Müller

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Biografie

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          Wasserfluth

Manche Thrän' aus meinen Augen
Ist gefallen in den Schnee;
Seine kalten Flocken saugen
Durstig ein das heiße Weh.

Wann die Gräser sprossen wollen,
Weht daher ein lauer Wind,
Und das Eis zerspringt in Schollen,
Und der weiche Schnee zerrinnt.

Schnee, du weißt von meinem Sehnen:
Sag' mir, wohin geht dein Lauf?
Folge nach nur meinen Thränen,
Nimmt dich bald das Bächlein auf.

Wirst mit ihm die Stadt durchziehen,
Muntre Straßen ein und aus:
Fühlst du meine Thränen glühen,
Da ist meiner Liebsten Haus.


     Auf dem Flusse

Der du so lustig rauschtest,
Du heller, wilder Fluß,
Wie still bist du geworden,
Siehst keinen Scheidegruß.

Mit harter, starrer Rinde
Hast du dich überdeckt,
Liegst kalt und unbeweglich
Im Sande hingestreckt.

In deine Decke grab' ich
Mit einem spitzen Stein
Den Namen meiner Liebsten
Und Stund' und Tag hinein:

Den Tag des ersten Grußes,
Den Tag, an dem ich ging,
Um Nam' und Zahlen windet
Sich ein zerbrochner Ring.

Mein Herz, in diesem Bache
Erkennst du nun dein Bild?
Ob's unter seiner Rinde
Wohl auch so reißend schwillt?


              Rückblick

Es brennt mir unter beiden Sohlen,
Tret' ich auch schon auf Eis und Schnee.
Ich möcht' nicht wieder Athem holen,
Bis ich nicht mehr die Thrüme seh'.

Hab' mich an jedem Stein gestoßen,
So eilt' ich zu der Stadt hinaus;
Die Krähen warfen Bäll' und Schloßen
Auf meinen Hut von jedem Haus.

Wie anders hast du mich empfangen,
Du Stadt der Unbeständigkeit!
An deinen blanken Fenstern sangen
Die Lerch' und Nachtigall im Streit.

Die runden Lindenbäume blühten,
Die klaren Rinnen rauschten hell,
Und ach, zwei Mädchenaugen glühten! -
Da war's geschehn um dich, Gesell!

Kömmt mir der Tag in die Gedanken,
Möcht' ich noch einmal rückwärts sehn,
Möcht' ich zurücke wieder wanken,
Vor ihrem Hause stille stehn.


        Der greise Kopf

Der Reif hatt' einen weißen Schein
Mir über's Haar gestreuet.
Da meint' ich schon ein Greis zu sein,
Und hab' mich sehr gefreuet.

Doch bald ist er hinweggethaut,
Hab' wieder schwarze Haare,
Daß mir's vor meiner Jugend graut -
Wie weit noch bis zur Bahre!

Vom Abendroth zum Morgenlicht
Ward mancher Kopf zum Greise.
Wer glaubt's? Und meiner ward es nicht
Auf dieser ganzen Reise!


       Die Krähe

Eine Krähe war mit mir
Aus der Stadt gezogen,
Ist bis heute für und für
Um mein Haupt geflogen.

Krähe, wunderliches Thier,
Willst mich nicht verlassen?
Meinst wohl bald als Beute hier
Meinen Leib zu fassen?

Nun, es wird nicht weit mehr gehn
An dem Wanderstabe.
Krähe, laß mich endlich sehn
Treue bis zum Grabe!


        Letzte Hoffnung

Hier und da ist an den Bäumen
Noch ein buntes Blatt zu sehn,
Und ich bleibe vor den Bäumen
Oftmals in Gedanken stehn.

Schaue nach dem einen Blatte,
Hänge meine Hoffnung dran;
Spielt der Wind mit meinem Blatte,
Zittr' ich, was ich zittern kann.

Ach, und fällt das Blatt zu Boden,
Fällt mit ihm die Hoffnung ab,
Fall' ich selber mit zu Boden,
Wein' auf meiner Hoffnung Grab.


                   Im Dorfe

Es bellen die Hunde, es rasseln die Ketten.
Die Menschen schnarchen in ihren Betten,
Träumen sich Manches, was sie nicht haben,
Thun sich im Guten und Argen erlaben:
Und morgen früh ist Alles zerflossen. -
Je nun, sie haben ihr Theil genossen,
Und hoffen, was sie noch übrig ließen,
Doch wieder zu finden auf ihren Kissen.

Bellt mich nur fort, ihr wachen Hunde,
Laßt mich nicht ruhn in der Schlummerstunde!
Ich bin zu Ende mit allen Träumen -
Was will ich unter den Schläfern säumen?


 Der stürmische Morgen

Wie hat der Sturm zerrissen
Des Himmels graues Kleid!
Die Wolkenfetzen flattern
Umher in mattem Streit.

Und rothe Feuerflammen
Ziehn zwischen ihnen hin.
Das nenn' ich einen Morgen
So recht nach meinem Sinn!

Mein Herz sieht an dem Himmel
Gemalt sein eignes Bild -
Es ist nichts als der Winter,
Der Winter kalt und wild!


               Täuschung

Ein Licht tanzt freundlich vor mir her;
Ich folg' ihm nach die Kreuz und Quer;
Ich folg' ihm gern, und seh's ihm an,
Daß es verlockt den Wandersmann.
Ach, wer wie ich so elend ist,
Giebt gern sich hin der bunten List,
Die hinter Eis und Nacht und Graus
Ihm weist ein helles, warmes Haus,
Und eine liebe Seele drin -
Nur Täuschung ist für mich Gewinn!


         Der Wegweiser

Was vermeid' ich denn die Wege,
Wo die andren Wandrer gehn,
Suche mir versteckte Stege
Durch verschneite Felsenhöhn?

Habe ja doch nichts begangen,
Daß ich Menschen sollte scheun -
Welch ein thörichtes Verlangen
Treibt mich in die Wüstenein?

Weiser stehen auf den Straßen,
Weisen auf die Städte zu,
Und ich wandre sonder Maßen,
Ohne Ruh', und suche Ruh'.

Einen Weiser seh' ich stehen
Unverrückt vor meinem Blick;
Eine Straße muß ich gehen,
Die noch Keiner ging zurück.


