Lenau

Seite 7

Inhalt

Biografie

                     6

Ragend steht der blinde Führer
Ziska dort auf seinem Wagen,
Mit der Donnerstimme herrschend,
Wie die heiße Schlacht zu schlagen.

Steht ein Hauptmann ihm zur Linken
Und ein andrer ihm zur Rechten,
Schildern ihm den Ort getreulich,
Wo es gilt, den Kampf zu fechten.

Lager, Zahl und Zug der Feinde
Melden sie, daß er befehle;
Alles schaut er klar im Strahle
Seiner lichten Feldherrnseele.

In den Tagen, eh der Pfeilschuß
Ihm geraubt das Augenlicht,
Blickt' er scharf dem Vaterlande
Ins geliebte Angesicht;

All die Wälder, Ström und Buchten,
Talgewind' und Bergesrücken
Eilt' er damals, dem Gedächtnis
Unauslöschlich einzudrücken.

Und der Genius der Rache
Weiß im Finstern zu erspähen
Jedes Grundstück, wo am besten
Feindesleichen hinzusäen.

Dunkelt auch um Ziskas Körper
Tiefe, schimmerlose Nacht,
Gängelt er doch mit dem Geiste
Leicht sein wildes Kind, die Schlacht.

Hüben lenkt die Nacht des Leibes,
Drüben Geistesnacht die Krieger;
Noch in keiner Schlacht bezwungen,
Bleibt auch heute Ziska Sieger.

Ha! wie lauscht dem Kampf der Blinde!
Er erkennt im Sturm der Luft
Jede Waffe an der Stimme,
Wie herbei den Tod sie ruft.

Wildharmonisch seinem Ohre
Rauscht das Ringen zweier Heere,
Waffen, Schlachtruf, Ziskas Leiblied,
Und im Hinsturz Mann und Mähre.

Freudig hört er, wie die Knechte
Sigismunds hinüberfahren,
All die sächsischen Geschwader
Samt den ungrischen Husaren.

Und dem wilden blinden Ziska
Geht im Heldenrausch der Ohren
Doch die klare Feldherrnruhe
Seines Geistes nie verloren.

                    7

Durstig zieht die Karawane
Durch die Wüste, sucht die Quelle;
Horch! da rauscht auf grüner Matte
Die ersehnte, frische, helle!

Nach dem süßen Brunnenklange
Stürzen alle froh und eilig,
Doch sie sollen hier nicht trinken,
Denn es ist der Brunnen heilig.

Auserwählte Männer nahmen
Die Oase sich zu eigen,
Niemand sonst, wie heiß er schmachte,
Darf zum Quell die Lippen neigen.

Wächter stehen vor der Quelle
Reichen, gottvergoßnen Wonnen;
Doch der Wüstendurst ist mächtig,
Schwerter klirren um den Bronnen.

Und mit kampferhöhtem Durste
Stürzen an den Quell die Sieger,
Und sie trinken gierig, hastig,
Wie das Blut der heiße Tiger.

Mancher, schon vom Schwert getroffen,
Schlürft noch einen vollen Zug,
Um die Seele zu erfrischen
Auf den weiten Scheideflug.

Tigerhaft gereizten Durstes
Schmachten Ziskas Kampfgenossen
Nach dem Kelch des Abendmahles,
Den die Priester streng verschlossen.

Furchtbar rufen sie den Priestern:
"Habt ihr Christi Werk auf Erden,
Uns das Sakrament verstümmelt,
Sollt ihr selbst verstümmelt werden!"

Jauchzend schwingen sie die Kelche
Nach der Schlacht auf offner Wiese,
Mancher sterbend riecht im Weine
Blumen schon vom Paradiese.

Mit dem Blut des Liebevollsten
Will des Hasses Glut sich laben;
Drüben aber werden Tote
Von Verstümmelten begraben.

Wenn der lang und schwer Bedrückte
Freiheit sucht, so haßt der Wilde
Und zerbricht, wie andre Schranken,
Auch das eignen Herzens Milde.

                     8

O wie ward der Tod ein andrer,
Als die Griechen ihn geschildert!
Aus dem milden Götterboten
Ist zum Schreckbild er verwildert.

