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Der Antritt des neuen Jahrhunderts An ***
Edler Freund! Wo öffnet sich dem Frieden, Wo der Freiheit sich ein Zufluchtsort? Das Jahrhundert ist im Sturm geschieden, Und das neue öffnet sich mit Mord.
Und das Band der Länder ist gehoben, Und die alten Formen stürzen ein; Nicht das Weltmeer hemmt des Krieges Toben, Nicht der Nilgott und der alte Rhein.
Zwo gewaltge Nationen ringen Um der Welt alleinigen Besitz, Aller Länder Freiheit zu verschlingen, Schwingen sie den Dreizack und den Blitz.
Gold muß ihnen jede Landschaft wägen, Und wie Brennus in der rohen Zeit Legt der Franke seinen ehrnen Degen In die Waage der Gerechtigkeit.
Seine Handelsflotten streckt der Brite Gierig wie Polypenarme aus, Und das Reich der freien Amphitrite Will er schließen wie sein eignes Haus.
Zu des Südpols nie erblickten Sternen Dringt sein rastlos ungehemmter Lauf, Alle Inseln spürt er, alle fernen Küsten - nur das Paradies nicht auf.
Ach umsonst auf allen Länderkarten Spähst du nach dem seligen Gebiet, Wo der Freiheit ewig grüner Garten, Wo der Menschheit schöne Jugend blüht.
Endlos liegt die Welt vor deinen Blicken, Und die Schiffahrt selbst ermißt sie kaum, Doch auf ihrem unermeßnen Rücken Ist für zehen Glückliche nicht Raum.
In des Herzens heilig stille Räume Mußt du fliehen aus des Lebens Drang, Freiheit ist nur in dem Reich der Träume, Und das Schöne blüht nur im Gesang.
Das Mädchen von Orleans
Das edle Bild der Menschheit zu verhöhnen, Im tiefsten Staube wälzte dich der Spott, Krieg führt der Witz auf ewig mit dem Schönen, Er glaubt nicht an den Engel und den Gott, Dem Herzen will er seine Schätze rauben, Den Wahn bekriegt er und verletzt den Glauben.
Doch, wie du selbst, aus kindlichem Geschlechte, Selbst eine fromme Schäferin wie du, Reicht dir die Dichtkunst ihre Götterrechte, Schwingt sich mit dir den ewgen Sternen zu, Mit einer Glorie hat sie dich umgeben, Dich schuf das Herz, du wirst unsterblich leben.
Es liebt die Welt, das Strahlende zu schwärzen Und das Erhabne in den Staub zu ziehn, Doch fürchte nicht! Es gibt noch schöne Herzen, Die für das Hohe, Herrliche entglühn, Den lauten Markt mag Momus unterhalten, Ein edler Sinn liebt edlere Gestalten.
An die Freunde
Lieben Freunde! Es gab schönre Zeiten Als die unsern - das ist nicht zu streiten! Und ein edler Volk hat einst gelebt. Könnte die Geschichte davon schweigen, Tausend Steine würden redend zeugen, Die man aus dem Schoß der Erde gräbt. Doch es ist dahin, es ist verschwunden, Dieses hochbegünstigte Geschlecht. Wir, wir leben! Unser sind die Stunden, Und der Lebende hat recht.
Freunde! Es gibt glücklichere Zonen Als das Land, worin wir leidlich wohnen, Wie der weitgereiste Wandrer spricht. Aber hat Natur uns viel entzogen, War die Kunst uns freundlich doch gewogen, Unser Herz erwarmt an ihrem Licht. Will der Lorbeer hier sich nicht gewöhnen, Wird die Myrte unsers Winters Raub, Grünet doch, die Schläfe zu bekrönen, Uns der Rebe muntres Laub.
Wohl von größerm Leben mag es rauschen, Wo vier Welten ihre Schätze tauschen, An der Themse, auf dem Markt der Welt. Tausend Schiffe landen an und gehen, Da ist jedes Köstliche zu sehen, Und es herrscht der Erde Gott, das Geld. Aber nicht im trüben Schlamm der Bäche, Der von wilden Regengüssen schwillt, Auf des stillen Baches ebner Fläche Spiegelt sich das Sonnenbild.
