Mörike

Seite 6

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Biografie

Seite 8

        Herrn Bibliothekar Adelb. v. Keller

bei verspäteter Zurücksendung einer Ausgabe des Catullus

                         Das Buch:

Da bin ich endlich! - Blicke nicht so streng, o Herr!
Wie? oder wäre was verlautet wirklich wahr,
Du wärst uns ernstlich böse? Nun, so höre mich:
Zwar nahezu zwei Jährchen blieb ich aus; jedoch
Nicht schmutziger, bei meiner Ehre, komm ich heim,
Als ich, dem Zeugnis aller Grazien gemäß
(Die mir gleichwohl bei jeder Zeile lächelten),
Von jeher war. Auch hattest du mich eben nicht
So groß vonnöten, wenn ich's redlich sagen darf,
Denn über eine ganze Welt von Büchern ja
Bist du Gebieter, der mit jeglichem vertraut
In seiner eignen Sprache zu verkehren weiß.
Dort in der Reihe steh ich dutzendfach bereit;
Bald nackt, bald mit preiswürdigen Kommentarien,
Worin sich meine Schlankheit wie im Reifrock bläht;
Nur bin ich nirgend wie mich einst die Muse schuf.
- Du warst die Zeit in meinem Vaterlande, heißt's;
Hätt ich denn etwa mit gedurft? Ich zweifle fast.
Du hast, Beneidenswerter, kaum einmal an mich
Im schönen Rom und am Benacus-See gedacht,
Wo jedes Wellchen, blinkend in des Morgens Hauch,
Noch von den Scherzen meines Vaters fröhlich lebt.
Darum vergib dem Manne, der so lang mich hielt,
Und, hoch dich achtend, ungern dich beleidigt weiß.
Indem er herzlich danken möchte und der Schein
Des Undanks ihm das beste Wort verkümmern will,
Hat er, o glaub's, den Fehler schon genug gebüßt
 

            Herrn Hofrat Dr. Krauß

       Bad Mergentheim, Sommer 1847

Der jüngsten in dem weitgepriesnen Schwesternchor
Heilkräftger Nymphen unsres lieben Vaterlands,
Die wundertätig im bescheidnen Tempel wohnt,
Sich selber still weissagend einen herrlichern;
In deren schon verlorne Gunst du leise mich
An deiner priesterlichen Hand zurückgeführt:
Heut in der frühsten Morgenstunde goß ich ihr
Die Opfermilch, die reine, an der Schwelle aus,
Und schenkte dankbar ein kristallen Weihgefäß.
Sie aber, rauschend in der Tiefe, sprach dies Wort:
»Bring meinem Diener, deinem Freunde, den Pokal,
Mit jenes Gottes Feuergabe voll gefüllt,
Der meinen Berg mit seinen heiligen Ranken schmückt,
Obwohl er meine Lippen zu berühren scheut.«
 

                        An Eberhard Lempp

Nach angenommener Einladung zu einer Abendgesellschaft

Kennst du der Furien schlimmste, Freund? Ich hoffe, nein!
Kein Dichter, nicht der alten, noch der neuen Zeit,
Kein Mythograph hat sie zu nennen je gewagt;
Ich selber, bange vor der leise hörenden,
Tu es nur heimlich: Agrypnia heißet sie.
Ach, als ich jung war, deuchte sie mir schön zu sein,
Piërische Jungfrau, oder ihnen nah verwandt;
Vielleicht auch ist sie's, aber weh dem, der sie ruft!
Denn der Gesundheit Farbe saugt ihr heißer Blick
Dem Jüngling von den Wangen, und verzehrt den Mann.
An meinem Bette sitzt sie manche Mitternacht,
Gleich einer Buhlerin, der man überdrüssig ist.
Den Rücken ihr zukehrend blinz ich seufzend nur,
Sooft die Glocke wieder schlägt, nach dem Gespenst,
Ob es noch sitzt - es sitzet bis der Morgen graut!

Seit Wochen hatt ich Ruh vor ihr, bis gestern nacht;
Da trat sie schadenfroher Miene vor mich hin,
Unheilverkündend, und wohl weiß ich, was sie meint:
Es ist das Wort, das ich dir auf der Straße jüngst
Am lichten Tag gegeben, nicht entging es ihr -
Gib eilig, Bester, mir's zurück, wenn du mich liebst!
 

         L. Richters Kinder-Symphonie

               als Hochzeitsgeschenk

  für Marie Hocheisen, geb. v. Breitschwert

(Ein nicht genug bekanntes Kunstblatt des vorteffli chen Meisters;
Lithographie mit leichter Färbung, Querfolio. - Eine Anzahl Kinder,
mehr ländlich als städtisch, in Werktagskleidung, hat sich dicht bei der
Stadt am halbverfallenen Zwinger versammelt, wo sie, ganz unter sich,
 Musik machen. Mit Ausnahme eines ältern Knaben, der eine wirkliche
Geige spielt, hat jedes nur ein Kinderspielzeug, oder ein zufällig gefundenes
Surrogat für das betreffende Instrument, einen Trichter, eine Gießkanne
und dergleichen in Händen. Der Violinist und ein zweiter Knabe, sowie
das älteste Mädchen, welches mit letzterem zusammen singt, haben den
edelsten musikalischen Ausdruck auf dem Gesicht. Unmittelbar hinter der
Versammlung ist Wäsche zum Trocknen aufgehängt und bildet eine Art
von künstlerischer Draperie. - Die nicht genannte Stadt ist Biberach,
woselbst der Vater des Bräutigams als erster Geistlicher lebt.)

Hier, Liebwerteste, seht ihr einen kleinen
Dilettantenverein, ungleich an Kräften,
Und teilweise versehn mit Tonwerkzeugen,
Die dem Hörenden bange machen könnten.

Ein symphonisches Stück mit Singpartieen
Gilt's, und zwar noch der ersten Proben eine.
Vom andächtigen Klarinett herunter
Bis zum Rätschchen und Vater Haydns Kuckuck
Tut ein jedes nach seinem Kunstvermögen.
Baßposaune, Trompete lasten sichtlich
Auf der schmelzenden Bratsche; offenbar auch
Kommt die Sängerin schon nicht mehr zum Worte;
Doch nichts bringt den Direktor aus der Fassung.

Sagt, und wären euch denn die guten Kinder
Völlig fremd? es entdeckte wirklich niemand
Ein bekanntes Gesichtchen hier? - Nun also
Wißt: Landsleute sind's unsres vielgeehrten
Bräutigams! - wie ich näher gleich erkläre.