Als ein Genius, der die Reise
Sterblichen verkünden soll,
Seine Hand zur Wange haltend
Stand der Tod gedankenvoll;

Oder zeigte, mildsymbolisch,
Daß die Erdenlust zu Ende,
Löschend die gestürzte Fackel,
Kreuzt' er drüber seine Hände.

Leise trat sein Fuß die Psyche;
Wie der Freund dem Freund ein Zeichen
Leise gibt, vom Festgelage
Ohne Störung fortzuschleichen.

Schlaf und Tod als Zwillingsbrüder
Standen oft auf einem Bilde;
Beiden, ach, so weit Verschiednen
Gleiche Bildung gab die Milde.

Zweifelhaft erschien der Genius,
Fragen sollte der Beschauer:
Ists der Schlaf und die Erholung?
Ists das Sterben und die Trauer?

Nur zuweilen ward gesondert,
Und das herbre Bildnis trug,
Daß der Blick den Tod erkenne,
Falter, Kranz und Aschenkrug.

Dort den Charos sieht der Grieche
Noch in späten, rauhern Zeiten
Mit der dunkeln Schar der Seinen
Über das Gebirge reiten;

Ihm voraus die Jungen wandern,
Alte kommen nachgeschlichen;
Und gereiht am Sattel sitzen
Zarte Kinder, frühverblichen. -

Heiter kam er noch als Fiedler,
Sein Gesinde trat den Reigen,
Und zu Lust und Tanz von hinnen
Rief sein Pfeifen, helles Geigen. - -

Thanatos, ach, ward ein Krieger,
Auf die Opfer Speere schwingend;
Ein Athlet, auf glattem Boden
Jeden Helden niederringend;

Thanatos, der edle Genius,
Ist zum Sensenmann verbauert,
Mäht den Menschen, einen Grashalm,
Der zur Erde niederschauert.

Fischer, mit dem leisen Köder,
Angelt er im Meer der Luft;
Legt uns Schlingen als ein Vogler,
Der mit falschen Stimmen ruft.

Nur noch feindlich naht der Wilde,
Drohend, ins Verderben lockend,
Auch dem Menschen wie ein Kobold,
Irrwisch auf dem Halse hockend.

Gräßlich naht uns mit der Sense,
Schreck- und Vorbild, das Gerippe;
Für ein mildes Lächeln hat es
Keine Wange, keine Lippe. -

So in wechselnden Gestalten
Macht der Tod die Erdenrunde;
Heute aber geht im Heere
Sigismunds die Schreckenskunde:

"Weil den Ziska, schlachtermüdet,
Leichter Schlummer überkommen,
Hat der Tod, ihn zu ersetzen,
Seine Rüstung umgenommen;

Denn unwiderstehlich jeden,
Der ihm naht im Schlachtgebraus,
Winkt der schwarze Helmbusch Ziskas
In die ewge Nacht hinaus."

                    9

Finster sitzt, abseit vom Heere,
Ein Hussit im Walde dort,
Einsam in des Baches Rauschen
Murmelt er sein Trauerwort.

Waschend in der Flut die Waffen,
Ruft er: "Heule, Bächlein, heule!
Ziska liegt im Zelte sterbend,
Schwingt nicht Lanze mehr, noch Keule!

Ziska liegt in seinem Zelte,
Sterbend liegt er auf dem Grunde;
Doch es ist kein Weibgeborner,
Der ihm schlug die Todeswunde.

Ha! wie kamen sie geritten,
Einen Kampf mit ihm zu wagen,
Hoch auf schwarzen, weißen Rossen;
Alle hat er sie erschlagen.

Ja, der Tod, der andre Männer
Niederschmettert und zerschellt,
Hat dem Ziska, dem Gewaltgen,
Feig und tückisch nachgestellt.

Heule, Bächlein, heult ihr Wälder,
Aller Welt den Schmerz zu melden,
Böhmen und der ganze Erdkreis
Sind verwaist des größten Helden." -

Ziska tröstet die Betrübten,
Die an seinem Lager trauern:
"Brüder, heute werd ich sterben;
Doch die Taten werden dauern.

