Lessing

Seite 1

Inhalt

Biografie

                An den Herrn R.

Es freuet mich, mein Herr, daß Ihr ein Dichter seid.
Doch seid Ihr sonst nichts mehr, mein Herr? Das ist
mir leid.


         Auf einen bekannten Dichter

Den nennt der Dichter Mars, und die nennt er Cythere;
Hier kommen Grazien, hier Musen ihm die Quere.
Apoll, Minerva, Zeus verschönern was er spricht;
Wen er zum Gott nicht macht, den lobt er lieber nicht.

Ihr, die ihr ihn der Welt verachtungswert gewiesen,
Trotz allen Tugenden, die er verstellt gepriesen;
Wenn er die Götter all auf fertger Zunge trägt,
Was wunderts euch, daß er im Herzen keinen hegt?


              Der Zwang

Ich habe keinen Stoff zum Lachen,
Und soll ein Sinngedichte machen.
Doch wahrlich, Stoffs genug zum Lachen,
Ich soll ein Sinngedichte machen.


       Auf das Heldengedichte Herrmann

Dem Dichter, welcher uns den Herrmann hergesungen,
Ist wahrlich, G** sagts, ein Meisterstück gelungen.
Und ich, ich sag es auch. Wir müssen es verstehn.
Nur wünscht ich vom Geschick, noch eins von ihm zu sehn.
Und was? Ein Trauerspiel. Ein Trauerspiel? Wovon?
Wenn mein Rat etwas gilt, so seis vom Phaeton.


                     Gespräch

X. Soll ich vergebens flehn,
Und keinen Brief von dir in Versen sehn?
Du schenkst ja wohl an Schlechtre deine Lieder.
L. Nun wohl, das nächstemal will ich in Versen schreiben.
X. Topp! und ich schreibe dir gewiß in Versen wieder.
L. So? Großen Dank! Nun laß ichs bleiben.


                      Turan

Die Knabenliebe log dem redlichen Turan
Der ungerechte Pöbel an.
Die Lügen zu bestrafen,
Was konnt er anders tun, als bei der Schwester schlafen?


                              Sertor

Sagt nicht, daß seiner Frau, dem Inventar der Zeit,
Sertor den Tod gewünscht. Was sonst? Die Ewigkeit.


                       An den Dorilas

Sagt nicht, daß Dorilas sich schämt, mit mir zu gehen.

Sein Rock ists, der sich schämt, bei meinem sich zu sehen.


               Auf die Thestylis

Die schiele Thestylis hat Augen in dem Kopfe,
So hat ein Luchs sie nicht.
Glaubt ihr, sie sieht euch ins Gesicht,
So sieht sie nach dem Hosenknopfe.


                    Auf den Sophron

Damit er einst was kann von seinen Eltern erben;
So lassen sie ihn jetzt vor Hunger weislich sterben.


Nachahmung des 84ten Sinngedichts im 3ten Buche des Martials

Was macht dein Weib? Das heißt im mystischen Verstand,
Wenn man es Staxen fragt: Stax, was macht deine Hand?


Auf das Gedicht Die Sündflut

Durch den ersten Regenbogen
Sprach der Mund, der nie gelogen:
Keine Sündflut komme mehr,
Über Welt und Menschen her.

Die ihr dies Versprechen höret,
Menschen sündigt ungestöret!
Kommt die zweite Sündflut schon,
Sie trifft nur den Helicon.


                    Auf den Urban

Er widersprach - - Was kann an ihm gemeiner sein?
Und widerlegte nicht - - Auch das ist ihm gemein.


                      Charlotte

Die jüngst ließ ihren guten Mann begraben,
Charlotte wünscht, statt seiner, mich zu haben.
Gewiß Charlott ist klug.
Wir haben uns vor dem schon oft gesehen,
Drum glaub ich wohl, die Sache möchte gehen,
Wär ich nur dumm genug.


