Lenau

Seite 3

Inhalt

Biografie

Seite 5

              Die Marionetten

                  Nachtstück

                Erster Gesang

         Der Gang zum Eremiten

Grau düstre Felsen sah ich trotzig ragen
Aus eines Tales stillen Finsternissen,
Als wollten kühn den Himmel sie verjagen,
Dem sie den Schleier vom Gesicht gerissen.
Abgründe, ihre Riesengräber, lauern
In sicherer Geduld zu ihren Füßen.
Kein Vogelsang, kein Bach, kein Waldesschauern;
Kein Klageton entfährt dem finstern Tale;
Nur stummes, unermeßlich wildes Trauern.
Einsam verkümmert steht der Strauch, der kahle,
Hat Regen nur und Sturm und Frost erlebt,
Stirbt ungeliebt vom süßen Sonnenstrahle.
An seinen Ästen, windgefächelt, bebt
Die Wolle eines Lamms in stummer Klage,
Und des zerrißnen Blut am Boden klebt.
Dort fliegt mit leisem, sattem Flügelschlage
Ein Geier seinem Felsenhorste zu.
Auf grüner Trift, erquickt vom Sommertage,
Schuldloses Lamm, wie fröhlich irrtest du
Mit deiner Weide friedlichen Genossen,
Indes auf dich aus heitrer Lüfte Ruh
Vormordend Geierblicke niederschossen!
Der Geier, stürzend sich in seinen Blick,
Kommt plötzlich auf das Lamm herabgestoßen
Und reißt es fort aus seinem Jugendglück.
Hoch über Wälder, Tale, Felsenriffe
Fliegt er damit in seine Nacht zurück.
Es zittert, wimmert; doch mit festrem Griffe
Umklammert ers, ob sich am Angstgeschrei
Die scharfe Gier des Mörders schärfer schliffe. -
Nun drang ich tiefer, an dem Strauch vorbei,
Und wilder immer ward des Tales Grund,
Die dunkle Wiege der Melancholei.
Da bricht aus dornumstarrtem Felsenmund
Ein Quell hervor, die bange Ruh zu stören,
Und braust hinunter in den offnen Schlund.
Unheimlich ist und grausenvoll zu hören
Das hohle Tosen in den Steinverliesen,
Wo murmelnd Nacht und Tod sich Treue schwören.
Wie, trauernd nach verlernen Paradiesen,
Des Freundes Haupt ans Herz des Freundes fällt,
Umarmen sich die ernsten Felsenriesen.
Und weiter drang ich, - dämmerlich erhellt
War mir die Schlucht; es fiel ein leiser Regen;
Der Himmel Blitze durch die Felsen schnellt',
Und fernher klangs von dumpfen Donnerschlägen.
Gar seltsam bleich erschien mir das Gesicht
Des Eremiten, der mir trat entgegen.
Es wankt um ihn ein zweifelhaftes Licht;
Der Sturm ist laut und plötzlich aufgefahren,
Wie, wer verschlafen, schnell vom Lager bricht.
Er faßt den Alten an den grauen Haaren;
Der aber schreitet durch des Sturmes Macht,
Uneingedenk der Wetter und Gefahren.
Bald ist er mir begraben von der Nacht,
Bald wieder glüht er auf im Wetterschein,
Als hätt ihn hell der Windstoß angefacht.
Nun schritt er näher und gewahrte mein
Und hieß mich froh mit gastlich mildem Worte
In seinen Wildnissen willkommen sein.
Und durch des Klippentals geheimste Orte,
Durch des Gewitters wachsendes Gebrause,
Führt' er mich fort zu einer schmalen Pforte
Und grüßte mich in seiner öden Klause.