Denn es wird in späten Tagen
Unsern Leid- und Kampfgenossen
Stärkend aus Hussitengräbern
Trost und grüner Mut entsprossen.

Darum sollt ihr meinem Tode
Stark, nicht trüb und weich erscheinen;
Habt ihr nicht gelernt von Ziska,
Keinen Toten zu beweinen?

Seid gehorsam, wackre Brüder,
Meinem letzten Tagsbefehle:
Nehmt mein Sterben, nehmt mein Scheiden
Hin mit heitrer Kriegerseele.

Hochzeit ist in diesem Zelte,
Mit der Pest bin ich getraut;
Furchtbar war Johannes Ziska,
Furchtbar auch ist seine Braut.

Mit der Rache heißen Träumen
Hat kein Weib mein Bett geteilt,
Sie allein, von deren Kusse
Nimmer wird mein Herz geheilt.

Daß ein Teil von mir noch immer
In der Schlacht den Mut euch wecke,
Spannet lustig auf die Trommel
meines Leibes kalte Decke.

Ha! schon hör ich Schlachten brausen;
Fliehend geben sie die Sporen,
Da den Feinden mein Vermächtnis
Schrecken trommelt in die Ohren."

Also sprach er, wieder sinkt er
In den Traum der Fieberhitze,
Tummelt mitten in der Feldschlacht
Seine Keul und Lanzenspitze.

Alle, die sein Arm getötet,
Tötet er im neuen Strauß,
Alle, die schon längst im Grabe,
Müssen noch einmal heraus.

Ja! heraus! heraus! Husaren!
Panzerdicke deutsche Reiter!
Ziska kolbt euch eure Tage
Kürzer und die Köpfe breiter.

Reichen Schnee zur Erde nieder
Ließ der Himmel Böhmens fallen,
Daß der Feinde Blut in grellem
Abstich möge drüber wallen.

Ziska bohrt die Lanzenspitze
Tief den Feinden ins Gedärme,
Daß vom Frost des harten Winters
Sich das Eisen gütlich wärme.

Der beglückte Wahn des Traumes
Gab ihm seine Augen wieder,
All die Pfaffen, Fürstenknechte
Schaut er klar und haut sie nieder.

Also träumt er, also kämpft er,
Bis die letzte Kraft geschwunden,
In der Schlacht ein Held verscheidend,
Unversehrt, unüberwunden.


               Waldlieder

                       1

Am Kirchhof dort bin ich gestanden,
Wo unten still das Rätsel modert
Und auf den Grabesrosen lodert;
Es blüht die Welt in Todesbanden.

Dort lächelt auf die Gräber nieder
Mit himmlisch duldender Gebärde
Vom Kreuz das höchste Bild der Erde;
Ein Vogel drauf, sang seine Lieder.

Doch kaum daß sie geklungen hatten,
Flog scheu zum Wald zurück der Wilde;
Ich sang, wie er, ein Lied dem Bilde
Und kehrte heim in meine Schatten.

Natur! will dir ans Herz mich legen!
Verzeih, daß ich dich konnte meiden,
Daß Heilung ich gesucht für Leiden,
Die du mir gabst zum herben Segen.

In deinen Waldesfinsternissen
Hab ich von mancher tiefen Ritze,
Durch die mir leuchten deine Blitze,
Den trüglichen Verband gerissen.

                   2

Die Vögel fliehn geschwind
Zum Nest im Wetterhauche,
Doch schleudert sie der Wind
Weitab von ihrem Strauche.

Das Wild mit banger Hast
Ist ins Gebüsch verkrochen;
Manch grünend frischer Ast
Stürzt nieder, sturmgebrochen.

Das Heer der Wolken schweift
Mit roten Blitzesfahnen,
Aufspielend wirbelt, pfeift
Die Bande von Orkanen.

Das Bächlein, sonst so mild,
Ist außer sich geraten,
Springt auf an Bäumen wild,
Verwüstend in die Saaten.

Der Donner bricht herein,
Es kracht die Welt in Wettern,
Als wollt am Felsgestein
Der Himmel sich zerschmettern.

Der Regen braust; nun schwand
Das Tal in seiner Dichte;
Verpfählt hat er das Land
Vor meinem Augenlichte.

