Meyer

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Inhalt

Biografie

Seite 8

VIII

Genie

          Camoëns


Camoëns, der Musen Liebling,
Lag erkrankt im Hospitale.
In derselben armen Kammer
Lag ein Schüler aus Coimbra,
Ihm des Tages Stunden kürzend
Mit unendlichem Geplauder.

"Edler Herr und großer Dichter,
Was sie melden, ist es Wahrheit?
Daß gescheitert eines Tages
Am Gestad von Coromandel
Sei das undankbare Fahrzeug,
Das beehrt war, Euch zu tragen?
Daß Ihr, kämpfend in der Brandung,
Mit der Rechten kühn gerudert,
Doch in ausgestreckter Linken
Unerreicht vom Wellenwurfe
Hieltet Eures Liedes Handschrift?
Schwer wird solches mir zu glauben.
Herr, auch mir, wann ich verliebt bin,
Sind Apollos Schwestern günstig;
Aber ging' es mir ans Leben,
Flattern meine schönsten Verse
Ließ' ich wahrlich mit dem Winde,
Brauchte meine beiden Arme!"

Antwort gab der Dichter lächelnd:
"Solches tat ich, Freund, in Wahrheit,
Ringend auf dem Meer des Lebens!
Wider Bosheit, Neid, Verleumdung
Kämpft ich um des Tages Notdurft
Mit dem einen dieser Arme.
Mit dem andern dieser Arme
Hielt ich über Tod und Abgrund
In des Sonnengottes Strahlen
Mein Gedicht, die Lusiaden,
Bis sie wurden, was sie bleiben."



Michelangelo und seine Statuen

Du öffnest, Sklave, deinen Mund,
Doch stöhnst du nicht. Die Lippe schweigt.
Nicht drückt, Gedankenvoller, dich
Die Bürde der behelmten Stirn.
Du packst mit nerv'ger Hand den Bart,
Doch springst du, Moses, nicht empor.
Maria mit dem toten Sohn,
Du weinst, doch rinnt die Träne nicht.
Ihr stellt des Leids Gebärde dar,
Ihr meine Kinder, ohne Leid!
So sieht der freigewordne Geist
Des Lebens überwundne Qual,
Was martert die lebend'ge Brust,
Beseligt und ergötzt im Stein.
Den Augenblick verewigt ihr,
Und sterbt ihr, sterbt ihr ohne Tod.
Im Schilfe wartet Charon mein,
Der pfeifend sich die Zeit vertreibt.



            Il Pensieroso

In einem Winkel seiner Werkstatt las
Buonarotti, da es dämmerte;
Allmählich vor dem Blicke schwand die Schrift...
Da schlich sich Julianus ein, der Träumer,
Der einzige der heitern Medici,
Der Schwermut kannte. Dieser glaubte sich
Allein. Er setzte sich und in der Hand
Barg er das Kinn und hielt gesenkt das Haupt.
So saß er schweigend bei den Marmorbildern,
Die durch das Dunkel leise schimmerten,
Und kam mit ihnen murmelnd ins Gespräch,
Geheim belauscht von Michelangelo:
"Feigheit ist's nicht und stammt von Feigheit nicht,
Wenn einer seinem Erdenlos mißtraut,
Sich sehnend nach dem letzten Atemzug,
Denn auch ein Glücklicher weiß nicht, was kommt
Und völlig unerträglich werden kann
Leidlose Steine, wie beneid ich euch!"9
Er ging und aus dem Leben schwand er dann
Fast unbemerkt. Nach einem Zeitverlauf
Bestellten sie bei Michelangelo
Das Grabbild ihm und brachten emsig her,
Was noch in Schilderein vorhanden war
Von schwachen Spuren seines Angesichts.
So waren seine Züge, sagten sie.
Der Meister schob es mit der Hand zurück:
"Nehmt weg! Ich sehe, wie er sitzt und sinnt
Und kenne seine Seele. Das genügt."



         Conquistadores

Zwei edle Spanier halten Wacht
Und einer spricht zum andern:
"Señor, mir deucht, der Teufel lacht,
Wie wir ins Leere wandern!
Das Segel bauscht, es rauscht der Kiel,
Noch keines Strandes Boten-
Die Hölle treibt mit uns ihr Spiel,
Wir fahren zu den Toten!

