Schubart

Seite 1

Inhalt

Biografie

  Gottes ewiger Ratschluss

Wir fielen tief, wir fielen tief;
Du hast den Fall gesehen:
Eh’ noch dein Wort der Erde rief,
Und Sonnen hieß entstehen,
Da sahst du schon der jungen Welt
Die Einfalt, das Vergnügen,
Stumm entfliegen;
Sahst Adam auf dem Distelfeld,
Und Abel blutig liegen.
Da sahst du schon dein Ebenbild
Im Menschen fast verblichen;
Sahst uns von Wahn und Laster wild,
Und weit von dir entwichen.
Sahst schon die allgemeine Fluth,
Hört'st das Geächz der Seuchen,
Und bei Leichen,
Gemordet von der Krieger Wuth,
Die Todtengräber keuchen.
Sahst schon Tyrannen in dem Sand
Die heissen Wunden schlitzen,
Und fluchend mit der bleichen Hand
Ihr Blut gen Himmel sprützen;
Sahst auf der Erde weitem Schooß
Der Höllengötzen Larven:
Dich verwarfen
Die Deinen, Blut des Säuglings floß
Beim Schall entweihter Harfen.
Sahst unter wilder Lüste Schwarm
Erstickte Menschenseelen,
Und, ach! verscheuchter Frommen Harm
In dumpfen Felsenhöhlen:
Hört'st Wuthgebrüll und Angstgeschrey,
Und aus verruchten Rachen
Spötter lachen;
Sahst Ehrsucht, Golddurst, Heuchelei,
Die Welt zur Hölle machen.
Auch sahst du, Gott! den vollen Strom
Des Bluts der Zeugen fliessen;
Sahst schon Jerusalem und Rom
Den Mord der Frommen büßen.
Doch, ach! wer deckt den Jammer auf,
Den du von deinen Höhen,
Gott! gesehen?
Wer kennt des Wahns und Lasters Lauf,
Und zählt der Erden Wehen?
Was solltest du, Weltrichter, thun?
Die Sünderwelt zerstäuben?
Die FrevIer all’ mit ihrem Thun
In Höllennächte treiben?
Du nahmst die Wag'; es blitzten schon
Von fürchterlichen Strahlen
Ihre Schalen:
Schon wägst du der Empörer Lohn,
Vernichtung oder Qualen.
Doch, eh' die Schal’ Entscheidung zückt,
So stand der Sohn am Throne,
Mit Blicken, wie die Liebe blickt,
Und sprach: O Vater! schone.
Ich will das Lamm zum Opfer seyn,
Will bluten für Verbrecher.
Schone, Rächer!
Und schenke mir, dem Bürgen, ein,
Den zorngefüllten Becher.
Da nahmst du, Gott! den Bürgen an.
Mit Mienen, hell von Gnade,
Sahst du von ferne Kanaan
Und deines Sohnes Pfade,
Gethsemane und Golgatha,
Mit Opferblut beflossen.
Ausgegossen
Wie Wasser, hing der Mittler da,
In Dunkel eingeschlossen.
Da hörtest du: »Es ist vollbracht!«
Herauf vom Hügel tönen;
Nun fühltest du der Liebe Macht,
Und liessest dich versöhnen.
Gott ist die Liebe! jauchzt die Schaar
Der Geister, stark im Meere;
Ihre Heere,
Sie sangen dir, der ist und war,
Und dem Erwürgten Ehre.
Gott ist die Liebe, Jesus ist
Die Liebe; sing's, o Sünder!
Der du so hoch begnadigt bist,
Und lehr’ es deine Kinder.
Er liebte dich von Ewigkeit;
Wir sollten ihn nicht lieben?
Den betrüben,
Der uns vom ew'gen Fluch befreit?
Nicht jede Tugend üben?
Ja, lieben lieben wollen wir
Dich ewig, Gott der Liebe!
Doch heilige, wir flehen dir,
Erst unsers Herzens Triebe!
Dann sey es, Gott! dir ganz geweiht,
Und ihm, des Weibes Samen!
Amen! Amen!
Von Ewigkeit zu Ewigkeit
Sey Ehre deinem Namen!
 


                  Kaplied

Auf, auf! ihr Brüder und seyd stark,
Der Abschiedstag ist da!
Schwer liegt er auf der Seele, schwer!
Wir sollen über Land und Meer
Ins heiße Afrika.
Ein dichter Kreis von Lieben steht,
Ihr Brüder, um uns her;
Uns knüpft so manches theure Band
An unser deutsches Vaterland,
Drum fällt der Abschied schwer.
Dem bieten graue Eltern noch
Zum letztenmal die Hand;
Den kosen Bruder, Schwester, Freund;
Und alles schweigt, und alles weint,
Todtblaß von uns gewandt.
Und wie ein Geist schlingt um den Hals
Das Liebchen sich herum:
Willst mich verlassen, liebes Herz,
Auf ewig? - und der bittre Schmerz
Macht's arme Liebchen stumm.
Ist hart - drum wirble du, Tambour,
Den Generalmarsch drein.
Der Abschied macht uns sonst zu weich,
Wir weinten kleinen Kindern gleich -
Es muß geschieden seyn.
Lebt wohl, ihr Freunde! Sehn wir uns
Vielleicht zum letztenmal;
So denkt, nicht für die kurze Zeit,
Freundschaft ist für die Ewigkeit,
Und Gott ist überall.
An Deutschlands Grenze füllen wir
Mit Erde unsre Hand
Und küssen sie - das sey der Dank
Für deine Pflege, Spels' und Trank,
Du liebes Vaterland!
Wenn dann die Meereswoge sich
An unsern Schiffen bricht,
So segeln wir gelassen fort;
Denn Gott ist hier und Gott ist dort,
Und der verläßt uns nicht!
Und ha, wenn sich der Tafelberg
Aus blauen Düften hebt;
So strecken wir empor die Hand,
Und jauchzen: Land! ihr Brüder, Land!
Daß unser Schiff erbebt.
Und wenn Soldat und Offizier
Gesund ans Ufer springt,
Dann jubeln wir , ihr Brüder, ha!
Nun sind wir ja in Afrika.
Und alles dankt und singt.
Wir leben drauf in fernem Land
Als Deutsche brav und gut.
Und sagen soll man weit und breit,
Die Deutschen sind doch brave Leut',
Sie haben Geist und Muth.
Und trinken auf dem Hoffnungskap
Wir seinen Götterwein;
So denken wir von Sehnsucht weich,
Ihr fernen Freunde, dann an Euch;
Und Thränen fließen drein.
 