Doch mir im Herzensgrund
Ist Heiterkeit und Stille;
Mir wächst in solcher Stund
Und härtet sich der Wille.

                      3

Durch den Hain mit bangem Stoße
Die Gewitterlüfte streichen;
Tropfen sinken, schwere, große,
Auf die Blätter dieser Eichen.

An ein banges Herzensklopfen
Mahnt mich dieser Bäume Schwanken,
Mahnt mich an Gewittertropfen,
Die aus lieben Augen sanken.

Muß ein großer Schmerz in Zähren
Sich entlasten unaufhaltsam,
Stürzen ihm die großen, schweren
Tropfen plötzlich und gewaltsam.

War die Träne noch zu fassen,
Kam sie nicht hervorgebrochen,
Denn der Schmerz will sie nicht lassen,
Will sie heißer, herber kochen.

O! es waren heiße, herbe,
Die aus ihren Augen quollen;
Und ich werde, bis ich sterbe,
Sehen diese Tränen rollen.

                  4

Bist fremd du eingedrungen,
So fürcht Erinnerungen,
Sie stürzen auf Waldwegen
Wie Räuber dir entgegen.

Willst du im Walde weilen,
Um deine Brust zu heilen,
So muß dein Herz verstehen
Die Stimmen, die dort wehen.

In froher Kinder Kreise
Verjüngen sich die Greise,
Und Grambeladne werden
Noch einmal froh auf Erden.

Verjüngender doch wirken
In heimlichen Bezirken,
Im Schoß der Waldesnächte
Natur und ihre Mächte.

Hier quillt die träumerische,
Urjugendliche Frische,
In ahndungsvoller Hülle
Die ganze Lebensfülle.

Es rauschet wie ein Träumen
Von Liedern in den Bäumen,
Und mit den Wellen ziehen
Verhüllte Melodien.

Im Herzen wird es helle,
Und heim zum ewgen Quelle
Der Jugend darfst du sinken,
Dich frisch und selig trinken.

Sehnsüchtig zieht entgegen
Natur auf allen Wegen,
Als schöne Braut im Schleier,
Dem Geiste, ihrem Freier.

Tautropfen auf den Spitzen
Der dunklen Halme blitzen
Wie helle Liebeszähren,
Ein süß nach Ihm Begehren.

Sie schweigt in Sehnsucht lauschend,
Dann plötzlich, freudig rauchend,
Scheint selig sie zu spüren,
Daß er sie heim wird führen.

All ihre Pulse beben,
In ihm, in ihm zu leben,
Von ihm dahinzusinken,
Den Todeskuß zu trinken.

So lauscht und rauscht die Seele,
Daß Gott sich ihr vermähle,
Fühlt schon den Odem wehen,
In dem sie wird vergehen.

                      5

Wie Merlin
Möcht ich durch die Wälder ziehn;
Was die Stürme wehen,
Was die Donner rollen
Und die Blitze wollen,
Was die Bäume sprechen,
Wenn sie brechen,
Möcht ich wie Merlin verstehen.

Voll Gewitterlust
Wirft im Sturme hin
Sein Gewand Merlin,
Daß die Lüfte kühlen,
Blitze ihm bespülen
Seine nackte Brust.

Wurzelfäden streckt
Eiche in den Grund,
Unten saugt versteckt
Tausendfach ihr Mund
Leben aus geheimen Quellen,
Die den Stamm gen Himmel schwellen.

Flattern läßt sein Haar Merlin
In der Sturmnacht her und hin,
Und es sprühn die feurig falben
Blitze, ihm das Haupt zu salben;
Die Natur, die offenbare,
Traulich sich mit ihm verschwisternd,
Tränkt sein Herz, wenn Blitze knisternd
Küssen seine schwarzen Haare. - -

Das Gewitter ist vollbracht,
Stille ward die Nacht;
Heiter in die tiefsten Gründe
Ist der Himmel nach dem Streite;
Wer die Waldesruh verstünde
Wie Merlin, der Eingeweihte!

Frühlingsnacht! kein Lüftchen weht,
Nicht die schwanksten Halme nicken,
Jedes Blatt, von Mondesblicken
Wie bezaubert, stille steht.