Wer einem Genuesen traut,
Hat den Verstand verloren!
Die Klugen hat er schlecht erbaut,
Doch lockt' er alle Toren-
Rund sei die Erde, log er mir,
Wie Pomeranzenbälle,
Doch unermeßlich flutet hier
Nur Welle hinter Welle!"

Der andre blickt ins Meer hinaus
Und runzelt finstre Brauen:
"Señor, mich zog Columb ins Haus,
Ließ mich die Karten schauen,
Was er doziert', verstand ich nicht,
Ich ließ es alles gelten-
Sein übermächtig Angesicht
Verhieß mir neue Welten!

Ist er ein Narr und haben wir
Uns in das Nichts verlaufen,
Ein räud'ger Hund, Señor, wie Ihr,
Darf fröhlich mit ersaufen!"
- "Señor, da betet Ihr nicht gut!
Zurück Euch in den Rachen
Den räud'gen Hund! Ihr raucht von Blut
Und risset aus den Wachen!"

"Señor, ich dolcht ein falsches Weib,
Bekenn ich unverhohlen!
Nicht hab dem Bäcker einen Laib
Vom Brett ich weggestohlen!
Señor, Ihr seid ein Galgenstrick!"
- "Señor, Ihr seid nicht besser!"
Sie ziehen mit entflammtem Blick
Und kreuzen blanke Messer...

Da zwischen ihre Messer walzt
In tollem Freudensprunge,
Mit ölgetränkten Fingern schnalzt
Miguel, der Küchenjunge.
Er drückt die Lider blinzelnd ein
Mit schlauem Wimperzwinken,
Bald hüpft er auf dem rechten Bein,
Bald hopst er auf dem linken,

In Lüften bläht sich sein Gewand,
Es puffen ihm die Hosen-
Neugierig kommen hergerannt
Soldaten und Matrosen.
Der Junge redet kunterbunt,
Als ob's im Kopf ihm fehle,
Dann öffnet er den großen Mund
Und singt aus voller Kehle:

"Das Heimchen zirpt, das Heimchen zirpt,
Stimmt Laudes an und Psalmen!
Und wenn's mir nicht vor Freude stirbt,
Bald weidet's unter Halmen!
Ich schwör es euch bei Gottes Haupt:
Es atmet duft'ge Weiden,
Es wittert Wälder dichtbelaubt
Und unermeßne Heiden!

Erlauchte Herren, gebet acht,
In meinem engen Räumchen
Hat unsre Meerfahrt mitgemacht
Ein andalusisch Heimchen-
Mitnahm ich's aus dem Vaterland,
Mich scheidend zu beschenken,
Ich fing's mit flinkem Griff der Hand
Zu einem Angedenken.

Da wir zu Schiffe stiegen dort,
Die Zierden aller Lande,
Zirpt' Heimchen mir im Busen fort,
Als weidet's noch am Strande.
Das grüne Vorgebirg verschwand,
Dem Heimchen ward es schaurig,
Beklommen saß es an der Wand
Und wurde faul und traurig.

So darbt's und dämmert's langezeit,
Schon gab ich es verloren,
Und nun, bei meiner Seligkeit,
Ist Heimchen neugeboren!
Bedenkt, es hockte gram und lahm
An Dielen und an Wänden,
Jetzt jubelt's wie ein Bräutigam
Und kann nur gar nicht enden!"

Miguel ist fort und wieder da,
Die Fingerspitze zeigend:
Da sitzt es ja! Da singt es ja!
Die Spanier lauschen schweigend-
Dann sinnen sie der Sache nach,
Den Lustgesang im Ohre,
Sie schütteln sich die Hände jach
Und schrein in wildem Chore:

"Das Heimchen zirpt! Das Heimchen zirpt!
Bald schwelgen wir in Beute!
Wer spielt, gewinnt! Wer wagt, erwirbt!
Wir sind gemachte Leute!
Die Küste winkt! Das Gold erblinkt,
Davon die Sagen melden!
Das Morgen steigt! Das Gestern sinkt!
Wir sind berühmte Helden!"



           Don Fadrique

Don Fadrique bringt ein Ständchen
Der possierlichen Pepita:
"Liebchen, strecke durch die Türe
Deines Füßchens Spitze nur!"

