Mörike

Seite 7

Inhalt

Biografie

 Der Petrefaktensammler

  An zwei Freundinnen

Einmal noch an eurer Seite,
Meinen Hammer im Geleite,
Jene Frickenhauser Pfade,
Links und rechts und krumm und grade,
An dem Bächlein hin zu scherzen,
Dies verlangte mich von Herzen.
Aber dann mit tausend Freuden
Gleich den Hügel auf zu weiden,
Drin die goldnen Ammoniten,
Lias-Terebratuliten,
Pentakrinen auch, die zarten,
Alle sich zusammenscharten, -
Den uns gar nicht ungelegen
Just ein warmer Sommerregen
Ausgefurcht und abgewaschen,
Denn so füllt man sich die Taschen.
Auf dem Boden Hand und Knie,
Kriecht man fort, o süße Müh!
Und dazwischen mit Entzücken
Nach der Alb hinaufzublicken,
Deren burggekrönte Wände
Unser sonnig Talgelände,
Rebengrün und Wald und Wiesen
Streng mit dunkeln Schatten schließen!
Welche liebliche Magie,
Uns im Rücken, übten sie!
Eben noch in Sonne glimmend
Und in leichtem Dufte schwimmend,
Sieht man schwarz empor sie steigen,
Wie die blaue Nacht am Tag!
Blau, wie nur ein Traum es zeigen,
Doch kein Maler tuschen mag.
Seht, sie scheinen nah zu rücken,
Immer näher, immer dichter,
Und die gelben Regenlichter
All in unser Tal zu drücken!
Wahrlich, Schönres sah ich nie.

Wenn man nur an solcher Stätte
Zeit genug zum Schauen hätte!
Wißt ihr was? genießt ihr beiden
Gründlich diese Herrlichkeiten,
Auch für mich genießet sie!
Denn mich fickt' es allerdinge,
Wenn das rein verlorenginge.
Doch, den Zweck nicht zu verlieren,
Will ich jetzt auf allen vieren
Nach besagten Terebrateln
Noch ein Stückchen weiterkratteln;
Das ist auch wohl Poesie.
 

                Auf ein Kind

das mir eine ausgerissene Haarlocke vorwies

Mein Kind, in welchem Krieg hast du
Die gelben Haare lassen müssen?
Ein Rosenzweig hat sie im Sprunge dir entrissen!
Du weißt es kaum und lachst dazu.
Gott gebe, daß in künftger Zeit
Nie kein Verlust, noch ander Leid
Dich bitterer im jungen Herzen
Als dieser leichte Raub mag schmerzen!
 

                        An Philomele

  Tonleiterähnlich steiget dein Klaggesang
  Vollschwellend auf, wie wenn man Bouteillen füllt:
      Es steigt und steigt im Hals der Flasche -
          Sieh, und das liebliche Naß schäumt über.

    O Sängerin, dir möcht ich ein Liedchen weihn,
  Voll Lieb und Sehnsucht! aber ich stocke schon;
      Ach, mein unselig Gleichnis regt mir
          Plötzlich den Durst und mein Gaumen lechzet.

    Verzeih! im Jägerschlößchen ist frisches Bier
       Und Kegelabend heut: ich versprach es halb
           Dem Oberamtsgerichtsverweser,
               Auch dem Notar und dem Oberförster.
 

                  An einen Liebenden

  Du klagst mir, Freund, daß immer die Mutter noch
  Des schönen Kindes gleich unerbittlich sei.
      Geduld! noch leben wir im Jänner,
          Aber nicht stets wird der Eiswind schnauben.

 Im Winkel, wo sich einsam des Daches Trauf
  In morscher Rinne sickernd vereiniget,
      Hängt mannsdick, zuckerkandelartig
          Schimmernd ein sechsfach verwachsnes Monstrum.

    Bald wehen laue Lüfte den Frühling her,
  Dein Gartenbeet vergoldet der Krokus schon;
      Eidechslein sonnen ihr smaragdnes
          Kleidchen am bröckelnden Felsen wieder.

    Grün wird das Wiesental, und der lichte Wald
     Vertieft in Schatten schon sich geheimnisvoll,
      Die wilde Taube gurrt, der Jäger
          Schmückt sich den Hut mit dem jungen Zweige.

Blieb dann von jenem eisigen Ungetüm
 Auch wohl die Spur noch? - Warte den Sommer ab.
     Im schlimmsten Fall, o Bester, denke,
         Daß noch des Wildes im Forste mehr lebt!
 