                Zweiter Gesang

                    Lorenzo

Der Sturm verstummte, die Gewitter schwiegen,
Das volle Mondlicht hatte sich ergossen,
Beruhigend sich an das Tal zu schmiegen.
Ich saß mit meinem wirtlichen Genossen
Beim Abendmahl; da hob er seinen Wein,
Mich feierlich einladend, anzustoßen.
Ein Frauenbild, erhellt von Lampenschein,
Hing an der Wand, umhüllt von schwarzem Flor:
Drauf wies er hin und sprach: "Ich denke dein!"
Und plötzlich stürzten Tränen ihm hervor.
Auf seinen Zügen lag ein tiefes Leid,
Wie er im teuren Bilde sich verlor.
Ich tat aufs Wohl der Toten ihm Bescheid,
Und als ich anstieß mit dem trüben Zecher,
Da hatte heimlich mir die Ewigkeit
Von ihrem Ernst geträufelt in den Becher.
Der Eremit begann mit scheuem Munde
Von einer schwarzen Tat und ihrem Rächer
Zu geben mir die schaudervolle Kunde.
Und wie er ins vergangne Leben schied,
Riß er die Zeit von jeder Herzenswunde. -
- Du, Gott des Schmerzes, rüste du mein Lied
Und wappne mich auf den verwegnen Gang
Durchs ungeheuer nächtliche Gebiet.
Gib mir ein wildes Herz, daß mein Gesang
Auf seiner Bahn vor Schreck nicht sterben dürfe;
Gib mir ein Herz, das lauten Wetterklang
Wie süße Nachtigallenlieder schlürfe!
Und wenn ins Tal mit grimmigem Frohlocken
Die Stürme werfen ihre Donnerwürfe,
Daß Wald und Fels herunterbricht erschrocken:
Dem Herzen sei's schwermütiges Behagen,
Wie Niedersäuseln welker Blütenflocken! -
"Graf Robert sehnte sich nach stillen Tagen.
Er hatte viel sich durch die Welt getrieben,
Des Lebens manchen heißen Kampf geschlagen.
Im Herbst der Tage schwanden ihm die Lieben;
Da wird die Freudenflur so still, so leer!
Wohl dir, ist dann ein Kind dir noch geblieben;
Dir fallen leiser dann und minder schwer
Des Alters unvermeidlich bittre Lose,
Dir weht es milder von den Gräbern her!
Roberto klagt an manchen Hügels Moose,
Trübhadernd mit den räuberischen Jahren:
Nun hing sein Herz an seiner letzten Rose.
Geschieden von der Welt bewegten Scharen
Hat sich sein Herz, das nur den Frieden sucht,
Des Glückes letzte Spur sich zu bewahren.
Er zog mit seinem Kind in diese Schlucht;
Maria tat in ihrer Morgenblüte
Der Einsamkeit entsagungsvolle Flucht.
An Schönheit wunderbar, an tiefer Güte,
War selige Genüg ihr stilles Leben,
Daß sie den Abend ihres Vaters hüte.
Auf jenen Felsen, die am höchsten streben,
Stand ihm sein Ahnenschloß, seit lange wüste,
Wehrlos dem Sturz der Zeiten hingegeben;
Von wannen einst in kriegrischem Gelüste
Der Ritter brausen ließ die blutgen Fahnen,
Wo man den Freund mit Wein und Sang begrüßte.
Dahin, von seinen sturmbewegten Bahnen,
Trieb ihn die Sehnsucht, nach den Tannenhainen,
Zur längst verglühten Asche seiner Ahnen.
'Dort will ich meine letzte Träne weinen
Dem treuen Weib; dort wird dem Tode mild
Des Kindes Lieb ins finstre Antlitz scheinen!'
So malte sich sein Herz des Schicksals Bild,
Als mit Marien er die alten Mauern
Bezog in diesem einsamen Gefild." -
Nun schwieg der Eremit und sank mit Schauern
Zurück in der Erinnrung dunkle Nächte;
Bis wieder er begann mit tiefem Trauern:
"Ich war ein Jüngling, würdigem Geschlechte
Entsprossen, mit dem tapfern alten Grafen
Zurückgekehrt aus rühmlichem Gefechte,
Als mich die Blicke seiner Tochter trafen
Und mich durchdrangen mit so heißen Wunden,
Die nur mit meinem letzten Hauch entschlafen.
Hab ich auch Liebe nicht bei ihr gefunden,
Blieb doch seit jenem süßen Augenblick
Der Wunsch, je zu genesen, überwunden.
Roberto, gönnend mir ein froh Geschick,
Erhoffte von der leisen Macht der Tage,
Daß sich ihr Herz noch neige meinem Glück,
Und daß ich nicht dem Waffenfreund versage,
Zu folgen ihm auf seiner Väter Schloß.
Ich folgte trauernd, aber ohne Klage.
Wenn ich die Näh der Himmlischen genoß,
Der Wimper keine Bettlerin entschlich,
Was ich an Tränen einsam auch vergoß.
Ein schnelles Jahr voll bittrer Wonn entwich,
Umsonst hat sie mein stummer Schmerz beschworen;
Mir sprach kein Hauch, kein Blick: ich liebe dich!
Das Los hatt einen andern ihr erkoren,
Der wie ein Sturm ihr junges Herz bezwang,
An den sie Herz und all ihr Glück verloren. -
Einst saßen wir am steilen Felsenhang
Vor dem Ruinenschloß und überließen
Nachsinnend uns dem Sonnenuntergang.
Dort sah ich ganz die Rose sich erschließen:
Marias offnes Auge, tief und klar,
Schien Seelen in den Abend auszugießen;
Die leisen Winde küßten ihr das Haar,
Auf ihren Busen kamen, sich zu wiegen,
Die Purpurstrahlen hell und wunderbar;
Der Himmel schien am Halse ihr zu liegen.
Ich aber wünscht, es möchte meine Seele
In solchem Anblick sterben und versiegen.
Und ich begann, daß ich mein Leid verhehle,
Zu singen mit Robert, dem Mann der Waffen,
Ein altes Reiterlied aus voller Kehle.
Da stört' uns plötzlich lautes Hundeklaffen;
Zwei Doggen kamen schnell heraufgesprungen,
Als wollten sie dem Wind ein Wild entraffen,
Und hinterdrein, von Fels zu Fels geschwungen,
Mit stolzem Wuchs, weidmännisch angetan,
Die Faust ums schlanke Feuerrohr geschlungen,
Kam rasch und kühn ein Mann den Berg heran.
Und mich erfaßt' ein sonderbar Gefühl,
Als ich ihn sah mit leichtem Gruße nahn:
Die Stirne brütend und gewitterschwül,
Die Augen zwei gefangne Blitze brennen;
Doch lag es um die Lippen ihm so kühl,
Ein Rätsel, unerfreulich zu erkennen.
Die Blässe sprach: dies Herz hat keinen Frieden;
Unheimlich schön war die Gestalt zu nennen.
Ob auch Marias Blicke ihn vermieden,
Ich sah des Vaters Hand sie zitternd fassen;
Auf immer war die Ruh von ihr geschieden,
Ich sah ihr wechselnd Glühen und Erblassen;
Und ich empfand in meines Herzens Grunde
Zu jenem Fremden ahnungsvolles Hassen.
Ich will vollenden dir die trübe Kunde;
Doch vor Marias teurem Bilde nicht.
Komm, folge mir in dieser stillen Stunde!"
So sprach der Eremit und nahm ein Licht,
Und ernst verließen wir das öde Haus;
Er sah mir recht bekümmert ins Gesicht
Und wies mir in die dunkle Nacht hinaus.

