Lichtenstein

Inhalt

Biografie

Seite 2

A. Capriccio

                Der Athlet

Einer ging in zerrissenen Hausschuhen
Hin und her durch das kleine Zimmer,
Das er bewohnte.
Er sann über die Geschehnisse,
Von denen in dem Abendblatt berichtet war.
Und gähnte traurig, wie nur jemand gähnt,
Der viel und Seltsames gelesen hat -
Und der Gedanke überkam ihn plötzlich,
Wie wohl den Furchtsamen die Gänsehaut
Und wie das Aufstoßen den Übersättigten,
Wie Mutterwehen:
Das große Gähnen sei vielleicht ein Zeichen,
Ein Wink des Schicksals, sich zur Ruh zu legen.
Und der Gedanke ließ ihn nicht mehr los.
Und also fing er an, sich zu entkleiden ...

Als er ganz nackt war, hantelte er etwas.


            Der Lackschuh

Der Dichter dachte:
Ach was, ich hab den Plunder satt!
Die Dirnen, das Theater und den Stadtmond,
Die Oberhemden, Straßen und Gerüche,
Die Nächte und die Kutscher und die Fenster,
Das Lachen, die Laternen und die Morde -
Den ganzen Dreck hab ich nun wirklich satt,
Beim Teufel!
Mag werden, was da will ... mir ist es gleich:
Der Lackschuh drückt mich. Und ich zieh ihn aus -

Die Leute mögen sich verwundert wenden.
Nur schade ists um meinen seidnen Strumpf ...


           Die Gummischuhe

Der Dicke dachte:
Am Abend geh ich gern in Gummischuhen,
Auch wenn die Straßen fromm und flecklos sind.
In Gummischuhen bin ich nie ganz nüchtern ...

Ich halte in der Hand die Zigarette.
Auf schmalen Rhythmen tänzelt meine Seele.
Und alle Zentner meines Leibes tänzeln.


   Der Rauch auf dem Felde

Lene Levi lief am Abend
Trippelnd, mit gerafften Röcken,
Durch die langen, leeren Straßen
Einer Vorstadt.

Und sie sprach verweinte, wehe,
Wirre, wunderliche Worte,
Die der Wind warf, daß sie knallten
Wie die Schoten,

Sich an Bäumen blutig ritzten
Und verfetzt an Häusern hingen
Und in diesen tauben Straßen
Einsam starben.

Lene Levi lief, bis alle
Dächer schiefe Mäuler zogen,
Und die Fenster Fratzen schnitten
Und die Schatten

Ganz betrunkne Späße machten -
Bis die Häuser hilflos wurden
Und die stumme Stadt vergangen
War in weiten

Feldern, die der Mond beschmierte ...
Lenchen nahm aus ihrer Tasche
Eine Kiste mit Zigarren,
Zog sich weinend

Aus und rauchte ...


                  Schwärmerei

Paul sagte:
Ach, wer doch ewig Auto fahren könnte -

Wir bohren uns durch hochgestielte Wälder,
Wir überholen Flächen, die sich endlos schienen.
Wir überfahren den Wind und überfallen die Dörfer, die flinken.
Aber verhaßt sind uns die Gerüche der langsamen Städte -

Hei, wie wir fliegen! Immer den Tod entlang ...
Wie wir ihn höhnen und ihn verspotten, der uns am Leben sitzt!
Der uns die Gräben legt und alle Straßen krümmt - ha, wir verlachen ihn
Und die Wege, die überwundenen, vergehen vor uns -

So werden wir die ganze Welt durchauteln ...
Bis wir einmal an einem heitern Abend
An einem starken Baum ein kräftges Ende finden.


                 Der Traurige

Nein, dies Leben faß ich nicht mehr an.
Mag man mich für närrisch halten -
Heute geh ich nicht ins Gasthaus.
Müde bin ich längst der Kellnerkerle,
Die uns mit blasierten Fratzen,
Höhnisch, schwarze Biere bringen
Und uns ganz verworren machen,
Daß wir nicht nach Hause finden
Und die törichten Laternen
Mit den schwachen Händen stützen
Müssen.
Heute hab ich größre Dinge vor -
Ach, ich will den Sinn des Daseins suchen.

Und am Abend werd ich etwas Rollschuh laufen
Oder mal in einen Judentempel gehn.