Auf den Herrn M**
den Erfinder der Quadratur des Zirkels


Der mathematsche Theolog,
Der sich und andre nie betrog,
Saß zwischen zweimal zweien Wänden,
Mit archimedscher Düsternheit,
Und hatte - - welche Kleinigkeit!
Des Zirkels Vierung unter Händen.
Kühn schmäht er auf das x + z
(Denn was ist leichter als geschmäht?)
Als ihn der Hochmut sacht und sachte
Bei seinen Zahlen drehend machte.
So wie auf einem Fuß der Bube
Sich dreht, und dreht sich endlich dumm,
So ging die tetragonsche Stube,
Und Stuhl und Tisch mit ihm herum.
O Wunder, schrie er, o Natur!
Da hab ich sie, des Zirkels Quadratur.


Auf einen elenden komischen Dichter

Ein elend jämmerliches Spiel
Schrieb Koromandels stumpfer Kiel,
Als er in der Entzückung dachte,
Daß er wohl Plautos schamrot machte,
Und daß kein Molier
Ihm zu vergleichen wär.
Er, der sie beide kennt,
Wie ich den großen Mogul kenne,
Und sie zu kennen brennt,
So wie ich ihn zu kennen brenne.
Er, der der Feinheit keuscher Ohren,
Dem Witz, den Regeln, dem Verstand,
Den lächerlichsten Krieg geschworen,
Der je im Reich der Sittenlehr entstand;
Für ihn ein unentdecktes Land!
Doch muß ich, kritisch zu verfahren,
Dem Leser treulich offenbaren,
Daß ich an seinem Stücke
Auch etwas Treffliches erblicke.
Und was? - - Er macht damit, Trotz einem komschen Werke!
Voll ungeborgter Stärke,
Den dümmsten Witzling in der Welt,
Den je ein Schauplatz vorgestellt,
Unnachzuahmend lächerlich.
Und wen denn? Welche Frage! Sich.


                         Auf - - - -

Dem schlauesten Hebräer in B**
Dem kein Betrug zu schwer, kein Kniff zu schimpflich schien,
Dem Juden, der im Lügen,
Im Schachern und Betriegen,
Trotz Galgen und Gefahr,
Mehr als ein Jude war,
Dem Helden in der Kunst zu brellen,
Kams ein - - - Was gibt der Geiz nicht seinen Sklaven ein!
Von Frankreichs Witzigen den Witzigsten zu schnellen.
Wer kann das sonst als - - - - sein?
Recht, V** wars, der von dem schrecklichen Oedip,
Den saubern Witz bis zu Montperniaden trieb.
Schon war die Schlinge schlau geschlungen;
Schon war sein Fuß dem Unglück wankend nah,
Schon schien die List dem Juden als gelungen,
Als der Betrieger schnell sich selbst gefangen sah.
Sagt Musen, welcher Gott stand hier dem Dichter bei,

Und wies ihm unverhüllt verhüllte Schelmerei?
Wer sonst, als der fürs Geld den frommen Tor betrog,

Wenn er vom Dreifuß selbst Orakelsprüche log?
Er, der Betrug und List aus eigner Übung kennet,
Durch den V** gebrannt, und jeder Dichter brennet.
Ja, ja, du wachtest selbst für deinen braven Sohn,
Apoll, und Spott und Reu ward seines Feindes Lohn.
Du selbst - - doch wackrer Gott dich aus dem Spiel zu lassen,
Und kurz und gut den Grund zu fassen,
Warum die List,
Dem Juden nicht gelungen ist;
So fällt die Antwort ohngefähr:
Herr V ** war ein größrer Schelm als er.


                               Auf - - -

"O käm der große Geist bald in dies rauhe Land,
Wohin aus Frankreichs Rom mich Nasos Glück verbannt,
So wär doch einer hier, noch außer mir zu finden,
In dessen Munde sich Geschmack und Witz verbinden.
Komm Voltair! - -" A ** gnug! der Himmel hört dein Flehn.
Er kömmt, und läßt sogleich des Geistes Proben sehn.
"Was? ruft er; A** hier? Wenn mich der König liebt,
So weiß ich, daß er stracks dem Schurken Abschied gibt."