Und die drollige Pepita
Streckt durch eine schmale Spalte
Eines allerliebsten Fußes
Weißes Spitzchen in die Luft.

Don Fadrique krümmt den Rücken,
Will das weiße Spitzchen küssen,
Knabe Amor steht beiseite,
Der den Bogen lachend spannt.

Nach dem ewigjungen Herzen
Zielt er, doch wer lacht, der zielt schlecht:
In des Ritters alten Rücken
Schießt er einen Hexenschuß.

Don Fadriques Knochen rasseln,
Don Fadrique stürzt zusammen,
Figaro holt eine Sänfte,
Figaro bringt ihn zu Bett.

"Frommer Bruder Agostino,
Exorziere mir das frevle
Allerliebste weiße Füßchen,
Das durch meine Beichte tanzt!"

Don Fadrique sucht den Hades,
Zierlich schreitend wie ein Stutzer,
Tänzelnd leuchtet ihm ein weißes
Füßchen durch die Unterwelt.



Die Schweizer des Herrn von Tremouille

Herr Karl war verdrossen,
Sein Pulver verschossen:
"O Gunst der Bellona, du wandelndes Glück!
Umstarrt allerenden
Von Felsen und Wänden,
Laß ich meine herrlichen Büchsen zurück?"

Da kam aus der Pouille
Herr Ludwig Tremouille
Und sprach: "Ich bezwinge die schwindelnde Bahn!
Nicht Rosse, nicht Farren
Vor Büchsen und Karren!
Ich spanne mich selbst und die Schweizer daran.

Die kennen die Berge!
Das sind keine Zwerge,
Wie deine Gascogner, die zapplige Brut!
Die haben dir Arme,
So harte, so warme!
Herr König, ich steh für die Büchsen dir gut!

Ihr Herrn aus den Bünden,
Bedenkt eure Sünden:
Den rollenden Würfel, den Becher, die Dirn!
Die wollen wir fegen
Auf brennenden Wegen,
Die büßen wir heute mit triefender Stirn!"

Weg warf er die Jacke,
Daß fester er packe
Das Seil um die erste Kanone geknüpft -
Da jauchzten die Buben
Und schoben und huben,
Im Nu aus den puffigen Wämsern geschlüpft.

Der stämmige Berner,
Der lust'ge Luzerner,
Sie streiften die nervigen Arme sich nackt;
Die Kinder der Rhone,
Der braune Grisone,
Sie zogen die rasselnden Büchsen im Takt.

Ein knarrendes Stöhnen, Metallenes Dröhnen!
Sie fuhren zu Berg mit der Herde von Erz,
Vorüber den Schründen,
Die Herrn aus den Bünden,
Als ging' es zum Reigen mit Jubel und Scherz.

Ein prächtiges Wetter!
Drommetengeschmetter
Erschüttert die blaue, die strahlende Luft.
Ihr schollt, Apenninen,
Von hellen Klarinen
Und klangt bis in eure verborgenste Schluft!

Doch hartes Bedenken!
Da gab's keine Schenken
Für durstige Gaumen und siedendes Blut.
Herr Ludwig ruft munter:
"Bald geht es bergunter!"
Und reißt an dem Seil in der sengenden Glut.

Wie kicherte Flore,
Wie höhnte Aurore,
Erblickten hemdärmlig den Ritter sie hier!
Mit keuchender Lunge,
Mit lechzender Zunge,
Den zierlichen Helden an Fest und Turnier!

Noch einmal geschoben,
Und jetzt sind sie oben!
Sie rasten, auf glühende Felsen gestreckt,
Und sehen mit Weiden
Und goldnen Getreiden
Die fette lombardische Fläche bedeckt.

Der Liebling der Frauen
Nahm, sich zu beschauen,
In Züchten sein silbernes Spieglein hervor,
Besah in der Wildnis
Sein schreckliches Bildnis
Und fluchte: "Potz Blitz! Ich bin Ludwig der Mohr!"



        Die Seitenwunde

Über ihre Tore statt der Muse
Meißeln die Baglioni die Meduse
Und an ihren grausen Hochzeitsfesten
Kämpft der Bräutigam mit seinen Gästen.