Still die Götter zu beschleichen
Und die ewigen Gesetze,
In den Schatten hoher Eichen
Wacht der Zaubrer, einsam sinnend,
Zwischen ihre Zweige spinnend
Heimliche Gedankennetze.

Stimmen, die den andern schweigen,
Jenseits ihrer Hörbarkeiten,
Hört Merlin vorübergleiten,
Alles rauscht im vollen Reigen
Denn die Königin der Elfen
Oder eine kluge Norn
Hält, dem Sinne nachzuhelfen,
Ihm ans Ohr ein Zauberhorn.
Rieseln hört er, springend schäumen
Lebensfluten in den Bäumen;
Vögel schlummern auf den Ästen
Nach des Tages Liebesfesten,
Doch ihr Schlaf ist auch beglückt;
Lauschend hört Merlin entzückt
Unter ihrem Brustgefieder
Träumen ihre künftgen Lieder.
Klingend strömt des Mondes Licht
Auf die Eich und Hagerose,
Und im Kelch der feinsten Moose
Tönt das ewige Gedicht.

                       6

Der Nachtwind hat in den Bäumen
Sein Rauschen eingestellt,
Die Vögel sitzen und träumen
Am Aste traut gesellt.

Die ferne schmächtige Quelle,
Weil alles andre ruht,
Läßt hörbar nun Welle auf Welle
Hinflüstern ihre Flut.

Und wenn die Nähe verklungen,
Dann kommen an die Reih
Die leisen Erinnerungen
Und weinen fern vorbei.

Daß alles vorübersterbe,
Ist alt und allbekannt;
Doch diese Wehmut, die herbe,
Hat niemand noch gebannt.

                            7

Schläfrig hangen die sonnenmüden Blätter,
Alles schweigt im Walde, nur eine Biene
Summt dort an der Blüte mit mattem Eifer;
Sie auch ließ vom sommerlichen Getöne,
Eingeschlafen vielleicht im Schoß der Blume.
Hier, noch Frühlings, rauschte die muntre Quelle;
Still versiegend ist in die Luft zergangen
All ihr frisches Geplauder, helles Schimmern.
Traurig kahlt die Stätte, wo einst ein Quell floß;
Horchen muß ich noch dem gewohnten Rauschen,
Ich vermisse den Bach, wie liebe Grüße,
Die sonst fernher kamen, nun ausgeblieben.
Alles still, einschläfernd, des dichten Mooses
Sanft nachgiebige Schwellung ist so ruhlich;
Möge hier mich holder Schlummer beschleichen,
Mir die Schlüssel zu meinen Schätzen stehlen
Und die Waffen entwenden meines Zornes,
Daß die Seele, rings nach außen vergessend,
Sich in ihre Tiefen hinein erinnre.
Preisen will ich den Schlummer, bis er leise
Naht in diesem Dunkel und mir das Aug schließt.
Schlaf, du kindlicher Gott, du Gott der Kindheit!
Du Verjünger der Welt, die, dein entbehrend,
Rasch in wenig Stunden wäre gealtert.
Wundertätiger Freund, Erlöser des Herzens!
Rings umstellt und bewacht am hellen Tage
Ist das Herz in der Brust und unzugänglich
Für die leiseren Genien des Lebens,
Denn ihm wandeln voran auf allen Wegen
Die Gedanken, bewaffnet, als Liktoren,
Schreckend und verscheuchend lieblichen Zauber.
Aber in der Stille der Nacht, des Schlummers,
Wacht die Seele heimlich und lauscht wie Hero,
Bis verborgen ihr Gott ihr naht, herüber
Schwimmend durch das wallende Meer der Träume.

Eine Flöte klang mir im Schlaf zuweilen,
Wie ein Gesang der Urwelt, Sehnsucht weckend,
Daß ich süß erschüttert erwacht' in Tränen
Und noch lange hörte den Ruf der Heimat;
Bliebe davon ein Hauch in meinen Liedern!

Schlaf, melodischer Freund, woher die Flöte?
Ist sie ein Ast des Walds, durchhaucht vom Gotte,
Hört ich im Traum des heiligen Pan Syringe?