Auf des Herrn K* Gedanken
von der wahren Schätzung der lebendigen Kräfte


K* unternimmt ein schwer Geschäfte,
Der Welt zum Unterricht.
Er schätzet die lebendgen Kräfte,
Nur seine schätzt er nicht.


Auf eine Dissertation des M. Paul Christian Weiß: Abraham ein Logicus

O Neid, dies Werk wirst du verschonen müssen!
Mit Tantum abest fängt es an.
Nur eines fehlet noch daran!
Mit parum adest sollt es schließen.


                         Ein anders

Die Logik Abrahams? Wer hätte das gedacht?
Vielleicht daß Weiß sich bald an Sarens Physik macht.


Antwort auf die Frage: wer ist der große Duns?

Der Mann in - -, welchen Gott
Nicht schuf zum Dichter und Kunstrichter,
Der, dümmer als ein Hottentott,
Sagt, er und S *** wären Dichter;
Der Philip Zesen unsrer Zeit;
Der Büttel der Sprachreinigkeit
In Ober- und in Niedersachsen,
Der alle Worte Lands verweist,
Die nicht auf deutschem Boden wachsen;
Der große Mann, der stark von Leib
Ein kleines artigs freundlichs Weib
Kalt, wie er denkt und schreibt, umarmt,
Das aber seiner sich erbarmt,
Und gleicher Meinung ist und bleibt,
Und wider ihn nicht denkt nicht schreibt,
Weil es den Zank der Ehe scheut,
Und lieber aus Gefälligkeit
Sich an des Manns Gedanken bindet;
Der Mann der unter uns
Viel große Geister findet,
Der ist der große Duns!


Auf Rabners Tod

als nach welchem erst die übrigen Schriften desselben
an das Licht kommen sollen

Der Steuerrat tritt ab, dem Satyr Platz zu machen:
Es weine, wer da will; ich, spitze mich auf Lachen.


Auf den Streit des Herrn Bosens mit denWittenbergischen Theologen

Er hat den Pabst gelobt, und wir, zu Luthers Ehre,
Wir sollten ihn nicht schelten?
Den Pabst, den Pabst gelobt? Wenns noch der Teufel wäre
So ließen wir es gelten.


Unter das Bildnis des Königs von Preußen

Wer kennt ihn nicht?
Die hohe Miene spricht
Den Denkenden. Der Denkende allein
Kann Philosoph, kann Held, kann beides sein.


           Doppelter Nutzen einer Frau

Zweimal taugt eine Frau - für die mich Gott bewahre! -
Einmal im Hochzeitbett, und einmal auf der Bahre.


                          Auf ein Karussell

Freund, gestern war ich - wo? - Wo alle Menschen waren.
Da sah ich für mein bares Geld
So manchen Prinz, so manchen Held,
Nach Opernart geputzt, als Führer fremder Scharen,
Da sah ich manche flinke Speere
Auf mancher zugerittnen Mähre
Durch eben nicht den kleinsten Ring,
Der unter tausend Sonnen hing,
(O Schade, daß es Lampen waren!)
Oft, sag ich, durch den Ring
Und öfter noch darneben fahren.
Da sah ich - ach was sah ich nicht,
Da sah ich, daß beim Licht
Kristalle Diamanten waren;
Da sah ich, ach du glaubst es nicht,
Wie viele Wunder ich gesehen.
Was war nicht prächtig, groß und königlich?
Kurz dir die Wahrheit zu gestehen,
Mein halber Taler dauert mich.


        Nutzen eines fernen Garten

A. Was nutzt dir nun dein ferner Garten? he?
B. Daß ich dich dort nicht seh!


                         Der Blinde

Niemanden kann ich sehn, auch mich sieht niemand an:
Wie viele Blinde seh' ich armer, blinder Mann.


