Klabund

Seite 8

Inhalt

Biografie

           Eifersucht

Vorzustellen: Michael Jaroschin -
Untertänigst - ist mein Name.
Wohlgeboren, Hochgeboren
Auf dem Berge Gaurisankar.
Sah von oben stets nach unten,
Von den Gletschern in die Täler,
Von den Wolken auf die Wipfel,
Von der Sonne auf die Erde.

Und so sah ich eines Tages -
Vorzustellen: Michael Jaroschin,
Sonnengott von Profession -
Sah ich eines Tages nachts
(Jaroschin scheint auch des Nachts),
Sah ich durch ein unverhangnes
Fenster... die geliebte Frau.

Sah die liebliche, die liebe,
Sah die Liebste, die Geliebte - - -
In den Armen eines andern -
Eines höheren Beamten,
Eines niederen Charakters.

Da erbleichte selbst die Sonne,
Vorzustellen: Michael Jaroschin,
Hob den goldnen Sonnendolch und
Stieß ihn strahlend durch das Fenster,
Stieß dem Mann ihn in den Nacken,
Fuhr der Dolch da durch den Nacken
Und dem Weibe in die Brust noch:
Also lagen auf dem Diwan
Beide hingestreckt, durchbohrt
Von dem Dolch des Sonnengottes,
Vorzustellen: Michael Jaroschin.

Hütet euch, ihr ungetreuen
Weiber vor dem Sonnengotte!
Ihn betrog die Sonnenfrau,
Und sie mußte darum sterben.
Vorzustellen: Michael Jaroschin
Hält die Wacht im Irrenhause
Als ein Rächer seiner Ehre,
Rächer jeder Mannesehre.
In ihm glüht die edle Flamme,
Heilige Flamme: Eifersucht.


           Weihnacht

Ich bin der Tischler Josef,
Meine Frau, die heißet Marie.
Wir finden kein' Arbeit und Herberg'
Im kalten Winter allhie.

Habens der Herr Wirt vom goldnen Stern
Nicht ein Unterkunft für mein Weib?
Einen halbeten Kreuzer zahlert ich gern,
Zu betten den schwangren Leib. -

Ich hab kein Bett für Bettelleut;
Doch scherts euch nur in den Stall.
Gevatter Ochs und Base Kuh
Werden empfangen euch wohl. -

Wir danken dem Herrn Wirt für seine Gnad
Und für die warme Stub.
Der Himmel lohns euch und unser Kind,
Seis Madel oder Bub.

Marie, Marie, was schreist du so sehr? -
Ach Josef, es sein die Wehn.
Bald wirst du den elfenbeinernen Turm,
Das süßeste Wunder sehn. -

Der Josef Hebamme und Bader war
Und hob den lieben Sohn
Aus seiner Mutter dunklem Reich
Auf seinen strohernen Thron.

Da lag er im Stroh. Die Mutter so froh
Sagt Vater Unserm den Dank.
Und Ochs und Esel und Pferd und Hund
Standen fromm dabei.

Aber die Katze sprang auf die Streu
Und wärmte zur Nacht das Kind. -
Davon die Katzen noch heutigen Tags
Maria die liebsten Tiere sind.


         Ewige Ostern

Als sie warfen Gott in Banden,
Als sie ihn ans Kreuz geschlagen,
Ist der Herr nach dreien Tagen
Auferstanden.

Felder dorren. Nebel feuchten.
Wie auch hart der Winter wüte:
Einst wird wieder Blüt' bei Blüte
Leuchten.

Ganz Europa brach in Trümmer,
Und an Deutschland frißt der Geier, -
Doch der Frigga heiliger Schleier
Weht noch immer.

Leben, Liebe, Lenz und Lieder:
Mit der Erde mag's vergehen.
Auf dem nächsten Sterne sehen
Wir uns wieder.


              Mond und Mädchen

Es kriecht der kahle Mond durch Zweiggeäder,
Ob wo im Haus ein Mädchen wohnt,
Ein warmes Bett, ein daunenweicher Leib,
Es wärmt zur Winternacht sich gern ein jeder..
O Mädel, bleib, du schlanke Zeder!

Der Mond tastet am Fensterglase
Und zittert vor Begier und Frost...
Das Mädel schlägt ihm vor der Nase
Die Läden zu und höhnt: Gib ruh!
Alten Gliedern ziemt nicht junger Most!

Er aber hat den Finger in der Fensterspalte,
Ob ihrer Kissen eine Falte er nicht erspähe,
Er ihre Blicke, braune Rehe,
Über der Brüste Sommerhügel
Zärtlich schreiten sehe.


