Lenau

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Biografie

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          Die Rose der Erinnerung

Als treulos ich das teure Land verließ,
Wo mir, wie nirgend sonst, die Freude blühte,
Mich selbst verstoßend aus dem Paradies
Voll Freundesliebe, holder Frauengüte;

Und als ich stand zum ernsten Scheidegruß
An meiner Freuden maiengrünem Saume,
Als mir im Auge quoll der Tränenguß
Wie warmer Regen nach dem Frühlingstraume:

Da bog sich mir zum Lebewohl herab
Der reichsten einer von den Blütenzweigen,
Der freundlich mir noch eine Rose gab;
Mein Herz verstand sein liebevolles Schweigen.

'Nicht in den Staub, o Freund, hier weine hin,
Hier auf die weichen Blätter dieser Rose!'
Das war der stummen Gabe milder Sinn;
Und schmerzlich rasch folgt ich dem Wanderlose

In fremde Welten fuhr mich der Pilot,
Vom teuren Lande trennen mich nun Meere;
Und wie mir einst das Lebewohl gebot,
Netz ich die Blume mit getreuer Zähre.

Der Rose inniglicher Duft entschwand,
Es ging die frische Farbenglut verbleichen;
Sie ruht so blaß und starr in meiner Hand,
Des Unverwelklichen ein welkes Zeichen.

Des Unverwelklichen? - sie rauscht so bang,
Will meine Hand die Rose wieder wecken;
Als wär es ein prophetisch trüber Klang,
Hör ich den Laut mit heimlichem Erschrecken.

O Rose der Erinnerung geweiht!
Mir dünket deiner welken Blätter Rauschen
Ein leises Schreiten der Vergänglichkeit,
Hörbar geworden plötzlich meinem Lauschen!


                 Der Indianerzug

                             1

Wehklage hallt am Susquehannaufer,
Der Wandrer fühlt sie tief sein Herz durchschneiden;
Wer sind die lauten, wildbewegten Rufer?
Indianer sinds, die von der Heimat scheiden.

Doch plötzlich ihre lauten Klagen stocken.
Der Häuptling naht mit heftig raschem Tritte,
Ein Greis von finstern Augen, bleichen Locken,
Und also tönt sein Wort in ihrer Mitte:

"Stets weiter drängen uns, als ihre Herde,
Stets weiter, weiter die verfluchten Weißen,
Die kommen sind, uns von der Muttererde
Und von den alten Göttern fortzureißen.

Mir ist es klar, ich sehs im Licht der Flamme,
Die mir das Herz verbrennt mit wildem Nagen:
Sie brachten uns das Heil am Kreuzesstamme,
Den Mut zur Rache an das Kreuz zu schlagen.

Den Wald, wo wir den Kindesschlaf genossen,
Verlassen wir; der uns sein Wild geboten;
Wo liebend wir ein teures Weib umschlossen;
Den Wald, wo wir begraben unsre Toten.

Naht ihr den Gräbern euch von euren Ahnen,
Sei still von euch die Hügelschar beschlichen,
Die Toten nicht zu wecken und zu mahnen,
Daß wir von ihrem Glauben sind gewichen.

Der Hohn wird kommen, früher oder später,
Der gier'ge Pflug wird in die Gräber dringen;
Dann muß die heilge Asche unsrer Väter
Des tiefverhaßten Feindes Saaten düngen!" -

Nun feiern sie der Toten Angedenken;
Die Sonn im Westen wandelt ihre Neige,
Die Gräber noch bestrahlend, und sie senken
Viel Tränen drauf und grüne Tannenzweige.

Da bricht die Wehmut plötzlich ihre Hemmung,
Sie strömet laut und lauter in die Lüfte,
Schon braust des Schmerzes volle Überschwemmung
In wilden Klagen um die stillen Grüfte.

Nun wenden sich zur Wandrung die Vertriebnen,
Oft grüßend noch zurück mit finsterm Sehnen
Die teuren Hügel der Zurückgebliebnen,
Bestreuend ihre Bahn mit Flüchen, Tränen.