  Morgenlied eines Gefangenen

Walt's Gott, der Tag bricht wieder an,
Und weckt mich aus der Ruh';
Wohlauf, betritt die Dornenbahn!
Du, meine Seele, du!
Da neben meinem Bette steht
Mein Kreuz, ich nehm es auf,
Und schick' ein weinendes Gebet
Zum lieben Gott hinauf.
Er wird mir's tragen helfen, ach!
Ich weiß es, Gott ist gut;
Unmächtig bin ich, krank und schwach,
Er aber giebt mir Muth;
Daß mich die Hoffnung nicht verläßt,
Geduld nicht von mir weicht,
Wenn Langeweile, wie die Pest,
Im Finstern mich beschleicht.
Wenn Schwermuth meine Seele drück,
Wenn jede Nerve dröhnt,
Wenn Satan spöttisch auf mich blickt,
Und meinen Glauben höhnt.
Wenn mich es martert, daß die Welt
So schimpflich mich verwarf,
Und wenn mir eine Thrän' entfällt,
Weil ich nicht reden darf.
Nicht reden darf mit einem Freund,
Nicht scherzen mit dem Kind,
Soll schweigen, wie ein Menschenfeind,
Wenn Brüder um mich sind.
Wenn meine Zelle stumm und todt
Mir Brust und Geist verengt,
Und wenn wie Blut das Morgenroth
An meinen Wänden hängt;
Wenn fürchterlich das Kerkerschloß
Klirrt in mein Morgenlied,
Und wenn mein Aug' im Felsenschooß
Nur Elend um sich sieht:
So weiß ich, Gott im Himmel giebt
Mir Armen wieder Muth,
Denn er, der die Verlaßne liebt,
Ist mir Verlaßnen gut.
Und so im Namen Jesu tret`
Ich auf die Dornenbahn,
Und glaub' und hoff , und les' und bet',
Und sing', so gut ich kann.
Bald kommt ein Tag, der mich befreit
Aus meinem Angstgedräng,
Nur Freiheit macht die Seele weit,
Und Knechtschaft macht sie eng.
Dann preis' ich dich im weiten Raum,
Dich, Helfer in der Noth,
Und halte ohne Zwang und Zaum
Dein göttliches Gebot.
 


     Nach dem 88sten Psalm

Jehovah, Gott mein Heil! ich schreye
Im Morgennebel zu dir auf!
Und kommt die Mitternacht, aufs neue
Flammt mein Gebet zu dir hinauf.
Ach, laß dies Schreyen zu dir kommen
Und neig herab zu mir dein Ohr.
Steigt nur des Heiligen, des Frommen,
Nicht auch des Büßers Flehn empor?
Voll Jammers, Gott, ist meine Seele,
Mein weggeworfnes Leben schwebt
Nah’ am Geklüft der Schauerhöhle,
Wo der Verdammten Schatten bebt.
Geachtet bin ich, gleich den Todten,
Wie ein Erschlagner lieg’ ich hier
Verlassen, hülflos auf dem Boden,
Im Felsengrabe Gott vor dir!
In Tiefen hast du mich verschlossen,
Und Finsterniß liegt um mich her.
Dein Feuergrimm herabgegossen
Stürzt auf mich wie ein Flammenmeer.
Fern sind die Trauten meines Herzens,
Ich bin ihr Scheusal, bin ihr Greul;
Sie scheu’n den Anblick meines Schmerzens
Und fliehn vor meinem Angstgeheul.
Nicht Weib und Mutter hört mich bangen
Verlaßnen, der so einsam trau’rt.
Gefangen bin ich, schwer gefangen,
In öde Trümmer eingemau’rt.
Ach, ohne Zeugen muß ich trauern,
Dem Fels nur klag' ich meinen Schmerz;
Doch er bleibt stumm, und seine Mauern
Sind hart wie ein Tyrannenherz.
Was frommen meine goldnen Jahre,
Des vollen Lebens Sommergluth,
Grau macht der Kummer meine Haare,
Zur faulen Lache wird mein Blut.
Sind nicht von langem, heißen Weinen
Die Wangen wund? die Augen roth?
Starrt nicht das Mark in meinen Beinen?
Und bin ich nicht ein Bild vom Tod?
Vergebens breit’ ich meine Arme
Gen Himmel, rufe: Vaterherz,
Wo ist dein Mitleid! ach, erbarme
Dich über mich! Bist du von Erz?
O Herr, willst du nur deine Wunder
An Schädeln und Gerippen thun?
Dringt auch der Allmacht Arm hinunter
Ins Nachtthal, wo die Seelen ruhn?
Wird dieser Staubleib auferstehen,
Hat ihn dein Sturmwind, Gott, verstreut?
Wird dann mein Aug’ gen Himmel sehen?
Schlägt dann dies Herz voll Dankbarkeit?
Wird man in tiefen Gräbern sagen,
Wie gut du seyst? und wird im Land,
Wo Schlang’ und Würmer uns benagen,
An Todten deine Treu’ erkannt?
Jauchzt man in schauervollen Nächten,
In deine Wunder, Gott, versenkt?
Spricht man von dir und deinen Rechten
Im Lande, da man nichts gedenkt?
Hier will ich, Schöpfer, zu dir beten,
Noch hier, so lang dies Herz noch klopft,
Bis mir der Tod nach tausend Nöthen,
Des Lebens goldnen Quell verstopft.
Doch was verschmähst du meine Seele?
Was kehrst du von mir dein Gesicht?
Siehst mich im Dampf der Kerkerhöhle,
Hörst mein Gebet im Staube nicht?
Elend und Ohnmacht drückt mich nieder,
Und doch stößt mich dein Fuß zurück.
Dein Schrecken, Gott, zermalmt die Glieder
Und die Verzweiflung preßt den Blick.
Dein Grimm fährt über mich wie Wagen
Und schneidet Furchen in mein Herz.
Gott, deine ausgegoßne Plagen
Sind brennend, wie der Hölle Schmerz.
Sie fluthen um mich her, wie Wogen,
Umbraußen mich, bis ihre Wuth
Im Strudel mich hinabgezogen
Und mich ersäuft die wilde Fluth.
Vergebens strecken nach dem Freunde
Die müdgerungnen Arme sich;
Vergebens ächz' ich: komm, beweinte
Verlaßne Gattin, tröste mich!
Kommt Kinder, ehmals mein Vergnügen?
Seht euren armen Vater hier! -
Vergebens! - meine Freunde liegen
Wie ein bewölktes Land vor mir.
Verlassen soll ich von den Meinen,
Soll’ einsam in der Mitternacht
In meiner Jammergrotte weinen,
Mit Elend ringen, ohne Macht.
Nur du kannst meine Seufzer stillen,
O Gott, drum schrey'- ich auch empor:
Erbarme dich um Jesu willen
Und neig’ zu meinem Schrey’n dein Ohr.
 