                          Capriccio

So will ich sterben:
Dunkel ist es. Und es hat geregnet.
Doch du spürst nicht mehr den Druck der Wolken,
Die da hinten noch den Himmel hüllen
In sanften Sammet.
Alle Straßen fließen, schwarze Spiegel,
An den Häuserhaufen, wo Laternen,
Perlenschnüre, leuchtend hängen.
Und hoch oben fliegen tausend Sterne,
Silberne Insekten, um den Mond -
Ich bin inmitten. Irgendwo. Und blicke
Versunken und sehr ernsthaft, etwas blöde,
Doch ziemlich überlegen auf die raffinierten,
Himmelblauen Beine einer Dame,
Während mich ein Auto so zerschneidet,
Daß mein Kopf wie eine rote Murmel
Ihr zu Füßen rollt ...

Sie ist erstaunt. Und schimpft dezent. Und stößt ihn
Hochmütig mit dem zierlich hohen Absatz
Ihres Schuhchens
In den Rinnstein -


                     Der Türke

Ein ganz und gar perverser Türke kaufte sich
Aus Trauer über den erst jüngst erfolgten Tod
Der fetten Fatme, seines Lieblingsweibes,
Bei seinem Mädchenhändler zwei noch ziemlich gut erhaltne -
Man kann fast sagen: beinah nagelneue -
Und eben frisch aus Frankreich importierte,
Ehemalge Mannequins.
Als er sie hatte, sang er, sich zur Feier:
Setzt euch doch auf meine Schenkel.
Fasset mich um meine Lenden.
Streichelt mit den süßen Zungen
Mir die weinerlichen Wangen.
Ach, ihr habt so schön geschmückte
Augen und so helle Hände,
Müdeste von meinen Frauen,
Und so lange, laue Beine.
Morgen kauf ich sechs Paar neue
Strümpfe euch aus dünnster Seide
Und dazu ganz kleine schwarze
Sammetschuhchen.
Und am Abend sollt ihr tanzen
Ganz verlogne, weiche Tänze
In den kleinen Sammetschuhchen
Und den neuen seidnen Strümpfen.
In dem Garten. Vor der Sonne.
Dicht am Wasser.
Doch zur Nacht laß ich euch peitschen
Von vier lächelnden Eunuchen.


Der Barbier des Hugo von Hofmannsthal

So steh ich nun die trüben Wintertage
Von früh bis spät und seife Köpfe ein,
Rasiere sie und pudre sie und sage
Gleichgültge Worte, dumme, Spielerein.
Die meisten Köpfe sind ganz zugeschlossen,
Sie schlafen schlaff. Und andre lesen wieder
Und blicken langsam durch die langen Lider,
Als hätten sie schon alles ausgenossen.
Noch andre öffnen weit die rote Ritze
Des Mundes und verkünden viele Witze.

Ich aber lächle höflich. Ach, ich berge
Tief unter diesem Lächeln wie in Särge
Die schlimmen, überwachen, weisen Klagen,
Daß wir in dieses Dasein eingepreßt,
Hineingezwängt sind, unentrinnbar fest
Wie in Gefängnisse, und Ketten tragen,
Verworrne, harte, die wir nicht verstehen.
Und daß ein jeder fern sich ist und fremd
Wie einem Nachbar, den er gar nicht kennt.
Und dessen Haus er immer nur gesehen hat.

Manchmal, während ich an einem Kinn rasiere,
Wissend, daß ein ganzes Leben
In meiner Macht ist, daß ich Herr nun bin,
Ich, ein Barbier, und daß ein Schnitt daneben,
Ein Schnitt zu tief, den runden frohen Kopf,
Der vor mir liegt [er denkt jetzt an ein Weib,
An Bücher, ans Geschäft] abreißt von seinem Leib,
Als wäre er ein lockrer Westenknopf -
Dann überkommts mich. Plötzlich ... Dieses Tier.
Ist da. Das Tier ... Mir zittern beide Knie.

Und wie ein kleiner Knabe, der Papier
Zerreißt [und weiß es nicht, warum],
Und wie Studenten, die viel Gaslaternen töten,
Und wie die Kinder, die so sehr erröten,
Wenn sie gefangner Fliegen Flügel brechen,
So möchte ich oft wie von ungefähr,
Wie wenn es eine Art versehen wär,
An solchem Kinn mit meinem Messer ritzen.
Ich säh zu gern den roten Blutstrahl spritzen.


