Nietzsche

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Inhalt

Biografie

                     Das Feuerzeichen

Hier, wo zwischen Meeren die Insel wuchs,
ein Opferstein jäh hinaufgethürmt,
hier zündet sich unter schwarzem Himmel
Zarathustra seine Höhenfeuer an,
Feuerzeichen für verschlagne Schiffer,
Fragezeichen für Solche, die Antwort haben...

Die Flamme mit weissgrauem Bauche
- in kalte Fernen züngelt ihre Gier,
nach immer reineren Höhn biegt sie den Hals -
eine Schlange gerad aufgerichtet vor Ungeduld:
dieses Zeichen stellte ich vor mich hin.

Meine Seele selber ist diese Flamme,
unersättlich nach neuen Fernen
loder aufwärts, aufwärts ihre stille Gluth.
Was floh Zarathustra vor Thier und Menschen?
Was entlief er jäh allem festen Lande?
Sechs Einsamkeiten kennt er schon -,
aber das Meer selbst war nicht genug ihm einsam,
die Insel liess ihn steigen, auf dem Berg wurde er zur Flamme,
nach einer siebenten Einsamkeit
wirft er suchend jetzt die Angel über sein Haupt.

Verschlagne Schiffer! Trümmer alter Sterne!
Ihr Meere der Zukunft! Unausgeforschte Himmel!
nach allem Einsamen werfe ich jetzt die Angel:
gebt Antwort auf die Ungeduld der Flamme,
fangt mir, dem Fischer auf hohen Bergen,
meine siebente letzte Einsamkeit! - -



        Die Sonne sinkt

1.

Nicht lange durstest du noch,
    verbranntes Herz!
Verheissung ist in der Luft,
aus unbekannten Mündern bläst mich's an
    - die grosse Kühle kommt...

Meine Sonne stand heiss über mir im Mittage:
seid mir gegrüsst, dass ihr kommt
    ihr plötzlichen Winde
ihr kühlen Geister des Nachmittags!
Die Luft geht fremd und rein.
Schielt nicht mit schiefem
    Verführerblick
die Nacht mich an?...
Bleib stark, mein tapfres Herz!
Frag nicht: warum? -

2.

Tag meines Lebens!
gen Abend gehts!
Schon glüht dein Auge
    halbgebrochen,
schon quillt deines Thaus
    Thränengeträufel,
schon läuft still über weisse Meere
deiner Liebe Purpur,
deine letzte zögernde Seligkeit...

3.

Heiterkeit, güldene, komm!
    du des Todes
heimlichster süssester Vorgenuss!
- Lief ich zu rasch meines Wegs?
Jetzt erst, wo der Fuss müde ward,
    holt dein Blick mich noch ein,
    holt dein Glück mich noch ein.

Rings nur Welle und Spiel.
    Was je schwer war,
sank in blaue Vergessenheit,
müssig steht nun mein Kahn.
Sturm und Fahrt - wie verlernt er das!
    Wunsch und Hoffen ertrank,
    glatt liegt Seele und Meer.

Siebente Einsamkeit!
    Nie empfand ich
näher mir süsse Sicherheit,
wärmer der Sonne Blick.
- Glüht nicht das Eis meiner Gipfel noch?
    Silbern, leicht, ein Fisch
    Schwimmt nun mein Nachen hinaus...



           Klage der Ariadne

Wer wärmt mich, wer liebt mich noch?
    Gebt heisse Hände!
    gebt Herzens-Kohlenbecken!
Hingestreckt, schaudernd,
Halbtodtem gleich, dem man die Füsse wärmt,
geschüttelt ach! von unbekannten Fiebern,
zitternd vor spitzen eisigen Frostpfeilen,
    von dir gejagt, Gedanke!
Unnennbarer! Verhüllter! Entsetzlicher!
    Du Jäger hinter Wolken!
Darnieder geblitzt von dir,
du höhnisch Auge, das mich aus Dunklem anblickt!
    So liege ich,
biege mich, winde mich, gequält
von allen ewigen Martern,
    getroffen
von dir, grausamster Jäger,
du unbekannter - Gott...

Triff tiefer!
Triff Ein Mal noch!
Zerstich, zerbrich dies Herz!
Was soll dies Martern
mit zähnestumpfen Pfeilen?
Was blickst du wieder
der Menschen-Qual nicht müde,
mit schadenfrohen Götter-Blitz-Augen?
Nicht tödten willst du,
nur martern, martern?
Wozu - mich martern,
du schadenfroher unbekannter Gott?