     Das Wirthshaus

Auf einen Todtenacker
Hat mich mein Weg gebracht.
Allhier will ich einkehren:
Hab' ich bei mir gedacht.

Ihr grünen Todtenkränze
Könnt wohl die Zeichen sein,
Die müde Wandrer laden
In's kühle Wirthshaus ein.

Sind denn in diesem Hause
Die Kammern all' besetzt?
Bin matt zum Niedersinken
Und tödtlich schwer verletzt.

O unbarmherz'ge Schenke,
Doch weisest du mich ab?
Nun weiter denn, nur weiter,
Mein treuer Wanderstab!


          Das Irrlicht

In die tiefsten Felsengründe
Lockte mich ein Irrlicht hin:
Wie ich einen Ausgang finde,
Liegt nicht schwer mir in dem Sinn.

Bin gewohnt das irre Gehen,
'S führt ja jeder Weg zum Ziel:
Unsre Freuden, unsre Wehen,
Alles eines Irrlichts Spiel!

Durch des Bergstroms trockne Rinnen
Wind' ich ruhig mich hinab -
Jeder Strom wird 's Meer gewinnen,
Jedes Leiden auch ein Grab.


                    Rast

Nun merk' ich erst, wie müd' ich bin,
Da ich zur Ruh' mich lege;
Das Wandern hielt mich munter hin
Auf unwirthbarem Wege.

Die Füße frugen nicht nach Rast,
Es war zu kalt zum Stehen,
Der Rücken fühlte keine Last,
Der Sturm half fort mich wehen.

In eines Köhlers engem Haus
Hab' Obdach ich gefunden;
Doch meine Glieder ruhn nicht aus:
So brennen ihre Wunden.

Auch du, mein Herz, im Kampf und Sturm
So wild und so verwegen,
Fühlst in der Still' erst deinen Wurm
Mit heißem Stich sich regen!


         Die Nebensonnen

Drei Sonnen sah ich am Himmel stehn,
Hab' lang' und fest sie angesehn;
Und sie auch standen da so stier,
Als könnten sie nicht weg von mir.
Ach, meine Sonnen seid ihr nicht!
Schaut Andren doch in's Angesicht!
Ja, neulich hatt' ich auch wohl drei:
Nun sind hinab die besten zwei.
Ging' nur die dritt' erst hinterdrein!
Im Dunkel wird mir wohler sein.


          Frühlingstraum

Ich träumte von bunten Blumen,
So wie sie wohl blühen im Mai,
Ich träumte von grünen Wiesen,
Von lustigem Vogelgeschrei.

Und als die Hähne krähten,
Da ward mein Auge wach;
Da war es kalt und finster,
Es schrieen die Raben vom Dach.

Doch an den Fensterscheiben
Wer malte die Blätter da?
Ihr lacht wohl über den Träumer,
Der Blumen im Winter sah?

Ich träumte von Lieb' um Liebe,
Von einer schönen Maid,
Von Herzen und von Küssen,
Von Wonn' und Seligkeit.

Und als die Hähne krähten,
Da ward mein Herze wach;
Nun sitz' ich hier alleine
Und denke dem Traume nach.

Die Augen schließ' ich wieder,
Noch schlägt das Herz so warm.
Wann grünt ihr Blätter am Fenster?
Wann halt' ich dich, Liebchen, im Arm?


       Einsamkeit

Wie eine trübe Wolke
Durch heitre Lüfte geht,
Wann in der Tanne Wipfel
Ein mattes Lüftchen weht:

So zieh' ich meine Straße
Dahin mit trägem Fuß,
Durch helles, frohes Leben,
Einsam und ohne Gruß.

Ach, daß die Luft so ruhig!
Ach, daß die Welt so licht!
Als noch die Stürme tobten,
War ich so elend nicht.


                  Muth!

Fliegt der Schnee mir in's Gesicht,
Schüttl' ich ihn herunter.
Wenn mein Herz im Busen spricht,
Sing' ich hell und munter.

Höre nicht, was es mir sagt,
Habe keine Ohren.
Fühle nicht, was es mir klagt,
Klagen ist für Thoren.

Lustig in die Welt hinein
Gegen Wind und Wetter!
Will kein Gott auf Erden sein,
Sind wir selber Götter.


    Der Leiermann

Drüben hinter'm Dorfe
Steht ein Leiermann,
Und mit starren Fingern
Dreht er was er kann.

Barfuß auf dem Eise
Schwankt er hin und her;
Und sein kleiner Teller
Bleibt ihm immer leer.

Keiner mag ihn hören,
Keiner sieht ihn an;
Und die Hunde brummen
Um den alten Mann.

Und er läßt es gehen
Alles, wie es will,
Dreht, und seine Leier
Steht ihm nimmer still.

Wunderlicher Alter,
Soll ich mit dir gehn?
Willst zu meinen Liedern
Deine Leier drehn?




C. Griechenlieder

Lieder der Griechen

 Die Griechen an die Freunde ihres Alterthums

Sie haben viel geschrieben, gesungen und gesagt,
Gepriesen und bewundert, beneidet und beklagt.
Die Namen unsrer Väter, sie sind von schönem Klang,
Sie passen allen Völkern in ihren Lobgesang;
Und wer erglühen wollte für Freiheit, Ehr' und Ruhm,
Der holte sich das Feuer aus unserm Alterthum,
Das Feuer, welches schlummernd in Aschenhaufen ruht,
Die einst getrunken haben hellenisch Heldenblut.
Was hat euch nun, ihr Völker, so scheu und bang' gemacht?
Der Geist, den ihr beschworen, er steigt aus tiefer Nacht
Empor in alter Größe, und beut euch seine Hand -
Erkennt ihr es nicht wieder, das freie Griechenland?
Die Funken in der Asche, in der ihr oft gewühlt,
Die Funken, deren Gluthen ihr oft in euch gefühlt,
Sie schlagen lustig lodernd zu hohen Flammen aus -
Kleinmüthige, ihr seht es - und euch erfaßt ein Graus!
O weh, so habt ihr, Freunde, mit Namen nur gespielt!
Habt in die leeren Lüfte mit stolzem Pfeil gezielt!
Die Zeit ist abgelaufen, es ist genug gesagt,
Gepriesen und bewundert, beneidet und beklagt.
Was schwärmt ihr in den Fernen der grauen Heldenzeit?
Kehrt heim, ihr Hochentzückten! - der Weg ist gar zu weit.
Das Alt' ist neu geworden, die Fern' ist euch so nah,
Was ihr erträumt so lange, leibhaftig steht es da,
Es klopft an eure Pforte - ihr schließt ihm euer Haus -
Sieht es denn gar so anders, als ihr es träumtet, aus?