Denn ich selber, mit einem Dresdner Freunde,
Der verwichenen Herbst sich gern, als Maler,
Unser Schwaben einmal beschauen wollte,
War zufälliger Zeuge dieser Szene,
Als wir beide, von Friedrichshafen kommend,
Vor dem Städtchen im Rißtal, das ihr kennet,
In Erwartung des Vier-Uhr-Zuges müßig
Hin und her um die alten Mauern strichen.
Leider waren des Herrn Dekans Hochwürden
Damals eben verreist, er hätte sonst wohl
Uns im kühligen Haus bei sich ein Fäßlein
Angestochen des edlen Kraftgebräudes,
Das sein heimatlich Ulm ihm zollt alljährlich.

Nun, beim äußersten Häuschen an der hintern
Grabenmauer ist gar ein stiller Winkel.
Eine Witwe, des Kantors selig, wohnt dort
Mit drei Kindern. Der eine Sohn ererbte
Seines Vaters geliebte Geige, aber
Alle dreie von seinen Gaben etwas.

Unvollständig noch, als wir kamen, lärmte,
Sang und pfiff das Orchester durcheinander:
Für die Fehlenden spielte die gesamte
Junge Nachbarschaft mit, und nicht nach Noten.
Doch verstummend auf unsern Wink mit einmal
Wich das wirre Getös dem hellen Goldklang
Einer himmlischen Mädchenstimme, wie wenn
Nachts aus krausem Gewölk des Mondes Klarheit
Tritt, ein Weilchen die reine Bahn behauptend.
Aber nimmer beschreib ich dieser Kehle
Herzgewinnenden Ton, noch jenes Lächeln,
Das verschämt um die frischen Lippen schwebte,
Noch den wonnigen Ernst, mit dem der Geiger
Ihr zunächst sie begleitete, der Bruder;
Neigend beide das Haupt nach einer Seite,
Wie zwei Wipfel, geneigt von einem Hauche,
Seelenvoll dem beseelten Zuge folgend.
- Und was sang sie? Die Worte ließen unschwer
Einen bräutlichen Festgesang erkennen.
Doch mir fiel nicht von weitem ein zu fragen,
Ob dergleichen denn wirklich wo im Werk sei?
Und wir hatten auch nicht lang Zeit: denn während
Wir in herzlicher Rührung horchend standen –
Ludwig Richter und ich und ein vergnügter
Ulmer Spatz, mit noch andern wackern Tierchen -
Scholl die höllische Pfeife her vom Bahnhof.
Rasch nur küßt ich das süße Kind (Freund Richter,
Immer praktischer, zog den Beutel, das ich
Traun im Taumel beinah vergessen hätte) -
Und so rannten wir fort, und Stuttgart zu ging's.

Kaum nach Hause gelangt vernahm ich staunend,
O Marie, was sich mit dir begehen.
Holde, liebliche Botschaft, deren Wohllaut
Mir weissagend das Ohr voraus berührte!
»Heil!« so klingt es aus Kindermund noch helle
Mir im Sinn, und in ihrem Namen ruf ich
Heil, o Freundliche, dir und deinem Liebsten!
- Zwar sie hofften, so hör ich, hier im Saale
Heut, sonntäglich geputzt, mit Bändern und mit
Blumensträußen, geführt vom Herrn Provisor,
Ihre Sache vor euch zu produzieren.
Doch das sollte nicht sein, man fand den Einfall
Doch am Ende zu kühn, die Fahrt kostspielig.

Laßt euch denn, als Ersatz aus Richters Mappe,
Diese stille Musik hier auch gefallen -
Eine Probe nur freilich, aber war nicht
Stets den Liebenden selber ihres Glückes
Vorbereitung so süß wie die Erfüllung?
 

       Erzengel Michaels Feder

                        I

Weil schon vor vielen hundert Jahren,
Da unsre Väter noch Heiden waren,
Unser geliebtes Schwabenland
So lustig wie ein Garten stand,
So sah der Teufel auch einmal
Vom Michelsberg ins Maiental
Und auf das weit bebaute Feld.
Er sprach: »Das ist ja wohlbestellt;
Hier blüht, wie einst im Paradies,
Der Apfelbaum und schmeckt so süß.
Wir wollen dieses Gartens pflegen,
Und soll sich erst kein Pfaff drein legen!«
- Solch Frevelwort des Satans hört
Der Herr im Himmel ungestört,
War aber gar nicht sehr ergetzt,
Daß sich der Bock zum Gärtner setzt.
Er sandte Bonifazium
Damals im deutschen Reich herum,
Daß er, des heiligen Geistes voll,
Den himmlischen Weinstock pflanzen soll;
So rückt' er nun auch zum Michelsberg.
Das kam dem Satan überzwerch,
Tät ihm sogleich den Weg verrennen,
Ließ den Boden wie Schwefel brennen,
Hüllet' mit Dampf und Wetterschein
Das ganze Revier höchst grausam ein,
Ging selber auf den Heiligen los,
Der stand aller irdischen Waffen bloß,
Die Hände sein zum Himmel kehrt',
Rief: »Starker Gott! leih mir ein Schwert!«
Da zückt herab wie ein Donnerstreich
Erzengel Michael sogleich.
Sein Flügel und sein Fußtritt dämpft
Das Feuer schnell, er ficht und kämpft,
Und würgt den Schwarzen blau und grün,
Der hätte schier nach Gott geschrien;
Schmeißt ihn der Engel auch alsbald
Kopfunter in den Höllenspalt;
Schließt sich der Boden eilig zu,
Da war's auf Erden wieder Ruh,
Die Lüfte flossen leicht und rein,
Der Engel sah wie Sonnenschein.
Unser Heiliger bedankt sich sehr,
Möcht aber noch ein Wörtlein mehr
Mit dem Patronen gern verkehren;
Des wollte jener sich erwehren,
Sprach: »Jetzo hab ich keine Zeit.«
Da ging Herr Bonifaz so weit,
Daß er ihn faßt' an seiner Schwingen,
Der Engel ließ sich doch nicht zwingen,
War wie ein Morgenrauch entschlüpft.
Der Mann Gottes stund sehr verblüfft.
Ihm war, wie er mit dem Erzengel rang,
Eine Feder, gülden, schön und lang,
Aus dem Fittig in der Hand geblieben.
Flugs tät er sie in Mantel schieben,
Ging eine Strecke fort und sann:
Was fang ich mit der Feder an?