                          Auf einen Redner

Zwar acht Zolle nur mißt der virginische Frosch, doch s ward ihm
    Eine Stimme zuteil, schrecklich, wie Ochsengebrüll.
 

         Schul-Schmäcklein

Ei ja! es ist ein vortrefflicher Mann,
Wir lassen ihn billig ungerupft;
Aber seinen Versen merkt man an,
Daß der Verfasser Lateinisch kann
Und schnupft.


                            An-

Laß doch dein Dichten! hast ja Geld;
Tropf! brauch's, die Poesie lebendig zu betreiben!
Was gilt's, dich freut das Schönste in der Welt
Nur halb, vor lauter Angst, du müssest es beschreiben!
 

                             Auf den Arrius

                                Nach Catull

 Ordnunk sagte mein trefflicher Arrius, wenn sich's um Ordnung
     Handelte; Hefeu, wo Efeu ein anderer sagt.
 Und er glaubte dir schön ganz über die Maßen zu reden,
     Wenn er sein Hefeu so recht grundaus der Lunge geholt.
 Sicherlich hatten Mama, Oheim, Großmutter und - vater
      (Diese von Mutterseit) eben die Sprache beliebt.
 Wie er nach Syrien ging, da wünschten wir unseren Ohren
     Glück, und natürlich, wie sonst, hörte man jegliches Wort.
Ja wir glaubten uns los und ledig der Plage für immer,
    Als man, o Schreckenspost! plötzlich die Kunde vernahm:
Seit Herr Arrius über das Meer ging, gibt es in aller
    Welt kein Jonisches mehr, aber ein Hionisches.


  Lammwirts Klagelied

Da droben auf dem Markte
Spazier ich auf und ab,
Den ganzen lieben langen Tag,
Und schaue die Straße hinab.

Es steht ein Regenbogen
Wohl über jenem Haus,
Mein Schild ist eingezogen,
Ein andrer hangt heraus.

Heraus hangt über der Türe
Ein Hahn mit rotem Kamm;
Als ich die Wirtschaft führte,
Da war es ein goldenes Lamm.

Mein Schäflein wohl zu scheren,
Ich sparte keine Müh,
Ich bin heruntergekommen,
Und weiß doch selber nicht wie.

Nun läuft es mit Köchen und Kellnern
Im ganzen Hause so voll,
Ich weiß nicht, wem ich von allen
Zuerst den Hals brechen soll.

Da kommen drei Chaisen gefahren!
Der Hausknecht springt in die Höh.
Vorüber, ihr Rößlein, vorüber,
Dem Lammwirt ist gar so weh!
 

              Auftrag

In poetischer Epistel
Ruft ein desperater Wicht:
Lieber Vetter! Vetter Christel!
Warum schreibt Er aber nicht?

Weiß Er doch, es lassen Herzen,
Die die Liebe angeweht,
Ganz und gar nicht mit sich scherzen,
Und nun vollends ein Poet!

Denn ich bin von dem Gelichter,
Dem der Kopf beständig voll;
Bin ich auch nur halb ein Dichter,
Bin ich doch zur Hälfte toll.

Amor hat Ihn mir verpflichtet,
Seinen Lohn weiß Er voraus,
Und der Mund, der Ihm berichtet,
Geht dabei auch leer nicht aus.

Paß Er denn zur guten Stunde,
Wenn Sein Schatz durchs Lädchen schaut,
Lock ihr jedes Wort vom Munde,
Das mein Schätzchen ihr vertraut.

Schreib Er mir dann von dem Mädchen
Ein halb Dutzend Bogen voll,
Und daneben ein Traktätchen,
Wie ich mich verhalten soll.
 

            Der Tambour

Wenn meine Mutter hexen könnt
Da müßt sie mit dem Regiment,
Nach Frankreich, überall mit hin,
Und wär die Marketenderin.
Im Lager, wohl um Mitternacht,
Wenn niemand auf ist als die Wacht,
Und alles schnarchet, Roß und Mann,
Vor meiner Trommel säß ich dann:
Die Trommel müßt eine Schüssel sein,
Ein warmes Sauerkraut darein,
Die Schlegel Messer und Gabel,
Eine lange Wurst mein Sabel,
Mein Tschako wär ein Humpen gut,
Den füll ich mit Burgunderblut.
Und weil es mir an Lichte fehlt,
Da scheint der Mond in mein Gezelt;
Scheint er auch auf franzö'sch herein,
Mir fällt doch meine Liebste ein:
Ach weh! Jetzt hat der Spaß ein End!
- Wenn nur meine Mutter hexen könnt!
 