                 Dritter Gesang

                      Antonio

Der Klausner trug die leuchtende Laterne.
Fort war der Mond; aus finstern Wolken glommen
Nur matt und scheu hervor die seltnen Sterne.
Mich aber hatte plötzlich überkommen
Die große Wehmut der Vergangenheit.
Ich tat dem Alten schweigend und beklommen
Durch seinen dunklen Garten das Geleit.
Ich dachte traurig an so manches Grab,
Und allen Toten war mein Herz geweiht.
Auch die Natur, die nächtlich stille, gab
Gedankenvoller Wehmut sich zu eigen;
Nach dem Gewitter tropft' es noch herab
Wie weinendes Erinnern von den Zweigen.
So mochten wir wohl eine Stunde ziehn
Durch Fels und Wald mit ungebrochnem Schweigen.
Wir sahn die Wolken kommen und entfliehn,
Den Mond verhüllen bald und wiedergeben.
Drauf wies der Alte sinnig deutend hin,
Und endlich sprach er: "Dort am Fels erheben
Die Mauern sich vom alten Grafenschloß;
Dort wollen wir den Rest der Nacht verleben!"
Und schneller schritt mein leitender Genoß
Den Bergpfad mir voran im Mondenscheine,
Der wie versöhnend die Ruin umfloß.
"Hier", - fuhr der Alte fort - "an diesem Steine,
Hier saß Maria, ich vergeß es nimmer,
Die schöne Jungfrau noch, die himmlisch reine,
Umspielt vom linden West, vom Abendschimmer.
Hier stand vor ihr der falsche Bösewicht,
Der lächelnd sie zerbrach in kalte Trümmer.
O Maienluft! o helles Abendlicht!
Warum habt ihr das arme Kind verraten,
Da ihr geschmeichelt um ihr Angesicht,
Daß ihre tiefsten Blicke auf sich taten,
Daß ihre Reize all, von euch betrogen,
Unselig siegreich auf die Wange traten!
Wie heiß Lorenzos Blicke sie umflogen!
Und, schwelgend in der Blüte vollem Prangen,
Den holden Reichtum trunkenhaft erwogen!
Wie zauberisch Lorenzos Lippen klangen!
Bald süß und weich die weltgeschliffnen Worte,
Bald kühn und kräftig auf den Hörer drangen,
Womit er leicht ein junges Herz durchbohrte!
Den Vater auch bezwang der Rede Kraft
Und brach zu seiner Gunst die letzte Pforte.
Mir ward Robertos Schloß zur Kerkerhaft;
Ich stieg zu Roß in selber Nacht und sprengte
Von dannen schnell mit meiner Leidenschaft.
Doch ob ich auch mich in die Schlachten mengte,
Ich konnte nicht die Glut im Herzen mildern,
Die heimlich und unlöschbar mich versengte.
Lang kämpft ich mit des Zweifels schwanken Bildern,
Bis aus der Heimat mir ein Bote kam,
Die traurige Gewißheit mir zu schildern:
Wie der Verführer frech und ohne Scham
Gar bald die Eide brach, die er geschworen:
Lorenzo floh; Maria starb vor Gram.
Wie bitter schwer Roberto sie verloren,
Und wie in ihm der Liebe letzter Funken
An seines Kindes kalter Leich erfroren;
Und wie sein Blick, ins tote Kind versunken,
Schmerzlich ergründet, was man ihm geraubt,
Und sich mit wilder Rache voll getrunken.
Die Nacht des Wahnsinns schlug sich um sein Haupt;
Sie trieb ihn fort und fort nach allen Winden
Rastlos, wie durch den Wald der Jäger schnaubt.
Doch sah er stets die blutge Hoffnung schwinden;
Durch Land und Meer trieb ihn der Rache Qual,
Er konnte nicht die Spur Lorenzos finden.
Da fuhr ihm plötzlich, wie ein Wetterstrahl,
Prophetisch durch der Seele Finsternis
Die Sehnsucht nach dem fernen Felsental;
Und was ihn erst in alle Fernen riß,
Nun zwang es ihn zurück in diese Räume,
Als wäre hier sein Opfer ihm gewiß.
Hier träumt' er immer wilder seine Träume,
Die rings umher getreue Freunde hatten:
Ruinen, Gräber, finstre Tannenbäume.
Wie auf der Wüste, dürr und ohne Schatten,
Wenn sie den Tag um dunkle Nacht vertauscht,
Der Wandrer sinkt in durstendem Ermatten,
Einschläft und träumt, daß ihm die Quelle rauscht;
Vom Sand empor dann fährt der Frohbetörte,
Und in die Nacht, die dunkle, stille, lauscht:
So wars Robert, wenns ihn vom Schlaf empörte,
Als ob er aus Lorenzos Busen noch
Die heißersehnte Quelle rieseln hörte.
Wenn dann das schwarze Traumbild sich verkroch,
Wie glühend quält' es ihn, zu hören nur
Des eignen Herzens einsames Gepoch!
Oft wenn er so empor vom Lager fuhr,
Erweckt' er seine alten treuen Knechte
Und schwor mit ihnen seinen Racheschwur.
Auch trieb er oft mit ihnen lange Nächte
Ein närrisch Puppenspiel, worein er trug
Wahrheit und Traum in grausigem Geflechte.
Die Puppen mußten spielen Zug für Zug
Viel längstvergangne traurige Geschichten,
Nachtappen seinem wilden Geistesflug;
Doch immer war das Spiel ein Klagen, Richten:
Unheimlich kindisch war des Alten Drang,
Auch nur im Bild Lorenzo zu vernichten.
So lebte Robert manche Jahre lang;
Von allen Wandrern, die das Tal betreten,
Tat keiner nach dem Schlosse mehr den Gang.
Doch kam ein Abend: Maienlüfte wehten,
Es ruhte auf dem alten Schloßgestein
Der Strahl, wie einst, mit rötlichem Verspäten.
Roberto saß betrübt im Abendschein,
Und sinnend sank das Haupt ihm, das ergraute,
Und hüllte ins Vergangne ganz sich ein.
Wie er nun klar sein Kind Maria schaute,
Und wie sein starrer Blick leibhaft vor sich
Das Bild Lorenzos in die Dämmrung baute:
Da schallten Tritte und - sein Traum entwich -