Prächtiger als wir in unserm Norden Wohnt der Bettler an der Engelspforten, Denn er sieht das ewig einzge Rom! Ihn umgibt der Schönheit Glanzgewimmel, Und ein zweiter Himmel in den Himmel Steigt Sankt Peters wunderbarer Dom. Aber Rom in allem seinem Glanze Ist ein Grab nur der Vergangenheit, Leben duftet nur die frische Pflanze, Die die grüne Stunde streut.
Größres mag sich anderswo begeben, Als bei uns in unserm kleinen Leben, Neues - hat die Sonne nie gesehn. Sehn wir doch das Große aller Zeiten Auf den Brettern, die die Welt bedeuten, Sinnvoll, still an uns vorübergehn. Alles wiederholt sich nur im Leben, Ewig jung ist nur die Phantasie, Was sich nie und nirgends hat begeben, Das allein veraltet nie!
Thekla
Eine Geisterstimme
Wo ich sei, und wo mich hingewendet, Als mein flüchtger Schatte dir entschwebt? Hab ich nicht beschlossen und geendet, Hab ich nicht geliebet und gelebt?
Willst du nach den Nachtigallen fragen, Die mit seelenvoller Melodie Dich entzückten in des Lenzes Tagen? Nur solang sie liebten, waren sie.
Ob ich den Verlorenen gefunden? Glaube mir, ich bin mit ihm vereint, Wo sich nicht mehr trennt, was sich verbunden, Dort, wo keine Träne wird geweint.
Dorten wirst auch du uns wiederfinden, Wenn dein Lieben unserm Lieben gleicht; Dort ist auch der Vater, frei von Sünden, Den der blutge Mord nicht mehr erreicht.
Und er fühlt, daß ihn kein Wahn betrogen, Als er aufwärts zu den Sternen sah; Denn wie jeder wägt, wird ihm gewogen, Wer es glaubt, dem ist das Heilge nah.
Wort gehalten wird in jenen Räumen Jedem schönen gläubigen Gefühl; Wage du, zu irren und zu träumen: Hoher Sinn liegt oft in kindschem Spiel.
Die vier Weltalter
Wohl perlet im Glase der purpurne Wein, Wohl glänzen die Augen der Gäste, Es zeigt sich der Sänger, er tritt herein, Zu dem Guten bringt er das Beste, Denn ohne die Leier im himmlischen Saal Ist die Freude gemein auch beim Nektarmahl.
Ihm gaben die Götter das reine Gemüt, Wo die Welt sich, die ewige, spiegelt, Er hat alles gesehn, was auf Erden geschieht, Und was uns die Zukunft versiegelt, Er saß in der Götter urältestem Rat Und behorchte der Dinge geheimste Saat.
Er breitet es lustig und glänzend aus, Das zusammengefaltete Leben, Zum Tempel schmückt er das irdische Haus, Ihm hat es die Muse gegeben, Kein Dach ist so niedrig, keine Hütte so klein, Er fuhrt einen Himmel voll Götter hinein.
Und wie der erfindende Sohn des Zeus Auf des Schildes einfachem Runde Die Erde, das Meer und den Sternenkreis Gebildet mit göttlicher Kunde, So drückt er ein Bild des unendlichen All In des Augenblicks flüchtig verrauschenden Schall.
Er kommt aus dem kindlichen Alter der Welt, Wo die Völker sich jugendlich freuten, Er hat sich, ein fröhlicher Wandrer, gesellt Zu allen Geschlechtern und Zeiten. Vier Menschenalter hat er gesehn Und läßt sie am fünften vorübergehn.
Erst regierte Saturnus schlicht und gerecht, Da war es heute wie morgen, Da lebten die Hirten, ein harmlos Geschlecht, Und brauchten für gar nichts zu sorgen, Sie liebten und taten weiter nichts mehr, Die Erde gab alles freiwillig her.
Drauf kam die Arbeit, der Kampf begann Mit Ungeheuern und Drachen, Und die Helden fingen, die Herrscher an, Und den Mächtigen suchten die Schwachen, Und der Streit zog in des Skamanders Feld, Doch die Schönheit war immer der Gott der Welt.
Aus dem Kampf ging endlich der Sieg hervor, Und der Kraft entblühte die Milde, Da sangen die Musen im himmlischen Chor, Da erhuben sich Göttergebilde! Das Alter der göttlichen Phantasie, Es ist verschwunden, es kehret nie.
Die Götter sanken vom Himmelsthron, Es stürzten die herrlichen Säulen, Und geboren wurde der Jungfrau Sohn, Die Gebrechen der Erde zu heilen, Verbannt ward der Sinne flüchtige Lust, Und der Mensch griff denkend in seine Brust.