                                 Vogellied

                                        

 Mit einem leeren Vogelnest, welches dem Distelfinken meiner
 Schwester zum Scherz in den Käfig gelegt wurde

             Es ist zwar sonsten nicht der Brauch,
                 Daß man 's Nestchen baut,
             Bevor man erst ein Weiblein auch
                 Sich angetraut:
                     Zirri Zirrli!
           Erst ein Schätzchen,
           Dann ein Plätzchen,
               Zirri!
           Am Birnbaum oder am Haselstrauch.

                      Allein ich dacht, du baust einmal
               Auf gut Glück.
           Schaden kann es auf keinen Fall;
               Zirrwick Zirrliwick!
           Gefällt's Ihr nicht, meine Jungfer Braut,
           Es ist gleich wieder umgebaut.
 

              Mausfallen-Sprüchlein

Das Kind geht dreimal um die Falle und spricht:

Kleine Gäste, kleines Haus.
Liebe Mäusin, oder Maus,
Stell dich nur kecklich ein
Heut nacht bei Mondenschein!
Mach aber die Tür fein hinter dir zu,
Hörst du?
Dabei hüte dein Schwänzchen!
Nach Tische singen wir
Nach Tische springen wir
Und machen ein Tänzchen:
Witt witt!
Meine alte Katze tanzt wahrscheinlich mit.


              Unser Fritz

Unser Fritz richt't seinen Schlag,
Wollt ein Meislein fangen,
Doch weil ihm denselben Tag
Keines drein gegangen,
Wird dem Fritz zu lang die Zeit,
Denkt, ich hab umsonst gestreut,
Will ja keine kommen.

Nach acht Tagen fällt ihm ein,
Im Garten zu spazieren:
Es ist schöner Sonnenschein,
Man kann nicht erfrieren;
Und am alten Apfelbaum
Kommt's ihm plötzlich wie im Traum:
Ob der Schlag gefallen?

»Ja! es sitzt ein Vogel drin!
Aber, weh! o wehe!
Das ist trauriger Gewinn:
Tot, soviel ich sehe!
Aber was kann ich dafür?
Sicher hat das dumme Tier
Sich zu Tod gefressen!«

So tröst't sich dein Mörder wohl,
Der dich hungern lassen,
Aber ich vor Leid und
Groll Weiß mich nicht zu fassen!
Hast alle Körnlein aufgepickt,
Hast dann vergebens umgeblickt,
Wo noch ein Bröslein wäre!

Ihr andern Vöglein allesamt,
Wohl unterm blauen Himmel,
Ihr habt mit Wehgesang verdammt
Den Vogelstellerlümmel.
Ach, eines starb so balde, bald!
Eben da in Feld und Wald
Der Frühling wollte kommen.
 

                            Häusliche Szene

  Schlafzimmer. Präzeptor Ziborius und seine junge
                 Frau. Das Licht ist gelöscht.

»Schläfst du schon, Rike?« - »Noch nicht.« - »Sag, hast du denn heut die Kukumern
    Eingemacht?« - »Ja.« - »Und wieviel nahmst du mir Essig dazu?«-
»Nicht zwei völlige Maß.« - »Wie? fast zwei Maß? Und von welchem
    Krug? von dem kleinern doch nicht, links vor dem Fenster am Hof?«
»Freilich.« - »Verwünscht! So darf ich die Probe nunnoch einmal machen,
    Eben indem ich gehofft schon das Ergebnis zu sehn!
Konntest du mich nicht fragen?« - »Du warst in der Schule.« - »Nicht warten?« -
    »Lieber, zu lange bereits lagen die Gurken mir da.«
»Unlängst sagt ich dir: nimm von Numero 7 zum Hausbrauch -«
    »Ach wer behielte denn stets alle die Zahlen im Kopf!«-
»Sieben behält sich doch wohl! nichts leichter behalten als sieben!
    Groß, mit arabischer Schrift, hält es der Zettel dir vor.« -
»Aber du wechselst den Ort nach der Sonne von Fenster zu Fenster
    Täglich, die Küche pressiert oft und ich suche mich blind.
Bester! dein Essiggebräu, fast will es mich endlich verdrießen.
    Ruhig, obgleich mit Not, trug ich so manches bis jetzt.
Daß du im Waschhaus dich einrichtetest, wo es an Raum fehlt,
    Destillierest und brennst, schien mir das Äußerste schon.
Nicht gern sah ich vom Stockbrett erst durch Kolben und Krüge
    Meine Reseden verdrängt, Rosen und Sommerlevkoin,
Aber nun stehen ums Haus her rings vor jeglichem Fenster,
    Halb gekleidet in Stroh, gläserne Bäuche gereiht;
Mir auf dem Herd stehn viere zum Hindernis, selber im Rauchfang
    Hängt so ein Untier jetzt, wieder ein neuer Versuch!
Lächerlich machen wir uns - nimm mir's nicht übel!« - »Was sagst du?
    Lächerlich?« - »Hättest du nur heut die Dekanin gehört.
Und in jeglichem Wort ihn selber vernahm ich den Spötter;
    Boshaft ist er, dazu Schwager zum Pädagogarch.« -
»Nun?« - »Einer Festung verglich sie das Haus des Präzeptors, ein Bollwerk
    Hieß mein Erker, es sei alles bespricht mit Geschütz!« -
»Schnödes Gerede, der lautere Neid! Ich hoffe mein Stecken-
    Pferd zu behaupten, so gut als ihr Gemahl, der Dekan.
Freut's ihn, Kanarienvögel und Einwerfkäfige dutzend -
    Weise zu haben, mich freut's, tüchtigen Essig zu ziehn.« -
Pause. Er scheint nachdenklich. Sie spricht für sich:

»Wahrlich, er dauert mich schon; ihn ängstet ein wenig die Drohung
    Mit dem Studienrat, dem er schon lange nicht traut.«-

                               Er fährt fort:

»Als Präzeptor tat ich von je meine Pflicht; ein geschätzter
    Gradus neuerlich gibt einiges Zeugnis davon.
Was ich auf materiellem Gebiet, in müßigen Stunden,
    Manchem Gewerbe, dem Staat, denke zu leisten dereinst,
Ob ich meiner Familie nicht ansehnlichen Vorteil
    Sichere noch mit der Zeit, dessen geschweig ich vorerst:
Aber - den will ich sehn, der einem geschundenen Schulmann
    Ein Vergnügen wie das, Essig zu machen, verbeut!
Der von Allotrien spricht, von Lächerlichkeiten - er sei nun
    Oberinspektor, er sei Rektor und Pädagogarch!
Greife nur einer mich an, ich will ihm dienen! Gewappnet
    Findet ihr mich! Dreifach liegt mir das Erz um die Brust!
- Rike, du lachst! ... du verbirgst es umsonst! ich fühle die Stöße...
    Nun, was wandelt dich an? Närrst du mich, törichtes Weib?« -
»Lieber, närrischer, goldener Mann! wer bliebe hier ernsthaft?
    Nein, dies Feuer hätt ich nimmer im Essig gesucht!« -
»Gnug mit den Possen! Ich sage dir, mir ist die Sache nicht spaßhaft.« -
    »Ruhig! Unseren Streit, Alter, vergleichen wir schon.
Gar nicht fällt es mir ein, dir die einzige Freude zu rauben;
    Zu viel hänget daran, und ich verstehe dich ganz.
Siehst du von deinem Katheder im Schulhaus so durch das Fenster
    Über das Höfchen den Schatz deiner Gefäße dir an,
Alle vom Mittagsstrahl der herrlichen Sonne beschienen,
    Die dir den gärenden Wein heimlich zu zeitigen glüht,
Nun, es erquicket dir Herz und Aug in sparsamen Pausen,
    Wie das bunteste Brett meiner Levkoin es nicht tat;
Und ein Pfeifchen Tabak in diesem gemütlichen Anblick
    Nimmt dir des Amtes Verdruß reiner als alles hinweg;
Ja seitdem du schon selbst mit eigenem Essig die rote
    Dinte dir kochst, die sonst manchen Dreibätzner verschlang,
Ist dir, mein ich, der Wust der Exerzitienhefte
    Minder verhaßt; dich labt still der bekannte Geruch.
Dies, wie mißgönnt ich es dir? Nur gehst du ein bißchen ins Weite .
    Alles - so heißt dein Spruch - habe sein Maß und sein Ziel.« -
»Laß mich! Wenn mein Produkt dich einst zur vermöglichen Frau macht -«
    »Bester, das sagtest du just auch bei der Seidenkultur.« -
»Kann ich dafür, daß das Futter mißriet, daß die Tiere krepierten? «-
    »Seine Gefahr hat auch sicher das neue Geschäft.« -
»Namen und Ehre des Manns, die bringst du wohl gar nicht in Anschlag?« --
    »Ehre genug blieb uns, ehe wir Essig gebraut.«-
»Korrespondierendes Mitglied heiß ich dreier Vereine.«-
    »Nähme nur einer im Jahr etliche Krüge dir ab!«-
»Dir fehlt jeder Begriff von rationellem Bestreben.«-
    »Seit du ihn hast, fehlt dir abends ein guter Salat.«
»Undank! mein Fabrikat durch sämtliche Sorten ist trefflich.« -
    »Numero 7 und 9 kenn ich, und - lobe sie nicht.«-
»Heut, wie ich merke, gefällst du dir sehr, mir in Versen zu trumpfen.« -
    »Waren es Verse denn nicht, was du gesprochen bisher?« -
»Eine Schwäche des Mannes vom Fach, darfst du sie mißbrauchen?«-
    »Unwillkürlich, wie du, red ich elegisches Maß.« -
»Mühsam übt ich dir's ein, harmlose Gespräche zu würzen.« -
    »Freilich im bitteren Ernst nimmt es sich wunderlich aus.« -
»Also verbitt ich es jetzt; sprich wie dir der Schnabel gewachsen.« -
    »Gut; laß sehen, wie sich Prose mit Distichen mischt.« -
»Unsinn! Brechen wir ab. Mit Weibern sich streiten ist fruchtlos.« -
    »Fruchtlos nenn ich, im Schlot Essig bereiten, mein Schatz.«-
»Daß noch zum Schlusse mir dein Pentameter tritt auf die Ferse!« -
    »Dein Hexameter zieht unwiderstehlich ihn nach.« -
»Ei, dir scheint er bequem, nur das Wort noch, das letzte zu haben:
    Hab's! Ich schwöre, von mir hast du das letzte gehört.« -
»Meinetwegen; so mag ein Hexameter einmal allein stehn.« -