Wie sie vorüberwandern an den Bäumen,
Umarmend viele an die Stämme fallen,
Zum Scheidegruß den trauten Waldesräumen
Läßt jeder einmal noch die Flinte knallen. -

Der Flintenruf, der Ruf gerührter Kehlen
Ist an den Hügeln allgemach verrauschet,
Wo nur dem Klagehauch der Totenseelen
Die Dämmerung, die stille, tiefe, lauschet.

                             2

Viel Meilen schon sind sie dahingezogen;
Der Susquehanna treibt an ihrer Seite
Mit heimatlichem Rauschen seine Wogen,
Der treue Freund gab ihnen sein Geleite.

Den heißen Trieb, vom Feinde, dem verhaßten,
Fort, fort zu fliehn mit wilden Fluchesklängen,
Kann nur der müde Schlaf zu kurzem Rasten
Aus ihren Gliedern allgemach verdrängen.

Ihr Feuer brennt im Dunkel hoher Eichen;
Da ruhn die Gäste rings der Waldeswüste,
Da legt der Mann sich hin, dem Schlaf zu weichen,
Die Mutter ihren Säugling an die Brüste.

Schon sinkt das Feuer, und die sommerschwülen
Nachtlüfte sich im Eichenlaub verfangen
Und frei durchs lange Haar der Weiber wühlen,
Die schlafend ihren Säugling überhangen.

Der graue Führer nur verbannt den Schlummer
Und einer noch der Ältesten vom Stamme;
Die sprechen lange noch von ihrem Kummer,
Von Zeit zu Zeit nachschürend an der Flamme.

Sie schaun durchs dünnere Gedräng der Bäume
Zurück nach dem verlornen Mutterlande,
Und zürnend schaun sie dort die Himmelsräume
Rotglühend hell von einem Waldesbrande.

Und also spricht der Häuptling zum Gefährten:
"Siehst du sie morden dort in unsre Wälder?
Getrost in unsres Unglücks frische Fährten
Ziehn sie den Pflug für ihre Segensfelder.

Sie haben frech die Nacht vom Schlaf empöret,
Daß sie sich mit dem Flammenkleide schürzet:
Hoch brennt der Wald, vom Lager aufgestöret,
Das Wild verzweifelnd aus den Gluten stürzet.

Gewecket von des Wildes Wehgeheule
Und von dem falschen Tageslicht betrogen,
Kommt schwirrend rings heran mit trunkner Eile
Der Vögel Schwarm in seinen Tod geflogen.

Gewiß, gewiß, mit ihren Saaten wuchern
Die Wünsche auch, die sie darunter streuen
Von ihren unversöhnlichen Verfluchern;
Es wird sie noch an spätem Tag gereuen!"

Noch starren die Betrübten, Tieferbosten
Hinüber nach des Brandes rotem Scheine,
Als der zerfließt im Morgenrot von Osten
Und schon die Wipfel glühn im Eichenhaine.


             Die drei Indianer

Mächtig zürnt der Himmel im Gewitter,
Schmettert manche Rieseneich in Splitter,
Übertönt des Niagara Stimme,
Und mit seiner Blitze Flammenruten
Peitscht er schneller die beschäumten Fluten,
Daß sie stürzen mit empörtem Grimme.

Indianer stehn am lauten Strande,
Lauschen nach dem wilden Wogenbrande,
Nach des Waldes bangem Sterbgestöhne;
Greis der eine, mit ergrautem Haare,
Aufrecht überragend seine Jahre,
Die zwei andern seine starken Söhne.

Seine Söhne jetzt der Greis betrachtet,
Und sein Blick sich dunkler jetzt umnachtet
Als die Wolken, die den Himmel schwärzen,
Und sein Aug versendet wildre Blitze
Als das Wetter durch die Wolkenritze,
Und er spricht aus tiefempörtem Herzen:

"Fluch den Weißen! ihren letzten Spuren!
Jeder Welle Fluch, worauf sie fuhren,
Die einst Bettler unsern Strand erklettert!
Fluch dem Windhauch, dienstbar ihrem Schiffe!
Hundert Flüche jedem Felsenriffe,
Das sie nicht hat in den Grund geschmettert!