          Nacht im Coupé

Sternschnuppen in der Nebelnacht?
Die Funken der Lokomotive,
Sie haben der Seele Reisig entfacht,
Der Liebe verstaubte Briefe.

Briefe, die ich lange trug,
Sie flammten im Funkenregen.
Da war ich frei - mein Herz, es schlug
Dem Morgenrot entgegen.


               Kukuli

     (Für Carola Neher)

Kleiner Vogel Kukuli,
Flieh den grauen Norden, flieh,
Flieg nach Indien, nach Ägypten
Über Gräber, über Krypten,
Über Länder, über Meere,
Kleiner Vogel,
Laß die schwere Erde unter dir
Und wiege dich im Himmelsäther -
Fliege zwischen Monden, zwischen Sternen
Bis zum Sonnenthron, dem fernen,
Flieg zum Flammengott der Schmerzen
Und verbrenn' in seinem Herzen!


Als sie meine Stimme im Radio hörte

Du hörtest meine Stimme wie von fern.
Sprach ich von einem andern Stern?
Du griffst mit deinen Händen in das Leere,
Ob dort ein Leib nicht und ein Lächeln wäre.
Kein Leib. Nur Stimme. Lippe nicht. Nur Wort.
Und leise legtest du den Hörer fort.


Als sie zur Mittagszeit noch schlief

Zwar es ist schon Mittagszeit,
Sonne steht schon hell am Himmel -
In den Straßen: welch Gewimmel,
In den Herzen: welches Leid -
Manches Segel bauscht der Wind,
Mancher Kutter bleibt im Hafen -
Du sollst schlafen,
Du sollst schlafen,
Du sollst schlafen, liebes Kind.

Siebzigmal littst du Haitang,
Fünfzigmal starbst du Johanna -
Schmecktest Süßigkeit und Manna,
Wenn der Quell der Qualen sprang.
Süßes, junges Blut - es rinnt -
Küsse, Dolche flammten, trafen -
Du sollst schlafen,
Du sollst schlafen,
Du sollst schlafen, liebes Kind.

Einmal endet sich das Spiel,
Einmal endet sich das Grausen,
Und die Ewigkeit wird kühl
Dir um Brust und Schläfen sausen.
Sand deckt dich wie Wolle lind,
Und der Hirte bläst den Schafen -
Du sollst schlafen,
Du sollst schlafen,
Du sollst schlafen, liebes Kind.


Als sie die ihr geschenkte Kristallflasche in der Hand hielt

Brechen sich im Glas die Strahlen,
Bricht das Glas sich in den Strahlen?
Glänzt dein Auge in der Sonne,
Glänzt die Sonn' in deinem Auge?
Liebt dein Herz mich? Herzt mich deine
Liebe? Seliges Verdämmern:
Denn wir sterben unser Leben
Und wir leben unsren Tod.


               Liebeslied

Dein Mund, der schön geschweifte,
Dein Lächeln, das mich streifte,
Dein Blick, der mich umarmte,
Dein Schoß, der mich erwarmte,
Dein Arm, der mich umschlungen,
Dein Wort, das mich umsungen,
Dein Haar, darein ich tauchte,
Dein Atem, der mich hauchte,
Dein Herz, das wilde Fohlen,
Die Seele unverhohlen,
Die Füße, welche liefen,
Als meine Lippen riefen -:
Gehört wohl mir, ist alles meins,
Wüßt' nicht, was mir das liebste wär',
Und Gäb' nicht Höll' noch Himmel her:
Eines und alles, all und eins.


                 Nachts

Ich bin erwacht in weißer Nacht,
Der weiße Mond, der weiße Schnee,
Und habe sacht an dich gedacht,
Du Höllenkind, du Himmelsfee.

In welchem Traum, in welchem Raum,
Schwebst du wohl jetzt, du Herzliche,
Und führst im Zaum am Erdensaum
Die Seele, ach, die schmerzliche -?


Du warst doch eben noch bei mir

Du warst doch eben noch bei mir,
Ich war doch eben noch bei dir -
Ging denn die Tür?
Sprang auf das Haus?
Und gingst du ohne Gruß hinaus?

Es ist so dunkel. Dämmert es?
Hier klopft ja was. Was hämmert es?
Klopft denn die Wand? Tropft denn die Kerz'?
Es klopft und tropft und klopft mein Herz.