Pause. Der Mann wird unruhig, es peinigt ihn offen-
bar, das Distichon nicht geschlossen zu hören oder
  es nicht selber schließen zu dürfen. Nach einiger
 Zeit kommt ihm die Frau mit Lachen zu Hülfe und sagt:

    »Alter! ich tat dir zuviel; wirklich, dein Essig passiert;«
»Wenn er dir künftig noch besser gerät, wohlan, so ist einzig
    Dein das Verdienst, denn du hast, wahrlich kein zänkisches Weib!« -
   Er, gleichfalls herzlich lachend und sie küssend:

  »Rike! morgenden Tags räum ich dir die vorderen Fenster
      Sämtlich! und im Kamin prangen die Schinken allein!«
 

Der Liebhaber an die heiße Quelle zu B.

Du heilest den und tröstest jenen,
O Quell, so hör auch meinen Schmerz!
Ich klage dir mit bittern Tränen
Ein hartes, kaltes Mädchenherz.

Es zu erweichen, zu durchglühen,
Dir ist es eine leichte Pflicht;
Man kann ja Hühner in dir brühen,
Warum ein junges Gänschen nicht?
 

       Bei einer Trauung

Vor lauter hochadligen Zeugen
Copuliert man ihrer zwei;
Die Orgel hängt voll Geigen,
Der Himmel nicht, mein Treu!
Seht doch, sie weint ja greulich,
Er macht ein Gesicht abscheulich!
Denn leider freilich, freilich
Keine Lieb ist nicht dabei.
 

        Zwei Brüdern ins Album

                        1

Kastor und Pollux heißen ein Paar Ammoniten (der Vater
    Kann sie dir zeigen im Schrank); füglich vergleich ich sie euch,
Emil und Theodor. Denn brüderlich sieht man die schönen
    Immer gesellt. Freut euch! heute noch habt ihr euch so.

                         2

Fällt dir vielleicht in späten Tagen
Wieder ein, dies Stammbuch aufzuschlagen,
Und schaust dann auch dies Blättlein an,
Mit einem lieben Freund etwan,
Da sagst du von mir wohl dies und jenes,
Nicht allzu Schlimmes, noch allzu Schönes:
Er war im ganzen ein guter Mann,
Und uns besonders zugetan.
Ich hoffe denn auch insofern,
Er sitzt in einem guten Stern.
Meine Mutter schickt' ihm einmal durch mich
Einen Gänsebraten säuberlich
Mit einem feinen Salat ins Haus,
Das schmeckte ihm ganz überaus.
Er meinte, das Gänsestopfen hienieden
Sei drum nicht absolut zu verbieten,
Es sei halt für ein Prälatenessen -
Kurz, rühmte den Imbiß ungemessen.
Deswegen ich gern glauben mag,
Es habe sein Herz bis diesen Tag
Weder den Braten, noch mich vergessen.
 

