Meyer

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Inhalt

Biografie

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                           Der Stromgott

Morgengraun. Die Karawane windet sich dem Nil zur Seite,
Eine Rede dröhnt und murmelt über dunkler Stromesbreite.

Längs dem Ufer nippen durstig silbergraugeperlte Tauben,
Trinken Ibisse mit blankem Flügelpaar und schwarzen Hauben.

Nil, der segenreiche Vater, sorgt für alle seine Kinder,
Speist und tränkt aus seiner Fülle keines mehr und keines minder -

Neben einem braunen Reiter ein gebundner Knabe wandelt,
Joseph ist's, von seinen Brüdern in die Sklaverei verhandelt.

Taub' und Ibis flattern nur um wenig Flügelschläge weiter.
Joseph lauscht des Stromes Worten. Ruhig sitzt der stumme Reiter.

"Knabe, deine Blicke trauern! Jüngling, deine Füße bluten!
Dich verkauften deine Brüder... Sei willkomm an meinen Fluten!

Joseph, fremder Knabe Joseph, du gefesselter, du müder,
Bist du einst der Herr der Ernten, speise deine schlimmen Brüder!

Knabe Joseph!" rauscht es dumpfer. Das erstaunte Kind in Banden
Tröstet sich des güt'gen Grußes, bleibt er auch ihm unverstanden.

Auf des Niles weiten Wassern ist des Stromgotts Wort verschollen,
Nur ein Antlitz schwimmt und schimmert, dessen Haare lockig rollen...

Jetzt beleben sich die Pfade. Schiffe blähen ihre Flügel.
Kleebeladene Kamele wandern, sanftbewegte Hügel.

Frauen kommen mit dem schlanken Kruge, die gemessen schreiten
In verhülltem, stillem Zuge, wie die Jahre, wie die Zeiten...

Aus der ahnungsvollen Ferne ragen Spitzen, hell besonnte,
Steigen wie beschneite Gipfel weiß am reinen Horizonte-

Joseph schaut empor zum Reiter: "Mit dir meiner Väter Frieden!
Herr, wie nennst du dort die Berge?" "Kind, du schaust die Pyramiden!"



                     Thespesius

Zwei Greise ruhten unter einer Pinie,
Stab neben Stab, an einer Quelle klarer Flut,
Wo wandernd sie begegnet sich von ungefähr.
Sie führten Zwiegespräch und sie behagten sich.
- "Man nennt mich Eukrates, und wer, mein Freund, bist du?"
- "Mich nannten Aridäus lange Jahre sie,
Seit langen Jahren bin ich nun Thespesius."
- "Zwei Namen trugst du?" - "Beide Namen, Eukrates.
Hör an! Ein Jüngling, peitscht ich rasend das Gespann.
Die Rosse flogen. Becher, Buhlen, Würfelspiel,
Wut, Zorn, vergossen Blut - verklagend Blut!
Dem ich entfloh, die Eumeniden hinter mir.
Sie folgten meiner raschen Füße schnellstem Lauf,
Ich warf mich in den Fluß, sie sprangen jauchzend nach

Und hoben schwimmend ihrer Fackeln düstre Glut.
Ich klomm bergan - verirrt stürzt ich von einer Wand
-
Die Sinne schwanden mir. Dann lebt ich wieder- war's
Im Traum? - und schritt auf einem weichen Wiesengrün,
Wo Sel'ge, solche schienen sie, lustwandelten
In still bewegten Scharen. Kränze trugen sie.
Den einen kannt' ich wohl und ward von ihm erkannt:
Mein Blutsverwandter, welcher jüngst geschwunden war
Aus dieser Erde Staub nach einem reinen Lauf.
Der sprach mich an: ›Ich grüße dich, Thespesius!‹
›Wozu der neue Name, wundersamer Ohm?
Wie nennst du mich? Dein Aridäus bin ich ja!‹
Die Locken schüttelt' leis er, die ambrosischen,
Und abermals: ›Ich grüße dich, Thespesius!‹...
Jetzt wacht ich wirklich auf. Am Hange lag
Ich blutbefleckt, von gier'gen Raben schon umschwärmt.
Was mehr? Ich ward ein andrer. Nicht mit kleinem Kampf!
Der Kampf ist groß! Mein neuer Name stärkte mich,
Der makellose, der so rein und göttlich klang!
Hab gute Fahrt!" - "Fahr wohl auch du, Thespesius!"



      Der trunkene Gott

Weiße Marmorstufen steigen
Durch der Gärten laub'ge Nacht,
Schlanke Palmenfächer neigen
In des Himmels blaue Pracht.
Über Tempeln, Hainen, Grüften
Zecht in abendweichen Lüften
Alexanders Lieblingsschar;
Knieend bietet ihm ein Knabe,
Daß der Erde Herr sich labe,
Wein in edler Schale dar.

Herrlich ist's, den Wein zu schlürfen,
Lagernd in der Götter Rat,
Zwischen schwelgenden Entwürfen
Und der wundergleichen Tat!
Goldne Becher überquellen,
Ruhmesgeister mit den hellen
Helmen tauchen aus der Flut-
Goldne Schalen überschäumen,
Geister, die gebunden träumen,
Steigen auf in Zornesglut.

Kleitos neben Philipps Sohne
Furcht die Stirne kummervoll,
Der benarbte Mazedone
Schlürft im Weine Gram und Groll:
Er gedenkt der Heergenossen,
Die die erste Phalanx schlossen
In den Bergen kühl und fern
Seinen dunkeln Mut zu kränken
Lüstet es den schönen Schenken
Lagernd an dem Knie des Herrn.

Die erhabne Stirn und Braue
Träumt den Zug ins Inderland,
Lauschend liest den Traum das schlaue
Kind, den Blick emporgewandt:
"Bacchus bist du, der belaubte,
Mit dem schwärmerischen Haupte,
Der ins Land der Sonne zieht!
Ohne Heer kannst du bezwingen,
Nur den Thyrsus darfst du schwingen,
Winke nur und Indien kniet!"

Finster grollt der alte Streiter:
"Durch der Wüste heißen Sand?
Immer ferner, immer weiter?
Nach des Indus Fabelstrand?
Kann ein Wink dir Sieg erwerben,
Warum bluten, warum sterben
Wir für dich? Zu deinem Spott?
Lebende kannst du belohnen,
Deine toten Mazedonen,
Wecke sie, bist du ein Gott!"-

- "Welchen dampfenden Altares
Freust du auf der Erde dich?
Bist du die Gewalt des Ares,
Helmumflattert, fürchterlich?
Herr, bevor den niedern Talen
Du dich nahtest ohne Strahlen,
Welches war dein himmlisch Amt?
Bist du Zeus? Bist du ein andrer?
Bist du Helios, der Wandrer,
Dessen Stirne sonnig flammt?"