Heute liegen wieder sie wie Garben:
Blutsgenossen, die, sich würgend, starben!
Wo des Bruderhasses Fackel brannte,
Sucht das Kind und findet's Atalante.

Niederstarrend, auf das Knie gesunken,
Hebt des Sohnes Haupt sie jammertrunken,
Drüber hebt sie die geballte Rechte,
Daß sie fluche diesem Mordgeschlechte...

Ihres Knaben Haupt, ein blondes ist es,
Wie das dorngekrönte Haupt des Christes!
Wie des Christes Haupt ist's ein erbleichtes,
Auf die Schulter friedevoll geneigtes!

Ihrem Knaben steht die Seite offen,
Wo der Speer Longins den Herrn getroffen...
Haß und Fluch erlischt auf ihrem Munde,
Sie verehrt die heil'ge Seitenwunde...



      Cäsar Borjas Ohnmacht

Wer bin ich? Einer, welcher unterging,
Den Kranz im Haar, den Becher in der Faust,
Mit einem herkulanischen Gelag
Von einem ungeheuren Sturz bedeckt?
Ich weiß den Becher nur und meinen Sturz...
Im Belvedere... Gestern... Am Bankett...
Den Becher, ihn kredenzte schlürfend mir
Der Papst, der ewig heiter lächelnde,
Denn Cäsar Borja bin ich, Sohn des Papstes!

Die Ampel über meinem Lager kämpft
Mit eines neuen Tages fahlem Schein...
Ob's gestern oder ehegestern war,
Ich weiß es nicht, doch eines weiß ich wohl:
In jenem Becher gor der Borja Gift.
Er galt dem Gast, dem Bischof.
Selbst gewürzt Hat sich der Vater ew'gen Schlummers Trunk!
Ein Becher ward verwechselt. Warum nicht?
Verrat des Schenken? Zufall?... Es geschah.
Ich lebe. Meine Drachenkraft bezwang
Das Drachengift. Die Stunde ruft. Zur Tat!
Leer steht ein Thron und eine Krone rollt.
Verbraucht ist das Apostelmärchen. Weg
Damit! Der Vater war der letzte Papst!
Ein König folgt ihm nach und der bin ich.
Entscheidungsstunde, nicht erschreckst du mich,
Ich habe lange dich voraus bedacht:
Entlarve mir dein kühnes Angesicht!
Du heißest Heute: Kämmrer gib das Schwert!
Reif stehn die Ernten und die Sichel blitzt.
Marsch, meine Banden! Richtet das Geschütz
Auf des Konklave Kammern! Suchst du mich,
Hauptmann? Im Borgo, sagst du, wird gekämpft?
Ich komme! Ich vertausendfache mich!
Ich steige mordend auf das Kapitol
Und mit Italiens Krone krön ich mir
Dies Haupt, das seine Frevel überragt!

Ich träume nur und komme nicht vom Platz.
Sturmlaufend, bleib ich eingewurzelt stehn.
Gelähmte Sehnen! Meuchlerisches Gift!
Auf einem Krankenlager krümm ich mich.
Kein Diener hier! Kein Arzt an meinem Pfühl! Mietlinge!
Meine Stunde schwebt vorbei,
Mit fliehndem Fuß berührt sie spottend mir
Die Faust, die ein erdichtet Schwert umkrampft.
Verweile, Schicksalsstunde!... Doch sie schwebt.
Ich fühle meiner Feinde heimlich Werk:
Sie schaufeln, sie minieren, während ich,
Geschleudert aus der Schranke, liege... Dort!
Die grüne Feuerkugel! Ein Signal
Von meinen Banden? Nein, ein Meteor
Zuckt flüchtig durch die schwüle Sommernacht.
Hier über Romas Kuppeln loht es auf:
Nahn fackelschwingend meine Banden sich?
Nein, es ist Borjas Glück, das flammt und brennt,
Und seine Zinnen stürzen! Wehe mir!
Dem Valentino netzt die Wimper sich...
Pfui! Ist das eines Weibes Augenlid?

Verzweiflung! Göttin! Stähle meinen Leib!
Ich winde mich von meinem Lager auf,
Ich schreite... qualvoll... doch ich schreite. Bei
Der nackten Hölle, Sehnen, strammet euch!...
Verdammnis!... Wieder lieg ich hingestreckt...
Und ein erdolchter Knabe fesselt mich
Mit Ringen an den Stein... Dort gafft ein Weib,
Die Haare triefend, mit geschwollnem Hals...
Blutlose Brut! Weg in des Tibers Grab!...
Aus allen Wänden quillt es schwarz hervor
Und dunkelt über mir... Unsagbar Graun...