Nun aber auf des Berges Rand
Ein kleiner Heidentempel stand,
Noch in der letzten Römerzeit
Luna, der Mondsgöttin, geweiht,
Von Trephon, dem Feldhauptmann.
Da nahm Bonifaz ein Ärgernis dran,
Ließ also das Bethaus gleich fegen und lichten,
Zur christlichen Kapell herrichten,
Und weihte sie auch auf der Stell
Dem teuren Erzengel Michael.
Sein Bild, übern Altar gestellt,
Mit der rechten Hand die Feder hält,
Die dann bei mancher Pilgerfahrt,
Noch bis heute, hoch verehret ward.

Zu guter Letzt ich melden will:
Da bei dem Berg liegt auch Tripstrill,
Wo, wie ihr ohne Zweifel wißt,
Die berühmte Pelzmühl ist.

                 II

Es war ein Kaufherr zu Heilbronn,
Fürwahr ein halber Salomon;
Mit seinen Talern hätt man mögen
Den Markt wohl zwiefach pflästern und legen;
Zwar seines Glaubens nur ein Jüd,
Jedoch ein echt und fromm Gemüt,
Machte manchen Christenbettler satt.
Er hatte drei Häuser in der Stadt,
Indes er selbst das ganze Jahr,
Oft über Meer, verreiset war.
Weil aber in guter Christen Mitte,
Sein Volk damals viel Tort erlitte,
Ließ Herr Aaron seiner Frauen
Auf dem Land ein Schlößlein bauen,
Ringsum mit Wiesen, See und Wald,
Zur Sommerzeit ein Aufenthalt.
Zu alldem sah sein jung Gemahl
Nur wie das Klagweib im Hochzeitssaal,
Ging weder fischen, weder jagen,
Ließ sich auch nicht vom Maultier tragen
Durch Berg und Wald, das Dorf entlang,
Wollte kein Saitenspiel, noch Gesang:
Denn ihr einzig Kind, ein Mägdlein zart,
Wie ein Fürstenblut so schön von Art,
War leider taub und stumm geboren,
Auch Kunst und Hoffnung ganz verloren.

Als nun das Mägdlein endlich groß,
Einer Lilie gleich aufschoß,
Ging es und ritte manches Mal
Ohne Diener durchs Wiesental.
Dann sprachen die Leute insgemein:
»Seht da, des Sultans Töchterlein!«
War weiß von Haut und schwarz von Haar,
Mit Ringeln deckt's den Nacken gar.
Ihr Auge, hell und lauter ganz,
Sah munter drein beim Schäfertanz;
Ihr roter Mund zwar red'te nicht,
Konnt aber lachen inniglich.

Einsmals schön Rahel saß allein
Beim Birkenwald am grünen Rain,
Dacht einem Traumgesichte nach,
Darin ihr Gott der Herr versprach,
Treu und wahrhaft, durch Engelsmund:
Sie sollte werden ganz gesund,
Wenn sie ihm täte dies und das -
Sie wußte leider nicht mehr was.
Hätt sie's gewußt, sie könnt's nicht sagen
Das fiel ihr nun aufs Herz so schwer,
Daß sie seufzet laut und weinet sehr.
Nun kam den Pfad ein Büblein her,
Dem war die Rahel wohlgesinnt,
Es war des Juden Pächters Kind,
Kam von der Synagoge warm,
Hatt Buch und Täflein unterm Arm.
Sie macht ihm Platz an ihrer Rechten,
Lehrt ihm ein lustig Kränzlein flechten,
Am Bach da hatt's der Blumen viel.
Der Tag war aber gar zu schwül:
Der Knabe nickt, dann schläft er ein,
Schön-Rahel sitzt für sich allein.

Sie kriegt des Knaben Buch zur Hand,
Davon sie leider nichts verstand,
Sie nimmt das Täflein auf den Schoß,
Da wurden ihr die Tränen los.
Mit Händen deckt sie ihr Gesicht,
Sie bet't im stillen und weiß es nicht.
Und wie sie wieder aufgeblickt,
Ein frisches Aug ins Blaue schickt -
Vom Michelsberg was blinkt so hell,
Als wie das Kreuz auf der Kapell?
Streicht es nicht durch die Luft daher?
Kommt es nicht nah und immer mehr?
Ein Vogel, ei! ein Schwälblein hold!
Im Schnabel hat's ein klares Gold.
Der Jungfrau legt's, o Wunder, sieh!
Eine güldne Feder auf ihr Knie,
Fliegt auf den nächsten Erlenbaum:
Der Jungfrau ist es als ein Traum.
Wie wird es ihr im Geist so licht!
Sie weiß ihr ganzes Traumgesicht!
Ihr klinget, was der Engel sprach,
Hell, wie Gesang, im Herzen nach.
Im Taumelsinn, in seliger Hast,
Hat sie den güldnen Kiel gefaßt:
Er lebt und schreibt, kaum hält sie ihn,
So rasch geht's übers Täflein hin,
Mit goldiger Hebräerschrift
(Wohl feiner denn mit Schieferstift!):
»Schön-Rahel! Friede sei mit dir!
Der ewig Vater grüßt dich hier,
Will lösen deiner Zunge Band,
Auftun dein Ohr mit seiner Hand,
So du mit Vater und Mutter dein
Dem Heiland willt zu eigen sein.«

Die Feder ruht; das Schwälblein keck
Fliegt ab dem Baum und nimmt sie weg,
Und auf und fort in einem Nu,
Dem Michelsberg da wieder zu.
Indessen war der Knab erwacht,
Nahm auch das Wunder wohl in acht.
Die Jungfrau winket ihm aufzustehn,
Alle beide still nach Hause gehn.
Wie sie noch wenig Schritt vom Hofe,
Entgegen rennet schon die Zofe,
Bedeutend, daß der Vater kommen.
Von tausend Freuden übernommen
Jetzt eilet das glückselig Kind
Ins Haus noch zehnmal so geschwind.
Herr Aaron stund just in der Tür,
Faßt sie in Arm, sie zittert schier,
Sie dringet ihm das Täflein auf,
Dann eilet sie in einem Lauf,
Holt ihre Mutter in den Saal,
Herzet und küßt sie tausendmal,
Winket des Pächters Kind herbei,
Das sagt, was all geschehen, frei.
Der Alte liest und staunt und schweigt,
Seiner Frauen dar das Wunder reicht,
Und murmelt für sich unbewußt;
Schlägt dann laut an seine Brust,
Und ruft: »Dein Knecht, Herr, ist nicht wert,
Daß ihm so Großes widerfährt!
Ich seufzet' oft in Nächten tief
Nach deines Sohnes Heil und rief,
Doch Zweifels Angst und Spott der
Welt Hat mir so teures Licht verstellt;
Ich war verstocket, taub und blind:
Muß mich noch retten mein armes Kind!
Dafür sei Preis und Ehre dein!
Laß mich jetzt auch der erste sein,
So brünstig dir, Herr Jesu Christ,
Weh! die durchgrabnen Füße küßt!
Und wie, zu deinem Stern gewandt,
Drei Könige aus Morgenland
Dir brachten Myrrhen, Weihrauch, Gold:
Vergönne, daß dein Knecht dir zollt,
Was alles du seit so viel Jahren
Durch ihn der Kirche wollen sparen!
- O du, an deines Sohnes Seite,
Vertritt uns, Mutter, benedeite!«
So sprach Herr Aaron jenen Tag;
Hört an, was weiter werden mag.
Zu Pfingsten, früh vor Tage schon,
Zieht, groß und lang, eine Prozession
Mit hellen Kerzen ohne Zahl
Langsam dahin durchs grüne Tal,
Söhne und Töchter Israel,
Zum Berg des Engels Michael.