Täglich übers Meer in wilder Eile
Fliegen ihre Schiffe, giftge Pfeile,
Treffen unsre Küste mit Verderben.
Nichts hat uns die Räuberbrut gelassen,
Als im Herzen tödlich bittres Hassen:
Kommt, ihr Kinder, kommt, wir wollen sterben!"

Also sprach der Alte, und sie schneiden
Ihren Nachen von den Uferweiden,
Drauf sie nach des Stromes Mitte ringen;
Und nun werfen sie weithin die Ruder,
Armverschlungen Vater, Sohn und Bruder
Stimmen an, ihr Sterbelied zu singen.

Laut ununterbrochne Donner krachen,
Blitze flattern um den Todesnachen,
Ihn umtaumeln Möwen sturmesmunter;
Und die Männer kommen festentschlossen
Singend schon dem Falle zugeschossen,
Stürzen jetzt den Katarakt hinunter.


            In der Krankheit

                        1

Nacht umschweigt mein Krankenlager;
An der morschen Diele nur
Reget sich der kleine Nager,
Und es pickt die Pendeluhr,
Die eintönig mich bedeutet,
Wie das Leben weiter schreitet.

Über trübe, heitre Stellen
Schreitets unaufhaltsam hin,
Wie des Stromes rasche Wellen
Blum und Dorn vorüberziehn.
Immer senkt die Bahn sich jäher,
Kommt der Schritt dem Tode näher.

Mir auch senkt sie sich, und schaurig
Weht es aus der Niederung;
Und, noch Jüngling, hör ich traurig,
Wie aus banger Dämmerung
Meines Herzens matten Schlägen
Rauscht die Todesflut entgegen.

                      2

Einsamkeit! mein stilles Weinen
Rinnt so heiß in deinen Schoß;
Doch du schweigst und hast nicht einen
Seufzer für mein trübes Los!
Legen schon die Jugendjahre
Abgeblüht mich auf die Bahre,
Wird kein Auge feuchten sich?
Wird kein Busen bänger schlagen,
Wenn sie mich zu Grabe tragen?
Liebt kein Herz auf Erden mich? -
Heißer strömt es von der Wange:
Keines, keines! fühl ich bange.


      An die Melancholie

Du geleitest mich durchs Leben,
Sinnende Melancholie!
Mag mein Stern sich strahlend heben,
Mag er sinken - weichest nie!

Führst mich oft in Felsenklüfte,
Wo der Adler einsam haust,
Tannen starren in die Lüfte
Und der Waldstrom donnernd braust.

Meiner Toten dann gedenk ich,
Wild hervor die Träne bricht,
Und an deinen Busen senk ich
Mein umnachtet Angesicht.


                Vergänglichkeit

Vom Berge schaut hinaus ins tiefe Schweigen
Der mondbeseelten schönen Sommernacht
Die Burgruine; und in Tannenzweigen
Hinseufzt ein Lüftchen, das allein bewacht
Die trümmervolle Einsamkeit,
Den bangen Laut: 'Vergänglichkeit'

'Vergänglichkeit!' mahnt mich im stillen Tale
Die ernste Schar bekreuzter Hügel dort,
Wo dauernder der Schmerz in Totenmale
Als in verlaßne Herzen sich gebohrt;
Bei Sterbetages Wiederkehr
Befeuchtet sich kein Auge mehr.

Der wechselnden Gefühle Traumgestalten
Durchrauschen äffend unser Herz; es sucht
Vergebens seinen Himmel festzuhalten,
Und fortgerissen in die rasche Flucht
Wird auch der Jammer; und der Hauch
Der sanften Wehmut schwindet auch.

Horch ich hinab in meines Busens Tiefen,
'Vergänglichkeit!' klagts hier auch meinem Ohr,
Wo längst der Kindheit Freudenkläng entschliefen,
Der Liebe Zauberlied sich still verlor;
Wo bald in jenen Seufzer bang
Hinstirbt der letzte frohe Klang.


               Abschied

  Lied eines Auswandernden

Sei mir zum letztenmal gegrüßt,
Mein Vaterland, das, feige dumm,
Die Ferse dem Despoten küßt
Und seinem Wink gehorchet stumm.