Haha!
Du schleichst heran
bei solcher Mitternacht?...
Was willst du?
Sprich!
Du drängst mich, drückst mich,
Ha! schon viel zu nahe!
Du hörst mich athmen,
du behorchst mein Herz,
du Eifersüchtiger!
    - worauf doch eifersüchtig?
Weg! Weg!
wozu die Leiter?
willst du hinein,
ins Herz, einsteigen,
in meine heimlichsten
Gedanken einsteigen?
Schamloser! Unbekannter! Dieb!
Was willst du dir erstehlen?
Was willst du dir erhorchen?
was willst du dir erfoltern,
du Folterer!
du - Henker-Gott!
Oder soll ich, dem Hunde gleich,
vor dir mich wälzen?
Hingebend, begeistert ausser mir
dir Liebe - zuwedelnd?
Umsonst!
Stich weiter!
Grausamster Stachel!
Kein Hund - dein Wild nur bin ich,
grausamster Jäger!
deine stolzeste Gefangne,
du Räuber hinter Wolken...
Sprich endlich!
Du Blitz-Verhüllter! Unbekannter! sprich!
Was willst du, Wegelagerer, von - mir?...

Wie?
Lösegeld?
Was willst du Lösegelds?
Verlange Viel - das räth mein Stolz!
und rede kurz - das räth mein andrer Stolz!
Haha!
Mich - willst du? mich?
mich - ganz?...

Haha!
Und marterst mich, Narr, der du bist,
zermarterst meinen Stolz?

Gieb Liebe mir - wer wärmt mich noch?
    wer liebt mich noch?
gieb heisse Hände,
gieb Herzens-Kohlenbecken,
gieb mir, der Einsamsten,
dein Eis, ach! siebenfaches Eis
nach Feinden selber,
nach Feinden schmachten lehrt,
gieb, ja ergieb
grausamster Feind,
mir - dich!...

Davon!
Da floh er selber,
mein einziger Genoss,
mein grosser Feind,
mein Unbekannter,
mein Henker-Gott!...

Nein!
komm zurück!
Mit allen deinen Martern!
All meine Thränen laufen
zu dir den Lauf
und meine letzte Herzensflamme
dir glüht sie auf.
Oh komm zurück,
mein unbekannter Gott! mein Schmerz!
    mein letztes Glück!...

Ein Blitz. Dionysos wird in smaragdener Schönheit sichtbar.

  Dionysos:
Sei klug, Ariadne!...
Du hast kleine Ohren, du hast meine Ohren:
steck ein kluges Wort hinein! -
Muss man sich nicht erst hassen, wenn man sich lieben soll?...
Ich bin dein Labyrinth...



        Ruhm und Ewigkeit

1.

Wie lange sitzest du schon
    auf deinem Missgeschick?
Gieb Acht! du brütest mir noch
    ein Ei,
    ein Basilisken-Ei
aus deinem langen Jammer aus.

Was schleicht Zarathustra entlang dem Berge? -

Misstrauisch, geschwürig, düster,
ein langer Lauerer -,
aber plötzlich, ein Blitz,
hell, furchtbar, ein Schlag
gen Himmel aus dem Abgrund:
- dem Berge selber schüttelt sich
das Eingeweide...

Wo Hass und Blitzstrahl
Eins ward, ein Fluch -,
auf den Bergen haust jetzt Zarathustra's Zorn,
eine Wetterwolke schleicht er seines Wegs.

Verkrieche sich, wer eine letzte Decke hat!
Ins Bett mit euch, ihr Zärtlinge!
Nun rollen Donner über die Gewölbe,
nun zittert, was Gebälk und Mauer ist,
nun zucken Blitze und schwefelgelbe Wahrheiten -
    Zarathustra flucht...

2.

Diese Münze, mit der
alle Welt bezahlt,
Ruhm -,
mit Handschuhen fasse ich diese Münze an,
mit Ekel trete ich sie unter mich.

Wer will bezahlt sein?
Die Käuflichen...
Wer feil steht, greift
mit fetten Händen
nach diesen Allerwelts-Blechklingklang Ruhm!