Ein junger Mann nun plötzlich vor ihm stand,
Der wunderbar genau Lorenzo glich.
Es war Lorenzos Sohn. Aus fernem Land
War er gefolgt dem dunklen Trieb zu reisen,
Bis sich sein Pfad in diese Täler wand
Und ihn mit Lockungen, mit holden, leisen,
Verführte schlangenhaft in diese Schluchten,
Nach des Verhängnisses geheimen Kreisen.
'Halloh! nun endlich hab ich dich, Verfluchten!'
So rief Robert, sprang auf und hielt ihn fest;
'Gelüstet dich nach meinem Kind, Verruchten?
Stahlst du nicht frevelnd mir den letzten Rest?
Lorenzo, hab für dich kein Opfer mehr!
Maria ist von deinem Kuß verwest!'
Und riesenkräftig schleift er ihn einher.
Was ihm an Kraft geschwunden mit den Jahren,
Beschwor die Wut zu schneller Wiederkehr.
Mit Flammenaugen, weißen Flatterhaaren,
Ist er mit ihm zu jenes Turmes Türe,
Ein Rachedämon, brausend hingefahren.
Umsonst beteuerten Antonios Schwüre,
Es sei Lorenzos vorwurfsloser Sohn,
Um den er seine Eisenkette schnüre;
Und seiner Knechte Wort klang ihm wie Hohn,
Daß welk und grau ja längst Lorenzo sei,
Da dreißig Jahre schon nach ihm entflohn.
Dem Wahnsinn war das Alte nicht vorbei:
Lorenzos Züge waren mit den Zeiten
Gealtert nicht in seiner Phantasei.
Und in des Turmes finstern Einsamkeiten,
War nun Antonios schrecklich Los, zu schmachten,
Zu hören stets die Todesstunde schreiten.
Roberto säumte noch ihn hinzuschlachten:
'Bis seinen Lauf der bleiche Mond vollendet,
Soll dich die feste Kerkerwand umnachten.
Die Frist sei dir Verbrecher noch gespendet,
Auf daß auch dich dein Vater sterben sehe!'
Und in die Ferne ward ein Brief gesendet.
Lorenzo ahnte nicht des Schicksals Nähe.
Schon war verschlummert seine Jugendsünde,
Sein Herz erwarmet in beglückter Ehe:
Da kam das Schreckensblatt von seinem Kinde;
Da brach er auf und flog mit Sturmeseile,
Daß er Antonio noch lebendig finde,
Daß er des Wahnsinns blutgen Irrtum heile
Und das schuldlose Opfer schnell erlöse;
Wo nicht, den Tod mit seinem Sohne teile.
Wohl mahnte laut sein Herz ihn an das Böse
Der Jugendschuld, als er dem Schloß genaht,
Mit des Gewissens hämmerndem Getöse;
Wohl trieb er seinen Witz nach klugem Rat,
Wie er den Sohn entreiße der Gefahr
Und selber nicht bezahle seine Tat.
Ihm folgte schützend eine Waffenschar
Zum Schlosse, das ihm schon entgegendrohte,
Rauh, wie der Rache türmender Altar.
Durch Nebel taucht' empor das blutigrote
Antlitz des Mondes am bewegten Himmel,
Der schreckensvollen Nacht ein ernster Bote.
Der Wolken trübweissagendes Gewimmel
Flog unstet übers Tal, die Winde trugen
Herüber fernen Donners dumpf Getümmel:
Als an das Grafenschloß die Wandrer schlugen
Und bald darauf das Tor, das langentwöhnte,
Einlaß gewährend knarrt in seinen Fugen.
Ihr scheuer Tritt im öden Burghof tönte,
Wo alles einsam, still und finster lag,
Durchs hohe Gras allein der Windhauch stöhnte.
Die Waffenknechte lauschten stumm und zag;
Lorenzo hört des Busens alten Wächter
Stets lauter mit erinnrungsvollem Schlag,
Und ihn ergriff, wie die gedungnen Fechter,
Ein Grauen: plötzlich aus des Schlosses Tiefen
Schnitt durch die Nacht ein höhnisches Gelächter
Dann todesstill; - dann wirre Stimmen riefen.
Schon sah Lorenzo, dem der Mut zerbrach,
Die Nacht vom Blute seines Kindes triefen.
Und zaudernd schritten sie dem Laute nach,
Und über Treppen, dunkle Hallengänge,
Betraten sie ein dämmerndes Gemach.
Hier sahn sie das phantastische Gepränge
Der wunderlichen Marionettenbühne;
Hier lernten sie verstehn die krausen Klänge.
Soeben eifert der wahnwitzig kühne
Poet, daß er auch strafe die Betörung
An seinem Helden und das Schicksal sühne:
Und mit den Worten innigster Empörung
Empfing den Todesstreich Lorenzos Puppe.
Jetzt fuhr der Alte auf, entzückt der Störung:
'Ihr Herren, wie behagt euch diese Gruppe?
Soll wiederholet werden euch zu Ehren
Von meinem tüchtigsten Schauspielertruppe!
Ich kenn euch wohl und euer heiß Begehren:
Doch wollet nur indes Gedulden tragen
Und lustig erst den Willkommsbecher leeren!'
Der Vorhang fiel; doch wollte nicht behagen
Der Becher, den Robertos Knechte reichten,
Bis wieder ward der Vorhang aufgeschlagen.
Bei einer Dämmerlampe trübem Leuchten
Begannen ihren Tanz die Marionetten;
Doch schrecklich, daß die Gäste dran erbleichten,
Denn plötzlich schauten sie, geschleift an Ketten,
Verhöhnt von Roberts tragischem Sermon,
Mit plumpem Tritt - Antonios Leiche treten.
Lorenzo starb vor Schreck an seinem Sohn;
Die Knechte hüllten schreiend ihr Gesicht,
Und mit Entsetzen stürzten sie davon." -
So weit des Klausners nächtlicher Bericht.
Und ich erwacht an eines Baches Rand,
Als durch die Felsen drang das Morgenlicht,
Nachsinnend, wo der Eremit verschwand;
Ob Wahrheit, was nun meine Sinne mied,
Ob eines bösen Traumes wilder Tand? -
Und als ich aus dem Klippentale schied,
Sah wieder ich des Lammes Wolle beben
Am Strauche, den die Sonne ewig flieht,
Im Hintergrund den stillen Geier schweben.