              Papst Julius

Halb vom Hades schon bezwungen,
Von Lemuren schon umschwebt,
Hat er doch sich losgerungen-
Sieh, er atmet! Sieh, er lebt!
Hinter seinen greisen Brauen
Flammt's! Jetzt langt er nach dem Bart,
Zürnt und schilt den Tod mit rauhen,
Ungestümen Worten hart:

"Weg mir aus dem Angesichte,
Larven, die mir bleich gedroht!
Charon, aus dem Sonnenlichte
Weg ins Schilf mit deinem Boot!
Keine Macht ist dir gegeben,
Bis ich selbst dich rufen mag!
Heute hab ich noch zu leben
Einen vollgedrängten Tag!

Arzt, statt deiner faden Tropfen
Gib mir des Falerners Glut!
Lasse meine Pulse klopfen,
Wirf mir Feuer in das Blut!
Auf die Türen! Weg die Kissen!
Meine Feldherrn, tretet ein!
Meine Meister, laßt sie wissen,
Daß sie dreifach emsig sein!

Regst, Bramante, die geschickten
Hände du? Vollende doch!
Diese Augen, sie erblickten
Gerne deine Kuppel noch!
Michelangelo, willkommen!
Warum schaust du wieder scheel?
Dort erblick ich meinen frommen,
Meinen süßen Raffael!

Als den Hirten nicht des Lammes,
Bildet mich als Mosen ab,
Der den Dränger seines Stammes
Niederschlug mit wucht'gem Stab-
Wo die Wasserstürze tosen
In die Brunnenschale jach,
Setzet, Meister, mich als Mosen,
Der die Felsenwand zerbrach!

Moses bin ich in dem Blitze
Sinais, in Rauch und Dampf:
Meine donnernden Geschütze
Enden flammend jeden Kampf!
Mit den neugegoßnen Stücken
Bring ich Burg und Stadt zu Fall,
Schmettre Breschen, breche Lücken
In den stärksten Mauerwall!

Falkner, sprich, was macht mein Sperber,
Der die Klaue sich zerstieß?
Marschalk, sag, wie lebt mein Berber,
Den zu scharf ich jagen ließ?
Tummelt, Diener, zum Ergötzen
Mir im Hof ein feurig Tier!
Laßt es springen, laßt es setzen
Vor den alten Augen mir!

Helmt mir die gefurchte Stirne!
Harnischt mir die welke Hand!
Der Italien macht zur Dirne,
Jagt den Fremdling aus dem Land!
Reicht ein Schwert! Ich will es retten!
Ruft, Drommeten, ruft zur Schlacht!
In der Faust zerrißne Ketten,
Schreit ich durch des Hades Nacht!"



             In der Sistina


In der Sistine dämmerhohem Raum,
Das Bibelbuch in seiner nerv'gen Hand,
Sitzt Michelangelo in wachem Traum,
Umhellt von einer kleinen Ampel Brand.

Laut spricht hinein er in die Mitternacht,
Als lauscht' ein Gast ihm gegenüber hier,
Bald wie mit einer allgewalt'gen Macht,
Bald wieder wie mit seinesgleichen schier:

"Umfaßt, umgrenzt hab ich dich, ewig Sein,
Mit meinen großen Linien fünfmal dort!
Ich hüllte dich in lichte Mäntel ein
Und gab dir Leib, wie dieses Bibelwort.

Mit wehnden Haaren stürmst du feurigwild
Von Sonnen immer neuen Sonnen zu,
Für deinen Menschen bist in meinem Bild
Entgegenschwebend und barmherzig du!

So schuf ich dich mit meiner nicht'gen Kraft:
Damit ich nicht der größre Künstler sei,
Schaff mich - ich bin ein Knecht der Leidenschaft
Nach deinem Bilde schaff mich rein und frei!

Den ersten Menschen formtest du aus Ton,
Ich werde schon von härterm Stoffe sein,
Da, Meister, brauchst du deinen Hammer schon,
Bildhauer Gott, schlag zu! Ich bin der Stein."