             Die Visite

Philister kommen angezogen:
Man sucht im Garten mich und Haus;
Doch war der Vogel ausgeflogen,
Zu dem geliebten Wald hinaus.
Sie kommen, mich auch da zu stören:
Es ruft, und ruft im Widerhall -
Gleich laß ich mich als Kuckuck hören,
Bin nirgends und bin überall.

So führt ich sie, nur wie im Traume,
Als Puck im ganzen Wald herum;
Ich pfiff und sang von jedem Baume,
Sie sahn sich fast die Hälse krumm.
Nun schalten sie: Verfluchte Possen!
Der Sonderling! der Grobian!
Da komm ich grunzend angeschossen,
Ein Eber, mit gefletschtem Zahn.

Mit Schrein, als wenn der Boden brennte,
Zerstob ein Teil im wilden Lauf,
Die andern kletterten behende
Den nächsten besten Baum hinauf;
Sie krochen weislich bis zum Gipfel,
Und sahen nicht einmal zurück,
Doch ich als Eichhorn saß im Wipfel,
Ich grüße sie und wünsche Glück.

»Ei, welch ein allerliebstes Späßchen!
Gott grüß Sie, schöne Fraun und Herrn!
Sie kommen, hoff ich, auf ein Täßchen
Eichelkaffee? Von Herzen gern!«
- Allein sie fanden's nicht gemütlich
In dieser ungewohnten Höh.
So schieden wir für heute gütlich;
Doch wehe meiner Renommee!
 

    Auf ein Ei geschrieben

Ostern ist zwar schon vorbei,
Also dies kein Osterei;
Doch wer sagt, es sei kein Segen,
Wenn im Mai die Hasen legen?
Aus der Pfanne, aus dem Schmalz
Schmeckt ein Eilein jedenfalls,
Und kurzum, mich tät's gaudieren,
Dir dies Ei zu präsentieren,
Und zugleich tät es mich kitzeln,
Dir ein Rätsel drauf zu kritzeln.

Die Sophisten und die Pfaffen
Stritten sich mit viel Geschrei:
Was hat Gott zuerst erschaffen,
Wohl die Henne? wohl das Ei?

Wäre das so schwer zu lösen?
Erstlich ward ein Ei erdacht:
Doch weil noch kein Huhn gewesen,
Schatz, so hat's der Has gebracht.
 

      Gute Lehre

In unsers Pfarrers Garten,
Es fällt ein warmes Regelein,
Wie duften da die Blumen,
Die Apfelblüt so fein!

Im Häuselein da drüben
Ein Bauer vespert wohlgemut,
Hat's Fensterlein halb offen,
Das Lüftlein tät ihm gut.

Ei, spricht er bei sich selbsten,
Ein Sonntagssträußchen hätt ich gern,
Auf morgen in die Predigt,
Tulipanen oder Stern.

Ein Vöglein hat's vernommen,
Das denkt; dir soll geholfen sein:
Tät gleich ein Blümlein holen,
Und bringt's im Schnäbelein.

Ei, lachte da mein Peter!
Hat flugs sein Fenster zugemacht,
Hat's Vögelein gefangen
Und in den Käfig bracht.

Ach, muß das Vöglein trauern!
Und war auch von der Stunde krank.
Sind wüste Kerl die Bauern,
Die geben Stank für Dank!
 

              Selbstgeständnis

Ich bin meiner Mutter einzig Kind,
Und weil die andern ausblieben sind,
Was weiß ich wieviel, die sechs oder sieben,
Ist eben alles an mir hängen blieben;
Ich hab müssen die Liebe, die Treue, die Güte
Für ein ganz halb Dutzend allein aufessen,
Ich will's mein Lebtag nicht vergessen.
Es hätte mir aber noch wohl mögen frommen,
Hätt ich nur auch Schläg für sechse bekommen.
 

                 Restauration

nach Durchlesung eines Manuskripts mit Gedichten

Das süße Zeug ohne Saft und Kraft!
Es hat mir all mein Gedärm erschlafft.
Es roch, ich will des Henkers sein,
Wie lauter welke Rosen und Kamilleblümlein.
Mir ward ganz übel, mauserig, dumm,
Ich sah mich schnell nach was Tüchtigem um,
Lief in den Garten hinterm Haus,
Zog einen herzhaften Rettich aus,
Fraß ihn auch auf bis auf den Schwanz,
Da war ich wieder frisch und genesen ganz.
 