- Willst du sie kaufen?
sie sind Alle käuflich.
Aber biete Viel!
klingle mit vollem Beutel!
- du stärkst sie sonst,
du stärkst sonst ihre Tugend...

Sie sind Alle tugendhaft.
Ruhm und Tugend - das reimt sich.
So lange die Welt lebt,
zahlt sie Tugend-Geplapper
mit Ruhm-Geklapper -,
die Welt lebt von diesem Lärm...

Vor allen Tugendhaften
    will ich schuldig sein,
schuldig heissen mit jeder grossen Schuld!
Vor allen Ruhms-Schalltrichtern
wird mein Ehrgeiz zum Wurm -,
unter Solchen gelüstet's mich,
der Niedrigste zu sein...
Diese Münze, mit der
alle Welt bezahlt,
Ruhm -,
mit Handschuhen fasse ich diese Münze an,
mit Ekel trete ich sie unter mich.

3.

Still! -
Von grossen Dingen - ich sehe Grosses! -
soll man schweigen
oder gross reden:
rede gross, meine entzückte Weisheit!

Ich sehe hinauf -
dort rollen Lichtmeere:
- oh Nacht, oh Schweigen, oh todtenstiller Lärm!...

Ich sehe ein Zeichen -,
aus fernsten Fernen
sinkt langsam funkelnd ein Sternbild gegen mich...

4.

Höchstes Gestirn des Seins!
Ewiger Bildwerke Tafel!
Du kommst zu mir? -
Was Keiner erschaut hat,
deine stumme Schönheit, -
wie? sie flieht vor meinen Blicken nicht?

Schild der Nothwendigkeit!
Ewiger Bildwerke Tafel!
- aber du weisst es ja:
was Alle hassen,
was allein ich liebe,
dass du ewig bist!
dass du nothwendig bist!
Meine Liebe entzündet
sich ewig nur an der Nothwendigkeit.

Schild der Nothwendigkeit!
Höchstes Gestirn des Seins!
- das kein Wunsch erreicht,
das kein Nein befleckt,
ewiges Ja des Sein's,
ewig bin ich dein Ja:
denn ich liebe dich, oh Ewigkeit! - -



  Von der Armut des Reichsten

Zehn Jahre dahin -,
kein Tropfen erreichte mich,
kein feuchter Wind, kein Thau der Liebe
- ein regenloses Land...
Nun bitte ich meine Weisheit,
nicht geizig zu werden in dieser Dürre:
ströme selber über, träufle selber Thau
sei selber Regen der vergilbten Wildniss!

Einst hiess ich die Wolken
fortgehn von meinen Bergen, -
einst sprach ich "mehr Licht, ihr Dunklen!".
Heut locke ich sie, dass sie kommen:
macht dunkel um mich mit euren Eutern!
- ich will euch melken,
ihr Kühe der Höhe!
Milchwarme Weisheit, süssen Thau der Liebe
ströme ich über das Land.

Fort, fort, ihr Wahrheiten,
die ihr düster blickt!
Nicht will ich auf meinen Bergen
herbe ungeduldige Wahrheiten sehn.
Vom Lächseln vergüldet
nahe mir heut die Wahrheit,
von der Sonne gesüsst, von der Liebe gebräunt, -
eine reife Wahrheit breche ich allein vom Baum.

Heut strecke ich die Hand aus
nach den Locken des Zufalls,
klug genug, den Zufall
einem Kinde gleich zu führen, zu überlisten.
Heut will ich gastfreundlich sein
gegen Unwillkommnes,
gegen das Schicksal selbst will ich nicht stachlicht sein
- Zarathustra ist kein Igel.

Meine Seele,
unersättlich mit ihrer Zunge,
an alle guten und schlimmen Dinge hat sie schon geleckt,
in jede Tiefe tauchte sie hinab.
Aber immer gleich dem Korke,
immer schwimmt sie wieder obenauf,
sie gaukelt wie Öl über braune Meere:
dieser Seele halber heisst man mich den Glücklichen.

Wer sind mir Vater und Mutter?
Ich nicht mir Vater Prinz Überfluss
und Mutter das stille Lachen?
Erzeugte nicht dieser Beiden Ehebund
mich Räthselthier,
mich Lichtunhold,
mich Verschwender aller Weisheit Zarathustra?
Krank heute vor Zärtlichkeit,
ein Thauwind,
sitzt Zarathustra wartend, wartend auf seinen Bergen, -
im eignen Safte
süss geworden und gekocht,
unterhalb seines Gipfels,
unterhalb seines Eises,
müde und selig,
ein Schaffender an seinem siebenten Tag.