          Der Schreckliche

Benvenuto, sprich, was schmiedest
Du wie rasend in der Werkstatt?
Welches ungeheure Kunstwerk?
- "Messer! Scharfe, feine Messer!"

Benvenuto, sprich, was prahlst du?
Welche ungeheure Lüge
Tischest auf du den Gesellen?
- "Ich bin stummer als ein Fischchen."

Benvenuto, sprich, was drohst du?
Welche ungeheure Mordtat,
Die vor Abend du begehn wirst?
- "Ich bin frömmer als ein Lämmlein."

Benvenuto bringt die Eisen
Meister Jakob von Perugia,
Der den kranken Finger schneidet
Dem geduld'gen Kind des Goldschmieds.

Benvenutos glühnde Blicke
Folgen jedem Schnitt des Stahles.
"Raffaela, schmerzt mein Messer?"
"Nein, es schmerzt nicht, Benvenuto."



    Pergoleses Ständchen

Nina, laß den Schlummer fahren!
Bist du denn gestorben? ach!
Bist du tot in jungen Jahren?
Horch, die Liebe ruft! Erwach!

Aus dem Schlummer sie zu wecken,
Der vor Tod und Sterben graut,
Mischt der Meister einen Schrecken
In den süßen Liebeslaut.

Willst du schweigen! Haucht's im Düster,
Ich bin blühend, bin gesund!
Küsse mich, sagt das Geflüster,
Fühle meinen frischen Mund!

Und der Wohllaut des Gesanges
Ward von Stadt und Land belobt,
Und die Macht des Liebeszwanges
Ward vom jungen Volk erprobt:

Nina, laß den Schlummer fahren!
Bist du denn gestorben? ach!
Bist du tot in jungen Jahren?
Horch, die Liebe ruft! Erwach!

Da geschah's, daß eine schwarze
Wolke über Napel glitt
Und der Tod sich eine volle
Garbe blühnder Jugend schnitt.

Sant Agnese flammt von Kerzen
Nina schlummert am Altar,
Pergolese spielt das Requiem
Auf der Orgel wunderbar.

In das Hallen der Posaunen,
In das Rufen, in das Drohn,
In das Zürnen mischt der Meister
Einen süßen Liebeston:

Nina, laß den Schlummer fahren!
Bist du denn gestorben? ach!
Bist du tot in jungen Jahren?
Horch, die Liebe ruft! Erwach!



                               Auf Ponte Sisto

Süß ist das Dunkel nach Gluten des Tags! Auf dämmernder Brücke
Schau ich die Ufer entlang dieser unsterblichen Stadt.
Burgen und Tempel verwachsen zu einer gewaltigen Sage!
Unter mir hütet der Strom manchen verschollenen Hort.
Dort in der Flut eines Nachens Gespenst! Ist's ein flüchtiger Kaiser?
Ist es der "Jakob vom Kahn"10, der Buonarotti geführt?
Gellend erhebt sich Gesang in dem Boot zum Ruhme des Liebchens.
Horch! Ein lebendiger Mund fordert lebendiges Glück.



               Chor der Toten

Wir Toten, wir Toten sind größere Heere
Als ihr auf der Erde, als ihr auf dem Meere!
Wir pflügten das Feld mit geduldigen Taten,
Ihr schwinget die Sicheln und schneidet die Saaten,
Und was wir vollendet und was wir begonnen,
Das füllt noch dort oben die rauschenden Bronnen,
Und all unser Lieben und Hassen und Hadern,
Das klopft noch dort oben in sterblichen Adern,
Und was wir an gültigen Sätzen gefunden,
Dran bleibt aller irdische Wandel gebunden,
Und unsere Töne, Gebilde, Gedichte
Erkämpfen den Lorbeer im strahlenden Lichte,
Wir suchen noch immer die menschlichen Ziele-
Drum ehret und opfert! Denn unser sind viele!




IX

Männer

            Lutherlied


Ein Knabe wandert über Land
In einem schlichten Volksgewand,
Gewölke quillt am Himmel auf,
Er blickt empor, er eilt den Lauf,
Stracks fährt ein Blitz mit jähem Licht
Und raucht an seiner Ferse dicht-
So ward getauft an jenem Tag
Des Bergmanns Sohn vom Wetterschlag.