               Frühling

Ein gewisser Rudolf rief:

Ich hab' viel zu viel gegessen.
Ob's bekömmlich ist sehr fraglich.
Nach so fettem Mittagessen
Fühl' ich mich recht unbehaglich.

Doch ich rülpse hübsch und rauche
Zigaretten hin und wieder.
Liegend auf dem schweren Bauche
Pieps ich lauter Frühlingslieder.

Sehnsuchtsvoll wie auf der Rampe
Quietscht die Stimme aus der Kehle.
Und wie eine alte Lampe
Blakt der Wind die saure Seele.


               Wüstes Schimpfen eines Wirtes


Es ist, um die Stühle durch die Spiegelscheiben auf die Straße zu hauen -
Da sitz ich nun mit hochgezognen Augenbrauen:
Alle Gasthäuser sind voll,
Mein Gasthaus ist leer - Ist das nicht toll ...
Ist das nicht merkwürdig ... Ist das nicht zum Kotzen ...
Die dämlichen Spießer - die elenden Protzen -
Bei mir geht jeder vorbei ...
Verfluchte Schweinerei ...
Dazu verbrenne ich Gas und elektrische Flammen -
Möge mich Gott und Teufel verdammen:
Donnerwetter ... Warum ist gerade mein Gasthaus leer ...
Mürrische Kellner stehen vorwurfsvoll umher -
Was kann ich denn dafür -
Kein Aas kommt zur Tür -
In engster Ecke sitz ich mit sehnsüchtgem Gesicht.
Gäste kommen nicht. - -
Das Essen verdirbt, der Wein und das Brot.
Am liebsten machte ich die Bude zu.
Und weinte mich tot ...


            Ärgerliches Mädchen

Es ist schon spät. Ich muß verdienen.
Aber die gehn heute alle vorbei mit blasierten Mienen.
Nicht einen Glücksgroschen wolln sie mir geben.
Es ist ein jämmerliches Leben.
Komme ich ohne Geld nach Haus,
Wirft mich die Alte hinaus.
Fast kein Mensch ist auf der Straße mehr.
Ich bin todmüde und friere sehr.

So elend zumute war mir noch nie.
Ich laufe umher wie ein Stück Vieh.
Da endlich kommt drüben einer an:
Ein ganz anständig angezogener Mann -
Doch auf das Äußere darf man in diesem Leben
Nicht viel geben.
Er ist auch schon älter. [Die haben mehr Geld,
Von den Jungen wird man eher geprellt.]
Er ist mir vis-à-vis.
Ich heb die Kleddage bis über das Knie.
Ich kann mir dies leisten.
Es zieht am meisten.
Die Kerle kommen wie Fliegen
Ins Licht zu uns Ziegen ...
Der Kavalier bleibt wirklich drüben stehen.
Er glotzt. Er winkt. Ich will schon bei ihm hingehn ...
Ich denke: der wird mir ein großes Goldstück schenken.
Dann besauf ich mich heimlich mit teuren Getränken.
Das ist noch das schönste: einmal - allein
Still für sich besoffen sein -

Oder ich kann neue Schuhe kaufen ...
Muß nicht mehr in gestopften Strümpfen laufen -
Oder ... ich geh einmal nicht auf den Bummel hinaus.
Und ruhe mich von den Kerlen aus -
Oder ... ach, ich freu mich schon so ...
Ich bin so froh -
Da kommt die Kitti an.
Und versaut den Mann.


               Der Angetrunkene

Man muß sich so sehr hüten, daß man nicht
Ohn jeden Anlaß aufbrüllt wie ein Tier.
Daß man der ganzen Kellnerschaft Gesicht
Nicht kurz und klein haut, übergießt mit Bier.

Daß man sich nicht die ekle Zeit verkürzt,
Indem man sich in einen Rinnstein legt.
Daß man sich nicht von einer Brücke stürzt.
Daß man dem Freund nicht in die Fresse schlägt.

Daß man nicht plötzlich unter Hundswauwau
Die Kleider sich vom feisten Leibe reißt.
Daß man nicht irgendeiner lieben Frau
Den finstern Schädel in die Schenkel schmeißt.