Und der eitle, der üppige Reiz entwich, Der die frohe Jugendwelt zierte, Der Mönch und die Nonne zergeißelten sich, Und der eiserne Ritter turnierte. Doch war das Leben auch finster und wild, So blieb doch die Liebe lieblich und mild.
Und einen heiligen, keuschen Altar Bewahrten sich stille die Musen, Es lebte, was edel und sittlich war, In der Frauen züchtigem Busen, Die Flamme des Liedes entbrannte neu An der schönen Minne und Liebestreu.
Drum soll auch ein ewiges zartes Band Die Frauen, die Sänger umflechten, Sie wirken und weben Hand in Hand Den Gürtel des Schönen und Rechten. Gesang und Liebe in schönem Verein, Sie erhalten dem Leben den Jugendschein.
Kassandra
Freude war in Trojas Hallen, Eh die hohe Feste fiel, Jubelhymnen hört man schallen In der Saiten goldnes Spiel. Alle Hände ruhen müde Von dem tränenvollen Streit, Weil der herrliche Pelide Priams schöne Tochter freit.
Und geschmückt mit Lorbeerreisern, Festlich wallet Schar auf Schar Nach der Götter heilgen Häusern, Zu des Thymbriers Altar. Dumpferbrausend durch die Gassen Wälzt sich die bacchantsche Lust, Und in ihrem Schmerz verlassen War nur eine traurge Brust.
Freudlos in der Freude Fülle, Ungesellig und allein, Wandelte Kassandra stille In Apollos Lorbeerhain. In des Waldes tiefste Gründe Flüchtete die Seherin, Und sie warf die Priesterbinde Zu der Erde zürnend hin:
"Alles ist der Freude offen Alle Herzen sind beglückt, Und die alten Eltern hoffen, Und die Schwester steht geschmückt. Ich allein muß einsam trauern, Denn mich flieht der süße Wahn, Und geflügelt diesen Mauern Seh ich das Verderben nahn.
Eine Fackel seh ich glühen, Aber nicht in Hymens Hand, Nach den Wolken seh ichs ziehen, Aber nicht wie Opferbrand. Feste seh ich froh bereiten, Doch im ahnungsvollen Geist Hör ich schon des Gottes Schreiten, Der sie jammervoll zerreißt.
Und sie schelten meine Klagen, Und sie höhnen meinen Schmerz, Einsam in die Wüste tragen Muß ich mein gequältes Herz, Von den Glücklichen gemieden Und den Fröhlichen ein Spott! Schweres hast du mir beschieden, Pythischer, du arger Gott!
Dein Orakel zu verkünden, Warum warfest du mich hin In die Stadt der ewig Blinden Mit dem aufgeschloßnen Sinn? Warum gabst du mir zu sehen, Was ich doch nicht wenden kann' Das Verhängte muß geschehen, Das Gefürchtete muß nahn.
Frommts, den Schleier aufzuheben, Wo das nahe Schrecknis droht? Nur der Irrtum ist das Leben, Und das Wissen ist der Tod. Nimm, o nimm die traurge Klarheit, Mir vom Aug den blutgen Schein, Schrecklich ist es, deiner Wahrheit Sterbliches Gefäß zu sein.
Meine Blindheit gib mir wieder Und den fröhlich dunkeln Sinn, Nimmer sang ich freudge Lieder, Seit ich deine Stimme bin. Zukunft hast du mir gegeben, Doch du nahmst den Augenblick, Nahmst der Stunde fröhlich Leben, Nimm dein falsch Geschenk zurück!
Nimmer mit dem Schmuck der Bräute Kränzt ich mir das duftge Haar, Seit ich deinem Dienst mich weihte An dem traurigen Altar. Meine Jugend war nur Weinen, Und ich kannte nur den Schmerz, Jede herbe Not der Meinen Schlug an mein empfindend Herz.
Fröhlich seh ich die Gespielen, Alles um mich lebt und liebt In der Jugend Lustgefühlen, Mir nur ist das Herz getrübt. Mir erscheint der Lenz vergebens, Der die Erde festlich schmückt, Wer erfreute sich des Lebens, Der in seine Tiefen blickt!
Selig preis ich Polyxenen In des Herzens trunkenem Wahn, Denn den besten der Hellenen Hofft sie bräutlich zu umfahn. Stolz ist ihre Brust gehoben, Ihre Wonne faßt sie kaum, Nicht euch Himmlische dort oben Neidet sie in ihrem Traum.