                         Der Phanariot

Meinen Vater, meine Mutter haben sie in's Meer ersäuft,
Haben ihre heil'gen Leichen durch die Straßen hingeschleift;
Meine schöne Schwester haben aus der Kammer sie gejagt,
Haben auf dem freien Markte sie verkauft als eine Magd.
Hör' ich eine Woge rauschen, ist es mir, als ob's mich ruft,
Ja, mich rufen meine Eltern aus der tiefen, weiten Gruft,
Rufen Rache - und ich schleudre Türkenköpfe in die Fluth,
Bis gesättigt ist die Rache, bis die wilde Woge ruht.
Aber wenn die Abendlüfte kühl um meine Schläfe wehn,
Ach, sie seufzen in die Ohren mir wie leises, banges Flehn.
Ach, es sind der Schwester Seufzer in der Schmach der Sklaverei:
Bruder, mache deine Schwester aus den schnöden Banden frei!
Ach, daß ich ein Adler wäre, könnte schweben in den Höhn,
Und mit schnellen, scharfen Blicken durch die Städt' und Lande spähn,
Bis ich meine Schwester fände, und sie aus der Feinde Hand
Frei in meinem Schnabel trüge nach dem freien Griechenland!


                    Die Jungfrau von Athen

Rosensträuche thät ich pflanzen unter meinem Fensterlein,
Und sie blühen und sie duften in die Kammer mir herein;
Und die Nachtigallen singen in den Zweigen Lieb' und Lust -
Schweigt, ihr Vöglein, noch ein Weilchen! - Ist es euch denn nicht bewußt,
Daß mein Liebster ist gezogen in das Feld mit Lanz' und Schwert,
Für das heil'ge Kreuz zu kämpfen und für einen freien Herd?
Saht ihr nicht, wie ich vom Halse meine Perlenschnüre band,
Und sie gab dem heil'gen Priester für das liebe Vaterland?
Saht ihr nicht, daß meine Haare ich seit Monden nicht geschmückt?
Saht ihr wohl, daß eine Rose ich so lange hier gepflückt?
Schweigt, ihr Vöglein, noch ein Weilchen, bis der Liebste wiederkehrt,
Und uns neue, schöne Weisen zu der Freiheit Preise lehrt.
Blüht, ihr Rosen, noch ein Weilchen, und ich bind' euch mir zum Kranz,
Wann den Siegern wir entgegen ziehn mit Sang und Spiel und Tanz!
Ach, und kehrtest du, mein Liebster, mit den Andern nicht zurück,
Ach, wo sollt' ich mich verbergen vor der Freude, vor dem Glück?
Bei den Rosensträuchen säß' ich, bände Dornenkränze hier,
Und ein Vöglein aus dem Schwarme blieb' und klagte wohl mit mir.


                       Die Mainottin

Ich habe sieben Söhne aus meiner Brust gesäugt,
Ich habe sieben Söhnen das heil'ge Schwert gereicht,
Das Schwert für unsern Glauben, für Freiheit, Ehr' und Recht -
Heil mir, von meinen Söhnen ist Keiner mehr ein Knecht!
Sie sind zur Schlacht gezogen mit freudig wildem Muth -
Heil mir, in ihren Adern fließt noch spartanisch Blut!
Und als sie von mir schieden, das Herz ward mir nicht schwer,
Ich sprach: Frei kehrt ihr wieder, frei oder nimmermehr!
Ihr Mütter der Mainotten, kommt, laßt uns suchen gehn,
Ob nicht von Sparta's Trümmern wir eine Spur erspähn;
Da woll'n wir Steine sammeln, für unsre Hand gerecht,
Mit hartem Gruß zu grüßen den ersten feigen Knecht,
Der ohne Blut und Wunde besiegt nach Hause kehrt,
Und keinen Kranz gewonnen für seiner Mutter Herd!


                 Der Greis auf Hydra

Ich stand auf hohem Felsen, tief unter mir die Fluth:
Da schwang sich meine Seele empor in freiem Muth.
Ich ließ die Blicke schweifen weit über Land und Meer:
So weit, so weit sie reichen, klirrt keine Kette mehr.
So weit, so weit sie reichen, kein halber Mond zu sehn,
Auf Bergen, Thürmen, Masten, die heil'gen Kreuze wehn.
So weit, so weit sie reichen, es hebt sich jede Brust
In eines Glaubens Flamme, in einer Lieb' und Lust;
Und Alles was uns fesselt, und Alles was uns drückt,
Was Einen nur bekümmert, was Einen nur entzückt,
Wir werfen's in das Feuer, wir senken's in die Fluth,
Die wogt durch alle Herzen in einer heil'gen Gluth.
Ich sehe Schiffe fahren - die stolze Woge braust -
Ist es der Sturm der Freiheit, der in die Segel saust?
Heil euch und eurer Reise! Heil eurer schönen Last!
Heil eurem ganzen Baue vom Kiele bis zum Mast!
Ihr steuert durch die Fluthen nach einem edlen Gut,
Ihr holt des Sieges Blume, die wächst in Heldenblut.
Es donnert aus der Ferne - ist es der Gruß der Schlacht?
Ist es der Wogen Brandung, die an die Felsen kracht?
Das Herz will mir zerspringen bei dieses Donners Ton -
Ich bin zu alt zum Kampfe und habe keinen Sohn.