        Ein Generalleutnant singt:

Ich bin der Herr Divisionskommandeur,
Seine Exzellenz.
Ich habe erreicht, was menschenmöglich ist.
Ein schönes Bewußtsein.
Vor mir beugen das Knie
Hauptleute und Regimentschefs,
Und meine Herren Generäle
Horchen auf meinen Befehl.
Wenn Gott will, beherrsche ich nächstens
Ein ganzes Armeekorps.
Frauen, Theater, Musik
Interessieren mich wenig.
Was ist das alles gegen
Parademärsche, Gefechte.
Wäre doch endlich ein Krieg
Mit blutigen, brüllenden Winden.
Das gewöhnliche Leben
Hat für mich keine Reize.


      Der Fall in den Fluß


Lene Levi lief besoffen
Nächtlich in den Nebenstraßen
Hin und wieder "Auto" brüllend.

Ihre Bluse war geöffnet,
Daß man ihre feine, freche
Unterwäsche und das Fleisch sah.

Sieben geile Männlein rannten
Hinter Lene Levi her.
                    *

Sieben geile Männlein trachten
Lene Levi nach dem Leibe,
Überlegend, was das kostet.

Sieben, sonst sehr ernste Männer
Haben Kind und Kunst vergessen,
Wissenschaft und die Fabrik.

Und sie rannten wie besessen
Hinter Lene Levi her.
                   *

Lene Levi blieb auf einer
Brücke stehen, atemschöpfend,
Und sie hob die wirren blauen

Säuferblicke in die weiten
Süßen Dunkelheiten über
Den Laternen und den Häusern.

Sieben geile Männlein aber
Fielen Lenen in die Augen.

Sieben geile Männlein suchten
Lene Levis Herz zu rühren.
Lene Levi blieb unnahbar.

Plötzlich springt sie aufs Geländer,
Dreht der Welt die letzte Nase,
Jauchzend plumpst sie in den Fluß.

Sieben bleiche Männlein rannten,
Was sie konnten, aus der Gegend.


               Ein Armer singt:

Die waren feine Zeiten, als ich noch
In seidnen Socken ging und Unterhosen hatte,
Manchmal zehn Mark erübrigte, um mir
Ein Weib zu mieten, tags mich langweilte
Und Nacht für Nacht in Kaffeehäusern saß.
Oftmals war ich so satt, daß ich
Nicht wußte, was ich mir bestellen sollte.




B. Die Dämmerung

             Die Dämmerung

Ein dicker Junge spielt mit einem Teich.
Der Wind hat sich in einem Baum gefangen.
Der Himmel sieht verbummelt aus und bleich,
Als wäre ihm die Schminke ausgegangen.

Auf lange Krücken schief herabgebückt
Und schwatzend kriechen auf dem Feld zwei Lahme.
Ein blonder Dichter wird vielleicht verrückt.
Ein Pferdchen stolpert über eine Dame.

An einem Fenster klebt ein fetter Mann.
Ein Jüngling will ein weiches Weib besuchen.
Ein grauer Clown zieht sich die Stiefel an.
Ein Kinderwagen schreit und Hunde fluchen.


                        Die Nacht

Verträumte Polizisten watscheln bei Laternen.
Zerbrochne Bettler meckern, wenn sie Leute ahnen.
An manchen Ecken stottern starke Straßenbahnen,
Und sanfte Autodroschken fallen zu den Sternen.

Um harte Häuser humpeln Huren hin und wieder,
Die melancholisch ihren reifen Hintern schwingen.
Viel Himmel liegt zertrümmert auf den herben Dingen ...
Wehleidge Kater schreien schmerzhaft helle Lieder.


            Das Vorstadtkabarett

Verschweißte Kellnerköpfe ragen in dem Saal
Wie Säulenspitzen hoch und übermächtig.
Verlauste Burschen kichern niederträchtig,
Und helle Mädchen blicken hübsch brutal.

Und ferne Frauen sind so sehr erregt ...
Sie haben hundert rote runde Hände,
Gebärdelose, große, ohne Ende
Um ihren hohen bunten Bauch gelegt.