Und auch ich hab ihn gesehen, Den das Herz verlangend wählt, Seine schönen Blicke flehen, Von der Liebe Glut beseelt. Gerne möcht ich mit dem Gatten In die heimsche Wohnung ziehn, Doch es tritt ein stygscher Schatten Nächtlich zwischen mich und ihn.
Ihre bleichen Larven alle Sendet mir Proserpina, Wo ich wandre, wo ich walle, Stehen mir die Geister da. In der Jugend frohe Spiele Drängen sie sich grausend ein, Ein entsetzliches Gewühle, Nimmer kann ich fröhlich sein.
Und den Mordstahl seh ich blinken Und das Mörderauge glühn, Nicht zur Rechten, nicht zur Linken Kann ich vor dem Schrecknis fliehn, Nicht die Blicke darf ich wenden, Wissend, schauend, unverwandt Muß ich mein Geschick vollenden, Fallend in dem fremden Land."-
Und noch hallen ihre Worte, Horch! da dringt verworrner Ton Fernher aus des Tempels Pforte, Tot lag Thetis' großer Sohn! Eris schüttelt ihre Schlangen, Alle Götter fliehn davon, Und des Donners Wolken hangen Schwer herab auf Ilion.
Die Gunst des Augenblicks
Und so finden wir uns wieder In dem heitern bunten Reihn, Und es soll der Kranz der Lieder Frisch und grün geflochten sein.
Aber wem der Götter bringen Wir des Liedes ersten Zoll? Ihn vor allen laßt uns singen, Der die Freude schaffen soll.
Denn was frommt es, daß mit Leben Ceres den Altar geschmückt? Daß den Purpursaft der Reben Bacchus in die Schale drückt?
Zückt vom Himmel nicht der Funken, Der den Herd in Flammen setzt, Ist der Geist nicht feuertrunken, Und das Herz bleibt unergetzt.
Aus den Wolken muß es fallen, Aus der Götter Schoß das Glück, Und der mächtigste von allen Herrschern ist der Augenblick.
Von dem allerersten Werden Der unendlichen Natur Alles Göttliche auf Erden Ist ein Lichtgedanke nur.
Langsam in dem Lauf der Horen Füget sich der Stein zum Stein, Schnell, wie es der Geist geboren, Will das Werk empfunden sein.
Wie im hellen Sonnenblicke Sich ein Farbenteppich webt, Wie auf ihrer bunten Brücke Iris durch den Himmel schwebt,
So ist jede schöne Gabe Flüchtig wie des Blitzes Schein, Schnell in ihrem düstern Grabe Schließt die Nacht sie wieder ein.
Die Antiken zu Paris
Was der Griechen Kunst erschaffen, Mag der Franke mit den Waffen Führen nach der Seine Strand, Und in prangenden Museen Zeig er seine Siegstrophäen Dem erstaunten Vaterland!
Ewig werden sie ihm schweigen, Nie von den Gestellen steigen In des Lebens frischen Reihn. Der allein besitzt die Musen, Der sie trägt im warmen Busen, Dem Vandalen sind sie Stein.
Sehnsucht
Ach, aus dieses Tales Gründen, Die der kalte Nebel drückt, Könnt ich doch den Ausgang finden, Ach wie fühlt ich mich beglückt! Dort erblick ich schöne Hügel, Ewig jung und ewig grün! Hätt ich Schwingen, hätt ich Flügel, Nach den Hügeln zög ich hin.
Harmonien hör ich klingen, Töne süßer Himmelsruh, Und die leichten Winde bringen Mir der Düfte Balsam zu, Goldne Früchte seh ich glühen, Winkend zwischen dunkelm Laub, Und die Blumen, die dort blühen, Werden keines Winters Raub.
Ach wie schön muß sichs ergehen Dort im ewgen Sonnenschein, Und die Luft auf jenen Höhen, O wie labend muß sie sein! Doch mir wehrt des Stromes Toben, Der ergrimmt dazwischen braust, Seine Wellen sind gehoben, Daß die Seele mir ergraust.
Einen Nachen seh ich schwanken, Aber ach! der Fährmann fehlt. Frisch hinein und ohne Wanken, Seine Segel sind beseelt. Du mußt glauben, du mußt wagen, Denn die Götter leihn kein Pfand, Nur ein Wunder kann dich tragen In das schöne Wunderland.