                   Zur Warnung

   Einmal nach einer lustigen Nacht
   War ich am Morgen seltsam aufgewacht:
   Durst, Wasserscheu, ungleich Geblüt;
   Dabei gerührt und weichlich im Gemüt,
   Beinah poetisch, ja, ich bat die Muse um ein Lied.
   Sie, mit verstelltem Pathos, spottet' mein,
   Gab mir den schnöden Bafel ein:
             »Es schlagt eine Nachtigall
             Am Wasserfall;
             Und ein Vogel ebenfalls,
             Der schreibt sich Wendehals,
             Johann Jakob Wendehals;
             Der tut tanzen
             Bei den Pflanzen
             Obbemeldten Wasserfalls -«
 So ging es fort; mir wurde immer bänger.
 Jetzt sprang ich auf: zum Wein! Der war denn auch mein Retter.
 - Merkt's euch, ihr tränenreichen Sänger,
 Im Katzenjammer ruft man keine Götter!


                             Alles mit Maß

Mancherlei sind es der Gaben, die gütige Götter den Menschen
Zum Genusse verliehn, sowie für die tägliche Notdurft.
Aber vor jeglichem Ding begehr ich gebratenen Schweinsfuß.
Meine Frau Wirtin, die merkt's, nun hab ich alle Tag Schweinsfüß.
Öfters im Geist ahnt mir: jetzt ist kein einziger Schweinsfuß
Mehr in der Stadt zu erspähn: was hab ich am Abende? Schweinsfüß!
Spräche der König nun gleich zum Hofkoch: Schaffe mir Schweinsfüß!
Gnade der Himmel dem Mann, denn nirgend mehr wandelt ein Schweinsfuß .
Und ich sagte zur Wirtin zuletzt: »Nun laßt mir die Schweinsfüß!
Denn er schmeckt mir nicht mehr wie sonst, der bräunliche Schweinsfuß.«
Aber sie denkt, aus Zartgefühl nur verbät ich die Schweinsfüß,
Lächelnd bringet sie mir auch heute gebratenen Schweinsfuß -
Ei so hole der Teufel auf ewig die höllischen Schweinsfüß!
 

                                 [Scherz]

Nächtlich erschien mir im Traum mein alter hebräischer Lehrer,
    Nicht in Menschengestalt, sondern - o schreckliches Bild!
Als ein Kamez geformt (wenn es nicht ein Komez Chatuf war:
    Sah ich doch wahrlich so recht niemals den Unterschied ein;
Doch dies stell ich dahin). Ein grammatikalisches Scheusal
    Trat er zur Türe herein, mich zu ermorden gewillt.
»Halt!« - so rief ich: »erbarme dich mein! in Dettingers10Namen!« -
    Siehe, da ließ er mich los, und ich erwachte zugleich.
Aber noch lang fort kämpfte die Brust mit fliegendem Atem,
    Und von der Stirne mir troff examinalisches Naß.
 

            Bei Gelegenheit eines Kinderspielzeugs

                                vorstellend:

                   Hanswurst an der Sandmühle

 

         Hanswurst:

    Schauen's gefälligst, meine Lieben,
    Ein hübsch Geschäft wird hier betrieben.
    Geht wohl einem Müller im ganzen Land
    Sein Metier so lustig aus der Hand?
    Zwar das bekenn ich frank und frei,
    Besonderer Segen ist nicht dabei:
    Sand gießt man ein, Sand kommt heraus,
    Man dächte fast, hier wär ein Narr zu Haus.
    Sobald ich übrigens insoweit fertig bin,
    Hab ich etwas wirklich Gemeinnütziges im Sinn.
         Ein Bürger:
    Was denn, Hans?

             Hanswurst:
    Ein neues Augenpulver.

             Zweiter Bürger:
    Aus Streusand, Kerl? o weh!

             Hanswurst:
    Ein herrliches Volksmittel.

             Erster Bürger:
    Ich versteh,
    Spitzbub! Schlagt ihm den Schädel ein!

             Hanswurst:
    Ihr Herrn, da muß ein Irrtum sein.

             Beide Bürger:
    Hundsfott! dich hat die Regierung im Sold!

             Hanswurst:
    Ich will des Teufels sein, ich weiß nicht, was ihr wollt.
    Hülfe! zu Hülfe!

       Andere:
  Was gibt's?

         Erster und Zweiter:
  Da! Sand will man uns in die Augen streun!
  Der Polignac steckt dahinter!

         Andere:
   Seid gescheit,
  Der Narr hielt euch zum besten, gute Leut!
  Ihr kennt ihn ja, es ist der Alte.

              Hanswurst:
  Gleich beißen und kratzen! Gott verdamm's!
  Hab doch alle Farben an Hosen und Wams
  Zum Zeichen, daß ich's mit keiner halte!
       Wenn ich meinen Purzelbaum machen kann,
  Was ficht die Politik mich an?