              Zwiegespräch

Wie kommt es, Mädchen,
Daß du deine zarten, weißen Schuhe
Beim Tanzen nie beschmutzest? -
Weil ich auf zarten, roten Herzen tanze.


       Sommerelegie

Sommer. Ich bin so müde.
Alles noch braun und leer.
Förster mit Büchse und Rüde.
Jagd über Moore und Meer.

Möwen in silbernen Binsen.
Alpen gezahnt und gezackt.
Sterbende Hasen linsen
In den Mondkatarakt.

Schöner Falter im Himmel,
Sieh, mir versagt der Blick,
Deiner Flüge Gewimmel
Fällt in sich selber zurück.

Kühe, die niemand melkte,
Mit dem Euter so fahl,
Und das verwölkte, verwelkte,
Göttliche Bacchanal -

Deutschland ist untergegangen
In einem Bad von Stahl.
Heraldische Drachen und Schlangen
Beten zum biblischen Baal.

Ein blühender Weidenstengel
Erschlägt diese ganze Welt.
Schlafe, mein Stahlbadeengel,
Schlaf, Nie-gelungen-Held.


                    Regen

                        1.

Der Regen rinnt schon tausend Jahr,
Die Häuser sind voll Wasserspinnen,
Seekrebse nisten mir im Haar
Und Austern auf des Domes Zinnen.

Der Pfaff hier wurde eine Qualle,
Seepferdchen meine Nachbarin.
Der blonde Seestern streckt mir alle
Fünfhundert Fühler zärtlich hin.

Es ist so dunkel, kalt und feucht.
Das Wasser hat uns schon begraben.
Gib deinen warmen Mund - mich deucht,
Nichts bleibt uns als uns lieb zu haben.

                            2.

Der Regen läuft an den Häusern entlang
Wie tausend silberne Käfer.
Fahles Licht fällt kupfern in mein Zimmer.
Ein Mann mit Holzbein singt auf dem Hinterhof:
Lang, lang ist's her -

Wie währte kurz des Sommers heißes Glück.
So kurz wie zwischen Kuß und Kuß ein Hauch.
Wenn ich morgens meine Haare strähle,
Entdecke ich immer mehr weiße
Zwischen den schwarzen und grauen.
Leiser schlägt das Herz von Tag zu Tag:
Die Abendglocke hinter den Wäldern.

Wie war vergebens alles, was ich tat:
Im Traum der Nacht, im Anbeginn des Tags.
Ich traute, vertraute Gott, dem Bruder,
Der mir mein Gut stahl,
Mein Gutes und meine Güte.

Die Tenne dröhnt.
Sie dreschen volles Stroh und leere Worte.
Es riecht beim Bauern nach eingekochten Zwetschgen.
Abends nach des Tages Arbeit liest er in der Bibel:
Alles ist Liebe!
Und prügelt sein schwangeres Weib.

Der Briefbote bringt nur Verzweiflung ins Haus.
Meine alte Tante verkauft ihr letztes, ein rostiges Klavier.
Sie spielt noch einmal mit knöchrigen Fingern
Das Lied ihrer Jugend:
Lang, lang ist's her -


            Die letzte Kornblume

Sie ging, den Weg zu kürzen, übers Feld.
Es war gemäht. Die Ähren eingefahren.
Die braunen Stoppeln stachen in die Luft,
Als hätte sich der Erdgott schlecht rasiert.
Sie ging und ging. Und plötzlich traf sie
Auf die letzte blaue Blume dieses Sommers.
Sie sah die Blume an. Die Blume sie. Und beide dachten
(Sofern die Menschen denken können, dachte die Blume...)
Dachten ganz das gleiche:
Du bist die letzte Blüte dieses Sommers,
Du blühst, von lauter totem Gras umgeben.
Dich hat der Sensenmann verschont,
Damit ein letzter lauer Blütenduft
Über die abgestorbene Erde wehe -
Sie bückte sich. Und brach die blaue Blume.
Sie rupfte alle Blütenblätter einzeln:
Er liebt mich - liebt mich nicht - er liebt mich... nicht. -
Die blauen Blütenfetzen flatterten
Wie Himmelsfetzen über braune Stoppeln.
Ihr Auge glänzte feucht - vom Abendtau,
Der kühl und silbern auf die Felder fiel
Wie aus des Mondes Silberhorn geschüttet.


 Zeesener Dreizeiler

Der See wirft Wellen
Aber nicht aus sich
Ihn peitscht - der Wind.

Die liebliche Libelle!
Sie liebt und wird geliebt
Im Fluge.