                     8

Abend ists, die Wipfel wallen,
Zitternd schon im Purpurscheine,
Hier im lenzergriffnen Haine
Hör ich noch die Liebe schallen.

Kosend schlüpfen durch die Äste
Muntre Vöglein, andre singen,
Rings des Frühlings Schwüre klingen,
Daß die Liebe ist das beste.

Wo die frischen Wellen fließen,
Trinken Vöglein aus der Quelle,
Keins will unerquickt zur Stelle
Seinen Tagesflug beschließen.

Wie ins dunkle Dickicht schweben
Vöglein nach dem Frühlingstage,
Süß befriedigt, ohne Klage,
Möcht ich scheiden aus dem Leben;

Einmal nur, bevor mirs nachtet,
An den Quell der Liebe sinken,
Einmal nur die Wonne trinken,
Der die Seele zugeschmachtet,

Wie vor Nacht zur Flut sich neigen
Dort des Waldes durstge Sänger;
Gern dann schlaf ich, tiefer, länger,
Als die Vöglein in den Zweigen.

                          9

Rings ein Verstummen, ein Entfärben;
Wie sanft den Wald die Lüfte streicheln,
Sein welkes Laub ihm abzuschmeicheln;
Ich liebe dieses milde Sterben.

Von hinnen geht die stille Reise,
Die Zeit der Liebe ist verklungen,
Die Vögel haben ausgesungen,
Und dürre Blätter sinken leise.

Die Vögel zogen nach dem Süden
Aus dem Verfall des Laubes tauchen
Die Nester, die nicht Schutz mehr brauchen,
Die Blätter fallen stets, die müden.

In dieses Waldes leisem Rauschen
Ist mir, als hör ich Kunde wehen,
Daß alles Sterben und Vergehen
Nur heimlichstill vergnügtes Tauschen.


              An einen Tyrannen

Tyrann! des Blutes, welches in Schlachten du
Vergossen kalt, das rauchte vom Henkerbeil,
Das, deinen Qualen zu entrinnen,
Strömte dein Sklave mit eigner Hand hin:

Des Blutes soll ein jeglicher Tropfen einst
Vor deinem Aug in streifender Ewigkeit
Aufschäumen, schwellen zum Vulkane,
Der von den Seligen streng dich scheidet!

Erwacht dann Sehnsucht heiß in der Seele dir
Hinüber in die Täler Elysiums,
Willst überklimmen du die Höhn, dann
Schleudern sie dich in die Tiefe donnernd!

Entgegen gleiße deinem entsetzten Blick
Ein Schneegebirg von Menschengebeinen, hoch;
Darüber bleich und unbeweglich
Starre des Mondes bekümmert Antlitz.

Dann stocke, schweige jenes Gebirg des Bluts,
Herüberklinge deinem verlaßnen Ohr
Das Wonnelied der Auserwählten,
Säuselnd, unendliche Sehnsucht weckend.

Doch plötzlich störe Kettengerassel dich,
Und Sterbgewinsel, das durch die Lüfte klagt,
Und heulend rolle dir die Windsbraut
Schädellawinen vor deine Füße!


        Bettlers Klage

Bin einsam, schwach und alt,
Mich hüllen Lumpen ein,
Wie bläst der Wind so kalt,
Geht mir durch Mark und Bein.

Ich bettle vor der Tür,
Und hab ich lang gefleht,
So tönt es oft herfür:
"In Gottes Namen geht!"

Da fährt durchs hohe Tor
Ein Herr, - der Rosse Huf
Verstampfet seinem Ohr
Des Bettelmannes Ruf.

Die Dame wendt den Blick
Voll Ekel von mir; ach,
Mein schreckliches Geschick
Fühl ich dann siebenfach!


                        Protest

Wenn ich verachte heimliches Verschwören,
Und wenn ich hasse Meuchelmörderhand,
Wenn in des Volkserretters Ruhmgewand
Verhüllte Schufte meinen Groll empören,

Reih ich das Königstum den Himmelsgaben,
Verlaßner Völker Vaterhaus und Hort.
O glaubet nicht, ich liebe drum sofort,
Was jetzt und hier an Königen wir haben.