Die meisten Menschen trinken gelbes Bier.
Verrauchte Krämer glotzen grau und bieder.
Ein feines Fräulein singt gemeine Lieder.
Ein junger Jude spielt ganz gern Klavier.


  Die Fahrt nach der Irrenanstalt I

Auf lauten Linien fallen fette Bahnen
Vorbei an Häusern, die wie Särge sind.
An Ecken kauern Karren mit Bananen.
Nur wenig Mist erfreut ein hartes Kind.

Die Menschenbiester gleiten ganz verloren
Im Bild der Straße, elend grau und grell.
Arbeiter fließen von verkommnen Toren.
Ein müder Mensch geht still in ein Rondell.

Ein Leichenwagen kriecht, voran zwei Rappen,
Weich wie ein Wurm und schwach die Straße hin.
Und über allem hängt ein alter Lappen -
Der Himmel ... heidenhaft und ohne Sinn.


                    In den Abend

Aus krummen Nebeln wachsen Köstlichkeiten.
Ganz winzge Dinge wurden plötzlich wichtig.
Der Himmel ist schon grün und undurchsichtig
Dort hinten, wo die blinden Hügel gleiten.

Zerlumpte Bäume strolchen in die Ferne.
Betrunkne Wiesen drehen sich im Kreise,
Und alle Flächen werden grau und weise ...
Nur Dörfer hocken leuchtend: rote Sterne -


                              Intérieur

Ein großer Raum - halbdunkel ... Tödlich ... Ganz verwirrt ...
Aufreizend! ... Zärtlich ... Traumhaft ... Nischen, schwere Türen
Und weite Schatten, die in blaue Winkel führen ...
Und irgendwo ein Ton, der wie ein Sektglas klirrt.

Auf schwachem Teppich liegt ein breites Bilderbuch,
Von grünem Deckenlicht verzerrt und übertrieben.
Wie - weiche Kätzchen - fromm sich weiße Fräulein lieben!
Vom Hintergrund ein Greis und seidnes Taschentuch.


                       Der Morgen

... Und alle Straßen liegen glatt und glänzend da.
Nur selten hastet über sie ein fester Mann.
Ein fesches Mädchen haut sich heftig mit Papa.
Ein Bäcker sieht sich mal den schönen Himmel an.

Die tote Sonne hängt an Häusern, breit und dick.
Vier fette Weiber quietschen spitz vor einer Bar.
Ein Droschkenkutscher fällt und bricht sich das Genick.
Und alles ist langweilig hell, gesund und klar.

Ein Herr mit weisen Augen schwebt verrückt, voll Nacht,
Ein siecher Gott ... in diesem Bild, das er vergaß,
Vielleicht nicht merkte - Murmelt manches. Stirbt. Und lacht.
Träumt von Gehirnschlag, Paralyse, Knochenfraß.


                     Landschaft

                   (Zu einem Bild)

Mit allen Zweigen wirft ein schmaler Baum
Um arme Kreuze Glanz der Dunkelheit.
Die Erde dehnt sich schmerzlich schwarz und weit.
Ein kleiner Mond rutscht langsam aus dem Raum.

Und bei ihm schweben fremd, unnahbar, groß
Aeroplane himmelhin, hinauf!
Sehnsüchtge Sünder glotzen gläubig auf
Und reißen sich von ihren Gräbern los.


                  Das Konzert

Die nackten Stühle horchen sonderbar
Beängstigend und still, als gäbe es Gefahr.
Nur manche sind mit einem Mensch bedeckt.

Ein grünes Fräulein sieht oft in ein Buch.
Und einer findet bald ein Taschentuch.
Und Stiefel sind ganz gräßlich angedreckt.

Aus offnem Munde tönt ein alter Mann.
Ein Jüngling blickt ein junges Mädchen an.
Ein Knabe spielt an seinem Hosenknopf.

Auf einem Podium schaukelt sich behend
Ein Leib bei einem ernsten Instrument.
Auf einem Kragen liegt ein blanker Kopf.

Kreischt. Und zerreißt.


                   Der Winter

Von einer Brücke schreit vergrämt ein Hund
Zum Himmel ... der wie alter grauer Stein
Auf fernen Häusern steht. Und wie ein Tau
Aus Teer liegt auf dem Schnee ein toter Fluß.