Zuvorderst tät Herr Aaron gehn
Mit seiner Frauen und Rahel schön;
Kam hierauf seine Dienerschaft,
Lobpreisend Gottes Wunderkraft,
Aber zuletzt, in langen Reihn,
An die zweihundert seiner Gemein:
Die kamen nicht, zu sehn und zu gaffen,
Sondern geschlagen von Gottes Waffen,
Wollten sich alle taufen lassen.
Das Kirchlein nicht ein Drittel faßt
Der Meng, so an den Pforten paßt.

Jetzo die Orgel hell erklingt,
Man freudig Hallelujah singt.
Dann, voller Demut, holder Sitte,
Schön-Rahel vor den Taufstein schritte.
Ihr Haupt gebeuget und ihr Knie,
Empfänger Bad und Segen sie.
Und als der Priester feierlich
Sprach: »Gotteskind, ich taufe dich,
So jetzo Dorothea heißt
Auf Vater, Sohn und Heiligen Geist -
Glaubst du an des Dreieinigen Namen?«
Schön Dorothe' sprach: »Ja und Amen.«
 

                            An Gretchen

Jüngst, als unsere Mädchen, zur Fastnacht beide verkleidet,
Im Halbdunkel sich scheu erst an der Türe gezeigt,
Dann sich die Blonde als Schäferin dir, mir aber die kleine
Mohrin mit Lachen zumal warf in den offenen Arm,
Und du, Liebste, von fern mein Gefühl nicht ahnend, ins Ohr mir
(Der ich verblüfft dasaß) flüstertest »lobe sie doch« -
                                                     -:
O wie gedacht ich der Zeit, da diese nicht waren, und wir uns
Beide noch fremd, ja du selber noch hießest ein Kind.
Einst und jetzt im Wechsel - ein fliegender Blitz der Gedanken
Machte mich stumm, und hoch wallte vor Freuden mein Herz.
 

                                    Hermippus

            An Karl Wolff, Rektor des Katharinenstifts

                                  Stuttgart 1860

Seltsames wird von Hermippus, dem römischen Weisen, dem Pfleger
    Weiblicher Jugend, erzählt, Glaubliches doch, wie mir deucht.
Hundertundfünfzehn Jahre, so liest man, vom stärkenden Anhauch
    Kindlicher Lippen genährt, lebte der treffliche Greis.
Dort in geschlossener Halle, die er zur Schule den Mädchen
    Selber gegründet, auch wohl öfter im Gärtchen am Haus
Sah man ihn Tag für Tag, vom Morgen zum Abende tätig,
    Bei dem bescheidenen Brot seiner Minerva vergnügt.
Rundum zu Füßen ihm saß, in pergamentenen Rollen
    Lesend ein Teil, ein Teil still mit dem Griffel bemüht.
Aber der kleineren eins hielt er in holder Umarmung
    Allzeit selbst auf dem Schloß (immer das ärmste zuerst).
Goldene Sprüche der Alten und liebliche Rhythmen der Dichter,
    Die es gelernt, hört' er, leis ihm der Reihe nach ab.
Und vom Munde des Mädchens den Hauch, wie Frühlingsatem
    Herzerfrischend, empfing er in die welkende Brust.
Also fristet' Asklepios ihm die gesegneten Tage.
    Aber der Parze zuletzt weicht auch der Himmlischen Rat.
-- Als er nun tot im Portikus saß in dem steinernen Sessel,
    Noch vom Mantel, den er gestern getragen, umhüllt,
Kamen aus jedem Quartiere der Stadt unmündige Kinder,
    Jungfraun, Mütter, in Eil, edle Matronen, herbei,
Ihren Hermippus noch einmal zu sehn, den Geweihtender Götter,
    Kamen und standen von fern, sonder Entsetzen, um ihn,
Ehrend so heiligen Schlaf mit Schweigen. Und einige kränzten
    Mit Hyazinthen sein Haupt, Veilchen auch deckten den Schoß
Lieblicher war nicht Homerus geschmückt von den Fingern der Musen,
    Milderes Have war keinem hinuntergefolgt.

Aber wozu dir dies, mein Lykos? - Bester, versteh mich:
     Lang ist die Kunst, und lang messe dein Leben der Gott!
 Zwar noch ist es nicht eben an dem gar, daß du der Künste
     Unseres Römers bedarfst, aber sie kommt dir, die Zeit,
 Laß mich's hoffen! - gewiß. Dann, wenn die Locke dir schneeweiß
     Hängt und der Bart, wer ist besser geborgen als du?
 Doch ich seh es im Geist, du wirst an Würden und Ehren
     Reich, vor den Neunzigen schon heiterer Ruhe dich freun.
 Still im eigenen Haus hast du, im eigenen Gärtlein
     Sitzend, ein blühendes, lernlustiges Häufchen zur Hand.
 Zwar längst nimmer den Enkel, doch Söhne und Töchter des Enkels
     Auf den Knien, trinkst du Fülle des Lebens in dich.
 

                    Bilder aus Bebenhausen

                          1. Kunst und Natur

Heute dein einsames Tal durchstreifend o trautestes Kloster
    Fand ich im Walde zunächst jenen verödeten Grund,
Dem du die mächtigen Quader verdankst und was dir zum Schmucke
    Deines gegliederten Turms alles der Meister verliehn.
Ganz ein Gebild des fühlenden Geistes verleugnest dudennoch
    Nimmer den Mutterschoß drüben am felsigen Hang.
Spielend ahmst du den schlanken Kristall und die rankende Pflanze
    Nach und so manches Getier, das in den Klüften sich birgt.