                            Die heilige Schaar

                             Eine Geisterstimme

Freundes Herz an Freundes Herzen, Freundes Hand in Freundes Hand,
Unverrückt in Glied und Reihe, hielten wir dem Tode Stand,
Liegen alle auf dem Rücken, himmelwärts den Blick gekehrt,
In der Brust die Todeswunden, in der Faust das rothe Schwert.
Nennt uns nicht die letzten Griechen - Sollen wir die letzten sein?
Die dem Vaterlande freudig Blut und Leib und Leben weihn?
Nennt uns nicht die letzten Griechen - Reißender als Stahl und Erz
Dringt der schnöde Ehrentitel ein in unser wundes Herz.
Nennt uns nicht die letzten Griechen - Weh euch, macht ihr uns dazu!
Nimmer fänden unsre Leiber unter Sklavenerde Ruh'.
Brüder, wollt ihr uns im Grabe ehren, wie es uns gefällt?
Keine Lobschrift ausgesonnen! Keine Säulen aufgestellt!
Fechtet, so wie wir gefochten, grüßt mit festem Blick den Tod -
Und es färbt mit unserm Blute sich der Freiheit Morgenroth!


Die Griechen an den Österreichischen Beobachter

Du nanntest uns Empörer - So nenn' uns immerfort!
Empor! Empor! so heißt es, der Griechen Losungswort.
Empor zu deinem Gotte, empor zu deinem Recht,
Empor zu deinen Vätern, entwürdigtes Geschlecht!
Empor aus Sklavenketten, aus dumpfem Kerkerduft,
Empor mit vollen Schwingen in freie Lebensluft!
Empor, empor, ihr Schläfer, aus tiefer Todesnacht!
Der Auferstehungsmorgen ist rosenroth erwacht.
Du nanntest uns Empörer - So nenn' uns immerfort!
Empor, so heiß' es ewig, der Griechen Losungswort!
Dir aber töne nimmer in's Herz der hohe Klang:
Beobacht' aus dem Staube die Welt dein Lebelang!


Die Geister der alten Helden am Tage der Auferstehung

Wir haben tief geschlafen, wir haben schwer geträumt -
O Tag der Auferstehung, wie lang' du hast gesäumt!
Wir haben schwer geträumet von Joch und Kett' und Band;
Da haben unsre Wunden uns bis in's Herz gebrannt.
Wir sahn die Burgen fallen, die Tempel untergehn,
Wir sahen fremde Fahnen auf ihren Trümmern wehn;
Barbarentritt zerstampfte den Rasen unsrer Gruft,
Die Klänge unsrer Sprache verhallten in die Luft;
Und was auf unsren Hügeln beschwur des Jünglings Herz,
Was uns die Jungfrau klagte von ihrem heißen Schmerz,
Wir konnten's nicht verstehen - doch zu vernehmlich drang
Durch unsre Erdendecke der Sklavenketten Klang.
Heil uns! Es ist vorüber. Heil uns! Wir träumten nur:
Der Freiheit Lieder schallen hell über Berg und Flur;
Bekränzt sind unsre Hügel, die Erd' ist federleicht,
Des Schlafes wirrer Nebel vor unsren Blicken weicht;
Die Wunden sind geheilet, die Glieder sind beschwingt -
Auf, Brüder, auf zum Kampfe! Die Schlachttrompete klingt.


             Die Ruinen von Athen an England

Laß dir unsern Dank gefallen, Hort der Freiheit, Engeland!
Hast zum Herrn der hohen Pforte einen edlen Lord gesandt,
Daß er sich für uns verwende; und er that es ritterlich -
Griechen, hört, was er errungen hat mit scharfem Federstrich!
Wenn der jungen Freiheit Blume wird getreten in den Staub,
Wenn die heil'ge Stadt Athene's wird des rohen Heiden Raub,
Dann, auch dann, - begreift es, Griechen, - sollen wir doch unversehrt
Stehn, beschirmt im Sturm der Waffen durch des wilden Feindes Schwert.
Laß dir unsern Dank gefallen, Hort der Freiheit, Engeland!
Schade, schade, hast vergebens deinen edlen Lord gesandt.
Keine Bittschrift kann uns retten - die Ruinen von Athen
Werden mit den freien Griechen wanken, stürzen, untergehn.
Lange haben wir gestanden unter Schmach und Schimpf und Leid,
Mochten kaum uns aufrecht halten in der jammervollen Zeit.
Fremde kamen hergewandert, staunten uns verwundert an,
Und wir ließen es geschehen, aber's lag uns wenig dran;
Ließen messen sie und malen - Keiner malt und mißt den Geist -
Und sie geben sich zufrieden, wissen sie, wie Jedes heißt.
Auch ein großer Lord ist kommen, hat von unserm morschen Haupt
Im Entzücken der Bewunderung uns der Bilder Schmuck geraubt.
Mag er ziehen mit der Beute! - Heil uns, daß wir fest noch stehn,
Um der Freiheit Morgenröthe nach so langer Nacht zu sehn!
Statt der Götterbilder tragen wir das Banner in die Luft,
Das zum Kampf mit den Barbaren Hellas tapfre Söhne ruft.
Ach, wenn diese unterliegen, wozu sollen wir denn stehn?
Habt sie ja in euren Büchern, die Ruinen von Athen.
Mit der Freiheit letztem Schlage stürzen unsre Mauern ein,
Und auf jedes Helden Hügel werfen wir noch einen Stein.


                       Griechenlands Hoffnung

Brüder, schaut nicht in die Ferne nach der Fremden Schutz hinaus,
Schaut, wenn ihr wollt sicher schauen, nur in euer Herz und Haus.
Findet ihr für eure Freiheit da nicht heilige Gewähr,
Nun und nimmer, Brüder, nimmer kömmt sie euch von außen her.
Selber hast du aufgeladen dir der Knechtschaft schweres Joch,
Selber hast du es getragen, und du trügst es heute noch,
Hättest du darauf gewartet, hochgelobtes Griechenland,
Daß es dir vom Nacken sollte heben eine fremde Hand.
Selber mußt du für dich kämpfen, wie du selber dich befreit,
Dein die Schuld und dein die Buße, dein die Palme nach dem Streit.
Viele werden dich beklagen, Viele dir Gebete weihn,
Viele sich für dich verwenden, Viele deine Rather sein -
Hoffst du mehr? Bau' aus die Hoffnung deiner Freiheit Veste nicht,
Daß der Grund, auf dem sie ruhet, nicht den Bau zu Trümmern bricht.
Deiner alten Freiheit Ehre ist der neuen Welt gerecht,
Denn der Freie schläft im Grabe so geduldig, wie der Knecht.
Lege reuig deine Waffen nieder vor des Türken Thron,
Beuge friedlich deinen Nacken zu dem alten Sklavenfrohn:
Dann, dann magst du sicher bauen auf die Macht der Christenheit,
Dann, dann magst du sicher hoffen, daß der Türke dir verzeiht.
Ruh' und Friede will Europa - Warum hast du sie gestört?
Warum mit dem Wahn der Freiheit eigenmächtig dich bethört?
Hoff' auf keines Herren Hülfe gegen eines Herren Frohn,
Auch des Türkenkaisers Polster nennt Europa einen Thron.
Hellas, wohin schaut dein Auge? - Sohn, ich schau' empor zu Gott -
Gott, mein Trost in Schuld und Buße, Gott, mein Hort in Kampf und Tod!