Wohl schlief das Kind in deinem Arm;
Du gabst, was Knaben freuen kann;
Der Jüngling fand ein Liebchen warm;
Doch keine Freiheit fand der Mann.

Im Hochland streckt der Jäger sich
Zu Boden schnell, wenn Wildesschar
Heran sich stürzet fürchterlich;
Dann schnaubt vorüber die Gefahr:

Mein Vaterland, so sinkst du hin,
Rauscht deines Herrschers Tritt heran,
Und lässest ihn vorüberziehn
Und hältst den bangen Atem an. -

Fleug, Schiff, wie Wolken durch die Luft,
Hin, wo die Götterflamme brennt!
Meer, spüle mir hinweg die Kluft,
Die von der Freiheit noch mich trennt!

Du neue Welt, du freie Welt,
An deren blütenreichem Strand
Die Flut der Tyrannei zerschellt,
Ich grüße dich, mein Vaterland!


     Am Grabe eines Ministers

Du fuhrst im goldnen Glückeswagen
Dahin den raschen Trott,
Von keuchenden Lüsten fortgetragen,
Und dünktest dir ein Gott!

Wie flogen des Pöbels Rabenschwärme
Dir aus dem Weg so bang,
Da sie hörten der Geißel wild Gelärme,
Der Räder Donnerklang!

Ein weinender Bettler, stand am Wege
Das arme Vaterland
Und flehte dich an um milde Pflege
Mit aufgehobner Hand;

Doch wie auch klagte die bittre Klage,
Wie auch die Träne rann:
Du triebst mit gellendem Geißelschlage
Vorüber dein Gespann! -

"Halt!" schlug nun eine grause Stimme
An dein entsetztes Ohr,
Es stürzt', ein Räuber, mit Hohn und Grimme
Der Tod vom Wald hervor

Und hieb die Stränge mit scharfem Schwerte
Vom Wagen, riß mit Macht
Dich fort, trotz Flehen und Angstgebärde,
In seine finstre Nacht.

Das Vaterland mit Lachen und Singen
Hält Wacht an deinem Grab,
Scheucht Tränen und Seufzer und Händeringen
Fort mit dem Bettelstab!


               Der Indifferentist

Ob du, ein Sokrates, den Schierlingsbecher
Aufs Wohl des Vaterlandes lächelnd trinkst;
Ob du, ein schnöder, teuflischer Verbrecher,
Vom Henkerbeil getroffen, fluchend sinkst;

Ob dein Genie sein Werk den raschen Zeiten
Geschleudert, ein Gebirg, in ihre Bahn,
Daß sie an seinem Fuß vorüberschreiten
Und grauend seine Gipfel starren an;

Ob nichts dein langes Leben war hinieden
Als fürs Gewürm des Grabes eine Mast;
Ob du, der Menschheit Fesseln anzuschmieden,
Ein toller Held, die bange Welt durchrast:

Ist just so wichtig als: ob nur im Kreise
Einförmig stets das Aufgußtierchen schwimmt,
Ob es vielleicht nach rechts die große Reise,
Vielleicht nach links im Tropfen unternimmt.


             Vanitas

Eitles Trachten, eitles Ringen
Frißt dein bißchen Leben auf,
Bis die Abendglocken klingen,
Still dann steht der tolle Lauf.

Gastlich bot dir auf der Reise
Die Natur ihr Heiligtum;
Doch du stäubtest fort im Gleise,
Sahst nach ihr dich gar nicht um.

Blütenduft und Nachtigallen,
Mädchenkuß und Freundeswort
Riefen dich in ihre Hallen;
Doch du jagtest fort und fort.

Eine Törin dir zur Seite
Trieb mit dir ein arges Spiel,
Wies dir stets ins graue Weite:
"Siehst du, Freund, dort glänzt das Ziel!"

War es Gold, wars Macht und Ehre,
Was sie schmeichelnd dir verhieß:
Täuschung wars nur der Hetäre,
Eitel Tand ist das und dies.

Sieh! noch winkt sie dir ins Weite,
Und du wardst ein alter Knab!
Nun entschlüpft dir dein Geleite,
Und du stehst allein - am Grab.