              2. Brunnen-Kapelle am Kreuzgang

Hier einst sah man die Scheiben gemalt, und Fenster an Fenster
    Strahlte der dämmernde Raum, welcher ein Brünnleinumschloß
Daß auf der tauenden Fläche die farbigen Lichter sich wiegten,
    Zauberisch, wenn du wie heut, herbstliche Sonne, geglänzt.
Jetzo schattest du nur gleichgültig das steinerne Schmuckwerk
    Ab am Boden, und längst füllt sich die Schale nicht mehr.
Aber du zeigst mir tröstlich im Garten ein blühendes Leben,
    Das dein wonniger Strahl locket aus Moder und Schutt.

                             3. Ebendaselbst

Eulenspiegel am Kreuzgang, was? der verrufne Geselle
    Als Gurtträger? Und wem hält er sein Spiegelchen vor?
Einem entrüsteten Mönch, der ganz umsonst sich ereifert;
    Immer nur lachet der Schalk, weist ihm die Eule und lacht.

                               4. Kapitelsaal

Wieder und wieder bestaun ich die Pracht der romanischen Halle,
    Herrliche Bogen, auf kurzstämmige Säulen gestellt.
Rauh von Korn ist der Stein, doch nahm er willig die Zierde
    Auch zu der Großheit auf, welche die Massen beseelt.
Nur ein düsteres Halblicht sendet der Tag durch die schmalen
    Fenster herein und streift dort ein vergessenes Grab.
Rudolph dem Stifter, und ihr, Mechthildis, der frommen, vergönnte
    Dankbar das Kloster, im Port seiner Geweihten zu ruhn.

                       5. Sommer-Refektorium

Sommerlich hell empfängt dich ein Saal; man glaubt sich in einem
    Dom; doch ein heiterer Geist spricht im Erhabnen dich an.
Ha, wie entzückt aufsteiget das Aug im Flug mit den schlanken
    Pfeilern! Der Palme vergleicht fast sich ihr luftiger Bau.
Denn vielstrahlig umher aus dem Büschel verlaufen die Rippen
    Oben und knüpfen, geschweift, jenes unendliche Netz,
Dessen Felder phantastisch mit grünenden Ranken der Maler
    Leicht ausfüllte; da lebt was nur im Walde sich nährt:
Frei in der Luft ein springender Eber, der Hirsch und das Eichhorn;
    Habicht und Kauz und Fasan schaukeln sich auf dem Gezweig.
- Wenn von der Jagd herkommend als Gast hier speiste der Pfalzgraf,
    Sah er beim Becher mit Lust über sich sein Paradies.

              6. Gang zwischen den Schlafzellen

Hundertfach wechseln die Formen des zierlich gemodelten Estrichs
    Auf dem Flur des Dorments, rötlich in Würfeln gebrannt:
Rebengewinde mit grüner Glasur und bläulichen Trauben
    Täubchen dabei, paarweis, rings in die Ecken verteilt;
Auch dein gotisches Blatt, Chelidonium, dessen lebendig
    Wucherndes Muster noch heut draußen die Pfeiler begrünt;
Auch, in heraldischer Zeichnung, erscheint vielfältig die Lilie,
    Blume der Jungfrau, weiß schimmernd auf rötlichem Grund.
Alles mit Sinn und Geschmack, zur Bewunderung! aber auch alles
    Fast in Trümmern, und nur seufzend verließ ich den Ort.

                7. Stimme aus dem Glockenturm

Ich von den Schwestern allein bin gut katholisch geblieben;
    Dies bezeugt euch mein Ton, hoff ich, mein goldener, noch.
Zwar ich klinge so mit, weil ich muß, sooft man uns läutet,
    Aber ich denke mein Teil, wißt es, im stillen dabei.

                             8. Am Kirnberg

Hinter dem Bandhaus7 lang hin dehnt sich die Wiese nach Mittag,
    Längs dem hügligen Saum dieser bewaldeten Höhn,
Bis querüber ein mächtiger Damm sich wirft wie mit grünem
    Sammet gedeckt: ehdem faßte das Becken den See,
Welcher die Schwelle noch netzte des Pförtleins dort in der Mauer,
    Wo am eisernen Ring spielte der wartende Kahn.
Sah ich doch jüngst in der Kirche das Heiligenbild mit dem Kloster
    Hinten im Grund: tiefblau spiegelt der Weiher es ab.
Und auf dem Schifflein fahren in Ruh zwei Zisterzienser
    Weiß die Gewänder und schwarz, Angel und Reuse zur Hand.
Als wie ein Schattenspiel, so hell von Farben, so kindlich
    Lachte die Landschaft mich gleich und die Gruppe mich an.

                           9. Aus dem Leben

Mädchen am Waschtrog, du blondhaariges, zeige die Arme
    Nicht und die Schultern so bloß unter dem Fenster desAbts!
Der zwar sieht dich zum Glück nicht mehr, doch dem artigen Forstmann
    Dort bei den Akten bereits störst du sein stilles Konzept.

                             10. Nachmittags

Drei Uhr schlägt es im Kloster. Wie klar durch die schwülige Stille
    Gleitet herüber zum Waldrande mit Beben der Schall,
Wo er lieblich zerfließt, in der Biene Gesumm sich mischend,
    Das mich Ruhenden hier unter den Tannen umgibt.

                                11. Verzicht

Bleistift nahmen wir mit und Zeichenpapier und das Reißbrett;
    Aber wie schön ist der Tag! und wir verdürben ihn so?
Beinah dächt ich, wir ließen es gar, wir schaun und genießen!
    Wenig verliert ihr, und nichts wahrlich verlieret die Kunst.
Hätt ich auch endlich mein Blatt vom Gasthaus an und der Kirche
    Bis zur Mühle herab fertiggekritzelt - was ist's?
Hinter den licht durchbrochenen Turm, wer malt mir dies süße,
    Schimmernde Blau, und wer rundum das warme Gebirg?
- Nein! Wo ich künftig auch sei, fürwahr mit geschlossenen Augen
    Seh ich dies Ganze vor mir, wie es kein Bildchen uns gibt.
 