Grimmig neigt der graue Fechter
Sich zum Ohr des Gottes hin,
Mit unseligem Gelächter
Rührt er an der Schulter ihn:
"Gast des Himmels, warum sinken
Haupt und Schulter dir zur Linken?6
Lastet dir der Erde Raub?
Mit den Göttern willst du zechen?
Spotten hör ich dein Gebrechen:
Alexander, du bist Staub!"

Eine zürnende Gebärde!
Blitz und Sturz! Ein Gott in Wut!
Ein Erdolchter an der Erde
Windet sich in seinem Blut...
In den Abendlüften Schauer,
Ein verhülltes Haupt in Trauer,
Ausgerast und ausgegrollt!
Marmorgleich versteinte Zecher,
Und ein herrenloser Becher,
Der hinab die Stufen rollt.



                           Der Botenlauf

Blicke gen Himmel gewandt, gebreitete flehende Arme!
Murmeln und schallender Ruf knieender Mädchen und Fraun:
"Götter, beflügelt den Boten! Entscheidung, lieber als Bangnis!
Seit sich die Sonne erhob, ringen die Stadt und Tarquin.
Siehe, die Sonne versinkt! Mitkämpfer, Castor und Pollux,
Denkt der verlassenen Fraun, sendet den Boten geschwind!"
Horch! Achthufig Geklirr bergan. Zwei befreundete Reiter!
Schon am heiligen Quell spülen die Waffen sie rein.
Dann, zwei gewaltige Jünglinge, stehn auf der ragenden Burg sie,
Gegen die schauernden Fraun hat sich der eine gekehrt:
"Freude, knospendes Mädchen! Entschlossene Römerin, Freude!
Herrlicher Sieg ist erkämpft! Geht ihr entgegen dem Heer?"
Einer spricht's und der andere lauscht, zu dem Bruder gewendet.
Jetzt in das bleichende Licht springen die Rosse empor.
Einer der Jünglinge schwindet im Abend, es schwindet der andre,
Denn wie ein liebendes Paar lassen die Brüder sich nicht
Über der römischen Feste gewaltigem, dunkelndem Umriß
Hebt sich in dämmernder Nacht seliges Doppelgestirn.



               Der Gesang der Parze

In der Wiege schlummert ein schönes Römerkind,
Die graue Parze sitzt daneben und spinnt.
Sie schweigt und spinnt. Doch ist die Mutter fort,
So singt die Parze murmelnd ein dunkles Wort:

"Jetzt liegst du, Kindlein, noch in der Traumesruh.
Bald, kleine Claudia, spinnest am Rocken du-
Du wachsest rasch und entwächst den Kleidlein bald!
Du wachsest schlank! Du wirst eine Wohlgestalt!

Die Fackel lodert und wirft einen grellen Schein,
Sie kleiden dich mit dem Hochzeitsschleier ein!
Die Knaben hüpfen empor am Festgelag
Und scherzen ausgelassen zum ernsten Tag.

Eine Herrin wandelt in ihrem eignen Raum,
Und ihre Mägd und die Sklaven atmen kaum.
Ihr ziemt, daß all die Hände geflügelt sind.
Ihr ziemt, daß all die Lippen gezügelt sind.

Die blühenden Horen schwingen im Reigen sich:
Dir ward ein Knabe, Julier, freue dich!
Doch wann die Freude schwebt und die Flöte schallt,
Dann" - singt die Parze - "kommt der Jammer bald.

Der Tiber flutet und überschwemmt den Strand,
Das bleiche Fieber steigt empor ans Land,
Der Rufer ruft und kündet von Haus zu Haus:
›Vernehmt! Den Julier tragen sie heut hinaus!‹

Jetzt, kleine Claudia, trägst du unträglich Leid!
In strenge Falten legst du dein Witwenkleid.
Dein Römerknabe springt dir behend vom Schoß,
Und grüßt dich helmumflattert herab vom Roß...

Die Tuben blasen Schlacht und sie blasen Sieg...
Da naht's. Da kommt's, was empor die Stufen stieg:
Vier Männer und die Bahre, Claudia, sind's
Mit der bekränzten Leiche deines Kinds!

Jetzt, kleine Claudia, bist du zu Tode wund"-
Das Kindlein lächelt. Es klirrt ein Schlüsselbund.
Die Mutter tritt besorgt in die Kammer ein
Und die Parze bleicht im goldenen Morgenschein.



              Der Ritt in den Tod

"Greif aus, du mein junges, mein feuriges Tier!
Noch einmal verwachs ich zentaurisch mit dir!

Umschmettert mich, Tuben! Erhebet den Ton!
Den Latiner besiegte des Manlius Sohn!

Voran die Trophän! Der latinische Speer!
Der eroberte Helm! Die erbeutete Wehr!

Duell ist bei Strafe des Beiles verpönt...
Doch er liegt, der die römische Wölfin gehöhnt!

Liktoren, erfüllet des Vaters Gebot!
Ich besitze den Kranz und verdiene den Tod -

Bevor es sich rollend im Sande bestaubt,
Erheb ich in ewigem Jubel das Haupt!"



          Das Joch am Leman

"Die einen liegen tot mit ihren Wunden,
Die andern treiben wir daher gebunden!
Den Römeraar der Zwillingslegion,
Im Männerkampf, im Roßgestampf entrissen
Der eingegarnten Wölfin scharfen Bissen,
Schwingt Divico, der Berge Sohn!"-

Weit blaut die Seeflut. Scheltend jagen Treiber
Am Ufer einen Haufen Menschenleiber,
Die nackte Schmach umjauchzt Triumphgesang,
Ein Jüngling kreist auf einem falben Pferde
Um die zu zwein gepaarte Römerherde
Die Krümmen des Gestads entlang.

Er schleudert auf den Aar mit stolzem Schreie
Er schickt den Ruf empor zur Firnenreihe-
Die Grät und Wände blicken groß und bleich-
"Hebt, Ahnen, euch vom Silbersitz, zu schauen
Die Pforte, die wir für den Räuber bauen,
Der sich verstieg in euer Reich!

Wir bauen nicht mit Mörtel noch mit Steinen,
Zwei Speere pflanzt! Querüber bindet einen!
Zwei Römerköpfe drauf! Es ist getan!"
Das Joch umstehn verwogne Kriegsgesellen
Mit Auerhörnern und mit Bärenfellen
Und schauen sich das Bauwerk an.