Lieder der Griechen

Zweites Heft

                              Die Pforte

Hohe Pforte, hohe Pforte! Zu dem Schatten deiner Gnade
Rufst zurück du die Verirrten von der Freiheit wildem Pfade.
Heil den Griechen! Heil den Christen! Wirf nur einen großen Schatten
Über nackte Trümmerfelder, über blutgetränkte Matten,
Daß wir alle Platz gewinnen in dem schönen Zufluchtsorte,
In dem kühlen Abendschatten deiner Gnade, hohe Pforte!
Unsrer Brüder rothe Häupter, aufgesteckt auf deine Zinnen,
Rufen laut mit dir vereinigt: Eilt, den Schatten zu gewinnen!
Hohe Pforte, hohe Pforte! Rufe nur und schmiede Ketten,
Schicht' empor die Scheiterhaufen, deiner Gnade warme Betten,
Für die Armen, Nackten, Müden, die in deinen Schatten fliehen,
Flehend, in dem Sklavenjoche wieder friedlich hinzuziehen!
Rufe nur - zur Antwort schlagen unsre Waffen wir zusammen,
Lassen unsre Kreuzfahne blitzend durch die Lüfte flammen!
Gott mit uns! auf unsrer Fahne - Gott mit uns! in unsrem Herzen.
Wir mit Gott in Siegesjubel - wir mit Gott in Todesschmerzen!
Selig, die mit Gott gefallen! Zu der Pforte seiner Gnade
Ruft er heim die müden Streiter von des Lebens wirrem Pfade:
In der Pforte kühlem Schatten ruhn die Herren und die Knechte,
Auf dem Dornenbett der Sünder, und in Blumen der Gerechte.
Brüder, nach der Pforte wollen wir mit festem Blicke schauen,
Ihrem Gnadenworte dürfen bis zum letzten Hauch wir trauen.
Seht die Häupter unsrer Brüder dort mit Martyrkronen glänzen!
Seht, Gregor,3 der Protomartyr, harrt auf uns mit  Siegeskränzen!
Zu der Pforte laßt uns muthig mit gezücktem Schwerte wallen -
Selig, die mit Gott gestritten! Selig, die mit Gott gefallen!


                  Der Verbannte von Ithaka

Britten, streicht aus euren Listen meinen Namen nur heraus,
Bannet mich aus eurem Schutze, laßt verkaufen auch mein Haus!
Selber will ich mich beschützen, Gottes Himmel ist mein Dach,
Und der Freiheit Fahne folg' ich freudig bis zum Tode nach.
Hab' in ihre Werberolle schon mit meinem eignen Blut
Meinen Namen eingeschrieben, und ein Schwert ist all mein Gut.
Britten, hohe Protektoren, fragt ihr nach der Freiheit Sold?
Zuckt ihr zweifelnd eure Achseln, zeigt ihr prahlend euer Gold? -
Ach, die Freiheit ist auf Erden freilich nur ein armes Weib,
Hat wohl kaum genug, zu kleiden ihren abgezehrten Leib;
Wundenmale, statt der Orden, halten ihre Brust bedeckt,
Manchen schnöden Achtbrief haben ihr Satrapen angesteckt.
Also kam sie aus der Ferne, weiß nicht recht, woher, verbannt,
Und zum Sterben müde sank sie hin an des Ilissus Rand.
Da, da fanden wir sie liegen, und sie schien bekannt uns noch,
Und wir sahen unsre Ketten, und wir fühlten unser Joch.
Flugs erwachte sie vom Schlummer, schwang sich in die Luft empor,
Und in Götterjugend strahlend stand sie vor Minervens Thor.
Wie so froh sie auf die alten Narben ihres Leibes wies!
Wie so stolz ihr Auge suchte Marathon und Salamis!
Da zerrissen wir die Ketten, brachen jedes Joch entzwei,
Und sie sprach: Seid werth der Freiheit, und ihr seid auf ewig frei,
Frei wie in Thessaliens Pässen Sparta's auserwählte Schaar,
Frei wie über Erdennebel kreist im Sonnenstrahl der Aar.


           Alexander Ypsilanti aus Munkacs

Alexander Ypsilanti saß in Munkacs hohem Thurm,
An den morschen Fenstergittern rüttelte der wilde Sturm,
Schwarze Wolkenzüge flogen über Mond und Sterne hin -
Und der Griechenfürst erseufzte: Ach, daß ich gefangen bin!
An des Mittags Horizonte hing sein Auge unverwandt:
Läg' ich doch in deiner Erde, mein geliebtes Vaterland!
Und er öffnete das Fenster, sah in's öde Land hinein;
Krähen schwärmten in den Gründen, Adler um das Felsgestein.
Wieder fing er an zu seufzen: Bringt mir Keiner Botschaft her
Aus dem Lande meiner Väter? - Und die Wimper ward ihm schwer -
War's von Thränen? war's von Schlummer? und sein Haupt sank in die Hand.
Seht, sein Antlitz wird so helle - Träumt er von dem Vaterland?
Also saß er, und zum Schläfer trat ein schlichter Heldenmann,
Sah mit freudig ernstem Blicke lange den Betrübten an:
Alexander Ypsilanti, sei gegrüßt und fasse Muth!
In dem engen Felsenpasse, wo geflossen ist mein Blut,
Wo in einem Grab die Asche von dreihundert Spartern liegt,
Haben über die Barbaren freie Griechen heut' gesiegt
Diese Botschaft dir zu bringen ward mein Geist herabgesandt.
Alexander Ypsilanti, frei wird Hellas heil'ges Land!
Da erwacht der Fürst vom Schlummer, ruft entzückt: Leonidas!
Und er fühlt, von Freudenthränen sind ihm Aug' und Wange naß.
Horch, es rauscht ob seinem Haupte, und ein Königsadler fliegt
Aus dem Fenster, und die Schwingen in dem Mondenstrahl er wiegt.