Kannst nicht trocknen mehr die Stirne,
Da du mit dem Tode ringst;
Hörst nur ferne noch der Dirne
Hohngelächter - und versinkst!


                     Aus!

Ob jeder Freude seh ich schweben
Den Geier bald, der sie bedroht;
Was ich geliebt, gesucht im Leben,
Es ist verloren oder tot.

Fort riß der Tod in seinem Grimme
Von meinem Glück die letzte Spur;
Das Menschenherz hat keine Stimme
Im finstern Rate der Natur.

Ich will nicht länger töricht haschen
Nach trüber Fluten hellem Schaum,
Hab aus den Augen mir gewaschen
Mit Tränen scharf den letzten Traum.


       An mein Vaterland

Wie fern, wie fern, o Vaterland,
Bist du mir nun zurück!
Dein liebes Angesicht verschwand
Mir, wie mein Jugendglück!

Ich steh allein und denk an dich,
Ich schau ins Meer hinaus,
Und meine Träume mengen sich
Ins nächtliche Gebraus.

Und lausch ich recht hinab zur Flut,
Ergreift mich Freude schier:
Da wird so heimisch mir zumut,
Als hört ich was von dir.

Mir ist, ich hör im Winde gehn
Dein heilig Eichenlaub,
Wo die Gedanken still verwehn
Den süßen Stundenraub.

Im ungestümen Wogendrang
Braust mir dein Felsenbach,
Mit dumpfem, vorwurfsvollem Klang
Ruft er dem Freunde nach.

Und deiner Herden Glockenschall
Zu mir herüberzieht
Und leise der verlorne Hall
Von deinem Alpenlied.

Der Vogel im Gezweige singt,
Wehmütig rauscht der Hain,
Und jedes Blatt am Baume klingt
Und ruft: gedenke mein! -

Als ich am fremden Grenzefluß
Stillstand auf deinem Saum,
Als ich zum trüben Scheidegruß
Umfing den letzten Baum

Und meine Zähre trennungsscheu
In seine Rinde lief:
Gelobt ich dir die ewge Treu
In meinem Herzen tief.

Nun denk ich dein, so sehnsuchtschwer,
Wo manches Herz mir hold,
Und ströme dir ins dunkle Meer
Den warmen Tränensold! -