Die Hörner dröhnen. Zu der blut'gen Pforte
Strömt her das Volk aus jedem Tal und Orte,
Groß wundert sich am Joch die Kinderschar,
Ein Mädelreigen springt in heller Freude
Um das von Schande triefende Gebäude,
Den blühnden Veilchenkranz im Haar.

Der Manlierstirn verzogne Brauen grollen,
Des Claudierkopfs erhitzte Augen rollen-
Der Hirtenknabe geißelt wie ein Rind
Den Brutusenkel. Sich durchs Joch zu bücken,
Krümmt jetzt das erste Römerpaar den Rücken
Und gellend lacht das Alpenkind.

Mit starren Zügen blickt, als ob er spotte,
Ein Felsenblock, der eigen ist dem Gotte,
Drauf hoch des Landes Priesterinnen stehn:
Ein hell Geschöpf in sonnenlichten Flechten,
Und eine Drude mit geballter Rechten,
Und rabenschwarzer Haare Wehn.

Die Dunkle höhnt: "Geht, Römer! Schneidet Stecken!
Mit Lumpen gürtet euch und Bettelsäcken!
Euch peitsch ein wildes Wetter durch die Schlucht!
Verflucht der Steg, darüber ihr gekommen,
Und wen ihr euch zum Führer habt genommen,
Er sei am ganzen Leib verflucht!"

Die Lichte fleht: "Du blitzest in den Lüften,
Umschwebst die Spitzen, hausest in den Klüften!
Behüte, Geist der Firn, uns lange noch!"
Die beiden singen starke Zauberlieder-
Ein Geier hangt im Blau und stößt danieder,
Und setzt sich schreiend auf das Joch.



        Das Geisterroß

Durch den dreigeteilten Bogen,
Des Triumphes prangend Tor,
Durch die lauten Menschenwogen
Dort zum Kapitol empor
Lenkt den Tanz der weißen Pferde
Cäsars lässige Gebärde.

Hinter des Triumphes Wagen
Duldend oder grollend gehn
Überwundne. Ketten tragen
Cäsars lebende Trophän.
"Dieser!" höhnt es im Gedränge,
"Dieser Trotz'ge!" zischt die Menge.

Unberührt vom Hohn der Stunde,
Starren, traumgefüllten Blicks,
Geht, ein Singen auf dem Munde,
Ruhig Vercingetorix-
Fremde Weise, fremde Worte,
Mit dem Geist an fremdem Orte:

"Cäsar, blendend weiße Rosse
Hat Hispanien dir gebracht!
Ellid, edler Ahnen Sprosse,
Dunkel ist er wie die Nacht -
Deine Schimmel, deine viere,
Tauscht ich nicht mit meinem Tiere...

Ellid heißt der wackre Jager
Stark von Wuchs und fest im Bug
Welcher mich ins Römerlager
Mit gewalt'gen Sprüngen trug...
Der zum Opfer ich gegeben
Mich für meines Volkes Leben!

Dreimal flog ich um im Kreise,
In der Faust des Schwertes Blitz,
Noch im Lauf, nach Gallier Weise,
Sprang ich ab vor Cäsars Sitz...
Schwarzer Ellid, zu den Toten
Send ich dich als meinen Boten!

Wie er mir ins Antlitz schnaubte,
Stieß ich, Blick versenkt in Blick,
Hinter seinem mächt'gen Haupte
Stracks das Schwert ihm durchs Genick...
Daß mir eines Rosses Ehre
Mangle nicht im Geisterheere.

Ellid sprengt seit langen Jahren
Mitten in der bleichen Jagd,
Wann daheim die Toten fahren
Durch die Wälder, bis es tagt...
Sehn sie meinen led'gen Renner,
Wundern sich die stillen Männer...

Lange Jahre lag gebunden
Ich in feuchter Kerkergruft-
Kettenschwere, dumpfe Stunden-
Endlich wieder Tag und Luft-
Ellid, schwarzer Ellid, spute
Dich! Du witterst, wo ich blute!

Heute endlich! Endlich heute!
Wann der Kahle schwelgt am Mahl,
Würgt er seine Siegesbeute.
Mit dem letzten müden Strahl,
Wann die Sonne niedergleitet,
Wird mir Block und Beil bereitet.

Henker, nimm das Beil zu Händen!
Nicht das Beil?... So nimm den Strang!
Droßle mich! Nur enden, enden!
Letzte Schmach! Sie währt nicht lang...
Ellids kurzes Hufgestampfe
Dröhnt in meinem Todeskampfe!

Sterbend pack ich Ellids Haare,
Ein Befreiter spring ich auf,
Fahre, schwarzer Ellid, fahre!
Nach der Heimat nimm den Lauf!
Wogen tosen! Rhodans Stimme!
In den Strom, mein Tier, und schwimme!"

Cäsars Schimmel blähn die Nüstern.
"Ave Triumphator!" schallt.
Des Gebundnen Lippen flüstern:
"In der Heimat bin ich bald!
Ellid mit gestrecktem Jagen
Wird mich nach der Heimat tragen!"



         Das verlorene Schwert

Der Gallier letzte Burg und Stadt erlag
Nach einem letzten durchgekämpften Tag
Und Julius Cäsar tritt in ihren Hain,
In ihren stillen Göttertempel ein.
Die Weihgeschenke sieht gehäuft er dort,
Von Gold und Silber manchen lichten Hort
Und edeln Raub. Doch über Hort und Schatz
Hangt ein erbeutet Schwert am Ehrenplatz.
Es ist die Römerklinge kurz und schlicht-
Des Juliers scharfer Blick verläßt sie nicht,
Er haftet auf der Waffe wie gebannt,
Sie deucht dem Sieger wunderlich bekannt!
Mit einem Lächeln deutet er empor:
"Ein armer Fechter, der sein Schwert verlor!"
Da ruft ein junger Gallier aufgebracht:
"Du selbst verlorest's im Gedräng der Schlacht!"
Mit zorn'ger Faust ergreift's ein Legionar-
"Nein, tapfrer Strabo, laß es dem Altar!
Verloren ging's in steilem Siegeslauf
Und heißem Ringen. Götter hoben's auf."