- Still!
Eine Wahrheit wandelt über mir
einer Wolke gleich, -
mit unsichtbaren Blitzen trifft sie mich.
Auf breiten langsamen Treppen
steigt ihr Glück zu mir:
komm, komm, geliebte Wahrheit!

- Still!
Meine Wahrheit ists!
Aus zögernden Augen,
aus sammtenen Schaudern
trifft mich ihr Blick,
lieblich, bös, ein Mädchenblick...
Sie errieth meines Glückes Grund,
sie errieth mich - ha! was sinnt sie aus? -
Purpurn lauert ein Drache
im Abgrunde ihres Mädchenblicks.

- Still! Meine Wahrheit redet! -
Wehe dir, Zarathustra!
Du siehst aus, wie Einer,
der Gold verschluckt hat:
man wird dir noch den Bauch aufschlitzen!...

Zu reich bist du,
du Verderber Vieler!
Zu Viele machst du neidisch,
zu Viele machst du arm...
Mir selber wirft dein Licht Schatten -
es fröstelt mich: geh weg, du Reicher,
geh, Zarathustra, weg aus deiner Sonne!...

Du möchtest schenken, wegschenken deinen Überfluss,
aber du selber bist der Überflüssigste!
Sei klug, du Reicher!
Verschenke dich selber erst, oh Zarathustra!

Zehn Jahre dahin -,
und kein Tropfen erreichte dich?
Kein feuchter Wind? kein Thau der Liebe?
Aber wer sollte dich auch lieben,
du Überreicher?
Dein Glück macht rings trocken,
macht arm an Liebe
- ein regenloses Land...

Niemand dankt dir mehr,
du aber dankst Jedem,
der von dir nimmt:
daran erkenne ich dich,
du Überreicher,
du Ärmster aller Reichen!

Du opferst dich, dich quält dein Reichthum -,
du giebst dich ab,
du schonst dich nicht, du liebst dich nicht:
die grosse Qual zwingt dich allezeit,
die Qual übervoller Scheuern, übervollen Herzens -
aber Niemand dankt dir mehr...

Du musst ärmer werden,
weiser Unweiser!
willst du geliebt sein.
Man liebt nur die Leidenden,
man giebt Liebe nur dem Hungernden:
verschenke dich selber erst, oh Zarathustra!

- Ich bin deine Wahrheit...



          Ecce homo

Ja! Ich weiß, woher ich stamme!
Ungesättigt gleich der Flamme
glühe und verzehr' ich mich.
Licht wird alles, was ich fasse,
Kohle alles, was ich lasse:
Flamme bin ich sicherlich!



   Gebet in die „Morgenröte“

Ach, so gebt doch Wahnsinn,
ihr Himmlischen,
Wahnsinn, dass ich endlich
an mich selber glaube!
Gebt Delirien und Zuckungen,
plötzliche Lichter und Finsternisse,
schreckt mich mit Frost und Glut,
wie sie kein Sterblicher noch empfand,
mit Getöse und umgebenden Gestalten,
lasst mich heulen und winseln
und wie ein Tier kriechen:
nur dass ich bei mir selber Glauben finde!



             Gruß

Ihr Vöglein in den Lüften,
Schwingt mit Gesang euch fort
Und grüßet mir den teuren,
Den lieben Heimatsort!

Ihr Lerchen, nehmt die Blüten,
Die zarten mit hinaus!
Ich schmückte sie zur Zierde
Für's teure Vaterhaus.

Du Nachtigall, o schwinge
Dich doch zu mir herab
Und nimm die Rosenknospe
Auf meines Vaters Grab!



            Heimkehr

Das war ein Tag der Schmerzen,
Als ich einst Abschied nahm;
Noch bänger war's dem Herzen,
Als ich nun wieder kam.

Der ganzen Wandrung Hoffen
Vernichtet mit einem Schlag!
O, unglücksel'ge Stunde!
O, unheilvoller Tag!

Ich habe viel geweinet
Auf meines Vaters Grab,
Und manche bittre Träne
Fiel auf die Gruft herab.