            Die Werbung

Rings im Kreise lauscht die Menge
Bärtiger Magyaren froh;
Aus dem Kreise rauschen Klänge:
Was ergreifen die mich so? -
Tiefgebräunt vom Sonnenbrande,
Rotgeglüht von Weinesglut,
Spielt da die Zigeunerbande
Und empört das Heldenblut.
"Laß die Geige wilder singen!
Wilder schlag das Zimbal du!"
Ruft der Werber, und es klingen
Seine Sporen hell dazu.
Der Zigeuner hörts, und voller
Wölkt sein Mund der Pfeife Dampf,
Lauter immer, immer toller
Braust der Instrumente Kampf,
Braust die alte Heldenweise,
Die vor Zeiten wohl mit Macht
Frische Knaben, welke Greise
Hinzog in die Türkenschlacht.
Wie des Werbers Augen glühn!
Und wie all die Säbelnarben,
Ehrenröslein purpurfarben,
Ihm auf Wang und Stirne blühn!
Klirrend glänzt das Schwert in Funken,
Das sich oft im Blute wusch;
Auf dem Tschako, freudetrunken,
Taumelt ihm der Federbusch. -
Aus der bunten Menge ragen
Einen Jüngling, stark und hoch,
Sieht der Werber mit Behagen;
"Wärest du ein Reiter doch!"
Ruft er aus mit lichtern Augen,
"Solcher Wuchs und solche Kraft
Würden dem Husaren taugen;
Komm und trinke Brüderschaft!"
Und es schwingt der Freudigrasche
Jenem zu die volle Flasche.
Doch der Jüngling hört es schweigend,
In die Schatten der Gedanken,
Die ihn bang und süß umranken,
Still sein schönes Antlitz neigend.
Ihn bewegt das edle Sehnen,
Wie der Ahn ein Held zu sein;
Doch berieseln warme Tränen
Seiner Wangen Rosenschein.
Außer denen, die da rauschen
In Musik, in Werberswort,
Scheint er Klängen noch zu lauschen,
Hergeweht aus fernem Ort.
"Komm zurück in meine Arme!"
Fleht sein Mütterlein so bang;
Und die Braut in ihrem Harme
Fleht: "O säume nimmer lang!"
Und er sieht das Hüttchen trauern,
Das ihn hegte mit den Seinen;
Hört davor die Linde schauern
Und den Bach vorüberweinen. -
Pochst du lauter nach den Bahnen
Kühner Taten, junges Herz?
Oder zieht das süße Mahnen
Dich der Liebe heimatwärts?
Also steht er unentschlossen,
Während dort Geworbne schon
Ziehn ins Feld auf flinken Rossen,
Lustig mit Trommetenton.
"Komm in unsre Reiterscharen!"
Fällt der Werber jubelnd ein,
"Schönes Leben des Husaren,
Das ist Leben, das allein!" -
Jünglings Augen flammen heller,
Seine Pulse jagen schneller. - -
Plötzlich zeigt sich jetzt im Kreise
Eine finstere Gestalt,
Tiefen Ernstes, schreitet leise,
Und beim Werber macht sie halt,
Und sie flüstert ihm so dringend
Ein geheimes Wort ins Ohr,
Daß er, hoch den Säbel schwingend,
Wie begeistert loht empor.
Und der Dämon schwebt zur Bande,
Facht den Eifer der Musik
Mächtig an zum stärksten Brande
Mit Geraun und Geisterblick.
Aus des Basses Sturmgewittern,
Mit unendlich süßem Sehnen,
Mit der Stimmen weichem Zittern,
Singen Geigen, Grabsirenen.
Und der Finstre schwebt enteilend
Durch der Lauscher dichte Reihe,
Nur am Jüngling noch verweilend
Wie mit einem Blick der Weihe. -
Bald im ungestümen Werben
Wird der Liebe Klagelaut,
Wird das Bild der Heimat sterben;
Arme Mutter! arme Braut!
In des Jünglings letztes Wanken
Bricht des Werbers rauhes Zanken,
Lacht des Werbers bittrer Hohn:
"Bist wohl auch kein Heldensohn!
Bist kein echter Ungarjunge!
Feiges Herz! so fahre hin!"
Seht, er stürzt mit raschem Sprunge -
Zorn und Scham der Wange Glühn -
Hin zum Werber, von der Rechten
Schallt der Handschlag in den Lüften,
Und er gürtet, kühn zum Fechten,
Schnell das Schwert sich um die Hüften. -
Wie beim Sonnenuntergange
Hier und dort vom Saatgefild
Still waldeinwärts schleicht das Wild:
Also von der Ungarn Wange
Flüchtet in den Bart herab
Still die scheue Männerzähre.
Ahnen sie des Jünglings Ehre?
Ahnen sie sein frühes Grab?


    Begräbnis einer alten Bettlerin

Vier Männer dort, in schwarzem Kleid,
Die tragen auf der Bahre,
Lastträger, ohne Lust und Leid,
Des Todes kalte Ware.

Sie eilen mit dem toten Leib
Hinaus zum Ort der Ruhe.
Schlaf wohl, du armes Bettelweib,
In deiner morschen Truhe!

Dir folgt kein Mensch zum Glockenklang
Mit weinenden Gebärden;
Die Not nur blieb dir treu, solang
Von dir noch was auf Erden.

Dir gab der Menschen schnöder Geiz
Ein Leichentuch zerfetzet,
Hat ein verstümmelt Christuskreuz
Dir auf den Sarg gesetzet;

Doch kränkt dich nicht der bittre Spott
In deinem tiefen Frieden,
Daß man selbst einen schlechtern Gott
Dir auf den Weg beschieden.

Einst blühtest du im Jugendglanz,
Vom ganzen Dorf gepriesen
Die schönste Maid am Erntetanz,
Dort unten auf der Wiesen.

Folgt keiner dir der Bursche nach,
Die dort mit dir gesprungen?
Wohl längst die muntre Fiedel brach,
Die dort so hell geklungen!