                 Das Heiligtum

Waldnacht. Urmächt'ge Eichen, unter die
Des Blitzes greller Strahl geleuchtet nie!
Dämmernde Wölbung, Ast in Ast verwebt,
Von keines Vogels Lustgeschrei belebt!
Ein brütend Schweigen, nie vom Sturm gestört,
Ein heilig Dunkel, das dem Gott gehört,
Darin, umblinkt von Schädel und Gebein,
Sich ungewiß erhebt ein Opferstein...
Es rauscht. Es raschelt. Schritte durch den Wald!
Das kurze römische Kommando schallt.
Geleucht von Helmen! Eine Kriegerschar!
Vorauf ein Gallier und ein Legionar:
"Die Stämme können dienen. Beil in Schwung!
Cäsar braucht Widder zur Belagerung!"7
Erbleichend spricht der Gallier ein Gebet,
Den Römer selbst ergreift die Majestät
Des Orts, doch hebt gehorchend er die Axt -
Der Gallier flüstert: "Weißt du, was du wagst?
Die Stämme - diese Riesen - sind gefeit,
Hier wohnt ein mächt'ger Gott seit alter Zeit,
In dessen Nähe nur der Priester tritt,
Ein totenblasses Opfer schleppt er mit.
Versehrtest nur ein Blatt du freventlich,
Stracks kehrte sich die Waffe wider dich!"...
Die heil'gen Eichen drohen Baum an Baum,
Die Römer lauschen bang und atmen kaum,
Schwer, schwerer wird der Hand des Beiles Wucht
Und ihr entsinkt's. Sie stürzen auf die Flucht.
"Steht!" und sie stehn. Denn es ist Cäsars Ruf,
Der ihre Seelen sich zu Willen schuf!
Er ist bei seiner Schar. Er deutet hin
Auf eine Eiche. Sie umschlingen ihn,
Sie decken ihn wie im Gedräng der Schlacht,
Sie flehn. Er ringt. Er hat sich losgemacht,
Er schreitet vor. Sie folgen. Er ergreift
Ein Beil, hebt's, führt den Schlag, der saust und pfeift...
Sank er verwundet von dem frevlen Beil?
Er lächelt: "Schauet, Kinder, ich bin heil!"
Erstaunen: Jubel! Hohngelächter! Spott!
Soldatenwitz: "Verendet hat der Gott!"
Die Rinde fliegt! Des Stammes Stärke kracht!
Vom Laub zu dunklerm Laube flieht die Nacht.
Die Beile tun ihr Werk. Die Wölbung bricht
Und Riesentrümmer überströmt das Licht.



         Die wunderbare Rede

Auf der Appierstraße zieht ein Heer
Schnellen Schrittes, weit umwölkt von Staub.
Weiß am Horizont das Häusermeer-
"Rom ist morgen euer!" zeigt Sever.
"Flieget, Adler! Stoßt auf euren Raub!"

Morgen? Rom sorgt sich um morgen nicht.
"Die Gladiatoren spielen heut!"
Weiber schmücken sich. Orestes ficht!
Manch unheimlich brennend Augenlicht
Blitzt im Spiegel, den die Sklavin beut.

Sänften hasten zum Theater schon,
Von Gewitterwolken überjagt,
Schwüle Blicke, die wie Fackeln lohn!
Ungeduldig finstre Brauen drohn:
"Eilet, Sklaven!" Spiel ist angesagt!

Über Dach und Zinne ragt empor
Himmelhoch ein riesenstarker Bau,
Der ein Volk empfängt durch manches Tor.
Hinter seinem Mauerkranz hervor
Steigt es schwarz und schwärzer auf im Blau.

Drinnen drängen sie sich Sitz an Sitz,
Jede Stufe strotzt und wogt und schwillt.
Auf der Bühne züngeln hell und spitz
Kurze Schwerter. Schimmernd flirrt ein Blitz
Und ein erster Sprudel Blutes quillt.

Starren Blickes, blaß vor Leidenschaft,
Lauert vorgeneigt die Römerin
Auf die Sterbewunde - eine gafft
Lüstern, eine sinnt dämonenhaft,
Eine lauscht mit hartem Mördersinn.

An der rasch gedrehten Klingen Spiel
Haften Seelen gierig, ohne Zahl-
Traf der Stoß? Er saß. Ein Fechter fiel,
Wälzt sich um im Sand und ist am Ziel
Nach der kurz empfundnen Sterbequal.

Mark und Herz erschütternd gellt ein Schrei!
Dort auf dem Balkon ein Weib im Traum:
Um die Schultern wehn die Haare frei
Und als ob sie die Sibylle sei,
Ruft sie ehern durch den vollen Raum:

"Wehe morgen! Fechter, du bist tot!
Gute Fahrt! Dir tun sie nichts zuleid!
Morgen wehe! Horch! Die Tuba droht!
Eine weite Flamme weht und loht!
Wehe! Sie zerreißen mir das Kleid!"

In das Morgen blickt sie voller Graun,
Schaudernd wie vor Blutes tiefem Strom,
Denn ihr Auge kann das Künft'ge schaun-
Es ist keine von den ird'schen Fraun!
Es ist Rom! Es ist die Göttin Rom!

Vor dem Volk auf hoher Stufe ragt
Rom die Herrin in versteintem Schmerz,
Rom, vor welcher einst die Welt gezagt,
Jetzt die wunde, die geschlagne Magd!
Leid und Mitleid füllen jedes Herz.

Durch die Menge geht ein Flüstern leis,
Eine Rede schwirrt und irrt und rauscht,
Flutet höher, höher stufenweis,
Braust wie Meeresbrandung, füllt den Kreis,
Jeder spricht sie mit und jeder lauscht:

"Schande! Brandmal! Striemen! Sklavenjoch!
Wehe! Sie zerreißen dir das Kleid!
Ach wie lange noch, wie lange noch?
Stürbest, Göttin Roma, stürbst du doch!
Aber du bist voll Unsterblichkeit!"



              In einer Sturmnacht

Es fährt der Wind gewaltig durch die Nacht,
In seine gellen Pfeifen bläst der Föhn.
Prophetisch kämpft am Himmel eine Schlacht
Und überschreit ein wimmernd Sterbgestöhn.

Was jetzt dämonenhaft in Lüften zieht,
Eh das Jahrhundert schließt, erfüllt's die Zeit-
In Sturmespausen klingt das Friedelied
Aus einer fernen, fernen Seligkeit.

Die Ampel, die in leichten Ketten hangt,
Hellt meiner Kammer weite Dämmerung.
Und wann die Decke bebt, die Diele bangt,
Bewegt sie leise sich in sachtem Schwung.

Mir redet diese Flamme wunderbar
Von einer windbewegten Ampel Licht,
Die einst geglommen für ein nächtlich Paar,
Ein greises und ein göttlich Angesicht.

Es sprach der Friedestifter, den du weißt,
In einer solchen wilden Nacht wie heut:
"Hörst, Nikodeme, du den Schöpfer Geist,
Der mächtig weht und seine Welt erneut?"



                             Alle

Es sprach der Geist: Sieh auf! Es war im Traume.
Ich hob den Blick. In lichtem Wolkenraume
Sah ich den Herrn das Brot den Zwölfen brechen
Und ahnungsvolle Liebesworte sprechen.
Weit über ihre Häupter lud die Erde
Er ein mit allumarmender Gebärde.

