Da besteige ich des Glückes goldnen Nachen.

Ich stehe am Anhalter Bahnhof. Ergebenster Diener!
Ich biete Delikateßbockwurst feil und die ff. heißen Wiener.
Manchmal hab' ich einen Reingewinn von einer halben Mark.
Ich lege das Geld auf die hohe Kante. Ich spare für meinen Sarg.

Ein eigener Sarg, das ist mein Stolz
Aus Eschen- oder Eichenholz,
Aus deutscher Eiche. Das Vaterland
Reichte mir hilfreich stets die Vaterhand.
Begrabt mich in deutschem Holz, in deutscher Erde, im deutschen Wald.
Aber bald!
Wie schläft sich's sanft, wie ruht sich's gut,
Erlöst von Schwindsucht und Skorbut.
Herrgott im Himmel, erwache ich zu neuem Leben noch einmal auf Erden:
Laß mich Devisenhändler, Diamantenschleifer oder Kanalreiniger werden!


              Berliner Mittelstandsbegräbnis

In einer Margarinekiste habe ich sie begraben.
Ein Leihsarg war nicht mehr zu haben.
Die Kosten für einen Begräbnisplatz konnt ich nicht erschwingen:
Ich mußte die Margarinekiste mit der teueren Entschlafenen
auf einem Handwagen in die Laubenkolonie
am schlesischen Bahnhof bringen.

Dort habe ich sie in stockfinsterer Nacht
Unter Kohlrüben zur ewigen Ruhe gebracht.
Aber im Frühling werden aus der Erde Kohlrüben,
die sie mit ihrem Leibe gedüngt,
zum himmlischen Lichte sprießen,
Und der Hilfsweichensteller Kraschunke wird sie zum Nachtmahl genießen.
Während sie noch in der Pfanne (in Margarine-Ersatz) schmoren und braten,
Bemerkt Frau Kraschunke erfreut: "Die Kohlrüben sind dieses Jahr
aber ungewöhnlich groß geraten..."


               In der Stadtbahn

Ein feiles Mädchen, schön und aufgetakelt,
Ihr gegenüber, grün und unbemakelt,
Ein Jüngling, dessen Hände sanft behüten
Zwei Veilchensträußchen in den Seidendüten.
Sie sieht ihn an. Er lächelt traurig blöde:
Mein Gott, wie wird das heute wieder öde
Bei Tante Linchen, die Geburtstag feiert. -

Die Dame hat sich nunmehr ganz entschleiert.
Da ist er hingerissen, starrt ein Weilchen,
Und reicht ihr wortlos alle seine Veilchen.
Nun hat er nichts, für Tante kein Präsent...
Er wundert sich - das schöne Fräulein flennt:
Und ihre blassen Tränen auf die blauen
Märzveilchen wie Gelübde niedertauen.


                           Berliner in Italien

Die ganze Welt ist voll von Berlinern.
Deutschland, Deutschland überall in der Welt.
Ich sah sie auf der Promenade in Nervi sich gegenseitig bedienern,
Und sie waren als Statisten beim Empfang des italienischen Königs
in Mailand aufgestellt.

Da konnten sie einmal wieder aus vollem Herzen Hurra schreien.
So 'n König, und sei er noch so klein, is doch janz was anderes
als so 'ne miekrige Republik.
In Bellaggio wandeln sie unter Palmen und Zypressen zu zweien,
Und aus dem Grandhotel tönt (fabelhaft echt Italienisch;
Pensionspreis täglich 200 Lire) die Jazzmusik.

Wie hübsch in Bologna die Jungens mit den schwarzen Mussolinhemden!
Wie malerisch die Bettler am Kirchentor!
Die und die Flöhe finden einen Fremden
Aus hunderttausend Eingebornen hervor.

In Genua am Hafen aus engen mit Wäsche verhangenen Gassen winken
Schwarzäugige Mädchen und sind bereit,
Gegen entsprechendes Honorar sich abzuschminken.
O du fröhliche, o du selige Frühlingszeit.

Dagegen das Kolosseum, die ollen Klamotten, die verstaubten Geschichten,
Das haben wir zu Hause auf halb bebautem Gelände auch, nu jewiß.
Den schiefen Turm von Pisa sollten sie mal jrade richten.
Mussolini hat dazu den nötigen Schmiß.

Über diesem Lande schweben egal weg die Musen,
Man sehe sich die Brera und die Uffizien an.
Die mageren Weiber von Botticelli kann ich nich verknusen,
Aber Rubens, des is mein Mann.

Wohin man sieht, spuckt einer oder verrichtet sonst eine Notdurft:
es ist ein echt volkstümliches Treiben.
Prächtig dies Monument Vittorio Emmanueles in Rom: goldbronziert
und die Säulenhalle aus weißem Gips.
Dafür kann mir das ganze Forum jestohlen bleiben.
Ich bin modern. A proposito: haben Sie für Karlshorst sichere Tips?