               Der Raubschütz

                Nach einer Sage

Der alte Müller Jakob sitzt
Allein beim Glase Wein.
Schwarzmitternacht, nur manchmal blitzt
Ein Wetterstrahl herein.
Das Mühlrad saust, es braust der Wind;
Doch schlafen ruhig Weib und Kind.

Der Alte tut manch raschen Zug,
Er denkt an Zeit und Tod.
Wie draußen jagt des Sturmes Flug,
So jagen Lust und Not,
Die längst begrabnen, neuerwacht,
Ihm durch die Brust in dieser Nacht.

Die Tür geht auf, er fährt empor:
Wer kommt zu solcher Stund?
Ein Weidmann mit dem Feuerrohr,
Mit seinem Stöberhund,
Hahnfeder, Gemsbart auf dem Hut,
Das grüne Wams befleckt mit Blut.

Der Müller starrt, zurückgebeugt,
Dem Jäger ins Gesicht,
Sein Haar entsetzt zu Berge fleugt,
Sein Blut zum Herzen kriecht:
Der Raubschütz ists, der wilde Kurd,
Der jüngst im Wald erschossen wurd.

Der finstre Jäger an die Wand
Auf Jakobs Büchse winkt;
Der preßt sein Glas in zager Hand,
Daß es zu Scherben springt;
Gehorchend nimmt er sein Gewehr
Und schleicht dem Grausen hinterher.

Sie streifen in den Wald hinaus,
Nach süßem Wüdesraub;
Stets lauter wird der Winde Braus,
Der Pfade dürres Laub.
Der Jäger ruft voll heißer Gier:
"Komm, Bruder, jagen, jagen wir!"

Sie ziehn fort fort im finstern Wald
Durch Strupp und Strom gar frisch;
Das Wild schrickt auf, die Büchse knallt,
Der Stöbrer im Gebüsch
Rauscht mit arbeitendem Geruch,
Der Jäger ruft: "Such, Hundel, such!"

Doch an des Walds geheimstem Ort,
Auf seinem liebsten Stand,
Wo jüngst die Kugel ihn durchbohrt
Aus meuchlerischer Hand,
Da bleibt er stehn und donnert: "Schau!
Hier schoß er mich wie eine Sau!"

Es ächzt der Wald im Sturm verzagt,
Vom Monde jetzt erhellt;
Der kühn gewordne Müller fragt:
Was ists in jener Welt?
Da murmelt trüben Angesichts
Der Jägersmann: "Es ist halt nichts!"


    Warnung im Traume

In üppig lauter Residenz
Verschwelgt mit reicher Habe
Ein Jüngling seinen Lebenslenz;
Die Eltern ruhn im Grabe.

Die Mutter lag am Sterbepfühl
Mit matten Herzensschlägen,
Sie legte blaß und todeskühl
Die Händ ihm auf zum Segen.

Und sie verschwendet noch im Schmerz
Der Kräfte letzten Glimmer,
Daß nun das Kind ihr treues Herz
Verlassen soll auf immer.

Der Mutterliebe ewge Macht
Hält sie dem Sohn vereinet,
Wie mildes Mondlicht in der Nacht
Des Wandrers Pfad bescheinet.

Umschwebt sie auch im Geisterflug
Still segnend den Bedrohten,
Gewaltig ist der Sinnenzug,
Und kraftlos sind die Toten.

Sie sah, wie 's letzte Röslein sich
Von seiner Wange stehle,
Und wie die Unschuld ihm verblich,
Die Rose seiner Seele.

Sie sah den Sohn die Sinnengier
Stets fesselnder umgarnen;
Ein Trost nur war geblieben ihr:
In Träumen ihn zu warnen.

Nach einem wildverbrausten Tag,
Verbuhlet und vertrunken,
Der Jüngling auf dem Bette lag,
Dem Schlafe heimgesunken.

Da träumt ihm, daß er abends irrt
Durch volkbelebte Straßen,
Wo manche Dirne lockend kirrt
Zu lüsternem Umfassen.

Schon wandelt der Laternenmann
Von Pfahl zu Pfahl und zündet
Dem Laster seine Sterne an,
Das hier sich sucht und findet.

Der Jüngling sieht ein lockend Weib
An ihm vorübergleiten,
Um deren üppig schlanken Leib
Sich Licht und Dunkel streiten.