                     »Lang, lang ist's her«

    An Auguste Stark, geb. Mährlen, zu ihrer Hochzeit

Es gibt ein altes Liebeslied, vom Norden kommt's,
Wie ferne Glockenlaute, oder wie am Strand
Eintönig sanfter Wellenschlag sich wiederholt,
Dem man so gern, vergangner Zeiten denkend lauscht;
Denn endlos, süßer Wehmut unersättigt, kehrt
Das immer gleiche Wort zurück: Lang, lang ist's her.
- Du kennst es wohl, und nie vielleicht so lieblich mehr
Als jenen Tag aus deinem Munde hören wir's.

Wie kommt es doch, daß mitten hier im lauten Schwarm
Entzückter Gäste, die dein Fest versammelt hat,
Mir insgeheim die schlichte Weise immerdar
Im Ohre flüsternd liegen muß: Lang, lang ist's her -?
- Nachdenklich auch und wie der Gegenwart entrückt
Auf Augenblicke seh ich deinen Vater dort,
Den Freund, mit dem ich jung gewesen und bei dem
Das Herz mir immer jung aufgeht, so alt es sei.
Was wir erstrebt, genossen beide und verschmerzt,
In tausend Bildern drängt sich's vor die Seele mir:
Des Scherzes Fülle, dicht am Ernst, und Lieb und Haß,
Bei vielem Irrtum vieles doch, das nicht getäuscht.
-- Ihm selber aber, wie muß ihm zu Sinne sein,
Die Tochter heut an eines edeln Mannes Hand
Zu sehn, dein liebes Haupt, o Kind, bekränzt von Ich,
Die lächelnd uns in deiner bräutlichen Gestalt
Der eignen Jugend Blüte wieder schauen läßt!

Nun wendet sich dein Lebensweg; du gehst von uns,
Fernhin, wo dir ein trauter Herd bereitet ist,
Und manches Auge sieht dir schwer von Tränen nach.
- Noch steht die Sonne dieses Tags am Himmel und
Noch heißt es Heute; wenn dies Heute Gestern heißt,
Wie anders liegt die Welt bereits vor deinem Blick!
- Und Jahr um Jahr vergeht gemach mit Eile so.
Ihr Inhalt ist zur Hälfte kaum des Menschen Wahl,
Die andre ruht in ewiger Mächte Liebesrat.
Wenn du an des Geliebten Seite künftighin
Des heutigen Fests Gedächtnis ohne uns begehst,
Wenn ihr in diesen gästereichen, heitern Saal
Euch einmal wieder ganz versetzt im Geist, und all
Die freundlichen Gesichter hier sich neu vor euch
Beleben zwischen Blumenschmuck und Gläserklang:
Dann laß zur stillen Abendstunde kerzenhell
Dein Zimmer sein und hell erleuchtet dein Klavier.
Sing ihm das alte Liedchen, das sich nie verlernt:
Lang, lang ist's her. - Was dir sein Kuß, sein Händedruck
Drauf sagen wird mit Schweigen - braucht's der Worte noch?
Daß unveraltet Liebe doch und Treue bleibt,
Was auch der Zeiten Wandel sonst hinnehmen mag.
 

                   Charis und Penia

   A:
Seht doch den Schläfer dort ins Gras gestreckt!
Es ist des Gauklers Sohn, der schöne Knabe,
Den gestern wir so lieblich tanzen sahn.
Für jetzt das seidne Jäckchen abgeworfen,
Den Schatten suchend vor der Mittagssonne,
Warf er sich in des Wirtes Garten, faul,
Hier unter den Syringenbusch.

   B:
Frei, losgebunden ruht ein jedes Glied;
Nur bei den Knöcheln schmiegen sich die Füße,
Das rote Paar der Stiefeln, umeinander,
Dem Blütenknopfe des Granatbaums gleich,
Der eben aufzubrechen willens ist;
Es scheinen seine Füße wie zum Tanz
In jedem Augenblicke sich zu öffnen.

   C:
Es ist, als atmen sie im Schlafe selbst
Den holden Geist des Tanzes! Ja gewiß,
Er träumt Musik zu hören.

   A:
Aber seht,
Wie rührend spricht aus diesen fremden Zügen
Jetzt ohne, reine Menschlichkeit sich aus!
Bajazzos rohe Stimme ist entfernt,
Die Peitsche, die zum Scherze, doch empfindlich
Den Kleinen traf, der sich zum Lachen zwang.

   B:
Ich weck ihn auf! und stürzt er auch im Traum
Von seinem Seil, er fällt ins weiche Gras.

   Knabe im Schlaf:
No! No! per Dio santo! Mein ist die Wurst,
Du Immeldonnerwetter!

   Die Freunde:
Ach so! Das war's!
Nun, das ist lustig!

   C:
Er erwacht und hebt
Den Kopf; verstört, beschämt schaut er uns an.

   B:
Komm, guter Junge, dort an unsern Tisch!
So recht - nur munter!
Magst du denn Wurst?

   Knabe:
Wurst? Si, cari Signori!
Gern das ik freß.

   A:
O Charis! o Penia!
Wie seid ihr einzig, wenn ihr euch umarmt!
 

          Zwei dichterischen Schwestern

                    von ihrem Oheim

Mit einer Randzeichnung, auf welcher an der Stelle
der Endsilben ein Band herunterlief, durch dessen ab-
wechselnde Farben das Reimschema angedeutet war

Heut lehr ich euch die Regel der Son -- .
Versucht gleich eins! Gewiß, es wird ge --,
Vier Reime hübsch mit vieren zu versch --,
Dann noch drei Paare, daß man vierzehn h -- .

Laßt demnach an der vielgeteilten K --
Als Glied in Glied so einen Schlußring sp --:
Das muß alsdann wie pures Gold erk--;
Gewisse Herrn zwar hängen Klett an K -- .

Ein solcher findet meine schönen N --
Bei diesem Muster. »Ah, Fräulein, Sie st --!«
»O nein, Herr Graf, hier gilt es Silben z -- .«

»Wirklich! Doch wenn die Lauren selber d --,
Was soll Petrarca?« Der mag Strümpfe str -- .
Eins wie das andre ist für schöne S -- .
 

     An Frau Pauline v. Phull-Rieppur auf Ober-Mönsheim

Nacht für Nacht, mit dem Zwölf-Uhr-Schlag, auf gespenstigem Rosse,
War der geharnischte Mann sonst vor dem Schlosse zu sehn;
Grollend dem fremden Geschlecht, das hier statt seiner gebietet,
Sucht' er die Brücke umsonst, welche zur Pforte geführt.
- Wunder! seitdem du waltest im Haus, erblickt man ihn nimmer.
Hätte dein liebliches Bild endlich den Alten versöhnt?
 