O glaubet nicht, ich führe keinen Zunder
Im Herzen für des Zornes edle Glut,
Tritt wo ein Fürst sein Volk im Übermut,
Noch daß ich ehren kann gekrönten Plunder.

Nie wird mein Flügelroß zum Schindergaule
Für meine Ehre, und mich strafe Gott,
Sing ich ein Fürstenlied, daß mir, zum Spott,
Die Hand vom Saitenspiel herunterfaule.


                   An einen Tadler

Wenn gegen falschen Schmerz du dich ereiferst
Und Tränenkünstelei, so hast du recht;
Doch hast du was von einem Henkersknecht,
Wenn du mit Spott den wahren Schmerz begeiferst.

Verfolge rüstig, wo du kannst, die Lügen;
Die Wahrheit ehre; ist dir wohl zumut,
So sollst du zügeln dein vergnügtes Blut
Und zur Gesundheit nicht die Roheit fügen.

Auch Freuden gibt es, die nur Freuden scheinen,
Und mehr vielleicht als Schmerzen, die nicht wahr;
Wem Lust blüht, lache; traure, wem sie gar;
Und ists ein Dichter, mag sein Lied auch weinen.


Des Teufels Lied vom Aristokraten

Ich lobe den Aristokraten;
Hat er des Adels rechte Völle,
Ist er vorweg schon halb geraten
Und zugerichtet für die Hölle.

Wer besser schon sich dünkt und echter,
Bloß weil er lebt, als ganze Scharen,
Der wird gewiß zur Grube schlechter
Als all die Tausend niederfahren.

Was schützen mag die Niedern, Rohen
Vor meiner Finger scharfen Griffen:
Natur und Liebe - wird dem Hohen
Schon in der Kindheit abgeschliffen.

Geschieden von der schlechten Rotte
Des Volkes sitzt der Edelreine
In seiner lieben Ahnengrotte
So kühl, erhaben und alleine.

Vorüber braust an seinem Saale
Das Volk mit Not- und Dampfgewerben,
Sie schwingen ihm die Festpokale,
Man lebt - und eilt, für ihn zu sterben.

Doch Ruh ist in des Edlen Kammer,
Daß er die Lebensmüh nicht spüre,
Und jeden Seufzer muß der Jammer
Verschlucken still vor seiner Türe.

O köstlich ist die stille Schonung,
Denn deutlich hörts der Mann der Gnaden,
Wenn süß ertönt um seine Wohnung
Die Luft von meinen Serenaden.

Er setzt in Noten sich mein Ständchen,
Bewundernd singen es die Schranzen,
Und morgen muß allwärts im Ländchen
Das Volk nach meinem Liede tanzen.


                   Eitel nichts!

's ist eitel nichts, wohin mein Aug ich hefte!
Das Leben ist ein vielbesagtes Wandern,
Ein wüstes Jagen ists von dem zum andern,
Und unterwegs verlieren wir die Kräfte.
Ja, könnte man zum letzten Erdenziele
Noch als derselbe frische Bursche kommen,
Wie man den ersten Anlauf hat genommen,
So möchte man noch lachen zu dem Spiele.
Doch trägt uns eine Macht von Stund zu Stund,
Wie's Krüglein, das am Brunnenstein zersprang,
Und dessen Inhalt sickert auf den Grund,
So weit es ging, den ganzen Weg entlang.
Nun ist es leer; wer mag daraus noch trinken?
Und zu den andern Scherben muß es sinken.


     Blick in den Strom

Sahst du ein Glück vorübergehn,
Das nie sich wiederfindet,
Ists gut in einen Strom zu sehn,
Wo alles wogt und schwindet.

O! starre nur hinein, hinein,
Du wirst es leichter missen,
Was dir, und solls dein Liebstes sein,
Vom Herzen ward gerissen.

Blick unverwandt hinab zum Fluß,
Bis deine Tränen fallen,
Und sieh durch ihren warmen Guß
Die Flut hinunterwallen.

Hinträumend wird Vergessenheit
Des Herzens Wunde schließen;
Die Seele sieht mit ihrem Leid
Sich selbst vorüberfließen.