                     Das Kreuz

Ich seh ein Kreuz dort ohne Heiland ragen,
Als hätte dieses kalte Herbsteswetter,
Das stürmend von den Bäumen weht die Blätter,
Das Gottesbild vom Stamme fortgetragen.

Soll ich dafür den Gram, in tausend Zügen
Rings ausgebreitet, in ein Bildnis kleiden?
Soll die Natur ich und ihr Todesleiden
Dort an des Kreuzes leere Stätte fügen?


     Der Räuber im Bakony

Der Eichenwald im Winde rauscht,
Im Schatten still der Räuber lauscht,
Ob nicht ein Wagen auf der Bahn
Fern rollt heran.

Der Räuber ist ein Schweinehirt,
Die Herde grunzend wühlt und irrt
Im Wald herum, der Räuber steht
Am Baum und späht.

Er hält den Stock mit scharfem Beil
In brauner Faust, den Todeskeil;
Worauf der Hirt im Wurfe schnellt
Sein Beil, das fällt.

Wählt aus der Herd er sich ein Stück,
So fliegt die Hacke ins Genick,
Und lautlos sinkt der Eichelmast
Entseelter Gast.

Und ists ein Mensch mit Geld und Gut,
So meint der Hirt: es ist sein Blut
Nicht anders, auch nur rot und warm,
Und ich bin arm.


                   Der ewige Jude

Ich irrt allein in einem öden Tale,
Von Klippenkalk umstarrt, von dunklen Föhren;
Es war kein Laut im Hochgebirg zu hören,
Stumm rang die Nacht mit letztem Sonnenstrahle.

Für ernste Wandrer ließ die Urwelt liegen
In diesem Tal versteinert ihre Träume;
Dort sah ich einen Geier durch die Bäume
Wie einen stillen Todsgedanken fliegen.

Nun kam ein Regen; daß der Himmel weine,
Erkennt das Herz an kahlen Felsenriffen,
Wo es vom Regen traurig wird ergriffen,
Daß er nicht wecken kann die toten Steine.

So ruft umsonst ein Strom von heißen Tränen
Den Trümmern ausgetobter Leidenschaften:
Wach auf, blüh auf aus deinen Todeshaften,
O Liebe! süßes Quälen! Hoffen! Sehnen!

Das Erz nur kann ich aus den Schlacken zwingen,
Mit Lebensgluten es dem Tod entlocken
Und gießen zu lebendgen Liedesglocken,
Die, Wehmut weckend, durch die Welt erklingen.

"Dahin, dahin des Lebens helle Stunden!
Mir nachtets, Tal, wie dir! ich wollt, ich wäre
Versunken, ein mein Licht versank, im Meere!"
Ich riefs und ließ aufbluten meine Wunden.

Und heftger regnets; von erwachten Winden
Ward Wolk an Wolke brausend zugetragen;
Wie zu des Herzens jüngsten Tränen, Klagen
Sich alter Schmerzen ferne Quellen finden. -

Stets dunkler wards im Tale, lauter immer,
Sturzbäche durch die Felsengassen sprangen,
Es wimmerten die Winde, schluchtverfangen,
Und Donner schlug; - den Geier sah ich nimmer.

Wo war der Geier? wo der Todsgedanke?
Der Geier muß in einer Ritze ducken,
Solang die Klagen das Gebirg durchzucken;
Sein Leben fühlt und liebt im Schmerz der Kranke.

Nur Einem ist, ob schweigend oder stürmend,
Die Welt stets einerlei und stets zuwider,
Denn rastlos muß er wandern auf und nieder,
Jahrtausendhoch die Todeswünsche türmend. - -

Schon sucht ich in den Bergeseinsamkeiten
Ein Lager mir, da kam ein Rauch geflogen,
Als wär er gastlich nach mir ausgezogen,
Zur waldversteckten Hütte mich zu leiten.

Ich späht umher, bald sah ich Kerzenschimmer
Durch dunkle Tannen, hörte Menschenworte;
Bevor ich einschritt in die offne Pforte,
Blickt ich durchs Fenster in das niedre Zimmer.

Ein Greis, bemüht, die braunen Rückenhaare
Zu einem Gemsbart weidgerecht zu schlichten,
Saß schweigend und wie sinnend auf Geschichten
Und Jägerstreiche seiner rüstgen Jahre.