           Neujahrslied

Im Waisenhause zu singen.
Allvater, Gott und Herr der Zeit!
Erhör uns arme Waisen,
Die dich voll Kinderherzlichkeit
In einem Liede preisen.
Einfältig ist's, doch fromm und wahr.
Wir singen dies zum neuen Jahr.
Erhör uns, lieber Gott.
Daß du vom Himmel niederblickst,
Du Geist von unserm Leben;
Daß du die ganze Welt beglückst,
Nie müde wirst im Geben:
Dafür steigt heut im Zeitenlauf
Der Waisen Dank zu dir hinauf;
Erhör uns, lieber Gott.
Doch weil du Gott so gnädig bist,
Und gibst uns ungemessen,
Und wenn der Mensch auch Dein vergißt,
Doch ihn nicht kannst vergessen;
So flehen wir: Ach wende nicht
Von unsrer Welt dein Angesicht,
Erhör uns, lieber Gott.
Streck aus der Wolke deine Hand
Mit einem Sonnenschilde,
Und schütze unser Vaterland
Nach deiner Vatermilde.
Lenk ab von uns des Mordgeists Wuth,
Und seinen Durst nach unserm Blut.
Erhör uns, lieber Gott.
Groß ist, o Vater! die Gefahr
Für unsern Christenglauben.
Die Frevler wollen vom Altar
Das Kreuz der Sühnung rauben.
Kühn schmähn sie Christum deinen Sohn.
Steur' ihrem Wahn und ihrem Hohn.
Erhör uns, lieber Gott.
Gib Fürsten, die dein Ebenbild
Durch Unrecht nie entweihen:
Sie seyen Väter, streng und mild
In ihrer Kinder Reihen.
Verleih der lichtbedürft’gen Welt
Aufklärung, wie sie dir gefällt.
Erhör uns, lieber Gott.
Bewahr uns deutsche Herzlichkeit,
Und alte Biedersitte.
Die segenreiche Fruchtbarkeit
Umstrahle unsre Hütte;
Verhindre, daß der Geitz nicht nimmt,
Was deine Gnade uns bestimmt.
Erhör uns, lieber Gott.
Und mitten in des Lebens Drang,
Gib Trost aus deinem Worte.
Macht uns die Todesstunde bang;
So zeig uns Edens Pforte,
Dort, wo kein Mondenwechsel ist,
Wo keine Waisenzähre fließt.
Erhör uns, lieber Gott.
 


           Neujahrslied

Mit Todesschauer denken wir
Der Jahre schnellen Lauf
Und singen in dem Tempel hier
Ein Lied zu Gott hinauf.
Schnell, wie Gedanken, Schall und Licht,
Flieht hinter uns die Zeit,
Und vor uns drohet ein Gericht
Und eine Ewigkeit.
Und dennoch morden wir die Zeit
Und fürchten nicht den Tod?
Und fürchten nicht die Ewigkeit,
Die unsern Mördern droht?
Wer nicht an Jesum Christurn glaubt,
Und ihn nicht brünstig liebt,
Dem Schöpfer seine Ehre raubt
Und sie Geschöpfen giebt;
Wer wie ein Vieh aus Pfützen säuft,
Im Lasterkothe wühlt;
Wer Sünden wie Gebirge häuft,
Und doch den Berg nicht fühlt;
Und wer mit hündischer Begier
An seinen Gütern zerrt,
Vor einem Lazarus die Thür'
Mit großen Riegeln sperrt;
Wer eine blut'ge Thränenfluth
Aus Wittwenaugen preßt,
Und seinen fetten Wanst vom Blut
Zertretner Waisen mäst't;
Wer aussen wie ein Schaaf gekleidt,
Von innen wölfisch denkt,
Und wer das Glück der Ewigkeit
Für Erdenglück verschenkt;
Wer Brüdern nach dem Leben greift,
Mit Rache angethan;
Wer nur Beleidigungen häuft
Und nicht verzeihen kann;
Wer gähnend seine Pflicht vergißt
Und Zeitvertreibe sucht,
Und wenn die Zeit verflogen ist,
Auf ihre Schwingen flucht;
Wer unreif zu der Ewigkeit
Zum Tode sich nicht schickt:
Das ist der Mörder, der die Zeit
Mit eigner Hand erdrückt.
Sind solche Ungeheuer hier:
Herr, so bekehre sie!
Der ganze Tempel seufzt wie wir:
Ach Herr! bekehre sie.
Wie viele singen heute auf,
Noch unbekehrt und blind,
Die nach vollbrachtem Jahreslauf
Schon Staub und Moder sind.
Wie dunkle Schatten fahren sie
Zur Hölle dann hinab;
Zu der Tyrannin, die noch nie
Die Todten wieder gab.
Drum arme Seele denke heut
Mit Ernst an deinen Tod;
Denn jedes unsrer Jahre schreyt:
Gedenk an deinen Tod!
Zu dir - der seyn wird - ist - und war,
Steig unser Lied hinauf:
Ach Gott, nimm doch in diesem Jahr
Die Toten zu dir auf
Und du, Vertreter, rede laut,
Wenn uns der Richter droht;
Wenn Zorn aus seinem Auge schaut
Und aus der Stirne Tod. -
Geist Gottes, zeige deine Macht,
Wenn uns das Auge bricht.
In einer solchen Mitternacht,
Da brauchen wir ja Licht.
Wie kann der frommen Christenschaar
Der Tod nun schrecklich seyn?
Sie weihen ja das neue Jahr
Mit ihren Thränen ein.
 