Mir ward so öd' und traurig
Im teuren Vaterhaus,
So daß ich oft bin gangen
Zum düstern Wald hinaus.

In seinen Schattenräumen
Vergaß ich allen Schmerz;
Es kam in stillen Träumen
Der Friede in mein Herz.
 
Der Jugend Blütenwonne,
Rosen und Lerchenschlag
Erschien mir, wenn ich schlummernd
Im Schatten der Eichen lag.



        Heimweh

Das milde Abendläuten
Hallet über das Feld.
Das will mir recht bedeuten,
Daß doch auf dieser Welt
Heimat und Heimatsglück
Wohl keiner je gefunden:
Der Erde kaum entwunden,
Kehr'n wir zur Erde zurück.

Wenn so die Glokken hallen,
Geht es mir durch den Sinn,
Daß wir noch Alle wallen
Zur ew'gen Heimat hin.
Glücklich, wer allezeit
Der Erde sich entringet
Und Heimatslieder singet
Von jener Seligkeit.



        Im deutschen November

Dies ist der Herbst: der - bricht dir noch das Herz!
Fliege fort! fliege fort! -
Die Sonne schleicht zum Berg
Und steigt und steigt
und ruht bei jedem Schritt.

Was ward die Welt so welk!
Auf müd gespannten Fäden spielt
Der Wind sein Lied.
Die Hoffnung floh -
Er klagt ihr nach.

Dies ist der Herbst: der - bricht dir noch das Herz.
Fliege fort! fliege fort!
Oh Frucht des Baums,
Du zitterst, fällst?
Welch ein Geheimnis lehrte dich
Die Nacht,
Daß eis'ger Schauder deine Wange,
Die purpur-Wange deckt? -

Du schweigst, antwortest nicht?
Wer redet noch? - -

Dies ist der Herbst: der - bricht dir noch das Herz.
Fliege fort! fliege fort! -
"Ich bin nicht schön
- so spricht die Sternenblume -
Doch Menschen lieb' ich
Und Menschen tröst' ich -
sie sollen jetzt noch Blumen sehn,
nach mir sich bücken
ach! und mich brechen -
in ihrem Auge glänzet dann
Erinnerung auf,
Erinnerung an Schöneres als ich: -
- ich seh's, ich seh's - und sterbe so. -

Dies ist der Herbst: der - bricht dir noch das Herz!
Fliege fort! fliege fort!



          Mädchen-Lied


Gestern, Mädchen, ward ich weise,
gestern ward ich siebzehn Jahr:-
und dem gräulichsten der Greise
gleich' ich nun - doch nicht auf's Haar!

Gestern kam mir ein Gedanke,
- ein Gedanke? Spott und Hohn!
Kam euch jemals ein Gedanke?
Ein Gefühlchen eher schon!

Selten, daß ein Weib zu denken wagt,
denn alte Weisheit spricht:
„Folgen soll das Weib, nicht lenken;
denkt sie, nun, dann folgt sie nicht.“

Was sie noch sagt, glaubt' ich nimmer;
wie ein Floh, so springt's, so sticht's!
„Selten denkt das Frauenzimmer,
denkt es aber, taugt es nichts!“

Alter hergebrachter Weisheit
meine schönste Reverenz!
Hört jetzt meiner neuen Weisheit
allerneuste Quintessenz!

Gestern sprach's in mir, wie's immer
in mir sprach - nun hört mich an:
Schöner ist das Frauenzimmer,
interessanter ist - der Mann!“



Mein Herz ist wie ein See so weit …

Mein Herz ist wie ein See so weit,
Drin lacht dein Antlitz sonnenlicht
In tiefer süßer Einsamkeit,
Wo leise Well an Well sich bricht.

Ist's Nacht, ist's Tag?
Ich weiß es nicht,
Lacht doch auf mich so lieb und lind
Dein sonnenlichtes Angesicht
Und selig bin ich wie ein Kind.



        Schopenhauer

Was er lehrte, ist abgetan;
Was er lebte, wird bleiben stahn;
Seht ihn nur an -
Niemandem war er untertan!