Drei Bäume, schwarzgefrorne Flammen, drohn
Am Ende aller Erde. Stechen scharf
Mit spitzen Messern in die harte Luft,
In der ein Vogelfetzen einsam hängt.

Ein paar Laternen waten zu der Stadt,
Erloschne Leichenkerzen. Und ein Fleck
Aus Menschen schrumpft zusammen und ist bald
Ertrunken in dem schmählich weißen Sumpf.


                  Die Operation

Im Sonnenlicht zerreißen Ärzte eine Frau.
Hier klafft der offne rote Leib. Und schweres Blut
Fließt, dunkler Wein, in einen weißen Napf. Recht gut
Sieht man die rosarote Cyste. Bleiern grau

Hängt tief herab der schlaffe Kopf. Der hohle Mund
Wirft Röcheln aus. Hoch ragt das gelblich spitze Kinn.
Der Saal glänzt kühl und freundlich. Eine Pflegerin
Genießt sehr innig sehr viel Wurst im Hintergrund.


                 Trüber Abend

Der Himmel ist verheult und melancholisch.
Nur fern, wo seine faulen Dünste platzen,
Gießt grüner Schein herab. Ganz diabolisch
Gedunsen sind die Häuser, graue Fratzen.

Vergilbte Lichter fangen an zu glänzen.
Mit Frau und Kindern döst ein feister Vater.
Bemalte Weiber üben sich in Tänzen.
Verzerrte Mimen schreiten zum Theater.

Spaßmacher kreischen, böse Menschenkenner:
Der Tag ist tot ... Und übrig bleibt ein Name!
In Mädchenaugen schimmern kräftge Männer.
Zu der Geliebten sehnt sich eine Dame.


            Sonntagnachmittag


Auf faulen Straßen lagern Häuserrudel,
Um deren Buckel graue Sonne hellt.
Ein parfümierter, halbverrückter kleiner Pudel
Wirft wüste Augen in die große Welt.

In einem Fenster fängt ein Junge Fliegen.
Ein arg beschmiertes Baby ärgert sich.
Am Himmel fährt ein Zug, wo windge Wiesen liegen;
Malt langsam einen langen dicken Strich.

Wie Schreibmaschinen klappen Droschkenhufe.
Und lärmend kommt ein staubger Turnverein.
Aus Kutscherkneipen stürzen sich brutale Rufe.
Doch feine Glocken dringen auf sie ein.

In Rummelplätzen, wo Athleten ringen,
Wird alles dunkler schon und ungenau.
Ein Leierkasten heult und Küchenmädchen singen.
Ein Mann zertrümmert eine morsche Frau.


               Der Ausflug

(Kurt Lubasch gewidmet zum 15. 7. 1912)

Du, ich halte diese festen
Stuben und die dürren Straßen
Und die rote Häusersonne,
Die verruchte Unlust aller
Längst schon abgeblickten Bücher
Nicht mehr aus.

Komm, wir müssen von der Stadt
Weit hinweg.
Wollen uns in eine sanfte
Wiese legen.
Werden drohend und so hilflos
Gegen den unsinnig großen,
Tödlich blauen, blanken Himmel
Die entfleischten, dumpfen Augen,
Die verwunschnen,
Und verheulte Hände heben.


        Sommerabend

Faltenlos sind alle Dinge,
Wie vergessen, leicht und matt.
Heilighoch spült grüner Himmel
Stille Wasser an die Stadt.

Fensterschuster leuchten gläsern.
Bäckerläden warten leer.
Straßenmenschen schreiten staunend
Hinter einem Wunder her.

... Rennt ein kupferroter Kobold
Dächerwärts hinauf, hinab.
Kleine Mädchen fallen schluchzend
Von Laternenstöcken ab.


         Die Fahrt nach der Irrenanstalt II

Ein kleines Mädchen hockt mit einem kleinen Bruder
Bei einer umgestürzten Wassertonne.
In Fetzen, fressend liegt ein Menschenluder
Wie ein Zigarrenstummel auf der gelben Sonne.

Zwei dünne Ziegen stehn in weiten grünen Räumen
An Pflöcken, deren Strick sich manchmal straffte.
Unsichtbar hinter ungeheuren Bäumen
Unglaublich friedlich naht das große Grauenhafte.