Hoch stand sein Sohn, vom Ruß die Büchse putzend
Mit Schultern, die den Hirsch bergüber trügen,
Mit scharfen und entschlußgewohnten Zügen,
Wie sie der Raubschütz hat, dem Tode trutzend.

Die Hausfrau stand am Herd, die Mahlzeit kochend,
Rief durch die Tür herein, daß sie bald fertig,
Denn ihre Kinder saßen schon gewärtig,
Mit froher Ungeduld am Tische pochend.

Und ich empfand, als ich das Bild betrachtet:
Ein Herz, das Lieb und Sorge dicht umhegen,
Ist glücklich; und ein Herz auf stolzen Wegen,
Auf Irrfahrt großer Wünsche - herb verschmachtet.

Der Hütte Not manch bunter Schmuck verhüllte;
Viel Heilgenbilder, Braut- und Taufgeschenke
Verzierten blank die Wände rings und Schränke,
Trinkgläser auch, vielleicht noch nie gefüllte.

Schön ist die Armut, wenn sie, keusch verhangen,
Im rohen Sturm als eine Jungfrau schreitet,
Die Hüllen sorglich um die Blößen breitet,
Den Feind besiegend mit verschämten Wangen. -

Eintrat ich in die Stube, froh willkommen,
Dem Wildrer gab ich ehrlich meine Rechte,
Ihn nicht zu liefern an des Forstes Mächte,
Und ward zu Herberg herzlich aufgenommen.

Die Wirte suchten ihren Gast zu ehren
Mit derber Kost, mit derben Jägerstücken,
Wie sie die Wächter und das Wild berücken,
Von Gemsen, wie sie fielen, Luchsen, Bären.

Der Schütze wies und pries mir seine Stutze,
Mit welchen schon sein Vater einst, der Alte,
Als frischer Jung in diesen Bergen knallte;
Mir wies die Frau, was sie besaß an Putze.

Sie ließ mir, kindlich, bunten Flitter schauen;
Doch mehr als Ringlein, Perlenschnur und Spangen,
Hielt eine Münze meinen Blick gefangen
Und traf mein Herz mit wunderlichem Grauen.

Die Münze bleiern sah so traurig blinkend,
Fast wie ein brechend Auge, das Gepräge
War Christus mit dem Kreuz am Leidenswege,
Nach Ruhe schmachtend und zusammensinkend.

Nie war ein Bild, gemalt vom heilgen Schmerze,
In all den reichen kunstgeschmückten Hallen
So klagend an die Seele mir gefallen,
Wie dieses Bild, geprägt im grauen Erze.

Nun schien der Mond herein; die Kinder schliefen,
Der Alte murmelte den Abendsegen,
Dann ward es still; vorbei war Sturm und Regen
Nur draußen hört ich noch die Tannen triefen.

Und als ich starrt aufs mondbestrahlte Bildnis,
Ward mir, ob sichs in meiner Hand belebe,
Als ob sein Geist mit mir von hinnen schwebe,
Ich war hinausentrückt zur Felsenwildnis.

Und Alpenlerchen hört ich jubelnd schmettern,
Und Adler sah ich steigen in die Lüfte,
Die scheue Gemse springen über Klüfte,
Den Jäger nach im Morgenrote klettern.

Die Büchse knallt, die Gemse stürzt vom Felsen,
Sie hört nicht mehr das Echo donnernd wandern
Von Berg zu Berg; doch hören es die andern
Und lauschen schreckhaft mit gespannten Hälsen.

Des toten Tieres zitternde Genossen
Stehn still, solang die Widerhalle dauern,
Sie hören Schüsse rings von allen Mauern,
Wohin sie flüchten sollen, unentschlossen;

Jetzt eilen sie windschnell davon und schwinden
Im Felsgeklüft; ob sie nur Angst durchzittert?
Daß man die Weide ihnen so verbittert,
Ob sie des Menschen Unrecht nicht empfinden?

Der Bock, den dieser Schuß herabgerissen
Vom Felsenhang, wo ihn sein Leben freute,
Hängt von des Jägers Schulter nun als Beute,
Hält in den Zähnen noch den Kräuterbissen.

Wie jetzt der Raubschütz auf geheimen Wegen
Mit seinem Raube will davon sich machen,
Hört ers Gerüll von schweren Tritten krachen,
Ihm kommt ein riesenhafter Greis entgegen.

Der Alte blickt aus dichten Augenbrauen,
Die Föhrenbüscheln, glutversengten, gleichen;
Der Urkalk rings scheint mit dem starren, bleichen
Antlitz des Manns aus einem Stück gehauen.

Er ruft dem Jäger: "Halt!" mit einer Stimme,
Daß lauter als zuvor die Berge schallen,
Daß fliehend vom Geklipp die Gemsen fallen,
Und seine Keule schwingt der Greis im Grimme.

Doch steht er fest im engen Schluchtenpfade
Und harrt mit hocherhobner Todeswaffe,
Daß der bestürzte Jäger auf sich raffe
Und seine ausgeschoßne Büchse lade.

Indes in seiner Rechten droht die Keule,
Reißt seine Linke von der Brust die Hülle,
"Schieß her!" ruft sein toddürstendes Gebrülle,
"Sonst stirb!" ruft sein todlechzendes Geheule.

Erstaunen und Entsetzen überschleiern
Des Jägers Blicke; doch die Büchse faßt er
Und schüttet Pulver, drückt darauf das Pflaster,
Und in den Lauf treibt er die Kugel bleiern.

Er zielt und schießt aufs Herz dem wilden Recken;
Doch wie geprallt an eine Felsenscheibe,
So klatscht die Kugel ab von seinem Leibe,
Den Jägersmann zu Boden wirft der Schrecken.