Dem Erbprinzen von Weimar
als er nach Paris reiste In einem freundschaftlichen Zirkel gesungen
So bringet denn die letzte volle Schale Dem lieben Wandrer dar, Der Abschied nimmt von diesem stillen Tale, Das seine Wiege war.
Er reißt sich aus den väterlichen Hallen, Aus lieben Armen los, Nach jener stolzen Bürgerstadt zu wallen, Vom Raub der Länder groß.
Die Zwietracht flieht, die Donnerstürme schweigen, Gefesselt ist der Krieg, Und in den Krater darf man niedersteigen, Aus dem die Lava stieg.
Dich führe durch das wild bewegte Leben Ein gnädiges Geschick, Ein reines Herz hat dir Natur gegeben, O bring es rein zurück.
Die Länder wirst du sehen, die das wilde Gespann des Kriegs zertrat, Doch lächelnd grüßt der Friede die Gefilde Und streut die goldne Saat.
Den alten Vater Rhein wirst du begrüßen, Der deines großen Ahns Gedenken wird, solang sein Strom wird fließen Ins Bett des Ozeans.
Dort huldige des Helden großen Manen Und opfere dem Rhein, Dem alten Grenzenhüter der Germanen, Von seinem eignen Wein,
Daß dich der vaterländsche Geist begleite, Wenn dich das schwanke Brett Hinüberträgt auf jene linke Seite, Wo deutsche Treu vergeht.
Die deutsche Muse
Kein Augustisch Alter blühte, Keines Mediceers Güte Lächelte der deutschen Kunst, Sie ward nicht gepflegt vom Ruhme, Sie entfaltete die Blume Nicht am Strahl der Fürstengunst.
Von dem größten deutschen Sohne, Von des großen Friedrichs Throne Ging sie schutzlos, ungeehrt. Rühmend darfs der Deutsche sagen, Höher darf das Herz ihm schlagen: Selbst erschuf er sich den Wert.
Darum steigt in höherm Bogen, Darum strömt in vollern Wogen Deutscher Barden Hochgesang, Und in eigner Fülle schwellend Und aus Herzens Tiefen quellend, Spottet er der Regeln Zwang.
Amalia
Schön wie Engel, voll Walhallas Wonne, Schön vor allen Jünglingen war er, Himmlisch mild sein Blick wie Maiensonne, Rückgestrahlt vom blauen Spiegelmeer.
Seine Küsse - paradiesisch Fühlen! Wie zwo Flammen sich ergreifen, wie Harfentöne ineinanderspielen Zu der himmelvollen Harmonie -
Stürzten, flogen, schmolzen Geist und Geist zusammen, Lippen, Wangen brannten, zitterten, Seele rann in Seele - Erd und Himmel schwammen Wie zerronnen um die Liebenden!
Er ist hin - vergebens, ach vergebens Stöhnet ihm der bange Seufzer nach! Er ist hin, und alle Lust des Lebens Wimmert hin in ein verlornes Ach!
Zenith und Nadir
Wo du auch wandelst im Raum, es knüpft dein Zenith und Nadir An den Himmel dich an, dich an die Achse der Welt. Wie du auch handelst in dir, es berühre den Himmel der Wille, Durch die Achse der Welt gehe die Richtung der Tat.
Das Spiel des Lebens
Wollt ihr in meinen Kasten sehn? Des Lebens Spiel, die Welt im kleinen, Gleich soll sie eurem Aug erscheinen; Nur müßt ihr nicht zu nahe stehn, Ihr müßt sie bei der Liebe Kerzen Und nur bei Amors Fackel sehn.
Schaut her! Nie wird die Bühne leer: Dort bringen sie das Kind getragen, Der Knabe hüpft, der Jüngling stürmt einher, Es kämpft der Mann, und alles will er wagen.
Ein jeglicher versucht sein Glück, Doch schmal nur ist die Bahn zum Rennen: Der Wagen rollt, die Achsen brennen, Der Held drängt kühn voran, der Schwächling bleibt zurück, Der Stolze fällt mir lächerlichem Falle, Der Kluge überholt sie alle.
Die Frauen seht ihr an den Schranken stehn, Mit holdem Blick, mit schönen Händen Den Dank dem Sieger auszuspenden.
Punschlied
Vier Elemente, Innig gesellt, Bilden das Leben, Bauen die Welt.