        Neujahrsschilde
(Ausgehängt im Januar 1775)

An die stumme Iris.
Hast du mich lieb, mein Kind?
»Hm! Hm!«
So laß dich küssen - nur geschwind!
»Hm! Hm!«
Darf ich im neuen Jahre hoffen?
»Hm! Hm!«
Läßt du für mich die Kammer offen?
»Hm! Hm!«
An Crispus
Herr Crispus, der berauscht von Glück,
Recht große Augen drehet,
Und immer mit dem Falkenblick
Des Nächsten Fehler spähet; -
O werde in dem neuen Jahr
Noch blinder als Tobias war,
Dich heile keine Salbe!
Ein Dichter, den du jüngst geschmäht
Mit priesterlicher Gravität, -
Der werde deine - Schwalbe!
An Herrn Grobian.
Sammle doch in deine Scheuren
Dieses Jahr viel Früchte ein!
Einen Knecht brauchst du zum Dreschen,
Und du kannst der Flegel seyn.
An mein Mädchen.
Es ist in Amors weitem Reich
Kein Mädchen dir, o Mädchen! gleich.
Wenn du dies Jahr die Meine wirst,
Bezaubernde Gertrude!
So bin ich größer als ein Fürst,
Und reicher, als ein Jude.
Der Kupferstecher nach der Mode.
Ein Kupferstecher stach
Ein Kind in einer Wiege.
Wie schön! die Unschuld sprach
Aus jedem seiner Züge. -
Ein schönes Mädchen sah in Ruh'
Dem schlauen Kupferstecher zu.
Sie spricht - so süß, wie Mädchen sprechen -
Mit Unschuld im Gesicht:
»Ach! können Sie denn nicht
Mir auch ein solches Kindchen stechen?«
Der Künstler lacht, und geht: die Schöne schleicht ihm nach -
Nun weiß ich weiter nicht, was er dem Mädchen stach.
An Mops.
Sey dumm!
Dies wünsch' ich dir zum neuen Jahr!
Warum ?
Weil Dummheit in dem alten Jahr
So manches Schöpsen Glück gebar.
Darum
Sey dumm!
An Tilla.
Hier ist, o liebes Weibchen!
Ein kleiner Wunsch für dich.
Ich wünsche dir, mein Täubchen,
Ein kugelrundes Leibchen,
Und ach! - zum Autor - mich!
 


          Neujahrswunsch
       Auf dem Münster 1776

Schau hinab, o Gott, auf deine Erde,
Sieh der Menschen ängstliches Gewühl.
Ach, da gibt's, du weißt's ja, viel Beschwerde,
Und des Stoffs zu Thränen gibt es viel.
Christen gibt es - die sich scheun zu sagen
Daß sie Christus, daß sie Gottes sind;
Weise gibt es, die die Thoren tragen,
Und mit ihren Seufzern spielt der Wind.
Tugendhafte - die den Strom der Laster
Fürchterlich vorüberziehen sehn
Auf dem Strome segelt ein verhaßter
Wütherich, taub zu der Menschheit Flehn.
Greise - die mit dünnen weißen Haaren,
Mit des Fluches schrecklichem Gewicht
Ach hinunter in die Grube fahren,
Denn ihr Enkel ist ein Bösewicht!
Unschuld - die am Todeshügel jammert,
Wo der Vater, wo die Mütter ruht;
Wie sie da das Todtenkreuz umklammert,
Wie sie ächzt: »Ach rettet euer Blut!«
Denn sie scheucht der Lüstling, der zum Raube
Im Gebeinhaus tückisch sich verbirgt:
Wie der Geier, der die fromme Taube
Selbst auf Tempelzinnen niederwürgt.
Patrioten - die am Eichenstamme
Mit gesenktem trübem Blicke stehn:
Ach sie sehn mit unterdrückter Flamme
Deutsche Sitt' und Freiheit untergehn.
Jünglinge - beim dumpfen Traurgeläute
Langsam schreitend zu der schwarzen Gruft,
Um die schönste, edelste der Bräute j
Jammert ihre Klage in die Luft.
Vater! alle diese Menschen unten
Müssen sterben - deine Engel nicht!
Sterben - ach mit heißen offnen Wunden,
Zittern vor Verwesung und Gericht.
Schöpfer! Vater, ach erbarm dich ihrer,
Sieh dies Wimmeln deiner Kinder an;
Alle brauchen Hülfe; sey ihr Führer
Auf des Lebens dornenvoller Bahn.
Sieh, auf dieses Thurmes luft'gen Höhen
Bitt' ich dich mit hoch gehobner Hand:
Wie die Eiche tiefgewurzelt stehen
Laß mein Vaterland, mein Vaterland!
Unsern Kaiser, laß die Fürsten leben
Dir nachahmend - ohne blut'gen Zwist;
Aber laß sie vor dem Donner beben:
Daß du Richter aller Fürsten bist.
Reiß dem Heuchler in der Wahrheit Lichte
Seine schwarze Larve vom Gesicht.
Aber ist die Larve vom Gesichte,
So beschäme - nur verdamm ihn nicht.
Wenn der Wald, wenn Felsen wiederschallen,
FrevIer, deinen Greul und deinen Spott;
O so tönen dieses Tempels Hallen:
»Eine feste Burg ist unser Gott! «
Gib uns Dichter, die von Tugend glühen,
Die, wie Klopstock, von der Ewigkeit
Kühn den Lichtgewebten Vorhang ziehen
Und von Deutscher Biederherzigkeit.
Dient das rasche Feuer kühner Jugend,
Dient die Himmelsflamme - das Genie
Nicht der Wahrheit, nicht der Schönheit, Tugend;
So verlösch' es! so vertilge sie!
Stärk den Müden, der des Lebens Plagen,
Seine Lasten duldet - friedsam still;
Donner sollen den Tyrannen schlagen,
Der des Schweißes Frucht ihm rauben will!
Gib dem Mangel Speise, Trank und Hülle,
Gib den Armen - ach mir bricht das Herz
Gib dem Armen von des Reichen Fülle,
Lindre du des müden Pilgers Schmerz.
O dann wölbt sich ruhig einst der Hügel
Meines Grabes über mir: o Glück!
Laß ich doch, beweht von Gottes Flügel,
Dich, du liebes Vaterland, zurück.
 