An ihm vorüber rauscht der grause Alte,
Den's weiter treibt, umsonst den Tod zu suchen;
Der Schütze hört noch lang sein fernes Fluchen,
Bis ihm der letzte Laut im Wind verhallte.

Der ewge Jude rief: "Nur ich von allen
Kann unglückselig nie die Ruhe finden!
O könnt ich sterben mit den Morgenwinden
Und wie mein Wehruf im Gebirg verhallen!

Ich bin mein Schatten, der mich überdauert!
Mein Widerhall, am Felsen festgenagelt!
Ein Halm, auf den es ewig niederhagelt!
Ein flüchtger Lichtstrahl, in den Stein gemauert!

Weh mir! ich kann des Bilds mich nicht entschlagen,
Wie er um kurze Rast so flehend blickte,
Der Todesmüde, Schmach- und Schmerzgeknickte,
Muß ewig ihn von meiner Hütte jagen!" - -

Und als es stille war im Felsenschlunde,
Erhob sich scheu und schlich zur grausen Stelle,
Wo seine Kugel traf, der Weidgeselle
Und nahm sein plattgequetschtes Blei vom Grunde.

Und zitternd kam er auf mich zugeschritten
Und reichte mir das Blei, ich nahms mit Grauen:
Zur Münze wars geprägt, auf der zu schauen
Des ewgen Juden Herzqual eingeschnitten.

Die Münze bleiern sah so traurig blinkend,
Fast wie ein brechend Auge, das Gepräge
War Christus mit dem Kreuz am Leidenswege,
Nach Ruhe schmachtend und zusammensinkend. -

Da weckten meine wirtlichen Genossen
Mit lautem Ruf zurück mich in das Zimmer,
Als ich erwacht, hielt meine Hand noch immer
Das Zauberbild, vom Mondenlicht umflossen.


         Auf meinen ausgebälgten Geier

                                1

Du stehst so still und ernst, mein ausgebälgter Geier,
Ich bringe dir ein Lied mit meiner ernsten Leier.

Zwar hörst du nichts davon, dir geht mein Gruß verloren;
Doch Dichter sind gewohnt, zu singen toten Ohren.

Es lebt ja noch der Geist, der einst dir gab die Schwingen,
Den traf der Jäger nicht, er hört mein Lied erklingen.

Und wenn kein Menschenohr auch meinem Sange lauschte,
So hört mich doch der Geist, der mir das Herz berauschte.

Ich wollt, ich wäre jetzt in fernen Felsenklüften,
Und du hoch über mir, still kreisend in den Lüften;

Ich ließe froh mein Aug mit deinem Fluge schweifen,
Und wie du niederfährst, die Beute zu ergreifen;

Wie du, atmender Blitz, zu Boden niederzückest
Und mit den Krallen scharf ein warmes Leben pflückest;

Wie du das volle Herz ansetzest als ein Zecher,
Daß mit dem Leben trinkt der Tod aus einem Becher.

Traun! milder ist der Tod, trotz Blut und Jammerstimme
Wo heiße Lebenslust sich paart mit seinem Grimme,

Als wo kein Leben ist beim letzten Hauch zu sehen,
Wo still der Tod uns dünkt ein einsames Vergehen.

Ihr Weinenden am Sarg, an seinem dichten Schleier,
O kommt ins Felsental mit mir und meinem Geier!

O kommt, Unsterblichkeit will die Natur euch lehren,
Mit diesem Blute will sie trösten eure Zähren.

Im Kreischen dieses Aars, mags auch die Sinne stören,
Ist für die Seele doch ein süßer Klang zu hören.

Hier findet Trost ein Mann, ward ihm ein Glück zunichte,
Und näher tritt er hier dem Rätsel der Geschichte.

Der Geist, der heiß nach Blut hieß diesen Geier schmachten,
Es ist der starke Geist zugleich der Völkerschlachten;

Ein rasches Pochen ists, ein ungeduldigs Drängen
Der Seele, ihren Leib, den Kerker, aufzusprengen.

Den großen Kaiser hat einst dieser Geist durchdrungen,
Er hat ihm hoch sein Schwert zur Völkermahd geschwungen;

Dem Jäger, der als Wild die Menschheit trieb im Zorne
Durchs Dickicht seines Heers und Bajonettendorne;

Der, wie das Schicksal, fest beim Wehgeheul der Schmerzen,
Saatkörner seines Ruhms, warf Kugeln in die Herzen;

Und der auf Helena, wenn rings die Meerflut schäumte,
Beim Sturme sich zurück in seine Schlachten träumte. -

Mehr als ein blutger Tod macht es mein Herz erbeben,
Wenn unsichtbarer Hauch verweht ein Menschenleben;

Wenn übers Angesicht des Spiel vom letzten Schmerze
Hinzittert wie der Rauch der ausgelöschten Kerze.

Doch furchtbar ist der Tod, ein Grauen nicht zu zwingen,
Wenn eine Seuche kommt, die Völker zu verschlingen.

Der Kaiser liegt im Grab, die Menschen wollen Frieden,
Da ward nach lautem Schreck ein stiller herbeschieden.

Viel tausend Leben hat die Seuche fortgenommen,
Als hätte die Natur Verzweiflung überkommen,

Als wäre die Natur gejagt von einem Fluche,
Daß mit geheimem Gift den Selbstmord sie versuche.

Ein Geier ist der Krieg, Herzblut ist sein Verlangen
Die Seuche, still und glatt, ist vom Geschlecht der Schlangen.

Wo diese Schlange schleicht, fliegt ihr voran das Grauen,
Weil wir die Schlange nicht und ihren Rachen schauen.