Preßt der Zitrone Saftigen Stern, Herb ist des Lebens Innerster Kern.
Jetzt mit des Zuckers Linderndem Saft Zähmet die herbe Brennende Kraft, Gießet des Wassers Sprudelnden Schwall, Wasser umfänget Ruhig das All.
Tropfen des Geistes Gießet hinein, Leben dem Leben Gibt er allein.
Eh es verdüftet, Schöpfet es schnell, Nur wenn er glühet, Labet der Quell.
Der Pilgrim
Noch in meines Lebens Lenze War ich, und ich wandert aus, Und der Jugend frohe Tänze Ließ ich in des Vaters Haus.
All mein Erbteil, meine Habe Warf ich fröhlich glaubend hin, Und am leichten Pilgerstabe Zog ich fort mit Kindersinn.
Denn mich trieb ein mächtig Hoffen Und ein dunkles Glaubenswort, "Wandle", riefs, "der Weg ist offen, Immer nach dem Aufgang fort.
Bis zu einer goldnen Pforten Du gelangst, da gehst du ein, Denn das Irdische wird dorten Himmlisch unvergänglich sein."
Abend wards und wurde Morgen, Nimmer, nimmer stand ich still, Aber immer bliebs verborgen, Was ich suche, was ich will.
Berge lagen mir im Wege, Ströme hemmten meinen Fuß, Über Schlünde baut ich Stege, Brücken durch den wilden Fluß.
Und zu eines Stroms Gestaden Kam ich, der nach Morgen floß, Froh vertrauend seinem Faden, Werf ich mich in seinen Schoß.
Hin zu einem großen Meere Trieb mich seiner Wellen Spiel, Vor mir liegts in weiter Leere, Näher bin ich nicht dem Ziel.
Ach, kein Steg will dahin führen, Ach, der Himmel über mir Will die Erde nie berühren, Und das Dort ist niemals Hier.
Der Jüngling am Bache
An der Quelle saß der Knabe, Blumen wand er sich zum Kranz, Und er sah sie fortgerissen, Treiben in der Wellen Tanz. "Und so fliehen meine Tage Wie die Quelle rastlos hin! Und so bleichet meine Jugend, Wie die Kränze schnell verblühn!
Fraget nicht, warum ich traure In des Lebens Blütenzeit! Alles freuet sich und hoffet, Wenn der Frühling sich erneut. Aber diese tausend Stimmen Der erwachenden Natur Wecken in dem tiefen Busen Mir den schweren Kummer nur.
Was soll mir die Freude frommen, Die der schöne Lenz mir beut? Eine nur ists, die ich suche, Sie ist nah und ewig weit. Sehnend breit ich meine Arme Nach dem teuren Schattenbild, Ach, ich kann es nicht erreichen, Und das Herz bleibt ungestillt!
Komm herab, du schöne Holde, Und verlaß dein stolzes Schloß! Blumen, die der Lenz geboren, Streu ich dir in deinen Schoß. Horch, der Hain erschallt von Liedern, Und die Quelle rieselt klar! Raum ist in der kleinsten Hütte Für ein glücklich liebend Paar."
Der Graf von Habsburg
Zu Aachen in seiner Kaiserpracht, Im altertümlichen Saale, Saß König Rudolfs heilige Macht Beim festlichen Krönungsmahle. Die Speisen trug der Pfalzgraf des Rheins, Es schenkte der Böhme des perlenden Weins, Und alle die Wähler, die sieben, Wie der Sterne Chor um die Sonne sich stellt, Umstanden geschäftig den Herrscher der Welt, Die Würde des Amtes zu üben.
Und rings erfüllte den hohen Balkon Das Volk in freudgem Gedränge, Laut mischte sich in der Posaunen Ton Das jauchzende Rufen der Menge. Denn geendigt nach langem verderblichen Streit War die kaiserlose, die schreckliche Zeit, Und ein Richter war wieder auf Erden. Nicht blind mehr waltet der eiserne Speer, Nicht fürchtet der Schwache, der Friedliche mehr, Des Mächtigen Beute zu werden.
Und der Kaiser ergreift den goldnen Pokal Und spricht mit zufriedenen Blicken: "Wohl glänzet das Fest, wohl pranget das Mahl, Mein königlich Herz zu entzücken; Doch den Sänger vermiß ich, den Bringer der Lust, Der mit süßem Klang mir bewege die Brust Und mit göttlich erhabenen Lehren. So hab ichs gehalten von Jugend an, Und was ich als Ritter gepflegt und getan, Nicht will ichs als Kaiser entbehren."