        Oetingers Mantel

Als den Elias unsrer Zeit,
Als Oetingern ein Cherubswagen
Ins Reich von Christus Herrlichkeit
In sanftem Säuseln aufgetragen,
Ließ er den Mantel schnell von Strahlenschultem fliegen;
Er wogte durch die Luft herab –
Und blieb an des Propheten Grab
In sanftem Mondenschimmer liegen.
Viel Modeweise unsrer Zeit,
Zu blind für Oetingers verborgne Herrlichkeit,
Und stolz auf ihr Gewand von Spinneweben,
Verachteten den Mantel; ihn
Vom Grab nur aufzuheben,
War viel zu klein für ihren stolzen Sinn.
Auch Herder kam auf seinem Riesengange
Zum Hügel Oetingers, und funkelt lange
Mit Augenblitz den Mantel an;
Doch wandelt' er mit kühnen Schritten
Bald wieder fort auf seiner Bahn,
Und dacht': Mein Mantel ist aus gleichem Stoff geschnitten.
Auch Hahn, des Todten Jünger kam, und stumm
Blieb er am Hügel seines Lehrers stehen;
Sah demuthsvoll hinauf zu Gottes Höhen,
Bückt' sich, und warf den Mantel um.
 


Preisgesang im Kerker

Preis dir, Unendlicher!
Es steigt im Jubelliede
Mein Geist zu dir empor,
Und freut sich deiner Güte.
Verstummt ihr Klagen! Preis
Und Dank sey meine Pflicht;
Entweiht den Lobgesang,
Ihr meine Fesseln nicht!
Preis dir, Unendlicher!
Noch fristest du mein Leben;
Du hast im Leiden mir
Gelassenheit gegeben:
Und wenn ich, Einsamer,
Vom Staub zu dir gefleht,
So hörtest du, ich fühlt's,
Du hörtest mein Gebet.
Preis dir, Unendlicher!
Du hast mich angenommen;
Ich, Sünder, darf als Kind
Zu dir, dem Vater, kommen.
Nun ist der Sünden Last
Mir nicht mehr fürchterlich;
Der alle Welt vertritt,
Dein Sohn vertritt auch mich.
Preis dir, Unendlicher!
Für deine weise Führung
Für jeden Trost von dir;
Für jede Seelenrührung;
Für jeden Geistesschau'r,
Wann ich, der Welt entrückt,
Oft einen lichten Strahl
Der Ewigkeit erblickt.
Preis dir, Unendlicher!
Für Nahrung, Schlaf und Hülle;
Selbst für der Einsamkeit
Oft fürchterliche Stille:
Für jeden Sonnenstrahl
In meines Kerkers Nacht;
Für jede Thräne, die
Dein Herzen Luft gemacht.
Preis dir, Unendlicher!
Nicht immer will ich weinen,
Noch sorgst du ja für mich,
Noch nimmst du dich der Meinen,
Ach! der Verlassenen,
Mit Vatertreue an;
Preis dir! Denn Wunder hast
Du Gott an mir gethan.
Preis dir, Unendlicher!
Du lehrst, du lehrst mich kämpfen;
Die Sehnsucht nach der Welt,
Und ihren Lüsten dämpfen:
Und wenn ich Staubgeschöpf
Auch nimmer kämpfen kann,
So zieht dein Engel mich
Mit Himmelsrüstung an.
Preis dir, Unendlicher!
Dank dir mit Freudenzähren,
Du lehrst mich jedes Glück
Der Eitelkeit entbehren.
Schwebt auch die Einsamkeit
Oft schrecklich über mir,
So spricht dein Geist: Getrost!
Der Vater ist bei dir.
Preis dir, Unendlicher!
Dank steig aus meinem Kerker;
Er schwächt nur meinen Leib,
Und macht die Seele stärker.
Nicht Geißelschläge sinds,
Die mir der Richter giebt;
Heilsame Ahndung ist's
Des Vaters, der mich liebt.
Preis dir, Unendlicher!
Dein Wille soll geschehen!
Soll ich hinab ins Grab
Durch diesen Kerker gehen,
So singt dir noch mein Geist,
Dicht an des Grabes Nacht:
Preis dir, Unendlicher!
Du hast es wohl gemacht!
 


Schlaf' wohl du Himmelsknabe du ...

Schlaf' wohl du Himmelsknabe du,
Schlaf' wohl du süßes Kind;
Dich fächeln Engelein in Ruh,
Mit sanftem Himmelswind.
Wir arme Hirten singen dir
Ein herzlich Wiegenliedlein für,
Schlafe, Himmelskindlein,
Schlafe.
 