Es sprach der Geist: Sieh auf! Ein Linnen schweben
Sah ich und vielen schon das Mahl gegeben,
Da breiteten sich unter tausend Händen
Die Tische, doch verdämmerten die Enden
In grauen Nebel, drin auf bleichen Stufen
Kummergestalten saßen ungerufen.

Es sprach der Geist: Sieh auf! Die Luft umblaute
Ein unermeßlich Mahl, so weit ich schaute,
Da sprangen reich die Brunnen auf des Lebens,
Da streckte keine Schale sich vergebens,
Da lag das ganze Volk auf vollen Garben,
Kein Platz war leer und keiner durfte darben.




VII

Frech und Fromm

     Friede auf Erden


Da die Hirten ihre Herde
Ließen und des Engels Worte
Trugen durch die niedre Pforte
Zu der Mutter und dem Kind,
Fuhr das himmlische Gesind
Fort im Sternenraum zu singen,
Fuhr der Himmel fort zu klingen:
"Friede, Friede! auf der Erde!"

Seit die Engel so geraten,
O wie viele blut'ge Taten
Hat der Streit auf wildem Pferde,
Der geharnischte, vollbracht!
In wie mancher heil'gen Nacht
Sang der Chor der Geister zagend,
Dringlich flehend, leis verklagend:
"Friede, Friede... auf der Erde!"

Doch es ist ein ew'ger Glaube,
Daß der Schwache nicht zum Raube
Jeder frechen Mordgebärde Werde fallen allezeit:
Etwas wie Gerechtigkeit
Webt und wirkt in Mord und Grauen
Und ein Reich will sich erbauen,
Das den Frieden sucht der Erde.

Mählich wird es sich gestalten,
Seines heil'gen Amtes walten,
Waffen schmieden ohne Fährde,
Flammenschwerter für das Recht,
Und ein königlich Geschlecht
Wird erblühn mit starken Söhnen,
Dessen helle Tuben dröhnen:
Friede, Friede auf der Erde!



        König Etzels Schwert

Der Kaiser spricht zu Ritter Hug:
"Du hast für mich dein Schwert verspellt,
Des Eisens ist bei mir genug,
Geh, wähl dir eins, das dir gefällt!"

Hug schreitet durch den Waffensaal,
Wo stets der graue Schaffner sitzt.
"Der Kaiser gibt mir freie Wahl
Aus allem, was da hangt und blitzt!"

Er prüft und wägt. Von ihrem Ort
Langt er die Schwerter mannigfalt-
"Sprich, wessen ist das große dort,
Gewaltig, heidnisch, ungestalt?"

"Des Würgers Etzel!" flüstert scheu
Der Graue, der es hält in Hut.
"Des Hunnenkönigs! Meiner Treu,
So lechzt und dürstet es nach Blut!"

"Laß ruhn. Es hat genug gewürgt!
Die tote Wut erwecke nicht!"
"Gib her! Dem ist der Sieg verbürgt,
Der mit dem Schwert des Hunnen ficht!"

Und wieder sprengt er in den Kampf.
"Du hast dich lange nicht geletzt,
Schwert Etzels, an des Blutes Dampf!
Drum freue dich und trinke jetzt!"

Er schwingt es weit, er mäht und mäht
Und Etzels Schwert, es schwelgt und trinkt,
Bis müd die Sonne niedergeht
Und hinter rote Wolken sinkt.

Als längst er schon im Mondlicht braust,
Wird ihm der Arm vom Schlagen matt,
Er frägt das Schwert in seiner Faust:
"Schwert Etzels, bist noch nicht du satt?

Laß ab! Heut ist genug getan!"
Doch weh, es weiß von keiner Rast,
Es hebt ein neues Morden an
Und trifft und frißt, was es erfaßt.

"Laß ab!" Es zuckt in grauser Lust,
Der Ritter stürzt mit seinem Pferd
Und jubelnd sticht ihn durch die Brust
Des Hunnen unersättlich Schwert.



         Galaswinte

Im Saale jubelt Hochzeit -
Die Arme vor dem Busen
Kreuzt Fredegund in Demut,
Des Königs list'ge Buhlin:
"Ich bin die Magd und leuchte
Dem Bräutchen auf die Kammer!"
Die Alabasterampel
Mit römischen Skulpturen,
Die schwebend einst geschimmert
In stillem Grabesdunkel,
Trägt Fredegund in Demut
Und hellt die Hochzeitskammer,
Sie setzt die Ampel nieder
Und geht und lächelt tückisch.
Die zarte Galaswinte
Blickt in die wehnde Flamme,
Die Flamme loht und flackert,
Die Ampel springt in Scherben,
Die Fürstin weint im Dunkel:
"Die mich gebracht aus Spanien,
Dein Kind dem Frankenkönig,
Jetzt drehst du auf dem Rosse
Im Schein der Wanderfackel
Noch einmal dich und breitest
Nach mir die Arme, Mutter!"



                    Bettlerballade

Prinz Bertarit bewirtet Veronas Bettlerschaft
Mit Weizenbrot und Kuchen und edlem Traubensaft.
Gebeten ist ein jeder, der sich mit Lumpen deckt,
Der, heischend auf den Brücken der Etsch, die Rechte reckt.

Auf edlen Marmorsesseln im Saale thronen sie,
Durch Riss' und Löcher gucken Ellbogen, Zeh und Knie.
Nicht nach Geburt und Würden, sie sitzen grell gemischt,
Jetzt werden noch die Hasen und Hühner aufgetischt.

Der tastet nach dem Becher. Er durstet und ist blind.
Den Krüppel ohne Arme bedient ein frommes Kind.
Ein reizend stumpfes Näschen geckt unter strupp'gem Schopf,
Mit wildem Mosesbarte prahlt ein Charakterkopf.

Die Herzen sind gesättigt. Beginne, Musika!
Ein Dudelsack, ein Hackbrett und Geig und Harf ist da.
Der Prinz, noch schier ein Knabe, wie Gottes Engel schön,
Erhebt den vollen Becher und singt durch das Getön:

"Mit frisch gepflückten Rosen bekrön ich mir das Haupt,
Des Reiches ehrne Krone hat mir der Ohm geraubt.
Er ließ mir Tag und Sonne! Mein übrig Gut ist klein!
So will ich mit den Armen als Armer fröhlich sein!"

Ein Bettler stürzt ins Zimmer. "Grumell, wo kommst du her?"
Der Schreckensbleiche stammelt: "Ich lauscht von ungefähr,
Gebettet an der Hofburg... dein Ohm schickt Mörder aus,
Nimm meinen braunen Mantel!" Erzschritt umdröhnt das Haus.