                  Die Einschiffung der Athener


(Als Athen von den Türken wieder eingenommen wurde.)

Freies Element der Wogen, sei der Freiheit Kindern hold!
Willst hinab du Opfer schlingen, schlinge Sklaven, schlinge Gold!
Nicht des Wuchers Dämon treibt uns in das schwanke Bretterhaus,
Nicht nach Menschenraube schiffen in die Fluthen wir hinaus;
Nach der Freiheit Hafen haben wir die Segel ausgespannt -
Heil uns, wenn dereinst wir rufen: Land! Land! Freies Griechenland!
Was uns drückte, was uns engte, ließen wir am Strande stehn,
Nicht nach Städten, nicht nach Burgen wollen wir zurücke sehn;
Vorwärts schweifen unsre Blicke in die weite See hinaus,
Und sie grüßt der Freiheit Flagge hoch mit donnerndem Gebraus.
Freies Element der Wogen, unbegrenzte Meeresfluth!
Mag der Krämer falsch dich nennen, zitternd für sein eitles Gut -
Hellas kennt aus alten Tagen deine feste Treue noch:
Als Athen, die Burg der Freiheit, unterlag dem Sklavenjoch,
Als die Felsenwälle brachen, als die Thürme sanken ein,
Da, da wolltest du der Freiheit letzter Hort und Heiland sein;
Und empor auf deinem Rücken ein Athen auf Brettern stieg,
Und du trugst es fort zum Kampfe, und du trugst es hin zum Sieg.
Freies Element der Wogen, sei den späten Enkeln treu,
Wie du es den Vätern warest! Sieh, die alte Zeit wird neu!
Sieh, Athen, die Burg der Freiheit, ist in der Barbaren Hand!
Sieh, in deinen Fluthen spiegelt roth sich ihrer Tempel Brand!
Nehmt uns ein, Ihr Brettermauern! Hebt vom Ufer euch geschwind!
Auf, die Segel! Nach der Insel Salamis weht frischer Wind.


                          Die Sklavin in Asien

Schwestern, weint mit mir! Ich weine über meine Ketten nicht.
Sollt' es mich denn gleich zerdrücken, dieses eiserne Gewicht,
Das so lange hat getragen unser edles Vaterland,
Und es konnt' ihm doch nicht lähmen seine alte Heldenhand?
Schwestern, weint mit mir! Ich weine nicht um unsrer Arbeit Schweiß.
Keiner soll des Polsters pflegen, der den Leib zu rühren weiß,
Wenn das Vaterland in Nöthen laut nach seinen Kindern schreit -
Wer nicht wehren kann und stürmen, sei zu leiden doch bereit.
Schwestern, weint mit mir! Ich weine nicht um meiner Brüder Tod.
Ihre sel'gen Geister schweben oft um mich im Abendroth,
Wehn mit ihren Siegeskränzen kühlen Trost von fern mir zu -
Sollt' ich denn durch eitle Thränen stören ihre Grabesruh'?
Schwestern, weint mit mir! Ich weine auch um meinen Liebling nicht.
Lebt er, o so weiß ich, daß er, als ein Held - für mich auch ficht;
Sank er, will ich Lorbeerbäume pflanzen über sein Gebein,
Und die Stätte wird ein Tempel für die freie Hellas sein.
Schwestern, weint mit mir! Ich weine, weine, daß ich bin kein Mann -
Daß ich nicht ein Roß besteigen, keine Lanze schwingen kann,
Daß ich nicht kann Eisen sprengen, schwimmen durch die wilde Fluth -
Drüben in dem freien Lande frei verspritzen freies Blut!


                      Der kleine Hydriot

Ich war ein kleiner Knabe, stand fest kaum auf dem Bein,
Da nahm mich schon mein Vater mit in das Meer hinein,
Und lehrte leicht mich schwimmen an seiner sichern Hand,
Und in die Fluthen tauchen bis nieder auf den Sand.
Ein Silberstückchen warf er dreimal in's Meer hinab,
Und dreimal mußt' ich's holen, eh' er's zum Lohn mir gab.
Dann reicht' er mir ein Ruder, hieß in ein Boot mich gehn,
Er selber blieb zur Seite mir unverdrossen stehn,
Wies mir, wie man die Woge mit scharfem Schlage bricht,
Wie man die Wirbel meidet und mit der Brandung ficht.
Und von dem kleinen Kahne ging's flugs in's große Schiff,
Es trieben uns die Stürme um manches Felsenriff.
Ich saß auf hohem Maste, schaut' über Meer und Land,
Es schwebten Berg' und Thürme vorüber mit dem Strand.
Der Vater hieß mich merken auf jedes Vogels Flug,
Auf aller Winde Wehen, auf aller Wolken Zug;
Und bogen dann die Stürme den Mast bis in die Fluth,
Und spritzten dann die Wogen hoch über meinen Hut,
Da sah der Vater prüfend mir in das Angesicht -
Ich saß in meinem Korbe und rüttelte mich nicht -
Da sprach er, und die Wange ward ihm, wie Blut, so roth:
Glück zu, auf deinem Maste, du kleiner Hydriot! -
Und heute gab der Vater ein Schwert mir in die Hand,
Und weihte mich zum Kämpfer für Gott und Vaterland.
Er maß mich mit den Blicken vom Kopf bis zu den Zehn,
Mir war's, als thät' sein Auge hinab in's Herz mir sehn.
Ich hielt mein Schwert gen Himmel, und schaut' ihn sicher an,
Und däuchte mich zur Stunde nicht schlechter, als ein Mann.
Da sprach er, und die Wange ward ihm, wie Blut, so roth:
Glück zu, mit deinem Schwerte, du kleiner Hydriot!