                                     An X und Y

Geistreich seid ihr, glänzend, wahrlich, daß ich euch bewundern müßte,
Wenn sich nur bei euch nicht jede Zeile selber geistreich wüßte!
 

                          An J. G. Fischer

Mit Übersendung einer alabasternen Blumenvase, als er zum Ehrenmitglied
und Meister des freien deutschen Hochstifts in Frankfurt a.M. ernannt wurde

Künftig, sooft man dem »Meister« den wohlerworbenen Lorbeer
Neu um die Schläfe, den zwiefältig gewundenen legt,
Oder im Lenz auch, wenn er die frühesten Rosen zum Opfer
Seinen Chariten weiht, denk er des Freundes dabei.
 

                   Auf die Nürtinger Schule

                       Herrn Rektor Köstlin

Einen Genius hast du der Welt in Schelling erzogen;
Dessen berühmest du dich, wackere Schule, mit Recht.
Hätte dir Schwaben nur mehr von solcherlei Samen zu senden,
Nicht am Gärtner fürwahr, daß er dir blühte, gebricht's.
 

          An Fräulein Luise v. Breitschwert

  Auf ein Bilderbuch mit Illustrationen zu dem Stuttgarter
  Hutzelmännlein, von ihr in Schwarz ausgeschnitten

O eine kleine Welt voll Leben! Kenn ich sie?
Den schwachen Umriß jener Träume, wie?
So konntest du ihn fassen, halten, schärfen?
- Sie müssen leibhaft sein! nun zweifl' ich selber nicht,
Da sie, bestrahlt von deinem Licht,
Entschiedne, holde Schatten werfen.

Freund Kerner legte sich, im Reiseschattensinn,
Ein Album an, da quetscht er Dintendolken drin,
Und zeichnet jeden Klecks nach seiner Phantasei
Mit wen'gem aus und freut sich wie ein Kind dabei:
Wird der nicht Augen machen, wenn er sieht,
Wie anders dir der Spaß geriet!

Doch ach, was biet ich nun der Künstlerin dagegen,
Wenn nicht etwa die Lau sich wird ins Mittel legen?
Der gute Curt möcht ich mit seinem Schatze sein:
Die Hälfte wenigstens, die goldne, wäre dein!
 

  An Frau Luise Walther, geb. v. Breitschwert

                 zu ihrem Hochzeitstage

Wie manchen Morgen, frisch und wohlgemut,
Im lichten Sommerkleid, Feldblumen auf dem Hut,
Trat sie bei uns, die edle Freundin, ein,
Und wie sie kam, da war es Sonnenschein!

Als ob sie weiter gar nicht wollte oder wüßte,
Nur daß sie jedermann zur Freude dasein müßte,
So lebte sie in klarer Gegenwart,
Neidlos bei andrer Glück, die Lachende, die Feine;
Doch heimlich sah ich's oft in ahnungsvollem Scheine
Hoch über dieses Scheitels Reine
Wie einen sel'gen Stern, der seiner Stunde harrt.

Nun ist's geschehn! und mit verklärtem Blicke
Von ihres Lebens Gipfel lächelt sie;
Es war geschehn, kaum weiß sie selber wie,
Denn jäh erfüllen sich die himmlischen Geschicke.
 

     Der Frau Generalin v. Varnbüler

        Vorsteherin des Katharinenstifts

Nach ihrer Rückkehr von der Kaltwasser-Heilanstalt zu
Herrenalb, bei Überreichung der Photographien sämtlicher
Pensionärinnen gesprochen von einer derselben

                    Stuttgart 1853

Das edle, das geliebte Angesicht
Nun wiedersehend, ach, wie fang ich's an,
In Worte würdig unseren Willkomm
Zu fassen, bei des Herzens Ungestüm?

Dieselbige, wie wir dich immer kannten,
Kamst du zurück, dein gütig Auge sagt's,
Der Liebe aber ist's, der Ehrfurcht eigen,
Daß sie, nach kurzem Fernesein, befangen,
Verwirrt vor ihrem Gegenstande steht,
Gleich als vor einem ungewohnten Gast,
Wenn uns sein stiller Blick mit Lächeln prüft.

Dieselbe, ja du bist es, teure Mutter!
Nur trägt dein Antlitz, o wie hell, die Spur
Der Heiligen, die dich berührt! Umsonst
Nicht fleht man ihr; sie wirft dem Wagenden
Aus eisiger Nacht die tauende Rose zu.

Wir waren oft bei dir, du glaubst es kaum,
Leibhaftig eben nicht; doch wenn du pflegtest
Im Tannenschatten auf das Moos gebettet,
Balsamische Luft zu atmen, zweimal täglich,
Elise dir zur Seite mit viel andern,
Da kamen wir, zu leichten Traumgestalten
Verkleinert, schlüpften durch die hohen
Äste Mit jenen runden Lichtern leis herab,
Die deines Kleides Saum und Hand und Schultern
Zudringlich küßten. Kanntest du sie nicht?
- Wenn nun die ganze Schar in einen Rahmen
Gefangen, eins am andern, dicht gedrängt,
Sich wieder zeigte - ob du sie wohl kennst?
 

               An Fräulein Elise v. Grävenitz

Aus Anlaß einer Maskerade, bei der sie in Gestalt einer Distel
er schien, zugleich mit ihr die Maske des verwandelten Zettel,
                  Webers, im Sommernachtstraum

     Der jungen Rose fiel es ein,
     Auf einem Blumen-Maskenballe
     In jener Feengartenhalle
     Bescheiden eine Distel zu sein.

     Getäuscht von der Metamorphose,
     Macht sich ein Herrchen gleich herbei
     Im grünen Frack und gelber Hose,
     Ein ganzer Esel, meiner Treu!
     Seht nur die wunderbaren Gesten,
     Wie ihm das Herz im Leibe lacht!
     Die Schöne denkt, den hab ich nun zum besten!
     Und hätte sich beinah zu grün gemacht.
     - Auf einmal stutzt er, schnüffelt in die Luft:
     Er wittert wahrlich Rosenduft.
     Gebt acht, nun schleicht er traurig sich beiseite,
     Für seinesgleichen ist das schlechte Weide.
     - Doch nein, er weilt entzückt, seht her!
     Der hat Verstand, trotz seiner langen Ohren!
     Und hat er morgen keinen mehr,
     Begreif ich's, wie er ihn verloren.
 