Immergrün
Steht die Tanne.
Der Ahorn steht schon
Nimmer


         Ode an Zeesen

  (Für Dr. Ernst Goldschmidt)

Aus Jupiters Hand geschleudert
Donnerkeil
Im Juligewitter
Mein steinernes Herz
Du glühst nicht mehr -

Aus den Sternen gestürzt
Aus den Wolken geschüttet
Bruch
Wolkenbruch
Blitz
Donner
Aufschlagend am Feldstein
Regenbogen
Verwirrt im Dorngesträuch
Du siebenfarbener Schleier
Zerfetzt
Ihr kleinen Heckenrosen
Ihr willigen Trösterinnen
Ihr haltet das flatternde Band der Tristitia.

Verwundet
Verwundert
Erblickt
Zwischen zwei ragenden Föhren
Das graue Auge
Den goldenen Tag
Blauer See
Blauer lauer See
Mückensingsong
Linde Ufer
Und der Winde Rufer
Springen durch das Korn
Unter ihren kühlen Sohlen
Beugen die heißen Halme sich zärtlich
Richten sich zärtlich auf
Und winken
Dem so herrlich taumelnden Mittagswinde nach.

Drüben vom Jenseits
Drüben vom Jenseits des Sees
Ruft der Kuckuck
Allen Lebenden ruft der Kuckuck
Tausend lebendige Jahre zu.

Hinein mit einem Hechtsprung
Zu den Hechten und Barschen
Hinaus aus den Binsen
In die schaumige Weite
Aufscheuchend die Frösche
Welche geblähter Kehle
Die Liebe locken die Liebste locken
Voll geiler Gier
Fische selbst und faulendes Holz bespringen
Denn es rast die Liebe in den Geschöpfen
Kitty die Hündin ist läufig
Und Bodo der Hund
Jault die Tage und Nächte nach ihr
Nimmt das Fressen nicht und magert bis auf die Rippen
Auf dem Dachfirch schnäbeln die Tauben
Im Wasser
Tanzt der Gründlinge silberner Reigen
Im Schilf
Jagen und jachtern blauschillernde Libellen
Und auf den Wogen des Sees
Sieh die Taucher schlank weißlichen Halses mit gelbem Kropf
Immer zu zweit
Segeln die Liebenden
Und auf dem Rücken trägt sorglich die Mutter
Die flaumige Zukunft das krächzende Kind.

Auch wir
Mädchen
Geliebte
Frau
Mensch
Immer zu zweit zu zweit seit zweien Jahren
Schwimmen wir auf den Wassern des Lebens
Auf den Zeesener Gewässern
Dahme Middelwede und großer Peetz.

Aus dem Luch
Erhebt sich ein Wind der wie Fuchs auf der Lauer lag
Zwischen Heidelbeerkraut und Moosen
Er springt dem See in den silbernen Nacken
Daß die Gischt aufspritzt wie weißes Blut
Es wogen die Wellen
Es wogen die Binsen
Es wogen die Felder
Es wogen die Wipfel der Bäume
Wir selber treiben auf den Wellen
Wie Wasser Gras und Buchenkrone
Auf und nieder
Auf und nieder
Auf und nieder.

Zurück an den Strand
Jetzt Sonne recke den feurigen Schild
Ueber unsre dampfenden Leiber
Zu heiß du flammender Ritter trifft uns dein roter Speer
Ihr schattenden Bäume
Vom Borkenkäfer durchwandert
Vom Specht beklopft
Ihr schattet mein müdes
Im Zittergras versinkendes Haupt
Ihr fächelt mit euren grünen Armen
Mit euren blättrigen Händen
Mir Trost und Vergessen zu
Sei bedankt
Geliebtes Geschwister
Akazie
Wie gerne starb ich den Schlaf
In deinen kühlen Armen
Wie gerne will ich den Tod
Einst in deinen Armen verschlafen
Will ich in deinem feuchten Schatten
Ach noch viele Ewigkeiten verschlafen
Wenn die grelle Mittagssommersonne
Die gemähte Stoppelwiese dörrt
Und zu meinen Füßen
Dämmert verdämmert Bodo der Hund.

He Bodo
Hierher Bodo
Wolfssohn
Willst du wohl die Gänse nicht scheuchen
Die heiligen Träger des Daunenschlafes
Die gütigen Behälter des Gänsefettes
Wackelnd mit den feisten dermaleinst gebratenen Gänsekeulen.