                        Der Mainottin Unterricht

Viele weiße Schwäne schwimmen still auf des Eurotas Wogen,
Viele schwarze Raben kommen kreischend durch die Luft gezogen.
Weiße Schwäne, woher schwimmt ihr? Wißt ihr Kunde nicht zu sagen,
Ob mein Sohn sich wie ein Sparter in dem flachen Land geschlagen?
Schwarze Raben, woher fliegt ihr? - Saht ihr nicht auf euren Zügen
Viele blut'ge Türkenschädel in den Siegesfeldern liegen?
In den grünen Lorbeersträuchen, die zum Flusse niederschauen,
Wo die Schwäne ihre Nester unter dichtem Laube bauen,
Hängen viele weiße Federn, die will ich zusammenraffen,
Und daraus für meinen Knaben schneiden spitze Köcherwaffen;
Will dann oben in den Lüften zeigen ihm die schwarzen Raben,
Sag' ihm: Das sind Türken, die den Vater dir gemordet haben!


       Die Eule

Vogel der Weisheit
Ward ich genannt;
Ich saß auf Minervens Altare,
Ihr heiliges Feuer hütend.
Nun liegt er in Trümmern,
Der Tempel der Göttin
Auf Cecrops Burg,
Erloschen und verweht
Von ihrem Hochaltare
Die letzten Opferfunken.
Da hab' ich der Nacht mich ergeben,
Und schlafe den langen Tag;
Und wann die Menschen träumen,
Dann schau' ich mit blitzenden Augen
Über die dunkle Erde
Und schreie Wehe! Wehe!
Über die Thorheit des hellen Tages!
Aber die Menschen verstehn mich nicht;
Sie zittern, wenn sie mich hören,
Nennen mich Weheverkünderin,
Und ich verkünde doch Wahrheit nur.

Über Hellas flog ich hin
Um Mitternacht;
Am Himmel war kein Stern zu sehn,
Und blutigroth in Nebelwolken
Schwamm des Mondes Sichel hin.
Aber von flammenden Städten,
Aber von rauchenden Hütten,
Aber von glühenden Scheiterhaufen
War es weit und breit so hell,
Hell wie der Tag,
Und ich rief Wehe! Wehe!
Über den Schimmer des hellen Tages.

Ich hörte blutende Säuglinge winseln
An gemordeter Mütter Brüsten,
Sah aus den Klausen heilige Jungfraun
Schleifen zur Schlachtbank rasender Lust,
Sahe die Tempel des Kreuzes
Niedergerissen in Trümmern liegen,
Und die zerstückten Gebeine
Ihrer Priester dazwischen
Über die Steine gestreut.
Da drückt' ich die blitzenden Augen zu
Und unter mir hört' ich noch lange
Ein Heulen, ein Jammern, ein Wimmern,
Ein Jauchzen, ein Fluchen, ein Knirschen -
Dann ward es still.

Und ich schlug die blitzenden Augen auf,
Da standen an eines Flusses Ufer
Heere des Kreuzes zu Roß und zu Fuß;
Ich konnte sie nicht absehen,
So hoch ich mich mochte schwingen.
Und Waffen trugen sie in den Händen,
Und ihre Blicke glühten,
Wie ihre Lanzenspitzen,
Nach Blut.
Da rief ich Wehe! Wehe!
Da rief ich Rache! Rache!
Da rief ich Hülfe! Hülfe!
Und lange hätt' ich noch geschrien,
Da ward's im Morgen helle,
Und in die Augen flimmerte
Verblendend mir das Tageslicht.
Und ein Schwarm von höhnischem Luftgesindel
Flog schnarrend und pfeifend mir um das Haupt,
Mein Schreien übertäubend.
Da rief ich Wehe! Wehe!
Über die Thorheit des hellen Tages!


Neue Lieder der Griechen

                                Der Mainotte

Nie, nie hat ein Sklavenjoch meinen starken Hals gebogen,
Nie hab' ich an meinem Arm eine Kettenlast gewogen.
Frei, wie meiner Berge Strom, wie der Adler in den Lüften,
Stürz' ich brausend in die Fläche, wo die Freiheit liegt in Grüften,
Neben altem Heldenstaube, unter grauen Mauertrümmern,
Und mir ist, als hört' ich sie unter mir vernehmlich wimmern.
Räuber heiß' ich bei dem Wicht, der den Räuber nennt Gebieter,
Jenen Räuber, der ihm hat dich geraubt, du Gut der Güter,
Freiheit, Freiheit, Lebensluft, Leibesmark und Seelenschwinge,
Der gehört mein Herz, mein Arm, meine Büchs' und meine Klinge,
Der ich wache, der ich kämpfe, der ich lebe, der ich sterbe,
Die ich meinen Kindern lasse als mein einig eignes Erde.
Räuber nennt mich immerhin! Rauben will ich und verheeren
Herrengut und Sklavenland, und kein Pascha wird es wehren.
Aber hört, ihr Feldbewohner, hört, der Räuber kann auch geben
Mehr, mehr als ihr habt besessen all' in eurem ganzen Leben.
Wollt ihr eure Freiheit wieder? Kommt herauf mit scharfen Klingen!
Von den Bergen wollen wir sie vereint herunter bringen.