                Kunz und Hinz

Gevatter Hinz, rief Kunz, was trinken wir?
Zuerst Wein oder Bier?
Gevatter, sagte Hinz, Gevatter, folge mir
Erst Wein, und dann - kein Bier.


    Auf einen Sechszigjährigen

Wer sechszig Jahr gelebt, und noch
Des Lebens sich nicht kann begeben,
Dem wünsch ich - wünscht ers selber doch -
Bis zu der Kinder Spott zu leben.


                         Der Arme

Sollt einem Armen wohl des Todes Furcht entfärben?
Der Arme lebet nicht: so kann er auch nicht sterben.


                    An den Dümm

Wie? Eselsohren, Dümm, hätt' ich dir beigelegt?
Gewiß nicht! Ohren nur, so wie sie Midas trägt.


           Die große Welt

Die Waage gleicht der großen Welt
Das Leichte steigt, das Schwere fällt.


              Die Verleumdung 1745

"Du nennst mich vom gestrigen Rausche noch trunken?
Vom gestrigen Rausche? das spricht
Ein" - - Fasse dich, schimpfe nur nicht!
Ich weiß wohl, du hast bis am Morgen getrunken.


Als der Herzog Ferdinand die Rolle des Agamemnons,
des ersten Feldherrn der Griechen, spielte


                   1.
Vorstellen und auch sein
Kann Ferdinand allein.

                   2.
Stax spricht: Er spielt ihn schlecht!
Auch das wär' recht;
Denn seine eigne Rollen
Muß man nicht spielen wollen.

                   3.
Mit Gunst,
Als Ekhof so den Agamemnon spielte,
Das, das war Kunst.
Daß aber Ferdinand sich selber spielte,
Hm! was für Kunst.


Lobspruch des schönen Geschlechts 1747

Wir Männer stecken voller Mängel;
Es leugne, wer es will!
Die Weiber gegen uns sind Engel.
Nur taugen, wie ein Kenner will,
Drei kleine Stück'- und die sind zu erraten, -
An diesen Engeln nicht gar zu viel!
Gedanken, Wort und Taten.


In eines Schauspielers Stammbuch

Kunst und Natur
Sei auf der Bühne Eines nur;
Wenn Kunst sich in Natur verwandelt,
Dann hat Natur mit Kunst gehandelt.


       Auf die Katze des Petrarch

Nach dem Lateinischen des Antonio Querci; in den
Inscriptionibus agri Pataviani

Warum der Dichter Hadrian
Die Katzen so besonders leiden kann?
Das läßt sich leicht ermessen!
Daß seine Verse nicht die Mäuse fressen.


      Grabschrift auf Voltairen 1779

Hier liegt - wenn man euch glauben wollte,
Ihr frommen Herr'n! - der längst hier liegen sollte.
Der liebe Gott verzeih aus Gnade
Ihm seine Henriade,
Und seine Trauerspiele,
Und seiner Verschen viele:
Denn was er sonst ans Licht gebracht,
Das hat er ziemlich gut gemacht.


                        An Saal

An Dir, mein Saal, als Freund und Richter,
Lob ich Geschmack und Redlichkeit Bekennst
Du von mir ungescheut
Ich sei ein beßrer Freund als Dichter!


               Auf das Alter

Dem Alter nicht, der Jugend sei's geklagt,
Wenn uns das Alter nicht behagt.


Auf Albert Wittenbergund Johann Jakob Dusch

Wie Ast und Busch:
So Wittenberg und Dusch.
Wie Ries' und Zwerg
So Dusch und Wittenberg.


                   Auf Johann von Döring

Am Körper klein, am Geiste noch viel kleiner,
Schämst du des Salzes dich, drum schämt das Salz sich deiner.


     Grabschrift auf Kleist

O Kleist! dein Denkmal dieser Stein? -
Du wirst des Steines Denkmal sein.