Doch wie der wilde Aar, mit seinen scharfen Fängen,
Will auch die Schlange nur das Leben vorwärts drängen.

                                  2

Du toter Geier stehst noch immer wild und edel,
Und neben dich gestellt hab ich den bleichen Schädel.

Ich lasse dir nach ihm den Schnabel niederhangen,
Als hättest du gespeist das Fleisch von seinen Wangen.

Es mag an diesem Bild sich gern mein Blick entzünden,
Sehnsüchtig träumen sich nach Himalayagründen.

Den Ganges will ich dort abholen an der Quelle
Und ziehn mit ihm hinab, sein lauschender Geselle.

Der Ganges rauscht vorbei an einem Totenacker,
Und Geier fliegen schnell heran, die Leichenhacker.

Hier Gentlemen, Hindu und Moslemim beisammen,
Die lustig nach Hurdwar zur lauten Messe kamen.

Die Schlange Cholera mit mörderischer Tücke
Verschlang sie rasch und spie sie schwarz und kalt zurücke.

An manchem Herzen jetzt die Geier zehrend haften
Wie noch vor einem Tag die heißen Leidenschaften.

Die Raben tummeln sich am Rest des Geiermahls,
Und gierig springen dran Wildhunde und Schakals

Und Störche ziehn heran, gefiederte Giganten,
Vom strenggemeßnen Schritt geheißen Adjutanten.

Wie sie auf ihren Fraß zuschreiten leis und sacht,
Unhörbar: ist allein, was hier mich grauen macht;

Und wie bedächtig sie den Schnabel klappernd wetzen;
Nur die Methode weckt mir grieselndes Entsetzen.

Dort Leichen führt hinab der Ganges, dumpf erbrausend,
Viel Geier sitzen drauf und schwimmen mit, fortschmausend;

Und andre folgen satt, mit müßigem Geflatter
Dem Leichenzuge nach, wild schwärmende Bestatter.

Hier bin ich rings umbraust von heißem Lebenstriebe,
Natur! hier rauscht dein Kuß der heftgen Mutterliebe.

Hier muß das Grauen selbst der Seuche sich verlindern,
Seh ich, Natur, wie du hier schwelgst in deinen Kindern!

Fort wird das Bild des Tods vom Lebenssturm getragen,
Der Siegesruf verschlingt mir alle Todesklagen.

Und mit den Geiern dort, die um die Leichen schwanken
Laß fliegen ich am Strom Unsterblichkeitsgedanken.


       Der traurige Mönch

           Nach einer Sage

In Schweden steht ein grauer Turm,
Herbergend Eulen, Aare;
Gespielt mit Regen, Blitz und Sturm
Hat er neunhundert Jahre;
Was je von Menschen hauste drin,
Mit Lust und Leid, ist längst dahin.

Der Regen strömt, ein Reiter naht,
Er spornt dem Roß die Flanken;
Verloren hat er seinen Pfad
In Dämmrung und Gedanken;
Es windet heulend sich im Wind
Der Wald, wie ein gepeitschtes Kind.

Verrufen ist der Turm im Land,
Daß nachts, bei hellem Lichte,
Ein Geist dort spukt in Mönchsgewand,
Mit traurigem Gesichte;
Und wer dem Mönch ins Aug gesehn,
Wird traurig und will sterben gehn.

Doch ohne Schreck und Grauen tritt
Ins Turmgewölb der Reiter,
Er führt herein den Rappen mit
Und scherzt zum Rößlein heiter:
"Gelt du, wir nehmens lieber auf
Mit Geistern als mit Wind und Trauf?"

Den Sattel und den nassen Zaum
Entschnallt er seinem Pferde,
Er breitet sich im öden Raum
Den Mantel auf die Erde
Und segnet noch den Aschenrest
Der Hände, die gebaut so fest.

Und wie er schläft und wie er träumt
Zur mitternächtgen Stunde,
Weckt ihn sein Pferd, es schnaubt und bäumt,
Hell ist die Turmesrunde,
Die Wand wie angezündet glimmt;
Der Mann sein Herz zusammennimmt.

Weit auf das Roß die Nüstern reißt,
Es bleckt vor Angst die Zähne,
Der Rappe zitternd sieht den Geist
Und sträubt empor die Mähne;
Nun schaut den Geist der Reiter auch
Und kreuzet sich nach altem Brauch.

Der Mönch hat sich vor ihn gestellt,
So klagend still, so schaurig,
Als weine stumm aus ihm die Welt,
So traurig, o wie traurig!
Der Wandrer schaut ihn unverwandt
Und wird von Mitleid übermannt.

Der große und geheime Schmerz,
Der die Natur durchzittert,
Den ahnen mag ein blutend Herz,
Den die Verzweiflung wittert,
Doch nicht erreicht - der Schmerz erscheint
Im Aug des Mönchs, der Reiter weint.

Er ruft: "O sage, was dich kränkt?
Was dich so tief beweget?"
Doch wie der Mönch das Antlitz senkt,
Die bleichen Lippen reget,
Das Ungeheure sagen will:
Ruft er entsetzt: "Sei still! sei still!" -

Der Mönch verschwand, der Morgen graut,
Der Wandrer zieht von hinnen;
Und fürder spricht er keinen Laut,
Den Tod nur muß er sinnen;
Der Rappe rührt kein Futter an,
Um Roß und Reiter ists getan.

Und als die Sonn am Abend sinkt:
Die Herzen bänger schlagen,
Der Mönch aus jedem Strauche winkt,
Und alle Blätter klagen,
Die ganze Luft ist wund und weh -
Der Rappe schlendert in den See.