Ganz von fern wie ferner Krieg
Rollen
Auf der Königswusterhausener Bahn die Güterzüge.

Und ich sitze nackt auf der Veranda
Wie des Sommers Gott
Sitz ich nackt und faul auf der Veranda
Violett umblühen mich Bethulien
Mich umtanzen
Dicke Fliegen Filigran von Mücken
Pfauenauge und Zitronenfalter
Und ich hock und freß wie ein Kaninchen
Frischen mildesten  Salat
Kohlrabi
Auch gezuckerte Johannisbeeren
Und danach ein Glas
Erdbeerbowle
Wie ein Mensch
Wie ein Gott
Und ich sitz und schwitz und freß und sauf
Und ich denk und träume
Nichts
Träum und denk das Nichts vom Nichts des Nichtses
Bin am Ende meiner Kräfte
Und am Anfang aller Seeligkeit.

Hochbeladen mit dem gelben Korn
Schwankt der Wagen in die Scheune
Und das brave Pferd umspringen bellend
Sieben schwarz und weiße Wolleknäuel
Sieben Terrier Bosko Fatty Step
Tipsy Kitty Bill und Fap
Aus dem offenen Stall fegt eine Schwalbe
Drin im Stalle säugt die Kuh das Kälbchen.

Zwischen Bäumen
Wachsen schlanke steile dünne Eisensäulen
In den Horizont
Die Funktürme von Königswusterhausen
Hier Königswusterhausen auf Welle 1300
Achtung Achtung Achtung
Der Dichter Klabund spricht eigene Verse.

Er spricht mit abgehackter blecherner Stimme
Dieweil er im Grase liegt - Das rechte Ohr an die Erde gepreßt
Horcht er auf den Herzschlag der Erde
Und auf den Wanderschritt des Maulwurfs
Er wirft die Worte in die Luft
Wie nicht entzündete Raketen
Sie brennen nicht
Sie leuchten nicht
Sie fallen zischend ins feuchte Gras
Achtung Achtung Achtung
Hochachtung Hochachtung Hochachtung
Ganz besondre Hochachtung
Ihm lauscht kein Mensch kein Wesen kein Tier
Die Luft spielt mit den Worten wie mit Brennesselsamen
Sie weht sie da und dorthin
Einige Participia bleiben in einer Koniphere hängen
Ein strahlendes Adjektiv treibt Bauch nach oben wie ein toter Fisch im See.

Aber ein liebliches Präpositum
Fiel in einen Baumritz
Einer Dryade in die Augenbrauen
Und kitzelte sie aus dem Schlaf
Zierlich trat sie aus dem dunklen Baumstamm ins grelle Licht
Und stand geblendet -
Da begannen die Grillen zu zirpen
Die Heuschrecken musikalisch ihre Hinterbeine zu reiben
Und der Jazz des Sommers rauschte auf
Meckernd fielen die Ziegen ein
Die Kuh blökte die Hunde bellten die Gänse schnatterten
In der Ferne Gewittergrollen
Die dumpfe Pauke des Donners
Gott sitzt am Schlagzeug
Yes Sir that's my baby
Da stampfte die entfesselte Dryade den Charleston
Die braunen rötlich überkupferten Haare fielen ihr mähnig über die Stirn
Wie einem Pony.

Tanz stampf tritt den Boden
Tritt die Erde daß sie dir untertan sei
Die Erde dem Weibe
Wie seit Urbeginn
So heute
Zertritt die Butterblumen im Tanz
Was tuts
Zermalme die kleinen roten Käfer im tollsten Takt
Töte die dir aufspielen zum Tanz mit deinen tanzenden Sohlen
Töte Grille und Heupferd
Tanze tanze
Töte töte
Schon springst du mir in den Nacken
Puma
Und tanzest auf meinen Knabenschultern
Yes Sir yes Sir
Den Jazz des Sommers.

Genug genug wilde Nymphe
Zieh dir den schwarzrotgestreiften Bademantel an
Und komm auf den Tennisplatz
Henry der Trainer wartet schon auf die gnädige Frau
Du schlägst die Bälle
Zwei Dutzend Bälle
Zwei Dutzend Menschenköpfe
Haarscharf übers Netz
Keinen Liebesblick
Keinen Ball
Läßt du aus.