             Venedig

An der Brücke stand
jüngst ich in brauner Nacht.
Fernher kam Gesang:
goldener Tropfen quoll's
über die zitternde Fläche weg.
Gondeln, Lichter, Musik -
trunken schwamm's in die Dämmrung hinaus
...
Meine Seele, ein Saitenspiel,
sang sich, unsichtbar berührt,
heimlich ein Gondellied dazu,
zitternd vor bunter Seligkeit.
- Hörte jemand ihr zu? ...



               Verzweiflung

Von Ferne tönt der Glokkenschlag,
Die Nacht, sie rauscht so dumpf daher.
Ich weiß nicht, was ich tuen mag;
Mein Freud' ist aus, mein Herz ist schwer.

Die Stunden fliehn gespenstisch still,
Fern tönt der Welt Gewühl, Gebraus.
Ich weiß nicht, was ich tuen will:
Mein Herz ist schwer, mein' Freud' ist aus.

So dumpf die Nacht, so schauervoll
Des Mondes bleiches Leichenlicht.
Ich weiß nicht, was ich tuen soll...
Wild rast der Sturm, ich hör' ihn nicht.

Ich hab' nicht Rast, ich hab' nicht Ruh,
Ich wandle stumm zum Strand hinaus,
Den Wogen zu, dem Grabe zu...
Mein Herz ist schwer, mein Freud' ist aus.



Allen Schaffenden geweiht

Welt-Unabtrennliche
Laßt uns sein!
Das Ewig-Männliche
Zieht uns hinein.



            Am Gletscher

Um Mittag, wenn zuerst
Der Sommer in's Gebrige steigt,
Der Knabe mit den müden, heißen Augen:
Da spricht er auch,
Doch sehen wir sein Sprechen nur.
Sein Athem quillt wie eines Kranken Athem quillt
In Fieber-Nacht.
Es geben Eisgebirg und Tann' und Quell
Ihm Antwort auch,
Doch sehen wir die Antwort nur.
Denn schneller springt vom Fels herab
Der Sturzbach wie zum Gruß
Und steht, als weiße Säule zitternd,
Sehnsüchtig da.
Und dunkler noch und treuer blickt die Tanne,
Als sonst sie blickt
Und zwischen Eis todtem Graugestein
Bricht plötzlich Leuchten aus -- --
Solch Leuchten sah ich schon: das deutet mir's. --

Auch todten Mannes Auge
Wird wohl noch Ein Mal licht,
Wenn harmvoll ihn sein Kind
Umschlingt und hält und küßt:
Noch Ein Mal quillt da wohl zurück
Des Lichtes Flamme, glühend spricht
Das todte Auge: 'Kind!
Ach Kind, du weißt, ich liebe dich!' --
Und glühend redet Alles--Eisgebirg
Und Bach und Tann --
Mit Blicken hier das selbe Wort:
'Wir lieben dich!
Ach Kind, du weißt, wir lieben, lieben dich!'

Und er,
Ker Knabe mit den müden heißen Augen,
Er küßt sie harmvoll,
Inbrünst'ger stets,
Und will nicht gehn;
Er bläst sein Wor wie Schleier nur
Von seinem Mund,
Sein schlimmes Wort
'mein Gruß ist Abschied,
mein Kommen Gehen,
ich sterbe jung.'

Da horcht es rings
Und athmet kaum:
Kein Vogel singt.
Da überläuft
Es schaudernd, wie
Ein Glitzern, das Gebirg.
Da denkt es rings --
Und schweigt -- --
Um Mittag war's,
Um Mittag, wenn zuerst
Der Sommer ins Gebirge steigt,
Der knabe mit den müden heißen Augen.



  An die deutschen Esel

Dieser braven Engeländer
Mittelmäßige Verständer
Nehmt ihr als 'Philosophie'?
Darwin neben Goethe setzen
Heißt: die Majestät verletzen --
majestatem Genii!

Aller mittelmäßigen Geister
Erster-das sei ein Meister,
Und vor ihm auf die Knie!
Höher ihn herauf zu setzen
Heißt - - -



             An Hafis

Frage eines Wassertrinkers
Die Schenke, die du dir gebaut,
       ist größer als jed Haus,
Die Tränke, die du drin gebraut,
       die trinkt die Welt nicht aus.
Der Vogel, der einst Phönix war,
       der wohnt bei dir zu Gast,
Die Maus, die einen Berg gebar,
       die-bist du selber fast!
Bist Alles und Keins, bist Schenke und Wein,
       Bist Phönix, Berg und Maus,
Fällst ewiglich in dich hinein,
       Fliegst ewig aus dir hinaus --
Bist aller Höhen Versunkenheit,
       Bist aller Tiefen Schein,
Bist aller Trunkenen Trunkenheit
       -- wozu, wozu dir-Wein?