                         An Eduard Weigelin

              bisher Professor am Katharinenstift

              Bei seinem Austritt aus der Anstalt

Freund! dein heiterer Blick und deine gelassene Miene
Heißt uns die Klage des Abschieds sparen; doch tief in der Brust dir
Selber bewegt sich das männliche Herz. Wer möcht es ihm wehren?
Denn du verlässest das Haus, das dir wie dein eigenes lieb war,
Dem du die Blüte der Jahre geweiht im redlichen Tagwerk.
Aber glücklich genug, der still sich dessen bewußt ist!
Siehe, die Zeit kommt auch, da wir weggehn nacheinander,
Ungern jeder fürwahr, doch keiner mit besserem Ruhme,
Noch von treueren Wünschen der dankbaren Liebe begleitet.
 

         An Lottchen Krehl

 Zum Geburtstag im Anfang Mai's

Ich hätte wohl, dein Haar zu zieren,
Ein Kränzchen, auch ein klein Gedicht;
Wie aber? ich will gratulieren,
Und weiß den Tag des Festes nicht!

Wenn ich es gleichwohl nun probierte,
Ich meint es drum nicht minder treu:
Ist's nicht der erste, dritte, vierte,
So feir ich dir den ganzen Mai.

Doch ach, was ist vom Mai zu singen?
Hier ist's noch winterlich bestellt;
Komm, Lottchen, uns den Mai zu bringen,
Dann blühen Garten, Haus und Feld!
 

                Wanderlied

(Melodie aus Aubers »Stummen von Portici«)

Entflohn sind wir der Stadt Gedränge:
Wie anders leuchtet hier der Tag!
Wie klingt in unsre Lustgesänge
Lerchensang hier und Wachtelschlag!
Nun wandern wir und lassen gerne
Herrn Griesgram zu Haus;
Ein frischer Blick dringt in die Ferne
Nur immer hinaus!
Wir wandern bis der späte Abend taut,
Wir rasten bis der Morgen wieder graut.

Man lagert sich am Schattenquelle,
Wo erst das muntre Reh geruht;
Aus hohler Hand trinkt sich der helle
Kühle Trank wohl noch eins so gut,
Nun wandern wir usw.
 

  Zitronenfalter im April

Grausame Frühlingssonne,
Du weckst mich vor der Zeit,
Dem nur in Maienwonne
Die zarte Kost gedeiht!
Ist nicht ein liebes Mädchen hier,
Das auf der Rosenlippe mir
Ein Tröpfchen Honig beut,
So muß ich jämmerlich vergehn
Und wird der Mai mich nimmer sehn
In meinem gelben Kleid.
 

   Auf einem Kirchturm

Ein Glockentonmeer wallet
Zu Füßen uns und hallet
Weit über Stadt und Land.
So laut die Wellen schlagen,
Wir fühlen mit Behagen
Uns hoch zu Schiff getragen
Und blicken schwindelnd von dem Rand.
 

           Zum Neujahr

  Mit einem Taschenkalender

An tausend Wünsche, federleicht,
Wird sich kein Gott noch Engel kehren,
Ja, wenn es so viel Flüche wären,
Dem Teufel wären sie zu seicht.
Doch wenn ein Freund in Lieb und Treu
Dem andern den Kalender segnet,
So steht ein guter Geist dabei.
Du denkst an mich, was Liebes dir begegnet,
Ob dir's auch ohne das beschieden sei.
 

     An meinen Vetter

           Juni 1837

Lieber Vetter! Er ist eine
Von den freundlichen Naturen,
Die ich Sommerwesten nenne.
Denn sie haben wirklich etwas
Sonniges in ihrem Wesen.
Es sind weltliche Beamte,
Rechnungsräte, Revisoren,
Oder Kameralverwalter,
Auch wohl manchmal Herrn vom Handel,
Aber meist vom ältern Schlage,
Keinesweges Petitmaitres,
Haben manchmal hübsche Bäuche,
Und ihr Vaterland ist Schwaben.

Neulich auf der Reise traf ich
Auch mit einer Sommerweste
In der Post zu Besigheim
Eben zu Mittag zusammen.
Und wir speisten eine Suppe,
Darin rote Krebse schwammen,
Rindfleisch mit französ'schem Senfe,
Dazu liebliche Radieschen,
Dann Gemüse, und so weiter:
Schwatzten von der neusten Zeitung,
Und daß es an manchen Orten
Gestern stark gewittert habe.
Drüber zieht der wackre Herr ein
Silbern Büchslein aus der Tasche,
Sich die Zähne auszustochern;
Endlich stopft er sich zum schwarzen
Kaffee seine Meerschaumpfeife,
Dampft und diskurriert und schaut in-
mittelst einmal nach den Pferden.
Und ich sah ihm so von hinten
Nach und dachte: Ach, daß diese
Lieben, hellen Sommerwesten,
Die bequemen, angenehmen,
Endlich doch auch sterben müssen!


An denselben [An meinen Vetter]

als er sich leidenschaftlich mit Verfertigung
     von Sonnenuhren beschäftigte

                Mai 1840

Hör Er nur einmal, Herr Vetter,
Was mir diese Nacht geträumet!
Sonntag war es, nach Mittage,
Und ich sah vom Fenster Seines
Alten gelben Gartenhäuschens,
Wie die Bürgersleute ruhig
Vor der Stadt spazierengingen.
Und ich wandte mich und sah Ihn,
Der im Anfang nicht zugegen,
Ernsthaft vor dem Spiegel stehen,
In der Stellung eines Mannes,
Der sich zu balbieren trachtet.
Doch indem ich näher trete
Muß ich voll Erstaunen sehen,
Wie Er sich mit schwarzer Farbe
Auf Sein rundes Vollmondantlitz
Einen saubern Halbkreis malte;
Von der linken Schläfe abwärts,
Zwischen Mund und Kinn hindurch, und
So hinauf die rechte Backe.
Jetzo mit geübtem Pinsel
Zeichnet' Er entlang dem Zirkel
Schöngeformte römsche Ziffern,
Kunstgerecht, von eins bis zwölfe.
Und ich dachte: ach, mein lieber
Vetter ist ein Narr geworden! -
Denn Er sah mich an mit Augen,
Die mich nicht zu kennen schienen.
Überdem stellt' Er sich förmlich
An das Fenster in die Sonne,
Und der Schatten Seiner Nase
Sollte nun die Stunde weisen.
Ach, die Leute auf der Straße
Wollten fast sich Kröpfe lachen!

Was nun dieser Traum bedeute?
Ich will Ihn just nicht erschrecken:
Aber laß Er Sein verdammtes
Sonnenuhrenmachen bleiben!