Das Licht ihm wenig nur erhellt,
Die Lust nach dem zu wecken,
Was ihm das Dunkel vorenthält
Mit reizend schlauem Necken.

Er will den Reizen sein zu Gast,
Sie laden ihn so dringend,
Er eilt ihr nach, der Schritte Hast
Je mehr und mehr beschwingend.

Doch wie er nach der Dirne setz,
Er kann sie nicht erreichen,
Er sieht die Dunkle weiter stets
Und lockender entweichen.

Sie gleichet einem Nebelbild
Mit leisem, fernem Winken;
Sein Blick dem Sonnstrahl heiß und wild,
Den Nebel aufzutrinken.

Schon haben sie im raschen Zug
Die wache Stadt verlassen,
Und schon durchkreuzt ihr schneller Flug
Der Vorstadt öde Straßen.

Nur hier und dort ein Licht noch brennt
Bei Toten oder Kranken;
Und fort und fort die Dirne rennt,
Er nach mit giergem Zanken:

"Was rennst du, Tolle, so geschwind?
Wo steht dein süßes Lager?"
Da pfeift ums Ohr ein kalter Wind
Dem ungestümen Frager.

"Halt an, halt an die tolle Flucht!
Ich will dich fürstlich zahlen!"
Also der Jüngling fleht und flucht,
Schwerkrank an Wollustqualen.

Nun ist kein Haus zu schauen mehr;
Mit argbetroffnen Blicken
Sieht er nur Gräber rings umher
Und ernste Kreuze nicken.

Da wendt sie sich im Mondenlicht,
Zu seiner Qualgenesung:
Mit grauverwischtem Angesicht
Umarmt ihn - die Verwesung. -

Doch fuhr er kaum vom Schlummer auf,
Hat er den Traum versungen,
Und hat der wüste Lebenslauf
Ihn wiederum verschlungen.

Bald ward des Traumes kalte Braut
Am schweigenden Altare
Dem Jüngling wirklich angetraut,
An seiner Totenbahre.


                Der Ring

Jubelnd ist der Tag erschienen,
Schwingt den Goldpokal der Sonne,
Gießt auf Berg und Tal berauschend
Nieder seine Strahlenwonne.

In den Lüften aufzutauchen
Darf kein Wölkchen sich getrauen,
Auf das Glück der treuen Liebe
Will der ganze Himmel schauen.

Nur die Lerchen, Freude singend,
Steigen auf im Morgenglanze,
Trunken von den Strahlengüssen
Jauchzt die Welle der Durance. -

In dem Garten, wo vor Jahren
Gingen in der Schattenkühle
Klara Hebert und Johannes
Mit verschwiegenem Gefühle;

Wo die lauten Nachtigallen
Süß verräterische Lieder
Sangen auf den grünen Zweigen:
Wandeln sie auch heute wieder.

Und in seliger Verschlingung
Kehren sie zum trauten Orte,
Wo vor Jahren ihre Liebe
Fand die ersten, leisen Worte.

Klara blüht in neuer Schöne,
Rosen, Fremdlinge seit lange,
Kehrten schüchtern heute wieder
Auf die freudenhelle Wange.

Nach dem hohen Felsenhause,
Das nun wieder wüst und einsam,
Wandeln Klara, ihre Mutter
Und Johannes froh gemeinsam.

Selbst die rauhen, öden Klippen
Hält die Freude jetzt umschlungen;
Nur wie leichte Nebel schleichen
Durchs Gestein Erinnerungen.

Als sie treten in das düstre
Und verhängnisvolle Zimmer,
Treffen die erstaunten Frauen
Kruzifix und Kerzenschimmer.

Und dem Priester, der sie grüßet,
Harrt am Munde schon der Segen;
Auch der alte treue Marko
Eilt der Jungfrau froh entgegen. -

Klara trug das goldne Ringlein
Auf der stillen Herzenswunde,
Das ihr scheidend einst gegeben
Johann in der bangen Stunde.

Den Smaragd am Ringe damals
Sah das Volk gar hell erglänzen,
Mit prophetischem Gemahnen
An das Grün von Myrtenkränzen.