          An Richard Wagner

Der du an jeder Fessel krandst,
Friedloser, freiheit-dürst'ger Geist,
Siegreicher stets und doch gebundener,
Verekelt mehr und mehr, zerschundener,
Bis du aus jedem Balsam Gift dir trankst --
Weh! Daß auch du am Kreuze niedersankst,
Auch du! Auch du--ein Überwundener!

Vor diesem Schauspiel steh' ich lang
Gefängniß athmend, Gram und Groll und Gruft,
Dazwischen Weihrauch-Wolken, Kirchen-Huren-Duft
Hier wird mir bang:
Dir Narrenkappe werf' ich tanzend in die Luft!
Denn ich entsprand - -



               Baum im Herbste

Was habt ihr plumpen Tölpel mich gerüttelt
Als ich in seliger Blindheit stand:
Nie hat ein Schreck grausamer mich geschüttelt
-- Mein Traum, mein goldner Traum entschwand!

Nashörner ihr mit Elephanten-Rüsseln
Macht man nicht höflich erst: Klopf! Klopf?
Vor Schrecken warf ich euch die Schüsseln
Goldreifer Früchte -- an den Kopf.



 Beim Anblick eines Schlafrocks

Kam, trotz schlumpichtem Gewande,
Einst der Deutsche zu Verstande,
Weh', wie hat sich Das gewandt!
Eingeknöpft in strenge Kleider
Überließ er seinem Schneider,
Seinem Bismarck--den Verstand!



                Das Honig-Opfer

Bringt Honig mir, eis-frischen Waben-Goldhonig!
Mit Honig opfr' ich Allem, was da schenkt,
Was gönnt, was gütig ist--: erhebt die Herzen!



  Das neue Testament

Dies das heiligste Gebet-
Wohl- und Wehe-Buch?
-- Doch an seiner Pforte steht
Gottes Ehebruch!



       Der 'ächte Deutsche'

'Ô peuple des meilleurs Tartuffes,
Ich bleibe dir treu, gewiß!'
-- Sprach's, und mit dem schnellsten Schiffe
Fuhr er nach Cosmopolis.



                  Der Einsame

Verhaßt ist mir das Folgen und das Führen.
Gehorchen? Nein! Und aber nein - Regieren!
Wer sich nicht schrecklich ist, macht niemand Schrecken:
Und nur wer Schrecken macht, kann andre führen.
Verhaßt ist mirs schon, selber mich zu führen!
Ich liebe es, gleich Wald- und Meerestieren,
mich für ein gutes Weilchen zu verlieren,
in holder Irrnis grüblerisch zu hocken,
von ferne her mich endlich heimzulocken,
mich selber zu mir selber - zu verführen.



             Der Einsiedler spricht

Gedanken haben? Gut!-- so sind sie mein Besitz.
Doch sich Gedanken machen, --das verlernt' ich gern!
Wer sich Gedanken macht--der ist besessen
und dienen will ich nimmer und nie.



            Die Bösen liebend

Ihr fürchtet mich?
Ihr fürchtet den gespannten Bogen?
Wehe, es könnte Einer seinen Pfeil darauf legen!
Ach, meine Freunde?
Wohin ist, was man gut hieß!
Wohin sind alle 'Guten'!
Wohin, wohin ist die Unschuld aller dieser Lügen!

Die einst den Menschen schauten
so sehr Gott als Bock

Der Dichter, der lügen kann
wissentlich, willentlich
Der kann allein Wahrheit reden

'Der Mensch ist böse'
so sprachen noch alle Weisesten —
mir zum Troste.

sündlich-gesund und schön
gleich buntgefleckten Raubthieren

wer gleich Katzen und Räubern
in der Wildniß heimisch ist,
und durch Fenster springt

was still starr kalt glatt macht,
was zum Bilde und zur Säule macht,
was man vor Tempeln aufstellt,
zur Schau aufstellt
      - Tugend -?