         Ein Bürger:
  Ich glaub's ihm gern; der Sand ist nur so nebenher.

         Hanswurst:
  Mein Seel! treibt ihr mein Rad, ich mahl euch lotterleer!

         Erster Bürger:
 Der Tagdieb!

     Hanswurst:
  Was, du Schuft?
  Gott der Herr schlägt am lustigen Sommertage
  Seinen bunten Reifen in die Luft,
  Was guckst du scheel, wenn ich den meinen schlage?
  Der eine nutzt so wenig wie der ander,
  Aber Kinder und Narren sehen's gern.
  Ich bin nicht Bonapart und bin nicht Alexander,
  Und hab doch meinen Sparrn so gut wie diese Herrn.
  - Was führt ihr überhaupt so einen hohen Ton
  Und schämt euch schier, nur noch zu lachen?
  Ich sah, beim Blitz, die ganze Nation
  Schon viel possierlichere Sprünge machen!

  Aus jetzt - wem sein Kopf lieb ist!


               Grabschrift des Pietro Aretino

                       Nach dem Italienischen

Böses nur sagte der Schelm von jedermann, außer von Gott nicht.
Aber wieso? Er sprach: »Selbigen kenne ich nicht.«
 

                  Auf die Prosa eines Beamten

A:
Welch ein Gedankendrang in den Perioden! ein wahrer
Stilus infarctus, von dem Quintilian nichts gewußt!

B:
Ganz wurstartig, auf Ehre! Die Schrift ist ein einzig farcimen,
Und der Zipfel, er guckt hinten und vorne heraus.
 

              Pastoralerfahrung

Meine guten Bauern freuen mich sehr;
Eine »scharfe Predigt« ist ihr Begehr.
Und wenn man mir es nicht verdenkt,
Sag ich, wie das zusammenhängt.
Sonnabend, wohl nach elfe spat,
Im Garten stehlen sie mir den Salat;
In der Morgenkirch mit guter Ruh
Erwarten sie den Essig dazu;
Der Predigt Schluß fein linde sei:
Sie wollen gern auch Öl dabei.
 

            Hülfe in der Not

Ein rechter Freund erscheint uns in der Not
Zu rechter Zeit und sicher wie der Tod.
Doch offen, Bester, sag ich dir,
Du hast eine ganz verwünschte Manier!
Du trocknest mir den Jammerschweiß,
Und machst mir doch die Hölle heiß,
Du bringst das ganze Jüngste Gericht
Mit dir - bei Gott, so meint ich's nicht!
 

                   Herr Dr. B. und der Dichter

»Recht hübsche Poesie; nein, ohne Schmeichelei!
Aber eins vermiß ich an Ihren Sachen.«
»Nämlich?« - »Eine Tendenz.« - »Tendenz! Ei, meiner Treu!« -
»Die kriegen Sie sich ja, mein Bester!« - »Bleib's dabei!
Will mir gleich einen Knopf an mein Sacktuch machen!«
 

                                  Auskunft

Närrische Tadler und Lober auf beiden Seiten! Doch darum
Hat mir mein Schöpfer den Kopf zwischen die Ohren gesetzt.


                         Abschied

Unangeklopft ein Herr tritt abends bei mir ein:
»Ich habe die Ehr, Ihr Rezensent zu sein.«
Sofort nimmt er das Licht in die Hand,
Besieht lang meinen Schatten an der Wand,
Rückt nah und fern: »Nun, lieber junger Mann,
Sehn Sie doch gefälligst mal Ihre Nas so von der Seite an!
Sie geben zu, daß das ein Auswuchs is.«
- Das? Alle Wetter - gewiß!
Ei Hasen! ich dachte nicht,
All mein Lebtage nicht,
Daß ich so eine Weltsnase führt im Gesicht!!

Der Mann sprach noch Verschiednes hin und her,
Ich weiß, auf meine Ehre, nicht mehr;
Meinte vielleicht, ich sollt ihm beichten.
Zuletzt stand er auf; ich tat ihm leuchten.
Wie wir nun an der Treppe sind,
Da geb ich ihm, ganz froh gesinnt,
Einen kleinen Tritt,
Nur so von hinten aufs Gesäße, mit -
Alle Hagel! ward das ein Gerumpel,
Ein Gepurzel, ein Gehumpel!
Dergleichen hab ich nie gesehn,
All mein Lebtage nicht gesehn
Einen Menschen so rasch die Trepp hinabgehn!