Und sieh! in der Fürsten umgebenden Kreis Trat der Sänger im langen Talare, Ihm glänzte die Locke silberweiß, Gebleicht von der Fülle der Jahre. "Süßer Wohllaut schläft in der Saiten Gold, Der Sänger singt von der Minne Sold, Er preiset das Höchste, das Beste, Was das Herz sich wünscht, was der Sinn begehrt, Doch sage, was ist des Kaisers wert An seinem herrlichsten Feste?"
"Nicht gebieten werd ich dem Sänger", spricht Der Herrscher mit lächelndem Munde, "Er steht in des größeren Herren Pflicht, Er gehorcht der gebietenden Stunde: Wie in den Lüften der Sturmwind saust, Man weiß nicht, von wannen er kommt und braust, Wie der Quell aus verborgenen Tiefen, So des Sängers Lied aus dem Innern schallt Und wecket der dunkeln Gefühle Gewalt, Die im Herzen wunderbar schliefen."
Und der Sänger rasch in die Saiten fällt Und beginnt sie mächtig zu schlagen: "Aufs Weidwerk hinaus ritt ein edler Held, Den flüchtigen Gemsbock zu jagen. Ihm folgte der Knapp mit dem Jägergeschoß, Und als er auf seinem stattlichen Roß In eine Au kommt geritten, Ein Glöcklein hört er erklingen fern, Ein Priester wars mit dem Leib des Herrn, Voran kam der Mesner geschritten.
Und der Graf zur Erde sich neiget hin, Das Haupt mit Demut entblößet, Zu verehren mit glaubigem Christensinn, Was alle Menschen erlöset. Ein Bächlein aber rauschte durchs Feld, Von des Gießbachs reißenden Fluten geschwellt, Das hemmte der Wanderer Tritte, Und beiseit legt jener das Sakrament, Von den Füßen zieht er die Schuhe behend, Damit er das Bächlein durchschritte.
›Was schaffst du?‹ redet der Graf ihn an, Der ihn verwundert betrachtet. ›Herr, ich walle zu einem sterbenden Mann, Der nach der Himmelskost schmachtet. Und da ich mich nahe des Baches Steg, Da hat ihn der strömende Gießbach hinweg Im Strudel der Wellen gerissen. Drum daß dem Lechzenden werde sein Heil, So will ich das Wässerlein jetzt in Eil Durchwaten mit nackenden Füßen.‹
Da setzt ihn der Graf auf sein ritterlich Pferd Und reicht ihm die prächtigen Zäume, Daß er labe den Kranken, der sein begehrt, Und die heilige Pflicht nicht versäume. Und er selber auf seines Knappen Tier Vergnüget noch weiter des Jagens Begier, Der andre die Reise vollführet, Und am nächsten Morgen, mit dankendem Blick, Da bringt er dem Grafen sein Roß zurück, Bescheiden am Zügel geführet.
›Nicht wolle das Gott‹, rief mit Demutsinn Der Graf ›daß zum Streiten und Jagen Das Roß ich beschritte fürderhin, Das meinen Schöpfer getragen! Und magst dus nicht haben zu eignem Gewinst, So bleib es gewidmet dem göttlichen Dienst, Denn ich hab es dem ja gegeben, Von dem ich Ehre und irdisches Gut Zu Lehen trage und Leib und Blut Und Seele und Atem und Leben.‹
›So mög Euch Gott, der allmächtige Hort, Der das Flehen der Schwachen erhöret Zu Ehren Euch bringen hier und dort, So wie Ihr jetzt ihn geehret. Ihr seid ein mächtiger Graf, bekannt Durch ritterlich Walten im Schweizerland, Euch blühn sechs liebliche Töchter. So mögen sie‹, rief er begeistert aus, ›Sechs Kronen Euch bringen in Euer Haus Und glänzen die spätsten Geschlechter!‹"
Und mit sinnendem Haupt saß der Kaiser da Als dächt er vergangener Zeiten, Jetzt, da er dem Sänger ins Auge sah, Da ergreift ihn der Worte Bedeuten. Die Züge des Priesters erkennt er schnell Und verbirgt der Tränen stürzenden Quell In des Mantels purpurnen Falten. Und alles blickte den Kaiser an Und erkannte den Grafen, der das getan, Und verehrte das göttliche Walten.
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