        Selmar an seinen Bruder

O du - wie soll ich dich in meinen Qualen nennen?
Kann ich dich Bruder nennen? - Nein!
Du würdest sonst nicht Bruderblut verkennen
Und gegen mich ein Tiger sey!
Und doch beschwör' ich dich beim süßen Brudernamen!
Sey einmal Mensch, und höre mich!
Sind wir nicht aufgezeugt von Eines Vaters Saamen?
Trug meine Mutter nicht auch dich?
Ach denke dran, und blick in meine Kerkerhöhle,
Entzieh dich meinem Jammer nicht!
Und sieh einmal die Leiden meiner Seele
Im abgezehrten Angesicht!
Sieh diese dünnen, grauen Locken!
Und meiner Wangen Roth verbleicht!
Sieh dieses Aug' von langem Weinen trocken!
Und höre, wie mein Ach aus kranker Lunge keucht!
O, neunzehn bange Jahre leiden!
In menschenloser Einsamkeit
Vertrocknen zum Gefühl der Freuden;
Ist eine fürchterliche Zeit! –
Was hab' ich denn gethan? Sprich! Bin ich ein Rebelle,
Der mit gehobner Faust sein Vaterland verheert?
Bin ich ein Gottesfeind? Ein schwarzer Sohn der Hölle?
Hab’ ich Religion und Wissenschaft entehrt?
Lebt’ ich zur Schande unsers Adels?
War ich ein Sklav der niedern Sinnlichkeit?
War ich mit Recht der Vorwurf deines Tadels?
Und hab' ich je die Bruderpflicht entweiht?
Floß falsches Blut aus tückisch bösem Herzen?
War ich ein Heuchler feig und schlimm?
Empfand ich statt des Mitleids sanften Schmerzen
Des Misanthropen schwarzen Grimm?
O Bruder, nein! - zu laut zeugt mein Gewissen;
Ich kenne diese Frevel nicht.
Was unser Bruderband - dies heilige Band zerrissen,
War Leichtsinn - nicht verletzte Pflicht.
Wenn Traubengold im Krystallglase blinkte,
So trank ich oft - vielleicht ein Glas zu viel;
Und wenn die Liebe mir aus blauen Augen winkte;
So war ich nie ein Klotz, ein Hasser vom Gefühl.
Oft griff ich auch dem Trotzer an die Kehle,
Von jugendlichem Muth belebt,
Denn Feigheit haßte meine Seele,
Und weibisch hat sie nie gebebt.
Doch sprich! sind dies so schreckliche Verbrechen,
Die du an mir mit grausamem Verlust
Der Freiheit und des Lebens rächen,
Ach, so unendlich rächen mußt!
Sind neunzehn Jahre voller Kummer,
Zum Jammerberge aufgehäuft,
Sind Schauernächte ohne Schlummer,
Ein Bett mit Thränenfluth beträuft;
Sind Klagen, die um schwarze Wände fliegen,
Ist langsamer verbißner Gram;
Sind Seufzer, die der Brust entstiegen,
Seit deine Wuth mir alles nahm;
Sind dies die Strafen meiner Fehler?
Ist Leichtsinn solcher Qualen werth?
Und bist du selbst der fürchterliche Qualen,
Der, wie ein Geier, sich von meiner Leber nährt?
O Bruder glaub's, denn Gott hat's ausgesprochen!
Unmenschlichkeit - ist mehr, als meine Schuld;
Mit Donnern hat er oft den Bruderhaß gerochen,
Und Leichtsinn trug er meist mit schonender Geduld.
Und dennoch zweifelst du, dein hartes Herz zu zeigen,
Ob Reu' und Buße möglich sey?
Läßt deinen Bruderhaß zum höchsten. Gipfel steigen
Und spottest meiner Sklaverei.
Ja wäre Gottes Herz von deiner Eisenhärte,
So nähm’ er nicht die Sünder an;
Er drohte nur mit seinem Flammenschwerte,
Und würgte, weil er würgen kann.
Doch ach, was klag’ ich? - Meine Klagen
Sind doch umsonst! sie prallen ab von dir,
Wie Wellen sich an rauhen Klippen schlagen;
So hart und grausam bist du mir! -
O ist's dir möglich - so erbarme
Dich über meine lange Noth!
Beut mir dein Herz und deine Bruderarme,
Und komm, entreisse mich dem Kerkertod!
Ach laß mich Gottes freie Lüfte
Doch einmal wieder in mich ziehn,
Einathmen süße Frühlingsdüfte
Und an der Brust des Freundes wieder glühn.
Erlaube mir die letzten Reste
Des kurzen Lebens frei zu seyn;
Hol mich herab von meiner Veste,
Der langen Zeugin meiner Pein!
Laß mich einmal in jenem Grabe modern,
Wo unser Vater, unsre Mutter ruht!
Sonst wird dereinst ihr Schatten von dir fodern
Des Sohnes und des Bruders Blut!
Ach lern einmal des Mitleids Wonne schmecken!
Sey Bruder, und erbarme dich.
Doch sollen länger mich des Kerkers Qualen schrecken,
So schwinge deinen Dolch, und komm und tödte mich.
Dann bin ich doch einmal der langen Pein entrissen,
Der bangen, schreckenvollen Pein;
Denn, ach! das Glück der goldnen Freiheit missen,
Heißt mehr als todt, heißt ein Verdammter seyn.
 


Todesgedanken im Frühling

Welche Stimme schallet
Vom Gebirg und wallet
Um mein lauschend Ohr;
Welche Silbertöne
Rufen: »meine Schöne
Auf! und tritt hervor.«
Schaue nur,
Wie die Natur
Sich in ihrer Pracht erhebet
Und auf's neue lebet.
Schnee und Regengüsse
Sind dahin. Die Flüsse
Wandeln ihren Lauf
Komm aus deiner Hütte,
Unter deinem Schritte
Sprossen Blumen auf.
Komm und schau
Den Morgenthau
Tausend goldne Sonnenstrahlen
Auf die Veilchen malen.
Balsamreiche Düfte
Schwimmen durch die Lüfte;
Denn der Weinstock blüht
Hör! die Turteltaube
Girrt aus jener Laube
Dir ein Frühlingslied.
Auf! der Mal
Flieht sonst vorbei.
Sieh, die Feigenbäume zeigen
Knoten an den Zweigen.
Meiner Jugend Leiter,
Freund, o rede weiter;
Denn ich höre gern.
Doch die Stimme schweiget
Und der Fühling zeiget
Spuren seines Herrn.
Wo Er war,
Seh' ich ein paar
Junge Frühlingsrosen blühen,
Die wie Sterne glühen.
Aus dem Erdenschooße
Schallt von jeder Rose
Gottes Ruhm hinauf.
Kleine Sänger schlüpfen
In den Busch und hüpfen
Jubilrend auf. -
Wo die Pracht
Des Frühlings lacht,
Auf dem Schauplatz von Vergnügen
Sollen Todte liegen?
Grabgedanken, härter,
Schneidender als Schwerter
Fahrt ihr durch mein Herz.
Arme Frühlingsscenen,
Hemmt ihr meine Thränen,
Stillt ihr meinen Schmerz?
Nur das Wort
Ist schon ein Mord:
Unter jenem grünen Haine
Liegen Todtenbeine.
Alles um mich lebet,
Jener Baum erhebet
Schön sein Blüthenhaupt.
Aber seine Kräfte
Und sein Schmuck sind Säfte,
Die er Menschen raubt.
Blume hier, ,
Wer konnte dir
Die Tyrannenfreiheit schenken,
Menschenblut zu trinken?
Gott hat's ihr gegeben,
Und die Bäum' erheben
Auf sein Wort ihr Haupt.
Einst nach diesem Leben
Müssen sie uns geben,
Was sie uns geraubt.
Sterb' auch ich,
Dann heben sich
Ueber meiner todten Hülle
Blumen auch in frischer Fülle.
Komm du junge Schöne,
Meine Todestöne
Wallen sanft dir zu.
Schau, im Frühlingswetter
Fallen Rosenblätter
Und so fällst auch du.
Brich sie ab,
Auf jenem Grab
Stehen sonnenrothe Nelken,
Die wie du verwelken.
Seht nun auf ihr Blicke,
Dahin, wo mein Glücke
Aus den Wolken lacht.
Dort auf jenem Sterne
Wohn' ich einst und lerne
Schöpfer, deine Macht.
Seele auf!
Zu Gott hinauf!
Dort wird es in jeden Kreisen
Ewig Frühling heißen.
 