      Der Pargioten Abschied von den Engländern

Brüder, laßt und fürder ziehen aus dem schnöden Inselland!
Laßt uns eilig unsre Segel richten nach dem schönen Strand,
Wo aus langen schweren Banden Hellas ihre Arme ringt
Und die kettenwunde Rechte gegen die Tyrannen schwingt.
Britten, ohne Dank und Segen scheiden wir aus eurem Schutz,
Wählen einen andern Herren, und derselbe heißet Trutz;
Der will uns hinüber führen ohne euren sichern Paß,
Wo wir Päss' uns selber schreiben mit des Blutes rotem Naß.
Unsre Mauern, unsre Thürme, unsre ganze liebe Stadt,
So die heil'ge Mutter Gottes selber sich ersehen hat,
Daß sie von der Felsenspitze auf dem letzten Uferrand
Tröstend überschauen möchte das gebeugte Griechenland:
Diese Stadt habt ihr verhandelt, Britten, die ihr schützen wollt,
Britten, habt sie losgeschlagen für des alten Paschen Gold.
Hättet wohl auch unsre Häupter gern gegeben in den Kauf?
Und der grimme Heide wetzte schon sein Henkerbeil darauf.
Britten, Britten, an den Händen klebt es röther euch, als Blut!
Britten, Britten, das ist jenes Sündengoldes Höllengluth!
Und ein hoher Scheiterhaufen stieg auf unsrem Mark empor,
Und mit Schaufeln und mit Hacken zogen wir aus jedem Thor:
Jeder grub sich die Gebeine seiner Lieben aus der Gruft,
Und in freien Flammen lodernd flog der Staub in freie Luft.
Ach, wohl hätten wir uns selber gern gestürzt in seine Gluth,
Doch der Weiber und der Kinder Jammer brach der Männer Muth;
Und so zogen wir von dannen bei der Leichenflammen Schein,
Und die Brittenschiffe nahmen unsres Elends Lasten ein.
Haben nun zwei Jahr' gesessen hier auf Korfu's Inselland,
Haben nun zwei Jahr' geschauet sehnlich nach der Heimath Strand.
Britten, habt uns Schutz gegeben, und noch Ketten auch dabei:
Euren Schutz und eure Ketten brechen heute wir entzwei.
Brüder, laßt uns fürder ziehen! Drüben liegt ja unsre Stadt,
So die heil'ge Mutter Gottes selber sich ersehen hat,
Daß sie von der Felsenspitze auf dem ersten Uferrand
Segnend überschauen möchte das erwachte Griechenland.
Brüder, dahin laßt uns ziehen, eh' der hohe Schutzpatron,
Uns statt seiner zu beschützen, rufe seinen Kerkerfrohn.
Brüder, dahin laßt uns ziehen, weil wir noch in unsrer Hand
Unsre guten Schwerter halten, Schwerter für das Vaterland!


                  Der Bund mit Gott

Kein König und kein Kaiser auf dieser Erde Rund
Will uns die Rechte reichen, zu schließen einen Bund.
Sie haben ihre Heere gesandt bis an den Pruth,
Es segeln ihre Flotten durch unsre Meeresfluth,
Sie sehn die Wogen glühen von unsres Blutes Roth,
Sie schauen unsre Thaten und hören unsre Noth;
Doch tauber, als die Woge, die ihre Schiffe trägt,
Doch härter, als die Klippe, die Kiel und Mast zerschlägt,
Sind sie vorbeigesegelt, als Chios grauser Brand
Des Meeres Ungeheuer aufschreckt' im tiefsten Sand,
Wo sie der Ruhe pflogen nach ihrem Paschenschmaus
Von süßem Säuglingsfleische. Sie stierten wild heraus
Aus feuerhellen Wogen, und um sie hin und her
Da schwammen frische Leichen und reizten sie nicht mehr.
Sie sind vorbeigesegelt. Der Herr hat es gesehn.
Da sandt' er Feuerströme herab aus seinen Höhn -
Wohin zielt seine Rechte? Wen meint der Flammenstrahl?
Des Würgers stolze Flotte fliegt auf in Blitz und Knall,
Daß donnernd wiederhallen die Berge rund umher,
Und aus den tiefsten Höhlen aufbraust das weite Meer.
Seht, und den Würger schleudert ein höllenrother Brand
Von seinem weichen Polster hinüber an den Strand,
Wo nicht so viel des Bodens von Blut geblieben rein,
Um ihm im letzten Röcheln ein trocknes Bett zu sein.
So segelt denn vorüber und danket Gott dem Herrn,
Und was ihr habt gesehen, das meldet nah und fern,
Und machet euren Herrschern die Wunderbotschaft kund:
Gott hat mit Hellas Söhnen geschlossen einen Bund,
Den heil'gen Bund der Liebe auf Leben und auf Tod,
Dem Höll' und Welt vergebens mit Gold und Eisen droht.
Der heil'ge Bund wird halten, ob alle untergehn,
Wird mit uns triumphirend einst aus dem Grab erstehn.


              Die Zweihundert und der Eine

Preiset die Zweihundert nicht, preiset, Brüder, nur den Einen,
Der Zweihundert kann so fest in der Liebe Gluth vereinen,
So zu einer Todesfreude, so zu einer Racheflamme,
Alle Nerven, alle Sehnen so zu eines Leibes Stamme.

Preiset die Zweihundert nicht, preiset, Brüder, nur den Einen,
Der vierhundert Arme kann so zu einem Schlag vereinen,
Einem Schlage seines Blitzes, den er gab in unsre Hände,
Daß er des Gerichtes Feuer in des Würgers Flotte sende.

Preiset die Zweihundert nicht, preiset, Brüder, nur den Einen,
Der sich glorreich offenbart in Zweihunderten der Seinen,
Als sie durch der Heiden Segel schifften mit der Kreuzesfahne,
Und die hohen Masten bebten vor dem kleinen Wunderkahne.

Preiset die Zweihundert nicht, preiset, Brüder, nur den Einen,
Der ein gaukelnd Wolkenbild ließ dem Heidenheer erscheinen,
Also daß es, wie geblendet, uns in festlich wildem Drange
Grüße bot von nah und ferne mit betäubendem Gesange.

Preiset die Zweihundert nicht, preiset, Brüder, nur den Einen,
Dem Zweihundert hier im Staub ihres Dankes Thränen weinen,
Daß er ihre Blitzgeschosse hat gelenkt zum rechten Ziele
Und des Würgers Haupt getroffen auf dem blutgetränkten Pfühle.

Preiset die Zweihundert nicht, preiset, Brüder, nur den Einen,
Der sein schreckliches Gericht ließ dem Heidenvolk erscheinen,
Also daß sie seine Wunder predigten in den Moscheen;
Denn sie sahn die Todesengel leiblich in den Wolken stehen.

Preiset die Zweihundert nicht, preiset, Brüder, nur den Einen,
Der Zweihundert kann so fest in der Liebe Gluth vereinen.
Unsre trocknen Waffen legen wir am Hochaltare nieder.
Herr, ist dein Gericht vollendet? - Winke, und wir segeln wieder!