"Drück in die Stirn den Hut dir! Er schattet tief!Geschwind!
Da hast du meinen Stecken! Entspring, geliebtes Kind!"
Die Mörder nahen klirrend. Ein Bettler schleicht davon
-"Wer bist du? Zeig das Antlitz!" Gehobne Dolche drohn.

- "Laß ihn! Es ist Grumello! Ich kenn das Loch im Hut!
Ich kenn den Riß im Ärmel! Wir opfern edler Blut!"
Sie spähen durch die Hallen und suchen Bertarit,
Der unter dunkelm Mantel dem dunkeln Tod entflieht.

Er fuhr in fremde Länder und ward darob zum Mann.
Er kehrte heim gepanzert. Den Ohm erschlug er dann.
Verona nahm er stürmend in rotem Feuerschein.
Am Abend lud der König Veronas Bettler ein.



                          Die Söhne Haruns

Harun sprach zu seinen Kindern Assur, Assad, Scheherban:
"Söhne, werdet ihr vollenden, was ich kühnen Muts begann?
Seit ich Bagdads Thron bestiegen, bin von Feinden ich umgeben!
Wie befestigt ihr die Herrschaft? Wie verteidigt ihr mein Leben?"

Assur ruft, der feurig schlanke: "Schleunig werb ich dir ein Heer,
Zimmre Masten, webe Segel! Ich bevölkre dir das Meer!
Rosse schul ich. Säbel schmied ich. Ich erbaue dir Kastelle.
Dir gehören Stadt und Wüste! Dir gehorchen Strand und Welle!"

Assad mit der schlauen Miene sinnt und äußert sich bedächtig:
"Sicher schaff ich deinen Schlummer, Sorgen machen übernächtig.
Daß du dich des Lebens freuest, bleibe, Vater, meine Sache!
Über jedem deiner Schritte halten hundert Augen Wache!

Wirte, Kuppler und Barbiere, jedem setz ich einen Sold,
Daß sie alle mir berichten, wer dich liebt und wer dir  grollt."
Harun lächelt. Zu dem Jüngsten, seinem Liebling, sagt er: "Ruhst du?
Wie beschämst du deine Brüder? Zarter Scheherban, was tust du?"

"Vater", redet jetzt der Jüngste, keusch errötend, "es ist gut,
Daß ein Tropfen rinne nieder warm ins Volk aus deinem Blut!
Über ungezählte Lose bist allmächtig du auf Erden,
Das ist Raub an deinen Brüdern - und du wirst gerichtet werden!

Dein erhaben Los zu sühnen, das sich türmt den Blitzen zu,
Laß mich in des Lebens dunkle Tiefe niedertauchen du!
Such mich nicht! Ich ging verloren! Sende weder Kleid noch Spende!
Wie der Ärmste will ich leben von der Arbeit meiner Hände!

Mit dem Hammer, mit der Kelle laß mich, Herr, ein Maurer sein!
Selber maur ich mich in deines Glückes Grund und Boden ein!
Jedem Hause wird ein Zauber, daß es unzerstörlich dauert,
Etwas Liebes und Lebend'ges in den Grundstein eingemauert!

Hörest du die Straße rauschen unter deinem Marmorschloß?
Morgen bin ich dieser Menge namenloser Tischgenoß -
Blickst du nieder auf die vielen Unbekannten, die dir dienen,
Einer segnet dich vom Morgen bis zum Abend unter ihnen!"



Der Berg der Seligkeiten

Ein Bergesrücken stillbesonnt,
Allum der duft'ge Horizont!
Hier saß der Christ und rings im Kreis
Die Galiläer, stufenweis
Gelagert, auf den steilen Triften.
Der Meister lobt' der Lilie Kleid,
Hieß göttlich Werk das Friedestiften
Und rühmte die Barmherzigkeit.
Er ließ die Segensschwingen breiten
All seines Reiches Seligkeiten.
Dann ist er sacht hinabgegangen...
Und hat am Kreuzesstamm gehangen.

Am Berg der Seligkeiten irrten
Der Hirtin Stapfen und des Hirten.
Wie Wolken still, wie Stürme brausend,
Zog dran vorüber ein Jahrtausend.
Die Lilie blieb des Lobes froh,
Sie kleide sich wie Salomo,
Die Luft, drin nie das Erz erscholl,
Ist noch von Friedeworten voll.
Drommetenstoß! Jach klimme empor
Ein Heer, das Schlacht und Raum verlor.
Kreuzritter sind's, von Saladin
Versprengt, die wild zur Höhe fliehn!
Heiß unter ihren Schritten her
Entflammt den dürren Rasen er,
In schwarzen Wolken wallt der Qualm.
Schlachtrosse schnauben auf der Alm.
Scharf pfeifen Sarazenenpfeile
Durch dieses Fluchtgedränges Eile.
Fort! Ein verfärbter Purpur weht,
Ein junger König wankt entkräftet,
Doch dieses Reiches Majestät
Ist König Christ, ans Kreuz geheftet.
Drum tragen sie das Kreuz voran,
Der Welterbarmer schwebte dran,
Das bittre Kreuz, davon herab
Er seines Mordes Schuld vergab.
Sie wuschen's dann mit roten Bächen,
Um des Erbarmers Tod zu rächen...
Das Wüten, Morden, Bluten, Streiten
Ersteigt den Berg der Seligkeiten.
Erklommen ist der Gipfel jetzt
Und hinter ihm erbraust das Meer,
Der Kurdenschleuder ausgesetzt,
Steht auf dem Kulm das Christenheer.

Drommetenstoß! "Der Heiland lebt!
Christus regiert!" Der Berg erbebt.
"Hilf, König, der gekreuzigt wurde!"-
"Zielt auf das Kreuz!" befiehlt der Kurde.
"Wie blöde Falter um die Flamme,
So flattern sie am Kreuzesstamme!"
Es saust. Steilnieder zu der Bucht
Stürzt Roß und Reiter in die Schlucht.
Das Kreuz mit Glut und brünst'ger Hast
Umfängt's ein Mönch und hält's umfaßt:
"Hörst, König, du der Heiden Spott?
Vernichte sie, verhöhnter Gott!
In heller Rüstung komm gefahren
Mit deines Vaters Engelscharen!
Lebst du, regierst du, Christe, nicht?"
Kein Engelschwert erblitzt im Licht.
Die Luft verfinstert Pfeilgesaus-
"Komm!" schreit der Mönch und atmet aus.

Des Himmels innigtiefer Schein
Umfließt ein menschenleer Gestein.
Vom Schwert erkämpft, vom Schwert zerstört,
Dies Reich hat nicht dem Christ gehört.