                          Ruhe

In müden Kreisen schwebt ein kranker Fisch
In einem Tümpel, der auf Gräsern liegt.
Beim Himmel lehnt ein Baum - verbrannt und krumm.

Ja ... die Familie sitzt um großen Tisch,
Wo sie mit Gabeln aus den Tellern pickt.
Allmählich wird man schläfrig, schwer und stumm.

Die Sonne leckt mit heißem, giftgem Maul
Am Boden wie ein Hund - ein wüster Feind.
Landstreicher fallen plötzlich spurlos um.

Ein Kutscher sieht besorgt auf einen Gaul,
Der, aufgerissen, in der Gosse weint.
Drei Kinder stehen still herum.


                 Gegen Morgen

Was kümmern mich die flinken Zeitungsjungen.
Mich ängstet nicht das Nahen verspäteter Autotiere.
Ich ruhe auf meinen schreitenden Beinen.

Verregnet ist mein Gesicht.
Grünliche Reste der Nacht
Kleben um meine Augen.
So hab ich mich gern -

Wie die spitzen, heimlichen
Wassertropfen auf tausend Wänden knacken.
Von tausend Dächern plumpsen.
Auf blinkenden Straßen hüpfen ...
Und alle grämlichen Häuser
Horchen auf ihren
Ewigen Gesang.

Dicht hinter mir ist die brennende Nacht verdorben ...
An meinem Rücken lagert ihr dunstiger Leichnam.
Doch über mir fühl ich den rauschenden,
Kühlen Himmel.

Siehe - ich bin vor einer
Strömenden Kirche.
Groß und still empfängt sie mich.

Hier will ich etwas verweilen.
Versunken sein in ihre Träume.
Träume aus grauer
Glanzloser Seide ...


           Unwetter

Erstarrter Mond steht wächsern,
Weißer Schatten,
Gestorbnes Gesicht,
Über mir und der matten
Erde.
Wirft grünes Licht
Wie ein Gewand,
Ein faltiges,
Auf bläuliches Land.

Aber vom Rand
Der Stadt steigt sanft
Wie fingerlose, weiche Hand
Und furchtbar drohend wie Tod
Dunkel, namenloses ...
Wächst höher her
Ohne Ton,
Ein leeres, langsames Meer -

Erst war es nur wie eine müde
Motte, die auf letzten Häusern kroch.
Jetzt ist es schwarz blutendes Loch.
Hat schon
Die Stadt und den halben Himmel verschüttet.

Ach, wär ich geflohn! -
Nun ist es zu spät.
Mein Kopf fällt in die
Trostlosen Hände
Am Horizont ein Schein wie ein Schrei
Kündet
Entsetzen und nahes Ende.


             Die Siechenden

Verschüttet ist unser Sterbegesicht
Von Abend und Schmerzen und Lampenlicht.

Wir sitzen am Fenster und sinken hinaus,
Fern schielt noch Tag auf ein graues Haus.

Unser Leben spüren wir kaum ...
Und die Welt ist ein Morphiumtraum ...

Der Himmel senkt sich nebelblind.
Der Garten erlischt im dunklen Wind -

Kommen die Wächter herein,
Heben uns in die Betten hinein,

Stechen uns Gifte ein,
Töten den Lampenschein.

Hängen Gardinen vor die Nacht ...
Sind verschwunden sanft und sacht - - -

Manche stöhnen, doch keiner spricht,
Schlaf versargt uns das Gesicht.


                        Nebel

Ein Nebel hat die Welt so weich zerstört.
Blutlose Bäume lösen sich in Rauch.
Und Schatten schweben, wo man Schreie hört.
Brennende Biester schwinden hin wie Hauch.

Gefangne Fliegen sind die Gaslaternen.
Und jede flackert, daß sie noch entrinne.
Doch seitlich lauert glimmend hoch in Fernen
Der giftge Mond, die fette Nebelspinne.

Wir aber, die, verrucht, zum Tode taugen,
Zerschreiten knirschend diese wüste Pracht.
Und stechen stumm die weißen Elendsaugen
Wie Spieße in die aufgeschwollne Nacht.


                  Die Stadt

Ein weißer Vogel ist der große Himmel.
Hart unter ihn geduckt stiert eine Stadt.
Die Häuser sind halbtote alte Leute.