Abends nach dem Essen
Yes Sir yes Sir
Steppst du im blauen Pyjama
Blauer Pyjama blauer Himmel lauer See - Wie ein japanischer Ringer
Mit dem dicken gebräunten Sharakugesicht
Boxt der gewaltige Herr des Gutes
Rittergutes
Raubrittergutes
Zeesen
(Nach der Volkszählung von 1905 besaß der 352 Hektar umfassende Gutsbezirk Zeesen 25 Einwohner)
Boxt die erhabene märkische Majestät
Den Raum
Boxt mit Träumen mathematischen Reihen Börsenkursen und wilden Ziffern
Oberbedarf
Unterbedarf
Mannesmann
Weibesweib
Die Firmen Frisch Frank Fröhlich Frei haben Geschäftsaufsicht angemeldet
Yes Sir that's my baby
Noch ein Glas Bowle
Elektrisches Licht überm Garten
Sommernachtstraum
Ein Gang noch mit den englischen Terriern
Kitty Bill Tipsy Bosko Fatty Step Fap
Licht aus
Happy-end
Week-end.

Nachts
Schlafe ich schlecht
Durch geöffnete Fenster
Wandert die ganze Unterwelt
Weiße Spinner kommen geflattert mit riesigen roten Augen
Spanische Fliegen mit fetten grünen Bäuchen
Braune Motten und kleine Perlmutterfalter
Summende Mücken sirrende Gnitzen
Ihnen nach die Königin des Dunkels
Ihre Herrin und Vertilgerin
Die gefräßige
Die Fledermaus
Und am Boden raschelts: schwarze Schwaben
Aus der Mauer kriechen Tausendfüßler
Alles lärmt und knackt und surrt und raschelt
Plötzlich trappt und trippelt's auf den Bohlen
Wie ein Pony trappelt und ein weißes
Tier steht wie gebäumt im Rabenschwarzen
Wie ein Schimmel auf den Hinterbeinen
Hebt die Vorderhufe drohend
Schnaubt gar grimmig durch die Nüstern
Schreien will ich mir verschlägts die Sprache
Da - ein Sprung - das Tier hockt auf dem Bettrand
Und umschlingt mich mit den weißen Armen
Drückt die heißen Lippen auf die meinen
Yes Sir that
s my baby.

Mein steinernes Herz - - -
Du glühst noch -


      Auf dem Friedhof von Zeesen

Ich steig vom Rad.
Ein Grab im märkischen Sande.
Hier ruht ein Wesen:
Mädchen, Kind und Weib.
Sie wurde vierzehn Jahre alt -
Und tanzte im Takt des Pulsschlags in den Fiebertod.

Sie hatte Augen, um das Licht zu halten.
Das Auge brach.
Das Licht glänzt ungebrochen.
Sie hatte zarte Füße, auf der Erde zu schreiten -
Und die Erde rollt noch immer.

Sie hatte Hände, einen Zweig zu biegen.
Der Zweig weht immer noch im Sommerwinde.
Sie hatte Lippen, einen Mann zu küssen.
Sie ging hinab, eh' sie ein Jüngling küßte.

Wir werfen Netze, um den Wind zu fangen.
Wir stellen Schlingen für die Wolkenvögel.
Wir schreien, um an Gottes Ohr zu rühren. -
Gott hört am Sirius den Äther singen.

Wir steigen Berge, himmelstürmende,
Um jäh in einem feuchten Loch zu enden.
Libellen schaukelten um unsern Morgen,
Und unsere Nacht umschwirren Fledermäuse.


    Mond überm Schwarzwald

Goldne Sichel des Monds!
Dich schwingt der ewige Schnitter
Und mäht Halme und Herzen.

Siehe, ich wandre auf steinichter Höhe
Über dem wolkigen Wald und neige
Willig den Nacken
Deinem erlösenden Streich.


                             Davoser Elegie

Wieder bricht ein Tag mit himbeerrotem Glanz über die verschneiten Berge.
Ich wache auf und erschrecke sanft.
Da bin ich wieder: zurückgekehrt aus dem warmen Sarge des Schlafs
Und muß schwer atmen, leicht lächeln, seufzen, erkennen, sein.

Die Kuckucksuhr schlägt neun.
Der Teller mit Früchten auf dem Nachtisch hat eine Musikmechanik in sich;
Hebt man ihn auf, spielt er Morgenrot, Morgenrot -
Es wird also Zeit, das Frühstück herbeizuklingeln.
Das rothaarige, morgenrothaarige, haarige Dienstmädchen erscheint,
Anzusehn wie Sankta Barbara, die Schutzheilige der Kanoniere.
Weil sie der erste frühe Bote Menschheit,
Ist sie mir höchlich verhaßt.