           Die Gaukler

Am Strande des gelobten Lands
In glühem Stich des Sonnenbrands
Kämpft Ludowig der Fromme;
Er trägt in sich des Todes Keim,
Ihm ahnt es, daß er nimmer heim
Ins schöne Frankreich komme.

Scheu lauscht in Zeltes Dämmerschein
Ein junger Edelknecht herein
Und hinter ihm die andern:
"Herr König, es sind Gaukler da,
Drei Brüder aus Armenia,
Die nach dem Grabe wandern.

Es heißt, sie spielen wunderschön!
Erlaubt ein frisches Horngetön
Uns allen anzuhören!"
Der König seufzt: "Betrug der Welt!
Bringt mir die Gaukler in das Zelt,
Daß sie euch nicht betören!"

Jetzt heben an den Mund die drei
Das Horn und spielen frank und frei,
Als ging' es aus zum Jagen.
Dann wie ein Quell im Walde quillt,
So rieselt sanft und wächst und schwillt
Ein Jubeln und ein Klagen.

Gemach vertönt der Hörner Schall,
Laut ruft Renaud von Reineval:
"Du Herzenstrost der Minne!
Lucinden, die sich um mich kränkt,
In Treuen ihres Pilgers denkt,
Sah ich auf stiller Zinne!"

"Ich schaute", fällt Jung Walter ein,
"In meinem Teich den Widerschein
Von Eichen kühl und düster,
Ich sah mein Boot, der Ruder bar,
Das halb ans Land gezogen war,
Umneigt von Schilfgeflüster!"

Ein jeder hat im Horneslaut
Sein Herz belauscht, sein Lieb geschaut,
Sein Minnen und sein Sehnen.
-"Herr König, sagt, was sinnet Ihr?
Was sehnet Ihr? Was minnet Ihr?
Was rinnen Euch die Tränen?"

Herr Ludwig flüstert: "Sel'ger Traum!
Mich hoben durch den Himmelsraum
Angelische Gestalten.
›Getreuer Knecht willkomm!‹ erscholl
Ein Ruf - ich konnte wonnevoll
Die Tränen nicht verhalten."



                    Thibaut von Champagne

"Heim bin ich aus dem Morgenland an Seel und Leib gesund,
Mich durstet' in der Wüste Sand nach Euerm frischen Mund,
Ihr bliebet mir ein treues Weib, da steht mein Glaube fest,
Drum bring ich Euch das Schönste mit, was sich bescheren läßt."

Die Gräfin wandelt auf und ab in einem sachten Schritt.
Sie las den Brief und las den Brief. "Was bringt der Graf mir mit?
Ist's wohl ein Span vom echten Kreuz? Den küßt ich voller Scheu!
Ist's in dem Zwinger ein Getier? Ein Pardel oder Leu?

Ist's dünnen Schleiers Spinneweb, das Werk der Feienhand?
Ein Perserteppich, wie der Fuß noch keinen weichern fand?
Ist's denn ein lichter Edelstein? Ist's ein Geschirr von Gold,
Daraus sich feiner Rauch empor in blauen Wölklein rollt?"

Der Türmer ruft. Das Tor erfüllt der freud'ge Pilgerzug:
Barhaupt der Graf in seinem Helm wohl hundert Rosen trug,
Auf manchem Wagen schwankte dann manch tönernes Geschirr,
Darüber blüht' ein Rosenhain in würzigem Gewirr.

Der Gräfin Näschen sog den Duft, das Mündchen zeigt' Verdruß,
Dann lächelt's zu dem leichten Hort und bietet sich dem Kuß-
"Wie selig bin ich, liebe Frau, daß Euch der Flor gefällt!
Die Rosen von Damaskus sind die vollsten auf der Welt!

In hundert Kübeln schleppten wir den Rosenwald an Bord,
Er wär mir in der Sonnenglut verdorben und verdorrt,
Neun Tage stürzte Regenguß, der schier das Schiff versenkt-
Ich dachte nur, ich lachte nur: Wie der die Rosen tränkt!

Entpanzert, Knappen, mir die Brust, noch bin ich erzumschient!
Ich habe meinen Himmel hier und einen dort verdient!
Mit Rosen will ich drum zu Tisch, mit Rosen schlummern gehn,
Mit Rosen steigen in die Gruft, mit Rosen auferstehn!"



   Der Pilger und die Sarazenin

Jüngst am Libanon in einem Kloster,
Drin ich eine kurze Reiserast hielt,
Langsam durch die kühlen Hallen wandelnd,
Blieb ich stehn vor einem alten Bilde,
Wohlbewahrt in eigener Kapelle.
Es berührte mich mit leisem Zauber
Trotz der byzantinischen Gestalten,
Denn darüber lag ein Glanz der Liebe:
Durch das Tor des Paradieses schritten
Eine Sarazenin und ein Pilger,
Hand in Hand versenkt und Blick in Blick auch.
"Was bedeutet dieses süße Märchen?"
Frug ich Anaklet, den Klosterbruder,
Der mich schleichend überall begleitet.
Mit gesenkten Augen gab er Antwort:
"Guter Herr, kein süßes Märchen ist es,
Sondern eine tröstliche Legende,
Auf ein altes Pergament verzeichnet
Zur Erbauung aller gläub'gen Christen.
Dieser Pilger ist ein heil'ger Märt'rer,
Eine Märt'rin ist die Sarazenin,
Er verschied, gesteinigt und gepeinigt,
Sie verblich, umarmend eine Schwelle!"
Märchenlustig bin ich wie Scheherban,
Wie die plaudernde Scheherezade!
Und ich bat den Mönch: "Erzähle, Vater,
Deinem Sohn die tröstliche Legende."
Bruder Anaklet willfahrte, sprechend:

"Einst, vor ungezählten vielen Jahren-
Also steht's im Pergament verzeichnet,
Das ich gründlich lernte schon als Knabe-
Zogen Pilger nach dem Grab vorüber
Ohne Rast und ohne Trunk und Speise
Scheuen Fußes an der Stadt Damaskus,
Denn verhaßt ist Christus in Damaskus!
Vor der Stadt Damaskus rauscht ein Brunnen,
Wo ein Löwenkopf aus seines Maules
Tiefherabgezognen Winkeln sprudelt
Ein begehrtes, köstlich kühles Wasser.
Dort am Brunnen stand die Sarazenin.