                    Toleranz

Der dicke Franz nahm eine Hur' ins Haus.
Sein Nachbar Melcher sprach:
Ei Franz, jag doch das Mensch hinaus!
Im ganzen Dorf spricht man dir Uebels nach.
Hm, sprach der aufgeklärte Franz,
'S ist dummes Volk, weiß nichts von Toleranz.
 


        Vater unser

Jehovah! den mit Zittern
Das Heer der Geister ehrt,
Und den aus Nachtgewittern
Der Sünder donnren hört,
Den Erd und Himmel kennen -
Dich darf ich Vater nennen,
Dein Sohn hat michs gelehrt.
Mein Vater! Himmelswonne
Liegt in dem Namen! Dich,
Den Schöpfer dieser Sonne,
Dich, Welterhalter, Dich!
Darf ich als Vater loben,
Wie deine Geister droben;
Als Kind erhörst du mich!
Ihr Kinder, so versammelt
Euch um des Vaters Thron;
Gebete, die ihr stammelt,
Sind ihm ein süßer Ton.
Ja, Vater! hör uns singen;
Wann wir mit Ohnmacht ringen,
So sieh auf deinen Sohn.
Laß deines Namens Ehre
Uns Menschen heilig seyn;
Ihn müsse falsche Lehre
Und Laster nie entweihn.
O, unser Vater! flöße
Erkenntniß deiner Größe
In unsre Herzen ein!
O laß es kommen, kommen
Dein Reich voll Recht und Licht,
Zur Rettung deiner Frommen,
Den Frevlern zum Gericht,
Vertilge bald die Rotte,
Die mit verfluchtem Spotte
Von deinem Sohne spricht.
Herr! es gescheh’ dein Wille,
Wie dort, so in der Zeit;
Mit Demuth, Herzensstille,
Und Engelschnelligkeit;
Erklär' es unsern Seelen,
Wann wir aus Schwachheit fehlen,
Was uns dein Wort gebeut.
Still unsre Erdensorgen;
Gieb Hülle, Trank und Brod,
Nur heute; denn der Morgen
Findt uns vielleicht schon todt.
Wann Noth und Mangel drücken,
Lehr auf zu dir uns blicken,
Dem Stiller jeder Noth.
Vergieb uns unsre Sünden,
Du bist ja voll Geduld;
Kein Engel kann ergründen
Die Tiefe deiner Huld.
Schenkst du uns Schuld und Leben,
So laß uns auch vergeben
Den Brüdern ihre Schuld.
Schwingst du die Vaterruthe,
Versucht uns Höll’ und Welt,
So rüst uns mit dem Muthe,
Der uns im Kampf erhält;
Sey du des Schwachen Stütze,
Wann in des Kampfes Hitze
Ihm Muth und Kraft entfällt.
Erlös uns von dem Bösen
Durch sanften Christentod;
Wer kann uns sonst erlößen,
Als du, aus aller Noth?
Aus Armuth, Krankheit, Banden,
Verführung, Schmach und Schanden,
Und was uns Armen droht.
Dein ist das Reich, die Ehre,
Macht, Kraft und Herrlichkeit!
Dir jauchzen Engelheere,
Dir tönt das Lied der Zeit!
Preis deinem großen Namen
Jehovah! Amen! Amen
Jetzt, und in Ewigkeit!
 