Schmal ist der Klosterzelle Raum,
Drin lebt ein Jüngling dumpfen Traum,
Er fleißigt sich der Möncherei,
Daß er durch Werke selig sei,
Ein Vöglein blickt zu ihm ins Grab,
"Luthere", singt's, "wirf ab, wirf ab!
Ich flattre durch die lichte Welt,
Derweil mich Gottes Gnade hält."

In Augsburg war's, daß der Legat
Ein Mönchlein auf die Stube bat,
Er war ein grundgelehrtes Haus,
Doch kannt er nicht die Geister aus,
Des Mönchleins Augen brannten tief,
Daß er: "Es ist der Dämon!" rief-
Du bebst vor diesem scharfen Strahl?
So blickt die Wahrheit, Kardinal!

Jetzt tritt am Wittenberger Tor
Ein Mönch aus allem Volk hervor:
Die Flamme steigt auf seinen Wink,
Die Bulle schmeißt hinein er flink,
Wie Paulus schlenkert' in den Brand
Den Wurm, der ihm den Arm umwand,
Und über Deutschland einen Schein
Wie Nordlicht wirft das Feuerlein.

In Worms sprach Martin Luther frank
Zum Kaiser und zur Fürstenbank:
"Such, Menschenherz, wo du dich labst!
Das lehrt dich nicht Konzil noch Papst!
Die Quelle strömt an tiefrem Ort:
Der lautre Born, das reine Wort
Stillt unsrer Seelen Heilsbegier-
Hier steh ich und Gott helfe mir!"

Herr Kaiser Karl, du warst zu fein,
Den Luther fandest du gemein-
Gemein wie Lieb und Zorn und Pflicht,
Wie unsrer Kinder Angesicht,
Wie Hof und Heim, wie Salz und Brot,
Wie die Geburt und wie der Tod-
Er atmet tief in unsrer Brust,
Und du begrubst dich in Sankt Just.

"Ein feste Burg" - im Lande steht,
Drin wacht der Luther früh und spät,
Bis redlich er, und Spruch um Spruch,
Verdeutscht das liebe Bibelbuch.
Herr Doktor, sprecht! Wo nahmt Ihr her
Das deutsche Wort so voll und schwer?
"Das schöpft ich von des Volkes Mund,
Das schlürft ich aus dem Herzensgrund."

Herr Luther, gut ist Eure Lehr,
Ein frischer Quell, ein starker Speer:
Der Glaube, der den Zweifel bricht,
Der ew'gen Dinge Zuversicht,
Des Heuchelwerkes Nichtigkeit!
Ein blankes Schwert in offnem Streit!-
Ihr bleibt getreu trotz Not und Bann
Und jeder Zoll ein deutscher Mann.

In Freudenpulsen hüpft das Herz,
In Jubelschlägen dröhnt das Erz,
Kein Tal zu fern, kein Dorf zu klein,
Es fällt mit seinen Glocken ein-
"Ein feste Burg" - singt jung und alt,
Der Kaiser mit der Volksgewalt:
"Ein feste Burg ist unser Gott,
Dran wird der Feind zu Schand und Spott!"



    Hussens Kerker

Es geht mit mir zu Ende,
Mein Sach und Spruch ist schon
Hoch über Menschenhände
Gerückt vor Gottes Thron,
Schon schwebt auf einer Wolke,
Umringt von seinem Volke,
Entgegen mir des Menschen Sohn.

Den Kerker will ich preisen,
Der Kerker, der ist gut!
Das Fensterkreuz von Eisen
Blickt auf die frische Flut,
Und zwischen seinen Stäben
Seh ich ein Segel schweben,
Darob im Blau die Firne ruht.

Wie nah die Flut ich fühle,
Als läg ich drein versenkt,
Mit wundersamer Kühle
Wird mir der Leib getränkt
Auch seh ich eine Traube
Mit einem roten Laube,
Die tief herab ins Fenster hängt.

Es ist die Zeit zu feiern!
Es kommt die große Ruh!
Dort lenkt ein Zug von Reihern
Dem ew'gen Lenze zu,
Sie wissen Pfad und Stege,
Sie kennen ihre Wege-
Was, meine Seele, fürchtest du?