steht er röther schlechter That sich schämend, - - -



              Die Weltmüden

denkendere Zeiten, zerdachtere Zeiten
als unser Heut und Gestern ist

ohne Weiber, schlecht genährt
und ihren Nabel beschauend
-- des Schmutzes Holde
Übelriechende!
also erfanden sie sich die Wollust Gottes

bei bedecktem Himmel
wo man Pfeile und tödtende Gedanken
nach seinen Feinden schießt,
da verleumdeten sie die Glücklichen
sie lieben ach! und werden nicht geliebt
sie zerfleischen sich selber
weil Niemand sie umarmen will.

ihr Verzweifelnden! wie viel Muth
macht ihr denen, die euch zuschauen!

sie verlernten Fleisch essen,
mit Weiblein spielen,
-- sie härmten sich über die Maaßen.

wie sicher ist dem Unstäten auch
ein Gefängniß!
Wie ruhig schlafen die Seelen
eingefangner Verbrecher!
Am Gewissen leiden nur
Gewissenhafte!



           Entschluß

Will weise sein, weil's mir gefällt
Und noch nach eignem Ruf.
Ich lobe Gott, weil Gott die Welt
So dumm als möglich schuf.

Und wenn ich selber meine Bahn
So krumm als möglich lauf' --
Der Weiseste fieng damit an,
Der Narr--hört damit auf.



            Jenseits der Zeit

Diese Zeit ist wie ein krankes Weib
laßt sie nur schreien, rasen, schimpfen und Tisch und Teller zerbrechen.

umhergetrieben, aufgewirbelt
-- auf allen Oberflächen habt ihr schon gesessen,
auf allen eiteln Spiegeln schon geschlafen
-- Staub

solche macht man mit Gründen mißtrauisch
mit erhabnen Gebärden überzeugt man sie

Zurück! Ihr folgt mir zu nahe auf den Füßen!
Zurück, daß meine Wahrheit euch nicht den Kopf zertrete!

erreglich gleich greisen Völkern
an Gehirn und Schamtheilen

außer sich, dem Hunde gleich, vor Hingebung



       Lob der Armut

Den Sträflingen des Reichthums,
deren Gedanken kalt
wie Ketten klirren, gilt mein Lied



               Schafe

Den Adler seht! sehnsüchtig starr
blickt er hinab in den Abgrund,
in seinen Abgrund, der sich dort
in immer tiefere Tiefen ringelt!
Plötzlich, geraden Flugs,
scharfen Zugs
stürzt er auf seine Beute.
Glaubt ihr wohl, daß es Hunger ist?
Eingeweiden-Armut? —
Und auch Liebe ist es nicht
— was ist ein Lamm einem Adler!
er haßt die Schafe
Also stürze ich mich
abwärts, sehnsüchtig,
auf diese Lämmer-Heerden
zerreißend, blutträufend,
Hohn gegen die Gemächlichen
Wuth gegen Lämmer-Dummheit - - -

steht er röther schlechter That sich schämend, - - -



          Sonnen-Bosheit

Bei abgehellter Luft,
Wenn schon des Thaus Tröstung
Zur Erde nieder quillt,
Unsichtbar, auch ungehört — denn zartes Schuh werk trägt
Der Tröster Thau, gleich allen Milden —
Gedenkst du da, gedenkst du, heißes herz,
Wie einst du durstetest,
Nach himmlischem Thaugeträufel
Versengt und müde durstetest,
Dieweil auf sanften Gras-Pfaden
Schweigsam abendliche Sonnenblicke
Durch dunkle Bäume um dich liefen,
Boshafte Sonnen-Gluthblicke,
So aber fragte dich die Sonne schweigend:
Was trägst du Narr
Eine zerrissene Larve?
Eine Götter-Larve? Wem rissest du sie vom Gesichte?
Schämst du dich nicht, unter Menschen nach Göttern
lüstern hinauszuschnüffeln?
Wie oft schon!

Der Wahrheit Freier? also stöhnte ich —
Nein! Nur ein Dichter!
Nach Larven lüstern, selbst verkleidet.
Zerrissene Larve selber! Götter-Larventrug!

Bei abgehellter Luft,
wenn schon des Monds Sichel
grün zwischen Purpurröthen
und neidisch hinschleicht
— mit jedem Schritte heimlich
an Rosen-Hängematten
hinsichelnd bis sie sinken
nacht abwärts blaß versinken
da wird er röther.

steht er röther schlechter That sich schämend, - - -