Griesgrämig glotzt ein dünner Droschkenschimmel.
Und Winde, magre Hunde, rennen matt.
An scharfen Ecken quietschen ihre Häute.

In einer Straße stöhnt ein Irrer: Du, ach, du -
Wenn ich dich endlich, o Geliebte, fände ...
Ein Haufen um ihn staunt und grinst voll Spott.

Drei kleine Menschen spielen Blindekuh -
Auf alles legt die grauen Puderhände
Der Nachmittag, ein sanft verweinter Gott.


                    Die Welt

        (Einem Clown zugeeignet)

Viel Tage stampfen über Menschentiere,
In weichen Meeren fliegen Hungerhaie.
In Kaffeehäusern glitzern Köpfe, Biere.
An einem Mann zerreißen Mädchenschreie.

Gewitter stürzen. Wälderwinde blaken.
Gebete kneten Fraun in dünnen Händen:
Der Herr Gott möge einen Engel senden.
Ein Fetzen Mondlicht schimmert in Kloaken.

Buchleser hocken still auf ihrem Leibe.
Ein Abend taucht die Welt in lila Laugen.
Ein Oberkörper schwebt in einer Scheibe.
Tief aus dem Hirne sinken seine Augen.


             Prophezeiung

Einmal kommt - ich habe Zeichen -
Sterbesturm aus fernem Norden.
Überall stinkt es nach Leichen.
Es beginnt das große Morden.

Finster wird der Himmelsklumpen,
Sturmtod hebt die Klauentatzen:
Nieder stürzen alle Lumpen,
Mimen bersten. Mädchen platzen.

Polternd fallen Pferdeställe.
Keine Fliege kann sich retten.
Schöne homosexuelle
Männer kullern aus den Betten.

Rissig werden Häuserwände.
Fische faulen in dem Flusse.
Alles nimmt sein ekles Ende.
Krächzend kippen Omnibusse.


                 Straßen

Viel Himmel liegt auf allen singenden
Einsamen Straßen im Laternenscheine.
Ich schwing im Winde über graue Steine,
Die spiegeln meinen Schritt, den klingenden.

Ich spüre an der Stirne eiligen
Verhauch von gelben und von dunklen Dingen.
Ich will die Nacht mit Träumerein verbringen.
Ich fühl den Mond ... grüngoldnen Heiligen.


                       Winterabend

In gelben Fenstern trinken Schatten heißen Tee.
Sehnsüchtge wiegen sich auf hartem Schimmerteiche.
Arbeiter finden eine sanfte Damenleiche.
Johlende Dunkle werfen glimmend blauen Schnee.

An hohen Stangen hängt, verfleht, ein Streichholzmann.
Kaufläden flackern trüb durch frostbeschlagne Scheiben,
Vor denen Menschenleiber wie Gespenster treiben.
Studenten schneiden ein erfrornes Mädchen an.

Wie lieblich der kristallne Winterabend brennt!
Schon strömt ein Platinmond durch eine Häuserlücke.
Bei grünlichen Laternen unter einer Brücke
Liegt ein Zigeunerweib. Und spielt ein Instrument.


                    Mädchen

Sie halten den Abend der Stuben nicht aus.
Sie schleichen in tiefe Sternstraßen hinaus.
Wie weich ist die Welt im Laternenwind!
Wie seltsam summend das Leben zerrinnt..

Sie laufen an Gärten und Häusern vorbei,
Als ob ganz fern ein Leuchten sei,
Und sehen jeden lüsternen Mann
Wie einen süßen Herrn Heiland an.


                Nach dem Ball

Die Nacht kriecht in die Keller, muffig matt.
Glanzkleider torkeln durch der Straßen Schutt.
Gesichter sind verschimmelt und kaputt.
Kühl brennt der blaue Morgen auf der Stadt.

Wie bald Musik und Tanz und Gier zerrann ...
Es riecht nach Sonne. Und der Tag beginnt
Mit Schienenwagen, Pferden, Schrei und Wind.
Ein Mann streicht einen Herrenrumpf grau an.

Alltag und Arbeit staubt die Menschen ein.
Familien fressen stumm ihr Mittagsmahl.
Durch einen Schädel schwingt noch oft ein Saal,
Viel dumpfe Sehnsucht und ein Seidenbein.