Es ist eine schöne Frau auf der Welt, die mich (vielleicht) liebt.
Weil ich nicht sprechen kann, verschweige ich mein Herz.
Man soll nicht zu große Worte und zu große Tiraden machen.
Sie werden leicht überheblich.
Kennen den Vater nicht mehr, nicht die Mutter.
Zum Beispiel Alexander der Große.
Lassen wir das humanistische Gymnasium.

Ein Vogel zwitschert.
Es wird ein Spatz sein,
Der auf dem Balkon in den steinharten, gefrorenen Kuchen pickt, den ich gestern stehen ließ.
Oder sollte es ein Geier sein, der seinen Prometheus sucht?
Wenn ich nach Zürich fahre,
Werden sich alle Leute in der Pension aufregen:
Kaum von den Toten auferstanden und schon wieder hehe.

Man modelliert mich, man zeichnet mich,
Man schneidet mich in Holz: Engel mit der Lyra.
Ich werde zurzeit von zwei Ärzten und drei Künstlern behandelt.
Der Bildhauer M. seziert mich ausgezeichnet.
Der Doktor R. hat mich (mit seinem glühenden Stahl) fabelhaft getroffen.
Sind Sie schwach auf der Lunge:
Kommen Sie, besuchen Sie mich hier oben im Tal des Friedens
(Den Prospekt sendet Ihnen der Kurverein auf Wunsch.)!
Sie werden zwar auch hier keine Ruhe finden, -
Aber Sie werden Liegekur machen, sich vollfressen,
Den Kehlkopf ausgebrannt bekommen, liebeln und pokern.
Sie werden einige Jahre länger leben.
Und wir hängen doch alle am Leben wie die Schächer am Kreuz.


                       Im Spiegel

Ich sehe in den Spiegel.
Was für ein unverschämter Blick mustert mich?
Jetzt zieht er sich schon in sich selbst zurück -
Pardon: ich habe mich fixiert.
Ich will mir nicht zu nahe treten.

Meine Freunde kann ich mir an den Fingern einer Hand abzählen.
Für meine Feinde brauch ich schon eine Rechenmaschine.
Was bedeuten diese tiefen Furchen auf meiner Stirn?
Ich werde Kresse und Vergißmeinnicht drein säen.

Im Berliner botanischen Garten, sah ich einen Negerschädel,
Aus dem eine Orchidee sproß.
So vornehm wollen wir's gar nicht machen.
Bei uns genügt auch ein schlichtes deutsches Feldgewächs.

Wir wollen durch die Blume zu den Überlebenden sprechen,
Wie wir so oft zu den nunmehr verwesten sprachen.
Also, meine liebe Leibfüchsin:
Du kommst mir deine Blume - Prost! Blume!

Ich stehe nicht mehr ganz fest auf den Füßen.
Der Spiegel zittert.
Seine Oberfläche kräuselt sich, weil ich lache.
Da ist der Mond - er tritt aus dem Spiegel in feuriger Rüstung
Und legt seine weiße kühle Hand auf meine fieberheiße Stirn.


An einen Freund, der wegen einer ungetreuen, eitlen,
verschwenderischen Frau Klage führte


Du kannst dem Frühling nicht Halt gebieten
Und nicht der ungetreuen Frau.
Der Nordwind saust um deine Stirn.
Geh, geh von dannen.

Hast du Geld, so stiehlt es deine Frau.
Sie braucht zu ihrem Maulwurfmantel noch ein Biberjackett.
Zu ihrem Biberjackett noch ein Hermelin-Cape.
Hast du kein Geld, so hast du auch nicht weniger.

Hast du kein Geld, so hungerst du zuweilen;
Hast du Geld, so hungerst du immer - nach Liebe.
Deine Frau liebt dein Scheckbuch.
Wirf es ihr vor die Füße - doch nicht dich selbst.

Es schneit - es schneit -
Einst in der Laube schneite es Birnblüten über euch.
Jetzt, jetzt schneit es unbezahlte Rechnungen.


            Das Ende

Du hast die zarten Liebeskräfte
Im Trugkampf trotzig überspannt.
Nun sind zerklirrt die stolzen Schäfte,
Zerfetzt das rote Fahnenband.

Einst sand'st du Rosen, süße Spiele der Lust,
An jedem muntren Ort.
Der Blumen blühten dir zu viele,
Du warfst die kaum gepflückten fort.

Nun wanderst du die Pfade heute -
Zerflattert Rosenblatt und Kuß.
Wo einst die Blumen leichte Beute,
Klafft ekeltief der Tartarus.