  Vertrauen auf Gottes Schutz

O Gott! wie gut ist’s dir vertrauen!
So tief, so innig fühlt' ichs nie,
Verzeih, wann Thränen niederthauen,
Denn deine Hand entlockte sie.
Da steh' ich wie ein Fels im Meere,
Bestürmt und doch versenkt in Ruh',
So voll Vertrauen, Gott! als wäre
Nichts auf der Welt, als ich und du.
O Gott! wie gut ist's, dir vertrauen!
Ich fühls, wenn mich das Elend würgt,
Wenn hinter schwarzer Wolken Grauen
Sich jeder Stern vor mir verbirgt;
Wann Stürm' um meinen Kerker brüllen,
Wann um mich zückt des Blitzes Pfeil;
Dann leg' ich mich in deinen Willen
Und überhör' das Sturmgeheul.
O Gott! wie gut ist's, dir vertrauen!
Der mit dem Mondschild uns bedeckt',
Wann Felsenwände uns verbauen,
Wann Gitter, Schloß und Riegel schreckt;
Wann Einsamkeit mit stummer Lippe
Und schwindelnd auf uns niederschaut,
Wann vor dem scheußlichen Gerippe
Des Todes unsre Seele graut.
O Gott! wie gut ist's, dir vertrauen!
Was ist's, wann Menschenhülf' uns flieht?
Und wie von Fluch getroffnen Auen
Das Wild, bey uns vorüberzieht?
Was ist's, wann Peiniger uns hassen,
Wann um uns ziescht die Schlange Spott?
Wann Brüder selber uns verlassen?
Wir sind doch stark, wir haben Gott!
O Gott! wie gut ist's, dir vertrauen!
Was that dein Sohn? Er traute dir,
Er ließ die Skorpionen hauen,
Und sprach: Der Vater ist bei mir!
Er trug die Schmach der Dornenkrone,
Der Geissel Zug, des Kreuzes Pein,
Und hüllte sich beim lauten Hohne
Der Höll' in sein Vertrauen ein.
O Gott! wie gut ist's, dir vertrauen!
Wenn die Gewaltthat nach uns greift,
Uns hält in ihren Tiegerklauen,
Und unser Blut tyrannisch säuft.
Sie würgt ja nur des Staubleibs Glieder,
Doch Christenseelen würgt sie nicht,
Auch diesen Leib erweckst du wieder
Und schreckst Tyrannen mit Gericht.
O Gott! wie gut ist's, dir vertrauen!
Auf Fürsten', den erhöhten Staub
Sollt' ich den Thurm der Hoffnung bauen?
Auf Fleisch, des Wurms gewissen Raub?
O nein, du Helfer aus den Nöthen,
In dich, in dich bau ich hinein,
Für meinen Fürsten will ich beten,
Doch mein Vertrauen, Gott! ist dein.
O Gott! wie gut ist's, dir vertrauen!
Der helfen kann, und helfen will;
Ich wandle fort auf meinem rauhen,
Bethränten Pfad und schweige still.
Dein Sohn steht ja auf diesem Pfade,
Und spricht: Die Leiden dieser Zeit
Sind lauter Zeugen meiner Gnade,
Und enden sich mit Seligkeit.
O Gott! wie gut ist's, dir vertrauen!
Mich dünkt, ich seh' dich voller Huld
Auf meine Bande niederschauen,
Es rauscht um mich: »Geduld! Geduld!
Dich decken meiner Liebe Flügel!
Vertrau nur Gott, und sey getreu.
Bald sprengen deines Kerkers Riegel,
Mein bist du dann, und ewig frei! «
 


Winterlied eines schwäbischen Bauerjungen

Mädel, ’s ist Winter, der wollichte Schnee,
Weiß wie dein Busen, deckt Thäler und Höh'.
Horch, wie der Nordwind um's Häuslein her pfeift!
Hecken und Bäume sind lieblich bereift.
Mädel, 's ist Winter, die Bäche sind Eis;
Dächer der ländlichen Hütten sind weiß.
Grau und ehrwürdig, im silbernen Flor,
Streckt sich der stattliche Kirchthurm empor.
Mädel, es ist Winter. Mach's Stüblein fein warm;
Setz dich zum Ofen, und nimm mich in Arm!
Lieblich und kosend, wie rosigten Mai,
Führt uns die Liebe den Winter vorbei.
Drehst du mit Fingern, so reinlich wie Wachs,
Seidene Fäden vom silbernen Flachs,
Schüttle ich die Acheln dir schäkernd vom Schurz,
Mache die Nächte mit Mährlein dir kurz.
Mädel, 's ist Winter. O wärst du schon mein!
Schlüpft' ich ins blähende Bettlein hinein;
Nähm' dich, mein herziges Liebchen! in Arm,
Trotzte dem Winter - denn Liebe macht warm. -
 


                Zeichen der Zeit

»Des Himmels Gestalt wißt ihr zu beurtheilen:
Aber die Zeichen der Zeit prüfet ihr nicht.«
Christus.
Hebt eure Hände, ihr Erdebewohner,
Hebt sie zum hohen gewaltigen Throner
Eure gefalteten Hände empor!
Weinet dem Schwinger des Donners
Eure Empfindungen vor.
Zornig erblickt Er die sündige Erde.
Engel des Todes mit ernster Gebehrde
Hat Er vom Throne heruntergesandt,
Strafende Schwerter und Ruthen
Trägt ihre mächtige Hand.
Blutgeschrey brüllet am Osten und Norden!
Zahllose Streiter, gedungen zum Morden,
Heben die nervigen Arme voll Wuth.
Blut färbt die Scholle der Erde,
Röthet die Welle der Fluth.
Grausamkeit wandelt mit Blicken des Tigers
Schnaubend nach Leichen, zur Seite des Kriegers;
Tröpfelnde Köpfe verbleichen am Speer.
Wieherer hauen wie Flammen
Unter dem tobenden Heer.
Abet, der wilden Verzweiflung Geselle,
Aufruhr, der schwärzeste Dämon der Hölle,
Schwingt dort die Fackel in Schwefel getaucht.
Ha, wie sein Mordstahl vom Blute
Großer Gemordeten raucht!
Grimmig empört sich das Gallische Eden,
Bürger ergreifen die Waffen und tödten. -
Hört, wie des Aufruhrs Trommete erschallt!
Unter den Fäusten der Wüther
Beugt sich die Königsgewalt.
Freiheit! so donnert's von Gauen zu Gauen.
Und die Gewaltthat mit eisernen Klauen
Malmet gethürmte Palläste zu Sand.
Mächtige FrevIer verröcheln
Unter der Rächenden Hand.
Freiheit! herunter vom Himmel gekommen,
Hohe Gespielin der Weisen und Frommen!
Edleren bringst du nur Segen und Ruh';
Aber ein Schwert in den Händen
Rasender Völker bist du.
Fort aus dem Drange des wilden Getümmels!
Seht ihr's? da bersten die Schläuche des Himmels;
Ströme verwüsten die Felder in Zorn.
Dorten am Gipfel der Weide
Faulet ernährendes Korn.
Gott, bist du müde die Völker zu dulden?
Sind sie zu Bergen gethürmet die Schulden?
Rüstest die strafenden Donner du schon?
Tönet des Weltgerichts Glocke
Bald mit gewaltigem Ton?
Rufe die Engel des Todes zurücke!
Lächle uns wieder mit segnendem Blicke;
Vater, sieh weinende Kinder vor dir.
Sprich zu den tobenden Völkern:
"Völker seyd stille vor mir!"
 


        Zinkenistentrost

Wie glücklich ist der Zinkenist,
Der Herr und sein Geselle!
Er kömmt, wenn er gestorben ist,
Gewiß nicht in die Hölle:
Denn Gott hält oft ein Freudenfest
Mit auserwählten Christen;
Und weil man da Posaunen bläst,
So braucht man Zinkernisten.