Schleierlos, die jungen warmen Augen
Fünfzehnjährig oder sechzehnjährig,
Stand am Brunnen eine Sarazenin,
Die den schlanken Krug gelassen füllte.
Alle Pilger zogen ihr vorüber
Mit gesenktem Haupte niederblickend,
Denn die Moslemweiber treiben Künste.
- Aber überwunden hat sie Christus!-
Nur ein zarter Jüngling, fast ein Knabe
Noch, entwich der Pilgerreihe durstig,
Nahte sich der jungen Sarazenin
Flehend, forderte von ihr zu trinken
Langsam senkte sie den Krug. Er schlürfte.
Langsam hob den Krug zu Haupt sie wieder,
Heimwärts wandelnd. Vor des Tores Wölbung
Wandte sie das Haupt mitsamt dem Kruge,
Schritte fühlend hinter ihren Sohlen:
›Pilger, hüte dich vor diesem Tore!
Denn es würde dir zum Tor des Todes!
Meine dunkeln Augen sind verderblich
Und verhaßt ist Christus in Damaskus!‹
Und sie wandelt durch des Tores Wölbung,
Und sie wandelt durch die dunkeln Gassen,
Schritte fühlend hinter ihren Sohlen.
Ihre Türe öffnet sie und schließt sie
Und empor zum innern Söller steigend,
Sieht sie mit den Sinnen ihres Geistes
Einen Pilger liegen auf der Schwelle,
Auf der Schwelle vor des Hauses Pforte.

In der ersten Morgenhelle stand sie
Vor dem Pilger, heftig ihn zu schelten:
›Pilger, hebe dich von dieser Schwelle
Die zur Schwelle würde dir des Todes!
Will nicht schuldig sein an deinem Tode!
Meine dunkeln Augen sind verderblich!
Alle schlügen heute dich mit Stäben
Alle würfen heute dich mit Steinen,
Und du lägest tot in deinem Blute!
Denn verhaßt ist Christus in Damaskus!
Weiche, Pilger! Heb dich, läst'ger Bettler!
Fremdling! Abergläub'scher! Götzendiener!
Diesen Lippen einen Kuß! Entweiche!‹
Doch er weigerte sich mit dem Haupte,
Zornig wich von ihm die Sarazenin.
In der letzten Abendhelle stand sie
Vor dem Pilger, dem das Blut aus vielen
Wunden strömte, heftig ihn zu schelten
›Weiche, Pilger! Heb dich, läst'ger Bettler!
Fremdling, Abergläub'scher! Götzendiener!
Meine dunkeln Augen sind verderblich
Und verhaßt ist Christus in Damaskus!
Will nicht schuldig sein an deinem Tode!
Waschen will ich deine roten Striemen,
Küssen will ich deine blut'gen Wangen,
Leugnest du den bleichen Mann am Holze!‹
Doch er weigerte sich mit dem Haupte,
Weinend wich von ihm die Sarazenin
Und empor zum innern Söller steigend,
Hört sie mit den Sinnen ihres Geistes
Leise stöhnen einen Todeswunden
Auf der Schwelle vor des Hauses Pforte.
Ferne blieb der Schlummer ihren Lidern,
Endlich kam der Schlummer und ein Traum kam.

Rings empor an eines Gipfels
Abhang Klommen unter heiligen Gesängen
Pilger auf zum Tor des Paradieses.
Einer klomm voran, ein junger Märt'rer,
Den die andern grüßten ehrerbietig.
In des Tores Wölbung stand der Heiland
›Tritt herein! Du hast für mich geblutet!‹
Doch der Pilger weigerte sich standhaft:
›Heiland, laß mich liegen auf der Schwelle,
Bis sie kommt, die stündlich ich erwarte!
Hand in Hand versenkt und Blick in Blick auch,
Tritt sie, mir gesellt, in deine Freude,
Keine Sarazenin, eine Christin.‹

Solches träumend stürzten ihr die Tränen
So gewaltig, daß sie drob erwachte.
Jählings springt sie auf von ihrem Lager,
Fliegt hinab des Hauses hundert Stufen:
Leer und blutbegossen lag die Schwelle
In des ungebornen Tages Frühlicht.
Auf die harte Schwelle kniet sie nieder,
Badet sie mit unerschöpften Tränen,
Drängt den warmen Busen ihr entgegen,
Preßt sie fest, als klopft' ein Herz im Steine,
Keines klopft, doch ihres zum Zerspringen.

Als die Füße derer wiederkehrten,
Die den Toten vor das Tor getragen,
Eilten sie der Schwelle scheu vorüber,
Auf der Schwelle sahn sie eine Tote,
Auf der Schwelle lag die Sarazenin.
Keine Sarazenin, eine Christin!"
Endet' Bruder Anaklet erbaulich.



            Am Himmelstor

Mir träumt', ich komm ans Himmelstor
Und finde dich, die Süße!
Du saßest bei dem Quell davor
Und wuschest dir die Füße.

Du wuschest, wuschest ohne Rast
Den blendend weißen Schimmer,
Begannst mit wunderlicher Hast
Dein Werk von neuem immer.

Ich frug: "Was badest du dich hier
Mit tränennassen Wangen?"
Du sprachst: "Weil ich im Staub mit dir,
So tief im Staub gegangen."



                            Mit zwei Worten

Am Gestade Palästinas, auf und nieder, Tag um Tag,
"London?" frug die Sarazenin, wo ein Schiff vor Anker lag.
"London!" bat sie lang vergebens, nimmer müde, nimmer zag,
Bis zuletzt an Bord sie brachte eines Bootes Ruderschlag.

Sie betrat das Deck des Seglers und ihr wurde nicht gewehrt.
Meer und Himmel. "London?" frug sie, von der Heimat abgekehrt,
Suchte, blickte, durch des Schiffers ausgestreckte Hand belehrt,
Nach den Küsten, wo die Sonne sich in Abendglut verzehrt...

"Gilbert?" fragt die Sarazenin im Gedräng der großen Stadt,
Und die Menge lacht und spottet, bis sie dann Erbarmen hat.
"Tausend Gilbert gibt's in London!" Doch sie sucht und wird nicht matt.
"Labe dich mit Trank und Speise!" Doch sie wird von Tränen satt.

"Gilbert!" "Nichts als Gilbert? Weißt du keine andern Worte? Nein?"
"Gilbert!"... "Hört, das wird der weiland Pilger Gilbert Becket sein-
Den gebräunt in Sklavenketten glüher Wüste Sonnenschein -
Dem die Bande löste heimlich eines Emirs Töchterlein!"

"Pilgrim Gilbert Becket!" dröhnt es, braust es längs der Themse Strand.
Sieh, da kommt er ihr entgegen, von des Volkes Mund genannt,
Über seine Schwelle führt er, die das Ziel der Reise fand.
Liebe wandert mit zwei Worten gläubig über Meer und Land.