          Es ist genug

Es ist genug. Mein trübes Licht
Bereit' sich zu erlöschen.
Ich hab' vertan mein Recht und Pflicht
Und meiner Seel' vergessen.

Es ist genug. Es weht ein Wind,
Weht nicht von Ost noch Norden.
Auf der Milchstraße wandert ein weißes Kind,
Ist nicht geboren worden.

Du über den Häusern heller Schein,
Wovon bist du so helle?
Stehst du um die Stirn einer Jungfrau rein
Oder brennt ein Sünder zur Hölle?


                Heimkehr

Ich bin geboren in einem Wäschekorb,
Aufgewachsen in einem kleinen grünen Garten.
Fünf Meter lang, fünf Meter breit -
Mein Sarg wird wohl noch enger sein.

Kohlrabi, Apfelreis, Radieschen,
Waren meine Lieblingsspeisen.
Das Mädchen, das mich wartete, hieß Berta Jaensch.
In den Johannisbeersträuchern am Gartenrand
Lebten gute Gnomen und böse Eschen.

Fünfzehn Jahre war ich, da ich von Hause wegging.
Hochtrabend trabte ich zu Roß aus dem Glog'schen Tor.
Dreiunddreißig Jahre bin ich, da ich nach Hause zurückkehre
Auf einem knatternden Motorrad.

Die alte hölzerne Zugbrücke ist niedergerissen.
Jetzt bezwingen die Oder Eisen und Beton.
Nur der Fluß darunter, er fließt wie vor tausend Jahren
So auch heute.

Ich gehe durch die Gassen und niemand kennt mich.
Ich trage Knickerbocker und man hält mich
Für einen reisenden Engländer.
An der Schmiede, wo ich als Kind ins lohende Feuer sah,
Bleibe ich stehn und starre in Asche und Ruß.

Oben auf dem Bergfriedhof bin ich nicht allein.
Hier liegen viele, die ich einst gekannt habe.
Der alte Professor,
Bei dem ich lateinischen Nachhilfeunterricht hatte,
Und mein kleiner Bruder.

Jetzt stehe ich am Grabmal eines Generals,
Der unter Friedrich dem Großen focht.
Seinen Namen verwitterte das Gestein.
Was wollte er, was konnte er?
Niemand weiß es.

Er führte in der Schlacht von Kunersdorf
Ein Grenadierregiment - und? -
Schritt mit dem Degen in der Faust voran. - Seine Pflicht. -
Er hatte außer dem preußischen Exerzierreglement
Nie ein Buch gelesen, und war stolz darauf. -

Wir haben alle Bücher gelesen und keine Schlacht geschlagen.
Es ist eines so wenig wert als das andere.
Einmal werden vor meinem Grab die Leute stehn.
Was wollte er, was konnte er?
Niemand weiß es.

Hoppla, Bruder, steh auf,
Du hast schon lange genug geschlafen.
Jetzt bin ich an der Reihe.
Da hast du meinen Stock, Esche, Natur, ungebeizt, Hornspitze.
Geh an meiner Stelle hinunter in die Stadt.

Es dämmert. Ehe die erste Gaslaterne aufflammt,
Wirst du am Marktplatz sein.
Dort steht die Königl. Preußische Adlerapotheke.
Bringe Vater und Mutter einen Gruß von mir.

Sag ihnen, ich hätte mich zur ewigen Ruh begeben
Und mich lebendig begraben.
Drei Hände Erde auf mein Grab,
Drei Seufzer, drei Tränen und damit basta.
Bitte, Vater, laß dich in der sachgemäßen Herstellung
Von Dr. A. Henschkes Restitutionsfluid nicht stören.


                   Ahasver

Ewig bist du Meer und rinnst ins Meer,
Quelle, Wolke, Regen - Ahasver...
Tor, wer um vertane Stunden träumt,
Weiser, wer die Jahre weit versäumt.
Trage so die ewige Last der Erde
Und den Dornenkranz mit Frohgebärde.
Schlägst du deine Welt und dich zusammen,
Aus den Trümmern brechen neue Flammen...
Tod ist nur ein Wort, damit man sich vergißt...
Weh, Sterblicher, daß du unsterblich bist!


                     Die Glocke

Die Glocke dröhnt
Und stöhnt
Die Stunden in die Welt.
O, wer sie dieses Zwangs entbände!
Sie ist bis an ihr Ende
Bestellt,
Daß klingend sie ihr Herz ins Nichts verschwende.